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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 8. Jg., Heft 15-16 / 1999, S. 82-88

 

 

„GEGENWART IST IHR EWIGKEIT.“ GOETHES NATURWISSENSCHAFTLICHES DENKEN UND HANDELN HEUTE.

GOETHES METHODE DER NATURWAHRNEHMUNG

Hans-Gerhard Wyneken




Im allgemeinen wird Künstlertum nicht als wissenschaftlich angesehen. Mit der Naturwissenschaft verglichen scheint die Qualität der inneren Betätigung eines Poeten ihr eher entgegengesetzt zu sein.


Johann Wolfgang von Goethe hatte jedoch außer seinen überragenden dichterischen Fähigkeiten auch die Qualitäten eines naturwissenschaftlichen Forschers, der geduldig und unvoreingenommen die Natur beobachtet und zu Erkenntnissen vordringt. In seinem Aufsatz “Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt“ von 1793 (am 10. Januar 1798 an Friedrich Schiller geschickt, Briefwechsel Nr. 401) (1) beschreibt Goethe die oben genannten Qualitäten genauer und schildert die ihm notwendig erscheinenden methodischen Bedingungen für eine Naturforschung, wie z.B.:

...sich vor jeder Übereilung hüten [...] Eine jede Erfahrung, die wir machen, [...] ist eigentlich ein isolierter Teil unserer Erkenntnis. [...] In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen stehe, und wenn uns die Erfahrungen nur isoliert erscheinen, wenn wir die Versuche nur als isolierte Fakta anzusehen haben, so wird dadurch nicht gesagt, daß sie isoliert seien, es ist nur die Frage: wie finden wir die Verbindung dieser Phänomene, dieser Begebenheiten? [...] Die Vermannigfaltigung eines jeden einzelnen Versuches ist also die eigentliche Pflicht eines Naturforschers. Er hat gerade die umgekehrte Pflicht eines Schriftstellers...

und schließlich, als Ergebnis einer solchermaßen ausgeübten Naturforschung, Bemerkungen, in denen anklingt, was durch die hier vorliegende Betrachtung genauer herausgearbeitet werden soll:

Eine solche Erfahrung, die aus mehreren anderen besteht, ist offenbar von einer höheren Art. [...] Auf solche Erfahrungen der höheren Art loszuarbeiten, halt’ ich für höchste Pflicht des Naturforschers. [...] Wem es dagegen zu thun ist, mit sich selbst und andern redlich zu Werke zu gehen, der wird auf das sorgfältigste die einzelnen Versuche durcharbeiten und so die Erfahrungen der höheren Art auszubilden suchen.

Aus dem Gesamtzusammenhang seines Aufsatzes geht hervor, daß diese “Erfahrung von höherer Art“ zunächst nicht mehr zu sein scheint als eine cognitive Leistung, die ähnlich derjenigen ist, aus mehreren Rechenoperationen die Rechengesetze herauszufinden, aus mehreren Sätzen die grammatischen Regeln zu finden, oder aus mehreren physikalischen Vorgängen die Gesetzmäßigkeit abzuleiten.


Goethe kündigt in seinem nächsten Brief an Friedrich Schiller vom 13. Januar (Brfw. Nr. 403), drei Tage nachdem er ihm den o.g Aufsatz geschickt hatte, eine Fortsetzung seiner Gedanken über seine Forschungsmethode an und schickt sie ihm weitere vier Tage später, am 17. Januar, zu (Brfw. Nr. 405). Es ist der Aufsatz “Erfahrung und Wissenschaft“ vom 15. Januar 1798. Darin spricht er von drei methodischen Schritten der naturwissenschaftlichen Forschung, die einander übergeordnet seien: Vom empirischen Phänomen über das wissenschaftliche Phänomen habe der Forscher zum reinen Phänomen vorzudringen. Am Ende spricht er wieder von einer höheren Sphäre, in welcher der Naturforscher sich mit dem gemeinen Menschenverstand zu üben wage, um zum reinen Phänomen vorzudringen. Friedrich Schiller greift dies im Brief vom 19. Januar auf und kategorisiert diese drei methodischen Schritte als Empirismus, Rationalismus und rationellen Empirismus.


Hieraus wird deutlich, daß mit “Erfahrungen höherer Art“ und “üben in einer höheren Sphäre“ die Denksphäre, Denkbewegungen gemeint sind, die Schiller einer wissenschaftlichen Methodik, dem rationellen Empirismus zuordnet. Jedoch geht aus dem Gesamtzusammenhang der Goetheschen Wendungen auch hervor, daß durch diese zu übenden Denkbewegungen oder Gedankenformen neue Erfahrungsbereiche erschlossen werden.


Hiermit sind wir der Methode Goethes auf der Spur, die durch das Betrachten seiner tatsächlichen Leistungen auf dem Gebiet der Naturforschung sich noch besser klären läßt und deutlich machen wird, daß in dem Begriff der “Erfahrungen höherer Art“ mehr enthalten ist als hier von Goethe selbst wie vorläufig entworfen wird.


Wenden wir uns daher den Inhalten und Ergebnissen seiner naturwissenschaftlichen Forschungen zu, wobei hierbei keine Vollständigkeit, sondern ein Verstehen der Besonderheit seiner Art, die Natur wahrzunehmen, angestrebt wird.
Goethe gelangen mehrere Entdeckungen, die in die Naturwissenschaft aufgenommen wurden:


A) Den nachmittäglichen Luftdruckanstieg bemerkte er aufgrund von systematischen Aufzeichnungen im Verlaufe seiner über lange Zeit reichenden Wetterbeobachtungen. Er konnte auch aufgrund seiner gewonnenen Erfahrungen das Wetter sehr treffend voraussagen, selbst wenn er nur kurz aus dem Fenster sah. Große Bewunderung zeigte er für Luke Howard (*1772 in London), der die Wolken so gut beobachtet hatte, daß erstmalig Wolkentypen klassifiziert werden konnten: “Ich ergriff die Howardische Terminologie mit Freuden, weil sie mir einen Faden darreichte, den ich bisher vermißt hatte“ schreibt Goethe im 3. Heft des 1. Bandes “Zur Naturwissenschaft“ (1820 erstmalig erschienen). Darin findet sich auch eine poetische Lobeshymne: “..../ Er aber, Howard, giebt mit reinem Sinn / Uns neuer Lehre herrlichsten Gewinn; / ....“ Zwei Jahre später (4. Heft, 1822) stellt er dieser Hymne eine Überschrift und einen Vierzeiler voran und eine Übersetzung ins Englische dazu: (2)

Howards Ehrengedächtnis
Dich im Unendlichen zu finden,
mußt unterscheiden und dann verbinden
Drum danket mein beflügelt Lied
Dem Manne, der Wolken unterschied.

Seine eigenen Beobachtungen auf dem Gebiet der Meteorologie führten ihn allmählich zu der Erkenntnis, daß die Luftdruckschwankungen ein Atemvorgang der Erde seien. Dabei bildet sich ihm die Idee des Erdgeistes, wie er ihn dann im “Faust“, 1. Teil (Vers 148-156), im Anfangsmonolog auftreten läßt:

In Lebensfluten, im Thatensturm
Wall´ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben.

An der Aussage des Erdgeistes, daß der Mensch ihm nicht gleiche, verzweifelt Faust.

 

Wir haben es hier mit einem Erkenntnisleben zu tun, das zunächst durch empirische Beobachtungen zum wissenschaftlichen Phänomen vordringt – regelmäßige Luftdruckschwankungen überall auf der Erde. Dies wird auch wissenschaftlich anerkannt.


Seine Vorstellung, oder besser, seine Idee vom Atemvorgang der Erde jedoch wurde bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts als abenteuerlich abgetan, sie wurde wissenschaftlich nicht diskutiert. Doch dann wurde die Drift der Kontinente entdeckt, Alfred Wegener, den man mit seiner Theorie der schwimmenden Kontinente zu Anfang des Jahrhunderts verlacht hatte, rehabilitiert. Es werden die Konvektions- und Zirkulationsströmungen der Litho-, Hydro- und Atmosphäre beschrieben; die Naturwissenschaftler kommen zu der Erkenntnis, daß die Erde ein Lebewesen sein muß. Nun ist die Idee Goethes von der Atmung der Erde nicht mehr fern. Die Idee vom Erdgeist wird jedoch nach wie vor der erfindenden Dichtkunst Goethes zugeschrieben.


Mit der Idee des Atemvorgangs der Erde bewegte sich Goethe, in seiner eigenen Terminologie formuliert, auf der Ebene des reinen Phänomens. Seine Idee vom Erdgeist bewegt sich in “höheren Sphären“, welche an dieser Stelle der Betrachtung noch unklar bleiben.


B) Auf dem Gebiet der Pflanzenmorphologie hat Goethe entscheidende Beiträge erbracht, so daß auf ihn in Hochschullehrbüchern der Botanik verwiesen wird.


Zwei Beispiele dazu:

 

1. Wilhelm Troll in seinem Lehrbuch über Pflanzenmorphologie (1954) nimmt an 17 Stellen Bezug auf Goethe. Zwei davon seien herausgegriffen, da sie zu unserem Thema passen:

 

Aus dem Vorwort:

Mit Recht hat man davon gesprochen, wie mühsam es sei, wirklich sehen und das heißt: beobachten zu lernen, die natürliche und durch mancherlei theoretische Vorgriffe noch verstärkte Ferne zu den Objekten zu überwinden. Goethe hat dieser gerade auf dem Gebiet der ganz auf Anschauung gestellten Morphologie so folgenreichen Schwierigkeit in einem Distichon klassischen Ausdruck verliehen:

Was ist das Schwerste von allem?
Was dir am leichtesten dünkt:
Mit den Augen zu sehen, was vor
Den Augen dir liegt.

Das besagte phänomenologische Anliegen besteht also in dem Wunsche, es möchte das Buch den Leser auf dem Wege über ein vertieftes Verständnis ihrer Formenwelt an die pflanzliche Wirklichkeit als solche heranführen.“

Und weiter im ersten Teil:

Den ersten Weg beschreitet die vergleichende Morphologie. Sie geht von dem Gedanken aus, daß die vielerlei Gestalten lediglich Abwandlungen eines Urbildes oder Typus sind. Diese Typen zu erkennen und aus den Sonderfällen abzuleiten, betrachtet sie als ihr Ziel. Einer ihrer bedeutendsten Vertreter war Goethe, der in seiner ‚Metamorphose der Pflanzen‘ (1790) den Typus der ‚Urpflanze‘ zu erfassen versuchte. (3)

2. Dietrich von Denffer merkt bei der Besprechung von Achselknospen und ihren Sonderformen im Standardlehrbuch für Botanik für Hochschulen (1971) die seltene Zusatzsprossung an Blättern an und benennt: “(z.B. manche Farne, “Goethes Brutblatt“ Bryophyllum calycinum....)“ (4)


C) Seine unter den anerkannten Entdeckungen wohl bedeutendste aber ist die des Zwischenkieferknochens beim Menschen, dessen scheinbares Fehlen in der damaligen Zeit als einziges anatomisches Unterscheidungsmerkmal zwischen Menschenaffen und Menschen übriggeblieben war. Für Goethe, der geübt darin war, den Typus in der Vielfalt zu erkennen, war von vorne herein klar, daß beim menschlichen Skelett keine Ausnahme vom allgemeinen Bauplan der Wirbeltiere vorliegen könne. So war es kurioser Weise gerade Goethe - als Sprachgenie sich des Unterschiedes beider wohl bewußt - der die Gleichheit im Bauplan von Mensch und Menschenaffe aufklärte. (Heute kennt man den beim Menschen angeborenen Sprachsinn, ein Großhirnareal für das Verstehen von Sprache, der bei den Säugetieren, auch den Schimpansen, nicht existiert, auch nicht erworben werden kann, als einen der wichtigsten Unterschiede (5). Er liegt auf der Ebene der Funktion, nicht auf der des Bauplans.)


Aus beiden letztgenannten Beispielen (B und C) wird deutlich, daß Goethe sich auf dem Gebiet des wissenschaftlichen Phänomens bewegt und mit der “Urpflanze“ und dem Typus des Wirbeltieres zum reinen Phänomen vordringt.


Weiteren Aufschluß über seine Art der Naturwahrnehmung können aber gerade die unverstandenen Seiten seiner Entdeckungen geben. Dies wurde oben bereits deutlich und soll im Folgenden vertieft werden:

 

A) Seine Idee von der Metamorphose der Wirbelknochen zu Schädelknochen ist nicht anerkannt worden:


Goethe fand am Strand bei Venedig einen geborstenen Schafsschädel und hatte intuitiv den Eindruck, daß die großen Schädelknochen metamorphosierte Wirbel seien. Er führte die Sache aber nicht weiter.


Das Problem wurde dann von der Anatomie des 19. Jahrhunderts aufgegriffen und, so die allgemeine Ansicht, widerlegt (durch Carl Gegenbaur, 1826-1903), weil, was Goethe noch nicht wissen konnte, die Schädelknochen anderen Ursprungs sind als die Skelettelemente des Rumpfes und der Gliedmaßen: desmale Knochen (Deckknochen) statt enchondrale Knochen (Ersatzknochen). In Wirklichkeit wurde Goethe nicht verstanden. Ihm ging es nicht um die physische Natur, um sich das Material der Skelettelemente, sondern um die darin wirkenden Bildeimpulse:

 

Schaut man sich die Reihe der Wirbel an, dann nimmt nach oben die Größe des Wirbelbogens immer mehr zu, bis im Atlas nur noch der Bogen vorhanden ist. Die Steigerung dieses Prinzips stellt die Schädelhöhle dar: das umhüllende, sphärische Prinzip.


Umgekehrt, nach unten werden die Wirbelkörper immer mächtiger und ergeben, aufeinandergetürmt, die Achse, während die Bögen mehr und mehr atrophieren.


Ähnlich wie die Pflanze “vorwärts und rückwärts Blatt“ ist – das Blatt enthält als Synthese alle Bildetendenzen der Pflanze in sich - so ist das Skelett gewissermaßen eine Metamorphose des Wirbels - richtig verstanden!


Goethe nimmt hier ein Prinzip vorweg, das auf dem Gebiet der naturwissenschaftlichen Forschung erst im 20. Jahrhundert ernsthaft diskutiert wurde: der Unterschied zwischen Material und seiner Bildung, zwischen Substanz und Bildeimpulsen. Eine Darstellung dieser Problematik findet sich bei Fritjoff Capra 1996, der diese Gegensätze als Capra-Synthese zusammenführt (6).


B) Ein ähnliches Schicksal erlitten Goethes Forschungen auf dem Gebiete der Optik:


Goethes Farbenlehre, an der er 30 Jahre forschend tätig war, wird in der Physik bis heute milde belächelt.


In einem der renommiertesten Hochschullehrbücher der Physik heißt es:

Es ist nicht möglich, durch Mischung von verschiedenen Pigmentfarbstoffen (Wasser- oder Ölfarben) einen weißen Farbstoff zu erhalten. Man erhält allenfalls eine graue Mischfarbe. Diese Tatsache hatte Goethe in seiner Farbenlehre zur (falschen) Behauptung veranlaßt, daß Newton nicht Recht haben könne, .... (7)

Die Farbenlehre aber war sein ausgedehntestes und intensivstes Forschungsgebiet. Hier gelang ihm seine bedeutendste Erkenntnis über die Gesetzmäßigkeiten in der Natur. Goethe spricht von dem in Wahrheit einzigen Naturgesetz, in dem alle anderen Gesetze als Regeln eingebettet seien: Das Gesetz von Polarität und Steigerung. Er bezeichnet es in einem Brief an den Kanzler v. Müller 1828 (8) als den Superlativ seiner Einsicht in die Natur.


Dies wird in seiner Farbenlehre entfaltet durch die Erkenntnis, daß die Dunkelheit dem Licht polar gleichwertig gegenüberstehe. Durch einfache Begegnung der Polaritäten entstehen aber nur verschiedenste Grautöne; Farben dagegen durch eine Steigerung in der Begegnung. An den Himmelsfarben bei Sonnenauf- und -untergang läßt sich dies am einfachsten studieren. Hier wird die Ebene des “reinen Phänomens“ sichtbar, welches Goethe das Urphänomen für die Entstehung von Farben nennt:

Die Dunkelheit des Weltraumes erscheint uns durch eine erhellte Trübe (die Atmosphäre um die Erde) angeschaut: Blau. Je dünner die Trübe, desto intensiver und dunkler das Blau bis ins Dunkelblauviolett.


Das Licht (die Sonne) durch die Trübe angeschaut: Gelb. Je dichter die Trübe, desto stärker vom Gelb ins Rot gehend.

Der Physik ist bis heute sein Denkansatz nicht verständlich, da Goethe Licht und Dunkelheit als übersinnliche Qualitäten vor ihrer Offenbarung in der Sinneswelt auffaßt. Entsprechend der Gesetzmäßigkeiten der physischen Welt verändern sich diese Qualitäten in verschiedenster, auch scheinbar entgegengesetzter Weise, wenn sie sich mit der Materie auseinandersetzen.


Dieser Denkansatz Goethes würde ein neues und bedeutendes Licht auf das Dualismusproblem von Welle und Teilchen werfen, wird aber in der Physik bis heute abgelehnt bzw. nicht aufgegriffen, während Goethe durch die zu seiner Zeit entstehende Wellentheorie des Lichtes sich in seinen Ansichten keineswegs irritiert fühlte.


Durch die medizinische Forschung wurde im 20. Jhdt. die therapeutische Wirksamkeit von Farben bekannt, wobei die Anwendungen und Heileffekte mit den Beschreibungen Goethes des sinnlich-sittlichen (= sinnlich-übersinnlichen) Wesens der Farbenwelt übereinstimmen.


Die eigentliche Bedeutung und Fruchtbarkeit des von ihm entdeckten und formulierten Gesetzes von Polarität und Steigerung läßt sich jedoch erst erkennen, wenn man es auf weiteren Gebieten zur Anwendung bringt. Goethe hat dies selbst kaum noch ausführen können.


Auf den Menschen bezogen hat 100 Jahre später Rudolf Steiner in ebenfalls 30-jähriger Forschung diese Gesetzmäßigkeit wiedergewonnen, indem er aufzeigte, daß der rhythmische Bereich von Herz und Lunge die dynamische Steigerung der Begegnung von Nerven-Sinnes-Prozessen und Stoffwechsel-Bewegungs-Prozessen ist und dadurch zum individualisiertesten Bereich der menschlichen Leibesvorgänge wird (9).


Die größte Bedeutung von Goethes umfassenden Gesetz liegt aber wohl darin, daß hiermit der Keim für eine christlich-trichotomische Naturauffassung anstelle einer dualistischen gelegt wurde. Rudolf Steiner gebührt der Verdienst, dies erkannt und in der Anthroposophie zur Entfaltung gebracht zu haben, von der er selbst sagt, sie finde sich im Keime schon bei Goethe. Erst dadurch ist die goetheanistische Naturwissenschaft wieder zum Erblühen gekommen und sind Goethes oben beschriebenen verkannten Entdeckungen weiter erforscht worden. Goethes Kultur schaffendes Vermächtnis auf dem Gebiet der Naturerkenntnis wird in der Waldorfpädagogik gepflegt und von Generation zu Generation weitergegeben und weiterentwickelt. (Von der umfangreichen Literatur sei hier nur die Reihe “Goetheanistische Naturwissenschaft“ erwähnt.) (10)


Durch den Ausdruck “sinnlich-sittlich“ weist Goethe darauf hin, daß die Farben in ihren Wirkungen auf den Menschen einen Bereich berühren, der über das bloße Erfassen mit den Sinnen hinausgeht und in den transzendenten Bereich führt. Auch seine Auffassung von Licht und Finsternis weist auf einen übersinnlichen Bereich hin, der im Denken des Betrachters durch Verweilen im reinen Phänomen zum Erfahrungselement werden kann.


Aus dem Jahre 1780 stammt ein Fragment, “Die Natur“, aus dem ein weiteres Spektrum von Goethes Art der Naturwahrnehmung deutlich werden kann: (11) Es wird darin die Natur wie eine schaffende Künstlerin beschrieben. Gerade dieses kann für das Verstehen von Goethes Wahrnehmungsart ein Schlüssel werden, der uns weiterführt:
Goethe als Künstler hat den wahrnehmenden Sinn für das künstlerische Schaffen der Natur.


“Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken“ ist eine seiner dichterischen Formulierungen der Grundbedingungen für alles Wahrnehmen, das jeder Erkenntnis vorauszugehen hat: mit dem Schönheitssinn nehme ich Schönes in der Welt wahr, mit dem Wahrheitssinn Wahres. Heute kann man durch die Entdeckungen der Gehirnphysiologie hinzufügen: nur durch den angeborenen Sprachsinn wird Sprache wahrgenommen; durch den Sinn für das Verstehen von Gedanken nur die Gedankenwelt.


Das heißt: Das Wahrnehmen muß eine Verwandtschaft mit dem Wahrzunehmenden haben, sonst läßt sich nichts wahrnehmen und erkennen.


Demzufolge sind für jedes Naturgebiet andere, ihm zugehörige Maßstäbe als Voraussetzung für Erkenntnis notwendig. Eine Forderung, die in die naturwissenschaftliche Forschung seit der Mitte des 20. Jahrhunderts als Ruf nach Paradigmenwechsel Einzug hielt (12).


Goethe, der Künstler, ist der Entdecker des künstlerischen Schaffens in der Natur, das durch die materialistische reduktionistische Naturwissenschaft (nur kausale Paradigmen der Physik) unerkannt und unverstanden bleibt. (Die Konsequenz des Mangels an Verstehen der uns umgebenden Natur sind die großen Umweltzerstörungen unserer Zeit.)


Allmählich wurden jedoch in diesem Jahrhundert verschiedene Durchbrüche zu einer neuen Erkenntnisart in der Naturwissenschaft erzielt. Dies gilt z.B. auch auf dem Gebiet der Evolution: Den entscheidenden Schritten der Höherentwicklung liegt nicht der darwinistische Mechanismus von Adaptation und Selektion zugrunde, er ist ein unbedeutenderer Vorgang im Naturgeschehen als man bisher annahm; entscheidend für Höherentwicklung in der Evolution der Natur ist die Symbiose (13).


Symbiose aber bedeutet, daß aus zwei verschiedenen biologischen Organismen, wenn sie zusammen leben, ein höherer ganzheitlicher Organismus wird: hier findet sich Polarität und Steigerung wieder! Diese von Goethe entdeckte Gesetzmäßigkeit liegt offenbar auch dem eigentlichen Fortschritt in der Entwicklung der Lebewesen unseres Planeten zugrunde.


Bis zur Art Goethes, die Natur wahrzunehmen, ist jedoch der Weg weit: es muß der Naturforscher einen künstlerischen Sinn haben oder sich aneignen und zum Erkenntnisorgan umwandeln (Metamorphose!), um die Welt so wahrnehmen zu können wie er und um die Spuren, die Goethes Genius im Erkenntnisbereich gezogen hat, weiterführen zu können. Dieser mühsame Prozeß ist es aber, der verhindert hat, daß die Erkenntnisse Goethes auf ein breiteres Verständnis stießen. Denn diese Erkenntnisse sind nicht, wie in der Naturwissenschaft sonst üblich, durch bloßes Lesen der Ausführungen Goethes nachvollziehbar, sondern verlangen zu ihrem Nachvollzug einen langen und mühsamen Übungsweg, im Verlaufe dessen die Wahrnehmungsorgane sich erst ausbilden, die Goethe besaß und durch fortdauernde Betätigung weiter entwickelte.


In seiner Dichtung spricht Goethe immer wieder seine Art der Naturwahrnehmung aus, wie z.B.:

Faust: Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig,
Ätherische Dämmerung milde zu begrüßen;
Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig
Und atmest neu erquickt zu meinen Füßen,
Beginnest schon mit Lust mich zu umgeben,
Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen,
Zum höchsten Dasein immerfort zu streben -
.........

Die Idee der Erde als beseeltes Lebewesen wird deutlich. Es folgen sehr exakte Naturbeschreibungen, die am Schluß des Monologs beim Betrachten eines Wasserfalls, an dem sich ein Regenbogen im Sonnenlicht bildet, in ein “offenbares Geheimnis“ münden:

.........
Allein wie herrlich, diesem Sturm ersprießend,
Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer,
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend,
Umher verbreitend duftig kühle Schauer.
Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.
Ihm sinne nach, und Du begreifst genauer:
Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.

Das Nachsinnen wird als besondere Qualität beschrieben, die über das bloße Nachdenken zu erweiterten Erkenntnisfähigkeiten führt.


Im Nachsinnen von Goethes Entdeckung der Urpflanze kann seine Art der Naturwahrnehmung sich noch deutlicher herausschälen: Wie oben gezeigt, wird sie als Typus aufgefaßt, was ohne Zweifel richtig ist. Doch sah Goethe mehr darin; lassen wir ihn selbst zu Wort kommen (Aus “Glückliches Ereignis“):

Wir gelangten zu seinem (Schillers, Anm. des Verf.) Hause, das Gespräch lockte mich hinein; da trug ich die Metamorphose der Pflanzen lebhaft vor und ließ, mit manchen charakteristischen Federstrichen, eine symbolische Pflanze vor seinen Augen entstehen. Er vernahm und schaute das alles mit großer Teilnahme, mit entschiedener Fassungskraft; als ich aber geendet, schüttelte er den Kopf und sagte: ‚Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee.‘ Ich stutzte, verdrießlich einigermaßen; denn der Punkt, der uns trennte, war dadurch aufs strengste bezeichnet. Die Behauptung aus Anmut und Würde fiel mir wieder ein, der alte Groll wollte sich regen; ich nahm mich aber zusammen und versetzte: ‚Das kann mir sehr lieb sein, daß ich Ideen habe ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe.‘

Diese Bemerkung nun scheint mir den exaktesten Hinweis darauf zu geben, wie Goethes Art der Naturwahrnehmung beschaffen war, um dessen Verstehen er selbst zeitlebens rang:


Goethes künstlerischer Sinn, der nicht neben, sondern in seiner Naturwahrnehmung anwesend war, offenbarte ihm die Schaffenskräfte (natura naturans), die der geschaffenen Natur (natura naturata) zugrunde liegen.


In einem Akt der Synästhesie nahm Goethe, der Sinnesmensch und Künstler, das übersinnliche Schaffen der Natur in ihren sinnlichen Erscheinungen wahr.


Erst im letzten Jahrzehnt begann man sich mit dem Phänomen der Synästhesie wissenschaftlich auseinanderzusetzen, obwohl es schon lange bekannt ist. Seit ca. 200 Jahren gibt es Berichte über synästhetische Erscheinungen. Am weitesten verbreitet ist das Farbenhören, das dem Hörenden Farben in sein Gesichtsfeld hineinzaubert.


Der amerikanische Historiker Kevin Dann (14) hat dieses Phänomen näher erforscht und sieht in der wachsenden Anzahl von Synästheten eine Folge einer neuen Entwicklungsstufe in der Evolution des Bewußtseins. Aus der Fülle des Materials eines Berichtes über diese Forschungen sei folgendes herausgegriffen: (15)

Der amerikanische Psychologe Raymond Wheeler kam in zahlreichen Versuchsreihen mit Synästheten zu dem Schluss, daß die Synästhesie eine Form des Denkens und Lernens sei, und zu der These, daß jedes Kind synästhetisch sei und mit der Schulreife, also zu einem Zeitpunkt, wenn ein intellektuelles, auf der Sprache beruhendes Lernen die Überhand gewinnt, die Synästhesie aus unserem Bewußtsein verdrängt werde.


Kevin Dann kommt in seiner Untersuchung zu der Überzeugung, daß die Synästhesie eine eigene Form des Denkens sei, die in keiner Weise mit Willkür zu tun habe. Der Synästhet benötigt für sein Denken keine Sprache; er schafft sich durch Hinzunahme weiterer sinnlicher “Synonyme“ die Bedeutung des Objekts.


In der Kunstwelt wimmelt es nur so von Synästheten.

Durch diese neuen Forschungsansätze läßt sich etwas für das hier aufgeworfene Problem gewinnen, Goethes Art der Naturwahrnehmung besser zu verstehen:


Goethe spricht selbst oft davon, daß der Mensch seine Organe zu belehren habe (Maximen und Reflexionen 573). In intensiver Weise belehrt er seine Sinnesorgane durch seine Denkformen und -bewegungen, die er auf der Stufe des “reinen Phänomens“ für sein Erkennen ausbildet. Durch seine natürliche Begabung “sieht“ er mehr in den Naturerscheinungen als seine Zeitgenossen und bildet sich die Sinne immer mehr zu Wahrnehmungsorganen der “Ideenwelt“ aus, wie Schiller sie nennt. Ihm selbst wird sein künstlerisches Vermögen zum Lehrmeister seiner Sinne. Er schult sie darin, zugleich mit dem Sinneseindruck in einer Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung den geistigen übersinnlichen Eindruck wahrnehmen zu können. Auf diesem Wege erreicht er durch lange Übung das Können, die “Urpflanze“ zu sehen, ein Vermögen, das ihn von Schiller, dem philosophisch geschulten Freund, trennt. Im Laufe seines Lebens entwickelt Goethe aus seiner Art der Naturwahrnehmung diese nachvollziehbare Methode. Das Sehen-Können des Übersinnlichen in der Sinneswelt bildet seine monistische Welt-Erfahrung, die ihn zu neuen Ufern, zu höheren Sphären der Erkenntnis führt.

 

 


 

ANMERKUNGEN:

 

(1) E. Staiger: Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, Frankfurt a.M. 1966, Band II.

(2) Nach einer Fussnote von Rudolf Steiner als Herausgeber von Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften im 2. Band, 3.Buch “Meteorologie“ in Joseph Kürschners Ausgabe “Deutsche National-Litteratur“, erschienen in Berlin und Stuttgart, 1883-97. Hier aus dem fotomechanischen Nachdruck von 1975 (Dornach), S. 346.

(3) W. Troll: Praktische Einführung in die Pflanzenmorphologie, Jena 1954 / Repr.: Koenigstein 1973

(4) E. Strasburger: Lehrbuch der Botanik für Hochschulen, Stuttgart 1971.

(5) Lutzger: Der Sprachsinn – Sprachwahrnehmung als Sinnesvorgang, Stuttgart 1996.

(6) F. Capra: Lebensnetz, München 1996 (The Web of Life, 1996).

(7) Bergmann/Schaefer:Lehrbuch der Experimentalphysik, Bd. III, Optik, Berlin/New York 1987, S.224.

(8) J.W. v. Goethe: Erläuterung zu dem aphoristischen Aufsatz “Die Natur“.

(9) Erstmalig dargestellt in: R. Steiner: Von Seelenrätseln, GA 21, Berlin 1917 (Dornach 1976).

(10) Goetheanistische Naturwissenschaft, Herausgeber W. Schad und A. Suchantke, Stuttgart 1982-1998.

(11) Goethe sagt darüber , daß er diesen Aufsatz nicht selber geschrieben habe, er aber sehr wohl seine Ansichten und Einsichten wiedergebe.

(12) F. Capra: Das neue Denken, München 1987.

(13) L. Margulis, R. Fester: Symbiosis as a Source of Evolutionary Innovation, London 1991.

(14) Kevin T. Dann: Bright Colors Falsely Seen, Synaesthesia and the Search for transcendental Knowledge, Yale University Press, 1998. Bericht in der Zeitschrift “Info3“, Nr. 2, Frankfurt, Februar 2000: Die Poesie der Sinne.

(15) Bericht in der Zeitschrift "Info3", Nr. 2, Frankfurt, Februar 2000: Die Poesie der Sinne.

 

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