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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 8. Jg., Heft 15-16 / 1999, S. 103-114

 

 

„GEGENWART IST IHR EWIGKEIT.“ GOETHES NATURWISSENSCHAFTLICHES DENKEN UND HANDELN HEUTE.

Ein fachübergreifendes Lernprojekt zum Naturerleben mit Goethe

Rolf Willaredt



Zielvorstellung des Projekts

Auch in Rumänien kamen wir in seinem Jubiläumsjahr nicht an Goethe vorbei. Es jährte sich der 250. Geburtstag des großen Dichters, Schriftstellers, Staatsmannes, Schauspieldirektors und Naturwissenschaftlers. Aber nicht aus diesem Anlass allein könnte sich ein Schul- und Universitätsprojekt mit Goethe beschäftigen. Im Folgenden wird ein fachübergreifendes Projekt angeregt. Goethe gehört auch ohne Gedenkjahre nach wie vor zu den anregendsten Persönlichkeiten des Kulturlebens gerade in der Gegenwart. Dort, wo seine Wirkung verblasst, ist es an der Zeit, seine Biographie und seine Ideenwelt wieder aufleben zu lassen.

Das hier vorgestellte Konzept ist offen. Erweiterungen und Begrenzungen des Projektes sind möglich. Je nach Klassenstufe, Interessengruppe und Zeitrahmen kann eine Beschäftigung mit Goethes Naturerleben auch in einzelnen Unterrichts- oder Seminarstunden und im kleineren Rahmen effektvoll sein. Goethe sollte aber bewusst nicht auf das Fach Deutsche Literatur begrenzt bleiben. Ich schlage zwar das Fach Deutsch als Leit- und Koordinationsfach eines Projektes vor, es bezieht aber alle anderen Schulfächer oder Universitätsdisziplinen mit ein, weil Goethe selber nach einer solchen Methode verlangt, wenn man ihm gerechter werden will. Am Ende des beispielsweise einwöchigen Aktions-Projektes könnten je nach Schulart und Vertiefung ein Goethe-Sammelheft, eine Ausstellung, eine Theater-Aufführungen, Lesungen und/ oder Diskussionsforen stehen.

Ziel ist, die Schüler/innen und Studenten/innen aus vielen Perspektiven die Aktualität Goethes und dessen Naturverstehen erleben zu lassen. Sie sollen Goethes Denk- und Handlungsweisen mit (ihren) gegenwärtigen Lebensweisen vergleichen und eigene Schlüsse daraus ziehen. Mir ist daran gelegen, Goethe in seiner Zeit zu erkennen, aber ich finde es noch viel wichtiger, mit den Schüler/innen und Studenten/innen zusammen, das Zeitüberdauernde an Goethes Denken und Handeln gemeinsam heraus zu filtern und zu sehen, was uns heute noch nützen könnte.

Das Projekt ist der Versuch einer Pädagogisierung und Politisierung des Naturbegriffs im Sinne des großen Weltbürgers und Universalisten. Motivationen dazu sollen aus den fachübergreifenden, handlungsorientierten, schüleraktiven, respektive Studenten/innenaktiven Aufgabenstellungen entstehen.

2. Naturbegriffe im ausgehenden 20. Jahrhundert

Angesprochene Fachbereiche:

Deutsch/ Ethik/ Geschichte/ Kunst/ Naturwissenschaften/ Philosophie/ Religion...
Ziel:

Die Schüler/innen oder Studenten/innen sollen lernen, dass es ein Spektrum von Naturbegriffen gibt, die historisch und gesellschaftlich begründet sind.

Die Schüler/innen sollen lernen, dass der Mensch innerhalb der Naturabläufe steht und keinen Beobachterstatus außerhalb der Natur besitzt.

Um Goethes Naturerleben mit dem heutigen Verständnis vergleichen zu können, ist es notwendig, den Pluralismus im Naturverständnis des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu vergegenwärtigen. Über „Natur“ hat jede und jeder irgendeine Vorstellung. Viele gehen davon aus, dass ihre Vorstellung auch die allgemeingültige sei. Es gibt aber ganz unterschiedliche Naturbegriffe. Was der eine als 'Natur' bezeichnet, ist bei der anderen Garten- und Kulturlandschaft. Manche bezeichnen als Natur, was andere nur mehr als menschliche Umwelt gelten lassen.

Positiv ausgedrückt, könnte man darin einen Ausdruck pluralistischer Meinungsvielfalt sehen. Ich sehe darin eher eine weltanschauliche Orientierungslosigkeit der Menschen im ausgehenden 20. Jahrhundert. Die christlich-abendländische Werte-Erziehung ist zunehmend von der wissenschaftlich-technischen Erschließung der Welt aufgelöst worden. Es gibt aber gleichzeitig noch keine zeitgemäße metaphysische Antwort auf die sinnlich übersinnlichen Fragen, die der Mensch nach wie vor an das Leben hat. Florierend sind allein Ersatz-Religionen (Geld, Laufbahn, Geschwindigkeit, Macht etc.), die aber alle eine Gemeinsamkeit haben: Sie lenken mehr ab vom Wesenskern, als dass sie bemüht wären, auf die wesentlichen Phänomene des Lebens hinzuführen.

So hat ja die Katholische Kirche 1992 mit der Rehabilitierung Galileis anerkannt, dass sich die Erde doch um die Sonne dreht und die Erde doch nicht der Mittelpunkt der göttlichen Schöpfung sei. Und im Jahre 1996 hat der Papst der Evolutionstheorie zugestimmt. Seither darf innerkirchlich nicht mehr allein davon ausgegangen werden, dass allein die alttestamentarische Schöpfungsgeschichte Zeugnis der Entstehung und Belebung der Erde sei.

Die Zeitlupen-Bewegung der Katholischen Kirche zeigt immerhin, was in anderen Bereichen - etwa den naturwissenschaftlich-technologischen Bereichen - schneller geht. „Natur“ - als eine philosophische Kategorie - hat über die Jahrtausende hindurch ihre Geschichte und ist keine festgeschriebene Begrifflichkeit. Zu allen Zeiten wurde sie anders verstanden.

Handlungen der Schüler/innen und Schüler

Die Schüler/innen oder Studenten/ innen führen über das gesamte Projekt einen Ordner, in dem sie die Beiträge aus allen Veranstaltungen und Unterrichtsbeiträgen sammeln können.

Die Schüler/innen oder Studenten/innen erstellen Plakate, in denen die unterschiedlichen Naturbegriffe zum Ausdruck kommen.


3. Goethe, naturwissenschaftlischer Dichter und dichtender Naturwissenschaftler


Angesprochene Fachbereiche:

Deutsch/ Geschichte/ Naturwissenschaften...

Ziel:

Die Schüler/innen/ Studenten/innen sollen wichtige Aspekte des vielgestaltigen und abwechslungsreichen Lebens Goethes kennen lernen.

Die Schüler/innen/ Studenten/innen lernen das umfangreiche Werk Goethes kennen, können die Bücher handhaben und in Bildbänden lesen.

Goethe war, wie manchmal in den Hintergrund tritt, studierter Jurist und tätiger Staatsmann war. Am wenigsten bewusst ist, dass sich dieser weltbürgerliche Universalist sein Leben lang am allerliebsten als Naturforscher und Wissenschaftler gesehen hat. Goethes wissenschaftliches Denken im Allgemeinen und naturwissenschaftliches Denken im Besonderen sowie die daraus abzuleitenden alltagspraktischen Verhaltensvorschläge sind Thema dieses Projekts.

Handlungen der Schüler/innen

Die Schüler/innen/ Studenten/innen suchen anhand der Bestände der Schulbibliothek oder Stadtbücherei oder Universitätsbibliothek Lebensdaten und Werke Goethes zusammen. Sie referieren und erstellen ein Informationsblatt.


4. Goethes Geschichtsverständnis

Angesprochene Fächer:

Deutsch/ Geschichte/ Ethik/ Philosophie/ Religion...

Ziel:

Die Schüler/innen/ Studenten/innen lernen unterschiedliche Geschichtsbegriffe kennen und begreifen angewandte Geschichte als Museumspädagogik in heutigen ortsnahen Museen.

Zunächst ist es wichtig, die Methode des Vorgehens offenzulegen. Es geht hier - wie eingangs erwähnt - nicht um ein historisch-museales Thema. Uns sollte es vor allem um unsere Gegenwart gehen.

Goethe selbst hat als einer der ersten der Moderne „die drückende Last abgelegter Vergangenheit“ empfunden. Wer sich nur mit ihr beschäftige, der verfalle einem Verhalten, das die Gegenwart lähme. „Die Geschichte“, sagt Goethe - und damit auch die Geschichtswissenschaft -, „selbst die beste, hat immer etwas Leichenhaftes, den Geruch der Totengruft.“ Geschichtliches als Vergangenes anzusehen hieße, es nicht an sich heran zu lassen. „Geschichte schreiben“, steht in Goethes „Maximen und Reflektionen“ ist „eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.“ (AS 23)

Trotzdem steht Goethe dem historischen Universum und wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht abweisend gegenüber. Dem widerspricht schon die Tatsache, dass er selbst sich nicht nur in seinen autobiographischen Schriften, sondern auch in den 'Materialien zur Geschichte der Farbenlehre' als bewanderter Historiker erweist. In einem Gespräch, das er 1806 mit dem Historiker Luden führte, hebt Goethe aber die Unsicherheit historischer Quellen und historischen Forschens hervor. Er hält die reine Beschäftigung mit Geschichte jedoch letztlich für 'unergiebig' und unkalkulierbar. Insofern gibt uns Goethe einen Auftrag, wenn wir seine wissenschaftlichen Ergebnisse ernst nehmen.

Diesen Auftrag hat Nietzsche dann später in seiner Schrift „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ weiterverfolgt. In der Nachfolge Goethes plädiert Nietzsche darin dafür, der Geschichte nur insoweit zu dienen, als diese dem Leben diene.

Handlungen der Schüler/innen:

Eine Schüler/innen-Gruppe beschäftigt sich mit Goethes Geschichtsbegriff.

Sie überprüfen, inwieweit das Konzept des örtlichen Stadt- oder Heimatmuseums sich von einem Goetheschen Geschichtsbegriff unterscheidet.

Dazu verfassen die Schüler/innen eine Anfrage an die Museumsleitung und vereinbaren eine Führung unter dieser Fragestellung.

Die Gruppe diskutiert ihre Erfahrungen in einem klassenübergreifenden Kreis.
Hilfsweise für höhere Klassen kann Friedrich Nietzsches Frühschrift „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ auszugsweise herangezogen wer-den.

5. Goethe, der Universalist

Angesprochene Fachbereiche:

Deutsch/ Geschichte/ Kunst/ Naturwissenschaften...

Ziel:

Die Schüler/innen lernen unterschiedliche Farbtheorien kennen.

Sie lernen, in welcher Tradition die moderne Naturwissenschaft steht.

Die Schüler/innen erleben, dass Lebensgefühl und Lebensqualität maßgeblich davon abhängt, wie sie selbst ihre Umwelt gestalten.

Charakteristisch für Goethes Naturbegriff ist seine Abneigung, die Natur kennenzulernen durch eine wissenschaftliche Zerstückelung in diverse Disziplinen. Aber Goethe scheint mit seinen Anschauungen und Forschungsergebnissen als Naturwissenschaftler gescheitert, weil nicht seine Farbenlehre, sondern diejenige Isaac Newtons sich durchgesetzt hat. Die heutigen Physiker sind Newtons Schüler. Aber angesichts der derzeitigen Weltlage, deren Bedrohung sehr wesentlich durch die Anwendungen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und physikalischer Vorgaben begründet ist - Atomforschung, Gen-Forschung etc. - , sollte auch Goethes Denkansatz wieder aufgegriffen werden.

Der Goethe-Forscher und Philosoph Alfred Schmidt schrieb dazu: „Die Zukunft wird lehren, ob es sich bei Goethes Naturanschauung um das Nachhutgefecht eines unwiederbringlich verlorenen Alten oder um den Sendboten eines Neuen handelt.“ (AS, 1984, S.11)

Was hat Goethe als Wissenschaftler zu bieten? „Das geistige Riesenreich“, wie Walter Benjamin Goethes Lebenswerk einmal bezeichnete, hat viele 'Klimazonen' und erstreckt sich gleichsam über mehrere Kontinente des Intellekts. Schon zu seinen Lebzeiten trat der Naturforscher Goethe hinter dem Dichter und Theaterdirektor Goethe weit zurück. So meint Goethe zu diesem Umstand selbst:

Seit länger als einem halben Jahrhundert kennt man mich, im Vaterland und auch wohl auswärts, als Dichter und läßt mich ebenfalls für einen solchen gelten; dass ich aber mit großer Aufmerksamkeit mich um die Natur in ihren allgemeinen physischen und ihren organischen Phänomenen emsig bemüht und ernstlich angestellte Betrachtungen stetig und leidenschaftlich im Stillen verfolgt, dieses ist nicht so allgemein bekannt, noch weniger mit Aufmerksamkeit bedacht worden. (vgl.: AS, S.13)

Einigermaßen geläufig ist der Allgemeinbildung, dass Goethe den Zwischenkieferknochen am menschlichen Schädel wiederentdeckt hat, welcher belegt, dass der Mensch seinem Körper nach Teil des Tierreichs ist und nicht von Gott direkt geschaffen wurde oder ohne Beziehung zur Evolution stünde. Während bei den antiken Gelehrten der Zwischenkieferknochen als Gemeinsamkeit zwischen Tier und Mensch geläufig war, hatten die Anatomen, die unter dem christlichen Bildungsmonopol in den Klosterschulen ausgebildet wurden, es 1700 Jahre erfolgreich betrieben, den Menschen direkt von Gott abstammen zu lassen, um die Bibel darin zu bestätigen.

Weiter verborgen im Blickschatten liegen noch Goethes intensive Beschäftigung mit Botanik, Zoologie, Meteorologie, Geologie und Optik. Diese Vielfalt der Betätigungsfelder darf nicht missverstanden werden als Verzettelung, sondern ist Ausdruck einer universell ansetzenden Methode. Goethe stellte sich unvoreingenommen und motiviert der verwirrenden Vielfalt in der Natur.

Autodidaktisch arbeitete er sich z.B. in die Botanik ein. Er hat 2500 botanische Sammelstücke hinterlassen. Gesammelte Pflanzen zeichnete er selbst ab, colorierte sie und legte sie ab in einem Herbarium von zuletzt 1300 verschiedenen Arten. Mit Mikroskop, Lupe und botanischem Besteck untersuchte er sein Leben lang und leistet auf diesem Gebiet für die damalige Zeit „Pionierarbeit“

Seine Holzsammlung umfasst zusammen mit der seines Herzogs Carl August 49 exemplarische Stücke und 476 Holztäfelchen. Hier verschaffte er sich einen Überblick auch über exotische Holzarten. Als Staatsrat interessierte ihn besonders die ökonomische Bedeutung des Holzes: Wachstumseigenschaften, Härte und Verwertungsmöglichkeiten. Seine besondere Beachtung fand darüber hinaus merkwürdig gewachsenes Holz: Auswüchse an Stämmen, Verknollungen, Verwachsungen.

Goethe hinterließ ferner 18.000 mineralogische Objekte unter den 50 000 Exponaten, die in Weimar insgesamt aus Goethes Besitz katalogisiert sind. Die Mineralogie war eine weitere Leidenschaft seiner naturwissenschaftlichen Studien. Hier kam ihm seine amtliche Aufgabe als Leiter der Kriegs- und Wegebau-Kommission genauso entgegen wie seine Tätigkeit als Bergbau-Beauftragter des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, um zu Findlingen zu kommen; aber in seinen zuletzt 18 Schränken mit 450 Schubladen, die voller Kristalle, Tropfstein-Konfigurationen, roher Edelsteine und erzener Brocken waren, lagerten Fundstücke aus ganz Europa.

Heute sprechen wir von Vernetzung und interdisziplinärem Denken. Für Goethe war dieses Vorgehen Lebensphilosophie und wissenschaftliche Leitlinie zugleich.

Am deutlichsten wird diese Auseinandersetzung durch Goethes Farbenlehre, dem Herzstück seiner naturwissenschaftlichen Werke. In der Farbenlehre wendet sich Goethe gegen die Erkenntnisse Isaac Newtons (1643-1727). Newton, dessen physikalische Methoden und Gesetze unsre Schulphysik auch heute noch bestimmen.
Während Newton auch in seinen anderen Experimenten die isolierte, abstrahierte Versuchsanordnungen wählt, die so in der Lebenswirklichkeit nicht vorkommen, wollte Goethe Naturerscheinungen im Lebenszusammenhang begreifen.

Auf seiner historischen Reise durch die Zivilisationsgeschichte betrachtet unser Autor sodann die überlieferten Aussagen vieler bekannter Persönlichkeiten von den Vorsokratikern bis zu Newton zum Farbenthema. Über Newton äußerte sich Goethe meist missgünstig. Er erklärte diesen zu einem mathematischen Geist, der allein „abstrakt“ zu denken vermochte, ohne die Sinne mit einzubeziehen. So geriet Goethes Farbenlehre in „schroffem Gegensatz“ zu der Newtons, weil Goethes Wissenschaft die menschlichen Sinne ganzheitlich einbezieht. Somit schwamm er schon zu Lebzeiten gegen den Strom eines allein seligmachenden technischen Fortschrittglaubens, „der seit Galilei und Newton auf einem Entwurf von Natur beruht hat, die Natur allseits verfügbar zu machen.“ (AS, 14) Goethe steht auf der anderen Seite in der wissenschaftlichen Welt, der bis heute durch keinen Prozess überbrückt werden konnte. Während die eine Seite nach der Brauchbarkeit und Quantifizierbarkeit von Natur fragt, um sie rücksichtslos zu verwerten und damit meist auch zu zerstören, versucht ein ganzheitliches Wissenschafts- und Naturverständnis im Sinne Goethes in der Natur heimisch zu werden. Unser Wissenschaftler stellte sich nicht gegen die Natur, er fühlte sich mitten in ihr. Jürgen Teller formulierte dies im Hinblick auf Goethes Farbenlehre einmal so:

Goethe war nicht - wie die gesamte mathematisierte Physik seit Galilei [(1564-1642)] bis heute - darauf aus, die Natur zu beherrschen. Er wollte einen Dialog mit ihr führen.

(Nachwort zu: Goethe: Die Tafeln zur Farbenlehre und deren Erklärung, S. 70)

Sehen wir uns die Unterschiede einmal etwas genauer an, ohne die gesamten Dimensionen dieser Diskussion erfassen zu können:

"Newton erklärt das weiße Licht als eine Zusammensetzung aus farbigen Lichtern. Goethe dagegen als das einfachste, unzerlegbarste, homogenste Wesen,“ das wir kennten; es sei nicht zusammengesetzt, am allerwenigsten aus farbigen Lichtern. Goethe, der das Spektrum des Regenbogens kannte, „nimmt die Farben für Metamorphosen des Lichtes, für Erscheinungen, die im Kampf des Lichtes mit der Dunkelheit entstünden. Dunkelheit interpretiert unser mystischer Naturforscher nicht nur als die Abwesenheit von Licht, denn dann wäre Dunkelheit für uns nicht wahrnehmbar, sondern als ein „positives Gegenlicht“. (Vgl.: Walter Benjamin, FR 27.8.77)

Ich kann hier über diese Lehre nur andeuten, was sich lohnt, in seiner Gesamtheit betrachtet zu werden, aber was für alle menschliche Kommunikation mit der Natur innerhalb des goetheschen Weltbildes gilt, das ist im Zusammenhang der Farbenlehre am offenkundigsten. Hier reflektiert der Mensch die Natur aus seiner dialektisch verstandenen Zugehörigkeit. Goethe behauptet nämlich:
„Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu verdanken. Aus gleichgültigen tierischen Hülfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seinesgleichen werde, und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete.“ (HA 13 323)

Es gilt in dieser Anschauung die Behauptung, dass nur Auge und Licht zusammen Erkenntnisse sammeln können, folglich könne das Licht als physikalisches Phänomen nicht isoliert gemessen oder definiert werden. Frei nach dem Spruch eines mittelalterlichen Mystikers:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
       (HA 13 324)

Bis ins physiologisch Kleinste beugt Goethe das Verhältnis von Licht und Auge durch. Er geht den Eindrücken nach, wie sich auch im Traum oder bei geschlossenen Augen helle oder farbige Gegenstände betrachten lassen. Die Farben begreift er als Wechselspiel zwischen Gemüt und Ausstrahlung. So hat der Staatsrat in Weimar die Zimmer seines Hauses nach Gesichtspunkten seiner Farbdeutungen streichen lassen. (vgl. Goethe-Haus in Weimar):

'Gelb', als nächste Farbe am Licht, mache - nach Goethes Auslegung - einen Raum warm, angenehm und erfreulich.

'Blau' führe immer etwas Dunkles mit sich, diese widersprüchliche Farbe scheine vor uns zurückzuweichen und gebe uns das Gefühl der Kälte; 'blau' weite den Raum.

'Rot' löse in uns das Gefühl nach Ernst und Würde aus.

'Grün' solle man diejenigen Zimmer streichen, in denen man sich länger aufhalten wolle. (HA 13 498ff)

Die Wirkungen der Farben untereinander und miteinander forderten den Farblehrer zu ausführlichen Untersuchungen heraus. Die Werbepsychologie macht sich die daraus abgeleiteten Gesetzmäßigkeiten immer wieder zu eigen.

Handlungen der Schüler/innen:

Die Schüler/innen vergleichen Goethes und Newtons Farbentheorie und stellen die wichtigsten Punkte auf Plakaten gegenüber.

Die Schüler/innen bemalen nach Goethes Vorschlägen aus seiner Farbenlehre große Plakat- oder Wandflächen und diskutieren die Farbwirkung.

Die Schüler/innen machen begründete Vorschläge bezüglich der Farbgestaltung ihrer Klassenräume oder anderer Teile des Schulgebäudes. Sie tauschen sich aus über das Aussehen ihrer Kinderzimmer.


6. Zur Verbindung von Wissenschaft und Kunst bei Goethe

Ziel:

Die Schüler/innen sollen sich sich im Vortrag von Gedichten und in schauspielerischen Darstellungen üben.
Die Schülerinnen sollen in der Bücherei bibliographieren üben.

Die Schüler/innen lernen Goethes universales Interesse kennen.

Sie lernen einzelne historisch gewachsene Fachrichtungen voneinander abzugrenzen und bilden sich in der Diskussion eine Meinung über die Notwendigkeit von vernetztem Denken in der gegenwärtigen komplexen Welt.
Goethe verbindet in seinem Denken jedoch nicht nur die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen, sondern er zielt konsequent darauf ab, sogar Wissenschaft und Kunst zu vereinen. In ihnen sieht Goethe „ein Gleiches in verschiedenen Erscheinungsformen“ (AS 19), weil sie eine gemeinsame Basis hätten: die Natur. So tun wir recht daran, im Dichter Goethe immer auch den Naturforscher zu sehen und umgekehrt im Naturforscher Goethe auch den Dichter. „Das Schön“, heißt es in den 'Maximen und Reflektionen', „ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben.“ (Zitiert nach AS 25)

„Ich kann nicht genug sagen, was meine sauer erworbene Kenntnis natürlicher Dinge [...] mir überall hilft, um mir das Verfahren, den Künstler und den Handwerker zu erklären.“
         (zitiert nach : Kahler, Marie-Luise: a.a.O.)

Außerdem glaubte Goethe, dass jede wissenschaftliche Naturerkenntnis die Menschen dazu drängt, diese in künstlerischer Form „auszulegen“. Und dies können wir, so glaube ich, zu allen Zeiten bestätigt finden. Ein Beispiel wäre die Komödie 'Die Physiker' von Friedrich Dürrenmatt, in der der Autor die Erkenntnisse und kriegstechnologischen Folgen der Atomspaltung durch Verfremdungen zu problematisieren versuchte.

Der Atom-Physiker Werner Heisenberg, der für seine Quantentheorie 1932 den Physik-Nobelpreis erhalten hat, spricht 100 Jahre nach Goethe von einem „innersten Bereich“ des „reine[n] Denken[s]“, wo man den „verborgenen Harmonien in der Welt nachspürt“. Dort könne „Wissenschaft und Kunst kaum mehr unterschieden werden“. Dieser innerste Bereich sei „vielleicht für die heutige Menschheit die einzige Stelle, an der ihr die Wahrheit ganz rein und nicht mehr verhüllt [...] gegenübertritt“ (zitiert nach Hans-Peter Dürr: Physik und Transzendenz, 1986, S. 18). Und Goethe dient allen ihm nachfolgenden Dichtern, Dramaturgen oder Erzählern als Vorbild beim Verschränken von wissenschaftlichen Erkenntnissen und künstlerischem Ausdruck:
 

Dornburg, September 1828

Früh, wenn Tal, Gebirg und Garten
Nebelschleiern sich verhüllen,
Und dem sehnlichsten Erwarten
Blumenkelche bunt sich füllen,

Wenn der Äther, Wolken tragend,
Mit dem klaren Tage streitet,
Und ein Ostwind, sie verjagend,
Blaue Sonnenbahn bereitet,

Dankst du dann, am Blick dich weidend,
Reiner Brust der Großen, Holden,
Wird die Sonne, rötlich scheidend,
Rings den Horiziont vergolden.
        (Bd. 1, S.391)


Handlungen der Schüler/innen

Schüler/innen gehen zur Bücherei und suchen in den Werken Goethes Gedichte, Theater-Auszüge, Textpassagen zum Thema Natur.

Sie sollen verschiedene Vortrags- und Darstellungsformen ausgewählter Natur-Gedichte Goethes einüben.

Die Schüler/innen suchen zusammen, mit welchen Fachgebieten sich Goethe beschäftigte.

Sie schlagen nach, was man unter den einzelnen Fachrichtungen versteht und entwerfen dazu Plakate!

Sie diskutieren, ob es heute noch Universalisten geben kann!

Sie verfassen eine Erörterung mit eigener Meinung über die Begriffe „Fachidiotentum“ und „vernetztes Denken“! Sie lesen sich ihre Aufsätze und diskutieren darüber.

7. Wie hält es Goethe mit der Religion?

Angesprochene Fachgebiete:

Deutsch/ Ethik/ Geschichte/ Philosophie/ Religion...

Ziel:

Die Schüler/innen sollen Goethe als säkularisierenden Naturverehrer kennenlernen, der vom christlichen Gottesbild abrückt, aber die Natur gleichzeitig auch beseelt.

Die Schüler/innen sollen Weltoffenheit auch als Toleranz unter den religiösen Weltanschauungen erkennen lernen.

Die Schüler/innen sollen ihr eigenes Gottesverständnis reflektieren und formulieren.

Die naturwissenschaftlichen Studien unseres Dichters stießen bei einem anderen Grenzpunkt an religiöse Fragen. Ist da ein Gott, der die Natur im Inneren zusammenhält?

Goethe goss Öl in die brennende Diskussion um die Jahrhundertwende vom 17. zum 18. Jahrhundert 'ob da überhaupt ein Gott sei'. An diesem 'Atheismus-Streit' nahmen alle schon damals bedeutenden Intellektuellen - wie Kant, Hegel, Schiller, Goethe, Jean Paul, Fichte, Schelling teil. Goethe hatte mit dem Evolutionsnachweis 'Zwischenkieferknochen' ein medizinisch-anatomisches Argument für sich.

Viele Naturwissenschaftler wurden am Höhepunkt ihrer Forschungsleistungen gläubig, weil sie die letzten Fragen des Lebens dann doch nicht erklären konnten. Biogenetiker z.B., die die komplexen Strukturen unserer DNS und deren Auftrennung und identische Verdoppelung bei der Zellteilung untersuchen, finden - auch als große Rationalisten unter den Forschern - fasziniert, schließlich nur noch religiöse Erklärungen. Der Physiker Albert Einstein bettet seine Faszination für die „Erhabenheit“ und „wunderbare Ordnung, welche sich in der Natur sowie in der Welt des Gedankens offenbart“ in eine „kosmische Religiosität“, die „die religiösen Genies aller Zeiten„ ausgezeichnet“ hätte. (In: Dürr, S.68f)

Goethe hatte sein personales Gottesverständnis oder Naturverständnis schon früh abgelegt. Eine „große Bedeutung“ für die religiöse Entwicklung hatte das Erdbeben von Lissabon am 1.11.1755. Bei dieser Katastrophe wurde die glanzvolle Stadt in Sekunden niedergerissen von einer vorher nicht gekannten Naturgewalt. Tausende von Menschen fielen dieser gnadenlosen Naturattacke zum Opfer. Die Nachricht verbreitete sich für damalige Verhältnisse in rasender Geschwindigkeit über ganz Europa. Die Nachfragen des sechsjährige ließen ihn unbefriedigt zurück. Später drückte er seine daraus entstandenen Zweifel so aus, dass ihm in seinem „sechsten Lebensjahr, nach dem Erdbeben in Lissabon, die Güte Gottes einigermaßen verdächtig geworden“ (Peter Boerner, S. 18) sei.
Es ergab sich aus diesem biographischen Umstand die Folge, daß der Denker und Wissenschaftler hinfort in der Natur „kein System“ mehr vermutet hat. Die Natur ist für Goethe „Leben und Folge aus einem unbekanntem Zentrum“ und weiter: Naturbetrachtung sei daher endlos (AS 30). Kein Mensch sei imstande „in irgendeiner Sache abzuschließen.“ „Ja, Goethe geht sogar so weit, dass er dem Menschen gar keinen Einblick in objektive Zusammenhänge zugesteht; der Mensch lege sich die Gegenstände in einer nur ihm gemäßen Vorstellungsart zurecht. So bringe er diese „in ein gewisses fassliches Verhältnis“, obwohl sie dieses „streng genommen untereinander nicht“ (AS 31) hätten. Wer hier an die moderne Chaos-Theorie erinnert wird, der kann Goethes zeitübergreifendes Denken erkennen.

„Das Wahre„ sei mit „dem Göttlichen identisch“, dieses sei aber für uns direkt niemals zu erkennen. Wir sähen das Wahre „nur im Abglanz, im Beispiel, Symbol“ [vgl.: Höhlengleichnis von Platon] (vgl.: AS 33). Und in seinen „Maximen und Reflektionen“ spannt Goethe den Bogen zum Naturbegriff hinüber, denn allein die Natur hält er für göttlich-unfehlbar:

Wer die Natur als göttliches Organ leugnen will, der leugne nur gleich alle Offenbarung [...] Die Natur ist immer Jehova. Was sie ist, was sie war, und was sie sein wird. (AS 33)

Natur verkörpert für den Pantheisten gleichsam das göttliche Prinzip; Natur sei Gott. Und insofern brauche Goethe nur die Natur zu betrachten, um auf göttliche Wahrheit zu stoßen. Allerdings bleibt auch der große Denker innerhalb eines eingrenzenden Kreises gefangen. „Alle Philosophie über Natur“, bleibe letztlich „Anthropomorphismus“ (AS 33), d.h. der Mensch kann nicht aus seiner Haut, seinem Denken und Fühlen heraus. Er kann seine Außenwelt nur mit seinen Maßstäben, Mitteln und Fähigkeiten erfassen. Dennoch gibt es diese Außenwelt auch ohne ihn. Die Natur hat nach Goethe eine „Unbedingtheit“. Der immer bekannter werdende Satz: 'Der Mensch benötigt zum Leben die Natur, diese den Menschen aber nicht', gehören da mit hinein.

In seinem Buch „Westöstlicher Divan“ verrät Goethe seine Neigung zu persischer und mohammedanischer Religionsgeschichte. Er hob Zeugnisse islamischer Beduinen aus der Versenkung und hat Aspekte daraus in sein Fühlen und Denken überführt. Goethe ist in seiner Weltbürgerlichkeit also mit Lessing ein Mittler der großen Weltreligionen.

Im Lebenskampf und in seiner Willkür macht sich der Mensch seit 500.000 Jahren seine Umwelt in zunehmendem Maße 'untertan'. Wenn wir nun in alltäglichen Wendungen davon sprechen, dass der Mensch die Natur zerstört, dann müssten wir uns unseres „anthropozentrischen Denkens“ bewusst werden: Wir denken, von uns hänge alles ab. Wahr ist, dass wir Menschen unser Überleben gefährden, je mehr wir von unserer Umwelt zerstören. Für Natur, in kosmischen Dimensionen gedacht, dürfte aber das Aussterben einer irdischen Art dieselbe Bedeutung haben, wie das sprichwörtlich gewordene umgefallene Fahrrad in Peking für die Motorisierung auf der gesamten Erde.
Der Kalender der Naturentwicklungen blättert sich um in Jahrmilliarden. Wollen wir Goethes Naturbegriff erschließen, müssen wir uns die Natur als immerwährendes prozesshaftes Sein vorstellen. Milliarden von Galaxien, kosmische Massen, Strahlung, Licht, irdisches Leben, pulsieren als vielfältige Mosaikelemente im Kaleidoskop der endlos sich variierenden Naturvorgänge.

Entstehen, Gebären, Aufblühen, Ableben, Sterben, Umschaffen und wieder anders entwickeln, neu konfigurieren inmitten von Vergehens- und Verendeprozessen, das ist unser Weltenlauf: Goethe interpretiert alles als ein zeitlich unbegrenzbares, nie anhaltendes Fließen. Goethes Kosmologie lehrt keinen Anfang und kein Ende, keine Schöpfung und kein Jüngstes Gericht. Seine Aufforderung an das Leben heißt: „Stirb und werde!“, denn „du bist nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.“ (West-östlicher Divan, HA 2 19)

Die Natur
(Fragment aus dem Jahre 1773)

Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen - unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf [...] Sie schafft ewig neue Gestalten [...] Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir wirken beständig auf sie und haben keinen Einfluss über sie. [...] Sie baut immer und zerstört immer. [...] Es ist ein ewiges Leben und Bewegen in ihr und doch rückt sie nicht weiter. [...] Sie hat sich einen eigenen allumfassenden Sinn vorbehalten, den ihr niemand abmerken kann. [...] Auch das Unnatürlichste ist Natur. [...] Sie spritzt ihre Geschöpfe aus dem Nichts hervor, und sagt ihnen nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Sie sollen nur laufen. Die Bahn kennt sie. [...] Der Tod ist ihr Kunstgriff viel Leben zu haben. [...] Jedes Bedürfnis ist Wohltat. Schnell befriedigt, schnell wieder erwachsend. [...] Man gehorcht ihren Gesetzen auch wenn man ihnen widerstrebt [...] Ihre Krone ist die Liebe, nur durch sie kommt man ihr nahe. [... Die Natur] ist alles. [...] Alles ist immer da in ihr. Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr Ewigkeit. [...] Sie ist ganz und doch immer unvollendet.
                   (HA 13 45ff)

Handlungen der Schüler/innen

Die Schüler/innen bereiten sich in Kleingruppen auf eine Talk-Show vor. Thema: Wie ist Gott: verborgen, gerecht, abwesend, eingreifend, Freiheit gewährend...?


Als Anregung erhalten die einzelnen Gruppen „Glaubenssätze“ Goethes, aus denen sie ein Motto wählen:

Natur ist für Goethe „Leben aus einem unbekannten Zentrum“.

„Das Wahre ist mit dem Göttlichen identisch, dieses kann man niemals direkt erkennen.“

„Die Natur ist immer Jehova. Was sie ist, was sie war, und was sie sein wird.“

Goethe ist ein Pantheist. Für ihn ist Natur Gott.

„Alle Philosophie über Natur bleibt letztlich Anthropomorphismus“.

Angesichts von Erdbeben und Kriegen ist Goethe „die Güte Gottes einigermaßen verdächtig geworden“.

8. Goethes Vorstellung eines interdisziplinäres Forschens und Handelns: „Wo fass ich dich, unendliche Natur“? (Faust, HA 3 22)

Angesprochene Fachbereiche:

Kunst/ Philosophie/ Technik / Werken...

Ziel:

Die Schüler/innen setzen sich gedanklich und handwerklich mit Goethes „Urbild“-Theorie auseinander.

Der verwirrende Reichtum der Naturabläufe ließ Goethe als Naturforscher jedoch nicht resignieren; der Genius ging in einer Kombination aus Empirie und Menschenverstand an die Naturphänomene heran. Seine Wissenschaftsmethode basierte auf einer „Frische der unmittelbaren Wahrnehmung, Fleiß des Sammelns, Strenge der Ordnung, souveräne Sicherheit im Vergleichen und Kraft des Gedankens“ (Vgl.: Teller, Jürgen: a.a.O., S., 87). Goethe setzt eine innere Teilnahme an den Vorgängen voraus, ohne die kein Wissenschaftsfeld beackert werden könne. Hier erfolgt eine Pädagogisierung seines naturwissenschaftlichen Vorgehens.

Den Anspruch auf Exaktheit lehnte unser Universalwissenschaftler ab. Wahrnehmung als ganze könne aber am ehesten Wahrheit erfassen. Exaktheit, Sinnlichkeit, Phantasie und Reflexion, Äußeres und Inneres sind notwendig, um Natur zu erschließen. Nur wissenschaftliche Darstellung und Kunst zusammen können Wahres ausdrücken.

Nicht nur hinsichtlich der Darstellungsweise ihrer Ergebnisse zweifelt Goethe jedoch an der Befähigung mancher Naturwissenschaftler. Er kritisiert auf grundsätzliche Art das ehrfurchtslose Vorgehen in der modernen Naturwissenschaft. Dies wird an einem zentralen Begriff in seiner Methodenvorstellung deutlich:
Goethe nennt Erscheinungen in der Natur

’Urphänomen’, wenn nichts in der Erscheinung über ihnen liegt, sie aber dagegen völlig geeignet sind, dass man stufenweise [...] von ihnen herab bis zu dem gemeinsten Falle der täglichen Erfahrung niedersteigen kann.
          (HA 13 368)

Seine Kritik richtet sich darauf, dass die Naturforschung dieses 'Urphänomen' nicht als „Grenze des Schauens“ (ebenda) anerkennen will, sondern immer Weiteres, Tieferes und Kleineres aufsuchen will. Hinter einen Urtypus, hinter eine Urzelle, hinter ein Unteilbares sollte man nicht weiter zurück wollen.

Goethe meinte, alle Lebewesen seien jeweils Spielarten, die sich aus einer Urform entwickelten. Auf der Suche nach der Urpflanze bereiste er Sizilien und fertigte Pflanzen-Skizzen an. Er sei nur auf der Suche nach einer Idee, hat ihm Friedrich Schiller dazu im direkten Gespräch entgegnet. Goethe näherte sich im Verlauf seiner Studien einer solchen bildhaften Auslegung seiner Urpflanze an, aber der Idee als solche blieb er sein Leben lang treu.

Alle organischen Naturphänomene führt unser Naturforscher auf „Urbilder“ zurück:

„Fische, Amphibien, Vögel, Säugetiere“. Diese 'Urbilder' würden in ihren beständigen Teilen mehr oder weniger durch Fortpflanzung aus- und umgebildet“. (Aus Goethes Vorträgen über vergleichende Anatomie).

Handlungen der Schüler/innen

Alle organischen Naturphänomene führt Goethe auf „Urbilder“, auf Urphänomene zurück: „Fische, Amphibien, Vögel, Säugetiere“. Diese Urbilder seien mehr oder weniger durch Fortpflanzung aus - und umgebildet. (vgl.: Vorträge über vergleichende Anatomie II 17, 275).

Die Schüler/innen stellen für eine Ausstellung „Urbilder“ her zu geläufigen Pflanzen und Tieren. Sie reduzieren nach eigenen Vorstellungen ihre Objekte auf das Wesentliche und wählen die entsprechenden Materialien.

 

9. Goethes Einstellung zur Technik

Angesprochene Fachbereiche:

Deutsch/ Gemeinschaftskunde/ Geschichte/ Sozialkunde/ Politik/ Technik/ Ethik/ Religion...

Ziel:

Die Studenten/innen sollen sich mit Goethes Haltung zur Technik auseinandersetzen. Sie verfolgen die Probleme der historisch gewachsenen Technisierung der Gesellschaft und erfahren den Zusammenhang mit Abhängigkeit des Menschen von der Technik und der sozial belastenden Arbeitslosigkeit.

Naturwissenschaft und Forschung sind die Grundlagen der Technologie. Goethes naturwissenschaftliche Methodik färbt folglich sein Technikverständnis und seine Kritik am modernen unreflektierten Zeitgeist.

Wir können Goethes Denken und Handeln nicht maßstabsgetreu auf unsere Gegenwart übertragen. Das wäre a-historisch und romantisierend. Aber wir können gerade an Goethes Denken etwas lernen, was auf ein Wesentliches zielt, auf etwas Zeitüberdauerndes, das uns heute noch genauso betrifft, wie die Menschen und ihr gesellschaftliches Zusammenleben vor 200 Jahren.

In „Wilhelm Meisters Wanderjahren“ beschreibt Goethe die Vision eines „überhand nehmenden Maschinenwesens“, das „sich wie ein Gewitter langsam, langsam heranwälzt, das kommt und treffen wird.“ An solchen , fast seherischen Aussagen merken wir, dass Goethe, die wichtigste Repräsentationsfigur der deutschen Kultur im In- und Ausland, mehr in ihrem Stolz verankert ist als in unserem schlechten Gewissen um eine bedrohte Zukunft.

Goethe warnt vor einer dominanten Technikwelt, die die Menschen ihrer Beschäftigung beraubt und zu einer Massenerwerbslosigkeit führt.

Er sieht das Maschinenwesen, wie es weiter in „Wilhelm Meisters Wanderjahren“ heißt: als „weniger günstig [an] als [die] unmittelbare Handwerksarbeit, wo wir Kraft und Gefühl in Verbindung ausüben“.

Er distanziert sich auch von einer Technisierung des Alltags, wenn die Apparate nur die Bequemlichkeit unterstützen sollen. „Elender“ sei „nichts, als der behagliche Mensch ohne Arbeit.“ (1779, nach Boe 57f). Goethe lässt Wilhelm in den „Wanderjahren“ über Technik und technische Hilfsmittel an anderer Stelle ausführlicher reden. Wenn wir die angesprochenen ‘Brillen’ stellvertretend für eine moderene Apparatur nehmen, dann kommen wir einem Kernverständnis Goethes zur Technik noch näher:

Ich habe im Leben überhaupt und im Durchschnitt gefunden, dass diese Mittel, wodurch wir unseren Sinnen zuhilfe kommen, keine sittlich günstige Wirkung auf den Menschen ausüben. Wer durch Brillen sieht, hält sich für klüger, als er ist [...].

Wir werden diese Gläser so wenig als irgendein Maschinenwesen aus der Welt bannen, aber dem Sittenbeobachter ist es wichtig, zu erforschen und zu wissen, woher sich manches in die Menschheit eingeschlichen hat, worüber man sich beklagt. So bin ich z.E. überzeugt, daß die Gewohnheit, Annäherungsbrillen zu tragen, an dem Dünkel unserer jungen Leute hauptsächlich schuld hat.

Ich habe mich gefragt, ob ich für diesen Vortrag lieber keine Brille tragen soll, um glaubwürdiger zu erscheinen. Ich habe es aber doch vorgezogen klüger zu erscheinen, als ich bin.

Trotz dieser Eigenwilligkeit Goethes, was Brillen angeht, er war kein Fortschrittsfeind auf dem Gebiet der Technik. In der „ltalienischen Reise“ zeigt er sich verwundert über die Rückschrittlichkeit des damaligen Italiens. Das Land sei zwar „von Natur höchlich begünstigt, blieb [aber] in allem Mechanischen und Technischen, worauf doch eine bequemere und frischere Lebensweise gegründet ist, gegen alle Länder unendlich zurück.“

Seine Schilderungen lassen keinen Zweifel, dass ihm der Lebensstandard in seiner Weimarer Umgebung erstrebenswert, sei. Zum Verkehrsbild und zur Wohnweise in Italien schreibt er: „Man wird wie vor Jahrhunderten noch immer fortgeschaukelt, und so sind sie in ihren Wohnungen und allem.“ (HA 11 120)

Goethes Technikwelt darf das Irrationale, das Magische oder Beseelte nicht verbannen. Gerade weil der Zauberlehrling zum Beil greift, um dem Irrationalen Herr zu werden, zeigt er, dass dieser die angemessene Ebene der Auseinandersetzung mit der technologischen Herausforderung nicht erreichen kann. Er verharrt im einengenden, mechanistischen Denken. Damit ist aber kein dämonischer Geist zu bezwingen. Einem solchen Ungeist müssen sich die Bedrohten mit den Waffen des interdisziplinären, ganzheitlich denkenden Menschen stellen.

Handlungen der Schüler/innen

Die Schüler/innen erarbeiten Kurzreferate zu folgenden Themen:

„Elender ist nichts als der Mensch ohne Arbeit“. Warum bewirkt Arbeitslosigkeit eine menschliche Verelendung?
Was hält Goethe für arbeitsplatzvernichtend?

Wie technisiert war zur Zeit Goethes das Handwerk?

Welche technischen Umbrüche hat Goethe in seinem Leben erlebt?

Welche sittliche Kritik hat Goethe an technischen Hilfsmitteln? Ist seine Kritik auf heute übertragbar?.

9. Eine Zukunftsperspektive mit Goethe

Ziel:

Die Schüler/innen sollen Positionen zum heutigen naturwissenschaftlichen Denken hören, tolerieren, kritisieren. Sie selbst sollen eine eigene Position dazu entwickeln.

Wenn uns Goethes Vorstellungen um eine menschengemäße und naturverträgliche Technologie, die sich meines Erachtens aus den hier angeführten Zitaten entwickeln ließe gerade heute zunehmend bedenkenswert erscheint, so deshalb, weil wir allmählich irre geworden sind an den Errungenschaften eines technischen Fortschritts, der darauf abzielt, die Natur allseits verfügbar zu machen. Nach Goethes Verständnis wird es aber nur dazu kommen, dass die Natur zwar unbeeindruckt weiter besteht, nur ohne menschliches Leben, wenn sich nicht bald etwas Grundsätzliches ändert.

Schwer ist freilich, die Frage zu beantworten, wo das Ja zur Technik aufzuhören und das Nein einzusetzen habe. Denn bedrohlich wird Technik ja nicht allein dort, wo sie vor allem [...] zur Technik der Bedrohung wird. Es wird die Hauptsache der Philosophie der Technik sein, den dialektischen Punkt ausfindig zu machen und zu bestimmen, wo sich unser Ja zur Technik gegenüber in Skepsis oder in ein unverblümtes Nein zu verwandeln hat.
               (Günther Anders: DAM II 127)

Diesen dialektischen Punkt wollte auch Goethe ausfindig machen und dann eine Entscheidung treffen in seinem weiteren Verhalten. Technik hat der Menschheit viel geholfen, und eine Menschheit mit in absehbarer Zeit 8 oder 10 Milliarden Menschen ist auf technische Errungenschaften angewiesen. Und technische Apparaturen und Verfahren sind sogar nötig, um Negativfolgen der angewandten Technik zu korrigieren. Aber die Lehrer/innen und Schüler/innen insbesondere der naturwissenschaftlich - technischen Fächer sollten an einen Goethesatz erinnert werden, der ihnen zu einen ethischen Leitsatz werden könnte:

Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.

Es ist von einer besonderer Spannung, diesen Satz Goethes aus einem Buch von Erwin Chargaff zitiert zu haben, der als Pionier der Gen-Forschung aus dem industriell-wissenschaftlichen Forschungsprozess ausgestiegen ist, weil ihm ethische Zweifel über die Richtigkeit seines Tuns gekommen sind.

Aber Goethe hält die Natur nicht für wehrlos. So heißt es im Faust:

„Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben“.
(Faust HA 3 28)

Abschließende Podiumsdiskussion zum Thema:
Grenzen des Schauens
Grenzen des Handelns

Wie weit dürfen wir, sollen wir, müssen wir gehen in der Gen-Forschung, der Atomforschung, der Medizin...

11. Überlegungen zur Methodik und Didaktik eines deutschsprachigen fachübergreifenden Unterrichts

Wir haben ein Hauptaugenmerk auf den deutschsprachigen Fachunterricht im deutschen Auslandsschulwesen gerichtet. Dies ist sicher ein wichtiger Schritt in der Didaktik des deutschsprachigen Fachunterricht in DaF und des muttersprachlichen Unterrichts, weil Fachterminologien wie eine weitere Fremdsprache wirken. Allerdings zeigt uns ein Projekt wie das zu Goethes naturwissenschaftlichem Denken, dass man, wo immer es möglich ist, die Grenzen der einzelnen Fachdisziplin überwinden sollte, um den inhaltlichen Problemstellungen unserer internationalen, ja globalen Welt gerechter zu werden.

Dies sollten wir heute in den Gruppen bei unseren Unterrichtsplanungen berücksichtigen.

In einem Zeitalter, wo nationale Grenzen fallen, dürfen die naturwissenschaftlichen Fächer ihre engen Grenzen nicht behalten wollen.



Literatur:

1. Goethe, Johann Wolfgang von: Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, München 1981. (Zitiert als: HA, Bandangabe und Seitenzahl).

2. Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen Band1, München 1968, Band 2, München 1980.

3. Boerner, Peter: Goethe, Hamburg 1964.

4. Chargaff, Erwin: Das Feuer des Heraklit, Stuttgart 1981.

5. Dürr, Hans-Peter: Physik und Transzendenz, Bern, München, Wien 1986.

6. Grimm, Hermann: Goethe. Vorlesungen, Band I und II, Winterbach 1989.

7. Kahler, Marie-Luise: Goethes Sammlung zur Botanik, Prospekt, Weimar ohne Erscheinungsdatum).

8. Lenk Hans und Ropohl Günter (Hrsg.): Technik und Ethik, Stuttgart 19932.

9. Schmidt, Alfred (AS): Goethes herrlich leuchtende Natur, München 1970.

10. Lenk, Hans, Ropohl, Günter (Hrsg.): Technik und Ethik, Stuttgart 1993, Reklam Nr. 8395.

11. Wagner, Friedrich (FW): Weg und Abweg der Naturwissenschaft, München 1970.

 

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 8. Jg., Heft 15-16 / 1999, S. 103-114

 

 

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