Home | BAC/Teze | Biblioteca | Jobs | Referate | Horoscop | Muzica | Dex | Games | Barbie

 

Search!

     

 

Index | Forum | E-mail

   

 Bine ati venit in sectiunea dedicata limbii si literaturii germane. In aceasta sectiune veti avea posibilitatea sa descoperiti multe lucruri utile care speram sa va ajute la cursuri. Willkommen bei ScoalaOnline!

 

 
 
 
 
 + Click:  Grupuri | Newsletter | Portal | Ziare,Radio/TV | Forum discutii | Premii de excelenta | Europa





 

 

 

Zuruck zum index

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

 



WENDELITERATUR? ZUR ROLLE DER LITERATUR IN DEN NEUEN BUNDESLÄNDERN

Klaus Hammer




Wendeliteratur?

Zur Rolle der Literatur in den neuen Bundesländern Auf die Frage, was er denn jetzt eigentlich sei, ein ehemaliger DDR-Schriftsteller oder ein deutscher Schriftsteller, antwortete Christoph Hein:

Anna Seghers und Heinrich Böll, das waren noch gesamtdeutsche Schriftsteller. Mit Beginn meiner Generation entsteht etwas anderes. Botho Strauß etwa, mein Jahrgang, hat andere Erfahrungen, einen anderen Hintergrund als ich. Das hat sich ja am 3. Oktober 1990 nicht geändert. Wir werden uns annähern, wir übrigens stärker an die drüben, als die an uns. Ich werde ein paar westdeutsche Erfahrungen sammeln, Botho Strauß hingegen wird vermutlich keine ostdeutschen machen. Dennoch werde ich voraussichtlich als DDR-Schriftsteller in die Grube fahren. Oder als ostdeutscher. Das Jahr 68 hat uns in Ost und West eben doch unterschiedlich geprägt. Was war schon die Studentenrevolte im Westen gegen die Ereignisse in Prag?”

Hat es überhaupt eine DDR-Literatur gegeben oder ist sie nicht nur ein Zweig der deutschen Literatur gewesen? Hein:
“Die DDR-Literatur war ein Zweig der deutschen, gehört zu ihrem Stamme. Trotzdem denke ich, daß es eine westdeutsche und eine DDR-Literatur, also eine ostdeutsche, gab, und es wird bei den jetzt Lebenden weiterhin ein solcher Unterschied vorhanden sein, solange es Unterschiede in diesen Landesteilen gibt. Freilich haben die westdeutschen Autorn nicht das Gefühl daß sie einen besonderen Zweig der deutschen Literatur bilden. Sie verstanden sich immer als deut-sche.” (“Freitag “, Berlin, 28.5.1993.)

Der Streit um Christa Wolfs Was bleibt
“Es wird Ärger geben. Der Streit um die deutsche Frage beginnt erst”, hatte Ulrich Greiner schon im Dezember 1989 in der “Zeit” vorausgesehen. Der Literaturstreit entzündete sich an Christa Wolfs Erzählung Was bleibt und erhielt neuen Auftrieb durch die Stasi-Verstrickung von Autoren der autonomen Literaturszene der Achtziger. Da sind die Erfahrungen derer, die gingen oder “gegangen” wurden, und derer, die blieben und sich der ideologischen Inanspruchnahme zu entziehen suchten. Die Erfahrungen der älteren Autoren, die sich von ihren Idealen und Utopien verabschieden mußten, und die der jungen, die mit diesen Idealen gar nichts mehr im Sinn hatten. Gab es überhaupt eine literarische Opposition und Autonomie in der DDR? Konnte das Konzept, sich von der Sprache des Staates zu verabschieden und auch nicht mehr antipodisch auf ihn zu reagieren, in diesem geschlossenen Kreis als alternatives Konzept gelingen, (nicht) wissend, die Stasi saß immer dabei? Waren Autoren, die ihrem Publikum verfügbar blieben, für dieses nicht geradezu unersetzlich, um die eigene Identität zu begreifen, dem Warte-Leben einen Sinn abzugewinnen? Hat die Literatur nicht auch Unruhe gestiftet, Zweifel und Widersprüche gesetzt, so daß sich ohne sie der Herbst 89 nicht mit derselben Konsequenz und demselben atemberaubenden Tempo vollzogen hätte? Soll die Literatur in diesem Teil Deutschlands in einer alle Besonderheiten nivellierenden Anonymität aufgehen oder soll sie als solche erkennbar bleiben, das Erinnern und das Gewissen sein?

Christa Wolfs Was bleibt, das Thema der von der Stasi observierten Schrifststellerin, nahmen einige Kritiker als Beschwerde der in der DDR Privilegierten gegen ein System, das gerade sie ausgezeichnet habe, vorgebracht in dem Augenblick, als dieses System gefallen war. Nicht sie, sondern die konsequent Verfolgten hätten ein Recht zu sprechen. War der Text, schon 1979 entstanden, aber erst 1989 überarbeitet und im Frühjahr 1990 erschienen, aber wirklich ein autobiographischer Bericht, ein Rechtfertigungsdokument, dem nachträglich die schärfenden Spitzen aufgesetzt wurden? Die erzählende Figur ist eine fiktive Person, nicht mit der Autorin Christa Wolf zu verwechseln. Die Selbstversicherung am Anfang, keine Angst haben zu wollen, wird mit der Hoffnung verbunden, in einer neuen Sprache schreiben zu können, die sich gegen die Macht der Institutionen wendet und so mitmenschliche Zukunft freihält. Es gibt zudem Kontrastfiguren zur Erzählerin, so das junge, selbst schreibende Mädchen, das “fragte nicht krämerisch: Was bleibt”, das besitzt keinen Privilegiertenstatus, der sie schont und vor vielem bewahren kann.

Volker Braun hält schonungslose Abrechnung. Kein ostdeutscher Autor hat sich schonungsloser vorgeworfen, als Sozialromantiker die Katastrophe nur in die Länge gezogen zu haben, wie Volker Braun in seinem dialogischen Prosatext Der Wendehals. Der Brechtsche Lehrsatz “Man komme uns nicht mit Fertigem” verfängt sich letztlich in der bitteren Wahrheit, daß “alle Kunst umsonst war”. Braun, dessen Werke immer wieder von der DDR-Obrigkeit scharf zensiert wurden, dessen Stück “Die ¹ber-gangsgesellschaft” schon im Frühjahr 1988 einen Vorgeschmack auf die Massendemonstrationen des Wendeherbstes gab, muß im Nachhinein erkennen: “Die Provokation stürzte ab in die Idylle”. Er scheidet die echten von den falschen Revolutionären, spricht vom Verrat der Politik an der Kunst, beobachtet ungerührt der wendehälsischen Genossen Plärren und Wälzen im Staub der zerfallenen Systeme.

Heiner Müller spielt mit den Trümmern der Geschichte. Der Verdacht des Opportunismus fiel auf jeden Autor, der in der DDR geblieben war. Wenn aber ein Autor wie Heiner Müller wirklich kommunistisch dachte, dann hat jedoch kaum jemand die Erbärmlichkeit der späten DDR schärfer gesehen als er. Der kompromißlose ästhetische Subjektivismus Müllers eignete sich die Sprachformen und historischen Erfahrungen seiner Welt als “Material” an, lud es mit Tradition auf und trieb seine inneren Konsequenzen auf die Spitze. In seinem Gedicht Mommsens Block, die wohl rigideste Abrechnung mit sich und der Welt seit dem Zusammenbruch der DDR, nimmt Müller den Blick des Historikers Theodor Mommsen auf die Spätzeit der antiken Zivilisation auf und konstatiert, daß die neue Geschichte, die der vereinheitlichten Weltzivilisation der “Wechsler und Händler”, der Darstellung genau-so wenig wert ist wie für Mommsen die Zeit Neros. Wie kann man die Erfahrung einer Diktatur beschreiben, wenn es nur einen das Individuum auslöschenden “Informationsfluß” gibt? Er könne nicht mehr über Geschichte schreiben, bekennt Müller, “es fallen einem keine Dialoge mehr ein. Es gibt nur noch Zitate.” Der Autor spielt mit dem Trümmerstaub der Geschichte, wie ein Clown, der dem anderen, dem Mit-Clown, das Herz herausschneidet. “Aber das ist ja ein Ziegelstein. Ihr Herz ist ein Ziegelstein”, sagt “Zwei” in der Kurzszene Herzstück. Und “Eins” antwortet: “Aber es schlägt nur für Sie.”

Schriftsteller als Simulationsagenten
Dem Feuilletonstreit um den Untergang der DDR, um die Stasi-Monstrositäten, die dabei freigespült wurden, hat Wolfgang Hilbig seinen Roman Ich entgegengesetzt, der zu einem gesamtdeutschen Bestseller wurde. Alle wichtigen Personen des Romans ent-puppen sich als Stasi-Informanten, verstrickt in ein Spiel, das niemand beherrscht und überblickt und das dennoch einen Staat ergibt. Rücksichtslos, auch gegenüber den eigenen Illusionen über die Macht der Dichtung, entwickelt Hilbig die Idee von den ähnlichen Strukturen, in denen die Dichter ebenso wie die Staatsschützer agieren. Die Stasi braucht die Opposition wie die Opposition den Staatsschutz. Beide leben mit ihren papiernen Entwürfen in der Welt der Zeichen, beide ersetzen Reales durch beliebige Ausgeburten des Geistes, beide sind Simulationsagenten.

Spiele um des Spiels willen
In seinem Roman Das Napoleonspiel führt uns Christoph Hein in dem Westberliner Rechtsanwalt Wörle einen Mann vor, der innere Leere, Bindungsarmut und Werteverluste mit den Aktivitäten seines wechselnden Spiels zu kompensieren sucht. Wenn sich Erfolg und Gewinn zu schnell einstel-len, Routine und ¹berlegenheit den Kitzel und die Gefahren minimieren, hat das Spiel seinen Sinn verloren, und es gilt, nach Neuem auszuspähen. Es sind “Spiele aus Notwehr”, Spiele um des Spiels willen, das auch bedenkenlos über Leichen geht.

Fries’ Ideogramm deutscher Gegenwart
Fritz Rudolf Fries hat mit den Nonnen von Bratislava einen modernen Schelmenroman geschrieben. “Hitler hat Silvester 89 den 2. Weltkrieg am Brandenburger Tor gewonnen. Das ist die Lage”, verkündet ein gewisser Dr. Kerb, Gründungsmitglied des Revolutionsrates, der sich in Petersdorf, unweit von Petershagen bei Berlin, wo Fries lebt, konstituiert hat. Eine sechsköpfige Revolutionsarmee stürmt den Palast der Re-publik, weil “das Volk in diesem Toyota-Imperium korrumpiert ist” und unfähig, eine Revolution zu machen. Die turbulente Erzählung mit ihren mannigfachen Analogien und allegorischen Verknüpfungen durch die Jahrhunderte, Sprachen und Identitäten spie-gelt beispielhaft das intellektuelle Klima in Ostdeutschland - Enttäuschungen, Bitterkeiten, Rückzüge und Feindschaften -, ein Ideogramm der deutschen Gegenwart, dessen leere westdeutsche Kapitel beredter denn Worte sind.

Eine Geschichte subjektiver Andersartigkeit
Selten sind so lapidar Kontinuitäten und Brüche deutscher Geschichte benannt worden wie in Brigitte Burmeisters als Roman der deutschen Vereinigung gerühmten Unter dem Namen Norma. So wie sich die Ich-Erzählerin ihre Identität als “IM Norma” erfindet, so stecken in den Nebenfiguren auch deren eigene Vexierbilder, Phantasien von Phantasien, die alle gemeinsam erst die Heldin “Marianne Arends, Aufgang B, vier Treppen” in jenem Stadtteil Berlin-Mitte ausmachen, der einst “Rand” war, “dahinter Niemandsland, von der Schußwaffe wurde Gebrauch gemacht”, und der heute wieder seinen Namen zu Recht trägt. Für die Autorin ist diese Geschichte der subjektiven Andersartigkeit, der Konfrontation mit unbekannten gesellschaftlichen Codes, des immer noch geteilten und teilenden Himmels, Anlaß, eine Fülle unglaublich sensibler Beobachtungen und sprachlich äußerst subtiler Bilder auszubreiten.

Der Parzival unserer Tage
Thomas Brussigs Helden wie wir (1995) ist rasch eine enorme Popularität zuteil geworden; auch die Bühne hat sich seines Themas bemächtigt. Er, Jahrgang 1965, hat nie teilgehabt an den sehnsüchtigen Projektionen der Generationen von Erich Loest, Christa Wolf, Wolf Biermann und Volker Braun. Was er seinen komischen Helden Klaus Uhltzscht sagen läßt, gilt auch für ihn selber: “Aber ich habe nie in aller Unschuld mitgemacht, mit ihrer naiven Begeisterung der Aufbaujahre. Ich kann nicht für mich reklamieren, mich für die Menschen aufgeopfert zu haben! Ich kann auch nicht vom Sozialismus träumen...” Karl Marx - das war für ihn “der vom Hundertmarkschein”, Friedrich Engels “der vom Fünfzigmarkschein”. Wer so gänzlich unbelastet ist, kann die Geschichte der letzten 20 Jahre DDR als reine Farce erzählen und auch mit der “sanften Revolution” vom Herbst 1989 respektlos umgehen. Medium dafür ist dem Autor jener Klaus Uhltzscht, der am 20. August 1968 auf einem Wohnzimmertisch im sächsischen Erzgebirge das Licht der Welt erblickte, als die Truppen der Nationalen Volksarmee nach Prag rollten und der Mutter vor Schreck die Fruchtblase platzte - passender Auftritt für einen an Grass’ Oskar Matzerath, zuweilen aber auch an Rabelais’ Gargantua und Pantagruel erinnernden Romanhelden. Der Junge schämt sich lange der Winzigkeit seines Gliedes und läßt sich vom Stasi-Vater und der Hygieneinspektorin-Mutter einreden, daß dasselbe nur zum Wasserlassen da sei. Als tumber Tor stolpert er durch eine autoritäre, dabei immer grotesker werdende Spät-DDR und landet schließlich bei der Stasi. Deren Mitarbeiter erscheinen bei Brussig als derart ignorant, spießig und stumpfsinnig, daß einem der Untergang der DDR in der Tat als notwendige Konsequenz erscheint. Springender Punkt und stetes, unheimliches Zentrum des ganzen Schelmenromans aber ist der Penis des Helden, an dem sich gewissermaßen seine ganze Bildungsgeschichte vollzieht. Zum Ende hin, an jenem legendären 4. November 1989, erleidet der Held einen Treppensturz, der sein Glied zu beträchtlicher Größe anschwellen läßt - und das wiederum beeindruckt die Grenzer an der Mauer so, daß sie diese öffnen. Statt der Suche nach historischer Authentizität also komische Verdrehung und groteske Überhöhung, um dem mythisierten Wendegeschehen sein falsches Pathos auszutreiben. Ebensosehr will der Autor ihm unerträgliche Sozialismusschwärmereien und Betroffenheitsreden seiner Landsleute dem Gelächter preisgeben.

Ein heiteres Treuhand-Märchen
Franz Franska, jüngstes Glied in der lan-gen Dorfschulzenkette der Siebendörfer-Gemeinde Salow, ehemals Cordialisch-Anomenische Grafschaft, packt die Wende beim Schopfe, erklärt das bisherige staat-liche Volkseigentum zu wirklichem Eigen-tum des Volkes von Salow und gründet mit den Bauern zusammen die “Land- und Forst-AG Grafschaft”. Mit diesem Schulzenstreich im Jahre 1989 eröffnet der sorbisch-deutsche Autor Jurij Brezan seinen neuen Roman Die Leute von Salow (1997), der sich rasch zur Saga vom listigen Widerstand entfaltet. Ein Landvolk nimmt sich, was ihm gehört? Die oberste Treuhändlerbehörde, kurz BAAAL wie “Befugte Anstalt für Ab- und Auflösungen” genannt, bekommt Wind von diesem “öffentlichen Ärgernis durch völlige Mißachtung der Lage” und erklärt den Fall zur Chefsache. Flurbegradigung heißt die Devise. Als der Hubschrauber mit der Chefin Maria Maader auf dem Sportplatz von Salow landet, wird ihr ein Empfang zuteil, wie ihn Erich Honecker nie erlebte: “237 Kinder schrien Hurra, Hoch und Sport frei, es war nicht zu verstehen, und die Feuerwehrkapelle spielte mit aller Kraft der Lungen ‘Heil dir, die du uns erschienen’“. Die gelandete Präsidentin muß noch den Radetzky-Marsch und mehrere “Ave Maria” über sich ergehen lassen und vom Pfarrer hören, was der bekehrte Paulus zum Thema Eigentum zu sagen hatte: “Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, aber das Eigene haltet in den Händen, damit es euch gutgehe und euren Kindern”. Die Heidebewohner lästern nicht, sie behaupten ihre Existenz. Zeremonielle Hindernisse wechseln mit organisierten Pannen, zähneknirschend nimmt die Eingeflogene zur Kenntnis, daß ihr gepanzerter Dienstwagen nicht bis Salow durchgekommen sei und BAAAL das Schloß nicht als Abwicklungsgebäude nutzen könne - wohin mit dem Heimatmuseum und den im Seitentrakt arbeitenden Behinderten? Die Behörde beruft sich auf den Einigungsvertrag, der die Privatisierung staatlichen Grund und Bodens, den Verkauf des Schlosses und der landwirtschaftlichen Betriebe verlange. Die Salower befürchten Zerstückelung und üben, geleitet vom Dorfschulzen, Widerstand im Rahmen der Gesetze. Mit List und Tücke schrecken sie potentielle Käufer ab und er-werben wichtige Teile selbst - insgeheim für die Dorfgemeinschaft. Daß es ihnen schließlich gelingt, den monetären Götzen BAAAL aufs Kreuz zu leben, ist ihrem Heimvorteil geschuldert: Selbstbewußt führen sie ihre Ortskenntnis, ihr Traditions- und Geschichtsbewußtsein ins Feld. Die BAAAL-Mitarbeiter verfallen nacheinander den ungewohnten ländlichen Reizen - der Heidelandschaft, der Dorflehrerin, der rustikalen einheimischen Küche. Der fast 81-jährige Autor überrascht mit einem heiteren Treuhand-Märchen. Es handelt vom Witz und von der Würde eines kleinen Völkchens, das in jahrhundertelangen Kämpfen seine Selbstbehauptung zur (Über-)Lebenskultur entwickelt hat. Von den “Leuten von Salow” erfahren wir, wie schön Geschichte hätte sein können.

Die Humanisierung eines Frauen-Monsters
Die Erfahrung der Ausgrenzung bildet den Hintergrund des Medea-Romans von Christa Wolf. Medea, die Königstochter in Kolchis, die zugleich Priesterin der Hekate ist, hat sich für Jason erklärt und gegen den eigenen Vater und dessen Politik in Kolchis gestellt, nicht aus Liebe zu Jason, sondern aus dem Wunsch auszubrechen, und deshalb hatte sie fliehen müssen. Exilanten in Korinth sind auch die mit ihr gegangenen Kolcher. So wird der Mythos nutzbar gemacht für die Gegenwart, denn vom Exodus der Juden bis zur Völkerwanderung auf dem Balkan gehören Flüchtlingsströme zu den Grunderfahrungen unseres Jahrhunderts. Und Ausgrenzung hat auch die Autorin selbst erfahren müssen. Man kann “Medea” auch als Gleichnis auf die deutschen Verhältnisse Anfang der 90er Jahre lesen: Die Menschen, die mit der Argo aus dem rückständigen Kolchis ins hochentwickelte Korinth kamen, denen wird in der Welt des Wohlstands nur am Rande Platz gewährt. Kein Ort. Nirgends - das ist die Tragödie der Frauen, überhaupt der Figuren bei Christa Wolf. Wie diese lebt auch Medea zwischen den Zeiten. Sie weiß, “daß wir nicht nach unserem Belieben mit den Bruchstücken verfahren können, sie zusammensetzen oder auseinanderreißen, wie es uns gerade paßt. Christa Wolf fragt nach den “destruktiven Wurzeln” unserer Zivilisation, nach den “Mechanismen der Herstellung eines Sündenbocks”. In Medea sieht sie die Mißverstandene und zu Unrecht Gehetzte. Die Motive von Medeas Handlungen hat sie erfunden, weil der aus patriarchalischer Sicht von Euripides überlieferte Mythos die alten Quellen und Motive überdeckte: Medea ist keine rasende Rächerin, mit dem Hang zur Zerstörung, sondern Opfer übler männlicher Nachrede, mit der ihr Anspruch auf Autonomie zerstört werden sollte. Zen-trales Motiv, Medea auszuschalten, ist für die Anhänger Kreons, daß sie hinter ein strenggehütetes Geheimnis des Königreiches kommt, als sie in einem Gewölbe die Knochen von Kreons erster Tochter Iphinoe findet. So wird klar, daß sich Kreons Macht in Korinth auf eine Lüge, ja einen Mord gründet, und Jason diese mit Glauke, der epileptischen Tochter des Korintherkönigs, fortsetzen soll. Iphinoe und Absyrtos, der Bruder Medeas, sind beide Opfer, die eine hatte Korinth, der andere Kolchis retten wollen, und beide sind deshalb ermordet worden. Durch ihr Wissen wird Medea zur Bedrohung für das Imperium. Sie begehrt auf, wenn man ihr die Demutshaltung der angeblich zum eigenen Besten Kolonialisierten zumuten will. Verfügt sie nicht über älteres Wissen, über Gedanken, die aus Gefühlen fließen, vermag sie nicht zu heilen und hilft sie nicht ihren Mitmenschen, sie selbst zu sein? Sie hat noch Erinnerungen an das Matriarchat, wo es keinen Kindsmord durch die Mutter gab. Hat Christa Wolf Medea, die Rasende, domestiziert? Wenn die patriarchalische Welt an ihr schuldig wird, was kann man dann noch sehen? Denn jeder sieht doch nur, was er sehen kann oder sehen will.

In den Wortmeldungen der Kontrahenten Medeas nimmt das Geflecht von Intrigen Gestalt an, das sich immer dichter um die Gejagte zieht, eine atemberaubende Erzählung von sozialer Ausgrenzung. Medea bleibt nur noch der Rückzug auf sich selbst: “Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort.”Als sie, aus Korinth in die Verbannung geschickt, von der ermordung ihrer Kinder durch einen wahnsinnigen Mob der Korinther erfährt, bleibt ihr nur noch der ohnmächtige Fluch. Sie glaubt der Kraft des Wortes nicht mehr. Ist das das Ende der Utopie, der Literatur?

Literatur ist nur noch eine Sache Versierter
Alles hochbrisante Stoffe, den Lesern wie auf den Leib geschrieben, sie zur Auseinandersetzung mit dem Damals und Heute provozierend. Und doch betreffen die Erzählungen von Christa Wolf, das Langgedicht von Müller oder der Schelmenroman von Fries kaum mehr die Gesellschaft als Ganzes. Sie mögen das Allgemeine im Konkreten, im profansten Detail noch das Absolute bannen wollen, die Tatsache, daß sie längst nur noch in einer abgeschiedenen Gemeinschaft literarisch Versierter kommuniziert werden, prägt sie in ihrer Substanz. Aber kannte nicht gerade der ostdeutsche Leser das Versteckspiel in der Metapher, mit der gefährliche Inhalte ausgedrückt wurden, war er nicht ein geübter Dechiffrierexperte? Doch auf die Idee, mit Literatur ließe sich eingreifen in die symbolischen Prozesse, über die sich ein modernes Gemeinwesen selbst organisiert, kommt heute niemand mehr. Literatur ist eine hochkomplexe, historisch überdeterminierte Kunstform, deren Genuß so vielfach vermittelt wird, daß sich von der Lektüre zur täglichen Lebenswirk-lichkeit für den Leser nicht mehr so ohne weiteres ein Weg finden läßt.

Die neuere Entwicklung in Ostdeutschland hat gezeigt, wie schnell der Schriftsteller sein Behelfsamt als Verkünder unterdrückter Wahrheiten verlieren kann: an die Öffentlichkeit. Wir haben es mit einem grundlegenden Wandel der gesellschaftlichen Funktion von Literatur zu tun. In den alten Bundesländern hat er sich seit langem, ganz allmählich, in den neuen Bundesländern seit der Wende recht abrupt vollzogen. Literatur ist eine minoritäre Angelegenheit geworden. Das öffentliche Interesse an ihrem aktuellen Erscheinungsbild ist so gering geworden, daß sie sich so ziemlich alles erlauben kann. Von politischen oder moralischen Normen redet kaum noch jemand heute.
Aufgabe von Literatur ist ja nicht, dem aktuellen Geschehen ästhetische Bilder abzupressen, die politischen Abziehbilder von Welt und Wirklichkeit zu verdoppeln. Solche Versuche verkommen zur Gesinnungskolportage. Literatur hat nicht Realität nachzuahmen und Meinungen zu reproduzieren, vielmehr soll sie die Fiktionalität der Wirklichkeit offenlegen und die Vorstellung abbauen, daß allein Realität Wahrheit sei. Beginnt die Aufgabe von Literatur nicht erst dort, wo der rationale Diskurs versagt?

Literatur als gesellschaftliches Gedächtnis
Dennoch bleibt die Funktion von Literatur als gesellschaftliches Gedächtnis unersetzbar. Gerade die Literatur, die im östlichen Teil Deutschlands geschrieben wird, wird noch lange Zeit, zumindest für die Generation von Christoph Hein, als solche erkennbar bleiben. Sie wird das Erinnern und das Gewissen sein. Sie wird sowohl die Geschichte Ostdeutschlands mit ihren spezifischen Erfahrungen ins Bewußtsein der (west)deutschen Leser heben - wer anders sollte ihnen denn zu verstehen geben, daß es sich auch um ihre eigene Geschichte handelt -, als auch verhindern, daß die gesamt-deutsche Geschichte mit ihren spezifischen Erfahrungen diesem beängstigenden Hang zur Amnestie, der derzeit zu beobachten ist, zum Opfer fällt.


Wer an die Vergangenheit rührt, findet ein Auge, wer sie vergißt, verliert beide, heißt ein Sprichwort. Autoren können auch heute noch Störenfriede sein. m Training des aufrechten Ganges des mündigen Bürgers wird uns die Literatur auch weiterhin - oder nunmehr wieder - unerläßlicher Begleiter sein.


Literatur:

1. Braun, Volker: Der Wendehals. Eine Unterhaltung. Frankfurt am Main 1995, 125 S.
2. Brezan, Jurij: Die Leute von Salow. Roman, Bautzen 1997
3. Brussig, Thomas: Helden wie wir. Roman, Berlin 1995, 322 S.
4. Burmeister, Brigitte: Unter dem Namen Norma. Roman, Stuttgart 1994, 286 S.
5. Fries, Fritz Rudolf: Die Nonnen von Bratislava. Roman, München 1993, 368 S.
6. Hein, Christoph: Das Napoleonspiel. Roman, Berlin 1993, 207 S.
7. Hilbig, Wolfgang: Ich. Roman. Frankfurt am Main 1993, 377 S.
8. Müller, Heiner: Mommsens Block. In: Drucksache 1, Berliner Ensemble 1993, 9 S.
9. Wolf, Christa: Was bleibt. Erzählung, Berlin 1990. 76 S.
10. Wolf, Christa: Medea. Stimmen. Roman, Hamburg 1996. 235 S.

 

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

+ Asociatia Studentilor din Facultatea de Limbi Straine | Contact

 

Home | BAC/Teze | Biblioteca | Referate | Games | Horoscop | Muzica | Versuri | Limbi straine | DEX

Modele CV | Wallpaper | Download gratuit | JOB & CARIERA | Harti | Bancuri si perle | Jocuri Barbie

Iluzii optice | Romana | Geografie | Chimie | Biologie | Engleza | Psihologie | Economie | Istorie | Chat

 

Joburi Studenti JOB-Studenti.ro

Oportunitati si locuri de munca pentru studenti si tineri profesionisti - afla cele mai noi oferte de job!

Online StudentOnlineStudent.ro

Viata in campus: stiri, burse, cazari, cluburi, baluri ale bobocilor - afla totul despre viata in studentie!

Cariere si modele CVStudentCV.ro

Dezvoltare personala pentru tineri - investeste in tine si invata ponturi pentru succesul tau in cariera!

 

 > Contribuie la proiect - Trimite un articol scris de tine

Gazduit de eXtrem computers | Project Manager: Bogdan Gavrila (C)  

 

Toate Drepturile Rezervate - ScoalaOnline Romania