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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 101-106

 



DIE HÖFISCHE LIEBE ALS KÖRPERLICHE LIEBE:

DIE LEIDEN DES JUNGEN GAWAN IN WOLFRAM VON ESCHENBACHS PARZIVAL

 

Hans Neumann



Amor est passio quaedam innata procedens ex visione et immoderata cogitatione formae alterius sexus, ob quam aliquis super omnia cupit alterius potiri amplexibus et omnia de utriusque voluntate in ipsius amplexu amoris praecepta compleri.

[Liebe ist eine Art angeborene Krankheit. Sie entsteht durch Anschauung und übermäßige gedankliche Beschäftigung mit der Wohlgestalt des anderen Geschlechts, die dazu führen, mehr als alles andere die Umarmung des anderen zu wünschen und gemeinsam die Vorschriften der Liebe in der Umarmung zu erfüllen. (1)]

So schreibt um 1185 Andreas Capellanus in seiner berühmten Abhandlung De Amore und gibt uns damit eine zeitgenössische Definition der Liebe. Die Minne, genauer die Hohe Minne, läßt sich aber nicht so einfach definieren und kann auch nicht mit der Bezeichnung “Liebe” beschrieben werden. Vor allem hat sie einen exklusiven Charakter: sie betrifft nur die höfische Gesellschaft und tritt in der Form des Lehnsystems auf. Der Begriff der Hohen Minne erzeugt eine regelrechte Revolution in der Mentalität der adligen Hofgesellschaft: nicht nur erreicht die Liebe eine höhere Wertstufe als die bloße Sexualität, sondern es gelingt der Frau, auch eine Vorrangstellung vor den traditionellen Werten der Waffenbrüderschaft zu gewinnen (2). Der Ursprung dieser eigentümlichen Liebesauffassung wird mit der Trobadorlyrik zum Beginn des 12. Jahrhunderts assoziiert. Die Frage nach der Entstehung der höfischen Liebe hat die Forschung lange Zeit beschäftigt und eine endgültige Antwort ist noch nicht gegeben worden, denn trobadoreskes Leben und Lieben sind identisch. So wird die trobadoreske Liebeskonzeption von den literatursoziologischen Forschungen Erich Köhlers einerseits als das ideologische Produkt einer bestimmten sozialen Gruppe der südfranzösischen Gesellschaft der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts und als Ausdruck ihrer Aufstiegsaspirationen dargelegt, andererseits kann man die höfische Liebe als eine Reaktion gegen die rücksichtslose Sexualpraxis der Adelsgesellschaft erklären (3).

Die beiden Interpretationen schließen einander nicht aus: diese am Hofe lebende soziale Schicht, die zwar von dem hohen Adel zur Standesgesellschaft anerkannt wurde, war stets bemüht, ihre gesellschaftliche Bedeutung zu betonen und durchzusetzen, und ein Liebes- und Tugendsystem, das die gesellschaftlichen Unterschiede und die Überlegenheit des Hochadels zugunsten höfischer Wertvorstellungen aufhob, entsprach am besten ihrer Ideologie, die sich nun als Liebesideologie entfaltete.

Der Hauptakzent fällt nun auf höfisches Verhalten, denn von diesem Standpunkt aus ermöglichen höfische Lebensart und die Hervorhebung der höfischen Tugenden dem sozial Unterlegenen das Auftreten vor der Hofgesellschaft mit dem Anspruch auf gleichrangige Behandlung. Gegen diese Theorie wäre einzuwenden, daß man unter den Trobadoren nicht nur Vertreter des niederen Rittertums findet, sondern auch Vertreter des Hochadels wie den Herzog Wilhelm IX. von Aquitanien, Jaufre Rudel u.a., Vertreter der hohen und niederen Geistlichkeit und, vor allem seit Beginn des 13. Jahrhunderts, viele Bürgerliche. Es ist von minderer Bedeutung für die Zielsetzung dieser Arbeit, ob diese Theorie die Komplexität des Gesamtphänomens erschöpfend darstellen kann.

Fest steht, daß der Dienstgedanke, nämlich der Frauendienst, der auf den realhistorischen Herrendienst zurückzuführen ist, ein grundlegendes Merkmal dieser Liebe ist.

Frauendienst bedeutet, daß Ritter und Dame im Verhältnis von Unterordnung und Überordnung zueinander stehen; als Zeichen seiner Liebe soll der Ritter der geliebten Dame Minnedienst leisten und für seinen Dienst darf er Liebeslohn erwarten.

Von äußerster Relevanz ist auch die Tatsache, daß die Entfaltung der höfischen Liebe die Sublimierung des Eros gegenüber dem Liebesgenuß voraussetzt; in diesem Sinne ist sie der geeigneteste Ausdruck der aristokratischen Haltung im Gegensatz zur triebhaften Sexualität. Dieser Prozeß der Vergeistigung der Liebe führt zu einer erotischen Kultur innerhalb der Hofgesellschaft, die zwar die körperliche Erfüllung nicht ganz ausschließt, aber ihr doch einen niedrigen Stellenwert im Rahmen dieser Liebesauffassung zuweist.

Diese Liebe, die das Zentrum der trobadoresken Ideologie ausmacht, ist - ohne das Moment der Sinnlichkeit in jedem Fall zu negieren - keine allein durch den körperlichen Vollzug realisierbare Liebe; sie wäre sonst unhöfisch. Sie ist auch keine rein »platon-ische« Liebe; sie wäre sonst nicht höfisch (4).

Diese Liebe wirkt als Erziehungsmacht, ist das Ziel zur Ausübung der Tugenden, sie ist die eigentliche Antriebskraft der ritterlichen Existenz, deshalb ist höfisches Wesen in seiner Vollkommenheit nur durch die Liebe erreichbar. Die politisch motivierten Eheschließungen der damaligen Hocharistokratie rechtfertigen die Bezeichnung der trobadoresken Liebe als eine “ehebrecherische” Liebe. Daß wahre Liebe zwischen Eheleuten nicht möglich ist, macht Andreas Capellanus deutlich, indem er einer Dame des Hochadels die klare Definition in den Mund legt, daß Liebe deshalb in der Ehe nicht verwirklicht werden könne, weil diese einen vertragsmäßigen Zustand mit Rechten und Pflichten darstelle (5).

Die dadurch entstandene Distanz zwischen dem Trobador und der Dame ist vielleicht einer der Gründe, warum Spuren von sinnlicher Erfüllung oder erotischem Verlangen nur mit wenigen Ausnahmen in der Dichtung der Trobadors zu finden sind. Diese Distanz besteht allerdings aus drei Elementen: sie ist einerseits durch den Verheiratetenstatus der Dame gegeben, andererseits durch ihre höhere soziale Stellung und drittens durch die Natur der trobadoresken Dichtung als Unterhaltungskunst, die öffentlich vor dem höfischen Publikum vorgetragen wurde, wobei explizite Anspielungen auf eine Liebesbeziehung ein Verstoß gegen die Konvention bedeuteten.

Die trobadoreske Liebe ist auch eine prinzipiell unerfüllte Liebe, das hängt mit der erzieherischen Funktion der höfischen Liebe zusammen und in ihr verbirgt sich eine der grundlegenden Paradoxien dieser Minnedoktrin: zwar richten sich die “unersättlichen” Bemühungen des Trobadors auf die Eroberung der Dame und auf die körperliche Vereinigung als Ausdruck des höchsten Liebesglücks und absoluter Inbesitznahme der Dame, doch darf diese niemals erreicht werden, denn das würde den Prozeß des kontinuierlichen Sich-höfisch-Gestaltens aufheben.

Das ist also eine allgemeine und vereinfachte Darstellung der höfischen Liebe, die sich hauptsächlich auf die ältere Forschung stützt. Die neuere Forschung nimmt dazu eine differenzierte Stellung ein; die höfische Literatur schildert zahlreiche ritterliche Liebesabenteuer, die mit dem Liebesvollzug und /oder der Ehe enden und trotzdem als höfische Liebe betrachtet werden. Dasselbe betrifft den oben erwähnten Standesunterschied zwischen dem werbenden Ritter und der umworbenen Dame, und in geringerem Maße den Dienstgedanken.

Die Rezeption dieser Liebesauffassung beginnt in Deutschland um 1170 und dem ursprünglichen romanischen Modell werden landesspezifische Änderungen hinzugefügt.

Die mannigfache Art, in der höfische Liebe ideologisch aufgefaßt wurde, läßt kein theoretisch-allgemeingültiges Bild der Minne in Erscheinung treten: bei verschiedenen Autoren sieht die Minne verschieden aus. Sogar mehr, wie man bei Wolfram feststellen kann, nimmt die Liebe in Parzival verschiedenartige dem gewöhnlichen von Entsagung und Vergeistigung (Unnahbarkeit) geprägten Liebesentwurf fremde Züge an, und trotzdem ist sie nicht weniger höfisch. Insbesondere möchten wir hier den sinnlich-erotischen Charakter dieser Liebe unterstreichen und dafür ist Gawan der ideale Kandidat, denn er ist der Inbegriff der Tafelrunde, der vorbildliche Vertreter der irdisch-höfischen Gesellschaft und als solcher verleiht er seinen Liebesbeziehungen Überzeugungskraft und höfische Mustergültigkeit. Parzival ist durchaus atypisch, er kommt nur gelegentlich mit dem höfischen Leben in Berührung, um sofort dessen Werte zu verabsolutieren und sich als einzigartige Gestalt zu erweisen, dennoch werden wir ihn - Wolframs Erzähltechnik jedoch mit umgekehrter Absicht folgend - Gawan begleiten lassen.

Als “die herrlichste Blüte des Ritterstandes”, eines transzendenten Rittertums, eignet er sich zum Vergleich mit Gawan, dem Vorbild des weltlich-höfischen Rittertums.

Die Handlung beginnt mit der Geschichte Gachmurets. Seine Liebe zu Belakane unterscheidet sich durch nichts von dem üblichen Schema Minnedienst und Minnelohn. Sie wirkt stereotyp und man kann sie als eine klassische ritterliche Liebesbeziehung bezeichnen. Doch auch hier machen sich Elemente der Sinnlichkeit bemerkbar:

die juncvrouwen giengen vür
und sluzzen nâch in zuo die tür.
dô pflac diu küneginne
einer werden süezer minne,
und Gahmuret ir herzen trût.
ungelîch was doch ir zweier hût.
...............................................
diu ê hiez magt, diu was nu wîp;
diu in her ûz vuorte an ir hant.

[“Die Jungfrauen verließen nun den Raum und schlossen die Tür; nur die Königin blieb zurück. War auch ihrer beider Haut von unterschiedlicher Farbe: sie und ihr Herzliebster Gachmuret gaben sich unbeschwert dem Genuß berauschender und lauterer Liebe hin.” (Pz. 44, 25-30) ... “Die vorher Jungfrau, jetzt zur Frau erblüht war, führte ihn an ihrer Hand.” (Pz. 45, 24-25)]

Ganz anders geht es seinem Sohn Parzival. Als Gast von Gurnemanz hat man für ihn ein Bad vorbereitet und dabei kümmern sich schöne Jungfrauen um ihn. Wolfram aber schildert die Szene scherzhaft-ironisch als wäre Parzival weiblicher Lust ausgesetzt.

man bôt ein badelachen dar:
des nam er vil cleine war.
sus kunde er sich bî vrouwen schemen,
vor in wolt erz niht umbe nemen.
die juncvrouwen muosen gên:
sine torsten dâ niht langer stên.
ich waen si gerne heten gesehen,
ob im dort unde iht waere geschehen.
wîpheit vert mit triuwen:
si kan vriundes kumber riuwen.

[“Als man ihm das Badelaken reichte, nahm er es nicht, denn er schämte sich vor den Jungfrauen und wollte nicht unter ihren Blicken aufstehen. Nun verließen ihn die Jungfrauen, da längeres Verweilen unschicklich gewesen wäre. Ich denke mir aber, sie hätten gern gesehen, ob ihm weiter unten etwas passiert war, denn die Frau ist treu besorgt um ihren Liebsten, wenn er in Nöten ist.” (Pz. 167, 21-30)]

Vielmehr offenbart sich Parzivals edle Wesensart in der Liebe zu Condwiramurs: die sinnliche körperliche Zuneigung zügelt er zugunsten der Hohen Minne. (Pz. 202, 2 ff.) Parzivals Liebesbeziehung mit Condwiramurs entspricht seiner als Gawan-Gegenpol gedachten Funktion und bestätigt die außergewöhnliche Art seiner Gestalt. Zwar schließt die höfische Liebe die Sexualität nicht aus, aber sie nimmt in der höfischen Liebesauffassung eine sekundäre Stelle ein. So lautet jedenfalls die Konvention. In der Wirklichkeit sieht die Sache anders aus und Parzival ist wie immer ein Ausnahmefall. Gawans Liebesbereitschaft und unbekümmertes Wesen in Sachen Liebe können vielleicht Oberflächlichkeit und Neigung zu amouröser Unbeständigkeit zeigen, doch mindern diese keineswegs seinen Wert als Ritter, und die offensichtliche Sympathie, mit der Wolfram ihn schildert, bezeugt das. Er ist par excellence der Casanova des höfischen Mittelalters, während Parzival auch in der Liebe von seiner Singularität als Gralssucher geprägt wird, wenn man, aufgrund einer nicht völlig unberechtigten Analogie, Condwiramurs als die Entsprechung des Grals auf der Ebene der Minne betrachten würde. Die Entfaltung seiner Liebe ähnelt in ihrer Einmaligkeit dem Auserwähltenstatus des Gralskönigs.

Bî ligens wart gevrâget dâ.
er unt diu küngîn sprâchen jâ.
er lac mit sölhen vuogen,
des nu niht wil genuogen
mangiu wîp, der in sô tuot.
daz si durch arbeitlîchen muot
ir zuht sus parrierent
und sich dergegen zierent!
vor gesten sint si an kiuschen siten:
ir herzen wille hât versniten
swaz mac an den gebaerden sîn.
....................................
des mâze ie sich bewarte,
der getriuwe staete man
wol vriundinne schônen kan.
....................................
sus lac der Wâleise:
cranc was sîn vreise.
Den man den rôten ritter hiez,
die künegîn er maget liez.

[“Nun fragte man ihn und die Königin, ob sie ihr Beilager halten wollten, und beide sagten ja. Er lag aber so sittsam neben ihr, daß heutzutage viele Frauen mit solch einem Manne unzufrieden wären. Ach, daß sie heute nur daran denken, sich aufreizend zu schmücken, und damit alle gute Erziehung verleugnen. Vor Fremden spielen sie die Keusche, doch ihr eigentliches Verlangen straft dies heuchlerische Gehabe Lügen.(...) Ein treuer, ehrenfester Mann, der Maß zu halten weiß, ist rücksichtsvoll zu seiner Geliebten. (...) So lag also unser Jüngling aus Valois, den man den Roten Ritter nannte, still und zufrieden neben ihr. Er ließ die Königin unberührt.” (Pz. 201, 19 ff.)]

Von Entsagung ist hier nicht die Rede, höchstens von “asag”, denn bald darauf verwirklicht sich Parzivals Liebeserfüllung innerhalb der Ehe mit Condwiramurs.

von im dicke wart gedâht
umbevâhens, daz sîn muoter riet:
Gurnemanz im ouch underschiet,
man und wîp waern al ein.
si vlâhten arm unde bein.
ob ichz iu sagen müeze,
er vant daz nâhe süeze:
der alte und der niuwe site
wonte aldâ in beiden mite.

[“Er aber dachte immer öfter daran, daß seine Mutter ihm geraten hatte, die Frau fest in die Arme zu schließen, und auch Gurnemanz hatte ihn gelehrt, daß Mann und Frau untrennbar eins wären. Sie schlangen also Arme und Beine ineinander, und wenn ich es schon sagen soll: er fand das nahe Süße, und beide übten den alten, stets neuen Brauch.” (Pz. 203, 2 ff.)]

Die Szene mit den drei Blutstropfen im Schnee ist vielleicht die eindrucksvollste literarische Schilderung jener Form der Liebe, die amor hereos genannt wurde. Es zeichnet sich durch die krankhafte Erscheinung der Liebe, die Verdrehung des Wahrnehmungsvermögens, die Empfindungslosigkeit der betroffenen Person, mit Ausnahme der Augen, aus. Durch die Vermittlung der Augen ist das Bild der Geliebten zum Geist gelangt, dort wirkt es als eine Zwangsvorstellung, die die Vernunft entstellt. Auch bemüht sich der Geist durch die Augen wieder den Kontakt mit dem Gegenstand, der diese Zwangsvorstellung verursacht hat, herzustellen (6).

Als Parzival die drei Blutstropfen auf dem Schnee erblickt, rufen sie die Erinnerung an seine Gemahlin Condwiramurs wach. (Pz. 282, 26 ff)

Er bildet sich ein, er sehe im Schnee aufgrund der Farbenkombination (Rot und Weiß) und der Anordnung der Blutstropfen das Abbild seiner Frau und starrt darauf, ohne Besinnung, wie gefesselt. In dieser außergewöhnlichen Lage kommt Parzival mit der rauhen, primären, rein kriegerischen Seite des Rittertums in Berührung, die von Keye und Sagremor vertreten wird. Er führt in völliger Geistesabwesenheit zwei Kämpfe mit Keye und Segramor, die sich von ihm herausgefordert fühlten.

Beide erweisen sich als unfähig, den Stand der Dinge zu begreifen und in angemessener Weise zu handeln: eine Begebenheit, die erneut die Wesenseinheit von Minne und Höfischkeit unterstreicht.

Erst Gawan, der vorbildliche höfische Ritter, ist imstande, Parzivals Zustand zu erfassen, er tritt friedfertig an ihn heran, folgt seinen Blicken und ermöglicht seine “Heilung”, indem er die Blutstropfen mit einem Tuch deckt. Seine “Weisheit” beruht auf eigener Erfahrung.

der tavelrunder hôhster prîs
Gâwân was solher noete al wîs:
er het si unsanfte erkant,
do er mit dem mezzer durch die hant
stach: des twang in minnen craft
unt wert wîplîch geselleschaft.
..................................
dô dâhte mîn hêr Gâwân
>waz ob diu minne disen man
twinget als si mich dô twanc,
und sîn getriulîch gedanc
der minne muoz ir siges jehen?<

[“Nun waren Gawan, dem berühmtesten Ritter der Tafelrunde, solche Nöte nicht fremd. Er hatte sie am eignen Leibe schmerzlich erfahren und einmal sogar aus übermächtiger Liebe zu einer edlen Frau die eigne Hand mit einem Dolch durchbohrt. (...) Gawan dachte also bei sich: “Vielleicht hat die Liebe diesen Ritter ebenso in den Bann geschlagen wie mich; vielleicht hat sie ihn unterworfen und um seinen klaren Verstand gebracht.” (Pz. 301, 7-25)]

Desto merkwürdiger erscheint, daß Gawan, der weltgewandte und erfahrene Ritter, Parzivals Rat - nicht auf Gott, sondern lieber auf eine Frau zu vertrauen - folgt, als er zwischen Minnedienst und seiner Versprechung, sich bis zu einer festgesetzen Frist an keinem Kampf zu beteiligen, schwankt.

Man muß bedenken, daß diese Äußerung Parzivals sich unmittelbar nach seiner öffentlichen Entehrung wegen der nicht gestellten Frage durch Cundry gefallen ist, und da seine ritterliche Lebensbahn nun als fraglich erscheint, qualifiziert er sich kaum als höfische Autorität.

Jedoch beruft sich Gawan auf sie und der Gedanke an Parzivals Worte wird zum entscheidenden Beweggrund für die veränderte Einstellung Gawans. Nach der hartnäckigen Verzögerung gelingt es jetzt Obilot Gawan als ihr Ritter zu gewinnen.

nu dâhte er des, wie Parzivâl
wîben baz getrûwet dan gote:
sîn bevelhen dirre magde bote
was Gâwân in daz herze sîn.

[In diesem Augenblick fiel ihm ein, daß Parzival den Frauen mehr vertraute als Gott, und die Erinnerung daran wurde zum Boten des Mädchens, der den Weg zu Gawans Herz fand.” (Pz. 370, 18-21)]

Gawans Liebesbeziehungen zu Obilot, Antikonie und Orgeluse bilden eine dem üblichen, von Minnedienst und Minnelohn definierten Minnekodex, eine atypische Minne-konstellation. Wenn auch sie allem Anschein nach autonom in Erscheinung treten, sind sie doch eng miteinander verbunden. Das Verhältnis zu Obilot wird von dem Dienstgedanken geprägt, das zu Antikonie von Sinnlichkeit, während die Liebe zu Orgeluse beides enthält. So erlebt Gawan verschiedene Formen des Minneverhaltens, die einen tieferen Einblick in der Vielfalt der höfischen Minne bieten.

Minnelohn kann Gawan von Obilot nicht erwarten, denn sie ist noch zu jung dafür.

doch lât mich dienst unde sinne
kêren gegen iuwerre minne:
ê daz ir minne megt gegeben,
ir müezet vünf jâr ê leben:
deist iuwerre minne zît ein zal.

[“Doch wollte ich auch mit Ritterdienst und allen Gedanken nach Eurer Liebe streben, so müßtet Ihr erst fünf Jahre älter werden, ehe Ihr sie verschenken könnt. Die Rechnung mit dem Liebeslohn geht also nicht auf.” (Pz. 370, 13-17)]

Ihre Beziehung muß sich also auf den Minnedienst beschränken. Die interessanteste Äußerung über den Minnedienst gehört aber Obilot:

ir sît mit der wârheit ich,
swie die namen teilen sich.
mîns lîbes namen sult ir hân:
nu sît maget unde man.

[“Tragen wir auch verschiedene Namen, so sind wir in Wirklichkeit untrennbar verbunden. Tragt fortan meinen Namen und seid damit Mädchen und Mann zugleich.” (Pz. 369, 17 ff.)]

Im Gegensatz zu Obilot konzentriert sich sein Verhältnis zu Antikonie schließlich auf sinnliche Begierde, vom Minnedienst ist überhaupt keine Rede. Kaum lernt er sie kennen, da erwartet ihn bereits der Minnelohn. In einer von erotischer Spannung gefüllten Atmosphäre lassen sie sich in ein scherzhaft-galantes Gespräch ein: als Antikonie nach seiner Herkunft fragt, antwortet Gawan, er sei der Sohn des Bruders seiner Tante und ihr völlig ebenbürtig. Diese Schwierigkeit einmal beseitigt, ergibt er sich der Leidenschaft, zumal Antikonie ihm ermutigend entgegenkommt.

ir munt was heiz, dick unde rôt,
dar an Gâwân den sînen bôt.
da ergienc ein kus ungastlîch.
.....................................
süezer rede in niht gebrast
bêdenthalp mit triuwen.
si kunden wol geniuwen,
er sîne bete, si ir versagen.
..............................
Gâwân des gedâhte,
do si alle von im kômen ûz,
daz dicke den grôzen strûz
vaehet ein vil cranker ar.
er greif ir undern mantel dar:
Ich waene, er ruorte irz hüffelîn.
des wart gemêret sîn pîn.
von der liebe alsölhe nôt gewan
beidiu magt und ouch der man,
daz dâ nâch was ein dinc geschehen,
hetenz übel ougen niht ersehen,
des willen si bêde wârn bereit

[“Ihre vollen Lippen waren rot und heiß, und als Gawan sie mit den seinen berührte, wurde es unversehens ein inniger Kuß. (...) Beide kannten sich aus im kunstreichen Spiel höfischer Werbung, und so ging’s hin und her mit Bitten um Erhörung und spielerischer Zurückweisung. (...) Als alle fort waren, fiel Gawan ein, daß nicht selten ein junger Adler sogar den großen Vogel Strauß überwältigt, und er ließ seine Hand unter ihren Mantel gleiten. Ich vermute, er berührte ihre Hüfte, denn sein Verlangen wurde unerträglich gesteigert. Liebesgier gewann nun solche Macht über Jungfrau und Ritter, daß es fast zu etwas gekommen wäre, hätte sie nicht ein böswilliger Späher überrascht. An Willen fehlte es beiden nicht.” (Pz. 405, 19-407, 9)]

Die Liebesbeziehung mit Orgeluse erfüllt beide Bedingungen von Minnedienst und Minnelohn. Es spielt keine Rolle, daß Wolfram die Situation ausnutzt, um die Konvention des Minnedienstes mit Absicht satirisch darzustellen. Die launische Orgeluse nutzt ihre Situation als Herrin aus, um Gawan, den Vasallen, zu mißhandeln und sie stellt Gawans Standhaftigkeit auf eine harte Probe, bevor sie ihm ihren Liebeslohn gewährt. Die Liebe zu Orgeluse bildet eine Synthese der beiden Liebesbeziehungen, die Gawan separat mit Obilot und Antikonie erlebt hat. So leistet nun Gawan jenen Minnedienst, den er als Voraussetzung für echte Minne erklärt:

wer mac minne ungedienet hân?
muoz ich iu daz künden,
der treit si hin mit sünden.
swem ist ze werder minne gâch,
dâ hoeret dienst vor unde nâch.

[“Wer wollte schon Liebe ohne Dienst! Laßt euch versichern: Wer sie auf solche Art gewinnt, trägt einen Sündelohn davon. Wer aber edle Liebe erstrebt, muß unbeirrbar dienen, auch wenn er Erhörung gefunden hat.« (Pz. 511, 12 ff.)]

Nach dem musterhaften Minnedienst scheint Orgeluse beeindruckt und erklärt sich bereit, seinen Wunsch zu erfüllen. Wie man sich leicht vorstellen kann, bezieht sich dieser auf den Liebesvollzug. Unaufhaltsam verlangt Gawan, daß das an Ort und Stelle (d. h. im Freien) geschehe.

‘Nune ist hie niemen denne wir:
vrouwe, tuot genâde an mir.’
si sprach ‘an gîsertem arm
bin ich selten worden warm.
dâ gein ich niht wil strîten,
irn megt wol ze andern zîten
dienstes lôn an mir bejagen.’

[“Außer uns ist niemand weit und breit zu sehen. Schenkt mir also Eure Gunst, edle Frau!” Sie aber erwiderte: “In einem gepanzerten Arm bin ich noch nie warm geworden. Doch will ich nicht bestreiten, daß Euch zu andrer Zeit solcher Lohn von mir werden soll.” (Pz.615, 1-7)]

Daß diese Liebe im Einvernehmen mit der höfischen Erwartung wirkt, zeigt Wolfram, indem er sie mit der Heirat enden läßt. Zu der “ehebrecherischen” Liebe der Trobadors hat Wolfram eine eindeutig negative Einstellung: Clinschors, der in einer solchen heiklen Situation von dem Ehemann überrascht wurde, mußte sein Liebesglück teuer bezahlen und als Arnive seine Geschichte Gawan erzählt, amüsiert sich dieser köstlich über Clinschors Schicksal.

der künec bî sînem wîbe in vant:
Clinschor slief an ir arme.
lag er dâ iht warme,
daz muose er sus verpfenden:
er wart mit küneges henden
zwischen den beinen gemachet sleht.
des dûhte den wirt, ez waere sîn reht.
der besneit in an dem lîbe,
daz er deheinem wîbe
mac ze schimpfe niht gevrumen.

[Der König überraschte ihn, als er in den Armen seiner Gemahlin schlief. Zwar lag er warm dort, doch er mußte teuer dafür bezahlen, denn von königlichen Händen wurde er zwischen den Beinen glattgeschnitten, und der Burgherr hielt das noch für sein gutes Recht. Er beschnitt ihn so gründlich, daß er mit keiner Frau mehr Kurzweil treiben kann. (Pz. 657, 16 ff.)]

Das Erotische - sei es in verfeinerter Form oder in bewußter humoristischer Darstellung - ist funktionsmäßig ein wesentlicher Bestandteil der höfischen Literatur und Existenz: so wie die Geschichte von Clinschors unglücklicher und doch gewissermaßen komischer Liebesausgang Gawan zum schadenfrohen Lachen anregte, so muß auch Wolframs Publikum seinerseits auf Gawans spannende Liebesabenteuer mit bejahendem Vergnügen gehört haben.



Literatur:

Primärliteratur:

1. Wolfram von Eschenbach, Parzival. Mhd./ Nhd. Prosa-Übersetzung von Wolfgang Spiewok, Phillip Reclam Jun. Stuttgart 1981

Sekundärliteratur:

1. André le Chapelain - Traité de l’amour courtois, trad. par C. Buridant, Klinsieck, Paris 1974

2. Bergner, Heinz (Hg.), Lyrik des Mittelalters. Probleme und Interpretationen. Phillip Reclam Jun., Stuttgart 1983

3. Boor, Helmut de, Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. 2., München: Beck, 71966

4. Bumke, Joachim, Wolfram von Eschenbach, Stuttgart 51981

5. Bumke, Joachim, Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, dtv 4552, München 1990

6. Culianu, Ioan Petru, Eros ºi magie în Renaºtere, Nemira, Bucureºti 1994

7. Duby, Georges et al., Amor ºi sexualitate în Occident, Bucureºti 1994

8. Krauß, Henning et al., Europäisches Hochmittelalter, Neues Handbuch der Literaturwissenschaft. Bd. 7, Wiesbaden 1981

9. Marrou, Henri-Irénée, Trubadurii, Univers, Bucureºti 1983

10. Naumann, Hans/Müller, Günther, Höfische Kultur, Halle 1929


ANMERKUNGEN:

(1) Alfred Karnein, Europäisches Hochmittelalter, Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Wiesbaden 1981, Bd. 7, S. 125. Siehe auch André le Chapelain, Traité de l’amour courtois, trad. par C. Buridant, Klinsieck, Paris 1974. Alfred Karnein, Europäisches Hochmittelalter, Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Wiesbaden 1981, Bd. 7, S. 125. Siehe auch André le Chapelain, Traité de l’amour courtois, trad. par C. Buridant, Klinsieck, Paris 1974.

(2) Jacques Solé, Amor ºi sexualitate în Occident, pag. 78, Bucureºti 1994

(3) Dietmar Rieger, Lyrik des Mittelalters. Probleme und Interpretationen, Phillip Reclam Jun., Stuttgart 1983, S. 238.

(4) André le Chapelain, Traité de l’amour courtois, trad. par C. Buridant, Klinsieck, Paris 1974.

(5) Joachim Bumke, Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, dtv 4552, München 1990.

(6) Ioan Petru Culianu, Eros ºi magie în Renaºtere, Bucureºti 1994, S. 44 ff.
 

 

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