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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 304-306

 

 

DIE   Z G R   STELLT VOR

 



RADU-MIHAI ALEXE


Lyrik & Prosa


Ich liebe Venedig
Wenn die Vögel ziehen
Und mir den Herbst
Ins Herze schreien.

Ich liebe das Wasser
Wenn es die grünen Sorgen
Tief in sich vergräbt
Bis sie ertrinken.

Ich liebe die Boote
Lahm und still und einsam
Die der Gondoliere lenkt
Mit sicherer Hand:
1 Seele + 1 Boot + Lethe.

Ich liebe Schmetterlinge
Um rote Masten tanzend,
Denn ich erinnere mich deiner:
Mein weißer Schwan mit zartem Halse.

Ich liebe, alles mein hortus zu nennen
Denke in der Nacht zu lieben
Die Falsche oder den Falschen
Wie es die Umstände erlauben.

Ich liebe die Sterne
Wenn sie die tristen Kanäle
Mit ihrem Licht beglücken.

Ich liebe jene Wellen
Die mich dir nähern
Und sagen, daß es dich gibt
Im Süden einer Stadt
Der TRÄUME.

***

1880

Motto: “Mortua est rediviva!”

Ein namenloser Brunnen
Ist der Besitz des Waldes
Wo sich die Rehe tränken
Und das Gras satt ist .

1880 stand auf ihm
Unbeschriftet eines Namens willig
Empfing er mich zur Tränke meiner Tränen
Mein Leben war der stumme Traum
Einer weißen Taube
Die sich in tausend Stücke riß
Erhebend sich vom Saum des Wassers
Versprengte sie Tropfen Naß
Erhellte dann den Himmel, um
Leise entschwinden zu können.

1880 war der Jahrgang
Dieses süß-saftigen Wassers
Das so viele gekostet haben
Damit sie, sterbend
In einer weißen Taube
Mit stummen Träumen zu erwachen.

***

Bettina imTraum

Laßt’, ihr Götter, jetzt die Sonne scheinen in den Wald; denn bald wird grau der Himmel den Boden begraben. Zwischen den nackten Bäumen dunkel leuchtet schon das Moos tief; spät. Rinder treibend durch das Grün versinken gedankenähnelnd im Moor; Schafe stellenweise weiden goldene Strahlen des Abends und Blätter; dunkel. Zurück ins Dorf fliehen Kinder vom Spiel; rote Backen schmücken ihr Lachen. Im Tor die Alte mit der Katze: an den Fenstern Feuer von Geranien; Herbst? Gelb der Wind zieht vorbei; bedeckt die Toten im Graben. Zirpende Grille; singende Amsel; woher euer Sang?

Im Tümpel häuft sich die Stille; schwarze Fische fließen unterm Laub; rote Libellen zwischen dem Rohr. Luftblasen eines Ertrinkenden unaufhaltbar im Steigen, Blätter im modernden Grab. Verfaulte Äste im See: Schweigen; Kröten sich draufschwingend, rosa die Schatten der Wolken. Dumpfer Glockenschlag; Leben: dein Lauf.

Du: entsteigend meinem Traum kalter Nächte, als Algen meinen Körper erobert wegspülten. Du; blaues Auge düsterer Nächte und Kaminfeuer. Aus dem Innern eines Baumes dringen Schreie, sein Blut befällt deine Hände, die Nerven drohen am Spinnrad zu zerreißen; zerwühlt zerfällt dein Haar in einer kranken Phantasie; Viel zu viel Lärm.
Verwundert dein herbstliches Gesicht, voll Wehmut deine gelben Augen bohren sich in die Leber der Erde; dein Körper verliert erneut seinen Halt?

Vom Winde verweht die Blütenblätter der Rosen; Tränen schmücken dein Auge: wie oft schon? Schwarz hängend die Wolken über der Burg des Abends...

Die Stiefel liegen nun in eine Ecke geworfen, voll mit Erde und Schlamm; unbeherrschte Gefühle und Worte einer jungen Liebe. Mit dir ging mein Herz, doch mit dem Schrei der Nachtigall starb mein ganzes Wesen; weshalb?

Schon sehen die Augen die sich senkende Dunkelheit und die Ohren vernehmen den seltenen Flötenton der Fichtenwipfel. Selten wie so viele gute, alte Augenblicke im Leben. Der erste Schrei der Geburt, viel kürzer als der Urknall, doch mit fast demselben Effekt; das in die Rinde geschnitzte Herz mit dem geliebten Namen deiner Jugend oder das Lächeln des Fünfjährigen Enkels. Auf dieses alles könnte ich verzichten: Du?
Die offene Frage richtet sich an dich... Freiheit.

***

Hälfte des Lebens

Einsam steht der Brunnen
Gewaltig und rauschend
Im Kirchhof am Hügel
Summend die Bienen
Am Spiegel des Wassers
Sonnenerleuchtet und blitzend
Lahm ein verirrter Schmetterling
Am Saum des Lichtspiels
Tränkt seine Minuten
Kostbaren Lebens.

O weh! wohin entschwanden
Die Träume der Jugend
Wie ziehende Schwäne
Tief und blau und gewaltig
Die Höh’n und die Tiefen des Meeres
Wenn keiner mein Haus mehr betritt
Denn einsam und kalt
Steht nun das Grab und der Stein
Der alten Burgkirche.

***

Ohne dich sieht mein Leben
So mausgrau aus
Ohne dich bin ich
Ein farbenloser Regenbogen.
Im Garten meiner Phantasie
Lutsche ich an einer Zigarette.
Ich versuche vergebens
Dich zu vergessen
Und vielleicht
Bin ich krank nach dir
Denn du bist
Meine bittere Medizin

Schmerzlindernd
Seelenheilend
Ins Grab bringend...


Invocare
O, mare, opreºte-te-o clipã în cale
ªi-ascultã cum noaptea vibreazã
De dor nesfârºit ºi de jale:
La þãrmu-þi, Ovidiu viseazã...

O, mare, ascultã cum sufletu-i plânge
Când stelele-n cer stau de pazã,
ªi inima-n piept i se frânge:
La þãrmu-þi, Ovidiu vegheazã...

Du, mare, în valuri cu spume
Durerea-i prin ani vesnic treazã,
În colþul acesta de lume
Poetul Ovidiu viseazã...
                            (iulie 1993)
 

***

Amor

Am fãcut ieri curãþenie
În urna amintirilor
Þi-am gãsit iubirile
Ruginind în cenuºa veche.
Mi-au spus cã vinovatul
Eºti chiar tu
Mi-au plâns pe umãr
Toatã durerea lor
Cu haina udã
Le-am promis credinþã
Pânã la moartea cea moartã
Ochii li s-au luminat
Purtarea câºã þi-a fost.
Am ºtiut atunci
Secretul grãdinãresei
ªi tristul ei trecut
Pe care nu mi-l pot imagina.
Încolãcindu-se de gâtul meu
Ca plante din Amazonia
Îmi cântau toate în cor
Obosindu-mi urechile
Cu vorba lor inutilã:
Cã nu mã vor pãrãsi
Decât cu voia lor -
Vor rugini pe semne-n urna urmei mele
Laolaltã cu versuri ºi pãcate
La fel cum þi se-ntâmplase ºi þie
Bãtrânul meu Will.

***

Vergessen schwimmt
In meinem Bierglas:
Ob reich oder arm
Wir alle sind gleich
Vor dem Leben
Hier oder dort,
Versunkene Namen
Von Städten und Völkern
Von zahllosen Menschen
Eine Flut von Gedanken
Die es nicht mehr gibt
Suchen uns heim
Wenn der Vorhang fällt:
Wenn es nachtet...

***

Die Harfe fällt dir aus der Hand und schlägt auf das morsche Bühnenholz mit einem dumpfen Ton auf. Das Echo jenes Augenblicks wirst du wohl nie vergessen! Du trittst auf die Blumen, die deinen Armen entfallen sind.

Und plötzlich rauscht es in dir und etwas dröhnt und du schließt deine Augen, um das Undurchdringliche aus diesem einen Augenblick zu genießen und ihn wie einen Wein durch deinen Körper fließen zu spüren. Du weißt, du hast Genie, und Wahnsinn hast du auch; du bist aus Geist genauso wie aus Kör-per, du bist dort, jedoch auch an anderen Orten. Du bist einigen der Pfad zum Himmel - oder der tiefste Abgrund der Hölle...

Du weißt, daß die Blätter fallen und die Winde wieder wehen. Daß der Abend einen längeren Schatten auf dich wirft und ein dünkleres Kleid trägt. Und daß die Reben tragen und daß du müder bist und vor einem schrecklichen Gedanken deine Augen aufreißen mußt.

Es ist schon spät und du führst deine Hand noch einmal durch das Haar, das darin langsam zergeht...
Stillschweigend verläßt du dann mit tief verhallenden Schritten das Theatergebäude und wirfst einen forschenden Blick, wie nach einem neuen Ziel, zum kargen Springbrunnen am Marktplatz. Sich von Licht zu Licht, von Haus zu Haus schwingend, findet er schließlich auf meinem Lächeln einen Halt. Dann erblicktest du mich und sahest mich mit ernsten Augen an. Ich stand da mit einem Strauß Blumen in den Armen und sah dich stumm an. Du gingst wortlos an mir vorbei und verschwandest in der Nacht der dunklen, nassen Straße, und im Wald der Häuser.

Es fing wieder zu rieseln an und ich wußte, daß du es noch in deinem Inneren mit dir trugst: Es war September!...


 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 304-306

 

 

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