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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 1-2 (13-14) / 1998, S. 287-292

 

 

HELLDUNKEL IN KLEISTS PENTHESILEA UND KÄTHCHEN VON HEILBRONN

Brigitte Duvillard


Dark needs no candles now, for dark is light
Shakespeare

Für das Zusammenspiel von Licht und Schatten hat die Kunstgeschichte einen Begriff geprägt, der als Oxymoron sowohl den Kontrast als auch die Zusammengehörigkeit betont und der auch auf einige von Kleists Werke zutrifft. In der Helldunkelmalerei wird die Beziehung von Licht und Schatten zum Bildprinzip erhoben. In der Malerei und Graphik von Kleits Zeitgenosse Goya etwa lebt sie von spannungsvollen Kontrasten und stellt Gewalt, Erotik, Wahnsinn und Tod dar. Auch bei Kleist wird das kontrastive Verhältnis von Licht und Dunkel zum Kompositionsprinzip erhoben. Genau wie in der Helldunkelmalerei verzichtet auch er in sei-nen Dramen und Erzählungen auf eine detaillierte Zeichnung zugunsten von Konfrontation und Polarität und diese spannungsvollen Themen beherrschen auch sein Werk. Er bedient sich dabei verschiedenster traditioneller Muster und Vorbilder, die er jedoch variiert, vertauscht und hinterfragt. Licht und Dunkel dienen dabei nicht in erster Linie der Raum- und Zeitdarstellung, sondern bestimmen vorwiegend die Handlungsebene und wirken strukturbildend, was ich im Folgenden anhand von Penthesilea und von Käthchen von Heilbrunn darstellen möchte. Gerade durch die kontrastive Be-leuchtung der beiden Dramen wird sehr deutlich, warum Kleist das Käthchen von Heilbronn als “die Kehrseite der Penthesilea” (1) betrachtet hat.

Die Lichtverhältnisse in Penthesilea werden nicht durch Kleists Bühnenanweisung bestimmt. Konkrete Zeitangaben fehlen ganz, denn die Deixis ist vor allem eine von den Personen gebrauchte metaphorische. Sie hilft der Orientierung des Lesers nicht, denn die extremen Kontraste von Oben und unten, von Licht und Dunkel bestimmen vielmehr das Verhältnis der Personen zueinander und dienen der Darstellung der zunehmenden Verwirrung. Wie das geschieht, möchte ich anhand der Metaphorik von Licht und Dunkelheit untersuchen, welcher die Protagonisten wechselweise zugeordnet sind . Im Hintergrund der dafür verwendeten kosmischen Metaphorik stehen mythische Urphänomene, welche die Beziehung von Finsternis und Licht bestimmen und hier auf sprachlicher Ebene aktualisiert werden. Die Trennung von Licht und Dunkel steht bekanntlich in zahlreichen Kosmogonien ganz am Anfang der Weltordnung, welche aus dem Chaos hervorgeht. Ob nun der Dualismus oder die Komplementarität betont wird, handelt es sich um eine beständige dynamische Relativitätsfunktion (2) und die Pole sind untrennbar miteinander verbunden. Die metaphorische Verwendung der Gestirne eröffnet Kleist zudem eine Vertikale, durch deren Spannweite die Personen sowohl vergöttlicht und mit traditionellen Zeichen himmlischer Verklärung (3) dargestellt werden, als auch in ihrem niedrigsten tierischen Verhalten.

Die Identifizierung der Protagonisten mit kosmischen Vorgängen demonstriert die Unmöglichkeit der Liebe. Indem das gleichzeitige Erscheinen der einmaligen Gestirne Sonne und Mond der Weltordnung widerspricht, wird aber nicht nur der feindliche Kontrast zwischen der Titelheldin und Achill betont, sondern auch deren paradoxe getrennte Zusammengehörigkeit. Wird Achill häufig mit der Sonne identifiziert, so ist Penthesilea, der Mondgöttin Diana zugeordnet und wird geradezu als eine Königin der Nacht geschildert. Diese Zuteilung auf die Geschlechterrollen hat in der Kunst eine ikonographische Tradition (4) findet sich bereits in der Antike in Form des mythologischen Geschwisterpaars Apollon und Diana. Die mit der Nacht verbundenen Rache ist ein Grundmotiv bei Kleist (5), die Grausamkeit Penthesileas übersteigt jedoch bei weitem diejenige ihrer Vorgängerin aus Mozarts Zauberflöte und ein Sieg der männlichen Mächte des Lichts und der Vernunft ist hier nicht mehr möglich. Die kosmische Metaphorik suggeriert einen zeitlichen Ablauf, der mit Achilles Erscheinen bis nach seinem Tod dauert. Am Anfang steht das Bild des Sonnenaufgangs, am Schluß ist von der Sonnenfinsternis die Rede und der plötzlich unterbrochene Tagesablauf kann mit dem frühzeitigen Tod des griechischen Helden in Verbindung gebracht werden. Wie die Sonne erscheint er auf dem Schlachtfeld:

Seht! Steigt dort über jenes Berges Rücken,
Ein Haupt nicht, ein bewaffnetes, empor?
Ein Helm, von Federbüschen überschattet?
Der Nacken schon, der mächtge, der es trägt?
Die Schultern auch, die Arme, stahlum glänzt?
Das ganze Brustgebild, o seht doch, Freunde,
Bis wo der Leib der goldn Gurt umschließt?
         (V. 356 - 362)

Diese Beschreibung entspricht der Langsamkeit des Sonnenaufgangs und die Überdimensionsierung des Helms in Bezug auf den Bergrücken identifiziert Achill unmißverständlich mit dem leuchtenden Gestirn. Der Übergang von Dunkel und Licht vollzieht sich verbal zwischen “überschattet” und “stahlumglänzt” und wird mit dem folgenden Vergleich noch überboten :

[...] So geht die Sonne prachtvoll
An einem heiteren Frühlingstage auf
        (V. 368 - 369)

Die Gefahr Penthesileas wird als Kontrast dazu mit Bildern der Dunkelheit dargestellt, die zwar das Licht noch nicht bedrohen, aber die tödliche Wirkung in der Sprache bereits vorausnehmen. Das Gewitter findet nicht am Himmel, sondern auf dem Schlachtfeld statt und mit der Sonne ist an dieser Stelle nicht mehr Achill gemeint, denn sie wird hier geradezu zu Penthesileas Mittäterin:

Staub aufqualmend, wie Gewitterwolken
Und, wie der Blitz vorzuckt –
        (V. 385 - 386)

und

[...] Ihr Schatten
groß wie ein Riese, in der Morgensonne,
erschlägt ihn schon
        (V. 419 - 422)

Werden die beiden Protagonisten ihrem Verhältnis zueinander und in Bezug auf ihr jeweiliges Heer kontrastif dargestellt, so ist die Darstellung beider Heere eine undifferenzierte. Kleist greift hier auf kosmogonische Vorstellungen eines chaotischen Urzustandes zurück, welcher Tag und Nacht hervorgebracht hat. So wie Liebe und Tod immer zusammen erwähnt werden, ist hier von Schöpfung und Untergang gleicherzeitig die Rede, denn die Bilder verweisen auf ein erneutes Chaos nach der Zeit der Trennung von Finsternis und Licht und nehmen die bevorstehende chaotische Vereinigung des feindlichen Liebespaars voraus. Das chaotische Amazonenheer präsentiert sich den Griechen folgendermassen :

Staub ringsum,
vom Glanz der Rüstungen durchzuckt und Waffen
Das Aug erkennt nichts mehr, wie scharf es sieht.
Ein Knäuel, ein verworrener, von Jung frauen
Durchwebt von Rossen bunt : das Chaos war,
Das erst’, aus dem die Welt sprang, deutlicher

Kaum anders präsentiert sich das Kriegsgeschehen den Amazonen :

Nichts, gar nichts sehen wir!
Es läßt kein Federbusch sich unter scheiden.
Ein Schatten überfleucht von Wetter wolken
Das weite Feld ringsher, das Drängen nur
Verwirrter Kriegerhaufen nimmt sich wahr
Die im Gefild des Tods einander suchen.
       (V. 1010 - 1015)

Von diesem Hintergrund heben sich die herausragenden Protagonisten nur umso deutlicher ab und es scheint durch ihre rivalisierende Helle beinahe so, als ob die Leuchtkraft den Kampf zwischen Achill und Penthesilea entscheiden würde. Achill steht völlig im Kontrast zu seiner dunklen Umgebung und die Amazonen vergleichen ihn mit irdischen Reichtümern:

Auf einem Hügel leuchtend steht er da,
in Stahl geschient sein Roß und er, der Saphir
Der Chrysolith, wirft solche Strahlen nicht!
Die Erde rings, die bunte, blühende,
In Schwärze der Gewitternacht gehüllt;
Nichts als ein dunkler Grund nur, eine Folie,
Die Funkelpracht des Einzigen zu heben!
        (V. 1036 - 1043)

Das irdische Maß gilt jedoch nicht für Penthesilea, sie drückt vielmehr ihren Siegeswunsch mit unendlichen - und unmöglichen - gesteigerten Vergleichen aus, die den erweiterten Kosmos ins Kriegsgeschehen miteinbeziehen:

Den jungen trotzgen Kriegsgott bändg’ich mir,
Gefährtinnen, zehntausen Sonnen dünken
zu einem Glutball eingeschmelzt, so glanzvoll
Nicht, als ein Sieg mir über ihn
        (V. 630 - 633)

Gerade in ihrer grenzenlosen Verblendung sieht Penthesilea nicht klar und der tödliche Ausgang wird von Prothoes dunklen Ahnungen, welche so finster, wie der ewgen Nacht entstiegen sind (V. 723) prophezeit. Die Intensität der Gefühle drückt sich in der kosmischen Hitze aus, in welcher die multiplizierten Sonnen verschmelzen. Dieser Steigerung entspricht auch die Multiplikation der Rollen der Sonne selber. Sie erscheint sowohl als Mittäterin Penthesileas, wie auch als deren Konkurrentin. Die zwiespältige Beziehung wiederspiegelt ihre feindliche Liebe zu Achill und der Vergleich Penthesileas mit einer zweiten Sonne suggeriert durch die kosmische Unmöglichkeit die Aufhebung der Weltordnung

Ist’s nicht, als ob sie, heiß von Eifer sucht gespornt,
Die Sonn im Flug übereilen wollte,
Die seine jungen Scheitel küßt ! O seht !
Wenn sie zum Himmel auf sich schwingen wollte,
Der hohen Nebenbuhlerin gleich zu sein [...]
        (V. 1059 - 1064)

Trotz des Sieges von Achill, weichen die Tagesbilder denjenigen der Nacht und der Kampf wird in einem ganz anderen Licht stehen, worin sich die beiden nicht als Sonnen begegnen, sondern wie “zween Donnerkeile, / Die aus Gewölben in einander fahren” (V. 1123 - 1124). Daß die Liebenden nur in der ewigen Nacht zueinander finden werden, antizipiert ihre parallele Beschrei-bung, worin Penthesilea als Todumschattete und Erblaßte, Achill als bleicher Todschatten dargestellt wird (V. 1127 ff). Nachdem die glanzvolle Hoffnung zunichte gemacht ist, möchte sich Penthesilea eher “in ewge Finsternis” (V. 2351) bergen, als ihre Unterlage zu akzeptieren. Ihre Revanche steht nicht mehr im Zeichen der Sonne, sondern sie ruft den vernichtenden Gott Ares, damit er “wie ein Donnerkeil aus Wetterwolken, / Auf dieses Griechen Scheitel niederfalle” (V. 2437 - 2438). Wenn Penthesilea nach der schrecklichen Tat den Mord an Achill mit dem gestohlenen Funken des Prometheus vergleicht (V. 2924), so verwendet sie nicht nur eine Lichtmetapher für den Bereich des Todes, sondern benutzt eine euphemistische Vorstellung, dem kreativen Bereich entlehnt, für einen destruktiven Akt. Daß es vor der begangenen Tat jedoch auch auf sprachlicher Ebene kein Entrinnen gibt, macht Prothoe deutlich, indem sie Penthesilea ausgerechnet Schutz “in des Verstandes Sonnenfinsternis” (V. 2902) wünscht, wo doch die verlöschte Sonne gerade an Achills Tod erinnert.

Der Unterschied zwischen hell und dunkel wird verschiedenartig thematisiert und beinhaltet die ganze Spannung zwischen Idealisierung und tierischem Bereich (6). Die Metaphorik der von der Sonne gereiften Ernte weicht derjenigen der Jagd, welche mit der tödlichen Gewalt verbunden ist. Anders als das Geschwisterpaar Apollon und Artemis, welche nebeneinander bestehen können, kommt es bei den Liebenden zu einem gewaltsamen Zusammentreffen von Licht und Finsternis, welche in ein neues Chaos führt, das etymologisch Kluft oder Abgrund bedeutet und vielleicht auch durch den inneren Schacht dargestellt wird, worin Penthesilea am Schluß verschwindet.

Licht und Finsternis spielen ebenfalls im Käthchen von Heilbronn eine ganz zentrale Rolle. Sie sind omnipräsent und erscheinen in den Namen der Personen, den Bühnenanweisungen, auf sprachlicher Ebene, sowie in der Handlung selber. Der Name der Protagonistin Käthchen, vom griechischen “katharos” abgeleitet, steht für Reinheit und Unschuld. Dieser Bereich wird in der Dichotomie des Christentums mit dem moralisierten Licht verbunden und steht im Kontrast zum dunklen Bereich des Bösen. Der Graf mit dem sprechenden Namen Wetter vom Strahl, welcher sowohl den Blitz im Gewitter, wie auch den Sonnenschein meinen kann, wird gleich zu Anfang des Dramas aus gegensätzlichen Perspektiven dargestellt. Käthchen betet ihn an und sieht in ihm den göttlichen Richter, womit der göttliche Thron von einem geliebten Menschen besetzt wird (7). Auch in diesem Drama steht am anderen Ende der Vertikale ein gegensätzliches Bild, denn ihr Vater Theobald nimmt keine himmlische Gestalt, sondern vielmehr den Teufel in ihm wahr. Der Graf scheint vorerst keinem der beiden Bereiche eindeutig zugeordnet und nicht wie Herkules am Scheideweg wird er zuerst die falsche Wahl treffen.

Anders als in Penthesilea wird hier die Liebesbeziehung nicht durch die Verteilung von Finsternis und Licht auf die beiden Geschlechter verunmöglicht. Für den helldunklen Grafen Graf stehen beide Wege offen und er verbindet sich nacheinander mit den beiden kontrastiven Frauenfiguren. Der dualistischen Gestalt des Grafen entspricht die Situierung der Anfangsszene, welche sich zwar tagsüber, aber in einer nächtlichen Höhle abspielt. Er wird der “schändlicher Zauberei, aller Künste der schwarzen Nacht und der Verbrüderung mit dem Satan” beschuldigt (V. 35 - 37), die der Gerichtsvorsitzende als “Kunst des hellen Mittags” auslegt und sie so aus dem Bereich der überirdischen dämonischen Kräfte in denjenigen menschlicher Schwäche verlegt. Der Kläger Theobald braucht ausgerechnet eine Lichtmetapher, um die Wirkung der Ausstrahlung des Grafen zu betonen. Es heißt, daß er sich des Tages der dunklen Kräfte bedient, weshalb ihm Theobalds Tochter Käthchen “geführt am Strahl seines Angesichts” (V. 226 - 227) bedingungslos folgen wird, ein Ausdruck, der mit “blinde Ergebung” (V. 226) im Kontrast steht. Die vom Mittag versengte Wüste und die “Nacht verwachsener Wälder” (V. 234) wohin ihm das Mädchen folgt evozieren ebenfalls beide Bereiche von Licht und Dunkel.Die Anschuldigungen von Theobald entsprechen dem “zwielichtigen” Grafen und es gelingt ihm auch auf sprachlicher Ebene nicht, ihn ganz von seiner Tochter zu trennen, welche er “funkelnd wie Mailicht” (V. 351) darstellt.

Steht die Beziehung mit Kätchen vor allem im Zeichen des Tages und der Mittagshitze (V. 264, V. 505), so erscheint Kunigunde dem Burggrafen von Freiburg “einer Fabel gleich, von den Rittern des Landes umringt, gleich einer Sonne, unter ihren Planeten” (V. 933 - 935). Für den Grafen steht Käthchens Gegenspielerin Kunigunde jedoch im Zeichen der Nacht. Sowohl die Entführungsszene in der Köhlerhütte, wie die darauffolgende Gemeinsamkeit auf Schloß Thurneck sind Nachtstücke, wo der Helldunkel-Effekt wirksam zur Geltung kommt. Die destruktive Gefahr, welche von Kunigunde ausgeht, wird mit dem schwer löschbaren griechischen Feuerfunken verglichen (V. 781), der ein zerstörendes Kriegsfeuer auslösen kann. Die geahnte vernichtende Wirkung kommt im mitternächtlichen Angriff auf das Schloß zum Ausdruck, der indirekt von Kunigunde verursacht wird. Der nächtliche Brand, wie ihn Kleist auch im Bettelweib von Locarno und in der Marquise von O schildert, wird zum düsteren Hintergrund, worauf das destruktive Feuer Kunigundes und das göttliche Licht von Käthchens Schutzengel konfrontiert werden. Eine dunkle Ahnung bezüglich der düsteren Person Kunigundes beschleicht wohl den Grafen, wenn er gleich nach ihrem Heiratsantrag die leuchtenden Fackeln verlangt (V. 1174). In Kunigunde verbinden sich Nacht, Rache und Tod, was deutlich in ihrem haßerfüllten Anruf zum Ausdruck kommt, nachdem sie als dämonisches Wesen erkannt worden ist : “Gift! Asche! Nacht! Chaotische Verwirrung!” (V. 2341). Die Nacht in der Köhlerhütte ist durch Schattierungen von Dunkel gekennzeichnet. Die fehlende Beleuchtung ist bedeutsam, denn die dunkle Nacht soll verhindern, daß Missetäter und die entführte Kunigunde erkannt werden können und von den Köhlern wird verlangt : “Das Licht weg!” und “Schmeißt ihm die Laterne aus der Hand” (V. 871 - 872). Es gelingt hier dem Grafen vom Strahl auch auf übertragener Ebene, Licht in eine düstere Entführungsaffäre zu bringen und das verdrehte Shakespeare-Zitat (8) zeigt, daß jetzt nicht mehr der Graf, sondern die Missetäter mit den dunklen Mächten, mit “Beelzebubs-Ritter, deren Orden die Nacht ist” (V. 1053 - 1054) verglichen werden. Obwohl jedoch das mehrfach vom Grafen verlangte Licht die Identifizierung von Täter und Opfer erlaubt, erkennt er nur irrtümlich die zukünftige Braut in Kunigunde.

Eine ganz andere Mitternacht, verbindet den Grafen und Käthchen in der nächtlichen Traumvision, welche nicht im Zeichen von Haß und Tod, sondern von Liebe und Schlaf steht. Der Funktion von Licht und Dunkel, die Spannung zwischen körperlichem Erkennen und geistiger Erkenntnis steht hier im Zentrum, sie ist es, welche die Handlung des ganzen Dramas bestimmt. Interessant scheint mir dabei der intertextuelle Bezug, worauf diese Szenen meiner Meinung nach beruhen. Ich denke an das neutestamentarische Gleichnis der zehn Jungfrauen:

Dann wird das Himmelreich zehn Jungfrauen gleich sein,
die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen
Fünf von ihnen aber waren töricht und fünf klug. Die törichten
nahmen zwar ihre Lampen, aber sie nahmen kein Oel mit sich.
Die klugen aber nahmen Oel in ihren Gefässen, samt ihren Lampen.
Als nun der Bräutigam verzog, wurden sie alle schlärfig und schliefen
ein. Um Mitternacht aber entstand ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam
kommt ! Gehet aus, ihm entgegen!
        (Matth. 25, 1 - 6)

Der Gegensatz von Licht und Dunkel, verteilt auf kontrastive Frauenrollen bestimmt dieses Gleichnis. Wie in den Traumszenen erscheint der Bräutigam um Mitternacht und die Erkennung der richtigen Bräute ist ebenfalls vom Licht abhängig. Bei Kleist gibt es jedoch mehrere Lichtquellen, denn das metaphorische und das reale Licht werden nicht wie im Gleichnis miteinander verschmolzen, inneres und äußeres Sehen fallen auseinander. Erlaubt die Fackel in der Köhlerhausszene die Identifizierung von Kunigunde, so verhindert das hellere Licht der Lampe im Traum des Grafen die Identifikation der zukünftigen Braut und führt zu einer Täuschung. Der Glanz des Lichtengels wird durch die irdische Beleuchtung aufgehoben und die Vision verschwindet. Der Graf bedauert : “Ach ! Nun bringen sie die Lichter ! Nun ist sie mir wieder verschwunden !” (V. 1247 - 1248). Und wie im Amphitryon ist auch hier der äußeren Wahrnehmung nicht zu trauen.

Auch in der Befragung vom träumenden Käthchen geht es um die Spannung zwischen konkurrierenden Arten des Sehens und dabei werden mystisches Sehen und abergläubische Prophezeiung miteinander verbunden. Die Schlafende ist überzeugt, mit geöffneten Augen zu sehen und wird zu einer Seherin, welche ihre Heirat mit dem Grafen prophezeit. Käthchens Vision um Mitternacht beruht allerdings nicht nur in der geistigen Erleuchtung, sondern basiert auch auf dem Bericht einer Augenzeugin, welche den auserwählten Bräutigam in Blei gegossen erkannt hat. Die gleichzeitigen Traumvisionen des Grafen und Käthchens entsprechen sich spiegelbildlich und unterscheiden sich nur durch das Licht, welches dem Käthchen im Gegensatz zum Grafen, eine Identifikation erlaubt hat:

Ein Cherubim, mein hoher Herr, war bei dir
Mit Flügeln, weiß wie Schnee, auf beiden Schultern,
Und Licht - o Herr ! das funkelte! Das glänzte
Der führt,an seiner Hand, dich zu mir ein.
        (V. 2182 - 2185)

Das aus dem Bereich des Lichts übertragene Verb “erscheinen” (V. 2166), suggeriert die davon abhängige Wahrnehmung. In seiner doppelten Bedeutung von realer oder scheinbarer Präsenz, führt es für den Grafen allerdings zu Zweifel über die Einheit seiner Person:

Nun steht mir bei, ihr Götter : ich bin doppelt!
Ein Geist bin ich und wandle zur Nacht!
        (V. 2208 - 2209)

Die nächtliche Traumvision wird angesichts der bevorstehenden Heirat von Vorstellungen des Tages abgelöst, worin der Graf die nunmehr erhellte Zukunft schildert:

O Mädchen, wenn die Sonne wieder scheint,
Will ich den Fuß in Gold und Seide legen
Der einst auf meiner Spur sich wund gelaufen.
Ein Baldachin soll diese Scheite schirmen,
Die einst der Mittag hinter mir versengt.
        (V. 2675 - 2679)

Die Ambiguität, welche die Nachtvorstellungen beherrscht, betrifft jedoch auch jene des Tages, denn daß auch der Graf selber mit dem versengenden Sonnenstrahl gemeint ist, versteht sich von selbst.

Kleist verwendet sowohl im antiken, wie auch im mittelalterlichen Umfeld eine kosmische Metaphorik, zu welcher die Polarität und Zusammengehörigkeit gehören. Er spielt jedoch auch mit verschiedene Arten von Licht und Dunkelheit und die ständig ändernden Kontraste erlauben gerade keine klare Trennung, sondern bilden spannungsvolle Konstellationen, in welcher sich die Personen bewegen. Das Licht bietet ihnen keine Orientierung, sondern stiftet in erster Linie Verwirrung.


ANMERKUNGEN:

(1) Heinrich von Kleist, Dramen 1808 - 1811, Frankfurt am Main, 1987, S. 954.

(2) Reimbold, Ernst Thomas: Die Nacht, S. 92.

(3) Böschenstein, Bernhard: Der Gott der Erde. In: Kleist Jahrbuch, S. 171.

(4) Berühmte Beispiele dafür sind das Medici-Grabmahl von Michelangelo, Die Nacht von Ferdinand Hodler.

(5) Schmidt, Jochen: Heinrich von Kleist, Tübingen, 1974, S. 42.

(6) Brown, H.M.: Kleist and the tragic ideal, Bern 1977, S. 85.

(7) Böschenstein: Ambivalenz und Dissoziation in Kleists Werk, S. 57.

(8) Shakespeare: Heinrich IV; „so laß uns, die wir Ritter vom Orden der Nacht sind, nicht Diebe unter den Horden des Tages heissen.“ (Erster Teil, I)

 

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