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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

 

 

ZEITSCHRIFTEN- UND BÜCHERSCHAU


Iulia Karin Patrut / George Guþu / Herbert Uerlings (Hrsg.), Fremde Arme – arme Fremde. „Zigeuner” in Literaturen Mittel- und Osteuropas. Peter Lang, Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2007 [272 Seiten]. [Reihe: Inklusion/Exklusion. Studien zu Fremdheit und Armut von der Antike bis zur Gegenwart. Herausgegeben für den Sonderforschungsbereich 600 „Fremdheit und Armut” von Andreas Gestrich, Lutz Raphael und Herbert Uerlings. Band 3. Zugleich Band 17 zur Schriftenreihe GGR-Beiträge zur Germanistik / Herausgegeben von George Guþu]*)

Auf dieses aktuell sehr gefragte Thema werden zunehmend internationale Perspektiven entworfen: Vor nicht allzu langer Zeit hat Pablo Coelho einen Roman veröffentlicht, Die Hexe aus Portobello, dessen rumänische Übersetzung ein großer Erfolg wurde (der Verlag Humanitas verkaufte allein während der ersten beiden Wochen 20.000 Exemplare). Im Roman wird eine ‚Zigeunerin’ aus Rumänien von einer libanesischen Familie adoptiert – in Wirklichkeit handelt es sich um eine österreichische Familie, aber bekanntlich steht in der ‚Sprache der Eingeweihten’ Wien für den Orient...

In neuester Zeit hat sich ein Forschungsfeld herausgebildet, das die komplexen Verweissysteme literarischer und ethnographischer Repräsentation der ‚Zigeuner’ untersucht.

Was ist davon zu halten, dass die ‚Zigeuner’ in westeuropäischen Literaturen stolze Künstler, vornehme und leidenschaftliche Charaktere, unbeugsame Herren ihrer eigenen Schicksale sind, während osteuropäische Texten sie als Sklaven mit orientalischem Charakter, denen jede Ordnung widerstrebt, zeigen? An mehreren Universitäten in Europa wird dem gegenwärtig insbesondere in der Germanistik nachgegangen, und somit widmet sich die Universität Trier gemeinsam mit der Universität Bukarest der Semantisierung der ‚Zigeuner’ als ‚Fremde im eigenen Land’ von 1850 bis zur Gegenwart. Dieses Vorhaben ist um so notwendiger, als, wie Michael Krausnik bereits 1981 bemerkte, die Geschichte der Sinti und Roma noch viele unaufgearbeitete Legenden beinhaltet, zumal sie oft von „Unwissenden, Verächtern, Verfolgern und Mördern“ [1]betrieben wurde.

Die Ergebnisse einer Tagung[2], die unter dem Dach des Kongresses der Germanisten Rumäniens im Frühjahr 2006 in Timiºoara stattfand, wurden nun im hier besprochenen Band veröffentlicht. Auf dem Titelblatt ist ein verschollenes Gemälde von Ludwig Knaus aus dem Jahr 1855 zu sehen, auf dem der Dorfschulze eine ‚Zigeuner’-Gruppe nach ihren Papieren befragt. Es ist ein Bild voller Humor, das die Entrüstung des Ordnungshüters mit der Nonchalance und der Gelöstheit der ruhenden ‚Zigeuner’ kontrastiert, und dadurch den Gegensatz zwischen Ordnung und Freiheit, zwischen den Regeln des dörflichen bzw. städtischen Lebens und dem scheinbar schrankenlosen Umherziehen in plastischer Weise veranschaulicht. Und auf all jene, die vor 1989 in Rumänien gelebt haben, dürfte die angemaßte Autorität und der Kontrollgestus des Schulzen noch lächerlicher wirken.

Die Darstellungen der ‚Zigeuner’ in den Literaturen Deutschlands, der Schweiz, Österreichs und Rumäniens weisen in der Tat Gemeinsamkeiten auf, aber auch Unterschiede, die zu weiteren Überlegungen anregen. In den ersten drei Ländern waren die ‚Zigeuner’ eine Kontrastfolie zum Bürgertum, während in den Rumänischen Fürstentümern, wo die Gesellschaft überwiegend von landwirtschaftlicher Arbeit geprägt war, im 19. Jahrhundert noch andere Diskurskoordinaten vorherrschten. ‚Zigeuner’ sah man in Deutschland und Österreich einerseits, in der Traditionslinie Herders, als ‚asiatische Fremde’, andererseits gestand man ihnen die Fähigkeit zur Kunst zu, und die Zugehörigkeit zu den indo-europäischen Völkern wurde zu einem inkludierenden Argument. Dagegen wurde in Rumänien, ‚an den Toren des Orients’, das Talent (das sich zahlreiche ‚Lokalgenies’ selber zuschrieben) niemals zu einem ernst genommenen Argument.

Der aussagekräftige Titel der ausführlichen Einleitung von Herbert Uerlings und Iulia-Karin Patrut, Fremde Arme – arme Fremde. ‚Zigeuner’ in Literaturen Mittel- und Osteuropas vereint zwei zentrale historische Erfahrungen der als ‚Zigeuner’ Stigmatisierten: jene der Armut und jene der Fremdheit. Das Fazit der Forscher ist drastisch: in allen Literaturen müssen erst breite Schichten an Klischees abgetragen werden. Während westliche Autoren wie Byron, Chateaubriand, Borrow, Hugo, Gautier, Mérimée oder auch Karl May stolze, heldenhafte Gestalten darstellen, zeigen die Texte aus dem südosteuropäischen Raum Bilder der Bettelei, der Armut und Sklaverei. In Österreich, wo ‚der Dichter’ sich mit Vorliebe als ‚Zigeuner’ definierte (Kugler: Lenau), und wo die ‚Zigeuner’ als Meister der Musik und des Lebens dargestellt wurden, in der Schweiz und in Deutschland, wo künstlerische Genialität zum inkludierenden Impuls werden konnte (ein Impuls, der auf politischer Ebene freilich nicht umgesetzt wurde), setzten sich Klischees durch, die in Südosteuropa von nachrangiger Bedeutung waren.

Mit den stereotypen ‚Zigeuner’-Bildern des rumänischen Raumes befasst sich Anca Rãdulescu, indem sie das Epos Þiganiada untersucht und einige Passagen daraus ins Deutsche übersetzt. Die Erörterungen zur Persönlichkeit Budai-Deleanus im Kontext der rumänischen Aufklärung sind, gerade für die deutschen Leser des Buches, notwendig, und schildern die emanzipatorischen Gedanken des polyglotten Gelehrten (der Studien in lateinischer, deutscher und rumänischer Sprache veröffentlichte und außerdem Griechisch, Französisch, Italienisch, Ungarisch, Polnisch, Ukrainisch, Russisch und etwas Hebräisch sprach) eindrucksvoll. Budai, der zehn Jahre in Wien gelebt hatte, bevor er zum höheren Beamten in Lemberg wurde, hat auch ein Traktat über die Geschichte der Einwohner Transsilvaniens verfasst sowie die Kurzgefassten Bemerkungen über Bukowina, einen politischen Essay in deutscher Sprache, der durch starken Ausdruck und Treffsicherheit überzeugt. Als Beamter hatte sich Budai mit den Aktivitäten des Bojaren Vasile Balº befasst und sich in diesem Zusammenhang auch mit allen Minderheiten der Region auseinandergesetzt – „Moldauer, Russen, Deutsche, Juden, Armenier, Griechen, Ungarn, Lipovaner und Zigeuner“. Den Letzteren widmete er sich nicht ohne Sympathie, vielleicht motiviert durch die Gedanken ‚aufklärerischer Brüderlichkeit’ oder durch Mitleid. In diesem Kontext setzt die hervorragende hermeneutische Arbeit Anca Rãdulescus an der Þiganiada an, wobei ein Interpretationsansatz die ‚Zigeuner’ als Allegorie, als Symbol der Logenbrüder, der Eingeweihten sieht, ausgehend von dem Mysterium der ägyptischen Herkunft und von dem Hell-Dunkel-Kontrast, den sie etwa in dem Bild der ‚weißen Zigeunerei’ sieht.

Raluca Rãdulescu schreibt über weitere ‚Zigeuner’-Darstellungen der rumänischen und rumäniendeutschen Literatur und widmet sich ausführlich der ‚Weisheit’ des ‚Zigeuner’-Helden in Haºdeus Rãzvan und Vidra, der Beschreibung ‚zigeunerischer’ Lebensweise in Zaharia Stancus Roman ªatra und dem Phantastisch-Exotischen in Mircea Eliades Bei den Zigeunerinnen. Besonders interessant fiel das Fazit zu dieser Erzählung aus: Bei Eliade erhält das kollektive Portrait der ‚Zigeuner’ eine Aura, die man so verstehen könnte, dass die ‚Zigeuner’ nur durch eine Überschreitung der Grenzen des Realen positive Züge erhalten können.

Die Studie George Guþus (Das Ethnospezifische und das Menschliche. Gedanken zur Gestalt des ‚Zigeuners’ im Werk von Hans Bergel) ist einem Autor gewidmet, dessen Romane Tanz in Ketten (1977) und Wenn die Adler kommen (1996) dem rumänischen Publikum bislang wenig bekannt sind.[3] Hans Bergel zählt zu den aufmerksamsten Beobachtern des pluriethnischen Lebens in Transsilvanien. Er ist Urheber einer archetypisch-überzeichneten Typologie der Bewohner Transsilvaniens – von dem Rumänen „thraco-slawisch-romanischer Begegnung“, „Hirten“, über die „eurasiatischen finnisch-ugrischen“ Magyaren, „Jäger und Krieger“, „die dem germanischen Völkerkreis angehörenden Deutschen“,  „Bauern“ bis hin zu den „im 14. Jahrhundert von den Scharen Timur Lenks nach Südosteuropa getriebenen“ ‚Zigeunern’, so benannt (laut Bergel) „nach dem griechischen ›thingano‹, der Bezeichnung einer kleinasiatischen Sekte“. George Guþu bemerkt, dass bei Hans Bergel keineswegs das Pittoreske und Pikkareske der ‚Zigeuner’ im Mittelpunkt stehen, sondern die Gelassenheit, die Unbefangenheit und die Nonchalance, Eigenschaften also, die auf die Traditionslinie Lenaus schließen lassen.

Die Studie Alexandra Millners über die wenig erforschte, aus dem Banat stammende österreichische Schriftstellerin Marie Eugenie delle Grazie (1864-1931) widmet sich (teilweise stereotypen) Schattenseiten des ‚Zigeuner’-Daseins in der Erzählung Die Zigeunerin (1855), etwa der Armut, der entfesselten Leidenschaft und der Nicht-Einhaltung der Ordnung. Von der realen Verfolgung der als ‚Zigeuner’ Stigmatisierten geht die Untersuchung Valentina Glajars über Erich Hackls Abschied von Sidonie aus – die Geschichte eines von einer österreichischen Familie adoptierten ‚Zigeuner’-Mädchens, das nach Auschwitz deportiert wurde und dort starb. Herbert Uerlings widmet sich in seiner Studie Zur Repräsentation von ‚Zigeunern’ in der Schweiz seit dem 19. Jahrhundert ebenso wie Anna-Lena Sälzer der Repräsentation der ‚Zigeuner’ im Werk von Schweizer Schriftstellern. Besprochen werden Texte von Gottfried Keller und Mariella Mehr sowie Fotografien von Carl Durheim. Die sehr interessante Analyse von Iulia-Karin Patrut (‚Zigeuner’, Juden und die Kunst. Zu einem Ausgrenzungsdiskurs bei Richard Wagner, Franz Liszt und Houston Stuart Chamberlain) untersucht einen letztlich exkludierenden Diskurs, an dem, sehr zur Schande der Zunft, auch bekannte Künstler wie die im Titel genannten partizipierten.

Die stark verwurzelten Klischees finden leider auch in der Gegenwart noch ein Echo. Auch heute gibt es kein adäquates, nicht diskriminierendes Verständnis von der Migration der osteuropäischen Roma in die westlichen Staaten der Europäischen Union. Auch heute werden Roma eben nicht wie andere Bürger der EU behandelt – und dies gilt auch für Rumänien. Die EU-Politik berücksichtigt zu wenig, dass es sich bei den Roma um die europäische Minderheit schlechthin handelt. Der gute Wille allein wird jedoch kaum eine Kehrtwende bewirken können; der vorliegende germanistische Band zeigt eindrücklich, wie ertragreich die Auseinandersetzung mit der Diskurs- und Repräsentationsgeschichte des Stigmas ‚Zigeuner’ sein kann. Die Bemühungen der europäischen (Nicht-Roma und Roma-)Intellektuellen beginnen aber, sich in diese Richtung zu konzentrieren, und ein langer Prozess der Auseinandersetzung steht Europa noch bevor.

Grete Tartler

(Deutsch von Iulia-Karin Patrut, Trier)


 

*) Erschienen in rumänischer Sprache in: România Literarã (Literarisches Rumänien; Bukarest, Nr. 40, 12. Oktober 2007 (Jg. XL), S. 19. Siehe beide Fassungen in: http://www.ggr.ro/Celan_Zentrum_ Zigeuner2.htm und http://www.ggr.ro/Celan_Zentrum_Zigeuner3.htm. Die ZGR-Redaktion nahm einige notwendige Änderungen vor.

[1] Krausnick, Michael: Die Zigeuner sind da. Roma und Sinti zwischen Gestern und Heute. Würzburg 1981 [Rückübersetzung].

[2] 'Zigeuner' als Fremde und Arme. Zur Darstellung von ‚Zigeunern’ in literarischen und ethnographischen Texten. Die Tagung wurde von dem Exzellenzzentrum Paul Celan an der Universität Bukarest in Zusammenarbeit mit dem Teilprojekt C5 des SFB 600 an der Universität Trier veranstaltet.

[3] In rumänischer Sprache sind bereits erschienen: Hans Bergel: Dans în lanþuri. Rumänisch von George Guþu. Braºov: Arania (1995); Când vin vulturii. Rumänisch von George Guþu. Bucureºti: Editura Fundaþiei Culturale Române (1998).

 

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