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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 8. Jg., Heft 1-2 (15-16) / 1999, S. 150-154

 

 

ORPHISCHE UND HERMETISCHE TRADITION IN GOETHES WERK URWORTE. ORPHISCH

Dieter Paul Fuhrmann



Das Jubiläum der 250. Wiederkehr von Goethes Geburtstag bietet unserem literarischen Publikum den Anlaß, jenes universalen Geistes zu gedenken, der sich von seinem vierzigsten Lebensjahr an bis zum hohen Alter allen Schicksalswenden der von der Französischen Revolution eingeleiteten Epoche zu stellen wußte. Aus diesem Anlaß begegnet der Zeitgenosse erneut Faust und Wilhelm Meister, Werther, Egmont, Tasso, Iphigenie und Pandora, Hermann und Dorothea, Ottilie aus den “Wahlverwandtschaften“, Hatem und Suleika aus dem “West-östlichen Divan“. Es ist dies also ein Anlaß zur Besinnung auf die “Sprüche in Reimen“, auf die “Farbenlehre“, auf den “Literarischen Sansculottismus“...

All seine Werke stehen in den Regalen der Bibliotheken als Zeugnisse eines langen und gewiß auch vielfältigen Rezeptionsprozesses auch durch die rumänische Öffentlichkeit, der, etwa mit Goethes hundertstem Todesjahr (1932) breit einsetzend, die klassischen Akzente einer dauerhaften, ja endgültigen Inbesitznahme anzunehmen begann. Dieser Reihe von Übersetzungen und Nachdichtungen, die aus mehreren rumänischen “Faust“-Fassungen besteht, gesellte sich unlängst dank den Bemühungen Ion Acsans, des unermüdlichen Herausgebers von Blütenlesen aus den Beständen der Weltliteratur, eine “lyrische Anthologie “ (1) hinzu, die repräsentativ ist sowohl durch das Prestige der darin vertretenen Namen als auch durch den Wert und die Vielfalt der Übersetzungen. Sie ist die Frucht eines beschwingten Fleißes, die - um als zweisprachige Ausgabe vollends zu überzeugen - eine etwas nähere Vertrautheit mit der “Ausgabe letzter Hand“ hatte erwarten lassen.

Unter den ausgewählten Gedichten befindet sich selbstverständlich auch “Urworte. Orphisch“ (Entstehungsjahr 1817), geschrieben also im Alter von 66 Jahren, ein Glied in Goethes Kette voll orchestrierter lyrischer Meisterwerke, das die vom “West-östlichen Divan“ beherrschte Schaffensperiode abschließt. In den einleitenden Akkorden, in ihrer kosmischen Chiffrierung meint man einen Widerhall des “Prologs im Himmel“ (“Faust I“) zu vernehmen, dem mehrere Lebenssituationen folgen, in denen sich jeweils eine jener Schicksalsmächte manifestiert, die bei ihrem griechischen Namen (Daimon, Tyche, Eros, Ananke, Elpis) angerufen werden. Sie weisen ohne Zweifel auf ein Urbild zurück - auf ein orphisches Vorbild, wie schon der Titel des Gedichtes besagt. Welches aber ist dieses Muster?

Bevor wir diese Frage beantworten, bemerken wir, daß keine der drei bisherigen Übertragungen des Gedichts (durch Ion Sân-Georgiu, Lucian Blaga, ªtefan Augustin Doinaº) von jenem erläuternden Rahmen umgeben ist, der es zu einer kleinen Abhandlung zur Lebensweisheit werden läßt, so wie dies auch bei Dantes Liebestraktat, der “Vita Nova“, der Fall ist. Er wurde von Goethe in der Absicht hinzugefügt, um das Verständnis für die zahlreichen, auf einen schwer zugänglichen, esoterischen Hintergrund hinweisenden Anspielungen zu erleichtern. Er entsprach damit dem Wunsch ihm nahestehender Personen, namentlich der Großherzogin Maria Paulowna. Dieser im rationalistischen Stil der Aufklärung gehaltene Rahmentext stellt eine Zusammenfassung menschlicher Schicksale im geistigen, gesellschaftlichen und materiellen Bereich dar, worin sich die bereits erwähnten astralen Einflüsse fortsetzen. Zugleich enthält er keinerlei genaueren Hinweis auf die im Titel angedeutete orphische Herkunft.

Wertvolle Einzelheiten im Zusammenhang mit der Entstehung des Gedichtes gibt es in Emil Staigers Goethe-Monographie (2). Unter den mythosophischen Bemühungen der Zeitgenossen (Hermann, Creuzer) identifiziert er bei Karl Ludwig von Knebel, einem Goethe und Wieland nahestehenden Dichter des Weimarer Musenhofes, der sich als Übersetzer von Werken des Lucretius und Propertius verdient gemacht hatte, das Gedicht “Aus dem Griechischen“, das zwar auf 1815 datiert, jedoch viel älteren Ursprungs ist. Darin werden die Gottheiten Daimon, Tyche, Eros und Ananke angerufen. Im Entstehungsjahr von Goethes Gedicht erschien in Göttingen ein Band “Zerstreute Anmerkungen“ aus dem Nachlaß des Archäologen Johann Georg Zoëga, eines hervorragenden Kenners der kophtischen Literatur, aus welchem wir wegen der erstaunlichen Geistesverwandtschaft zu Goethes Gedicht einen längeren Passus zitieren:

Die vorausgesetzte Beziehung zwischen Tyche und Luna ergibt sich schon aus dem Orphischen Hymnus an die Fortuna, wenn der Eleutrach die geleitende, vielschweifende, vielgestaltete Artemis anruft: aber ausdrücklicher lehren es Necepso, ein sehr alter ägyptischer Astrolog, und nach ihm Macrobius, in einer Stelle, die uns zu neuen Aufhellungen führen wird über die Art, wie die Alten sich diese Göttin dachten, bald gesondert von den andern ihr verwandten Göttern, bald mit denselben vereint und verselbigt. Nach den Ägyptern, sagt er, sind die Götter, die der Geburt des Menschen beistehn, vier: Dämon, Tyche, Eros, Anangke. Unter diesen ist Dämon die Sonne, Urheber des Geists, der Wärme und des Lichts. Tyche ist der Mond, mit der die Körper unter dem Mond wachsen und schwinden, und deren immer veränderlicher Lauf die vielförmigen Wechsel des sterblichen Lebens begleitet. Diese Vorstellung, ursprünglich nichts anders als ein dichterischer Einfall, wurde bei den Apotelesmatikern ein fester Lehrsatz, dessen Erfindung man dem Hermes Trismegistos zuschrieb. Im Panaretos, einem dem Hermes beigelegten Buch, werden sieben Lose des Menschen nach den sieben Planeten erklärt. Tyche heißt das des Mondes, Dämon das der Sonne, Eros ist gesellt mit Aphrodite, Ananke mit Hermes, mit Ares Tolme, mit Zeus Nike, mit Kronos Nemesis. Diese Leiter ist merkwürdig, weil sie den drei Hauptgottheiten des Schicksals ihre Entfernungen untereinander und die Stellen anweist, die nach einem gewissen philosophischen System eine jede von ihnen einnimmt. Tyche, als das rein Zufällige betrachtet, nimmt die unterste Stelle ein, nur beschäftigt mit dem Wohlsein der einzelnen Körper und berührt von dem Dämon der Seelen und von Eros, der das Band zwischen Seele und Leib ist. Die mittlere Stelle wird der Notwendigkeit eingeräumt, abgebildet, wie Macrobius sagt, in dem Schlangenknoten an dem Caduceus des Hermes, welche nichts anders ist als dieselbe Tyche, betrachtet als Inbegriff der körperlichen Ursachen, welche die Ereignisse bestimmen. Ihr weicht alles, außer dem unbezähmten Erkühnen des menschlichen Geistes, das wir mit einem andern Ausdruck Hoffnung nennen... (3)

In Goethes kleinem poetischem Traktat gesellt sich also den vier kanonischen Gottheiten Elpis (die Hoffnung) hinzu, die früher, in seiner klassizistischen Epoche (insbesondere in der “Pandora“), in Begleitung von Phobos (Furcht) auftritt. In einem Brief an Sulpiz Boisserée vom 11. Mai 1818 erwähnt Goethe “uralte Wundersprüche über Menschenschicksale “ und ungefähr zur selben Zeit gesteht er brieflich, von Knebel “das Licht der Stanzen“ aus “orphischen Finsternissen“ erhalten zu haben. Er fühlt sich auf eine Stufe der Menschheitsgeschichte zurückversetzt, auf der die Wahrheit aus dem Nebel aufzusteigen beginnt, kehrt jedoch sogleich in seinen vertrauten Gedankenkreis zurück, indem er Daimon als “Individualität, Charakter“ und Ananke als “Einschränkung, Pflicht“ bezeichnet (4).

Dies wäre eine durchaus befriedigende Antwort auf die Frage nach der Herkunft der fünf orphischen “Urworte“, nur sind diese, in der Deutung Zoëgas, hermetischer Provenienz und entbehren - dies fügen wir ergänzend hinzu - genauerer Entsprechungen in den “Orphischen Hymnen“ (5). Wir finden hier nur einige recht unbestimmte Analogien wie “Erhabenes Szepter, Daimon, einziger du und großer Lenker“ (“An Zeus“, Fragm. 6), “Unsichtbar Dahinwallende, die von der Menge wird gepriesen, / wie oft bewirkst du unerwartet die Wende in der Menschen Leben“ (“An Fortuna“) oder “Erheb’ ich Anrufung des Daimon, des hohen, furchtlosen Gebieters, / Des heiteren Zeus, der, allerschaffend den Sterblichen die Seele einhaucht. (...) In seinen Händen liegt der Schlüssel sowohl des Kummers wie der Freude“ (“An den Daimon“).

Wie läßt sich diese Überschneidung der Inspirationsquellen erklären, da von einer Verwechslung keineswegs die Rede sein kann? Jedesmal, wenn Goethe ein klassisches Thema aufgreift, nimmt das Urbild - in seiner Gliederung deutlich erkennbar - den Hintergrund ein, und darüber ergießt sich das Licht seiner Interpretation und Inspiration, eines neuen humanitären Credos, das ihm ein neues, organisches Leben verleiht. So geschieht es in “Iphigenie auf Tauris“, deren Vorbild er Euripides entnahm, und ebenso in den “Römischen Elegien“, durch die Propertius‘ Schatten hindurchgeistert. Bezeichnend für seine “Urworte. Orphisch“ ist dieselbe invozierende Haltung wie in den “Orphischen Hymnen“ - und daher auch der Titel: nur verzichtet Goethe auf das Metrum des Originals, um sie in “Stanzen“ (Ottaverime) zu übertragen, die feierliche Form des “Epiloges zu Schillers Glocke“ und der “Marienbader Elegie“. Was durch diese kunstvolle, von den fünf “Urworten“ verdeutlichte Hülle hindurchscheint, ist das zusammenhängende, organische Ganze einer Lebenslehre (corpus doctrinalis), in dem sowohl orphische als auch hermetische Elemente miteinander verwoben sind. So gliedern sich die entlang seines Lebenswerkes verstreuten Grundgedanken zu einem Orgelpunkt und erhalten für seine Gesamtinterpretation kanonischen Wert. Wir finden bei genauerem Hinhören – in autobiographischer Hinsicht - Nachklänge aus “Werther“ und “Wilhelm Meister“ (der “Saal der Vergangenheit“ der “Lehrjahre“), aus den “Wahlverwandtschaften“ und dem “Prolog im Himmel“ und eine Vorwegnahme der “Trilogie der Leidenschaft“. Was die Rezeption des klassischen Altertums betrifft, ergänzt das Gedicht die Perspektive der unendlichen Metamorphosen in der “klassischen Walpurgisnacht“ (“Faust II“), die sich im selben Horizont der alexandrinischen Kultur zu vollziehen scheint. Goethes orphische Invokation verweist auf das hellenisierte Ägypten, wo vor Zeiten Orpheus, der lyrische Urheber des nach ihm benannten Kultes, im Tempel des Thoth, der inzwischen gleichgesetzt wurde mit Hermes Trismegistos, geheime Belehrung empfing.

Sollten wir die Aufmerksamkeit der geschätzten Leser übermäßig beansprucht haben, so bitten wir sie, uns die Fülle der Einzelheiten zugute zu halten, doch erinnern wir uns an den Ausspruch Aby Warburgs: “Der liebe Gott steckt im Detail“. Die knapp gezeichnete Geschichte des Hermetismus setzt nach Erscheinen des “Corpus hermeticum“ (6) in der Übersetzung Marsilio Ficinos (1483) ein, die in der europäischen Kultur eine Wende darstellte. Sie läßt sich in der Geschichte des Manierismus verfolgen, bei Maurice Scève, Shakespeare, Marino, Góngora, Edgar Allan Poe, Mallarmé, Ungaretti und T. S. Eliot, Konstantin Balmont und Gottfried Benn. Dazu erwähnen wir auch mehrere rumänische Autoren, um neben der von Ion Acsan zusammengestellten Namensliste orphischer Tradition eine parallel dazu verlaufende hermetische Ausrichtung aufzuzeigen. Es handelt sich dabei um Ion Barbu (“Jazzband pentru nunþile necesare“ - “Jazzband für die nötigen Hochzeiten“, in der frühen Fassung von 1926), Dan Botta (“Cantilenã“ - “Cantilene“: “Sunt prea viu, prea trist, / Înger trismegist “ - “Qual mein Leben ist, / Engel Trismegist“), B. Fundoianu (“Discurs“ - “Ansprache“: “ªi iatã-mã la pas / Cu vidul ºi planeþii“ - “So schreite ich denn mit / Der Leere, den Planeten“) und Vasile Voiculescu (“Ultimele sonete...“ - “Die letzten Sonette...“: insbesondere CLXIII: “Cu tine, prinþ hermetic, ca-ntr-o eternitate, / Smuls pur din gheara vremii, în el sã te închid“ - “Ich schließe dich, hermetischer Fürst, mit edler Geste / Für ewig ein, den rein ich entrissen dem Verfall“). Diese Aufzählung bliebe unvollständig, wenn jene bezaubernde Einführung in die Astrologie, die Armand Constantinescu zu verdanken ist (“Cer ºi destin“ - “Himmel und Schicksal“, Neuausgabe 1999) nicht angeführt werden würde; er wählt darin als Lernenden Eminescus “Armen Dionys“ (“Sãrmanul Dionis“), dem Hermes Trismegistos die Geheimnisse der menschlichen Geschicke enthüllt (7).

Unter Goethes romantischen Zeitgenossen scheint sich Novalis (8) dem orphisch-hermetischen Themenkreis anzunähern, doch läßt sich in den “Lehrlingen zu Sais“ die hermetische Komponente nicht erkennen. Zugleich beschränken sich seine alchemistischen Reminiszenzen aus Jakob Böhme auf Aperçus, ohne sich zur Wesensschau der “Wahlverwandtschaften“ auszuweiten. Eine Engführung kündigt sich in Rilkes “Orpheus, Euridike, Hermes“ an, doch bleibt es bei einer Personifizierung; die mythischen Gestalten heben sich kaum vom dunklen Hintergrund ab. Gipfelt bei Rilke die orphische Inspiration im vorletzten Sonett des Zyklus (Zweiter Teil, XXVIII): “Du wußtest noch die Stelle, wo die Leier / sich tönend hob, die unerhörte Mitte“, so findet sie ihre Auflösung im Tanz (9).

Anders bei Hofmannsthal (10), der im “Gespräch über Gedichte“ Goethes Spuren folgt:

Gesehen mit diesen Augen, sind die Tiere die eigentlichen Hieroglyphen, sind sie lebendige, geheimnisvolle Chiffren, mit denen Gott unaussprechliche Dinge in die Welt geschrieben hat (...) Wie konnte man denken, dadurch (durch die Schlachtopfer) die erzürnten Götter zu besänftigen? Es bedarf einer wunderbaren Sinnlichkeit, um dies zu denken, einer bewölkten, lebenstrunkenen, orphischen Sinnlichkeit (...) Diese Magie ist uns so furchtbar nahe, und darum ist es so schwer, sie zu erkennen. Die Natur hat kein anderes Mittel, uns zu fassen, uns an sich zu reißen, als diese Bezauberung (....) Darum ist Symbol das Element der Poesie, und darum setzt die Poesie niemals eine Sache für eine andere; sie spricht Worte aus um der Worte willen, das ist ihre Zauberei. Um der magischen Kraft willen, welche die Worte haben, um unseren Leib zu rühren und uns unaufhörlich zu verwandeln (...) Es gibt antike Gedichte, welche so sind wie ein dunkles Weinblatt gegen den Abendhimmel. Die Anthologie ist voll von ihnen. Und hat Goethe sie nicht geliebt, wie nichts zweites auf der Welt? (...) Ist der geformte Gedanke nicht schön? Wovon unsere Seele sich nährt, das ist das Gedicht. Ein Elfenleib ist es, durchsichtig wie die Luft, ein schlafloser Bote, den ein Zauberwort ganz erfüllt, den ein geheimnisvoller Auftrag durch die Luft treibt (...) Und Goethe? Die Lieder seiner Jugend sind nichts als ein Hauch. Jedes ist der entbundene Geist eines Augenblicks (...) und die Gedichte seines Alters sind zuweilen wie die dunklen, tiefen Brunnen, über die Gesichte hingleiten, die das aufwärts starrende Auge nie wahrnimmt, die für keinen auf der Welt sichtbar werden als für den, der sich hinbeugt auf das tiefe, dunkle Wasser eines langen Lebens... .

Und in dem Aufsatz über “Goethes West-östlichen Divan“:

Er steht wahrhaft in der Mitte des Lebenskreises, und der Kreis hält ihm die Welt gebannt. Nichts flieht vor ihm, wie er vor nichts fliehen kann (...) Jedes Vergangene wirft den dünnen Schleier von sich und zeigt sich als ein ewig Gegenwärtiges (...) Aber dem dies wiederfährt, dem wachsen die Kräfte, und es ist, als ob wiederum der Kreis ihn stärke. In seinem Herzen erneuert sich unaufhörlich das Göttliche...

Hier darf Gottfried Benn (11) mit seinen „Keime, Begriffsgenesen...“ („Der Sänger“) nicht übergangen werden, der in den „Statischen Gedichten “ das orphische Prinzip mit einer immer variierten Collagetechnik verbindet. „Wer nie das Haupt verhüllte / und niederstieg, ein Stier, / Todesschweiß bedrohn, / der ist auch nicht der Myste / der phrygischen Kommunion“ – in „Orphische Zellen“). Substituiert Benn dem orphischen Kult den Kybeles, so wird bei Rilke der Tanz als Steigerung des Lebens vom Reich der Toten. Ist die Entfernung Benns („Orpheus’ Tod“) in anderem, modernen Sinne auch ebenso groß wie die Rilkes, so zielt er doch in dieselbe Richtung wie dessen „Oder die eine in Karnak, die Säule, die Säule / die fast ewige Tempel überlebt“.

Zum Abschluß des bisher Gesagten (und Zitierten) sei das Goethe-Bild Paul Valérys (12) erwähnt, das wir ebenfalls nur in Streiflichtern festhalten können, wobei die hier unausgeführt gebliebene Polarität von Voltaire und Hermes Trismegistos ganz dem Verhältnis des Kommentars zu den Stanzen in „Urworte, Orphisch“ entspricht:

Man sagt Goethe, wie man Orpheus sagt (...) er selbst zuletzt in einen Mythos verwandelt, denn er zwingt die Nachwelt, zu schaffen, diesen unvergleichlichen Goethe immerfort zu preisen, dessen Wiederkehr wir nach Ablauf eines Jahrhunderts im Scheitelpunkt des Geisteshimmels wahrnehmen (...). Vielleicht also ist dieses Vorgefühl, dieser Wunsch, in den lebenden Wesen einen Willen zur Wandlung aufzuspüren und zu verfolgen, von dem Umgang abzuleiten, den er seinerzeit mit gewissen halb poetischen, halb esoterischen Lehren pflegte, die bei den Alten in Ehren standen und deren die Eingeweihten des ausgehenden XVIII. Jahrhunderts sich wieder anzunehmen begannen. Die recht bezaubernde und sehr ungenaue Idee des Orphismus, die magische Idee, jedem Ding, ob lebendig oder gar unbeseelt, irgend ein verborgenes Lebensprinzip unterzulegen, irgend einen Antrieb nach höherem Leben; die Idee, daß ein Geist in jedem Element der Wirklichkeit fermentiere, und daß es nicht unmöglich sei, auf den Bahnen des Geistes auf jedes Ding einzuwirken und auf jedes Wesen, insoweit sie Geister in sich beschlossen haben, ist eine jener Ideen, die einerseits das Fortwirken einer Art primitiver Vernunftschlüsse und andererseits eines sich im wesentlichen in Poesie und Personifikation fortpflanzenden Geistes bezeugen (...) “; „er verquickt in seinem Geist nach Belieben den Orphismus mit der experimentellen Wissenschaft, Kant mit dem Dämonischen und überhaupt ein jegliches mit einem anderen, ihm widerstrebenden (...): Euripides mit Shakespeare, Voltaire mit Trismegistos... .

Kehren wir nach dieser neuen Abschweifung, die die unerschöpfliche Fruchtbarkeit der beiden oft miteinander verflochtenen poetischen Traditionen dokumentieren soll, zu Goethes kleinem poetischen Traktat zurück.

Dabei werden wir dessen inne, daß seine anscheinend so schwer verständlichen Anspielungen mit einem lebendigen Inspirationsquell kommunizieren, dessen „vergessenes Weistum“ („forgotten lore“ E. A. Poe) in den Urgängen der esoterischen Lehren aufbewahrt ist. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit, gewiß, um sie vor Unberufenen zu schützen („Sagt es niemand, nur den Weisen, / Weil die Menge gleich verhöhnet “ – „Selige Sehnsucht“), das jedoch erkennbar ist vermittels jenes Sinnes, der uns bei der Suche nach der Wahrheit leitet. Als ein Meister der Verkleidungen und Enthüllungen lädt Goethe uns ein, in jeder Strophe seines Gedichts, die je ein sprechendes Bild umrankt, und darin an den anakreontischen Stil seiner Jugend erinnert, das Walten einer Schicksalsmacht zu erkennen, die unser Leben nach archetypalen Gesetzen wandelt. „Gib fein acht“, scheint er sagen zu wollen, „ist es dir nicht ebenso ergangen“ (13).


ANMERKUNGEN:

(1) Goethe, Johann Wolfgang: Lyrische Dichtungen / Poezii lirice, Vorwort von Ion Pillat, Zeittafel von Dieter Fuhrmann, Auswahl und editorische Notiz von Ion Acsan, Verlag Grai ºi suflet - Cultura Naþionalã, Bukarest 1999.

(2) Staiger, Emil: Goethe, Bd. 3, Zürich 1959, S. 96ff.

(3) Ebda.

(4) Ebda.

(5) Orfeu: Imnuri, rumänisch von Ion Acsan, Geleitwort von Zoe Dumitrescu Buºulenga, Ed. Univers, Bukarest 1972; desgleichen Ion Acsan: Orfeu ºi Euridice în literatura universalã (“Orpheus und Eurydike in der Weltliteratur“), Bukarest 1981, eine ausgezeichnete historische Übersicht über das Thema nebst umfassender Textauswahl. Ein zusätzliches Motiv wäre der Stilwandel, der zwischen Goethe als dem Repräsentanten der älteren orphischen Tradition und deren in pneumatischem Sinne erfolgte Wiederaufnahme durch Rilke eintrat.

(6) Nach Clemens von Alexandrien (Stromata, VI, 4, 35) umfaßte der Corpus hermeticum 42 Schriften.

(7) Für eine weitere Beschäftigung mit diesem Thema, die über den Rahmen der vorliegenden Arbeit hinausgehen würde, empfehlen wir: Eliade, Mircea: Histoire des croyances et des idées religieuses, Paris 1978 (bzw. die rumänische Übersetzung von Cezar Baltag, Bukarest 1986 f.) und Daniel, Constantin: Civilizaþia Egiptului antic ( “Die Zivilisation des alten Ägypten“, Bukarest 1976), insbesondere Schuré, Edouard: Les grands initiés, sowie Festugière, A. J. und Nock, A. D.: Hermes Trismegiste, I-IV, Paris 1945-1954.

(8) Novalis: Werke und Briefe, ed. Rudolf Bach, Insel-Verlag, Leipzig 1942.

(9) Rilke, Rainer Maria: Werke in drei Bänden, I, Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1966.

(10) Hofmannsthal, Hugo von: Gesammelte Werke, III, 2, S. 234, S. Fischer, Berlin 1934.

(11) Benn, Gottfried: Gesammelte Werke in 8 Bänden, I, Gedichte, Limes Verlag, Wiesbaden 1968.

(12) Valéry, Paul: Oeuvres, I, éd. Jean Hytier, Bibliothéque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1968, S. 539 ff.

(13) Staiger, Emil: Ebda.

 

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