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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 76-78

 



FÜR UND WIDER SPRECHAKTTHEORIE BEI DER ANALYSE DES LITERARISCHEN DIALOGS

(ZUR SPEZIFIK DES DIALOGS IN LITERARISCHEN TEXTEN)

Veaceslav Lagutin



Der Dialog als Kommunikationstyp ist am breitesten vertreten in zwei Sphären der menschlichen Tätigkeit: im Bereich des natürlichen interpersonalen Miteinander-Sprechens im Leben und in der Sphäre der verbalen schöpferischen Tätigkeit der Menschen, in der Literatur. Dabei tritt der literarische Dialog in dramatischen Werken als dominierendes, für den dramatischen Text konstitutives Element auf. In den epischen Werken unterscheidet man prinzipiell Autorenrede (Rede des Erzählers) und Figurenrede (“fremde Rede“, “zitierte Rede“, “eigene Rede der Helden“). Der Dialog als natürliches interpersonales Gespräch ist die primäre und die wichtigste Form der Kommunikation und bildet Grundlage für alle anderen kommunikativen Prozesse.

Die Sprache in der Literatur ist also nicht nur Mittel der Darstellung, “stellt nicht nur dar“ (1), sondern dient selbst oft als Gegenstand der Darstellung. Die Sprache in der Literatur kann nicht nur das Material sein, mit dessen Hilfe der Schriftsteller von äußerlichen Ereignissen und von geistigem Leben seiner Helden erzählt. Der Schriftsteller zeigt oft, wie die Helden reden, in welcher Sprache sie sprechen. Die Personen in literarischen Texten sind oft sozusagen “nicht stumm“, sie treten als redende Helden auf. Nach der Meinung von T. Winokur, “die Sprache findet in jedem literarischen Werk dreiartige Wiederspiegelung – als natürliche lebendige Rede, als literarische Norm und als verbale Kunst“ (2).

Die Rede der Figuren, die Sprache der Helden in epischen Werken realisiert sich in verschiedenen Formen, d. h. der Dialog ist nicht die einzige Form der fremden, zitierten Rede im Text. Er tritt neben der indirekten Rede, der erlebten Rede und dem inneren Monolog auf und geht mit ihnen in mannigfaltige Verbindungen ein.

Die Funktion und Struktur des literarischen Dialogs läßt sich unter verschiedenen Aspekten betrachten, z. B. vom Standpunkt der Beziehung des Dialogs zur Autorenrede in den epischen Texten mit Ich- und Er-Perspektive, Stellung des Dialogs unter anderen eben da genannten Formen der zitierten Rede, Besonderheiten des Dialogs in verschiedenen literarischen Textsorten. An dieser Stelle interessiert uns der literarische Dialog in der modernen deutschen Kurzprosa vor allem vom Standpunkt der pragmalinguistischen Theorie der Sprechakte (Redeakte) und zwar aus zwei Gründen. Viele Literaturkritiker des XX. Jahrhunderts stellen die Dialogisierung als gesetzmäßige Entwicklung der epischen Prosa unserer Zeit fest und sprechen von der “Reduzierung des Monologs“, von der “Schränkung der Kontinuität der Autorenrede“, von der “Kapitulation vor dem Dialog“ (3).

Die Rolle des Dialogs in der Epik des XX. Jahrhunderts scheint viel wesentlicher zu sein als in der Literatur des XIX. Jahrhunderts. Der Dialog übernimmt oft die Erzählfunktion, gleichzeitig werden durch den Dialog die Personen charakterisiert und über die Geschehnisse mitgeteilt. “In der Prosa des letzten Jahrhunderts können wir die per-manente Expansion des Dialogs beobachten. Über eine bestimmte Sache wird nur so erzählt, wie die Person über sie erzählen würde, die in dem betreffenden Augenblick im Vordergrund steht“ (4). Als Grund für die Verbreitung des Dialogs in heutiger Prosa werden vor allem zwei genannt: 1. die Leser des XX. Jahrhunderts haben weniger Vertrauen zu der autoritären Rede des Erzählers; 2. der Leser wird, wie im Drama, Zeuge der unmittelbar dargestellten Szene. Direkte Rede im Dialog ruft bei dem Leser den Eindruck des unmittelbaren Beobachtens hervor, die Vergangenheit und die Zukunft werden in die Gegenwart überführt (“Vergegenwertigung der Geschehnisse“). Die erste Replik im epischen Text wird immer noch als die der erzählten Zeit gehörende aufgefaßt. Die reagierende Replik und die Kette aller nächster Repliken lassen beim Leser den Effekt des unmittelbaren Dabeiseins entstehen und schaffen dadurch die Bedingungen für größere emotionale Anteilnahme und höhere ästhetische Einwirkung auf dem Leser.

Als zweiter Grund unseres Interesses an Dialogforschung ist der Mangel an Interpretationsmethoden des literarischen Dialogs und diskutabler, zweifelhafter Charakter der Ausdehnung der gegenwärtigen pragmalinguistischen Theorie der Redeakte (Sprechakttheorie) auf die Analyse des Dialogs in literarischen Texten.
Für die Anfangetappe der Dialogforschung bis zu den 60-er Jahren war indifferenziertes Herangehen an den Dialog im Leben und in den literarischen Texten typisch. Der Dialog in der Literatur war beinahe die einzige sichere Quelle für die Beschreibung des Miteinander-Sprechens und wurde im Fremdsprachenunterricht für gutes musterhaftes Material bei der Dialogbefähigung der Lerner gehalten.

In der gegenwärtigen Fachliteratur über Dialogprobleme dominiert die Meinung über prinzipiell verschiedenen Charakter des natürlichen lebendigen Dialogs und des literarischen Dialogs und über die Notwendigkeit der Ausarbeitung zweier spezifischen Methoden bei ihrer Beschreibung (5).
In den zahlreichen theoretischen linguistischen und literaturwissenschaftlichen Studien über die moderne Kurzprosa können wir relativ wenig Arbeiten finden, die unmittelbar die Probleme des Dialogs in epischer Prosa als Gegenstand der Untersuchung haben (6). Die Einzelinterpretationen berücksichtigen zwar den Dialog, betrachten ihn aber nur als die Eigenart des Autors oder des einzelnen Werkes.

Die traditionelle Theorie des literarichen Dialogs und die heute herrschende Interpretationsmethode des Lesers fußt auf folgenden grundlegenden Prinzipien: 1. Dialog soll der Situation und der sozialen Stellung der sprechenden Personen entsprechen. Jeder Dialog ist also situationsbedingt, situationsdeterminiert. Im Dialog kann jede Art von Rede auftreten, sofern sie diese Bedingungen erfüllt und durch sie motiviert ist; 2. Der literarische Dialog ahmt die natürliche Rede der Menschen nach und soll mit den Regeln des Redens übereinstimmen. Das verbale Verhalten der Personen im Text soll dem natürlichen Gespräch im Leben entsprechen. Diese Theorie ist mit dem in der Stilistik bekannten Begriff “Sprachporträt“ verbunden und betrachtet die Repliken der Person im Text zunächst als soziale und individuale Charakteristik der betreffenden Person.
Der Autor kann für seinen Helden einen persönlichen Idiolekt schaffen, sogar in einer anderen Sprache seine Helden sprechen lassen.

Die zweite Theorie ist vor allem auf die Betrachtung des Dialogs innerhalb des literarischen Textes gerichtet. Sie verbindet die Interpretation des Dialogs mit Besonderheiten der literarischen Kommunikation, mit literarischen Traditionen, mit Forderungen der Textsorten, mit der Kultur bestimmter Epoche. Im Rahmen dieser Theorie spricht man vom literarischen Dialog als einem geschriebenen Dialog, von den Konversationen in der Niederschrift der Rede, von Stilisierung, Typisierung der natürlichen Gespräche in der Literatur.
In den achtziger Jahren werden die ersten Versuche unternommen, den literarischen Dialog vom Standpunkt der pragmalinguistischen Theorie der Sprechakte zu betrachten. Von einigen Sprachforschern wird sie für besonders geeignete, exakte theoretische Grundlage der Dialogbeschreibung und der intensiven Dialogbefähigung der Lerner im Fremdsprachenunterricht gehalten (7).

In der gegenwärtigen Sprechakttheorie wird das Sprechen als verbale Tätigkeit, jede Replik als Handlung, jede Dialogeinheit als Vereinigung von zwei Handlungen und der ganze Dialogtext als Verknüpfung von mehreren Sprechaktsequenzen interpretiert. Es wird betont, daß der Dialog nicht auf formalen Strukturen, nicht auf besonderen sprachlichen Mitteln oder graphischer Absonderung im Text, sondern auf allgemeinen obligatorischen Prinzipien des Miteinander-Sprechens in erster Linie basiert. Die Dialoge sind immer aktional, jede Replik stellt eine Interaktion dar, und das verbale Verhalten der Personen im literarischen Text soll also in den Hauptparametern dem natürlichen Verhalten im Leben entsprechen. Und diese Hauptparameter sind die Kategorien der Kooperation und der Strategie der beiden Partner im Dialog. Die Gesamtzahl der Sprechakte wird in der deutschen Sprache auf etwa 300 reduziert, und zwischen den Sprechakten werden vor allem zwei alternierende Verknüpfungsmodelle anerkannt. In jedem Sprechakt unterscheidet man drei Komponenten: lokutive, illokutive und perlokutive (8).

Die Theorie der Sprechakte wurde ausgearbeitet und erfolgreich verwendet vor allem an den trivialen Mustern des Alltagsdialogs.

Bei der Ausdehnung der Sprechakttheorie auf literarischen Dialog, auf ganze Dialogtexte (bei der Dramenanalyse) entstehen manche Hindernisse, und wir wollen hier auf einige Einwände hinweisen.

Erstens muß die Spezifik der literarischen Kommunikation genannt werden, die prinzipiell anders ist als reale alltägliche Kommunikation. Jeder literarische Dialog beinhaltet gleichzeitig zwei verschiedenartige kommunikative Prozesse: Kommunikation unter den handelnden Personen und Kommunikation zwischen dem Autor und dem Leser. Das Modell des literarischen Dialogs entspricht nicht den Gesetzmäßigkeiten des realen, natürlichen Dialogs. Im geschriebenen literarischen Dialog sind die Redesituationen nicht unmittelbar gegeben und sie müssen vom Leser auf Grund anderer, Dialog umgebender Elemente rekonstruiert werden. Die Eigenart des literarischen Dialogs beeinflußt seine sprachliche Realisierung auf allen Sprachebenen.
Als zweiter Einwand gegen die Verwendung der Sprechakttheorie bei der Analyse des literarischen Dialogs tritt die Feststellung auf, daß die Sprechakte im literarischen Text ganz andere sind und daß ihre Aufeinanderfolge nicht so ist wie im natürlichen Dialog.

Im literarischen Dialog wird oft die chronologische Abfolge der Sprechakte nicht befolgt, es kommen Erinnerungen, Träume, Appelle an das Publikum (Leser/ Hörer) vor. Einige Repliken funktionieren nicht wie eine Interaktion zwischen den Partnern, sondern als erzählerische Aussagen des Autors zum bestimmten Thema.
Außerdem ist die Gesamtzahl der Sprechakte bis jetzt noch nicht endgültigt bestimmt, und die Verknüpfbarkeit der Sprechakte im Dialog bildet ein spezifisches Problem für jede Nationalkultur, und es sind hier noch konkrete Forschungen nötig.

 


ANMERKUNGEN:

(1) M. Glowinski: Der Dialog im Roman, Poetica, Jg. 1975, H. 1, S. 1-6

(2) T. Winokur: Charakteristika struktury dialoga (Charakteristik der Dialogstruktur), Jazyk i stil pisatelja, Kischinew 1977, S. 64

(3) G. Bauer: Zur Poetik des Dialogs: Leistung und Formen der Gesprächsführung in der neuen deutschen Literatur. Darmstadt 1969; N. A. Koschewnikowa: O sootnoschenii retschi awtora i personascha (Über Verhältnisse zwischen Autoren- und Figurenrede), Jasikowye prozessi sowremennoj russkoj chudoschestwennoj literatury: Prosa, M., 1977

(4) M. Glowinski: Der Dialog im Roman, Poetica, Jg. 1975, H. 1, S. 14

(5) P. J. Berens u. a.: Projekt Dialogstrukturen. Ein Arbeitsbericht. München 1976

(6) G. Ungeheuer: Gesprächsanalyse an literarischen Texten, Literatur und Konversation, Wiesbaden 1980, S. 43-71

(7) E. W. B. Hess-Lüttich: Soziale Interaktion und literarischer Dialog, Grundlagen der Dialoglinguistik, Philologische Studien und Quellen, Berlin 1981, B. 1; D. Viehweger: Sequenzierung von Sprachhandlungen und Prinzipien der Einheitenbildung im Text, Untersuchungen zur Semantik, Berlin 1983, S. 369-394

(8) W. Motsch: Anforderungen an eine handlungsorientierte Textanalyse, Zeitschrift für Germanistik, Jg. 1986, Nr. 3, S. 261-282

 

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