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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 284-286

 

 

DIE LITERARISCHE ÜBERSETZUNG ALS SPRACHLICHER UND KULTURELLER TRANSFER.

EINIGE ÜBERLEGUNGEN

Mihai Draganovici



I. Literarische Übersetzung und Übersetzbarkeit

Der allgemeine Begriff des Übersetzens wird seit jeher in zwei Bereiche getrennt: in literarisches Übersetzen und in Fachübersetzen. Man versuchte diesen Unterschied zu überbrücken, aber bis jetzt hat man das nicht erreichen können. So zum Beispiel hat sich in Deutschland mit der Übersetzungswissenschaft ein Fach entwickelt, der als Teilbereich der Angewandten Linguistik definiert wurde, so wie Mary Snell Hornby behauptet; aber das literarische Übersetzen wird als Sonderform des Übersetzens ausgeklammert und bleibt grundsätzlich Domäne der Literaturwissenschaft. In den Niederlanden aber hat sich ein Fach entwickelt, der als translation studies bekannt geworden ist und als Teilbereich der vergleichenden Literaturwissenschaft definiert wurde.

Die literarische Übersetzung hat vor allem mit der sogenannten Übersetzbarkeit zu tun. Es gibt kaum eine Frage in der jahrhundertealten Auseinandersetzung mit dem Übersetzen, die intensiver und kontroverser diskutiert worden ist, als die der theoretischen und praktischen Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Übersetzens. Das Spektrum der Antworten reicht von der These der absoluten Übersetzbarkeit, über die Bejahung der Übersetzbarkeit im Teilbereich der denotativen Bedeutung bzw. der rationalen Komponenten des Informationsgehalts bis zur Verneinung der Übersetzbarkeit für eine ganze Textgattung und bis zur Charakterisierung des Übersetzens als einer prinzipiell unmöglichen Aufgabe.

II. Kulturspezifik der Übersetzung

In der Übersetzungstheorie spielen nicht nur die Sprachen, die in diesem Prozeß teilnehmen (AS, ZS), sondern auch der kulturelle Hintergrund (AK, ZK), und damit verbunden, auch die Denkweisen, die mit der jeweiligen Kultur in Zusammenhang stehen, eine wichtige Rolle.

W. Koller [1992:165] unterscheidet mehrere Schemata zur Überprüfung der Übersetzbarkeit, doch werden wir anstatt kommunikativer Zusammenhang, die Begriffe Ausgangskultur (AK) bzw. Zielkultur (ZK) verwenden.




III. Übersetzungsverfahren

Als Beweis für die Theorie, daß der kulturelle Hintergrund im Falle einer Übersetzung sehr wichtig ist, gilt das erste Beispiel, in dem man bemerken kann, daß der sprachliche Transfer nicht von der Sprache abhängig ist, sondern von den jeweiligen kulturellen Hintergründen.

Die Übersetzbarkeit kann aber nicht immer zustandekommen. Wenn die AK und die ZK ganz verschieden sind, dann spricht Koller sogar von einer absoluten Unübersetzbarkeit. Die praktische Möglichkeit der Übersetzung, auch aus stark verschiedenen Sprachen, widerspricht aber dieser Einteilung. Pilch/Richter [vgl. W. Koller, 1992] haben ein Axiom der Ausdrückbarkeit formuliert, der folgendermaßen klingt:

Alles, was gemeint werden kann, kann in jeder Sprache ausgedrückt werden.

In derselben Richtung hat auch R. J. Searle in [1971] ein Axiom der Übersetzbarkeit verfaßt:

Wenn in jeder Sprache alles, was gemeint werden kann, auch ausdrückbar ist, so muß es prinzipiell möglich sein, das, was in einer Sprache ausgedrückt ist, in jede andere Sprache zu übersetzen.

Was die literarische Übersetzung betrifft, so hat sie unserer Meinung nach am meisten mit dem kulturellen Hintergrund zu tun, so daß die Tätigkeit des Übersetzers nicht nur intertextuell, sondern auch stark interkulturell bedingt ist. Für Peter Zima ist die literarische Übersetzung

der fremde Text, der Text der AS, der im Rahmen einer besonderen kulturellen und sozio-linguistischen Situation durch den Übersetzer in der ZS rekonstruiert wird.

Auch Hans J. Vermeer betrachtet das Übersetzen als einen kulturellen Transfer.

Eine Translation ist nicht eine Transkodierung von Wörtern oder Sätzen aus einer Sprache in eine andere, sondern eine komplexe Handlung, in der jemand unter neuen funktionalen und kulturellen und sprachlichen Bedingungen in einer neuen Situation über einen Text berichtet, indem er ihn auch formal möglichst nachahmt.

Einer der interessantesten Fälle, der im Falle einer Übersetzung auftreten könnte, ist derjenige, daß einem Ausdruck aus der AS kein Ausdruck in der ZS entspricht, aber die Übersetzungsverfahren stark von den kulturellen Hintergründen, zwischen welchen die Übersetzung erfolgt, zusammenhängen. W. Koller [1992: 232] nennt dafür mehrere Übersetzungsverfahren, die wir anhand der französischen und rumänischen Übersetzung von Patrick Süskinds Das Parfum besprechen werden.

 

a. Übernahme des AS-Ausdrucks in die ZS:

- unverändert als Zitatwort, oder vollständig/teilweise an die phonetischen, graphemischen und/oder morphologischen Normen der ZS angepaßt.

dt. Fauburg - fr. Fauburg - rum. foburg

Das Wort Fauburg wurde schon in der AS an die AK angepaßt; dabei ist AK nicht die deutsche, sondern die französische. So hatte man beim Übersetzen ins Französische keine Probleme, aber im Falle des Rumänischen hat man das Wort angepaßt, da es dafür keinen äquivalenten Ausdruck gibt.

 

b. Lehnübersetzung: der AS-Ausdruck wird wörtlich (Glied für Glied) in die ZS übersetzt.

dt. Glockenspiel - fr. carillon - rum. joc de clopoþei

Dieser Ausdruck ist eigentlich typisch für die abendländische Kultur. Daher hat man ihn ins Französische mit einem eigenen Wort übersetzen können. Im rumänischen Kulturraum gibt es keine Glockenspiele, darum auch keine eigene Bezeichnung dafür, so daß der Übersetzer den Ausdruck Wort für Wort übersetzt.

 

c. Als Entsprechung zum AS-Ausdruck wird in der ZS ein bereits in ähnlicher Bedeutung verwendeter Ausdruck gebraucht.
dt. das A und O - fr. toute la recette de succés - rum. alfa ºi omega

In diesem Falle hat man im Französischen den Ausdruck umschrieben, während man ihn ins Rumänische durch einen anderen Ausdruck mit ähnlicher Bedeutung übersetzt hat.

(genauso: dt. Schlaraffenland - fr. pays de cocagne - rum. Þarã de basm)

 

d. Der AS-Ausdruck wird in der ZS umschrieben, kommentiert oder definiert, was als Explikation oder definitorische Umschreibung bezeichnet wird. Dazu muß man sagen, daß die Kommentare nicht nur im Text erscheinen können, sondern auch als Fußnoten. Im Rumänischen hat der Übersetzer vorgezogen, die Ausdrücke, die nicht in der ZS vorhanden waren, so wiederzugeben wie im Original, indem er wahrscheinlich mit dem Vorauswissen des Lesers rechnete.

dt. Maître Parfumeur et Gantier - fr. maître parfumeur et gantier - rum. maître parfumeur et gantier

In den konkreten Übersetzungssituationen kann die Anwendung der oben genannten Übersetzungsverfahren selbstverständlich nur dann in Frage kommen, wenn sich der Übersetzer unter Heranziehung aller relevanten Hilfsmittel (Wörterbücher, Terminologielisten, Übersetzungen im gleichen Textbereich, Paralleltexte, ggf. Rückfrage bei Fachleuten) vergewissert hat, daß er tatsächlich sprachliches Neuland betreten hat.

 

e. Das Ersetzen des mit einem AS-Ausdruck erfaßten Sachverhalts durch einen Sachverhalt, der im kommunikativen Zusammenhang der ZS eine vergleichbare Funktion hat.

dt. und wer hier nicht seine Sporen verdient hatte - fr. qui n'y avait pas fait ses classes - rum. cine nu era investit aici ca atare

Dieses Verfahren könnte auch als adaptierendes Übersetzen bezeichnet werden. Falls man aber diesen Fall ins Extreme führt, entsteht die Gefahr, die Grenze zwischen Textproduktion und Textreproduktion zu überschreiten, d.h. es kann nicht mehr von einer Übersetzung mit bearbeitenden Elementen gesprochen werden, sondern von einer Textproduktion.

Diese Verfahren, die wir hier in aller Kürze vorgestellt haben, sind nur einige von denen, die das Übersetzen eines Textes ermöglichen, und die uns behaupten lassen, daß eine Übersetzung immer möglich ist. Man muß allerdings nur wissen, welche Mittel man in jedem Falle verwenden kann, um originalgerecht zu übersetzen.

 

Literatur:

1. Apel, Friedmar (1983): Literarische Übersetzung, J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart

2. Koller, Werner(4) (1992): Einführung in die Übersetzungswissenschaft, Quelle & Meyer Veralg, Heidelberg

3. Nord, Christiane(2) (1991): Textanalyse und Übersetzen, Julius Groos Verlag, Heidelberg

4. Reiss, Katharina(2) (1983): Texttyp und Übersetzungsmethode - der operative Text, Julius Groos Verlag, Heidelberg

5. Reiss, Katharina(3) (1986): Möglichkeiten und Grenzen der Übersetzungskritik, Max Hueber Verlag, München

6. Reiss, Katharina / Vermeer, J. Hans(2) (1991): Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie, Max Niemeyer Verlag, Tübingen

7. Snell Hornby, Mary(2) (Hrsg.) (1994): Übersetzungswissenschaft – Eine neuorientierung, Francke Verlag, Tübingen - Basel

8. Zima, Peter V (1992): Einführung in die ver-gleichende Literaturwissenschaft, A. Francke Verlag, Tübingen

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 284-286

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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