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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 238-241

 



LESE- UND HÖRTEXTE ALS ARBEITSHILFE BEI DER ENTWICKLUNG

DER SPRECH- UND SCHREIBFÄHIGKEITEN DER SCHÜLER

Cornelia Azamfire



Die Fremdsprachenlehrwerke, die den Deutschlehrern zur Verfügung stehen, sind in der Regel für einen großen, undifferenzierten Adressatenkreis konzipiert worden und wenden sich an alle Arten der allgemeinbildenden Schulen und an alle Leistungsgruppen. Deshalb können sie nur selten die besonderen Bedürfnisse bestimmter Schülergruppen berücksichtigen.

Weil sich der Deutschlehrer systematisch und konsequent um die Schulung mündlicher und schriftlicher Ausdrucksfähigkeiten seiner Schüler bemüht, versucht er sich eigener Arbeitstechniken und Arbeitsmittel zu bedienen. Diese Arbeitshilfen beruhen auf eigener Erfahrung des Deuschlehrers und eröffnen neue Arbeitsmöglichkeiten für die Entfaltung und Entwicklung von Sprech- und Schreibfähigkeiten der Schüler.

Die Aufgabe des Lehrers ist die eines ständigen “Impulsgebers”, die Aufgabe der Schüler ist es zu reagieren.

Die neueren Überlegungen zur Methodik und Didaktik des Fremdspachenunterrichts heben hervor, daß außer dem Lernstoff selbst auch die Bedingungen des Lernens, der Lernweg und vor allem der mögliche Beitrag der Schülerpersönlichkeit zum Lernerfolg von Interesse sind.

In den letzten Jahren werden mehr und mehr kreative Elemente in den Fremdsprachenunterricht integriert: Die Schüler schreiben ihre eigenen Gedichte, sie üben sich im Nacherfinden von literarischen Erzeugnissen, sie wechseln Textsorten, Standpunkte, Rollen und Perspektiven. Das bedeutet kreative Arbeit der Schüler, die das Ergebnis einer langen, mühevollen Arbeit des Deutschlehrers ist.

Sehr oft nimmt der Lehrer in seinen Deutschstunden verschiedene zusätzliche Lese- und Hörtexte als Arbeitshilfe.

Der Text gibt den Schülern die Möglichkeit, nachzudenken. Bei einer Textbesprechung gibt es auch die Möglichkeit, den Schülern mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu vermitteln. Die Teilnehmer an einer Textbesprechung werden aufgefordet, Begründungen und Erklärungen für ein bestimmtes Verhalten zu finden, Eindrücke zum Text, eigene Gedanken oder Meinungen zum Ausdruck zu bringen.

Die Arbeit mit einem vom Lehrer ausgewählten Text hat als Ziel das Erarbeiten einer angebotenen Aufgabe zu einem der Bereichen: Hörverstehen, Leseverstehen, Sprechen, Schreiben, und verlangt eine größere Selbständigkeit im Denken und mehr Phantasie bei der Erarbeitung einer Lösung.

Diese Arbeitsweise ist nicht immer leicht, aber sie führt zu Bildung und Entwicklung der Kreativität der Schüler, denn jeder Schüler, jede Schülergruppe, hat eine eigene Art und Weise, mit sprachlichen Gesetzmäßígkeiten umzugehen und sie sich verfügbar zu machen.

Die Hörtexte, mit denen der Deutschlehrer arbeiten kann, sollen die Schüler zu Gespräche anregen. Das Lernziel ist die Entwicklung des Sprachkönnens und des Sprachgefühls. Die Schüler konzentrieren sich auf die gesprochene deutsche Sprache in verschiedenen Alltagssituationen. Sie versuchen, möglichst auf die Muttersprache und auf ihre Einflüsse zu verzichten und nur Deutsch als Kommunikationsmittel zu benutzen. Die Hörtexte sind besonders Alltagssprache, landeskundliche Sachtexte und nur selten ganz kurze und einfache literarische Texte. Sie sind typische Texte für die mündliche Kommunikation. Die ausgewählten Themen sollen die Besonderheiten der bestimmten Lerngruppe berücksichtigen: die Beherrschung eines bestimmten Wortschatzes, das Alter, die Erfahrungsbereiche, das Interesse für ein bestimmtes Thema.

Anhand einiger Übungen (Wortschatzübungen, Satzbildung nach dem Muster, Lückentexte, Fragen-Antworten, Nachsprechen von Dialogen, Dialog, Anfertigen von Notizen) kann der Lehrer prüfen, ob die Schüler den Text verstanden haben, oder nicht.

Obwohl das Überlegen, die Kulturelemente und die Bildungsfaktoren bei dieser Methode meist weggelassen werden, können auch diese Texte die Persönlichkeit der Schüler formen, indem sie den Schülern die Möglichkeit geben, Schwerpunkte zu analysieren, Hauptideen in Stichwörtern aufzuschreiben und sie wiederzugeben, Meinungen und Begründungen zu äußern, inhaltlich unvollständige Texte fortzusetzen.

Die Hörtexte können etwas Neues, Interessantes vermitteln und die Schüler werden aufgefordert, an der Kommunikation teilzunehmen. Die meisten Hörtexte sind in Umgangssprache gestaltet. Die Schüler haben in diesem Falle die Möglichkeit, ein paar Merk-male der gesprochenen deutschen Sprache festzustellen (elyptische Sätze, ganz kurze Sätze, fremde Lehnwörter, besonders englische Wörter), die Entwicklungstendenzen in der gegenwärtigen deutschen Sprache darstellen, und richtig mit ihnen umzugehen.

Im folgenden geben wir ein Übungsbeispiel als Vorschlag für die Arbeit mit den Hörtexten.

Hören Sie das folgende Gespräch!

Zwei maulfaule Maurer:

“Morgen!” - “Morgen!” - “Geht’s?” - “Danke!” - “Mit?” - “Wohin?” - “Kino!” - “Nee!” - “Warum?” - “Ärger!” - “Frau?” - “Sohn!” - “Schule?” - “Leider!” - “Pech!” - “Wieso?” - “Unnötig!” - “Na, ja!” - “Andermal!” - “Wiedersehen!” - “Servus!” - “Blödsinn!”

Aufgaben zu dem vorgestellten Hörtext:

1. Wovon reden die beiden? Haben Sie es verstanden?
2. Versuchen Sie, das, was sie sich sagen, deutlich und ausführlich auszudrücken!

Die Arbeit mit Hörtexten kann Einzelarbeit, Partnerarbeit, oder Gruppenarbeit sein. Erfolgreicher ist die Partnerarbeit, oder die Grupppenarbeit, weil der Lerneffekt durch den Austausch von verschiedenen Meinungen intensiviert wird. Die Schüler können mitteilen, Fragen stellen, eigene Meinungen begründen, andere Meinungen bewerten, zustimmen oder ablehnen.

Schwieriger aber auch interessanter ist die Arbeit der Schüler mit den Lesetexten. Diese Texte können literarische Texte (Auszüge aus der deutschen Prosa und Lyrik) oder einfache Texte zur Darstellung bestimmter grammatischer Inhalte sein.
Die zum Lesen ausgewählten Texte sollen das Leseinteresse der Schüler wecken und sie zu persönlichen, subjektiven Reaktionen aufregen. Während des Lesens können die Schüler Notizen über den Textinhalt anfertigen, Eindrücke zum Text und eigene Rezeptionsgespräche führen. Durch den Vergleich der Leseergebnisse zwischen verschiedenen Schülern oder Schülergruppen, kann der Lehrer prüfen, ob die Schüler Schwierigkeiten beim Leseverstehen hatten (Wortschatz, Syntax).

Der Lesetext muß sorgfältig und zielbewußt vom Lehrer ausgewählt werden. Er besorgt sich Bücher, Zeitschriften und andere Quellen, aus denen Gedanken zu einem bestimmten Thema entnommen werden können. Die Schüler arbeiten gern besonders mit kurzen literarischen Texten, Auszügen aus der deutschen Literatur: Kurzgeschichte, Gedichte...

Die ihnen zur Verfügung gestellten Texte müssen die sprachlichen Vorkenntnisse der Schüler aktivieren, aber gleichzeitig geben sie den Schülern die Gelegenheit neue Wörter und Redewendungen zu lernen. Die Semantisierung der unbekannten Wörter geschieht durch verschiedene Methoden: Analyse der Wörter im Kontext, Vergleich mit anderen Fremdsprachen, die die Schüler studieren (mit dem Englischen, zum Beispiel).

Es folgt dann das Vertiefen des Leseverstehens durch Interpretieren und der Grundregel der Grammatik, die die Schüler beherrschen.

Wenn der Lehrer mit einem literarischen Text arbeitet, legt er das Gleichgewicht der Aktivität auf die Bildung und Entwicklung der Sprech- und Schreibfähigkeiten der Schüler aber auch auf die Bildung ihrer Persönlichkeit. Die Schüler arbeiten entweder allein oder in Gruppen und sie können Fragen zum Textverständnis beantworten, aber auch eigene Fragen formulieren. Sie können sich mit der vom Lehrer vorgeschlagenen Aufgabe zum Text auseinandersetzen oder andere Aufgaben ausfinden und sie den Kollegen vorstellen. Sie können die verschiedenen Meinungen, Argumentationen und Urteile diskutieren, vergleichen und beurteilen.

Das übergreifende Ziel des Lehrers ist die Korrektleistung des sprachlichen Ausdrucks und des Textverständnisses, die möglichst erreicht werden soll.

Von einem angebotenen Text ausgehend, können die Schüler die eigenen Eindrücke, Gedanken, Gesichtspunkte, Urteile zum betreffenden Text, mündlich oder schriftlich ausdrücken. Mit Hilfe verschiedener Lesetexte versucht der Lehrer stets die Schüler zum Mitdenken und zum Mitteilen anzuregen.

In dem heutigen, mehr kommunikativen, Unterricht liegt das Hauptgewicht des Lernens auf Hören und Sprechen. Die Fertigkeit des Schreibens wird am meisten vernachlässigt oder am wenigsten gefördert. Es gibt aber Schüler, die selbständig das Schreiben erlernen. Sie üben oft schriftlich, was sie mündlich beherrschen sollen. Die Schüler schreiben, um ein Produkt zu erhalten, um den anderen etwas mitzuteilen.

Das Schreiben hat mehr als Mitteilungsfunktion: beim Schreiben entsteht etwas Neues, das Gesehene, das Gehörte, das Gelesene, das Gefühlte und das Gedachte wird strukturiert. Es ist eine Form der Selbstäußerung, der Selbsterkenntnis und des Selbstverstehens, es ist eine Selbstdarstellung.

Das Schreiben setzt ein genaues Kennen des Wortschatzes und der Grammatik voraus.

Der Lehrer muß den Schülern helfen, ihre Schreibfähigkeiten und Schreibfertigkeiten zu bilden und zu entwickeln. Er kann den Schülern mehrere und verschiedene Texte und Aufgaben vorstellen und vorschlagen. Die Leistungen der Schüler werden nachher zusammen bewertet und beurteilt.

 

Ein Beispiel dafür:

Die Schüler werden aufgefordet, weiterzuerzählen.

Als ich im letzten Sommer mit Brigitte und Susane Onkel Klaus besuchte, schliefen wir in der ersten Nacht oben, in der Dachkammer. Sie hatte schräge Wände und ein großes Fenster, durch das der Mond hereinschien. Von der Fahrt waren wir noch so aufgeregt, daß wir nicht einschlafen konnten. Brigitte wollte eine Spuckgeschichte erzählen. Beim Zuhören muß ich wohl eingeschlafen sein, aber plötzlich war ich hellwach. Um mich war alles still, aber war da nicht ein leises Scharren? Bewegte sich der Tisch in der Mitte des Zimmers? Nein, aber doch, wirklich...
Kannst du die angefangene Erzählung weitererzählen?
Die Schüler werden angeregt einen kleinen Text zu kommentieren.

Humorlos
von Erich Fried

Die Jungen
werfen
zum Spaß
mit Steinen
nach Fröschen.

Die Frösche
sterben
im Ernst.

Die Lesetexte können ermöglichen, daß sich die Schüler an verschiedenen Grammatikkenntnisse leichter gewöhnen. Zum Beispiel: Konjunktiv II und der uneingeleitete Konditionalsatz.

Der Rauch
von Bertolt Brecht


Das kleine Haus unter Bäumen am See.
Vom Dach steigt Rauch.
Fehlte er,
Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See.

Die Schüler müssen den Konjunktiv II und den Konditionalsatz erkennen, aber auch deren stilistischen Gebrauch.
Den stilistischen Gebrauch, diesmal eines Wortes, können die Schüler auch in dem folgenden Beispiel diskutieren.

Stilistik
von Joachim Richert


auf den autobahnen
sterben
nachts
frösche igel und hasen.
nicht nur
auf den autobahnen
sterben
nachts
frösche igel und hasen.
nicht nur
auf den autobahnen
sterben
nicht nur
nachts
frösche igel und hasen.

nicht nur
auf den autobahnen
sterben
nicht nur
nachts
nicht nur
frösche igel und hasen.

Bei diesem Text haben die Schüler viel auch mit der Ortographie und mit der Zeichensetzung zu tun.

Aber wie finden die Schüler die Arbeit mit einem Lesetext? Es folgen ein paar Meinungen meiner Schüler:

 

Meiner Meinung nach, ist die Arbeit mit einem Text von bestimmter Bedeutung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie meine Arbeit ohne diese Texte wäre! Ich glaube, daß ich nicht so begeistert hätte sein können, wenn ich nicht auf andere Texte, außer denen aus dem Lehrbuch, aufgepaßt hätte. Das ist kein Geheimnis, und ich fürchte nicht davor, daß das enthüllt werden könnte. (Melania, 18 Jahre)

Die Arbeit mit einem Text finde ich sehr interessant. Ein Lesetext kann immer die Schönheit der deutschen Sprache hervorheben. Wir kennen auch andere Seiten der deutschen Sprache, unser Interesse für das Erlernen dieser Sprache wird größer. (Anca, 18 Jahre)

Ein zusätzlicher Text ist immer eine Gelegenheit, an interessante Sachen zu denken und neue Wörter zu lernen. (Alina, 17)

Ein Text kann den Lesern interessante Ideen vermitteln. Er gibt uns die Möglichkeit, frei zu sprechen. Wir können dem Text eigene Bedeutungen geben. Die Arbeit mit einem neuen Text bedeutet auch die Bereicherung unseres Wortschatzes. (Ioana, 16)

Der Text kann immer etwas Neues uns lehren. Wenn wir einen neuen Text lesen, können wir neue Probleme finden, die uns interessieren. Zum Beispiel: neue Wörter, neue Grammatikregel. Sie helfen uns Deutsch besser und leichter lernen. In einem Text gibt es auch Probleme, die nicht die Sprache betreffen, sondern das Leben. Davon ausgehend können wir frei denken und sprechen. Einige von uns schreiben sogar eigene Texte. (Daniela, 16)

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 238-241

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga 

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