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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 13-14 / 1998, S. 424-425

 

 

MATTHIAS BUTH: DIE STILLE NACH DEM AXTHIEB.

GEDICHTE / LINIȘTEA DE DUPĂ LOVITURA DE SECURE. POEZII.

În românește de George Guțu. Cu o postfață de Peter Motzan.

București: Editura Fundației Culturale Române, 1998, 282 S.



Matthias Buths Gedichtband Die Stille nach dem Axthieb erschien in einer graphisch geschmackvollen zweisprachigen Ausgabe im angesehenen Bukarester Verlag der Rumänischen. Alles in diesem Buch scheint aufeinander gestimmt zu sein: die begnadete Geste des Dichters, eines sich immer mehr etablierenden deutschen Autors, die sicheren Einfälle des erfahrenen Übersetzers, eines hervorragenden rumänischen Germanisten, und die tiefsinnigen Reflexionen eines hochrangigen Stilisten, eines aus Rumänien stammenden deutschen Literaturwissenschaftlers. Genannt sind dabei Matthias Buth, George Guțu und Peter Motzan. Ein fürwahr glückliches Zusammentreffen und ein gelungener literarisch-interkultureller Wurf!

Die Stille in Matthias Buths lyrischen Gebilden aus geometrisch-metallenem Wortmaterial, ist eine mit höchster Spannung beladene – die Ruhe nach einem heftigen Sturm der Empfindungen und der von Tragik und Zuversicht gezeichneten Gedanken. Es geht auf Schritt und Tritt um die Visionen eines optimistisch veranlagten Pessimisten, um das sich bis ins Unerträgliche steigende Glück eines zutiefst und allerorts Leidenden, eines écorché vif, der in sich die ungeahnte, unerschöpfliche Kraft der Wortsprache voller Staunen fühlt, um die schmerzgetränkte Schönheit der Welt zu bändigen und zu bewahren.

Dem geometrischen Flug der Vögel ähnlich, drückt die “gebrochene” Schrift des lyrischen Ichs eine in und durch das Wort gebannte Tragik aus:

Herabgeflogen sind
Die Tauben in die
Mulde Hand

Ihre Augen bleiben fern
Winzige Exile des Himmels
Die auf den Flug vertrauen

*

Din zbor au poposit
porumbeii în
căușul palmei

ochii lor adastă în depărtări
exiluri minuscule ale cerului
care cred în zbor


(Markusplatz/ Piazza San Marco)

Die Semantik des Wortes Mulde scheint auf eine der Schlüsselformeln der Buthschen Poetik hinzuweisen: Mulde Hand (“căușul palmei” - S. 102), Mulde Geduld (“văioaga răbdării” - S. 161), Mulde (“vâlcea” - S. 29).
Von dieser geheimnisvoll verfrachteten Schrift weichen die Liebesgedichte ab – da stehen Lebensreife und Lebensfreude im Vordergrund, da wird der Ausdruck tief und üppig-leicht – die Worte setzen zum Flug an, die Welt setzt sich in Bewegung, die Stille gewinnt eine dynamisch-aufwieglerische Dimension:

Wenn Dein Gesicht
In meinem wurzelt
Wenn Dein Gewicht
In meinem liegt

Wenn Deine Haut
Aufgeht und mich überzieht
Mit Wärme ohne Laut
Und Zögern

Blühn alle Meere
Wüsten Weiten
Vertraut und nah…

*

Când obrazul tău
prinde rădăcini într-al meu
când greutatea ta
sălășluiește-ntr-a mea
când pielea ta
se augmentează învăluindu-mă
cu o surdă căldură
și ezitare

familiar în apropiere
înfloresc toate mările
pustiurile depărtările…
(Nah/ Aproape)
 

Heiterkeit und Licht atmen flüchtige Stimmungen und Eindrücke des Dichters ein, die aufs aAllernötigste reduzierten Sätze sind sinnüberflutet, das Flußbett der Sprache wird enger, die Wogen umso heftiger… Der Übersetzer, der im Übrigen lyrische Texte mit derselben Bravour und mit souveränem Können nachdichtet, schmiegt sich gelichermaßem dem sprachlichen Duktus und der inhaltlichen Schwere der Buthschen Verse – auch das Rumänische erreicht eine ihm sonst nicht eigenen geometrischen, trocken-lyrischen Ton voller Klarheit und Gleichgewicht:

Milchwarm das Kissen Mond
Auf dem Katzen schlafen

In ihren Ohren liegen Zaubersprüche
Auf der Lagune von Venedig

Jasminhell die Trommel Nacht
Sie schlägt Schmetterlingswalzer

Bis die Dächer auffliegen
Mit den sieben Raben

In die Augen der Sterne

*

Pe lăptos de calda pernă a lunii
dorm pisicile

în urechile lor se cuibăresc descântecele
din laguna Veneției

luminoasă ca iasomia toba nopții
bate valsul fluturilor

până când acoperișurile pornesc în zbor
cu cei șapte corbi

până-n ochii stelelor
(Ausblick/ Panoramă)

Die Übertragung gehorcht einer natürlichen Bewegung, der Sprung aus der einen Sprache in die andere gleicht der großen Überfahrt mit der Fähre des Vasudeva über die tausendfache Widerspiegelung der flüchtig-fließenden Sansara… Der Übersetzer fand einfallsreiche Nachdichtungen und Lösungen in Form etwa von verbaler Struktur mit Direktivergänzung für ein Nomen, Substantive werden im applikativen und attributiven Gebrauch bemüht, während transitive Verben gelegentlich durch die transitive Varianten mit Präposition umschrieben werden:

Unter den Steinen
Versammlungsplätze von Sonne und Schlangen
Ununterscheidbar und sich einander
Ausatmend

*

Sub pietre
vin la sfat într-o confundabilă adunare
soare și șerpi
respirându-se reciproc
(Park/ Parc)
 


… befliege ich
Mit den Faltern das Gras

Wir Weltenfahrer von Absturz zu Absturz
*
… eu zbor
cu fluturii deasupra ierbii

noi cei care drumețim prin lume din
/prăbușire-n prăbușire
(Papillons/ Fluturi)

An anderen Stellen stehen dagegen in beiden Sprachen Nomina actionis in einem formellen 1:1-Verhältnis. Semantisch bilden sie eine unzerstörbare Einheit, sie auseinanderzunehmen hieße, inhaltliche Perspektiven zu verdrehen, die poetisch wohldurchdachte Ordnung sinnentstellend zu zerstören:

Still
Legung der Augen

Ver
Siegend

Im Rauhreif
Der Wurzeln
 

*


Cu-
mințire a ochilor

epui-
zându-se

în promoroaca
rădăcinilor

Abegrundet wie ein vom Wasser geschliefener Stein klingen poetische Ausdrücke, die in unserem Innern gereinigte Bilder heraufbeschwören, eine bedrohte heile Welt der Vergängnis und der Dauer ersteht vor den Augen des (deutschen und rumänischen) Lesers: “/în/ albul metalic/ al pajiștilor matinale” – “/ins/ Weiße Morgenmetall der Wiesen” (See / Lac); “iasomia cadaveric-gingașă” – “Der leichensanfte Jasmin” (Jasmin / Iasomie); “un fir de iarba-șoricelului mocnește gălbui/ în vântul boltit” – “Gelb glimmt ein Dreizackfuß/ Im gefederten Wind” (Mulde / Vâlcea); “pâine și vin / pecetluiesc despărțirea” – “Brot und Wein/ Versiegeln den Abschied” (Biserica “Sfânta Treime” Sibiel); “ies aburi calzi de sunete” – “warm dampfen die Töne” (Großau - Siebenbürgen / Cristian - Transilvania); “tăcere gârbovită” – “Gebeugtes Schweigen”; “în vesperala galbena rugă” (Schäßburg / Sighișoara); “ca să pieptene din ape lumina/ îmbibată de somn” – “Um Licht aus dem Gewässer zu kämmen/ Vollgesogen vom Schlaf” (Praha); “ploaia mea chicotește/ pe seama geamului” – “Verlächelt mein Regen/ Die Scheibe” (Hotelfenster/ Fereastră de hotel); “cu gâtlejul sfârtecat” – “Mit gebrochener Kehle”; “acoperișurile amușină zăpada” – “Dächer riechen Schnee” (Aufwachen / Trezire); “milionic de alb” – “Millionenweiß”; “în focul bengalic al hortensiilor” – “im Feuerwerk der Hortensien” (Flut / Flux); “Dezghiocate din aur” – “Aus dem Blau geschnitten” (Haus / Casă).

Buth wirkt im rumänischen Sprachgewad genauso echt oder auch kantig oder auch wortwitzig wie im deutschen. Berechtigterweise taucht die beunruhigende Frage auf: Beherrscht der Dichter die Sprache oder die Sprache den Dichter?

Die Sätze gehen verloren
An einer Überdosis Ich

*

frazele se pierd
datorită unei supradoze de personalitate
In jedem der Fälle – “was bleibet aber stiften die Dichter” (Hölderlin).

Zum Dichter Buth und zu seinem Werk lese man die deutsche und die rumänische Fassung des sachkundig und fugenartig argumentierenden Nachwortes von Peter Motzan, der Motiv- und Themenkreise akkribisch und wortgewaltig zu umreißen vermag.

Eine editorische Leistung, die sich in jeder Hinsicht sehen läßt.

Mihaela Zaharia


 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 13-14 / 1998, S. 424-425

 

 

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