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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 174-176

 



IST DIE GOTISCHE KUNSTAUFFASSUNG IN DER ZEIT DER JAHRHUNDERTWENDE NOCH AKTUELL?

Mihai Draganovici



Die Zeit der Jahrhundertwende war eine Periode, die durch keinen charakteristischen einheitlichen Stil gekennzeichnet war. Einerseits gab es die Tendenz, in die Vergangenheit zurückzukehren und die alten Kunstströmungen wieder zu beleben, andererseits versuchte man, auch andere, neue Stilrichtungen zu entfalten. Diese Richtungen findet man in allen Bereichen der Kunst: sowohl in der Architektur und in den bildenden Künsten als auch in der Literatur. In dieser Arbeit wollen wir uns vor allem mit der Entwicklung der Architektur beschäftigen, wobei auch auf die Richtungen der anderen Künste hingewiesen werden soll.

Schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts - des Jahrhunderts der industriellen Revolution - findet eine starke Entwicklung in allen Bereichen der Gesellschaft statt. Daher beginnen sich die Großstädte sehr rasch zu entwickeln und zügellos zu wachsen, indem man in einem hohen Rhytmus, ohne einen einheitlichen Entwurf baut. Erst gegen Ende des Jahrhunderts beginnt man nach Plänen zu bauen, denn nun werden Überlegungen über einen harmonischen städtischen Zuwachs. Was die Architektur betrifft, suchte also die Gesellschaft nach einem adäquaten Stil, der ihren neuen Vorstellungen über die Kunst entsprechen sollte. Es war eine Epoche, die nach einer sehr langen Periode kam, in der sich die Kunststile einander abgelöst haben, indem sie eigentlich in Kontrast zu den vorangegangenen Stilen standen. Jetzt war die Zeit der Erneuerung gekommen: Man mußte viel mehr Neues als nur einen Gegensatz zu der vorhergehenden Strömung finden. Entweder nahm man die alten Stile wieder auf oder suchte nach einem ganz neuen, der für die neue Epoche bahnbrechend sein mußte. Merkwürdigerweise hat man sowohl das “entweder” als auch das “oder” angenommen, so daß eine Synthese beider Möglichkeiten zustandekam.
In Paris beginnt Haussmann unter Napoleon III. mit einer Systematisierung der Stadt, in Berlin empfiehlt Stübben, auf Vergangenheit und Landschaft Rücksicht zu nehmen, während man in Wien auf der notwendigen Harmonie zwischen Gebäuden und Plätzen besteht. Ausschlaggebend für diese Richtung ist in Wien der Entwurf der Ringstraße, der hauptsächlich vom deutschstämmigen Ludwig Förster entworfen wurde. Der Bau dieses architektonischen Ensembles wurde im Jahre 1857 durch das von Kaiser Franz Joseph befohlene Abreißen der Befestigungsanlagen rund um die Innenstadt ausgelöst. Alle Gebäuden, die auf dieser Straße entstanden sind, sind früheren Stilen untergeordnet, so daß sie ein Museum historischer Architektur bilden könnten. So ist die Votivkirche teilweise eine Nachbildung des gotischen Kölner Doms, während das Rathaus die belgische Gotik wachruft; das Opernhaus wurde im Stil des italienischen Quattrocento gebaut, das Parlament im klasisch-griechischen Stil, die Universität in strenger italienischer Renaissance entworfen. Schließlich ist das Gebäude des Burg-theaters in einem seltsamen eklektischen Stil errichtet worden. All diese in so verschiedenen Stilen gebauten Gebäuden stellen den offensichtlichen Mangel an einem eigenen charakteristischen Stil des Bürgertums dieser Epoche dar. Die historischen Anspielungen wiesen auf die Funktion der verschiedenen Bauten hin. So bedeutete das griechische Parlament einen Höhepunkt der Demokratie, ein gotisches Rathaus und eine gotische Kirche stellten Glanz und Stolz dar, und die Universität in italienischer Renaissance stand für die akademische Bildung.

Man muß aber gestehen, daß trotz einer Dekandenz, die man hauptsächlich in der Architektur bemerkt, nicht alle Architekten die vorigen Stile nachgeahmt oder gemischt haben. Einige haben die Hauptmerkmale übernommen und ihnen nachher ihre persönliche Handschrift verliehen. Der bedeutendste von ihnen ist der Katalaner Antonio Gaudí, der durch sein Meisterwerk, die Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona eine vollkommene neue Interpretation des gotischen Formenguts darstellt. Die klassische Form eines gotischen Baus wird behalten, indem man die typische Großartigkeit zum Vorschein bringt. Die Spitzen der Türme und die anderen Bauelemente weisen nach oben, auf den Himmel und, wenn man dazu auch die Dimensionen zählt, erhält man den transzendentalen Charakter einer gotischen Kathedrale. Diese sind aber nur Hauptmerkmale, die ohne den Kleinen überhaupt nicht maßgebend wären, da dieses Gebäude wie ein Modernes wirkt. Um nur ein kleines Beispiel dafür zu geben, können wir die Kriechblumen auf den Türmen nehmen, die gewöhnlicher Weise einer gewissen Symmetrie und Rigorosität unterliegen. Hier aber sind sie Asymmetrisch und sind eigentlich keine Blumen, sondern pflanzliche Formen, die ineinander verschmelzen. Auch die Linien der Fenster sind schräg und widersetzen sich irgendwie den strikten Regeln der Gotik. Dieser Bau verkörpert die Verbindung zwischen der einen Richtung dieser Periode, und zwar der der Nachahmung, und der Anderen, der neuen Tendenz, die sich bemerkbar macht.

Im Vergleich zur Architektur, die noch ihren Weg suchte, konnte man in der bildenden Kunst neue Tendenzen beobachten. Die Kunstausstellungen wurden immer reicher und die Kunstsammler aus der ganzen Welt und vor allem aus Amerika sorgten für einen Aufschwung der bildenden Kunst. Die Malerei konnte sich dadurch leisten, nach einer vielversprechender Unabhängigkeit zu streben. Die Stile, die einer nach dem anderen folgen, entsprechen dem Hunger der Gesellschaft nach der Moderne. Vom Impressionismus, durch den Expressionismus und bis zum Kubismus, versuchten die Künstler jener Zeit sich dem Aufschwung und Fortschritt anzupassen.

Der Fortschritt der Gesellschaft war Anlaß dafür, einen neuen Kurs auch in der Architektur auszulösen, so daß parallel mit dem Versuch die Vergangenheit nachzuahmen, auch Entwürfe der neuen Architektur erscheinen. Das Baumaterial, das die neue Bauweise auslöste, war das Eisen, das im 19. Jahrhundert in großen Mengen zur Ver-fügung stand. Die technischen Errungenschaften auf dem Gebiet der Erzeugung und Wiederverarbeitung von Gußeisen und Stahl ermöglichten es den Architekten, in bisher unbekannten Dimensionen zu bauen. Nicht nur die Gebäuden stellten eine Neuigkeit dar, sondern, mit ihnen eng verbunden, auch die großen Glasflächen. Die geschlossenen Steinmassen der Baukörper werden zugunsten einer nie gekannten “Transparenz” der Architektur aufgelöst. Es ist sehr interessant zu bemerken, daß auch bei diesen neuen und modernen Bauten die alten Stile anwesend sind. So zum Beispiel sind bei den Gebäuden von Bahnhöfen die Bahnsteige als moderne Gerüstkonstruktionen aus Glas und Stahl gedacht, während die Fassade der Schalterhalle beispielsweise der Formensprache der Gotik verpflichtet ist. Ebenso konnten die Brückenbauten, die mit den neuesten Hubeinrichtungen versehen waren, durch aufwändige Steinverkleidung fast wie ein Teil einer mittelalterlichen Burganlage wirken. Selbstverständlich gibt es auch Bauten, die nur dem modernen Stil unterworfen sind und die wirklich avantgardistisch wirken, wie zum Beispiel der berühmte, ein Wahrzeichen Paris’ gewordene Eiffelturm. Sein Bau hat viele Kontroversen in jenem Zeitpunkt ausgelöst, aber bis zum Schluß hat er sich durchsetzen können.

Aber trotz dieser Bemühungen einen neuen Stil in der Architektur zu entwickeln, nicht nur etwas nachzuahmen, waren die Leute nicht sehr darüber begeistert. Die Fachleute sprachen sogar über eine Phantasielosigkeit. Darum versuchte man die beiden großen Richtungen in einem Stil zu verschmelzen und nicht nur nebeneinander zu stellen. So entstand am Ende des 19 Jahrhunderts nach der 1896 in München gegründeten Zeitschrift “Jugend”, der sogenannte Jugendstil. Dadurch versuchte man den Historismus abzulehnen, aber man versuchte auch den neuen Eisenstil ein wenig zu vermildern. Seine Formensprache wurde von wellenförmig schwingende und fließende Linien aller Art bestimmt. Was die Ornamentik betrifft, kann man bemerken, daß sie asymmetrisch ist, und von Pflanzenmustern aber auch von geometrischen Mustern inspiriert ist. Als Beispiel könnte man die Sacrada Familia anführen, wo auch Motive der Gotik vorhanden sind, die aber durch die Stilisierung, durch die Asymmetrie und durch die Verflechtung neuer Motive, die ineinander fließen und nicht mehr die gotische Rigorosität aufweisen, dem Jugendstil nahe stehen.

Dieselben Versuche, einen eigenen Stil zu finden, bemerken wir auch in der Literatur. Fast überall bildet sich eine Fülle verschiedenartigsten Strömungen, eine ungewöhnliche, stilistische Vielfalt. Allen “dekadenten” und “fin-de-siècle”-Literaten bereitete es ein besonderes Vergnügen, Grüppchen in Hülle und Fülle zu bilden. Man legte mehr Wert darauf, sich von den anderen zu distanzieren und zu isolieren, als sich einer Richtung anzuschließen. Die neue Generation, die noch ihren Weg suchte, begeisterte sich für die Ungezwungenheit, für das intime Geständins, und bemühte sich die Probleme der Menschheit neu zu überdenken. Auch in der Literatur finden wir die Hauptstile wieder, die auch in den anderen Künsten vorhanden sind, und die sich einander ablösen, wie z. B. der Symbolismus, der Naturalismus, der Impressionismus und der Expressionismus. Aber gegen ihnen erheben sich die Vertreter der klassischen Welt der Literatur, wie z.B. die Neuromantiker, die sich gegen den Naturalismus erhoben haben. In allen Länder und in allen Bereichen herrschte dieser Widerspruch und diese Suche nach einem adäquaten Stil, der der neuen Weltanschauung entsprechen sollte. Im Theater zum Beispiel, das jetzt über so viele neue Mittel verfügte, und da die Gattungen so verschieden waren, konnte sich keine Strömung durchsetzen. Auch die Darstellungsmöglichkeiten waren sehr verschieden: von den modernen Stücken, die eine lebhafte Aufmerksamkeit erweckten, und wo man die neusten Techniken der Bühnenvorführung verwendete, bis zur Wiedergeburt der Interesse für die großen klassischen und romantischen Stücke, die bis zur Vorliebe für antike Tragödien ging, die in antiken Bauten, die die Stürme der Jahrhunderte überlebt hatten, aufgeführt wurden.

Die Zeit der Jahrhundertwende bedeutet für den Fortschritt der Künste einen Spaltpunkt, der bahnbrechend für den weiteren Verlauf und Entwicklung des geistlichen Lebens war. Es war ein Wendepunkt, wo man für einen Augenblick stehen geblieben ist und man sich umgesehen hat, um den richtigen Weg zu finden. Man versuchte die Vergangenheit wiederzubeleben, man versuchte sie nachzuahmen, man versuchte ihr einen persönlichen Stil zu verleihen und man versuchte in die Zukunft zu blicken, und sie zu schaffen. Das ist in allen Bereichen der Kunst geschehen, und die Kunststücke, die enstanden sind, haben durch ihre Gegensätzlichkeit die Atmosphäre jener Zeit geschaffen und zeigten, daß die Welt groß genug ist, um praktisch alle Richtungen der Kunst in einer einzigen Zeitspanne aufzunehmen.



Literatur:

 

1. Alpatov, Mihail: Istoria Artei: Arta Renasterii si a epocii moderne. Editura Meridiane, Bucuresti, 1967

2. Hofman, Werner: Die Grundlagen der modernen Kunst. Alfred Kröner Verlag, 3.Aufl, Stuttgart, 1987

3. Howarth, Eva: DuMonts Schnellkurs >Architektur<: Von der griechischen Antike bis zur Postmoderne, DuMont Buchverlag, Köln, 1992

4. Johnston, William M.: Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte. Hermann Böhlaus Nachf. Wien-Köln-Graz, 1974

5. Oprescu, G: Manual de Istoria Artei: Evul Mediu, Renasterea. Editura Universul, Bucuresti, 1943

6. Saalfeld/Kreidt/Rothe: Geschichte der Deutschen Literatur. Droemer Knaur Verlag, München, 1989

7. Schnerb, Robert: Kindlers Kulturgeschichte: Europa im 19 Jahrhundert. Bd. 18, Kindler Verlag GmBH, München, 1979

 

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