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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 13.-14.. Jg., 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005, S. 34-44

 

 

Literaturwissenschaft

 


Identitätskonzeptionen in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre
 


Cornelia Eºianu

 

In memoriam Mary Ivãnescu

1. Bildung und Identität

   In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durchdrang die Bildungsidee erfolgreich den öffentlichen Diskurs von Gelehrten, Politikern und nicht zuletzt Literaten[1]. Der Mensch, seine Bildung und Erziehung wurden zu beliebten Diskussionsthemen sowohl vor dem Hintergrund der allgemeinen Neigung der deutschen Intelligenz zu Studium und Auseinandersetzung mit der klassisch-griechischen Antike als auch vor jenem der Französischen Revolution mit ihrem Lob auf das Individuum, dessen Würde und dessen Rechte. Unter Bildung verstand man die Entwicklung der natürlichen Anlagen des Individuums, um latente unkultivierte Dispositionen auf höchste Weise manifest werden zu lassen. In bestimmter Hinsicht wurde sie mit der organischen Bildung in Analogie gesetzt[2].

   Bildung ist identitätsstiftend. Wie Henning Kößler hervorhebt, bewirkt Bildung kulturelle Identität, aber „nicht nur als Wissen, das man auch wieder vergessen kann, sondern als Mentalität, als Weltsicht und Menschenbild und als das System von Einstellungen und stabilen Stellungnahmen zu dem das Hineinwachsen in eine gesellschaftlich-kulturelle Praxis führt“[3].

   Als Goethe seinen Roman[4] schrieb oder diktierte, konnte er zweifelsohne nicht wissen, dass er gerade an etwas arbeitete, das für viele Leser- und Kritikergenerationen als Bildungsroman schlechthin gelten sollte. Auch wenn ein Teil der Wilhelm Meister–Forschung dem Roman die Eigenschaft eines „reinen“ oder „echten“ Bildungsromans mit dem Argument abspricht, dass der Roman sich nicht ausschließlich auf die Bildungsgeschichte seines Protagonisten beschränkt[5], so ist sicher nicht zu übersehen, dass schon mit Friedrich Schlegels berühmter Rezension des Meister im l. Band der Zeitschrift „Athenäum“ (1798) Goethes Roman zum Paradigma des Bildungsromans erhoben wurde.

   Das Konzept der Bildung ist in Wilhelm Meisters Lehrjahre weit gefasst, was nicht zuletzt ein Grund für Äußerungen wie jene von Max Wundt ist, nämlich dass es den Bildungsbegriff im Wilhelm Meister gar nicht gibt, sondern nur verschiedene Bildungspositionen[6].

  Jedenfalls gehört zu Goethes Bildungsbegriff oder zum Begriff des gebildeten Individuums im Goetheschen Sinne außer der Vorstellung der Entwicklung seiner physischen und geistigen Fähigkeiten, welche der Roman bis auf wenige Ausnahmen so gut wie nicht behandelt, eine Reihe von anderen Elementen, wie Selbsterfahrung und Enttäuschung, Menschenkenntnis, Liebe und Freundschaft, Irrtum und Schicksal, auf die der Roman insistiert.

   Manche Autoren behaupten sogar, Wilhelm Meister habe am Ende des Romans nichts gelernt, Wilhelm Meister sei ein Schüler, der kein Meister wurde[7]. Wenn auch die Meinungen diesbezüglich auseinandergehen, so weisen sie um so mehr auf eine nicht zu widerlegende Tatsache hin, darauf, dass durch seine unendliche Deutbarkeit Goethes Roman, der für den Autor selbst zu den „inkalkulabelsten Produktionen zählte“[8], zu einer im Sinne Friedrich Schlegels klassische Schrift wurde:

Eine klassische Schrift muß nie ganz verstanden werden können. Aber die welche gebildet sindund sich bilden, müssen immer mehr daraus lernen wollen.[9]

   Bei der Erarbeitung des Bildungsbegriffs im Roman soll im Folgenden von einer Goetheschen Aussage ausgegangen werden. In einem Gespräch mit Eckermann äußert sich Goethe über die Eigenart von Wilhelm Meisters Lehrjahre und vergleicht die Lebensgeschichte Wilhelms mit der biblischen Geschichte von Saul, dem ersten König Israels. Dabei deutet er auf Friedrichs Worte am Schluss des Romans hin:

Du kommst mir vor wie Saul, der Sohn Kis‘, der ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen und ein Königreich fand.[10]

   Goethe liefert dazu auch eine mögliche Interpretation:

Hieran halte man sich. Denn im Grunde scheint doch das Ganze nichts anderes sagen zu wollen, als daß der Mensch, trotz aller Dummheiten und Verwirrungen, von einer höheren Hand geleitet, doch zum glücklichen Ziele gelange.[11]

   Goethe besteht in diesem Interpretationsschlüssel auf drei wichtige Ideen, die in seinem Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre wieder zu erkennen sind und die die Herausarbeitung eines Verständnisses von Bildung ermöglichen, zugleich aber auch Überlegungen zum Begriff der Identität und dessen Zusammenhang mit jenem der Bildung veranlassen.

   1. Was sich auf ein Ziel hin bewegt, was sich bildet und gebildet wird, ist der Mensch selbst, der im Prozess seiner persönlichen Entwicklung nicht von Fehlern, von „Dummheiten und Verwirrungen“ verschont bleibt. 2. Trotz der Fehler wird dieser durch eine "höhere Hand“ geleitet, die oft Schicksalscharakter hat. 3. Zuletzt steht das "glückliche Ziel", das beinahe hollywoodmäßig anmutende Erreichen des Erstrebten.

   Zwar haben hier die Goetheschen Ideen allgemeinen Charakter, dennoch ist ihre symbolische Intention nicht zu übersehen. Es gilt, dass Wilhelm ein Mensch ist, aber die Umkehrung ist ebenfalls gültig. Jeder Mensch ist ein Wilhelm, demnach nicht vor Verwirrungen und Irrtümern gefeit, mag er auch am Ende doch noch sein Ziel erreichen.

   Die Idee des „glücklichen Ziels“ bedarf in diesem Kontext näherer Untersuchung, denn sie bietet die Möglichkeit, die Anwendbarkeit des Identitätsbegriffs hervorzuheben, wie später im Rahmen der Romananalyse zu sehen sein wird.

   Ohne sich auf eine spekulative Schiene bezüglich des vermeintlichen Ziels treiben zu lassen, soll hier das Unbestreitbare zum Ausdruck gebracht werden. Sprachlich gesehen ist im Falle des „glücklichen Ziels“ die Rede von der Zusammenfügung zweier Wörter, von „Glück“ in seiner adjektivischen Form „glücklich“ und von „Ziel“. Man kann nur schwer glauben, dass hier „das glückliche Ziel“, zu dem der Held gelangen soll, das Ende seiner Bildung zu bedeuten habe. Wäre dem so, bräuchte sich Wilhelm in den Wanderjahren nicht mehr weiterzubilden, um schließlich in den Diensten der Mitmenschen tätig zu werden.

   Die im Rahmen dieser Studie formulierte These bezieht sich darauf, dass bei Goethe Bildung als eine notwendige Bedingung zur Erreichung des „glücklichen Ziels" zu sehen ist, das eine Art Identitätsgefühl, eine harmonische Übereinstimmung des Subjekts mit sich selbst voraussetzt. Das Wort „glücklich“ legt diesbezüglich den Gedanken nahe, dass damit ein individuelles Wohlbefinden gemeint ist, das auf die Welt der Projektionen des Selbst verweist. Wilhelm strebt einem, wenn auch unpräzisen, Ideal entgegen, mit Bezug auf das er sich selbst darstellt.

   An dieser Stelle sei hervorgehoben, dass das Wort „Identität“ von Goethe selbst im Roman nicht verwendet wird. Dafür werden aber andere gleichbedeutende Termini oder Ausdrücke eingesetzt, die zumindest das Identitätsgefühl – jene Gewissheit eines Menschen, dass er er selbst ist –, treffend umschreiben. So z. B. der Ausdruck „mit sich selbst einig werden“,[12] wobei diese zu erreichende Einheit als „heilsame Einheit“ bezeichnet wird. Von dieser entfernt sich jedoch der junge Wilhelm, da er „fremden Lichtern als Leitstern folgte“[13]. Auch wird im Roman Wilhelms „unwiderstehliche Neigung" zur „harmonischen Bildung“ seiner Natur erwähnt[14]. Identität könnte schließlich mit der Vorstellung des Menschen „auf dem rechten Weg“[15], oder der Vorstellung des „wohl“ und „gut“[16] aussehenden Menschen assoziiert werden. Für jemanden, der es besitzt, wird das Identitätsgefühl zu einem positiven Gefühl sich selbst und der Welt gegenüber. Das Identitätsgefühl wird oft von einem Gefühl der Ruhe, wie sich Wilhelm dazu ex negativo äußert, begleitet:

Es ist ein trauriges Geschäft …, wenn man über die reinen Vorzüge der andern in einem Augenblicke denken soll, da man mit sich selbst uneins ist; solche Betrachtungen stehen dem ruhigen Manne wohl an, nicht dem, der von Leidenschaft und Ungewißheit bewegt ist.[17]

   Bildung und Identität stehen bei Goethe in einem sich gegenseitig bestimmenden Verhältnis, d.h., dass einerseits das Zu-sich-selbst-Finden des Helden eine persönliche Entwicklung voraussetzt und andererseits, dass der Bildungsprozess durch Identitätsvorstellungen des Helden veranlasst und begleitet wird.

 

1. 2 Identitätsmodelle in Wilhelm Meisters Lehrjahre

   Identitätskonstruktion setzt Bildung voraus und der Bildungsprozess vollzieht sich im Hinblick auf eine zu erreichende Identität. In diesem Prozess oder beim Erreichen des „glücklichen Ziels“, um mit Goethe zu sprechen, spielt die Natur des Einzelnen eine bedeutende Rolle. Um überhaupt wissen zu können, was man will, wozu man taugt, muss sich der sich Bildende zunächst selbst entdecken. Anders gesagt, man hat seine eigene Natur zu kennen, um zu wissen, wozu man sich recht entscheiden soll. Man kennt seine Natur, indem man sich zu seinen natürlichen Anlagen auf dem Weg des Experimentierens vorwagt. Experimentieren heißt bei Goethe soviel wie Prüfen und Wählen, Suchen und Irren. Die Komponente des „Sich Irrens“ scheint hier vor allem wichtig zu sein.

   In Goethes Roman strukturieren die Gestalten ihre Lebensweisen mit Bezug auf verschiedene Modelle von Identität. Zum Einen sind es tradierte, festgeschriebene Modelle, z.B. jenes des Edelmanns oder des Bürgers. Zum Anderen sind es solche, die eine allgemeine soziale Anerkennung (noch) nicht erlangt haben, wie z.B. das künstlerische Identitätsmodell – im Roman eher negativ besetzt, nachdem es in Wilhelm Meisters theatralische Sendung seine positive Phase durchgemacht hat – oder das religiöse und nicht zuletzt das neue, gewissermaßen in einer nahen Zukunft zu verortende pädagogische Modell. Jedenfalls ist letzteres ein solches, das vom Autor nicht ohne Sympathie beschrieben wird.

   Natürlich könnte die Beschreibung eines jeden Identitätsmodells Gegenstand einzelner Reflexionen werden. Doch das wird hier nicht unternommen. Lediglich die Modelle werden einzeln erwähnt und mehr oder weniger detailliert besprochen. Darauf folgend sind deren Verhältnisse untereinander zu bestimmen und Wilhelms Einstellung dazu zu untersuchen.

   'Das bürgerliche Identitätsmodell' ist im Kreis der Gestalten durch Werner, einem merkantil orientierten Typ, vertreten. Er ist ein „arbeitsamer Hypohondrist“, an Gewinn orientiert[18]. Wilhelm selbst entstammt einer bürgerlichen Familie, doch setzt er sich das Nachahmen dieses Modells, wie man es erwarten könnte, nicht zum Ziel. Werners Streben wird von der Existenzweise des Habens bestimmt. Als Bürger knüpft er sein Leben an die Idee des Besitztums. Seine materiellen Interessen verdecken vollständig die geistigen und lassen in den Vordergrund einen extrem pragmatischen Menschen treten.

   'Das Identitätsmodell des Adligen' ist durch den Fürstenhof repräsentiert, das Wilhelm durch Bekanntschaften mit „Vornehmen“, mit Mitgliedern aus der „großen Welt“, kennen lernt. Der Edelmann braucht sich im Leben nicht durchzukämpfen, um seine Identität als Edelmann beweisen zu können, denn er ist es bereits bei seiner Geburt. Weil er finanziell gesichert ist, kann er sich primär nicht dem Gelderwerb, sondern anderen Dingen widmen. Eins davon ist die persönliche Bildung, von Wilhelm folgendermaßen beschrieben:

Nur dem Edelmann ist eine gewisse allgemeine ... personelle Ausbildung möglich. … Eine gewisse feierliche Grazie bei gewöhnlichen Dingen, eine Art von leichtsinniger Zierlichkeit bei ernsthaften und wichtigen kleidet ihn wohl, weil er sehen läßt, daß er überall im Gleichgewicht steht. Er ist eine öffentliche Person, und je ausgebildeter seine Bewegungen, je sonorer seine Stimme, je gehaltner und gemessener sein ganzes Wesen ist, desto vollkommner ist er.[19]

   Ein drittes Modell ist 'das künstlerische Identitätsmodell', das jedoch im Roman nicht zu seinem vollen Ausdruck kommt. Dieses Modell müsste eher in Wilhelm Meisters Theatralische Sendung analysiert werden, denn im Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre bewahrheitet sich für Wilhelm, dass der Schauspielerberuf für sein Lebensprojekt der falsche ist. Auch ist es so gut wie unmöglich, exemplarische Schauspielermodelle zu geben. Dennoch kann man dieses Modell aufgrund der Aussagen verschiedener Gestalten rekonstruieren. So besteht die Aufgabe des Schauspielers darin, die verschiedensten ihm aufgetragenen Rollen spielen zu können. Wie Jarno, ein Mitglied der Turmgesellschaft, sich dazu äußert, ist der Schauspieler zum Schein berufen und „wenn er sich und andern nicht etwas scheint, so ist er nichts“. Deshalb muss er „den augenblicklichen Beifall hoch schätzen, denn er erhält keinen andern Lohn, er muß zu glänzen suchen denn deswegen steht er da“[20].

   Es ist interessant zu beobachten, dass in Goethes Roman weibliche künstlerische Naturen, wie Aurelie, Mariane oder Mignon, keine robusten Wesen sind, kein Glück haben und auch relativ schnell ums Leben kommen. Dennoch kommt der Frau und der Kunst in Goethes Roman eine wichtige Rolle zu, insofern sie es sind, die die Erfahrung dessen, „was der Mensch sei und was er sein könne“[21], ermöglichen.

   Als religiöse Strömung der persönlichen Erfahrung und Begegnung mit dem Absoluten hat der Pietismus viele Beziehungen zur Mystik. In sich zurückgekehrt, widmet sich das Ich in einem größeren Maße seinen inneren Gefühlen als der Außenwelt[22]. In diesem Zusammenhang verdient 'das religiöse Identitätsmodell', dessen Vertreter in Goethes Roman die „schöne Seele“ ist, eine besondere Aufmerksamkeit. Ausgehend vom sechsten Buch des Romans soll dieses Modell veranschaulicht werden. Es ist interessant zu beobachten, dass die Hauptgestalt eine Frau ist, die im besonderen Maße um ihre geistig-seelische Bildung bemüht ist. Das Buch gibt in großen Zügen ihr äußeres wie inneres Leben wieder. Von Natur aus ein kränkliches Wesen, richtet sie von klein auf ihre Aufmerksamkeit auf die eigenartige Beziehung zu Gott, den sie als ihren Freund bezeichnet, und den sie immer dann sucht, wenn ihr außergewöhnliche Probleme begegnen. Durch zahlreiche innere Erlebnisse in dem Glauben an ihren unsichtbaren Freund bestärkt, ist sie auch immer von der Richtigkeit ihrer Entscheidungen überzeugt, vor allem dann, wenn sie die "gute Wahl" trifft, auf ihre Auftritte in der mondänen Welt zu verzichten und ihren „irdischen“ Freund und die mit ihm zu vollziehende Heirat zugunsten eines zurückgezogenen Lebens aufgibt. Das Prinzip, auf das sie ihre neue Lebensweise zurückführt, ist ein „Instinkt“, ein unbewusster Antrieb. Es ist der Naturtrieb, der sie leitet und sie auf dem rechten Weg hält. Die Grenzen ihrer Handlungen legt sie sich selbst fest, sie ist sich selbst das Maß. Das fasziniert, ist aber zugleich beängstigend, insofern es in einen Bereich zu führen scheint, worin menschliche Gesetze augenblicklich ihre Gültigkeit verlieren:

Ich erinnere mich kaum eines Gebotes, nichts erscheint mir in Gestalt eines Gesetzes, es ist ein Trieb, der mich leitet und mich immer recht führet: ich folge mit Freiheit meinen Gesinnungen und weiß so wenig von Einschränkung als von Reue.[23]

   Dieses stark individualistisch gefärbte, religiöse Identitätsmodell kontrastiert mit einem anderen, das als 'pädagogisches Identitätsmodell' bezeichnet werden kann. Es ist vor allem ein Modell, das die so genannte innere wie äußere Bildung des Menschen mit einbezieht und eine Art vollständige Bildung anspricht. Diese ist für die Mitglieder der Turmgesellschaft charakteristisch, deren Hauptvertreter der Abbé ist.

   Aus der Sicht der Turmgesellschaft ist „das erste und letzte am Menschen“ Tätigkeit. Ihr Erziehungskonzept scheint dem, was gang und gäbe ist, entgegengesetzt zu sein, denn

wenn man an der Erziehung des Menschen etwas tun wolle, müsse man sehen, wohin seine Neigungen und Wünsche gehen. Sodann müsse man ihn in die Lage versetzen, jene sobald als möglich zu befriedigen, diese sobald als möglich zu erreichen, damit der Mensch, wenn er sich geirrt habe, früh genug seinen Irrtum gewahr werde, und wenn er das getroffen hat, was für ihn passt, desto eifriger daran halte und sich desto emsiger fortbilde.[24]

   So ist die Pflicht des Menschenerziehers „nicht vor Irrtum zu bewahren“, sondern „den Irrenden zu leiten, ja ihn seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist Weisheit der Lehrer“[25].

   Einen "Irrweg" kann sich jedoch in Goethes Roman eigentlich nur der Adlige erlauben, weil er dadurch seine finanzielle Existenz nicht wesentlich gefährdet. Diesen Identitätstyp verkörpert Lothario, „ein wohlgebildeter Mann“, dessen „Lehrjahre“ bereits beendet sind. Er „irrte“ in Amerika umher und wirkte als Soldat. Seine Rückkehr nach Hause markiert für ihn den Abschluss seines Selbstsuche-Abenteuers: „Hier oder nirgends ist Amerika!“[26], gibt er seinen Mitmenschen zu verstehen.

   Jarno sieht in Lothario ein für Wilhelm nachstrebenswertes Beispiel und charakterisiert ihn mit folgenden Worten: „Er führt, wo er auch sei, eine Welt mit sich, seine Gegenwart belebt und feuert an“[27]. Lothario stellt den seine Existenz auf permanenter Tätigkeit gründenden Menschentyp dar.

 

1.2.1 Das Verhältnis der Identitätsmodelle untereinander

   Prinzipiell schließen sich die obenerwähnten Identitätsmodelle gegenseitig aus, so z. B. das bürgerliche Identitätsmodell und jenes des Adligen:

Wenn der Edelmann durch die Darstellung seiner Person alles gibt, so gibt der Bürger durch seine Persönlichkeit nichts und soll nichts geben. Jener darf und soll scheinen; dieser soll nur sein, und was er scheinen will, ist lächerlich oder abgeschmackt. Jener soll tun und wirken, dieser soll leisten und schaffen; er soll einzelne Fähigkeiten ausbilden, um brauchbar zu werden, und es wird schon vorausgesetzt, dass in seinem Wesen keine Harmonie sei, noch sein dürfe, weil er, um sich auf eine Weise brauchbar zu machen, alles übrige vernachlässigen muß.[28]

   Die Ausschließlichkeit der beiden Modelle wird vom Autor auf die Verfassung der damaligen Gesellschaft zurückgeführt[29].

   Gleichwohl bestehen zwischen den Modellen keine Widersprüche, wenn man aus ihnen heraus argumentiert. Man kann sich aber auch fragen, ob mit dem pädagogischen Identitätsmodell nicht ein solches gemeint ist, das alle anderen Modelle, allerdings auf relative Weise, zusammenbringt und dementsprechend alle Widersprüche, die zwischen den einzelnen existieren, aufhebt. So ist der Abbé ein Schauspieler, ohne es aber auch wirklich zu sein, Lothario zeigt bürgerliche Qualitäten, ohne aber ein richtiger Bürger, wie es Werner ist, zu sein.

 

1. 2. 2 Wilhelm und die „heilsame Einheit“

   Zunächst soll der Frage nachgegangen werden, welches Wilhelms Stellung zu den bereits beschriebenen Identitätsmodellen ist, um dann konkret zu sehen, worin Wilhelms Identität besteht. Wilhelm ist selbst ein Bürger, will aber „einen eigenen Weg gehen“, d h. er verwirft das von ihm in der Gesellschaft vorgefundene bürgerliche Identitätsmodell. Nicht das Anhäufen von Geld interessiert ihn – das ist bereits durch seinen Vater erreicht worden –, sondern er wünscht sich vielmehr, seiner Neigung, der Theaterleidenschaft, nachgehen zu können. Sein Wunsch und seine Absicht waren, wie er selbst in einem Brief an den nach materiellem Erfolg trachtenden Werner behauptet, schon von Jugend auf „mich selbst, ganz der ich da bin“ auszubilden. Eine „öffentliche Person“ möchte er werden, deshalb scheint ihm das Identitätsmodell des Adligen für seine Absichten am nächsten zu liegen.

   Es gibt eine Reihe von Studien, die das Verhältnis Adel-Bürgertum im Roman unter die Lupe nehmen[30], deshalb soll hier darauf nicht mehr eingegangen werden. Dennoch erweist es sich als notwendig zu untersuchen, was Wilhelm tatsächlich bezweckt, wenn er sich entscheidet, dem Identitätsmodell des Adligen nachzustreben. Wichtig ist dabei seine Annahme, „auf den Brettern“ erscheine der gebildete Mensch „so gut persönlich in seinem Glanz als in den obern Klassen“[31]. Auch sei erwähnt, dass das Theater im Roman oft mit Termini wie „Glanz“, „glänzen“ oder „Schein“, „scheinen“ verknüpft wird.

   Wilhelm glaubt demnach, auf der Bühne vorspielen zu können, was er in Wirklichkeit nicht ist. Er ist nämlich kein Adliger und als Bürger, der er ist, vermag er den von ihm mit Ungeduld erstrebten Status einer öffentlichen Person nicht zu erreichen. Auch ohne ein Adliger zu sein, hofft er das, was sich jener auf natürliche Weise leisten kann – nämlich eine vollkommene Bildung zu genießen – auf der Bühne zu erzielen. Durch gute Manieren und gewandtes Sprechen kann er glänzen und dadurch als Adliger erscheinen. Wilhelm identifiziert fast das Schauspielersein mit der adligen Lebensweise. Wie ist aber unter diesen Umständen sein Abgang vom Theater zu verstehen? Verfiel er einem Irrtum?

   Eine Antwort darauf gibt Kapitel 9 im 7. Buch des Romans. Wilhelm spricht hier in der Tat von einem Irrtum, dem ihm mit Bezug auf seine Entscheidung, sich dem Theater zu widmen, unterlaufen sei. Dazu gibt er folgenden Kommentar ab:

Von welchem Irrtum kann der Mann sprechen? ... als von dem, der mich mein ganzes Leben verfolgt hat: daß ich da Bildung suchte, wo keine zu finden war, daß ich mir einbildete, ein Talent erwerben zu können, zu dem ich nicht die geringste Anlage hatte.[32]

   Wilhelm beanspruchte in dem Schauspieler-Sein nicht so sehr den Künstler als vielmehr den erträumten Status der öffentlichen Person. Dessen, dass er kein Künstler ist, wird er sich allmählich bewusst, aber auch die Versuche der Turmgesellschaft gehen in die Richtung, ihm Klarheit zu verschaffen. Erinnert sei beispielsweise an Jarno, der mit seiner „grausamen Bestimmtheit“ Wilhelm seine Meinung offenbart und ihm jegliches Bühnentalent abspricht. Er behauptet, dass derjenige, der sich nur selbst spielen kann, noch lange kein Schauspieler sei:

Wer sich nicht dem Sinn und der Gestalt nach in viele Gestalten verwandeln kann, verdient nicht diesen Namen“[33].

   Das Theater bleibt für Wilhelm „ein Irrtum“, aber wie ihm der Landgeistliche entgegnet:

... alles, was uns begegnet, läßt Spuren zurück, alles trägt unmerklich zu unserer Bildung bei.[34]

   Hier sind noch einmal Wilhelms Ausführungen zu seinen Erfahrungen mit dem Theater:

Man spricht viel vom Theater, aber wer nicht selbst darauf war, kann sich keine Vorstellung davon machen. Wie völlig diese Menschen mit sich selbst unbekannt sind, wie sie ihr Geschäft ohne Nachdenken treiben, wie ihre Anforderungen ohne Grenzen sind, davon hat man keinen Begriff.[35]

   Wie kommt Wilhelm aber dennoch zu der „heilsamen Einheit“? Was für Erfahrungen braucht er, und warum bringen ihn jene der anderen in Verwirrung?[36] Es wird betont, dass die Erfahrung, die er benötigt, seine eigene Erfahrung sein muss. Er hat sich in seinen Handlungen, Absichten und Ideen selbst zu erfahren. Ein solches Beispiel von Selbsterfahrung bietet ihm das religiöse Identitätsmodell. Die „schöne Seele“ erfährt sich auf eine bestimmte Weise mit Bezug auf Gott, ihren unsichtbaren Freund. Ihre Erfahrungen sind ganz persönlich. Die Geschichte der „schönen Seele“ erweitert zugleich Wilhelms Menschenkenntnis. In diesem Zusammenhang äußert sich Wilhelm Natalie gegenüber, dass er das Heft „mit der größten Teilnahme und nicht ohne Wirkung auf mein ganzes Leben“ gelesen habe und fährt fort:

   Was mir am meisten aus dieser Schrift entgegenleuchtete, war, ich möchte sagen, die Reinlichkeit des Daseins, nicht allein ihrer selbst, sondern auch alles dessen was sie umgab, diese Selbständigkeit ihrer Natur und die Unmög1ichkeit, etwas in sich aufzunehmen, was mit der edlen liebevollen Stimmung nicht harmonisch war[37].

   Wilhelms Selbsterfahrung begann bereits mit dem Versuch der Verwirklichung seines Wunsches als Schauspieler zu leben. Jedoch endete dieses Experiment mit einer Enttäuschung.

   Als notwendige Bedingung zur Erreichung von Identität setzt Bildung im Goetheschen Sinn aber nicht nur Selbsterfahrung, sondern zugleich Menschenkenntnis und Welterfahrung voraus. Nicht zuletzt soll „die höhere Hand“ – im Roman ist es die Turmgesellschaft in Form des Schicksals – erwähnt werden. Dass Wilhelm beispielsweise die Menschenkenntnis fehlt, zeigt Aurelie, eine der tragischen Frauengestalten im Roman. Auf Aurelies Behauptung, Wilhelm verkenne von Grund aus die Menschen, äußert dieser, er habe „von Jugend auf die Augen meines Geistes mehr nach innen als nach außen gerichtet, und da ist es sehr natürlich, daß ich den Menschen bis auf einen gewissen Grad habe kennen lernen, ohne die Menschen im mindesten zu verstehen und zu begreifen“[38].

   In diesem Prozess des Sich-Findens kommt der Umgebung eine wichtige Rolle zu. Bei Goethe ist es die mysteriöse Turmgesellschaft und ihre Mitglieder, die in der Exegese des Romans verschiedene Deutungen bekommen hat. In einer Studie aus den letzten Jahren wird der Zusammenhang zwischen dem Illuminaten-Orden und dem Wilhelm Meister[39] untersucht, wobei der „Pädagogik von Goethes Turm“ verstärkte Aufmerksamkeit geschenkt wird.

   Was jedoch im Rahmen der vorliegenden Studie von Interesse ist, bezieht sich insbesondere auf die Analyse von Wilhelms Einstellung zur Turmgesellschaft, insofern bestimmte Einstellungen die Identität, das Selbstkonzept, fundieren[40]. Während Wilhelm die bürgerliche Lebensweise verneint, sich von einem Leben auf dem Theater dezidiert distanziert, die Geschichte der religiösen Seele mit Bewunderung hinnimmt, ist seine Einstellung zur Turmgesellschaft zweideutig. Er fühlt sich von ihr gleichermaßen angezogen wie abgestoßen. Angezogen, weil er durch ihre Mitglieder (den Fremden zu Beginn des ersten Buches[41], Jarno, den Landgeistlichen, oder den Abbé und nicht zuletzt Lothario) eine neue Sichtweise der Dinge kennen lernt. So gesehen, handelt der Roman von Wilhelms Entwicklung von einer naiv-idealistischen zu einer realistisch-pragmatischen Betrachtungsweise von Mensch und Welt. Es geht darum, wie der philosophisch veranlagte Fremde im ersten Buch des Romans Wilhelm zu lehren weiß, zu wissen, „welche Vorstellungsart zu unserem Besten gereicht“[42].

   Wilhelm fühlt sich aber durch die Turmgesellschaft auch abgestoßen, denn er ist anscheinend von ihrem Erziehungskonzept und von der Sonderbarkeit ihrer Männer irritiert. Diese gewissermaßen zynisch-resignierende Empörung Wilhelms gegenüber der Turmgesellschaft lässt sich aus einem seiner Gespräche mit Natalie herauslesen:

Haben Sie bei der Erziehung Ihrer kleinen weiblichen Welt auch die Grundsätze jener sonderbaren Männer angenommen? Lassen Sie denn auch jede Natur sich selbst ausbilden? Lassen Sie denn auch die Ihrigen suchen und irren, Mißgriffe tun, sich glücklich am Ziele finden oder unglücklich in die Irre verlieren?[43]

   Wilhelm fühlt sich in gewisser Weise von dieser Gesellschaft ausmanövriert, denn er glaubt zu wissen, dass er in den Händen der "Türmer“ nur ein Instrument zur Verwirklichung ihrer Ziele ist. Die Turmgesellschaft wirkt befremdend auf ihn, nicht zuletzt deshalb, weil sie jene Instanz ist, die Wilhelm ermöglicht, sich selbst mit seinen eigenen Dissonanzen, Enttäuschungen, Verunsicherungen wahrzunehmen.

 

1.2.2.1 Worin besteht Wilhelms Identität?

   Der Empfang des Lehrbriefs aus den Händen des Abbés markiert für Wilhelm den Abschluss seiner Lehrjahre und damit die Möglichkeit des Erwerbs einer Identität, die sich als völlige Einstimmung von Trieben und Vernunft, von Körper und Geist, somit als harmonische Beziehung zu sich selbst, beschreiben lässt. Mariane stellte für Wilhelm den Inbegriff des Theaters dar. Mit ihrem Verlust verschwindet für Wilhelm seine erste große Liebe, aber zugleich auch der Grund seiner Neigung für das Theater. Seine späteren Versuche, das Theater zum Inhalt seines Lebens zu machen, die Bühne als Ort seiner Bildung zu bestimmen, scheitern. Wilhelm gesteht sich letztendlich diesen Irrtum ein. Identität zu gewinnen heißt, in der Relation mit sich selbst auch den anderen, das Verschiedene im Gleichen, einzuschließen. Die Voraussetzung dafür ergibt sich in dem Moment, wo Wilhelm bereit ist, Felix, den Inbegriff des Lebens, des Glücklichen wortwörtlich, als seinen Sohn zu akzeptieren. Glück soll nicht so sehr auf dem Theater, in der Kunst, sondern vielmehr im Leben, das ein größeres oder das echte Theater darstellt, gesucht und gefunden werden:

Felix ist Ihr Sohn … Empfangen Sie das liebliche Kind aus unserer Hand, kehren Sie sich um, und wagen Sie es, glücklich zu sein.[44]

   Wilhelm verlässt das Theater, von dem er sich Bildung und Glück erhofft hat. Das Theater erlangt für ihn nur noch als Metapher des Lebens eine Bedeutung:

Komm mein Sohn! Komm, mein Bruder, laß uns in der Welt zwecklos hinspielen, so gut wir können.[45]

   Die Transformationen, die Wilhelm durchmacht, sobald er sich entschlossen hat, das Kind zu sich zu nehmen, sind deutlich. Eine neue Art der Wahrnehmung der Welt installiert sich, denn er „sah die Natur durch ein neues Organ“[46] an,

die Welt nicht mehr wie ein Zugvogel …, ein Gebäude nicht mehr für eine geschwind zusammengestellte Laube, die vertrocknet, ehe man sie verläßt. Alles, was er anzulegen gedachte, sollte dem Knaben entgegen wachsen, und alles was er herstellte, sollte eine Dauer auf einige Geschlechter haben[47].

   Wilhelms Verantwortung gegenüber seinem Kind bringt ihn in die psychische und moralische Lage eines Bürgers und beendet somit auch seine Lehrjahre: "In diesem Sinne waren seine Lehrjahre geendigt, und mit dem Gefühl des Vaters hatte er auch alle Tugenden eines Bürgers erworben". Aus diesem Gefühl heraus fasst nun Wilhelm den Entschluss eine Mutter für das Kind zu finden und sie zu heiraten. Dass er zum Schluss nicht Therese, sondern Natalie, seine lang gesuchte „Amazone“ heiratet, die aber auch über pädagogische Kenntnisse verfügt, markiert Wilhelms letzten Schritt zum glücklichen Ziel, indem er „den ganzen Ring seines Lebens“ schließt und damit seine Beziehung zu sich selbst, seine persönliche Identität, harmonisch verwirklicht.

   Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Wilhelm zu sich selbst kommt, indem er sich bildet. Auf dem Theater erhofft er sich die Aneignung von Gewandtheit im Sprechen und einer bestimmten Art und Weise im Umgang mit anderen. Seine Bildung ist weder bürgerlich noch aristokratisch. Sie ist aber auch nicht künstlerisch, denn er verzichtet zum Schluss auf das Theater. Religiös ist sie auch nicht. Er konfrontiert sich aber mit all diesen Bildungsmöglichkeiten, die je einem bestimmten Identitätsmodell entsprechen. Er lernt sie kennen, probiert sie unter Umständen auch aus – man vergleiche seinen Wunsch, dem künstlerischen Identitätsmodell nachzueifern – und scheint sich zum Schluss für das pädagogische Identitätsmodell zu entscheiden. Bildung heißt hier mehr als Erziehung, die eher einer Dressur der menschlichen Fähigkeiten vorkommt. Bildung, als Voraussetzung von Identität, bedeutet aber Erziehung durch eine Kultur von Empfindung und Erhabenheit, durch Liebes- und Freundschaftsgefühle und schließt menschliches Irren und Entsagen mit ein.

   Wilhelm bildet seine Identität nicht letztlich mit Bezug auf das ihm Fremde, nämlich die Turmgesellschaft, die ihm Anweisungen zu seiner persönlichen Entwicklung zu geben scheint. Natalie selbst gehört ihr an als eine, die deren Erziehungsprogramm gefolgt ist. Dennoch setzt sie ihre eigenen erzieherischen Prinzipien in die Praxis um, was aber wiederum auf die Toleranz der Turmgesellschaft schließen lässt. Wilhelm scheint sich jedoch eher stärker an die Männer anzuschließen, mit denen er Bekanntschaft schließt und von denen er auch „geleitet“ wird.

   Man kann sich natürlich zu der Frage berechtigt fühlen, ob zum Schluss des Romans Wilhelm tatsächlich die ersehnte Einheit mit sich erreicht. Zieht man bei der Romananalyse die anfangs angeführte Aussage Goethes in Erwägung („Denn im Grunde scheint doch das Ganze nichts anderes sagen zu wollen, als daß der Mensch, trotz aller Dummheiten und Verwirrungen, von einer höheren Hand geleitet, doch zum glücklichen Ziele gelange.“), so kann mit gutem Grund behauptet werden, dass Wilhelm seine Identität realisiert, allerdings ist diese Identität innerhalb der ganzen Lebensgeschichte des Protagonisten, da durch Zeit und Umstände bedingt, eher als eine relative zu betrachten, die wiederholt nach ihrer Bestätigung sucht.

 


Anmerkungen:

[1] Verwiesen sei hier auf die Diskurse von Kant, Mendelssohn, Herder, Wieland, Schiller, Humboldt. So betont beispielsweise Kant in seinem Text Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784) die Notwendigkeit der Entwicklung oder „Auswicklung“ aller menschlichen Naturanlagen, wobei der Weg zur inneren Bildung der Denkungsart über Kunst und Wissenschaft führt. Für Moses Mendelssohn sind „Bildung, Kultur und Aufklärung“ Bedingungen der Möglichkeit gesellschaftlichen Fortschritts. Wieland spricht vom Menschen als von seinem eigenen zweiten Schöpfer, Schiller sieht im Menschen „den Selbsturheber seines Zustandes“, während Wilhelm Humboldt sich über die Bildung des Menschen als seinem wahren Zweck in seiner 1792 erschienen Schrift Ideen zu einem Versuch die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen äußert und die Freiheit als „die erste, und unerlässliche Bedingung“ bezeichnet.

[2] Zur Geschichte des Wortes vgl. Artikel „Bildung“. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Herausgegeben von Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck. Bd. 1. Stuttgart, 1972. Nachdruck 1979, S. 508ff; vgl. auch Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1. S. 921- 937. Weiterhin: Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 6. Aufl., Tübingen, 1990. S. 15ff.

[3] Henning Kößler: Selbstbefangenheit – Identität – Bildung. Beiträge zur praktischen Anthropologie. Mit einem Nachwort von Eckard König. Weinheim 1997. S. 107f.

[4] Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Herausgegeben von Erich Schmidt. Mit sechs Kupferstichen von Catel. Sieben Musikbeispielen und Anmerkungen. Frankfurt am Main: Insel-Verlag. Erste Auflage 1980. (Im Folgenden abgekürzt: WML)

[5] Vgl. z.B. Kurt May: „Wilhelm Meisters Lehrjahre, ein Bildungsroman? In: DVJS, 31 (1957), S. 1-37.

[6] Vgl. Max Wundt: Goethes Wilhelm Meister und die Entwicklung des modernen Lebensideals. Berlin und Leipzig 1913. S. 213-250.

[7] Vgl. Karl Otto Conrady: „Ein Schüler, der kein Meister wurde. Wilhelm Meisters Lehrjahre“. In: ders.: Goethe. Leben und Werk. Zweiter Band. Summe des Lebens. Frankfurt am Main. 1988, S. 133-159.

[8] Vgl. das Gespräch vom 18. Januar 1825. In: Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Herausgegeben von Otto Schönberger. Stuttgart: Reclam. 1994. S. 150.

[9] Lyceumsfragment 120. In: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Band 2. S. 149.

[10] Bezug wird hier auf das Erste Buch Samuel der Bibel, Kapitel 1, genommen, das die Lebensgeschichte König Sauls (ca. 1000 v. Ch.) enthält.

[11] Vgl. Anm. 7.

[12] Vgl. WML, 5. Buch, 1. Kap., S. 294: „Wilhelm sah sich in einem Augenblicke frei, in welchem er mit sich selbst noch nicht einig werden konnte“.

[13] Ebd. S. 295.

[14] WML, 5. Buch, 3. Kap., S. 302.

[15] WML, 8. Buch, 1. Kap., S. 516.

[16] Ebd.

[17] WML, 8. Buch, 5. Kap., S. 570; weiterhin 5. Buch, 3. Kap., S. 300: „Was hilft es mir, gutes Eisen zu fabrizieren, wenn mein eigenes Inneres voller Schlacken ist? Und was, ein Landgut in Ordnung zu bringen, wenn ich mit mir selber uneins bin?“

[18] WML, 8. Buch, 1. Kap., S. 514.

[19] WML, 5. Buch, 3. Kap., S. 300.

[20] WML, 7. Buch, 3. Kap., S. 450.

[21] WML, 8. Buch, 5. Kap., S. 556.

[22] Vgl. u. a. Gerhard Kaiser: Pietismus und Patriotismus im literarischen Deutschland. 1961, S. 7ff.

[23] WML, 6. Buch, Bekenntnisse einer schönen Seele, S. 435.

[24] Ebd. S. 434.

[25] WML, 7. Buch, 9. Kap., S. 509.

[26] WML, 7. Buch, 3. Kap., S. 446.

[27] WML, 8. Buch, 5. Kap., S. 569.

[28] WML, 5. Buch, 3. Kap., S. 301.

[29] Ebd.

[30] Vgl. Ludwig Fertig: Der Adel im deutschen Roman des 18. und 19. Jahrhunderts. Diss. Heidelberg 1965; Dieter Borchmeyer. Höfische Gesellschaft und französische Revolution bei Goethe. Adliges und bürgerliches Wertsystem im Urteil der Weimarer Klassik. Königstein 1977; Karl-Heinz Hahn: Adel und Bürgertum im Spiegel Goethescher Dichtungen zwischen 1790-1800. In: Goethe-Jahrbuch 95 (1978), S. 150-162.

[31] WML, 5. Buch, 3. Kap., S. 302.

[32] WML, 7. Buch, 9. Kap., S. 509.

[33] WML, 8. Buch, 5. Kap., S. 567.

[34] WML, 7. Buch, 5. Kap., S. 437.

[35] WML, 7. Buch, 3. Kap., S. 448f.

[36] WML, 5. Buch, 1. Kap. S. 295: „… er legte … auf die Erfahrung anderer und auf die Resultate, die sie daraus mit Überzeugung ableiteten, einen übermäßigen Wert und kam dadurch nur immer mehr in die Irre. Er schrieb daher fremde und eigene Meinungen und Ideen, ja ganze Gespräche, die ihm interessant waren, auf und hielt leider auf diese Weise das Falsche …“.

[37] WML, 8. Buch, 3. Kap., S. 534.

[38] WML, 4. Buch, 16. Kap., S. 267.

[39] Vgl. Hans-Jürgen Schings: Wilhelm Meister und das Erbe der Illuminaten. In: Jahrbuch der Schillergesellschaft, 43. Jahrgang 1999, S. 123-147.

[40] Vgl. hierzu Michael Trimmer: Angewandte Sozialpsychologie. Wien 2003. S. 18f.

[41] Es geht um Wilhelms Begegnung mit einem Unbekannten, einem Fremden, der sich als Vermittler beim Abkaufen der Kunstsammlung des alten Meister ausweist und mit dem Wilhelm sich auf ein interessantes Gespräch über das Schicksal einlässt. Wilhelm bezeigt sich als einer, der am Schicksal festhält, weil es „mein Bestes und eines jeden Bestes einzuleiten weiß“. (1. Buch, 17. Kap.)

[42] WML, 1. Buch, 17. Kap., S. 71.

[43] WML, 8. Buch, 3. Kap., S. 543.

[44] Ebd. S. 512.

[45] WML, 8. Buch, 7. Kap., S. 585f.

[46] WML, 8. Buch, 1. Kap., S. 513.

[47] Ebd. S. 517.

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 13.-14.. Jg., 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005, S. 34-44

 

 

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