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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 89-92

 



II. Literaturwissenschaft

 


DAS PARADIGMA DER SYSTEMTHEORIE IN DER LITERATURWISSENSCHAFT


Gerhard Plumpe

 


Die jüngere Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft könnte auf einen unbefangenen Beobachter befremdlich wirken, soweit er der - eigentlich doch naheliegenden - Auffassung ist, Wissenschaften zeichneten sich dadurch aus, über ihre theoretischen Objekte - ihre „Gegenstände“ - frei zu disponieren und sie in der Perspektive selbstgewählter Interessen zu konstruieren. Der Wissenschaft ist ja nichts gegeben, wie Gaston Bachelard einmal gesagt hat, sie muß ihre Objekte vielmehr allererst theoretisch produzieren, - und der lebensweltlich naheliegende Denkmechanismus, die Plausibilität einer Hypothese im Rekurs auf sog. „Fakten“ beurteilen zu wollen, löst sich bei näherer Betrachtung in einem Abgrund von Schwierigkeiten auf. Die Konstruktion der Literatur als Forschungsgegenstand der nach ihr benannten Wissenschaft verblüfft unseren unbefangenen Beobachter, muß er doch zu dem Ergebnis gelangen - nachdem er eine beliebige aktuelle Darstellung konsultiert hat -, daß offenbar nicht die Literaturwissenschaft selbst ihre Objekte konstruiert, sondern den Präkonstruktionen renommierter „Großtheorien“ verpflichtet ist, deren intellektuelle Konjunkturen ihr so imponieren, daß sie es sich leisten zu können meint, vom Import externer Literaturkonzepte zu leben. Und sie kann es ja, - wer wollte das bestreiten!

Nun könnte sich unser Beobachter an den heroischen Anfang der Literaturwissenschaft in einem strikten Sinn zurück erinnern und etwa bei Roman Jakobson folgendes nachlesen:

Den Gegenstand der Literaturwissenschaft bildet nicht die Literatur, sondern das Literarische, d.h. das, was das vorliegende Werk zu einem Werk der Literatur macht. Indessen verhielten sich die Literarhistoriker bisher meistens wie die Polizei, welche, in der Absicht, eine bestimmte Person zu verhaften, auf alle Fälle sämtliche Leute festnimmt, die sich in der Wohnung aufhalten (...). In ähnlicher Weise konsumierten die Literarhistoriker alles, was ihnen zwischen die Finger kam: das Milieu, die Psychologie, die Politik, die Philosophie. Statt einer Wissenschaft von der Literatur entstand ein Konglomerat hausgemachter Disziplinen.

In der Tat ist es Philosophie und Psychoanalyse, Medientheorie oder Linguistik unbenommen, ihre genuinen Fragestellungen auch an literarischen Dokumenten zu erproben, um dann in der Perspektive ihrer Fragestellungen zu aufschlußreichen Resultaten zu gelangen. Jakobson glaubte allerdings - und unser Beobachter ist so hartnäckig, ihm recht zu geben -, daß dieses alles schön und gut, aber keine Literaturwissenschaft ist. In der Folge hat man versucht, daß spezifisch Literarische der Literatur (als Objekt ihrer Wissenschaft) im ontischen Gegebensein der Artefakte semiotisch zu identifizieren: als poetische Codierung sprachlicher Zeichen in Differenz zu allem sonstigen Sprachgebrauch. Diese Forschungsrichtung gilt heute wohl als gescheitert, nicht zuletzt deshalb, weil die Evolution der von der modernen Gesellschaft als Kunst und Literatur hingenommenen Ereignisse über ontische Differenzierungsmöglichkeiten hinweggegangen ist. Niemand ist heute gehindert, Texte aller Art und jeder Herkunft als Literatur zu konsumieren, und die Literaturwissenschaft geriete in eine verzweifelte Lage, wollte sie solchen Texten (man denkt natürlich immer an Handkes Aufstellung des 1.FC Nürnberg und dergleichen) etwa übersehene poetische Strukturen als Dingeigenschaften nachträglich implementieren. Es mag mit diesem Entschwinden des Objekts - im Sinne eines fundamentum in re - zu tun haben, daß sich die Literaturwissenschaft der Suggestion anderswo in der Gesellschaft entwickelten Fragestellungen so geneigt zeigt und Textmodelle importiert, die vielleicht Philosophen faszinieren mögen, weil sie ihnen die Superiorität des Geistes über die Struktur, die Spur des Individuellen, den Aufschub des Sinns, eine transversale Vernunft - oder was sonst immer - demonstrieren können.
Unser Beobachter könnte jetzt aber einwenden: Ja - und die Systemtheorie? Gewinnt die Literaturwissenschaft - nimmt sie Jakobsons Frage nach einem spezifischen Objekt weiterhin ernst - irgendetwas, wenn sie sich nunmehr resigniert auf jenes Prokrustesbett legt, das Luhmann ihr gezimmert hat? Wenn sie dort nur nach Formeln sucht, um das Design ihrer Reflexionen aufzufrischen, wohl wenig oder nichts. Jakobsons Frage kann jedoch in anderer, und vielleicht produktiver Art und Weise beantwortet werden, wenn die Literaturwissenschaft die systemtheoretische Grundannahme aufgreift, daß Gesellschaft aus nichts anderem besteht als aus Kommunikation. Und soziale Differenzierung heißt dann: Ausdifferenzierung von Kommunikation, z.B. wissenschaftlicher Kommunikation. Wer - wie wir alle - an einem Kongress teilnimmt - ob als Referent, Diskussionsteilnehmer oder Zuhörer -, weiß, was ihn erwartet: wissenschaftliche Kommunikation - ganz unabhängig davon, woher man kommt, ob man sich kennt oder nicht, sympathisch findet oder nicht, welche Interessen man sonst noch mit diesem Kongress verbindet: das alles wird eingeklammert oder gelöscht, und wer sich etwa für die politischen Überzeugungen der Vortragenden interessiert, kann darüber erst später reden! Natürlich kann man auch denken, was man will -, aber wer sich zu Wort meldet, wird wissenschaftlich kommunizieren, die Thesen meines Vortrags etwa für abwegig erklären, nicht aber mitteilen, daß er gerade auf die Idee gekommen ist, heute abend einen Spaziergang in die Berge zu machen oder wohin immer. Das alles ist unstrittig, man könnte auch sagen: banal, aber dennoch keineswegs selbstverständlich. Bemerkenswert ist doch auch, daß hier auf diesem Kongress eine große Zahl wissenschaftlicher „Positionen“ zu Worte kommt, die gewiß in vielen ihrer Grundannahmen so divergent sind, wie sie nur sein können, - und die sich gleichwohl zwanglos - was Dissens mehr verlangt als ausschließt - als Sequenz wissenschaftlicher Kommunikation verstehen und so auch verstanden werden, selbst wenn das im Bewußtsein Anwesender anders gesehen werden mag. Einzuräumen ist freilich, daß ein Kongress - als Interaktion unter Anwesenden - unter Sonderbedingungen gestellt ist, die anderswo, z.B. in schriftlicher Kommunikation, keine Rolle spielen müssen.

Daß Kommunikation unter Personen, die sich nicht kennen (müssen), aus den vielfältigsten Motiven kurzfristig zusammentreffen, die unterschiedlichsten Auffassungen vertreten, die im Extremfall so weit divergieren mögen, daß man sich in einem „alteuropäischen“ Sinn des Ausdrucks nicht einmal mehr „versteht“ (und das im Bewußtsein auch registriert) - daß Kommunikation unter solchen Prämissen - und unter der noch anspruchsvolleren Voraussetzung situationsabstrakter Schrift bzw. EDV - gleichwohl als wissenschaftliche Kommunikation möglich, erfolgreich und auf Dauer zu stellen ist: genau dafür interessiert sich die Systemtheorie. Sie fragt daher nicht: Was ist das, die Wissenschaft, sondern: Wie ist Wissenschaft als Spezialkommunikation der Gesellschaft möglich? Diese Frage ist womöglich handhabbarer als die Was-Frage nach dem Wesen der Wissenschaft. Was Wissenschaft ist, weiß keiner, jedenfalls nicht mit Aussicht auf Konsens; und wer seine Definition generalisieren will, muß andere Auffassungen für „unwissenschaftlich“ erklären, ein Vorgang, der in wechselseitigen Exkommunikationen, und d.h. Ex-Kommunikationen (!) endet. Die Systemtheorie fragt daher in der Perspektive einer Beobachtung 2. Ordnung: wie ist das alles, z.B. derart weit voneinander abliegende Auffassungen vom Wesen der Wissenschaft, als wissenschaftliche Kommunikation dennoch möglich? Für die Literatur gilt ja ähnliches: keiner weiß, was sie ist; aber wer wollte bestreiten, daß es literarische Kommunikation, d.h. Kommunikation durch Literatur, gibt!

Für die weitere Betrachtung ist es unumgänglich, ein paar abstraktere Überlegungen anzustellen. Der Systembegriff der Systemtheorie ist selbstkonditioniert; man tut gut daran, alle Assoziationen an interne Ordnung, Hierarchie, gar „Gefängnis“ oder eine Kiste mit einem Etikett, in die man alles hineinschmeißt, von dem man glaubt, es paßte da irgendwie rein, fallenzulassen. Ein System ist nur die eine Seite einer Unterscheidung, auf deren anderer alles liegt, was dieses System nicht ist, d.h.: seine Umwelt. Die Systemtheorie ist eigentlich eine Unterscheidungstheorie! Und das „System“ selbst ist auch nichts anderes als eine Unterscheidung von großer Rigidität, mit der beobachtet werden kann, was für das System der Fall ist: es selbst und seine Umwelt; aber immer nur so, wie es die Ausgangsunterscheidung ermöglicht, die als Unterscheidung selbst der von ihr eröffneten Perspektive strikt unbeobachtbar beibt: sie ist ihr „blinder Fleck“! „Welt“ wäre dann nur der leere Begriff einer Unzugänglichkeit, von der sich kein Beobachter unterscheidet. Hier liegt Raum für theologische Reflexion.

Die Ausgangsunterscheidung der Wissenschaft liegt in der durchaus banalen Leitdifferenz wahr/falsch, die ihr Code ist, mit dem wissenschaftliche Kommunikation „alles“ beobachten und beschreiben kann - auch sich selbst -, aber eben nur: als wahr oder falsch. Wichtig ist: diese Differenz unterscheidet nicht etwa System und Umwelt; dann wäre alles im System wahr - und in der Umwelt falsch - oder gar umgekehrt! In der Umwelt der Wissenschaft kommt die Unterscheidung aber gar nicht vor, sie sorgt einzig und allein für Anschlußfähigkeit im System als Bifurkation: wissenschaftliche Aussagen, die sich auf Himmel und Hölle, Gott und die Welt beziehen können, sind entweder wahr oder falsch - und: nur wahr oder falsch. Wer sie schön, gerecht oder konservativ nennt, beurteilt sie in anderen Referenzen. Codeprägnanz organisiert systemische Kommunikation, indem sie spezifische Anschlußfähigkeit bietet, nichts anderes. Erst unterhalb der Codierung - und durchaus sekundär - entsteht Spielraum für so etwas wie dissensfähige Programmierung der Codewerte, d.h. für Theorien, die umstritten sind. Wahrheitstheorien programmieren die Codewerte, und dann mögen sich Realisten wie Putnam mit Konstruktivisten wie von Foerster in die Haare geraten; die Codewerte selbst berührt das nicht, weil sich die Programmtheorien wechselseitig auch nur „wahr“ oder „falsch“ nennen können. Gleichwohl benötigt die Wissenschaft Programme, um zu anspruchsvollen Konstruktionen zu gelangen, mit denen sie ihre selbstgesteuerte Funktion - der Gesellschaft Erkenntnis zu verschaffen - in den eigenen Augen wirkungsvoll erfüllen kann. Diese Ebenendifferenz von Code und Programmierung könnte eine heilsame Wirkung haben, wenn sie etwa gewisse Literaturwissenschaftler dazu veranlaßte, die Hermeneutik für eine falsche Theorie und nicht für „Literatur“ zu halten. Es ist nicht bekannt, daß die Literatur ihre Autopoiesis mittels hermeneutischer Abhandlungen gewährleisten könnte. Aber das nur nebenbei. Da jedes System gleichursprünglich Umwelt anderer Kommunikationssysteme ist, optiert die Systemtheorie für Polykontexturalität. Die Wissenschaft beobachtet sich ja nicht etwa nur selbst, sie wird zugleich aus der Perspektive anderer Systeme mit anderen Leitcodes beobachtet und z.B. moralisch beargwöhnt, ökonomisch verwertet, juristisch stranguliert oder politisch unter Druck gesetzt. Das kann die Wissenschaft beobachten und sich entsprechend vorsehen, sie kann aber niemals - oder nur um den Preis ihres Kollapses als System - politisch oder moralisch kommunizieren. Und weil die moderne Gesellschaft als funktional differenzierte Gesellschaft keinen Ort mehr kennt, an dem sie sich „ganzheitlich“ beobachten oder gar „steuern“ könnte, ist der Eindruck der „Dispersion“ berechtigt; die Frage ist allein, wie man ihn kommuniziert, und das ist dann wieder eine Frage der Systemreferenz, sieht man von interaktionell geäußertem Unbehagen ab. Kurz und gut: mit diesem - hier brutalsimplifizierten - Systemkonzept läßt sich erklären, wie wissenschaftliche Kommunikation möglich ist, auch wenn man nicht sagen kann, was Wahrheit und Wissenschaft ontisch sind.

Bei dem Versuch der Beantwortung der Frage „Was ist das: die Literatur?“ darf die Literaturwissenschaft, so wissen wir jetzt, von der Systemtheorie keine Orientierung erwarten. Das weiß sie nicht. Anders ist es bei der Wie-Frage: „Wie ist literarische Kommunikation möglich?“ Diese Frage selbst ist eine dezidiert literaturwissenschaftliche Frage; denn am Ausgang aller Versuche, Jakobsons Frage ontisch zu beantworten - etwa im Sinne einer Sprachvarianz infolge der „poetischen Funktion“ -, stand die Einsicht in den Primat der Kommunikation, die festlege, wie ein Substrat beobachtet werde, etwa als „Literatur“ oder als ganz etwas anderes. Man weiß ja, daß keine Muse und kein Apoll Goethes Werther davor bewahrt haben, den germanistischen Hobbypsychologen und Amateurtherapeuten zum Opfer zu fallen. Man kann niemanden hindern, sich mit dem zu beschäftigen, was Goethe nicht beschäftige, mit des armen Werthers Vater etwa, um darin ein Symptom zu sehen.

Den Vorrang der Kommunikation vor den „Werken“, hat Jurij Lotman so beschrieben:

Stellen wir uns die Frage: welche Texte sind künstlerisch und welche nicht? Die Schwierigkeit, darauf eine erschöpfende Antwort zu geben, ist allgemein bekannt. Welche Regel man auch formulieren mag, die lebendige Geschichte der Literatur wird sofort so viele Ausnahmen präsentieren, daß von der Regel nichts übrigbleibt. (...) Wir wollen jedoch versuchen, ob man dem Problem nicht von einer anderen Seite beikommen kann. Stellen wir deshalb die Frage so: „In welchen Fällen ist der Akt der künstlerischen Kommunikation möglich?“ (...) Die unerläßliche Voraussetzung für die Beantwortung der Frage (...) ist (...), daß im Kulturcode selbst eine Opposition künstlerischer und nichtkünstlerischer Strukturen vorhanden ist.

Auch wenn Lotmanns Begriff der Kommunikation noch interaktionistisch gedacht ist, bleibt sein Hinweis auf den Primat des Kommunikationscodes - vor den Werken - fundamental. Erst die Spezifik der Codierung entscheidet darüber, ob ein Ereignis von der Gesellschaft als Kunst und Literatur kommuniziert wird. Lotmanns These ist vor allem einer bestimmten Spielart des sog. Institutionalismus überlegen, die vor dem Problem einer Definition der Kunst kapituliert hat und sich mit der Erklärung zufrieden gibt, Kunst sei, was im Museum hänge - auch wenn es alte Säcke sind.

Wie ist literarische Kommunikation als Kommunikation durch, nicht über Literatur möglich? Lotmann kann auch darin zugestimmt werden, daß es ausdifferenzierte literarische Kommunikation nicht immer gegeben hat; sie ist keine überzeitliche Möglichkeit aller Gesellschaften, sondern in die Evolution der modernen, funktionalen Systemdifferenzierung eingeschlossen. Wir sind im 18. Jahrhundert. Daß hier hinsichtlich der Literatur etwas ganz Neues und Einschneidendes passiert, läßt sich mit verschiedenen Beobachtungen plausibel machen. Zunächst ein Gedankenexperiment: Welche Auffassungen von der Literatur im 18. Jahrhundert wären Aristoteles oder Horaz in der Kontinuität ihrer Poetiken noch kommunikativ zugänglich gewesen? Einzelheiten beiseite: Hinsichtlich des Wirklichkeitsbezuges, des Textmodells und der Funktionserwartung an Poesie gewiß noch Gottsched und seine Zürcher Kontrahenten, noch Lessing, wenn auch im grundbegrifflichen Dissens, Moritz aber nicht mehr, der junge Goethe nicht, und die sog. Frühromantiker noch weniger! Auffällig ist auch, daß im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts erstmals „Jugend“ zu einer Qualität im Hinblick auf Literatur wird, die relevanter scheint als das treue Studium der Alten und ihrer kanonischen Werke. Literatur setzt sich erstmals programmatisch zu ihrer Geschichte different, Abweichung wird interessant. Das alles sind Symptome, keine Erklärung.

Die These ist, daß sich im Vollzug des Umbaus der Gesellschaft von Stratifikation zu funktionaler Differenzierung literarische Kommunikation aus einer Diffusion von Mehrfachcodierungen trennscharf ausdifferenziert und fortan autopoietisch reproduziert. Erst so wird Kommunikation durch Literatur möglich, die keinem gesellschaftlichen Auftrag mehr folgen muß, nicht gehalten ist, präkonstruierte Weltbilder zu akzeptieren und Sinn zu kopieren, der für die Umwelt der Literatur plausibel und notwendig sein mochte. Historisch hat es allerdings eine Weile gedauert, bis die Gesellschaft die Emergenz „autonomer“ Literatur akzeptieren und entsprechend zu kommunizieren lernte. Als Goethes Werther 1774 die infolge funktionaler Differenzierung freigesetzte Kontrastsemantik Person/Gesellschaft zum Aufbau der Romankomplexität nutzte - intern als Kontrast von Bewußtsein und Kommunikation; extern als Konfrontation von Literatur und Nicht-Literatur -, da reagierte das Publikum bekanntlich moralisch bestürzt, religiös gekränkt oder persönlich betroffen und verfehlte so die Modernität eines Romans, der zu Moral, Religion, Politik oder auch für die Identitätsfindung der Person nichts mehr beitrug. Ähnliches ließe sich an Kotzebues Dramen beobachten, um ein anderes Segment literarischer Kommunikation der Goethezeit anzusprechen, deren übergroßer Erfolg die Kritik nicht davon abbrachte, sie moralisch zu diskutieren, wiewohl Kotzebues Theater ersichtlich nichts weniger im Sinn hatte, als moralische Anstalt zu sein. Ihm ging es - und zwar hemmungslos - um die Totalfaszination der Einbildungskraft seines Publikums, und das gelang ihm so perfekt, daß ein Mann wie Wilhelm von Humboldt, der Kotzebue aus letzthin philosophischen Gründen mißbilligte, einräumen mußte, von ihm literarisch überwältigt zu werden, wiewohl sein Verstand sich sträube. Es helfe aber nichts, die Tränen flössen doch!

Seit dieser Zeit kann sich die Literatur - darin der Wissenschaft vergleichbar - die Kommunikation immer unwahrscheinlicherer und unerwartbarer Formen leisten, die in lebensweltlicher Plausibilität ebensowenig aufgehen müssen, wie sie Rationalitätsstandards anderer Systeme entsprechen. Wohl kann die Literatur Normen und Realitätskonstruktionen ihrer Umwelt für den Aufbau ihres Formrepertoires als Medien nutzen, beim Übergang über die Systemgrenze werden all diese Standards und „Wirklichkeiten“ aber umcodiert, d.h. als Literatur formiert. Das gilt auch für die Experimente des konsequentesten Naturalismus, und selbst der Avantgarde ist es nicht gelungen, die Differenz von Kunstsystem und Umwelt unbeobachtbar und kommunikativ unzugänglich zu machen.
Es kann nicht verschwiegen werden, daß über die wichtige Frage der Codierung literarischer Kommunikation, d.h. über die Frage des literarischen Äquivalents der wahr/falsch-Unterscheidung der Wissenschaft - unter Systemtheoretikern kein Einvernehmen besteht. Das ist mißlich, aber nicht zu ändern. Ich neige zu der Auffassung, daß bereits die Poetik um 1800 in ihrer Selbstreflexion der Literatur eine Antwort gegeben hat, und orientiere mich an Friedrich Schlegels Akzentuierung des Interessanten, das mit seinem Gegenbegriff einmal den Code der Literatur von allen im Konzept des Schönen noch mitbedienten philosophischen Perfektionsvorstellungen freisetzt und zum anderen der Temporalität moderner literarischer Kommunikation passenden Ausdruck gibt. Das Interessante ist auf Steigerung und Überbietung angelegt, es prägt die Evolutionsdynamik moderner Literatur, die ihre Kontinuität diskontinuierlich prozessiert. Das Interessante als akzeptanzmotivierenden Codewert programmieren die „immanenten Poetiken“ der Literatur, und aus der Abfolge solcher Selbstprogrammierungen, deren Spielraum an die Struktur von Systembildung gebunden ist, ergibt sich die Geschichtlichkeit moderner Literatur in der Sequenz ihrer „Epochen“ bis in unsere „postprogrammatische“ Zeit, in der uns die Literatur nicht mehr durch Programme, sondern allein noch durch das Raffinement ihrer Formung zu faszinieren vermag.



Literatur:

 

1. Jakobson, Roman: Die neueste russische Poesie (1921). Zit. Eichenbaum, B.: Aufsätze zur Theorie und Geschichte der Literatur. Frankfurt/M. 1965, 14.

2. Lotman, Jurij: Die Struktur literarischer Werke. München 1972, 405 f.

 

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 89-92

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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