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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 13. u. 14. Jg., Heft 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005, S. 335-339

 

 

DIE KULTURELLE EINHEIT EUROPAS

Franz Hutterer und die Besessenheit vom Südosten

 


Hans Bergel

 

Der Germanist und Historiker Franz Hutterer (1925-2002), mit Studium an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, war von 1985 bis zu seinem Tod Präsident der Forschungsstelle „Südostdeutsches Kulturwerk“, München, aus dem vor einiger Zeit das „Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas“ hervorging. In Novi Sad in der serbischen Provinz Wojwodina geboren und Schüler des dortigen ehemaligen deutschen Gymnasiums, wurde der Kulturraum des europäischen Südostens für ihn zum Lebensprogramm. Der Verbindung zu Persönlichkeiten, Universitäten und Akademien in den geistigen Zentren der südosteuropäischen Länder über alle politischen Divergenzen hinweg, widmete er während der letzten zwei Lebensjahre seine Kraft.

Dabei wurde ihm der aus Rumänien stammende Schriftsteller und Publizist Hans Bergel, Herausgeber der Zeitschrift „Südosteuropäische Vierteljahresblätter“, München, zum Partner mit dem gleichen Anliegen; die beiden gaben der Münchner Forschungsstelle in diesem Sinn eine Neuorientierung, die zur Grundlage des heutigen Institus wurde. – In einem z. T. persönlich gehaltenen Aufsatz erinnert sich Dr. h. c. Hans Bergel der gemeinsamen Arbeit mit Franz Hutterer. (Anm. d. Red.)

*

Trotz der rund fünf Jahrzehnte, die er in Bayern verbrachte – als Student, Buchautor und Lehrer, als Ehemann, Familien- und Großvater, als gern zur Kenntnis genommener wacher Geist, unkonventioneller wie enorm belesener Anreger und Anstoßer in Gremien didaktischer uns wissenschaftlicher Einrichtungen -, blieb er bis zuletzt das Kind der Landschaft „am linken Unfer der großen Donaubiegungen vor Belgrad“, wie er sagte – der Wojwodina, in der er 1925 das Licht und Dunkel der Welt erblickt hatte, des vielgesichtigen europäischen Südostens, jener über das Ende der Habsburger hinaus habsburgisch gefärbten Lebensräume zwischen Adria, Donau und Südkarpaten, mit denen der Mittel- und Westeuropäer so verzweifelt wenig beginnen kann.

Sein Zorn auf die bismarcksche Balkanpolitik, wie sie im sogenannten Berliner Frieden von 1878 ihren Niederschlag mit den vorsehbaren späteren Spannungen gefunden hatte, seine Wut auf nationalistische Positionen, Programme und deren Autoren vermochte ihn, den im Grunde sanften, konzilianten Mann, zu Ausbrüchen zu treiben, die ihm die wenigsten zutrauten. Er war und blieb sein Leben lang der Sohn jener Vielvölker-, Vielkulturen- und Vielsprachengeographien, denen wir alle, die wir dorther kommen, trotz unserer westlichen Aufgeklärtheit auf eine fast magische Weise verfallen sind. Bei Franz Hutterer gewann das Bewußtsein solcher Herkunft in den Konsequenzen, die er daraus zog, den Charakter eines grundsätzlichen Entwurfs des Kulturverständnisses. In einem umfangreichen Doppel-Essay, den wir in einander ergänzender Übereinstimmung im Jahr 1999 unter dem Titel „Europas kontrapunktische Einheit“ im Blick auf Südosteuropa gemeinsam veröffentlichten, gefielen ihm an meinem Text bezeichnenderweise vor allem die Zeilen, in denen ich von der Vielfalt der Sprachen, Tänze und Lieder, der Idiome, Lebensweisen und Volkstemperamente als einer Ganzheit gesprochen hatte, deren Charakteristika in die Individualität eines jeden von uns einflossen.

Franz Hutterer war ein meisterhafter Erzähler. Dabei habe ich nicht sosehr seine überaus erfolgreichen Jugendbücher vor Augen, die er etwa zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Lebensjahr veröffentlichte – ehe ihn der pädagogische und didaktische Eros übermannte – und die erstaunlich oft übersetzt wurden, wie z. B. „Treue findet ihren Lohn“, von dem es Fassungen in fast eienm Dutzend europäischer Sprachen gibt. Sondern ich denke an spätere novellistische Erzählungen wie etwa „Djordje“, die ich für einen der besten von deutschsprachigen Autoren Südosteuropas im 20. Jahrhundert geschriebenen Kurzprosatexte halte, auf dem Niveau etwa der „Tatarin“ von Oskar Walter Cisek (1896-1966), des „Brautschmucks des Sebastian Hann“ von Andreas Birkner (1911-1998), der „Verfolgung“ von Erwin Wittstock (1899-1962), einiger Episoden aus den „Maghrebinischen Geschichten“ des Gregor von Rezzori (1914-1998) oder der „Bärin“ von Otto Alscher (1880-1944). Was Architektur, Spannungsgeflecht, epische Atmosphäre, inhaltliche wie formale Konsequenz und Luzidität der Sprache angeht, ist „Djordje“ jedem der genannten Texte vergleichbar.

Vom Tag der Lektüre an mahnte und drängte ich Franz Hutterer, sich des erzählerischen Genius zu besinnen, mit dem er gesegnet war. Vergebens. Er hörte mir gelassen zu und sagte: „Die Magnetkraft des Erziehungsgedankens stellte sich eines Tags als stärker heraus. Immanuel Kants Axiom ‚Der Mensch wird durch Erziehung’ hat mich so fasziniert, daß alles andere in den Hintergrund trat. Oder kannst du mir sagen, was es Wichtigeres und Befriedigenderes gibt als die gestaltende Einwirkung auf junge Menschen?“ Nein, das konnte ich nicht.

Über lange Jahre hinweg Mitglied der angesehenen Bayerischen Schulbuch-Kommission, schuf er sich über den Fachkreis hinaus einen Ruf im Umgang mit dem Komplex Bildung und Erziehung, über den mir der Münchner Verleger Oldenburg bei einer Buchpräsentation sagte, mit dem Namen des Historikers und Germanisten Franz Hutterer verbinde sich – so wörtlich - „bei Kennern der Materie in Deutschland die Vorstellung des qualitativ anspruchsvollen Schullehrbuchs“. Hutterer war von der Idee des „sachlich ausgeglichenen, gedanklich und emotionell ansprechenden und anregenden“ Unterrichtsbuchs geradezu besessen, wie mir in ungezählten Diskussionen besonders während der ersten Jahre unserer Bekanntschaft klar wurde.

Wir lernten uns in der ersten Hälfte der 1980-er Jahre näher kennen, als er immer mehr in den Mittelpunkt der Erörterungen um die Wahl des Vorsitzenden des Münchner „Südostdeutschen Kulturwerks“ rückte - aus dem das heutige „Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas“ hervorging – und unser beider künftige Aufgabe als Herausgeber der Zeitschrift „Südosteuropäische Vierteljahresblätter“. Beiden war uns die Überfälligkeit einer Korrektur in der Orientierung der seit 1951 bestehenden verdienten Einrichtung ein Anliegen, ja sie erschien uns als unumgänglich; das waren damals fast ketzerische Erwägungen. Das heißt, wir strebten trotz des rigorosen kulturpolitischen Nationalismus in den zu unseren Aufgabenbereich gehörenden kommunistischen Ländern Südosteuropas einen Kurs des übernationalen – in der Funktionärssprache: des „grenzübergreifenden“ - Kontaktes und Dialogs an. Durch die hermetische Isolation, mit der sich diese Länder abschotteten, und den Chauvinismus, mit dem die Regierungen in Staaten wie Jugoslawien, Ungarn, Rumänien die historisch gewachsenen deutschen Kulturpotentiale zum einen Teil zerstört, zum anderen ausgehöhlt hatten, waren die Leiter des „Kulturwerks“ als auch die redaktionellen Betreuer der Zeitschrift gelegentlich der Versuchung einer Reaktion auf gleicher Ebene erlegen.

Hutterer hielt den auf schiere Konfrontation angelegten Disput über die Grenzen hinweg aus den sich vor dem Hintergrund der KSZE-Vereinbarungen abzeichnenden Veränderungen heraus für ebenso fragwürdig wie ich, weil perspektivlos. Die Erlahmung des Kalten Kriegs zugunsten keimender Gesprächsansätze erkannten wir als Chance. In ausgiebigen Erörterungen in meiner Münchner Zeitungsredaktion suchten wir in den Jahren 1982 bis 1985 einen Weg, der im Kontext der kontinentalen Entwicklung auch unsere kleine Institution aus der beiderseitigen Erstarrung hinausführen sollte. Hutterer bestand darauf, ohne mich diesen Weg nicht einschlagen zu wollen. 1985 wurde er Vorsitzender der Forschungsstelle „Kulturwerk“. Wie unsere Programmvorstellungen aussahen, konnte als Ergebnis unserer Gespräche und Zusammenarbeit in einem von mir verfaßten Text erst im März-Heft 1989 der „Südosteuropäische Vierteljahresblätter“ veröffentlicht werden, als ich die Mitherausgeberschaft übernahm; es ist das erste Heft, in dem ich im Impressum der Herausgeber namentlich genannt werde. In diesem Programmtext heißt es, daß „die europäische Perspektive der Zeitschrift künftig deutlicher herauszustellen ist als bisher“; es ist von „der Einbindung südostdeutscher Themata in die Einheit des multikulturellen Europa“ die Rede, außerdem von der „europäisierenden Tendenz des Kulturlebens“ und von der „zunehmend deutlicheren Akzentuierung der europäischen Komponente im Durchdenken und Begreifen unserer südostdeuschen Themenstellungen“, u. ä. m. Die Botschaft war eindeutig. Schon nur aus der kurzen Distanz von fünfzehn jahren fällt es schwer, sich die Brisanz der Richtungsänderung vorzustellen.

Obgleich wir uns seit Jahren kannten, kamen wir uns erst in diesen „Redaktionsgesprächen“ menschlich nahe – wie Hutterer unsere Begegnungen im Redaktionsraum in der Sendligerstraße nannte – und merken, wie verwandt, ja wie gleichlautend die Vorstellungen des aus der Wojwodina und des aus Siebenbürgen nach Bayern verschlagenen Südosteuropäers waren. Der Deutsche aus der einst von Prinz Eugen den Europäern wiedergewonnenen Landschaft am linken Donauufer „vor Belgrad“ und der Deutsche aus der einst ordensritterlichen Terra Borza in Transsilvanien nördlich der Südkarpaten trauten sich den Diskurs mit Personen, Akademien und Universitäten durch den Eisernen Vorhang hindurch zu, weil sie beide die Möglichkeit der Rückwendung in die südöstliche Komponente ihrer eigenen Persönlichkeit längst vermißten und daher mit Ehrlichkeit den Gesprächspartnern jenseits der politischen Grenze zu begegnen bereit waren.

Von unschätzbarem Vorteil bei dieser Begegnungssuche war – und blieb bis heute – die intime und genaue Kenntnis nicht nur der Sprache, Literatur und Kultur der fraglichen Länder, sondern ebenso die ihrer Lebens- und gesellschaftlichen Atmosphäre, ihres spezifischen Kulturverständnisses, der Tonlage ihres privaten und wissenschaftlichen Geprächs.

Im Blick auf die jugoslawischen Länder gehörte Franz Hutterer der letzten Generation an, die diese Voraussetzungen mitbrachte. Das Serbokroatische war ihm vertraut wie eine zweite seelische und geistige Heimat – was etwa seine Verbindung zum Germanisten der Belgrader Universität Professor Zoran ®iletiè, seine Interviews in dortigen Periodika oder seine Übersetzungen serbokroatischer Lyrik ins Deutsche belegen. Ja mich erstaunte nicht selten die Eindringlichkeit der privaten Note seines Pledoyers für den Dialog mit dem gesamten serbokroatischen Kulturraum. Er war, gleich mir, erzürnt über die generelle deutsche Unfähigkeit des Gesprächs mit dem Südosten, die von der serbischen Literaturwissenschaftlerin Jelena Voliè 1995 in einem aufsehenerregenden Essay mit der zusammenfassenden Feststellung in bitterem Ton beklagt wurde: Wir haben bei euch in Deutschland keinen Gesprächspartner. „Unser Ruf in die Ferne“, heißt es darin wörtlich, unser „Bedürfnis nach einem Austausch zwischen Gleichdenkenden...“

Von uns beiden, die wir demselben Jahrgang angehören, war in diesen Zusammmenhängen ich der Glücklichere – ich muß dies sagen, um die Lage am Vergleich deutlich zu machen. Des Rumänischen fast ebenso mächtig wie des Deutschen, bewege ich mich auf der „lateinischen Insel“ nördlich, östlich und südlich der Karpaten vom Bukarester Vorstadtjargon bis zur Sprache des literarischen Disputs nicht nur auf bekanntem, sondern mir von Kind an zugewachsenem heimatlichen Boden – nicht nur mit einer Anzahl von Buchübersetzungen und Medienauftritten im Bewußtsein rumänischer Kulturkreise gelegentlich präsent, sondern – wie Victor Meier 1977 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ feststellte – schon vor 1989/90 mit Buchtexten, die als Samisdatliteratur unter Rumänen in Umlauf waren. Aber ich bin im Unterschied zu Franz Hutterer nicht der letzte einer Generation, erst die nach mir Kommenden werden es sein. Gleiches wie für Hutterer gilt aber auch hinsichtlich der mit einem bedeutenden deutschen Kulturerbe ausgestatteten Slowakei, wo wir im Literaturchronisten und Buchautor Gerhard Tischler den letzten nicht allein seiner Zipser Herkunftsgemeinschaft verbundenen, sondern gleichermaßen im slowakischen Kulturboden wurzelnden Vertreter haben. Das gilt ebenso für den Sprachwissenschaftler Kurt Rein im Blick auf die Bukowina. Usw. Ich sehe daher mit Sorge dem Zeitpunkt entgegen, da die lebendige Unmittelbarkeit dieses west-südöstlichen Diwans endgültig ersetzt sein wird durch den menschlich unverbindlichen blutleeren, ausschließlich akademischen Austausch von Gedanken, über deren „Blässe“ sich Shakespeare bekanntlich ausließ.

Franz Hutterer teilte diese Sorge. Ich bedauere es, daß er – bis zu seinem Tod im Jahr 2002 oberster Chef des „Kulturwerks“ in schwieriger, unser beider enges Freundschaftsverhältnis zeitweilig überschattender Umbruchsphase – nicht mehr dazu kam, anstelle der „erstickenden Verwaltungspest“, wie er sich unter vier Augen ungehalten Luft machte, die persönliche Beziehung zu seinem auf schmerzhafte Weise geliebten Südosten zu pflegen und zu bereichern. Diese Liebe machte ihn niemals blind für die historischen Belastungen und die gegenwärtige bedrückende Thematik seines Herkunftsraumes. So wie er mit Eloquenz über Danilo Ki¹s moderne serbische Romanwelt und über Alexander Ti¹mas sensible wojwodinische Seelenenthüllungen feinfühlig und kenntnisreich sprechen und schreiben konnte, so hart ging er mit den geschichtlichen Verursachern und jüngsten Vorantreibern etwa der „ethnischen Säuberungen“ zu Gericht. Er wies ihnen deren Praxis schon im Umgang mit den Deutschen jener Landstriche um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nach. Aber zu seinem Weg des klärenden, Spannungen abbauenden und all die erschreckend fest betonierten Vorurteile auflösenden Dialogs sehe ich keine Alternative. Er ist die einzige Chance, über die Wirtschaft und das Geld hinaus unsere immanente europäische Einheit widerstandsfähig herzustellen.

Franz Hutterer war nach Anlage seines Rezeptions- und Kommunikationsbedürfnisses ein eher der lateinischen Ausformung des homme de lettres zugehöriger Geist als ein Repräsentant des weitgehend dogmatisierten deutschen Literaturverständnisses. Lateinisch erschien mir an ihm die Selbstverständlichkeit der Synthese aus literarischer und politischer – nicht ideologischer! – Vernunft und Weltbetrachtung, die genuine Gleichzeitigkeit von profund realistischer und ästhetischer Lebenswahrnehmung, die Natürlichkeit, die Unverkrampftheit der intellektuellen Artikulationssicherheit, die bei den lateinischen Völkern quer durch die Gesellschaftsschichten zu beobachten ist; sie haben, befand Nietzsche gelegentlich, „die genuine Beziehung zum Geist“. Es wäre reizvoll, die Herkünften dieser Persönlichkeitssubstanz Franz Hutterers nachzuforschen, die sich trotz Studiums an der bayerischen Ludwig-Maximilians-Universität erhielt und trotz der süddeutschen Klangfarbe seines Hochdeutsch im Alter an Deutlichkeit gewann. Der Art nach lateinisch war an ihm auch die Präsenz des Historischen in der Erörterung selbst der aktuellen Frage. Auf ihn angewendet, erlaubt das alte Wort: daß die Franzosen nicht vergessen können, die Deutschen hingegen zu leicht vergessen, keine andere Zuordnung. In einem Gespräch ereiferte er sich über die Haltung des ungarischen Grafen Andrássy, der sich als Vertreter Wiens auf dem Berliner Kongreß mit dem Plan des militärischen Eingriffs in Bosnien-Herzegowina gegen Fürst Bismarck durchgesetzt hatte, so sehr, daß ich ihn mit dem Hinweis beschwichtigen mußte, es sei doch seither mehr als ein Jahrhundert verstrichen, und andere hätten dort mittlerweile weit größeres Unheil angerichtet.

Zu seiner „lateinischen“ Natur gehörte auch der Hunger nach dem, was die Franzosen „l´information quotidienne“ nennen: der Hunger nach Kenntnis dessen, was sich soeben an Wissenswertem auf der Welt zuträgt. Das machte ihn zum ausschweifenden Zeitungsleser. Hutterer gehörte ja, abgesehen davon, jenen jüngeren Generationen der Deutschen an, die sich nach Krieg und Kriegsteilnahme vollsaugten mit den vorenthaltenen amerikanischen, französischen, englischen und anderen Autoren von Faulkner bis Bernanos, Camus und Sartre bis Silone, Thomas Clayton Wolfe bis Hemingway. Döblin mit der Zeitschrift „Das Goldene Tor“, Friedrich Sieburgs glänzende Aufsätze und Essays, Erich Kästners messerscharfe Texte in der „Neuen Zeitung“, die „Frankfurter Hefte“, der „Merkur“, die Diskussionen der „Gruppe ´47“, Weissmanns Zeitschrift „Die Fähre“ und Autoren wie Edzard Schaper und Reinhold Schneider standen mit kaum noch vorstellbarer Faszination im deutschen Bereich für die neuen, postbellischen Besinnungs- und Orientierungsmarken. Hinzu kamen für diese Generationen Entdeckungen wie die Malerei Schmidt-Rottluffs, Kirchners, Noldes, die Skulptur Barlachs und vieles andere...

Bei den Diskussionen über all dies, deren wir endlose führten, brachte der auch französisch und englisch lesende Hutterer immer wieder den historischen Aspekt ins Spiel. Bei der Debatte über Walsers letzten Roman murmelte es ebenso Schopenhauers Befindung über die Wertlosigkeit des momentanen Applauses vor sich hin wie die Bemerkung des kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómes Dávilas: „Die Lautstärke des Beifalls besagt nichts.“ Und ich erinnere mich eines Gesprächs über die Administration des Vereinten Europa, in dem er mit dem 1828 von Eckermann notierten Urteil aufwartete: „Unsere Zustände in Europa sind viel zu künstlich und kompliziert“ – als stünde Goethe neben ihm.

Es trieb ihn also mehr als die nur journalistische Neugierde beim Griff nach der Zeitung um. Ihm ließ vielmehr die Frage keine Ruhe, was unsere „Welt im Innersten zusammenhält“. Vielleicht auch die traumatische Angst, aus Mangel an Information als Deutscher noch einmal die falsche Entscheidung zu treffen.

Diese Informationsversessenheit machte ihn wohl auch zum Zauderer. Nicht nur als Leiter einer Arbeitssitzung neigte er dazu, sich fast chaotisch im Endlosen seiner weitverstreuten Bezugspunkte zu verlieren; er war daher auch lenkbar durch den strafferen Willen. Ich habe kaum je wieder einen Menschen gekannt, der sich erkennbarer als Franz Hutterer ständig im Licht der Goethe-Anmerkung bewegte: „Der Gedanke weitet, aber er lähmt, die Tat befreit, aber sie verengt.“

Doch seine unwiderstehliche Neigung, nichts Wesentliches zu übersehen, machte ihn andererseits auch fähig, den kleinen Kosmos der Region in überzeugender Weise in den größeren Kosmos der kontinentalen Kulturschau einzufügen. Und ich kenne nur wenige, die mit seiner sachlichen Argumentationseloquenz darüber zu sprechen vermögen.

Dies vor allem macht mir die Erinnerung an ihn zur Kostbarkeit: daß er bei seinem sowohl ins Historische als auch ins Philosophische ausgeweiteten Horizont das Nächste nie vergaß – die Landschaft Wojwodina an der großen Donaubiegung nach Südosten.

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 13. u. 14. Jg., Heft 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005, S. 335-339

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga 

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