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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 8. Jg., 1-2 (15-16) / 1999, S. 171-180

 

 

GOETHES IRONISCHE UNIVERSALITÄT IN THOMAS MANNS LOTTE IN WEIMAR

Dan Flonta



1. Die Ironie ist bei Thomas Mann als einer der Grundbegriffe seines Künstlertums ein äußerst vielschichtiges Phänomen. Thomas Mann hat sich mit der Ironie, die in seinen weltanschaulichen Grundlagen wurzelt (1), zeit seines Lebens auseinandergesetzt. Er hat an diesem Begriff durch alle Phasen seiner künstlerischen Entwicklung hindurch festgehalten. Von daher - und von der Ambivalenz des Denkens Manns her - ist es verständlich, daß seine Ironie in Theorie und Praxis, in Definierung und Anwendung ein sehr uneinheitliches Bild bietet.

Vorliegende Untersuchung befaßt sich mit Thomas Manns Roman Lotte in Weimar. Sie versucht, die enge Verknüpfung zwischen Ironie und Universalität innerhalb des im Roman vorgeführten Künstlertums Goethes aufzuzeigen und den zusammengesetzten Begriff der ironischen Universalität in seiner zentralen Stellung innerhalb der Vorstellungswelt Goethes und Thomas Manns sowie in seinen Beziehungen zu verschiedenen Problemfeldern zu besprechen. Die Verbindung besteht darin, daß Ironie als Nichtfestlegung auf eine einzelne Position, als Nichtbeschränkung auf eine einzelne Einstellung, als Aufhebung jedes eben Statuierten, als Distanzbewahrung, als Schwebe zwischen den Gegensätzen und Vermittlung der Gegensätze, als spielende und unverbindliche Haltung, Universalität sichert, Allseitigkeit und die Fähigkeit, alle Möglichkeiten des Menschen zu verwirklichen, ermöglicht. Der Geist, der alles in Schwebe hält, der sich auf kein Einzelnes festlegt, weil er die Bedingtheit und Unzulänglichkeit jeder einzelnen Position erkennt und der somit allem gegenüber aufgeschlossen ist, alles in sich aufnehmen und künstlerisch verwirklichen kann, ist das, was hier unter ironischer Universalität verstanden wird. Damit wird deutlich, daß hier nicht die Ironie als Stilmittel, wie sie im ironisch-ambivalent und multiperspektivisch angelegten Roman präsent ist, gemeint ist. Gegenstand der Untersuchung ist die ironische Universalität als Grundeinstellung des Künstlers Goethe gegenüber der Welt. Dabei beabsichtige ich im großen drei Punkte zu behandeln. Zunächst werde ich die im 3. Kapitel ausgebreitete Perspektive Riemers über Goethes ironische Universalität besprechen. Anschließend wird die differenziertere Aussicht behandelt, die uns der große Goethe-Monolog des 7. Kapitels über dessen ironische Universalität bietet und dadurch zugleich die Riemer-Perspektive als einseitig und überspitzt aufgezeigt und relativiert. Zuletzt wird anhand von Goethes Abneigung gegen den romantischen Patriotismus während der Befreiungskriege gegen Napoleon der Gegensatz von ironischer Universalität und national-ideolo-gischer Einschränkung herausgearbeitet.

Ich werde mich nicht mit der Frage auseinandersetzen, ob und inwieweit der im Roman vorgeführte Goethe dem realen Goethe entspricht, d.h. ob und inwiefern die Universalität des wirklichen Goethe tatsächlich ironischer Art war, sondern mich darauf beschränken, die Goethefigur des Romans unter dem Aspekt der ironischen Universalität zu untersuchen. Das Werk ist, trotz der durch Montage übernommenen Zitate aus und über Goethes Werk und Leben und trotz der weitgehenden faktischen Wahrhaftigkeit, eher eine Selbstbespiegelung und ein Selbstbild Thomas Manns als ein Bild des realen Goethe. Die Tatsache, daß ich mich gelegentlich zur Verdeutlichung und besseren und eingehenderen Erläuterung auf andere Schriften Manns beziehen werde, weist schon auf den Zusammenhang mit Thomas Manns Werk und Begriffen hin. Wir begegnen hier weitgehend der Vorstellungswelt Thomas Manns und weniger einem Porträt des historischen Goethe.

2. Die ironische Universalität wird zuerst im 3. Kapitel thematisiert. Das Kapitel enthält Charlottes Gespräch mit Friedrich Wilhelm Riemer, dem Sekretär Goethes. Die Unterhaltung läuft unausweichlich auf einen Gegenstand zu, der, sobald er berührt wird, nicht wieder verlassen wird und das Gespräch monopolisiert : Goethe. Gegen Ende seiner Ausführungen kommt Riemer auf die ironische Universalität Goethes zu sprechen:

[...] er ist nicht begeistert. [...] Können Sie sich Gott, den Herrn, begeistert vorstellen? Das können Sie nicht. Gott ist ein Gegenstand der Begeisterung, aber ihm selbst ist sie notwendig fremd; man kann nicht umhin, ihm eine eigentümliche Kälte, einen vernichtenden Gleichmut zuzuschreiben. Wofür sollte Gott sich begeistern? Wofür Partei nehmen? Er ist ja das Ganze [...] und seine Sache ist offenbar eine umfassende Ironie. [...] die Erfahrung hat mich oft zum Nachdenken veranlaßt über die Verwandtschaft, ja Einerleiheit des Alls mit dem Nichts, dem nihil, und wenn es erlaubt ist, von diesem unheimlichen Wort eine Bildung abzuleiten, die eine Gesinnungsart, ein Weltverhalten bezeichnet, so kann man den Geist der Allumfassung mit demselben Recht den Geist des ‘Nihilism’ nennen. [...] (2)

Goethe läßt sich nicht im Bann der Begeisterung für eine Anschauung, für ein Einzelnes ziehen, er legt sich nicht auf ein Einzelnes fest, sondern behält eine kalte Distanzhaltung gegenüber allem, eine ironische Distanziertheit (3), eine unverbindliche Stellung. Er ist das Ganze, er schafft Universalität, er realisiert eine „umfassende Ironie“. Nichts wird bejaht - er ist nicht begeistert - , doch nichts wird verneint - er ist das Ganze, er ist universal, seine Ironie schafft es durch ihre Nichtfestlegung auf ein Einzelnes allumfassend zu sein; alles wird bejaht, aber alles wird verneint. Die Allbejahung bedeutet zugleich eine Allverneinung, denn wer alles bejaht, bejaht eigentlich keines, stellt keines als besonders aus der Reihe, hebt keines als solches hervor, sondern läßt es gleichwertig unter den anderen ruhen. Das „allgemeine Geltenlassen“ ist eine „vernichtende Toleranz“ (4). Wenn man alles bejaht, kann man kein Einzelnes wahrhaft bejahen, denn, da alles bejaht wird, wird auch der Gegensatz jedes Einzelnen bejaht und dadurch dieses Einzelne zugleich verneint, die Bejahung des Einzelnen relativiert. Was hier von Riemer dargelegt wird, ist eine reine, absolute Ironie. Sie legt sich auf nichts fest, bindet sich an kein Einzelnes, schafft es, in absoluter Schwebe zu bleiben. Diese Ironie realisiert eine absolute Universalität, eine gottgleiche Ganzheit (5), doch auch eine diabolische All-Negation. Wenn an alles glaubt und alles ist, glaubt eigentlich an nichts und ist nichts, hat sein „Sach' auf nichts gestellt“ (6), und dies macht den hintergründigen Nihilismus der ironischen Universalität Goethes aus, wie sie Riemer sieht. Diese Ungläubigkeit wird für die Mitmenschen in Goethes zeitweiliger „Mürrischkeit“, in seinem manchmal „maussaden“ Zustand, in seiner bekannten gelegentlichen „Verlegenheit“ (7) sichtbar. Die ironische Universalität ist sowohl ein Sowohl-als-auch als auch ein Weder-noch.

Die Ironie als Allbejahung und Allverneinung identifiziert Mann mitunter mit der Kunst selber, so in dem Vortrag für Studenten der Universität Princeton Die Kunst des Romans:

[...] ich gebrauche das Wort [Ironie] hier in einem weiteren, größeren Sinn [...]. Es ist ein in seiner Gelassenheit fast ungeheuerer Sinn: der Sinn der Kunst selbst, eine Allbejahung, die eben als solche auch Allverneinung ist; ein sonnenhaft klar und heiter das Ganze umfassender Blick, der eben der Blick des Kunst, will sagen der Blick höchster Freiheit, Ruhe und einer von keinem Moralismus getrübten Sachlichkeit ist. Es war der Blick Goethe’s [...]. (8)

An derselben Stelle gebraucht Mann auch den Ausdruck „diese Welt-Ironie der Kunst“ (9). Wie auch in Riemers Darlegungen werden Universalität und Ironie als zusammengehörig betrachtet. Die Ironie ist für Mann die Substanz der Kunst. Als Nichtverpflichtung, als Unverbindlichkeit, als Schwebe bedeutet sie Freiheit. Kunst ist für Thomas Mann nicht Entscheidung, sondern ein ironisch-freies Spiel mit Gegensätzen, die in ihrer Bedeutsamkeit beleuchtet werden. In einem Brief an Kurt Martens vom 30. 12. 1914 schreibt er:

Aber wie ich nun einmal bin, werde ich der Mahnung, für das Leben gegen den Tod als Künstler Partei zu nehmen, nie folgen können. Ich kann überhaupt nirgends Partei nehmen - ich würde es als einen Raub an meiner Freiheit empfinden. Was ist vornehmer, das Leben oder der Tod? Ich weiß es nicht [...]. Diese Fragen, finde ich, soll man in Künstlerfreiheit und Unverbindlichkeit aufwerfen und lebendig machen, ohne sie zu entscheiden (10).

Die im Zeichen der ironischen Universalität stehende Kunst ist keine „moralische“ Kunst und verfolgt keine moralischen Wirkungen. Sie orientiert sich nicht an die Ethik, denn sie orientiert sich an überhaupt keine Normen. Sie läßt als unparteiische Kunst, als ironisch-freies Spiel sowohl das „Gute“ als auch das „Böse“ gelten. Sie ist keine zweckorientierte Kunst. All dies wird aus Riemers Worten deutlich. Er erläutert, daß Goethes Kunst und Wesen „nicht moralisch ist, sondern elementarisch, neutral und boshaft-verwirrend, kurzum elbisch“ und spricht von „einer Welt des allgemeinen Geltenlassens und der vernichtenden Toleranz“, von „einer Welt ohne Zweck und Ursach', in der das Böse und das Gute ihr gleiches ironisches Recht haben [u. Hervorh.; D.F.]“ (11). Thomas Mann behandelt diese Frage ausführlicher in seinem Aufsatz Der Künstler und die Gesellschaft. Hier wird vom Gegensatz von Ethik und Ästhetik gesprochen, wobei der ästhetische Mensch als Ironiker betrachtet wird:

Denn man weiß ganz gut, daß der Künstler kein ursprünglich moralisches Wesen, sondern ein ästhetisches ist, daß sein Grundtrieb das Spiel ist und nicht die Tugend, ja, daß er sich in aller Naivität herausnimmt, mit den Fragestellungen und Antinomien der Moral auch nur dialektisch zu spielen... (12)

Allerdings hat es mit dem Bösen in der Kunst eine andere Bewandtnis als mit dem Bösen im Leben:

In der ästhetischen Welt, das ist wahr, braucht das Böse, das höhnisch Menschenfeindliche und Grausame nicht das Schlechte zu sein. Es habe nur Qualität, so ist es ‘gut’. In der Welt des Lebens und der Menschlichen Gesellschaft aber ist das Schlechte, Dumme und Falsche auch das Böse, nämlich das Menschenunwürdige und Verderbliche [...].

Daher hat Thomas Mann gegen das Böse im Leben, gegen die nationalsozialistische Diktatur erbittert gekämpft und für die Demokratie Partei ergriffen. Die „Komik“ seiner Rolle als „Wanderredner der Demokratie“ hat aber der Ästhet und Ironiker Thomas Mann „selbst zu der Zeit meines (13) leidenschaftlichsten Verlangens nach Hitlers Untergang“ (14) eingesehen.

Die Kunst der ironischen Universalität ist also nicht an die Moral gebunden. Sie kann aber als Ganzes dennoch eine bessernde, eine moralische Wirkung haben. Als geistige Belebung, als Erfassung der Welt durch die kunstvoll verwendete Sprache kultiviert sie Einsicht und Verständnis, wohnen ihr bestimmte Werte innen. Im seinem Essay Der Künstler und die Gesellschaft schreibt Mann:

Der Künstler ‘verbessere’ die Welt auf eine ganz andere Weise als durch moralische Lehre, nämlich indem er sein Leben - und auf eine stellvertretende Weise das Leben überhaupt - im Wort, im Bild, im Gedanken befestige, ihm Sinn und Form verleihe und die Erscheinung durchsichtig mache für das, was Goethe ‘des Lebens Leben’ nannte: den Geist. (15)

Kehren wir zu Lotte in Weimar zurück. Riemer fährt damit fort, indem er von „einer ungeheueren Gutmütigkeit“ spricht, „die mit dem elbischen Wesen verbunden ist und ihm zugleich entgegensteht, so daß es ihm widerspricht und ihm antwortet: ‘Was weißt du, was der Mensch bedarf!’“ und fügt hinzu: „So werden aus lauter Gutmütigkeit das Natur-Elbische und die umfassende Ironie denn doch moralisch [...].“ (16) Die nihilistisch-elbisch Ironie scheint Güte und Menschenfreundlichkeit nicht auszuschließen, ja sie scheint geradezu diese hervorzurufen. Thomas Mann - die Selbstbespiegelung ist hier unübersehbar - hat des öfteren geäußert, daß Unglaube und Skepsis Güte, Sympathie, menschliche Anteilnahme (wenn auch nicht eigentliche Liebe) erwecken können und das ihm eben dies geschehen ist, so auch in Der Künstler und die Gesellschaft:

Geradeheraus: ich habe nicht viel Glauben, glaube aber auch nicht sehr an den Glauben, sondern weit mehr an die Güte, die ohne Glauben bestehen kann und geradezu das Produkt des Zweifels sein kann. (17)

In der Tat war der skeptische und ironische-universale Thomas Mann der Güte und Menschenfreundlichkeit verbunden. Sein Tiefstes und Eigentliches war Zweifel und Ironie, doch „Sympathie“, Humanität und Humor gehörte ebenso unverkennbar zu seinem Wesen. Wie fremd und antipathisch ihm die sympathielose Skepsis war, zeigt der erste der Briefe aus Deutschland von 1922, in dem er sich von Spengler und dessen von ihm zunächst verehrten „Untergang des Abendlandes“ distanziert. „Mit ‘amor’ gerade hat er am allerwenigsten zu tun, - und das ist Abstoßende daran“, schreibt Mann; er spricht von der „oberlehrerhaften Sympathielosigkeit des Spengler’schen Fatalismus“ und setzt hinzu : „Pessimismus ist nicht Lieblosigkeit.“ (18) Auch in Goethes Fall wächst nach Riemer auf dem nihilistischen Grund eine humanitäre Ebene:

[...] man spürt, daß er gar gern den Menschen etwas zuliebe tun, ihnen die Welt zugute machen und sie leben lehren möchte - nicht aus Achtung gerade, aber eben aus Liebe, oder sagen wir vielleicht lieber: aus Sympathie. (19)

Die Kunst der ironischen Universalität schafft es trotz und gerade wegen der nihilistisch-ironischen Gleichberechtigung des Bösen und des Guten menschenfreundlich und gutmütig zu sein. In dem Aufsatz Der Künstler und die Gesellschaft heißt es:

[...] so weit sie [die Kunst] gehe in der Ironisierung der Wirklichkeit und sogar ihrer selbst, - es liegt nicht in ihrer Art, ‘den Kampfplatz mit Hohngelächter zu verlassen’. Sie streckt nicht dem Leben, zu dessen geistiger Belebung sie geschaffen ist, die kalte Teufelsfaust entgegen. Sie ist dem Guten verbunden, und auf ihrem Grunde ist Güte, der Weisheit verwandt, noch näher der Liebe. (20)

Über ironisch-nihilistische Universalität zu verfügen, das All und Nichts in sich zu haben ist aber kein leicht zu tragendes Schicksal und keineswegs beglückend: „Denn das Glück, ich müsste denn ganz und gar irren, ist allein bei der Glaubigkeit und der Begeisterung, ja bei der Parteinahme, nicht aber bei der elbischen Ironie und dem vernichtenden Gleichmut“ (21), bemerkt Riemer. Proteus, „der sich in alle Formen verwandelt und in allen zu Hause ist, der zwar immer Proteus, aber immer ein anderer ist und recht eigentlich sein Sach’ auf nichts gestellt hat“ (22), kann kein glückliches Wesen sein.

Für Riemer ist der tiefste und wesentliche Zug der ironischen Universalität Goethes der ihr innewohnende Nihilismus. Letztendlich ist ihm Goethe „ein unglaubiger Geist, ohne Gemüt, welches bloß in der Gestalt der Sympathie und einer gewissen Buhlerei bei ihm erscheint, und seine Sache ist ein alles umfassender Skepticism - der Skepticism des Proteus.“ (23) Die nihilistische Ironie erstreckt sich schließlich auch auf die unter dem Prinzip der ironischen Universalität stehende Kunst:

Aber da sie [„die elbische All-Ironie“] der Sinn der absoluten Kunst ist, - glaubt sie denn auch nur an die Kunst? Das tut sie mitnichten, meine Verehrte. Sie steht im Grunde recht souverän dazu. ‘Ein Gedicht’, habe ich ihn sagen hören, ‘ist eigentlich gar nichts. Ein Gedicht, wissen Sie, ist wie ein Kuß, den man der Welt gibt. Aber aus Küssen werden keine Kinder. (24)

Riemers Diskurs endet also damit, daß sich die unter dem Zeichen der ironischen Universalität stehende Kunst selbst ironisiert, daß sie die ironische Haltung selbst in Frage stellt. Diese Ironie der Ironie bedeutet zugleich eine absolute, eine reine Skepsis, ein totaler und vollendeter Nihilismus: auch der Glaube an die eigene Haltung ist weg, man glaubt somit an überhaupt nichts, auch nicht an die eigene Einstellung der nihilistisch-ironischen Universalität. Die ironische Kunst wird unter anderem im Hinblick auf ihren im Gegensatz zum „Leben“ und zur „Wirklichkeit“ nichtaufbauenden Charakter, auf ihre entbehrende Ergiebigkeit und fehlende Fruchtbarkeit relativiert („Aus Küssen werden keine Kinder“). Dieses Thema wird von Charlotte, die das produktive Leben repräsentiert, weiter entwickelt.
Soweit Riemers Anschauungen über Goethes ironischer Universalität. Das 7. Kapitel bietet ein umfangreicheres, differenzierteres, wahrhaftigeres Goethebild, das manches an Riemers Perspektive überspitzt und übertrieben erscheinen läßt. So wird das Bild von der reinen Ironie, die in absolute Schwebe lebt und sich an überhaupt kein Einzelnes bindet, relativiert: wir werden sehen, das Goethe jenseits aller Ironie feste Gesinnungen hegt. Die Ironisierung der eigenen ironischen Kunst scheint ebenfalls nicht der Realität Goethes zu entsprechen: Goethe ist von dem Glauben ans eigene Künstlertum erfüllt. Wie Hinrich Siefken bemerkt (25), neigt Riemer zur Überspitzung vor allem aufgrund seines heimliches Grolls gegen Goethe (der aus dem Bewußtsein entspringt, als Mittel zum Zweck gebraucht, in der eigenen Manneswürde verletzt und in den eigenen Bestrebungen nicht respektiert zu werden):

Die Verbindung von maulendem Ressentiment mit am Umgang mit Goethe geschulter Intelligenz und Redeweise machen Riemer zu einem Zerrspiegel, der die Konturen der Persönlichkeit Goethes in seiner Charakteristik überscharf wiedergibt [...].

3. Im Goethe-Monolog des 7. Kapitels wird das Thema der ironischen Universalität wieder aufgenommen. Neben Aussagen, die Goethes ironische Universalität bestätigen und das Thema weiterentwickeln, stehen Äußerungen, die die unironische Seite Goethes vorführen, die auf feste, ironisch nicht wieder aufgehobene Überzeugungen Goethes hinweisen. Die festen Anschauungen Goethes treten in einer heftigen Polemik zutage. Polemik verträgt sich nicht mit Ironie, denn sie bekämpft eine bestimmte Position und verteidigt die Gegenposition; sie ist nicht Schwebe zwischen den Gegensätzen, sondern Festlegung und Entscheidung.

Goethes Polemik kommt immer wieder während des Monologs auf. Ein Beispiel ist die aggressive Bekämpfung der Optik Newtons, der er seine eigene Farbenlehre entgegenstellt. Goethe ist sich seiner Sache äußerst sicher: „Die Lehre [Newtons] ist falsch!“ (26) Newton wird als „Lügenmeister und Schutzherr des Schulirrtums“, als „Verleumder des Himmellichts“ und „schlechte[r] Narr“ (27) gebrandmarkt. Die doktrinäre Seite Goethes manifestiert sich auch in seiner strikten Ablehnung der Revolution unter anderem im Gespräch mit dem Sekretär John. Die Revolution steht manchen Grundanschauungen Goethes entgegen. Die plötzliche und gewaltsame Veränderung läuft der Goetheschen Vorstellung vom ruhigen und allmählichen Wachstum zuwider. Der „verunnaturende Drang nach Weltverbesserung“ (28) ist nicht im Sinne von Goethes Pantheismus. Wir treffen also auch bei Thomas Manns Goethe auf Positionen, die nicht ironisiert und relativiert werden. Riemers Bild von Goethes reiner ironischer Universalität wird hier nicht bestätigt.

Auch die im 3. Kapitel Goethe zugeschriebene Ironisierung des eigenen ironisch-universalen Künstlertums - denn andere Aussagen des Monologs werden deutlich machen, daß sein Künstlertum trotz mancher Positionsbehauptung und Parteinahme unter dem Zeichen der ironischen Universalität steht - wird hier nicht bewährt. Vielmehr ist Goethe von einem tiefen Glauben an die eigene künstlerische Existenz durchdrungen. Wille, Ordnung, Tätigkeit, Nutzung des Tages sind die nicht ironisch dementierten Stichworte, die seine künstlerische Produktion und Existenz bestimmen:

Es wird sieben Uhr sein oder nicht weit davon, nach Ordnung und Vorsatz, und kein Dämon wischte das schöne Tableau [des Traumes] hinweg, sondern mein eigener Sieben-Uhr-Wille wars, der zur Sache rief und zum Tagesgeschäft. (29)

Goethe ist der Leistungsethiker: „Aber was [...] hat drin getobt an Arbeit, Geburt und Mühsal. Solche Mühe hat Gott dem Menschen gegeben!“ (30). Goethe glaubt fest am Sinn der Entwicklung und Bildung des Menschen. Er ist von dem Sinn der Erfassung der Welt durch die Sprache fest überzeugt; durch Benennung wird das bunte Durcheinander des Lebens zur Ordnung:

Denn das ist des Menschen Vorrecht auf Erden, daß er die Dinge bei Namen nennt und ins System bringt. Da schlagen sie sozusagen die Augen nieder vor ihm, wenn er sie anruft. Name ist Macht. (31)

Goethes Künstlertum wird von ihm nicht ironisiert. Jenseits der Ironie gibt es also bei Goethe stabile Überzeugungen und Parteinahme. In seinem Buch Thomas Mann und Goethe schreibt Bernhard Blume:

Was Goethe in seinem Nachruf auf Wieland sagte: ‚Der geistreiche Mann spielte gern mit seinen Meinungen, aber... niemals mit seinen Gesinnungen‘ gilt nicht weniger von ihm selbst. Hinter allem ironischen Spiel steht bei ihm ein tiefer Ernst [...]. (32)

Im Monolog entspricht Goethe nicht der reinen, totalen ironischen Universalität des 3. Kapitels. Seine Ironie ist, in Kierkegaards Formulierung, nicht die „unendliche“ romantische Ironie (33), sondern eine „beherrschte Ironie“. Strenggenommen ist eine reine, absolute Ironie einem Menschen nicht möglich. Ohne einen Minimum an Gesinnungen, ohne jedwelchen fixen Orientierungspunkt, in absoluter Schwebe und Indifferenz kann man nicht leben. Reine Ironie bedeutet zugleich die Auslöschung des Willens.

Goethes Gesinnungen sind sogar so fest, daß sie manchmal in eine tyrannische Intoleranz ausarten. Hier scheint für Ironie kein Raum mehr zu sein. Die unironische und undemokratische Unduldsamkeit Goethes kommt des öfteren zum Ausdruck, so z.B. in dem Ausspruch: „...Daß sie urteilen dürfen! Daß jeder urteilen darf. Sollte verboten sein.“ (34) Dem entspricht ein übertriebenes Selbstwertgefühl, ja eine eigene Absolutsetzung. Von Selbstironie ist hier nichts zu spüren:

Wer kanns denn als ich? [...] Zeit, Zeit, gib mir Zeit, gute Mutter, und ich tu alles. [...] ich nehm allen andern die Arbeit ab, die du getan sehen möchtest und die ich am besten mache... (35)

Adele Schopenhauer äußert sich im 3. Kapitel über Goethes Ablehnung und Lähmung des Anderen und Neuen, der romantischen Kunst („Er ist groß und alt und wenig geneigt, gelten zu lassen, was nach ihm kommt. [...] >Das soll nicht aufkommen!< donnerte er [...].“ ) (36), über seinen herrischen Dogmatismus („[...]eine felsstarre Größe, die gebietend und auch wohl verbietend hineinragt in die frische Zeit.“ ). (37)

All das scheint mit ironischer Universalität schwer vereinbar und scheint diese ernstlich zu gefährden. Und doch ist es nicht eine dogmatische Erstarrung, die eine ironische Beweglichkeit ausschließt. Wie im weiteren Text deutlich wird, bleibt bei Goethe genügend ironischer Sinn, genügend Einsicht in die Bedingtheit sowie Rechtfertigung jedes Einzelnen, genügend innere Beweglichkeit und Aufnahmefähigkeit vorhanden, um Universalität zu erhalten. Goethe ist fähig, Möglichkeiten des Menschen wie das Klassische und das Romantische in seinen Kunstwerken zu verwirklichen. Er verfügt über ironische Universalität, wenn auch nicht über eine reine und vollkommene.

Goethes ironische Universalität wird vor allem im zweiten Teil des 7. Kapitels thematisiert. Der folgende Abschnitt ist aufschlußreich:

Ist nicht Versöhnung und Ausgleich all mein Betrieben und meine Sache Bejahen, Geltenlassen und Fruchtbarmachen des einen wie des anderen, Gleichgewicht, Zusammenklang? Nur alle Kräfte zusammen machen die Welt, und wichtig ist jede, jede entwickelnswert, und jede Anlage vollendet sich nur durch sich selbst. Individualität und Gesellschaft, Bewußtsein und Naivität, Romantik und Tüchtigkeit - beides, das andre immer auch und gleich vollkommen - aufnehmen, einbeziehen, das Ganze sein, die Partisanen jedes Prinzips beschämen, indem man es vollendet - und das andre auch... Humanität als universelle Ubiquität, - das höchste, verführerische Vorbild als heimlich gegen sich selber gerichtete Parodie, Weltherrschaft als Ironie und heiterer Verrat des Einen an das Andre [...]. (38)

Keine einzelne Position ist ausreichend, keine ist erschöpfend. Jede Position bezeichnet nur eine Seite und ist nur ein Teil der menschlichen Welt. Kein Einzelnes genügt der Wahrheit („Eine Partei aber hat nicht durchaus recht - dafür ist sie Partei.“ ) (39). Erst alle Positionen spiegeln das Menschliche adäquat wider, alle zusammen werden der Wahrheit gerecht. Jedes Einzelne bringt etwas zur Geltung, aber erst alle Kräfte zusammen können den Menschen vollständig ausdrücken und erkennen lassen. Diese Sachlage rechtfertigt das Streben nach Universalität. Goethe urteilt: „es soll einem nichts unzugänglich sein.“ (40) Ein Mittel zur Erreichung der Universalität ist die Ironie. Ironie bedeutet Nichtfestlegung, Unverbindlichkeit, Schwebe zwischen den Gegensätzen, „heitrer Verrat des Einen an das Andre“. Sie stellt jede Position zugleich als bedingt und als berechtigt heraus. Sie verhindert die Alleinherrschaft eines Einzelnen und grenzt gleichzeitig keines aus. Sie läßt sich nicht auf ein Einzelnes festsetzen und sichert einen offenen Sinn für alles. Sie vermittelt zwischen den Gegensätzen. Von dieser Ironie spricht Thomas Mann auch in seinem Aufsatz Goethe und Tolstoi. Dort verweist er auf

jene nach beiden Seiten gerichtete Ironie, welche verschlagen und unverbindlich, wenn auch nicht ohne Herzlichkeit, zwischen den Gegensätzen spielt und es mit Parteinahme und Entscheidung nicht sonderlich eilig hat: voll der Vermutung, daß in großen Dingen, in Dingen des Menschen, jede Entscheidung als vorschnell und vorgültig sich erweisen möchte, daß nicht Entscheidung das Ziel ist, sondern der Einklang, welcher, wenn es sich um ewige Gegensätze handelt, im Unendlichen liegen mag, den aber jener spielende Vorbehalt, Ironie genannt, in sich selber trägt, wie der Vorhalt die Auflösung. (41)

Die Ironie ermöglicht es dem Goethe Thomas Manns, universal zu sein. Er kann „die Cultur der Welt von gläubiger Blüte bis zum wissenden Verfall persönlich [...] umfassen.“ (42) Er vermag es, alle Seiten und Möglichkeiten des Menschen zu entwickeln.

Die ironische Universalität erfordert eine besondere Aufnahmefähigkeit und Mobilität. Eine überragende Originalität (43) ist keine gute Voraussetzung, weil sie die Empfänglichkeit für Anderes, Verschiedenes vermindert. (Goethe selbst verachtet die Originalität. ) Goethe bringt nicht alles aus sich selber hervor, sondern ist auf fremde Anregungen angewiesen und verdankt vieles anderen. Er ist aber kein Sammler und kein Plagiator, sondern entwickelt schöpferisch das Empfangene und bringt es erst eigentlich zur Geltung und künstlerischer Vollendung: „Ich bin [...] bestimmbar durch alles, aber, bestimmt durch mich, bereichert das Empfangene die Welt.“ (44) Die Voraussetzungen der Empfänglichkeit und der inneren Beweglichkeit erfüllt Goethe in hohem Grade. Seine blitzartige Aufnahme der Gotik auf die Anregung des Kunstgelehrten Sulpiz Boisserée zeugt von der Fähigkeit, das nach und nach Festgesetzte sofort wieder aufzulockern, von einer hervorragenden Rezeptivität, von dem Vermögen, sich selbst zu verlieren, um ein Anderes, Neues zu gewinnen:

Da hatte man auf seine alten Tage sich mühsam von der Jugend, die das Alter zu stürzen kommt, abgesperrt um des eigenen Bestehens willen und sich vor allen Eindrücken neuer und störender Art zu hüten gesucht, um sich zu bewahren -, und auf einmal tut sich dir, zu Heidelberg damals, bei Boisserée auf dem Saal, eine neue Welt auf von Farben und Gestalten, die dich aus dem alten Geleis deiner Anschauungen und Empfindungen zwingt [...]. (45)

Die Herausbildung der Dichtungs- und Denkweise des West-östlichen Divans durch die Lektüre des persischen Dichters Hafis offenbart außerordentliche Beweglichkeit und Einfühlungsvermögen, ja geradezu eine proteushafte Anlage, das Vermögen, sich selber zu verwandeln, in einer anderen, neuen Weise zu fühlen und zu denken:

[...] da du nicht lesen darfst, ohne gestimmt, befruchtet und verwandelt zu werden, ohne die Lust zu kosten, auch dergleichen zu machen und productiv zu werden an dem Erlebten, begannst du persisch zu dichten [...]. (46)

Die ironische Universalität bedeutet zugleich Freiheit, sie bedeutet Nichtverpflichtung gegenüber einer bestimmten Position und gegenüber Anhängern, die in dem Gegenstand ihrer Verehrung die exemplarische Vertretung und künstlerische Verwirklichung einer bestimmten Position feiern. So wird der Kunstprofessor Meyer durch des Klassikers Goethe plötzliche Beschäftigung mit der gotischen Architektur, der „christlichen Bau-Barbarei“ (47) verblüfft und enttäuscht. Der universale Ironiker ist kein treuer Geist. In der Überwindung der einzelnen Haltung, in der Loslösung von der Festlegung, in Unverbindlichkeit findet er seine Freiheit. Er kann kein engagierter Schriftsteller sein. Goethe bereitet überdies die Flucht vor den Erwartungen und Ansprüchen seiner Anhänger ein göttliches Amüsament:

Gibts etwas Lustigeres als den Verrat an den Anhängern? Ein Vergnügen, diebischer als dies, ihnen zu entkommen, sich von ihnen nicht festhalten zu lassen, sie zum Narren zu haben, - einen größeren Spaß als ihre offenen Mäuler, wenn man sich selbst überwindet und die Freiheit gewinnt? (48)

Dem ironisch-universalen Goethe ist „[...] Cultur Parodie“ . Jede Position und künstlerische Leistung ist der Ironisierung durch Parodie (49) ausgesetzt. Das Überragende und Monumentale in der Kunst wird nicht zum absoluten Wert erhoben, sondern durch Parodie relativiert. Dadurch ist Raum für Anderes geschafft. Die Parodie ist eine Form der Ironie; sie ist zugleich erhaltend und zersetzend, bejahend und verneinend:

Parodie... [...] bei allen Besinnlichkeiten, die die Kunst begleiten, ist diese die seltsamst-heiterste und zärtlichste. Fromme Zerstörung, lächelnd Abschiednehmen... Bewahrende Nachfolge, die schon Scherz und Schimpf. Das Geliebte, Heilige, Alte, das hohe Vorbild auf einer Stufe und mit Gehalten zu wiederholen, die ihm den Stempel des Parodischen verleihen [...]. (50)

4. Adele Schopenhauers Erzählung im 5. Kapitel stellt unter anderem die gegensätzlichen Haltungen Goethes und der oft romantisch inspirierten jüngeren Generation zu den politischen Ereignissen der Zeit dar. Dem patriotischen Enthusiasmus der Jüngeren angesichts der Befreiungskriege gegen Napoleon ist der kosmopolitische Goethe völlig abgeneigt. Thomas Mann spielt hier unmißverständlich auf die Geschichte seiner eigenen Zeit an. Lotte in Weimar wurde zwischen November 1936 und Oktober 1939 geschrieben. Die Einstellung der deutschen Patrioten zur Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon spielt deutlich auf die deutsche Haltung an, die zur nationalsozialistischen Diktatur und zum 2. Weltkrieg geführt hat. Solchen katastrophalen Ereignissen beugt Goethes Einstellung vor.

Die Gründe für Goethes Ablehnung der deutschen Befreiungskriege sind mehrere: seine Bewunderung für das Phänomen Napoleon, seine Abneigung gegen das politische Engagement. Der wichtigste und entscheidende Grund für seine Stellungnahme ist aber seine Abwehrhaltung gegen parteiische Leidenschaftlichkeit und nationale Abgrenzung der Deutschen, worin er eine große Gefährdung erblickt. Leidenschaftliche Parteinahme birgt immer die Gefahr der Steigerung in ideologischen Fanatismus in sich. Enthusiastischer Patriotismus kann zu Nationalismus führen. Goethe befürchtet die Steigerung des romantischen patriotischen Enthusiasmus in gehirnlosen national-ideologischen Fanatismus. „[...] der Freiheitssinn und die Vaterlandsliebe [...] laufen Gefahr und sind jeden Augenblick im Begriffe, zur Fratze zu werden“ (51), sagt Goethe und die Erzählerin fügt hinzu:

Ich vergesse nie, mit welcher kalter Erbitterung er das Wort ‚Fratze‘ aussprach, das überall der grimmigste Schimpf ist, über den er verfügt. (52)

Mit tiefer Intuition betrachtet Goethe das patriotische Gefühl während der Befreiungskriege als Vorwegnahme eines Entsetzlichen und ahnt das verhängnisvolle Endergebnis der patriotischen Parteinahme und nationalen Einschränkung der Deutschen. Den vaterländisch-freiheitlich gesinnten Gymnasialprofessor Passov weist er mit folgenden Worten zurecht:

Ich weiß, Sie meinen es gut. Aber es gut und rein meinen, genügt nicht; man muß auch die Folgen abzusehen vermögen seines Betreibens. Vor dem Ihrigen graut mir, weil es die noch edle, noch unschuldige Vorform ist von etwas Schrecklichem, das sich eines Tages unter den Deutschen zu den grassesten Narrheiten manifestieren wird, und wovor Sie selbst sich, wenn etwas davon zu Ihnen dränge, in Ihrem Grabe umkehren würden (53).

Bereits zur Zeit der Befreiungskriege steigert sich der Patriotismus zu einem hysterischen Rausch, zu einer blinden und barbarischen Passion. Goethe stellt fest, daß sich die Nation „in einem Zustande widerlicher und völlig unanständiger Erhitzung“ (54) befinde. Inmitten seiner Landsmänner steht der um „Cultur, Besonnenheit, zügelnde Selbstkritik“ (55) bemühte Goethe einsam: „Das ganze Volk dichtete, es schwelgte und schwamm in Apokalypsen, Prophetengesichtern, in blutigen Schwärmereien des Hasses und der Rache.“ (56) Selbst die romantisch-patriotisch eingestellte Adele Schopenhauer muß feststellen:

[...] die Begeisterung ist schön, allein wenn es ihr gar zu sehr an Erleuchtung fehlt und exaltierte Spießbürger in heißem Feindesblut schwelgen, weil eben die historische Stunde ihnen ihre bösen Lüste freigibt, so hat das selbstverständlich sein Peinliches. (57)

Goethe ist genötigt, sich von gebildeten Freunden, die der allgemeinen Tendenz folgen, zu distanzieren. Ein Beispiel ist Wilhelm von Humboldt, der aus dem „versatilen Humanisten“ ein „grimmiger Patriot und Treiber zum Freiheitskriege“ geworden war und die „Milch weltfrommer Sinnesart“ in „gärend Drachenblut“ (58) verwandelt hatte.

Goethe läßt sich nicht von der patriotischen Begeisterung hinreißen, sondern behält eine ironische Distanz und kühle Übersicht über das Ganze:

Wie ein Mann, der von einem festen Felsen hinab in das tobende Meer schaut und den Schiffbrüchigen zwar keine Hilfe zu bringen vermag, aber auch von der Brandung nicht erreicht werden kann - [...] so habe ich wohlbehalten dagestanden und den wilden Lärm an mir vorübergehen lassen. (59)

Ironie bestimmt Thomas Mann zuweilen als Abstand vom Objekt und überlegenes Darüberstehen, „indem sie über den Dingen schwebt und auf sie herablächelt.“ (60) Die Ironie als Distanzhaltung, als Schwebe, als Haltung, die sich an keine Position bindet und keine Position allein gelten läßt, schließt jegliche Ideologisierung und jeden Fanatismus aus, sie sichert eine Nichtanfälligkeit durch Ideologien. Der Vaterlandsbegeisterung setzt Goethe die ironische Distanz entgegen. Der nationalen Einschränkung und Abkapselung stellt er die Universalität entgegen:

Der Deutsche, statt sich in sich selbst zu beschränken, muß die Welt in sich aufnehmen, um auf die Welt zu wirken. Nicht feindliche Absonderung von anderen Völkern darf unser Ziel sein, sondern freundschaftlicher Verkehr mit aller Welt, Ausbildung der gesellschaftlichen Tugenden auch auf Kosten angeborener Gefühle, ja Rechte. (61)

Der Ideologie widersetzt sich die Ironie, der nationalen Einschränkung die Universalität. Der national-ideologischen Abkapselung steht die ironische Universalität entgegen. Die ironische Universalität erhält die Funktion der Vorbeugung der ideologischen Gefährdung. Im geschichtlichen Kontext der nationalsozialistischen Herrschaft werden Ironie, Universalität, Übersicht zur Grundlage für vernünftiges und verantwortliches Denken und Handeln.

Im Goethe-Monolog werden diese Zusammenhänge erneut aufgegriffen. Wieder rät Goethe den Deutschen zur ironischen Vermittlung und Universalität:

So solltens die Deutschen halten, darin bin ich ihr Bild und Vorbild. Welt-empfangend und welt-beschenkend, die Herzen weit offen jeder fruchtbaren Bewunderung, groß durch Verstand und Liebe, durch Mittlertum, durch Geist - denn Mittlertum ist Geist -, so sollten sie sein, und das ist ihre Bestimmung, nicht aber als Originalnation sich zu verstocken [...] (62)

und spricht anschließend die Prophetie aus: „Unseliges Volk, es wird nicht gut ausgehen mit ihm [...].“ (63) Auch an anderer Stelle in seinem Monolog widersetzt sich Goethe der nationalen Abkapselung der Deutschen. Der Text enthält hier sogar eine Andeutung auf Hitler:

[...] daß sie [die Deutschen] sich jedem verzückten Schurken gläubig hingeben, der ihr Niedrigstes aufruft, sie in ihren Lastern bestärkt und sie lehrt, Nationalität als Isolierung und Roheit zu begreifen, [...] ist miserabel. (64)

Das spezifisch Deutsche ist nach Thomas Manns Auffassung (65) das Dämonische, das Innerlich-Tiefe, das Musikalische, das Geniehafte im Gegensatz zum Mediterraneuropäischen, d.h. dem Urbanen und Gesitteten, der Klarheit, der Vernunft. Thomas Mann hat hervorgehoben, daß sich der Deutsche nicht auf sein Teil beschränken soll, da das reine, das ausschließlich Deutsche die Gefahr der unheilvollen Vereinseitigung und der Steigerung in Barbarei in sich birgt. Schon viele Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten schreibt Mann in der Rede Von deutscher Republik:

Wo irgend Größe waltet, da setzt das Physiognomisch-Nationale sich aller kosmopolitischen Hingabe ungeachtet unfehlbar durch, und unter uns Deutschen wenigstens scheint Grundgesetz, daß, wer sich verliert, sich bewahren wird, wer sich aber zu bewahren trachtet, sich verlieren, das heißt der Barbarei oder biederer Unbeträchtlichkeit anheimfallen wird. (66)

Auch im berühmten Aufsatz Deutschland und die Deutschen drückt Mann seine Befürchtungen angesichts des ausschließlich Deutschen aus:

Martin Luther, eine riesenhafte Inkarnation deutschen Wesens, war außerordentlich musikalisch. Ich liebe ihn nicht, das gestehe ich offen. Das Deutsche in Reinkultur, das Separatistisch-Antirömische, Anti-Europäische befremdet und ängstigt mich [...] und das spezifisch Lutherische, das Cholerisch-Grobianische, [...] das fürchterlich Robuste, verbunden mit zarter Gemütstiefe [...], erregt meine instinktive Abneigung. (67)

Der Deutsche soll die Gefahren des nur Deutschen durch die Einbeziehung des Mittelmeerländischen, des Urbanen und Vernünftigen, überwinden. Er soll eine ausgleichende Universalität erreichen. Die beiden Elemente, das Deutsch-Nordische und das Mediterraneuropäische, halten sich dann die Waage, stehen in einem ironischen Gleichgewicht. Goethe selbst gilt als Vorbild für diese ausgleichende Universalität. Der Roman schildert, wie sich in Goethes Familie nördliches und südliches, germanisches und romanisches Blut vermischt hat. In Lindheim, dem ursprünglichen Heimatboden des Geschlechts der Großmutter Goethes, der in der Nähe des römischen Grenzwalls liegt, ist „antikes und Barbarenblut“ (68) stets zusammengeflossen. Goethes Erbgut verbindet beides, er besitzt eine universale Veranlagung. Bei ihm ist das Deutsche, aber auch das Gleichgewicht herstellende mediterran-europäische Element vorhanden:

[...] da doch von ihrem [der Deutschen] Mark, dem Sachs’schen, Lutherschen, so vieles auch in dir, woran du dich in breitem Trotze freust, aber nach deines Geistes Form und Siegel nicht umhin kannst, es in Klarheit und Anmut und Ironie emporzuläutern.  (69)

Im kurzen Aufsatz Die drei Gewaltigen spricht Mann über

die gebildete Natur Goethes’s, der Erasmus war und Luther dazu, der eine Vereinigung des Urbanen und des Dämonischen darstellt [...]. Das Deutsch-Volkhafte und das Mediterran-Europäische in vollkommen zwangloser und einleuchtender Synthese, in einer Verbindung, die im Wesen dieselbe ist wie die des Geniehaften und des Vernunftvollen in ihm, des Geheimnisses und der Klarheit, des geschliffenen Wortes, des Dichters und des Schriftstellers, der Lyrik und der Psychologie - [...] es ist ein Wunder! (70)

Durch ausgleichende Universalität überwindet Goethe die deutsche Gefährdung durch nationale Beschränkung.

Jedoch wird Goethe dem deutschen Weg, der zur nationalsozialistischen Katastrophe geführt hat, nicht restlos gegenübergestellt. Den Goethe des Romans kennzeichnet seine Ambivalenz. Überdies würde sich eine solche Gegenüberstellung mit Thomas Manns Widerstand gegen die Trennung eines „guten“ von einem „bösen“ Deutschland nicht vertragen. Gerade mit Bezug auf Goethe bemerkt Mann:

Großes Deutschum hat von Gutsein soviel, wie Größe überhaupt eben davon haben mag, aber das ‚böse‘ Deutschland ist immer auch in ihm [...]. (71)

Für Mann gibt es das „Deutschland im weißen Kleid“ (72) nicht. Neben der der national-ideologischen Einschränkung vorbeugenden ironischen Universalität steht die schon erwähnte Goethsche Tyrannei. Goethe nötigt anderen Menschen mit einer gebieterischen Intoleranz seine Anschauungen auf und duldet oft keinen Widerspruch. Ein Teil der Schuld an der Herausbildung dieser Tyrannei trägt die Gesellschaft, indem sie durch ihre Unterwürfigkeit und ihre Erwartungen Goethe in eine herrschende Rolle hineinzwängt, indem sie, wie Adele Schopenhauer bemerkt, den großen Herren „einen peinlichen Mißbrauch ihrer Überlegenheit aufdrängt.“ (73) Gleichwohl handelt es in beträchtlichen Maße sich auch um einen Impuls Goethes. Mann hat Deutschland als ein Land charakterisiert, in dem „die Größe zu einem undemokratischen Hypertrophieren neigt“, in dem „Größe [...] Knechtschaft auf der einen und ein Überwuchern absolutistischen Ich-Gefühls auf der anderen Seite schafft.“ (74) Im geschichtlichen Kontext des nationalsozialistischen Regimes spielt Goethes Tyrannei unausbleiblich auf den Diktator an. Goethe ist für die Menschen seiner Umgebung ein verpflichtendes Vorbild. Beispielhaft wird seine herrschende Stellung beim Tischgespräch im 8. Kapitel, das größtenteils die Rede eines Einzelnen ist, vorgeführt. Goethe behandelt die Tischgenossen mitunter so, als ob sie Menschen ohne eigene Urteilskraft wären. Die Unterhaltung steuert einer Maxime zu:

Der große Mann ist ein öffentliches Unglück. (75)



Primärliteratur:

1. Zitiert wird nach: Thomas Mann: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden, Frankfurt am Main 1974. (Band, Seite)
 

Sekundärliteratur:

1. Blume, Bernhard: Thomas Mann und Goethe, Bern 1949.

2. Hamburger, Käte: Der Humor bei Thomas Mann. Zum Joseph-Roman, München 1965.

3. Jendreiek, Helmut: Thomas Mann. Der demokratische Roman, Berlin 1977, S. 398-411.

4. Siefken, Hinrich: Thomas Mann. Goethe – “Ideal der Deutschheit“, München 1981.

5. Petersen, Jürgen: Die Rolle des Erzählers und die epische Ironie im Frühwerk Thomas Manns, Köln 1967 [Dissertation, Universität Köln], S. 18-46.

6. Wysling, Hans: Thomas Manns Goethe-Nachfolge. In: Hans Wysling: Ausgewählte Aufsätze. 1963-1995, Frankfurt am Main 1996, hrsg. von Thomas Sprecher und Cornelia Bernini. (Thomas-Mann-Studien, Bd. 13).

 


ANMERKUNGEN:


(1) S.Petersen1967,S. 18-46.

(2) Lotte in Weimar (II, 439).

(3) Mann selber wurde des öfteren Kälte und fehlende Anteilnahme vorgeworfen. Indem er dem größten deutschen Dichter die nämliche Haltung zuschreibt, schafft er eine Apologie seiner selbst. Auch in anderen Fällen ist in der Darstellung Goethes eine - ob vorsätzliche oder unwillkürliche - Selbstverteidigung Manns erkennbar.

(4) Lotte in Weimar, S. 443.

(5) Vgl. Blume 1949, S. 48: “Volkommene Ironie ist nur einem Gotte möglich, und in der Tat usurpiert der Ironiker den Platz Gottes.”

(6) Lotte in Weimar, S. 442.

(7) ebd., S. 446.

(8) Die Kunst des Romans (X, 353).

(9) ebd.

(10) Zit. nach Wysling 1996, S. 41.

(11) Lotte in Weimar, S. 443.

(12) Der Künstler und die Gesellschaft (X, 386).

(13) ebd., S. 393.

(14) ebd., S. 397.

(15) ebd., S. 386.

(16) Lotte in Weimar, S. 444.

(17) Der Künstler und die Gesellschaft (X, 386).

(18) Erster Brief der Briefe aus Deutschland (XIII, 266).

(19) Lotte in Weimar, S. 445.

(20) Der Künstler und die Gesellschaft, S. 398-399.

(21) Lotte in Weimar, S. 445.

(22) ebd.

(23) ebd.

(24) ebd., S. 446.

(25) Siefken 1981, S. 208.

(26) Lotte in Weimar, S. 627.

(27) ebd.

(28) ebd., S. 668-669.

(29) ebd., S. 619-620.

(30) ebd., S. 630.

(31) ebd., S. 634.

(32) Blume, S. 51.

(33) zit. nach Blume, S. 50.

(34) Lotte in Weimar, S. 624-625.

(35) ebd., S. 629.

(36) ebd., S. 490.

(37) ebd., S. 491.

(38) ebd., S. 658.

(39) ebd., S. 676.

(40) ebd., S. 643.

(41) Goethe und Tolstoi (XI, 170-171).

(42) Lotte in Weimar, S. 681.

(43) s. ebd., S. 664.

(44) ebd.

(45) ebd., S. 642.

(46) ebd., S. 664.

(47) ebd., S. 643.

(48) ebd.

(49) ebd., S. 622.

(50) ebd., S. 680-681.

(51) ebd., S. 510.

(52) ebd.

(53) ebd., S. 511.

(54) ebd., S. 533.

(55) ebd., S. 535.

(56) ebd.

(57) ebd.

(58) ebd., S. 533.

(59) ebd., S. 509.

(60) Humor und Ironie. Beitrag zu einer Rundfunkdiskussion (XI, 802).

(61) Lotte in Weimar, S. 510.

(62) ebd., S. 664.

(63) ebd.

(64) ebd., S. 657-658.

(65) s. z.B. die Aufsätze: Deutschland und die Deutschen (XI, 1126-1148), Phantasie über Goethe (IX, 713-754), Die drei Gewaltigen (X, 374-383).

(66) Von deutscher Republik (XI, 814).

(67) Deutschland und die Deutschen, S. 1132-1133.

(68) Lotte in Weimar, S. 657.

(69) ebd.

(70) Die drei Gewaltigen, S. 382-383.

(71) ebd., S. 379.

(72) Deutschland und die Deutschen, S. 1146.

(73) Lotte in Weimar, S. 486.

(74) Goethe und die Demokratie (IX, 765).

(75) Lotte in Weimar, S. 734.


 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 8. Jg., 1-2 (15-16) / 1999, S. 171-180

 

 

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