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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 107-112

 

 

LUDWIG TIECKS RUNENBERG - EINE GEISTERGESCHICHTE?

Radu-Mihai Alexe

 


Im Falle einer ausführlichen Interpretation des Tieck-Textes kann man Elemente finden, die an die Tradition der Spuck-Erzählungen oder der “leblosen Toten” anknüpfen. Was jedoch für die Definition der Geistergeschichte als wichtig erscheint, ist die Bedeutungsdimension des Begriffs “Geist”.

Der Terminus Geist erfährt in der Sprachentwicklung eine große Vielfalt von Bedeutungen, denen sogar während der Zeit der Romantik eine starke Entfaltung widerfahren ist. Das Grimm-Wörterbuch verzeichnet diesbezüglich das Vorkommen des Wortes in bestimmten Kontexten auf mehreren Dutzend Seiten. Der Begriff Geist wird im Tieck-Text nicht deutlich verwendet, da er verschiedene Gestalten (Personen, Begebenheiten, sprachliche Form usw.) annimmt.

Unter “Geist” versteht C. G. Jung “jenes Prinzip, das im Gegensatz zu Materie steht” (1). Doch diese Definition des Terminus Geist scheint eher inkomplett zu sein. Was ihn vom Gespenst unterscheidet, obwohl man im Sprachgebrauch unter beiden Termini dasselbe versteht, ist die sogenannte “Materialität” des Gespenstes:

Als Gespenst erscheinen vorwiegend solche Verstorbene, die im Grabe oder in einer anderen postmortalen Existenzform (Hades, Fegefeuer o.ä.) keine Ruhe finden (2).

Gespenster sind im religiösen Denken als Seelen charakterisiert, die zurückkehren, um sich zu rächen oder um ihre Schulden zu begleichen.

Geister hingegen werden angesehen als “selbständige numinose Wesen im Glauben vieler Religionen, den Zwischenbereich zwischen Göttern und Menschen bildend” (3). Sie gehören dadurch ein ganz anderen Kategorie von Spuk-gestalten an, einer viel höheren Welt und Existenz, sie sind, in der Formulierung C. G. Jungs “ein Band, das Seele und Körper verbindet” (4).

Außer dieser Kommunikationsfunktion wer-den Geister als Verkörperung magischer oder pflanzlicher (der Natur angehörender) Elemente und Herkunft betrachtet, so z. B. als Pflanzen-, Tier-, Wolken-, Himmels- oder Steingeister, um nur ein paar Erscheinungsformen der Geisterwelt zu nennen. Zeichen, die als zur Gespenster- oder Geisterwelt zugehörig entdeckt werden können, sind sicherlich in der Erzählung vom Runenberg vorhanden. Denn “die ganze Welt ist begeistert und beseelt, im ganzen und im einzelnen, bis hinunter oder hinein zu den monaden, atomen, zellen ö. ä.” (5), so daß man im Tieck-Text Elemente finden könnte, die magischer oder pflanzlicher Natur sind und als ungeklärte Phänomene in die Kategorie der Geistererscheinungen aufgenommen werden können. Der Geist im Tieck-Text ist jedoch die Materialisierung längst vergessener und verdrängter Erlebnisse des ewig unruhigen Christian auf seinem Erkenntnisweg, auf der Suche nach dem Neuen, Unerforschten, das Christian, wie eben alle romantischen Gemüter, nicht nur erkennen sondern eben deshalb auch erleben wollte.

Bereits die Ausgangsposition der Erzählung, die Schilderung der Hauptperson und ihrer Lage läßt einem außergewöhnlichen Erlebnis freien Raum: “ein junger Jäger saß im innersten Gebirge (...), in dem das Rauschen der Gewässer und des Waldes in der Einsamkeit tönte. (6)” Es handelt sich wie in fast jedem Märchen um eine besondere Umgebung: Das Gebirge und der Wald sind einerseits als Schutz zu verstehen, andererseits jedoch auch als Bedrohung. Das Innere des Gebirges ist ausschließlich als Ort der Angst, des Schauderns, des Geheimnisses zu deuten. Doch das ist zugleich der Ort, wo sich der junge Jäger befindet. Das Gebirge, der Wald muß nicht nur geographisch verstanden werden, sondern auch in geistigem Sinne. Das Abseitsleben, das Anderssein der Romantikerspiegelt sich in diesem Inneren wider, das der menschlichen Seele gleichzustellen ist. Der junge Christian befindet sich nicht nur in einer reinen, unbefleckten Naturszenerie, sondern ist “nachdenkend”, d.h. auch in sein Innerstes vertieft. Die Bewußtmachung seiner Gedanken erfolgt durch deren Befreiung aus dem Unterbewußten. Christian ist jung - also unerfahren, unreif, ohne Urteilsvermögen. Er hatte sein Dorf “verlassen”, “um eine fremde Umgebung zu suchen, um sich aus dem Kreise der wiederkehrenden Gewöhnlichkeit zu entfernen” (7), und war verwundert, sich “in dieser Beschäftigung” wiederzufinden. Die angestrebte fremde Umgebung ist nichts anderes als seine Erlebnislust, sein Drang nach Neuem, der nur in der Ferne gestillt werden kann. Er war im heimatlichen Dorf nur eingeengt gewesen, er wollte sich dem “Kreise der (...) Gewöhnlichkeit” entziehen. Schon der Kreis ist ein Hinweis auf Eingeengtheit: Obwohl der Kreis als Zeichen der Perfektion betrachtet werden kann, ist eine in sich selbst immer wieder mündende Linie, die der sich selbst verzehrenden Schlange, dem Uroboros, gleichzustellen.

Christian “setzte sich an den Rand eines Baches nieder”, und es schien, “als wenn ihm die Wogen in unverständlichen Worten tausend Dinge sagten, die ihm so wichtig waren, und er mußte sich innig betrüben, daß er ihre Reden nicht verstehen konnte” (8). Hier treten schon erste phantastische, märchenhafte Naturelemente in den Vordergrund. Christian war sich dessen bewußt, daß die Stimme der Natur sich an ihn richtete. Daß er hingegen ihre Worte nicht verstehen konnte, geschah aus Unerfahrenheit und Unaufgeschlossenheit (9).

Die Natur spricht in Zeichen oder Schlüsselbildern, die nur wenige Menschen wahrnehmen und noch weniger verstehen können, eben weil sie einen besonderen Erkenntnisgrad voraussetzen. Die plötzliche Freude Christians ist eng damit verbunden; er faßte wieder “neuen Mut” in der Annahme, daß auch ihm ein derart wundervolles Schicksal bevorstehen mag. Darüber hinaus enthält sein Jägergesang Elemente, die genaue Andeutungen eines Erkenntnisweges und des damit verbundenen Ankommens enthalten (10):



ERKENNTNIS

Die Jägerzeit ist für Christian symbolisch die Zeit seiner Erkenntnissuche, da er versucht, die Natur und ihre Symbole kennenzulernen. Er “sucht” “froh und lustig” in grünen “Hainen”, also nicht nur in der Tiefe des Waldes, sondern auch im Unterbewußtsein. Er befindet sich also in derselben Lage und Haltung, wie man ihn bereits zu Beginn des Kunstmärchens angetroffen hat. Die Nacht suggeriert hingegen das Ende eines Weges: sie ist die geheimnisumwobene Macht, in der die Naturelemente und -geister zum Leben erwachen. In demselben Sinne ist sie auch Symbol des Unterbewußtseins.

Bei der “Beute”, die ebenfalls symbolisch zu betrachten ist, handelt es sich um “Hirsch und Reh”, um Tiere mit besonderer alchemischer Konnotation. Das allgemeine Wissen eines Jägers enthält dadurch nicht nur die Kenntnis von “Jagd, Wild, Wälder”, sondern auch von “Diana” - die bekanntlich nicht nur die Göttin der Jagd, sondern auch die Schwester des Apollon, des Orakelgottes, genannt Phoibos (der Lichte), des Herrn der pythischen Spiele, die den Mysterien glichen, war.

Der seelische Zustand Christians verschlechtert sich beim Sonnenuntergang. Dieser Prozeß wird durch den Gebrauch von negativ verfrachteten Verben geschildert (“[tiefer] gesunken”, “[Schatten] fielen”, “schlich... weg”). Sein Drang nach Erkenntnis stellt sich als eine Kommunikationsschwäche heraus: er war “einsam” und “sehnte sich nach Menschen.”

Christians Kindheitserinnerungen lassen reichlich Augenblicke in den Vordergrund rücken, in denen er die Möglichkeit in Erwägung zog, aus dem Umgang mit seinen Mitmenschen (Vater, Kinder, Schule) Erkenntnisse zu schöpfen, doch solche Gelegenheiten wurden von ihm nicht genutzt. Seine Sehnsucht führte ihn immer wieder an Orte zurück, die “er freiwillig verlassen hatte, um sein Glück in unbekannten Gegenden (...) zu finden. (11)
In dieser erdrückenden Atmosphäre nimmt jedoch sein Leben eine Wende:

Gedankenlos zog er eine hervorragende Wurzel aus der Erde, und plötzlich hörte er erschreckend ein dumpfes Winseln im Boden, das sich unterirdisch in klagenden Tönen fortzog, und erst in der Ferne weh-mütig verscholl. Der Ton durchdrang sein innerstes Herz, er ergriff ihn, als wenn er unvermutet die Wunde berührt habe, an der der sterbende Leichnam der Natur in Schmerzen verscheiden wolle (12).

Durch die “Betätigung” der Alraunenwurzel wird eine Art Hebel betätigt, der das Erkenntnistor eröffnet - das ist der “fremde Mann”, der “hinter” Christian stand. In psychologischer Hinsicht ist die Begegnung mit dem “Fremden”, ebenso wie die wunderbaren Begegnungen mit Unbekannten, die so oft in Märchen vorkommen, nichts anderes als ein Treffen mit dem eigenen Ich. Diese Begegnung ließ auch Christian erschrecken. Die Rolle, die “der Fremde” zu erfüllen hat, besteht nämlich darin, Christian “die Strenge der Einsamkeit” beizubringen, indem die Zeit vertrieben wird dadurch, daß man “etwas sprechen und (...) erzählen” sollte: “In einer Stunde kommt der Mond hinter den Bergen hervor, sein Licht wird dann wohl auch Eure Seele lichter machen. (13)

Die Erkenntnis Christians hängt vom Mondlicht ab: je mehr “Licht” (Erfahrung) er besitzt, umso “lichter” (erfahrener) wird er. Christian befindet sich in einer besonderen Situation. Weil er hier “nicht einheimisch” sei (da er sich in einer ihm unbekannten Gegend befand) und sein “Geist (...) seiner selbst nicht mächtig” war, muß er dem Unbekannten vertrauen (also sich selbst ermutigen) und ihm sein ganzes Leben ausführlich erzählen. Aus seinen Worten geht hervor, daß Christian in seinem bisherigen Leben bereits mehrmals versucht hatte, im Tätigsein Erfahrungen zu sammeln.


Erlernen der KOMMUNIKATION


Ihm bleibt nur die Flucht übrig: “Er eilte, um nur recht bald das Ebene zu verlassen (...)
(14)

Christian ist während seiner Flucht (Suche, “Reise”) ungeduldig, “die Gegend zu betreten, die ich für meine Heimat ansah”, indem er sich eigenartigen und ihm noch nie zuvor bekannten Gefühlen hingibt: “ich (...) berauschte mich in allen mir fremden und doch so wohlbekannten Gegenständen” (15). Die “Ebene” verlor sich “aus dem Gesichte”, d. h. das Flache, die oberflächliche Bedeutung, das Sinn- und Wertlose verschwand in einer anderen Dimension, die Christians Gemüt erfaßt und sich ihm aufschließt: “Eine neue Welt war mir aufgeschlossen, ich wurde nicht müde” (16).

Schließlich gelangt Christian mit seiner Kundgebung zum entscheidenden Moment, d. i. die Aufnahme bei einem “alte[n]” (erkenntnisreichen) Jäger, der sich seiner annimmt, um ihn “in der Kunst der Jägerei zu unterreichen.” Dadurch konnte Christian den Wald und die Berge näher erforschen. “Der fremde Mann hatte aufmerksam zugehört, indem beide durch einen dunklen Gang des Waldes gewandert waren. Jetzt traten sie ins Freie, und das Licht des Mondes (...) begrüßte sie freundlich.” (17) Durch die Enthüllungen Christians und das Wandern der beiden durch “den dunklen Wald” erfüllt sich ein Teil des Erkenntnisweges. Beide kommen schließlich “ins Freie”, ins Licht, an einen Ort der Erleuchtung und der geistigen Höhe, doch Christian muß mit Blick auf die Vervollkommnung seiner Suche eine weitere Probe bestehen: “Siehe dort den Runenberg mit seinem schroffen Mauerwerke, wie schön und anlockend das alte Gestein zu uns herblickt!” Die noch nicht zur Gänze erworbene Erkenntnis fordert ihren Preis: Christian darf den Fremden nicht begleiten. Dieser wohnt in der (geistigen) “Tiefe”, “die Erze sind [seine] (...) Nachbarn”, so daß Christian ihm “doch nicht folgen” kann (18).

Der Ratschlag des Alten wird für Christian zu einer parabelartigen Weisheit:

Wer nur zu suchen versteht, wessen Herz recht innerlich hingezogen wird, der findet uralte Freunde dort und Herrlichkeiten, alles, was er am eifrigsten wünscht (19).

Der Runenberg wirkt auf Christian wie das lang ersuchte Ziel seines Weges. Es ist ein auserwählter Ort, denn die Natur zeigte ihm den Weg: “alles winkte ihm dorthin”, und “aus der Tiefe sprachen [Gewässer und rauschende Wälder] ihm Mut ein. Der Gedanke, an jener Stelle Erlösung zu finden “beflügelt” seine Schritte, “sein Herz klopfte, er fühlte eine so große Freudigkeit in seinem Innern, daß sie zu einer Angst emporwuchs.” Christians ist beängstigt, weil er in einer ihm unbekannten Gegend weilt, wo er “nie gewesen war, die Felsen wurden steiler, das Grün verlor sich, die kahlen Wände riefen ihn wie zürnende Stimmen an, und ein einsam klagender Wind jagte ihn vor sich her” (20).

Schon wieder spielt die Stunde eine bedeutende Rolle in der Weiterentwicklung Christians und der Handlung. Er erreicht das “Gemäuer” am Runenberg “spät nach Mitternacht”, wobei die Mitternacht als Symbol der Trennung zweier Tage, als Zeichen der Veränderung und des Neubeginns anzusehen ist. Christian befindet sich somit zwischen gestern und heute, zwischen zwei verschiedenen Dimensionen und Perspektiven, zwischen der “Tiefe, die unter ihm gähnte und ihn zu verschlingen drohte”, und der “hohe[n] Mauer, die sich in den Wolken zu verlieren schien” (21). Schließlich gelangt Christian “unter einem Fenster” - Zeichen der inneren Reife und seiner Aufgeschlossenheit (22). Er bemerkt durch dieses Fenster “eine große weibliche Gestalt”, die dem Jungschen Symbol der Anima entspricht und deren Gesang die Darstellung einer Geisterinkantation ist - nicht nur der Erd- und Naturgeister, sondern der negativen Kräfte der Natur, der magisch-teuflischen Naturmacht:

Hebt aus tiefen Dunkeln
Häupter, welche funkeln!
Macht der Herzen und der Geister,
Die so durstig sind im Sehnen,
Mit den leuchtend schönen Tränen
Allgewaltig euch zum Meister!

Dieser Gesang, sowie das Entkleiden, die Nacktheit der weiblichen Gestalt, sind Teil der Erkenntnissuche: die Entblößung veranschaulicht die symbolische Reinigung alles Irdischen, die auch Christian widerfährt (und erfährt): “der Jüngling vergaß sich und die Welt im Anschauen der überirdischen Schönheit.” Eine magische Tafel, die von der weiblichen Gestalt betrachtet wurde, “blendet” Christian “schmerzhaft” - er verändert sich, indem er “die Gegenstände mit seinen Blicken verschlingend (...) tief in sich versunken” dastand. Dieses In-sich-versun-ken-sein ist die Reaktion seines Unterbewußtseins auf das ihm Passierende: “In seinem Innern hatte sich ein Abgrund von Gestalten und Wohllaut, von Sehnsucht und Wollust aufgetan, Scharen von beflügelten Tönen und wehmütigen und freudigen Melodien zogen durch sein Gemüt, das bis auf den Grund bewegt war: er sah eine Welt von Schmerz und Hoffnung in sich aufgehen (...) (23). Dadurch “kannte [er] sich nicht wieder, und erschrak, als die Schöne das Fenster öffnete, ihm die magische steinerne Tafel reichte und (...) sprach: ‘Nimm dieses zu meinem Angedenken!’ (24)

Diese wunderbare Erfahrung Christians ist ein Meilenstein auf seinem Weg zur Erkenntnis. Durch das Verschwinden der “Schönen” wird der Text in zwei Teile geteilt, die im weiteren Verlauf der Handlung wie Spiegelbilder agierend. Somit eröffnet sich dem Leser ein neuer Christian, dessen “Gedächtnis” ihm “wie mit einem wüsten Nebel angefüllt” war und der sich (außer dem Verlust der Tafel) an nichts mehr erinnern konnte: “Sein ganzes voriges Leben lag wie in einer tiefen Ferne hinter ihm;(...) (25)” . Er dachte schließlich “ein Traum oder ein plötzlicher Wahnsinn habe ihn in dieser Nacht befallen”, was sich jedoch als eine Krise des Unterbewußtseins entpuppt hat. Christians neues Leben beginnt bereits beim Abstieg vom Runenberg: er “geriet auf einen gebahnten Weg, der ihn vom Gebirge hinunter in das flache Land führte.” Bemerkenswert ist, daß Christian nicht mehr in die “Ebene” zurückkehrt, sondern ins “flache Land”. Auf dem ersten Blick scheint da kein Unterschied vorzuliegen; das “flache Land” ist jedoch als Gegenteil zur “Ebene” zu betrachten, zumindest weil man festzustellen hat, daß alles nur eine Widerspiegelung, eine Täuschung ist:

Alles war ihm fremd, er glaubte anfangs, er würde in seine Heimat gelangen, aber er sah eine ganz verschiedene Gegend, und vermutete endlich, daß er sich jenseit der südlichen Grenze des Gebirges befinden müsse, welches er im Frühling von Norden her betreten hatte.



Während der Messezeit in einem Dorf angekommen, verändert sich Christians ganzes Leben
(26). In diesem neuen Leben wird Christian schließlich heiraten, also wird aufgrund dieser neuentstandenen Beziehung eine Vereinigung, eine Einheit vollbracht, auch wenn er sich dessen noch nicht voll bewußt ist, daß seine Frau Elisabeth auf keinen Fall mit dem Anima-Abbild vom Runenberg verwechselt werden darf: “Nein, nicht jenes Bild bist du, welches mich einst im Traum entzückte und das ich niemals vergessen kann (...)”. Man könnte sogar von einer besonderen Beziehung Christians sowohl zu Elisabeth als auch zur “weiblichen Gestalt” im Sinne der Elemente sprechen:


Christian wird von beiden angezogen, er hat also die Qual der Wahl. Diese Wahl ist der Höhepunkt des Kunstmärchens, der jedoch erst dann erreicht wird, nachdem sich für Christian noch ein paar Zeichen gezeigt (und erfüllt) haben.

Somit verläßt er Frau und Kind und geht auf die Suche nach seinem Vater. Auf diesem Weg nach Hause (wie in der Parabel vom verlorenen Sohn) “kam ihm der Gedanke, daß seine Jugend vorüber sei”, also daß er die ersehnte Reife erreicht hat und die gesuchte Erkenntnis gewonnen habe. Wie Christian jedoch beim Runenberg ankommt und “die fernen Ruinen” bemerkt, erinnert er sich (in seinem Unterbewußtsein) an seine längst verdrängten (Kindheits)Erlebnisse: “Ich kenne dich Wahnsinn wohl! (...) aber ich will dir männlich widerstehn! (27)
Eine äußerst seltsame Begebenheit ist das erneute Treffen mit seinem Vater. Dieser studiert eine Blume, sowohl Symbol der Liebe als auch Symbol des Geheimnisses und der Sehnsucht, die der ‘blauen Blume’ Hardenbergs gleichkommt. Tiecks Blume hat jedoch auch die Kraft der Weissagung:
Ich suchte beiher nach der Blume, konnte sie aber nirgends entdecken, und nun finde ich sie ganz unvermutet hier, wo schon die schöne Ebene sich ausstreckt; daraus wußte ich, daß ich dich bald finden mußte, und sieh, wie die liebe Blume mir geweissagt hat!
(28)

Dieses Treffen und die damit verbundene Heimreise Christians hat eine Verbesserung seines Lebens zur Folge.
Nach fünf Jahren jedoch - wobei “fünf” eine numinose Zahl der Manichäer und gleichzeitig Symbol des Urmenschen und der teuflischen Mächte, erscheint ein Fremder, das Spiegelbild des von Christian im dunklen Wald angetroffenen Alten, der, im Gegensatz zur geheimnisvollen Gestalt im ersten Teil, für mehrere Zeit (Jahre) bei der Familie Christians verweilt und auch entgegengesetzter Natur ist. Als er sie jedoch verläßt, erwähnt er “ein zaubervolles Bild, dem ich nicht widerstehen kann”, das ihn “[an]lockt”. Er überläßt der Familie jedoch “eine Summe Geldes”, die sie, käme er nicht wieder, sich aneignen und verwenden soll. Christian ist von Geldgier besessen, obwohl ihn sein Vater warnt, er solle “dieses verfluchte Metall” loswerden, denn sonst “soll es dahin mit [ihm] kommen”
(29). Das Geld (Gold) ist - symbolisch gesehen - die Vorahnung des Todes. Wahrlich stirbt zuerst Christians Seele, da er die Arbeit (das Irdische) vernachlässigt und einen einzigen Gedanken verfolgt: er “behauptet (...), dieser fremde Mann sei eigentlich ein wunderschönes Weib (...)”. Auch lebt er nicht mehr in einer harmonischen Natur, sondern in einem existentiellen Wirrwarr: “Er sagt, er höre ein unterirdisches fürchterliches Ächzen, so wie er nur eine Wurzel ausziehe; er fährt zusammen und scheint sich vor allen Pflanzen und Kräutern wie vor Gespenstern zu entsetzen. (30)” Dadurch gelangt Christian schließlich zu einem übermenschlichen Geschöpf, einem künstlichgeschaffenen Männchen, zum Homunculus:

So ist sein verzaubertes Herz nicht menschlich mehr, sondern von kaltem Metall; wer keine Blume mehr liebt, dem ist alle Liebe und Gottesfurcht verloren (31).

Das Erntefest, das man zur Zeit seiner Ankunft im Dorf feierte, “sollte wieder gefeiert werden”. Als ein zyklischer, wiederkehrender Augenblick ruft diese Feier im Unterbewußtsein Christians längst vergessene Gedanken und Erinnerungen wach: “Wie habe ich mein Leben in einem Traume verloren!” Das ist der bereits erwähnte Zeitpunkt der Wahl Christians zwischen seiner Gattin und der Anima-Gestalt. “Ein altes Weib von der äußersten Häßlichkeit kam auf ihn zu” und befragte ihn. Dieses “Waldweib” ist das negative Spiegelbild der “Schönen”. Sie enthält jedoch, genau wie letztere, die magische Urkraft der Natur in sich. Zeichen dafür ist die “magische Tafel mit den farbigen Edelsteinen”, die Christian beim Runenberg verloren hatte und ihm jetzt zurückgebracht wurde. Sie ist Symbol dafür, daß Christians Suche noch keine endgültige Antwort gefunden hatte, sondern daß es noch “wunderbare, unermeßliche Schätze (...) in den Tiefen der Erde geben” muß. Diese Erdentiefe ist die Widerspiegelung aus dem ersten Teil und versinnbildlicht ebenfalls das Grundlose, Unterbewußte der menschlichen Seele. Schließlich wählt Christian die Erde, weil “das Waldweib mich gerufen [hat], ich gehe sie zu suchen! (32)

Durch das Verschwinden Christians im Erdschacht des “Fremden” wird die Familie - wie sein Vater später feststellen wird - ins Unglück gestürzt, weil die Harmonie der Welt jetzt durch das Verschwinden des das Gleichgewicht herstellenden Elements (Christians) ins Chaos gestürzt wird. Der Ausgang des Kunstmärchens kann deshalb nur negativ ausfallen, obwohl Christian nach langer Zeit wieder aufzutauchen vermag und Teil der Natur zu sein scheint:
Es war ein Mann in einem ganz zerrissenen Rocke, barfüßig, sein Gesicht schwarzbraun von der Sonne verbrannt, von einem langen struppigen Bart noch mehr entstellt; er trug keine Bedeckung auf dem Kopfe, hatte aber von grünem Laube einen Kranz durch sein Haar geflochten, welcher sein wildes Ansehn noch seltsamer und unbegreiflicher machte. Auf dem Rücken trug er in einem festgeschnürten Sack eine schwere Ladung, im Gehen stützte er sich auf eine junge Fichte
(33).

Im letzten Treffen Elisabeths mit Christian wird die These der romantischen Ästhetik aufgestellt und zur Debate gestellt und gleichzeitig auch das gesellschaftliche Problem der Romantiker angesprochen:

Er öffnete hierauf seinen Sack und schüttete ihn aus; dieser war voller Kiesel, unter denen große Stücke Quarz, nebst anderen Steinen lagen. “Es ist nur”, fuhr er fort, “daß diese Juwelen noch nicht poliert und geschliffen sind, darum fehlt es ihnen noch an Auge und Blick; das äußerliche Feuer mit seinem Glanze ist noch zu sehr in ihren inwendigen Herzen begraben, aber man muß es nur herausschlagen, daß sie sich fürchten, daß keine Verstellung mehr nützt, so sieht man wohl, wes Geistes Kind sie sind (34).

Das Erschreckendste an dem negativen Ausgang des Kunstmärchens ist jedoch der Umstand, daß Christian nicht mehr in die eigentliche Welt zurückkehrt, sondern weiterhin in der parallellen Naturexistenz verharren wird: “Ich bin dir so gut wie gestor ben”. Das Tragische an Christians Schicksal ist, daß er weiß, daß er etwas sucht, doch nicht weiß, was dieses Etwas ist. Seine Erkenntnissuche nimmt deshalb ein zu erwartendes Ende, weil alle dem märchenhaften angehörende Gestalten einen Preis bezahlen müssen, um letztendlich jenes Etwas ausfindig machen zu können. Auch wenn das Ende wie im untersuchten Text auszusehen pflegt (“Der Unglückliche ward aber seitdem nicht wieder gesehen”  (35) ), ist Christians Existenzkrise eigentlich nur das Ende eines neuen Anfangs.


ANMERKUNGEN:

(1) Jung, C. G.: Grundwerk, Bd. 2, Walter Verlag, Olten u. Freiburg i. Br., 1990, S. 207

(2) Wilpert, Gero von: Die deutsche Gespenstergeschichte, 1992, S. 11

(3) Brockhaus-Wörterbuch, 1992, S. 233

(4) Jung, C. G.: Ebda, S. 207

(5) Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, 1897 (1991)

(6) Tieck, Ludwig: Der Runenberg. In: Die Märchen aus dem Phantasus. Dramen, Winkler Verlag, München 1978, S. 61. (Unsere Hervorhebungen; R.-M.A.)

(7) Ebd.

(8) Ebd.

(9) Guþu, George: Bemerkungen zur romantischen Aufschließung am Rande der Märchenerzählung “Der Runenberg” von Ludwig Tieck. In: Temeswarer Beiträge zur Germanistik, 1, Mirton-Verlag, Temeswar 1997, S. 276-293.

(10) Tieck, L., Der Runenberg, S. 61f.

(11) Tieck, Ludwig, Der Runenberg, S. 62.

(12) Ebda, S. 62-63.

(13) Tieck, Ludwig, Der Runenberg, S. 65.

(14) Ebda, S. 64.

(15) Ebda, S. 65.

(16) Ebd.

(17) Ebd.

(18) Tieck, Ludwig, Der Runenberg, S. 65f. Der Fremde kann als ein Bewohner der Unterwelt, als ein Wesen, das in der Welt der Elementargeister lebt, bezeichnet werden. Dadurch wird er selbst zu einem solchen Geist.

(19) Ebda, S. 66.

(20) Ebd. Die “steilen” Felsen sind der “fremden Umgebung” gleichzustellen, die Christian bereits am Anfang des Kunstmärchens angestrebt und gefunden hatte - sie sind nichts anderes als sein Unterbewußtsein.

(21) Ebd.

(22) Guþu, George: ebd.

(23) Tieck, Ludwig, Der Runenberg, S. 68.

(24) Ebd.

(25) Ebd, S. 69.

(26) Ebd, S. 71. Siehe bezüglich der Namensymbolik der Hauptgestalt auch: Guþu, George: a.a.O.

(27) Tieck, Ludwig, Der Runenberg, S. 72.

(28) Tieck, Ludwig, Der Runenberg, S. 73. Die geheimnisvolle Blume kann, nach den Worten des “alten Mannes”, zwischen dem Gebirge und der “schönen Ebene” gefunden werden, also in einer Gegend der Trennung zwischen hoch und flach, zwischen Ideal und Wirklichkeit, d. h. im Unterbewußtsein, zwischen Angst und Lebensfreude.

(29) Ebd., S. 74.

(30) Ebd., S. 75f.

(31) Tieck, Ludwig, Der Runenberg, S. 76.

(32) Ebda, S. 79f.

(33) Tieck, Ludwig, Der Runenberg, S. 80f.

(34) Ebda, S. 81.

(35) Tieck, Ludwig, Der Runenberg, S. 82

 

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