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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 331-332

 


IN MEMORIAM STEFAN BINDER
(1907-1997)

Peter Kottler



Am 13. August 1997 schied nach kurzem, aber schwerem Leiden Professor Dr. Stefan Binder, der Begründer des Temeswarer Germanistiklehrstuhls, aus dem Leben, nachdem er noch kurz vorher - schon auf dem Krankenbett - seinen 90. Geburtstag im Kreise seiner Familie begangen hatte. Er wurde am 15. August auf dem Elisabethstädter Friedhof, der unmittelbar an sein Haus in der Gladstraße angrenzt, beigesetzt.

Geboren wurde er am 30. Juni 1907 in Almen (Alma), Kreis Hermannstadt, verbrachte aber seine Schulzeit in Bukarest und studierte in den Jahren 1925-1932 Romanistik und Germanistik in Paris und in Berlin. Seine Promotion erfolgte 1932 an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität auf Grund einer Arbeit aus dem Bereich der rumänischen Dialektologie (Kind, Knabe, Mädchen in den nördlichen Dialekten des dakorumänischen Sprachgebietes. Ein Beitrag zur Onomasiologie). Bis 1939 war er als Deutsch-, Französisch- und Rumänisch-lehrer, zuerst in Bukarest und danach in Gheorgheni, tätig, kam dann nach Temeswar, wo er den größten Teil seines arbeitsreichen Lebens verbrachte, das er stets in den Dienst der Schule und vor allem der Ausbildung von Lehrern stellte.

Als der 1956 zum Leiter des Fremdsprachenlehrstuhls (und danach des Germanistiklehrstuhls) der eben gegründeten Fakultät an der Pädagogischen Hochschule (der nachmaligen Universität Temeswar, heute: West-Universität) berufen wurde, war er 49 Jahre alt und hatte sich schon ein Ansehen und Anerkennung als Direktor der Deutschen Pädagogischen Lehranstalt (1948-1954) und als Leiter des Lehrstuhls für Methodik am Interregionalen Institut für Lehrerfortbildung in Temeswar (1954-1956) sowie als Verfasser oder Mitverfasser von Lehrbüchern für die deutschen Schulen in Rumänien erworben. Dem Temeswarer Fortbildungsinstitut obl-ag u.a. im Fach Deutsche Sprache und Literatur die Weiterbildung der Muttersprachlehrer aus dem ganzen Land, so daß er auch an der Erstellung von Programmen und Prüfungsordnungen für die einzelnen Lehramtsstufen beteiligt war. Die Deutsche Pädagogische Schule hatte sich auch im Banater Kulturleben einen Ruf erworben, vor allem durch Laientheatervorstellungen, durch die die zukünftigen Lehrer für die Kulturtätigkeit in ihrem späteren Wirkungsbereich vorbereitet werden sollten. Diese Aufführungen wurden vom Schulleiter Stefan Binder besonders gefördert und von bewährten Lehrkräften wie Hans Weresch und Johann Wolf u.a. betreut, so daß bei der Gründung des Deutschen Staatstheaters Temeswar im Jahre 1953 ein Teil der Absolventen dieser Schule sich als angehende Schauspieler einstellen ließen. Stefan Binder hat auch - ebenso wie Johann Wolf - viele Jahre hindurch dem Künstlerischen Beirat dieses Theaters angehört.

All diese Erfahrungen kamen ihm auch in der Wahrnehmung seiner neuen Aufgaben an der Hochschule zugute, und es war bestimmt kein Zufall, daß zu den ersten an den neu gegründeten Lehrstuhl berufenen Lehrkräften unter anderen auch Hans Weresch und Johann Wolf gehörten. (Zu dessen Begründern hatte auch Rudolf Hollinger gehört, der uns ebenfalls im Jahre 1997 für immer verlassen hat.)
Stefan Binder übernahm die Vorlesungen zu den einzelnen Disziplinen der deutschen Gegenwartssprache - u.zw. Phonetik, Lexikologie, Morphologie, Syntax und Stilistik - ferner eine als Wahlfach angebotene Vorlesung über die deutsche Umgangssprache und - gegen Ende seiner Hochschullaufbahn - eine über Rumäniendeutsche Literatur. Er bereitete seine Vorlesungen stets äußerst gewissenhaft vor und zeichnete sich überhaupt durch unermüdlichen Arbeitseifer aus. Durch eine klare und systematische Darbietung des Vorgetragenen verstand er es, seinen Studentinnen und Studenten ein gediegenes und für ihren Beruf nützliches Fachwissen zu vermitteln.
Eine besondere Aufmerksamkeit schenkte er der fachlichen und wissenschaftlichen Aus- und Weiterbildung der jungen Lehrkräfte des Lehrstuhls, von denen die meisten seine ehemaligen Studenten waren. Er über-trug ihnen Aufgaben im Bereich mehrerer verschiedener Fächer, weil er der Meinung war, daß man sich möglichst in mehreren germanistischen Disziplinen zurechtfinden und auskennen lernen sollte, bevor man sich auf einen engeren Bereich spezialisiert. Das war für manchen von uns der schwierigere Weg; er hat sich aber später doch oft als sehr nützlich erwiesen.

Professor Binder hat von Anfang an erkannt, daß dem von ihm geleiteten Lehrstuhl neben der Vermittlung des wichtigsten germanistischen Fachwissens in einem multikulturellen Raum wie dem Banat auch eine Reihe von zusätzlichen Aufgaben zukommen, die die Erforschung des deutschsprachigen literarischen und Kulturerbes, der deutschen Mundarten sowie der Wechselbeziehungen und gegenseitigen Einflüsse des Deutschen und des Rumänischen in diesem Gebiet betreffen. Er selbst legte den Grundstein zu diesen Forschungsrichtungen des Lehrstuhls und widmete seine wissenschaftliche Tätigkeit vor allem diesen Bereichen. Schon beim ersten Erscheinen der Philologischen Reihe der “Jahrbücher der Temeswarer Universität” (Analele Universitatii din Timisoara, ab 1963) war er Gründungsmitglied des Redaktionkollegiums und trat mit einer Folge von Beiträgen zur Untersuchung des deutschen Einflusses auf den regionalen rumänischen Wortschatz an die Öffentlichkeit. Seinen Doktoranden empfahl er vorrangig Themen aus denselben Bereichen. Im Laufe der Jahre promovierten bei ihm Hans Gehl, Herbert Bockel, Cristina Stanciu, Delia Arsenovici, Angelika Iona[ und Annemarie Podlipny-Hehn. Als einziger Doktorvater, den der Lehrstuhl bisher hatte, blieb er diesem auch nach seiner Emeritierung (1972) noch lange eng verbunden und nahm noch oft an dessen wissenschaftlichen Veranstaltungen teil. Zur Anerkennung seines Einsatzes und seiner Verdienste bei der Gründung und beim Aufbau des germanistischen Lehrstuhls hat dieser ihm sowohl 1982 zu seinem 75. als auch 1987 zu seinem 80. Geburtstag je eine wissenschaftliche Tagung gewidmet. Wie sehr ihm der Werdegang des Lehrstuhls am Herzen lag, zeigt sein noch 1991 verfaßter Beitrag über Forschungsschwerpunkte in den Abhandlungen Banater Germanisten. Ein Rückblick und Ausblick, den er zuerst - vor seinem Erscheinen in dem Band Beiträge zur Geschichte der Germanistik in Rumänien (I), Hg. George Gutu und Speranta Stanescu, Bukarest, 1997, S. 271-294 - in der Neuen Banater Zeitung in Fortsetzungen veröffentlichte (NBZ, XXXV. Jg., 3., 4., 5., 6. u. 12.Dez.1991, jeweils S.2). Er ist darin um eine fachgerechte, objektive Analyse und Beurteilung der wissenschaftlichen Leistungen der Temeswarer Germanisten bemüht. Seine zum Abschluß, aus der Sicht des Jahres 1991, geäußerte Skepsis bezüglich der Perspektiven des Lehrstuhls, der sprachlichen Kompetenz der künftigen Studenten und des Interesses für rumäniendeutsche Forschungen muß man allerdings heute nicht mehr teilen.

Da er in den Jahren der Diktatur lange Zeit leitende Funktionen innehatte, war er auch vor Kompromissen nicht bewahrt und auch nicht immer standhaft genug, um zu vermeiden, sich von den Machthabern (vor allem jenen der berüchtigten 50er Jahre) zu ihren Zwecken gebrauchen zu lassen. Dennoch hat er sich für viele seiner Mitarbeiter und für die Interessen des Lehrstuhls eingesetzt, und der Verfasser dieses Nachrufs gesteht offen, daß er sich trotz mancher kritischen Auseinandersetzung mit ihm in seiner beruflichen Laufbahn stets von Professor Binder gefördert gefühlt hat und ihm dafür Dank schuldig ist.

Sein Einsatz für den Temeswarer Germanistiklehrstuhl verdient unsere Anerkennung, und seine Arbeiten sind zu einem bleibenden Bestandteil germanistischer Forschung in Rumänien geworden.

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 331-332

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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