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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 209-215

 

 

EXISTENZ UND SCHAFFEN.

REZEPTION UND WIDERHALL DER WERKE HERTA MÜLLERS

 

Severina Raica




Fast unverhältnismäßig viel beschäftigte sich die Kritik schon mit dieser Schriftstellerin und ihrer literarischen Leistung. An ihrem Fall ist ersichtlich, wie eklatant und ergiebig die Thematik und Problematik des kommunistischen Ostens, der Dissidenz und Landflucht, der Einfügung in die neuen westlichen Verhältnisse sein kann, wobei Übertreibung nicht umgangen, sondern gesucht wurde, aber warum sollte man das einem Literaten anlasten? Herta Müller hatte die, nachträglich als Chance erscheinende, Erfahrung als Dissidentin und Landsflüchtige gemacht.

Sie gehörte jener Schriftsteller- und Dichtergeneration an, die in den endsechziger Jahren als “Aktionsgruppe Banat” bekannt geworden war, zu der auch Richard Wagner, William Totok, Werner Söllner u.a. zu zählen waren. Die Gruppe bezeichnete sich selbst als die erste im Sozialismus geborene und von der bürgerlichen und faschistischen Vergangenheit unbelastete Generation, die sich zur sozialistischen Revolution bekannte und neue Lebensinhalte anstrebte.

Diese neuen Lebensinhalte erwuchsen aus dem Nonkonformismus, dem Neinsagen zum Gewohnten, Herkömmlichen, zur Tradition und den Lebenseinstellungen und -mustern der vorangegangenen Generationen, zu all dem, was diese Existenz bedeutet und ausgefüllt und sie zusammengehalten hatte und freilich zum Teil kraft-, wesens- und wirkungslos, ja verwerflich geworden war.

So geriet diese banater-deutsche Schriftstellergeneration in unweigerlichen Widerspruch zum größten Teil ihrer Landsleute, die solche modernen Mucken nicht mitmachen und die Verunstaltung ihrer Lebenswelt, in der sie sich in Alltagsmühen und -freuden behaupteten, nicht hinnehmen konnten. Der Blick für das Brutal-Reale, die Weigerung zur Verklärung, zum gedankenlosen Mitmachen wurde ihr aber auch in politischer Hinsicht unerfreulich. Sie stand auch dem Sozialismus, wie er praktiziert wurde und wozu er sich monstruös im Laufe der Jahrzehnte entwickelte, kritisch und dann ablehnend gegenüber und machte sich bei den Parteifunktionären nicht nur unbeliebt, sondern geriet so in deren Augenmerk, daß schließlich ein Ausweisen aus dem Land eine noch erfreuliche Art davonzukommen war.

Demontage des schwäbischen Weltbilds wurde ihr immer wieder vorgeworfen, und das Recht mag auf beiden Seiten liegen, auf der Seite jener, die nach den alten Wertvorstellungen leben (lebten), immerhin mit genügend Aufgeschlossenheit zum Wandel, und jener, die sich dessen bewußt geworden, daß man nach diesen alten Wertvorstellungen nicht mehr leben kann (konnte).

An dem Werk Herta Müllers können sich sehr wohl gegensätzliche Meinungen entzünden. Das begann schon mit dem Erscheinen ihres Erstlingsbandes Niederungen (1), der übrigens auch im noch heimatlichen Rumänien zwei Jahre vorher erschienen war und dort auch vehementes Pro und Contra ausgelöst hatte. Mit der Überschrift Kosmos und Banater Provinz, und mit dem Untertitel Herta Müller und der unliterarische Streit über ein literarisches Debüt überschriftete Franz Heinz (Bonn), seine als Nachdruck aus den Beiträgen zur deutschen Kultur. Forschungen und Berichte der Adam Müller-Guttenbrunn-Gesellschaft erschienene Stellungnahme. Er geht dabei von dem Ausspruch der Autorin über ihre Banater Landsleute am Ende ihrer Erzählung Niederungen aus, der wie folgt lautet: “Seitdem es sie gibt, loben sie sich, daß sie Deutsche sind und reden über ihre Frösche nie und glauben, daß es das, wovon zu reden man sich weigert, auch nicht gibt.” Und einen weiteren Ausspruch in Form einer ratlosen Frage aus der Skizze Schwarzer Park, fügt er hinzu und behauptet im weiteren, diese zwei Zitate könnten als Kernsätze für die Prosa Herta Müllers gelten, die da vorgelegt wurde. In ihrem Beitrag Vom Ende einer heilen Welt nahm auch Dorothea Götz (Landshut) Stellung zu diesem Prosaband und ging, ähnlich wie Franz Heinz, von der Dispute-Beschaffenheit dieser Texte aus. Es ginge denn eigentlich gar nicht um eine literaturkritische Wertung, sondern vielmehr um die Frage, ob man so etwas überhaupt schreiben dürfe; denn da wären Tabus verletzt oder Klischees aufgebrochen worden, die sich im Selbstverständnis und auch im literarischen Kleinbetrieb der Zeit- und Landsgenossen tief verankert hatten, wobei hinter diesen Klischees die Verfasserin eine böse Welt entdeckt hätte. Diese Entdeckung sei so erschütternd gewesen, daß vorerst nicht einmal die Literaturkritik ihr zu folgen bereit gewesen wäre; einstimmig habe man aber erkannt, daß hier eine neue Betrachtungsweise banaterschwäbischer Lebensart ihren Durchbruch fand. Mit einer neuen, ebenfalls gegen Erprobtes, gegen Klischees und Anstandsgrenzen, die wohl dazu gehörten, gerichteten sprachlichen Formulierung - müßte man dem hinzufügen.

Eine eigenwillige und gewagte Schreibweise nennt das Uwe Wittstock in Hundert Beete voll Mohn im Gedächtnis. ‘Niederungen’ - ein erstaunlicher Prosaband der deutschschreibenden Rumänin Herta Müller in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2). Wenn die Banater Schwaben, damit ist selbstverständlich der mehr oder minder zahlreiche Teil gemeint, dem man Literaturverständnis oder Umgang mit Literatur zumuten konnte, sich schwer oder auch gar nicht in diesen Prosatexten wiedererkannten, lag vorrangig daran, daß man die Beobachtungen, so genau sie sein mochten, die Fakten, Laster und Charakterzüge der Personen nicht generell der schwäbischen Familie oder der schwäbischen Dorfgemeinschaft aufpfropfen konnte. Der von innen her erfolgte Zerfall der Familienbeziehungen und der dörflichen Gemeinschaft, “die Brüchigkeit und Fragwürdigkeit überlieferter Wertvorstellungen” als sinnentleertes Normen- und Moralgefüge und die Entfremdung in den menschlichen Beziehungen können - gerade in diesem Fall - nicht so weitstreuend nihilistisch gehandhabt werden. Unzählige Banater Schwaben hatten sich “modernisiert”, nicht nur im “Erwerb der Elektronik”, sondern auch im Denken und Verhalten; als der mobilste Menschenschlag unter den Rumäniendeutschen hatten sie, sogar mengenhaft Bauern, Bildung und Weltaufgeschlossenheit erworben und ihr Leben schon längst danach ausgerichtet, wenn sie auch auf gewisse Eigenheiten nicht verzichten konnten oder wollten, ohne daß dergleichen zu konservativer Ratlosigkeit führte.

Längst schon waren ihre Umgangsformen in der Familie und im gemeinsamen Bezug, beim Feiern und anderen Anlässen, nicht mehr verkrampft, und daß die junge Generation ihre Forderungen und ihre eigenen Anschauungen durchsetzte, verkraftete man viel weniger konfliktreich als je. Übrigens wie überall sonst auch. Wer aus Erfahrung kennt, wie fest die Familienbeziehungen gerade unter kommunistischen Diktaturverhältnissen waren, wie Eltern und Kinder den heimlichen Widerwillen sowie Widerstand gegen Lügen, Phrasen und Übergriffe teilten, wie die Eltern alles dransetzten, selbst unter Opfern, sich für ihre Kinder nicht nur das Lebensnotwendige, sondern auch ein bißchen Luxus zu leisten, wie Kinder arbeiteten, um der Familie den Lebensunterhalt mitzusichern, die Großeltern ihre wenigen Einnahmen, ihre letzten Kräfte hergaben, um ihren Kindern und Enkeln zu helfen und vieles andere mehr, der betrachtet das Banater Dorfbild Herta Müllers als vom Einzelfall geprägt und stellenweise auch entstellt. Die Betroffenheit ihrer Landsleute redete sich beim Erscheinen dieses Büchleins 1984, nicht nur im Banat, sondern in ganz Rumänien und im binnendeutschen Raum herum, die Kritik begrüßte und zerpflückte es zugleich.

In der Dezemberausgabe der Banater Post aus dem Jahre 1984, dem Mitteilungsblatt der Landsmannschaft der Banater Schwaben aus Rumänien in Deutschland, wurde der Autorin vorgeworfen, eine Schädigung der Auslandsdeutschen im Mutterland verursacht und im Auftrag “der Bukarester ZK-Propagandaabteilung und anderer Departements” gehandelt zu haben. Ketzerei oder totale Verantwortungslosigkeit lautete schlagzeilenartig die Unmutsflut Johann Hammers über die “Greuelmärchen aus Nitzkydorf” und “das literaturische Tohuwabohu”, die in der Ausgabe vom 16. 09.1984 des Donauschwaben, dem Bundesorgan der Heimatvertriebenen aus dem ehemaligen Jugoslawien, Rumänien und Ungarn, über Autorin und Buch hereinbrach. Über drei Spalten gab es hier zwei Bilder zu sehen, die Herta Müllers Texte Widerlegen, Gegenbeweis erbringen sollten. Bilder, auf denen die Banater Schwaben so zu sehen waren, wie sie sich seit je, bis zu den “Aufräumungszeiten” (Krieg, Diktatur) mit Festgefügtem und -gewohntem, nicht einmal idealisiert, zeigten: mit Pferd und Wagen im eigenen Hof und als glückliche Familie um den im Hauskalender blätternden Vater ge-schart. Es waren Stellbilder, aber wer die Wirklichkeit kannte, mit den wohlbestallten Bauernwirtschaften des Banats, der komunikativ-unbeschwerten Art der Leute hier, mit der Faszination der Kerweihfeste, empfand das Dargestellte als durchaus echt und wahr-heitsentsprechend. Es mußte wohl so sein, daß die Banater Schwaben, solange sie dies alles bewahren konnten, und ohne Übergriffe auf ihre Rechte, Traditionen und Volksidentität - in ihrer Welt glücklich und zufrieden waren.

Die Neue Banater Zeitung in Temeswar veröffentlichte eine Reihe von Leserzuschriften, aus deren Zeilen Konsternation und Empörung sprach. Nikolaus Haupt, ein Journalist der Älteren generation, der sich im Banat einen Namen erworben hatte, bedauerte in der NBZ vom 05.07.1981, als Herta Müller im deutschen Literaturkreis der Stadt debütierte, “die totale Entwurzelung” der jüngeren Autoren. Er schrieb: “Wenn man bedenkt, daß solches in der Zeit vor sich geht, in welcher die deutschen Menschen in diesem Landstrich vielleicht wie noch nie zuvor eines inneren Haltes und des Glaubens an den eigenen wert bedürfen, ist es verständlich, daß die Herausstellung dieser Schreibenden ... Mißmut, Ablehnung und empörten Widerspruch ausgelöst haben.” Franz Heinz meint zur Betroffenheit der Schwaben über solche Art der Darstellung ihrer Lebensweise und ihres Wesens, vor allem jener, die in den Dörfern lebten und in Herta Müllers Niederungen konkret gemeint waren, daß sie sich nun auch noch zusätzlich aus den eigenen Reihen geprügelt, als Wehrlose, die zu verunglimpfen ja nichts kostet, fühlten.

Friedrich Christian Delius empfahl das Buch (3) “als ideales Geschenk für alle berufsmäßigen Heimatvertriebenen und ihre Großsprecher.” Denn, behauptete er,

von nun an wird man die Misere der Auslanddeutschen im Osten nicht mehr allein der offensichtlich katastrophalen Lage und der bekannten Einschränkung von Grundrechten zuschreiben können. Von nun an wird, wer kein Lügner sein will, auch von dem erheblichen Anteil der Deutschen an ihrer eigenen Unterdrückung sprechen müssen. Von einem subjektiven und von dem Reellen her, dem gescheit-intuitiv besondere und oft bizare Eindrücke verarbeitenden Werk ausgehend, eine solche ‘kollektive Aburteilung’ vor-zunehmen, die kompromittiert, wahllos, wo das nur wirklich beschränkt der Fall sein könnte, dessen man sich aber am besten enthält, zeigt, nebst anderem, eine ebenso unliteraturkritische Betrachtungsweise. Polemiken sollten sich, wenigstens in der modernen Literatur, an dem Gegenstand dieser auslassen, nämlich an dem Werk selbst und dem, was es zu Literatur macht - die Wortkunst. Ob eigene existenzielle Fragen, ob Familien-, Kollektivschicksal behandelt wird, Zeit-, Ort- und soziale Umstände bedeutsam werden, muß mit sehr viel Großzügigkeit und beileibe nicht mit Kinderglauben betrachtet werden. Der Schriftsteller ist irgendwo immer ein Simulant, ein Heuchler, ein Erfinder und manchmal ein richtiger Lügner. Einfälle und Einbildung - was wäre er ohne diese? Ohne Effekt- und Erfolghascherei? Die Zeiten sind um, wo der Dichter sich die Glücks- und Leidlast von der Seele sprach, mit sich und der Welt haderte oder zufrieden war, diese Welt oder die eigene innere spiegelte.

Wenn man einen Ausspruch der Herta Müller bemühen sollte, könnte mehr Licht in die Sache einfallen. In einem Interwiew in der Süddeutschen Zeitung vom 16.11. 1984 erklärte sie nämlich:

Mir scheint jede Umgebung lebensfeindlich ... Ich glaube, das würde ich überall empfinden. In der Stadt, auf dem Land, im Osten oder im Westen. Da gibt es keinen Unterschied. Das hängt auch nicht von der Gesellschaft ab. Politischer Druck, der aus der Gesellschaft kommt, kann dazu höchstens beitragen. Es ist eine existentielle Problematik, die von meiner Person selbst ausgeht.

Was gar nicht ausschließt, daß sie sich ebenso wohl, wie ein Hodjak oder andere an der Existenz “Leidende”, in jeder “lebensfeindlicher Umgebung”, wohl am besten in der westlichen, in ihrer Haut gefühlt hat und fühlt: mit Anerkennung und Preisen, freien Unternehmungen, oder auch nur an einem banalen, gemütlichen Schmöcker- oder Fern-sehabend, das anzunehmen, da sie sehr genau über “Medieninformation Bescheid weiß und darüber, was in den Medien gut ankommt”; laut Einschätzungen anderer. Gelogen hat sie nicht. Im Osten, wie im Westen, ist alles fragwürdig, ob auf dem Dorf oder in der Stadt. Ob bei Kindheitsschrecknissen oder Erwachsenenunbehagen, ob unter Diktatur oder Demokratie, in Misere oder “marktschreierischem Wohlstand” - dies bleibe sich gleich; man leidet und empört sich.

Aber man leidet und empört sich mit Kunstverstand und Können. Mit einem Kunstverstand, der durch rasch aufeinanderfolgende Bücher geschärft wurde. Das “magische Denken, dem das Kind unterworfen war un von dem sich die Heranwachsende energisch befreite”, wurde “zum kontrollierten Instrument einer exquisiten Mataphernbildung.” Die “Unmittelbarkeit des bildschöpferischen Vermögens. Die erschrekkende Dinghöhe und anstößige Sinnlichkeit” des Erzählens bleiben bestehen.

Zu der Erzähltechnik der Schriftstellerin meinte Peter von Matt in Diktatur und Dichtung in der FAZ - Nr. 227 vom 29.09.1992 außerdem: ihre Welt baue sich auf von den Dingen her, den vereinzelten Sachen, denen im Vorgang des Erzählens ein plötzlicher Sinn zuschießt. Auch die Leute, von denen sie berichtete, ordneten ihr Leben nicht nach angelernten Ideen, sondern von dem wechselnden Aufstrahlen der gewöhnlichsten Gegenstände aus. Das war bisher einfach so da, und unverhofft wolle es bersten von Bedeutung. Zweierlei füge sich hier also ineinander: das poetische Verfahren einer raffinierten Autorin und der ethnographische Bericht über naives Weltverhalten. Schrei-bend bediene sich Herta Müller der Denkweise jener, die sie beschreibt. Sie bilde ab und schildere, was gleichzeitig zum Kunstmittel dieses Abbildens und Schilderns würde. Eine riskante Sache sei das, wenn das Spannungsverhältnis zwischen den Vorgängen in den Bauernköpfen und dem Intellekt der Autorin verlorenginge und sie trotzdem gleich schreibe, also undifferenziert, egal welches der literarische Vorwurf ihrer Werke sei. Diesmal geht es um den Roman Der Fuchs war damals schon der Jäger, einen politischen Roman, der unter städtischen Intellektuellen spielt, unter Frauen, die wach, gescheit und illusionslos seien wie die Autorin selbst.

Große Erzählmomente und bedenkliche Einbrüche generiere diese gleiche Art zu schreiben. Einerseits gewänne sie eine eigentümliche Sprache für den Alltag der Unterdrückten, andererseits greiffe die symbolisierende Verwandlung aller Dinge jetzt oft ins Leere. Da die Folie des archaischen Denkens fehle, verlören viele Metaphern die genaue Funktion, würden schwammig und rutschten ins Sentimentale ab, wofür der Verfasser des Artikels eine Reihe von Belegen bringt: “Wie kann es, bei solcher Autorin, zu solchem Sprachdunst kommen”, fragt sich der Rezensent und stellt einen Kapitalfehler fest: das Aufbauen des Romangeschehens um eine Hauptfigur, ohne jedoch die Konsequenz des Erzählens aus deren Perspektive zu bewahren. Wäre das der Fall gewesen, hätten die erregten Bilder zum Dokument für das Bewußtsein einer jungen Frau in der Diktatur geraten können. “Die hypertrophe Innerlichkeit der Sprache” erschiene “als Symptom für die Leiden an der brutalen Ummauerung: Metapherngewucher als letzte Gestalt von Freiheit.” Wo das vorhanden sei, gäbe es faszinierende Passagen. Die jedoch ebenfalls vorhandene unklarere Erzählregie lege allen Personen, auch den Nebenfiguren die glei-chen Sprachdelikatessen in den Mund. Man werde so poetisch überfüttert und hege den Verdacht, daß Herta Müller ihrer eigenen Geschichte nicht traue, die in ihrer Kerhand-lung jedoch echte dramatische Qualitäten besäße, das seelische Konfliktpotential und die Sinnbildlichkeit einer kühnen Novelle.

Zu dem Band Eine warme Kartoffel ist ein warmes Bett (4) äußert sich in einer Rezension Michael Kroner als einer, der auch aus Rumänien kam, in genauer Kenntnis der Zustände unter der Diktatur, als einer, der auch aus dem Osten in den Westen kam und ähnliche Erfahrungen machte, in Einverständnis mit dem Was und Wie der essayistischen Behauptungen der Verfasserin Herta Müller.

Da in der einen Schläfe liegt Rumänien, das zerbrochene, mitgebrachte Land, aus dem ich komme. Menschen gehen durch dieses Land, mit vor Hunger suchenden Augen. In der anderen Schläfe liegt Deutschland, das glatte Land, das mit dem Koffer begann. Menschen gehen durch dieses Land mit suchenden Augen. Ohne Hunger

- heißt es hier beispielsweise, und noch ist der kulinarische Anstrich nicht verloren-gegangen. Der deutsche Leser grübelt darüber nach, was eigentlich Hunger ist und versucht sich vorzustellen, daß die Kartoffel da wirklich nicht metaphorisch und unbildlich gemeint ist. Der Hungrige, Schlange-Stehende gehört zur Diktatur; der Satte, Verständnislose wird der westlichen Demokratie zugeordnet. Schwer verständlich sei es diesem, mit Ausnahme weniger, das Wesen einer Diktatur auszumachen, sich eine Diktatur von innen vorzustellen - dies geht aus der Rezension hervor. Hunger, Verschleppung und Zwangsarbeit, Angst und Verfolgung seien ihm fremd. Aktuelle sozial-politische Fragen fänden hier in knappen prägnanten Sätzen und Bildern, in Form von Reflexionen Behandlung, wobei zeitweilig der Bogen überspannt würde, vor allem, wenn es die kritische Einschätzung bundesdeutschen Verhältnissen gälte. Da ist nun ein Beispiel der Haltung, die Herta Müller selbst ausdrückte, doch einer ganz ungeographischen und auch vom Poiltischen und Sozialen kaum abhängigen existentiellen Unzufrie-denheit. Kein Ort, nirgends. Das alles war schon vorbelebt und vorgestaltet.

Zu dem gleichen Werk äußerte sich auch die Rezensentin Renate Miehe (Warme Kartoffel - warmes Bett. Zugeschnürte Wünsche: Gesammelte Kurzpredigten von Herta Müller (5) ). Monat für Monat war vom September 1990 bis Dezember 1991 in der Schweizer Zeitschrift DU eine Kolumne von Herta Müller unter diesem Titel erschienen - subjektive Texte zum Zeitgeschehen, wie die Rezensentin meint. Allerdings ließen diese Sprachäußerungen den Leser ziemlich verlegen zurück. Für Journalistisches seien die Sätze nicht präzise genug geschliffen. Es wird ein knappes Beispiel geliefert: “Diesen Zusammenhang zu verschweigen ist eine Unterlassung”.

Mit Recht beanstandet Renate Miehe eine solche Aussage, denn Verschweigen und Unterlassung stehen klar pleonastisch zueinander. Auch darin muß man ihr Recht zusprechen, wenn sie von der politischen Naivität der Essayistin spricht, da es auf der Hand liege, daß zum Beispiel die Sprachregelung in der Diktatur nicht pauschal mit dem “eindeutig geregelten Schweigen” nach Verhandlungen in westlichen Demokratien gleichgesetzt, den Politikern weder Eile noch gar Überstürtzung in der Lösung von Problemen abverlangt werden kann, schon gar nicht von einem allgemein und speziell in westlicher Politik so gut wie Unbewanderten. Wenn sich dann nicht ernsthafte politische Journalistik in diesen Texten erkennen lassen, solle man besser “die Elle der Literatur” an sie anlegen. Die Antwort auf diese Frage: Dann mußte man mehr Phantasie bei der Interpretation von Sinneneindrücken ausmachen können. Sprachliche Unschärfen wie zum Beispiel “Das immer wiedergekäute, europäische Haus, das ist ein Spiel wie Fingerzählen” und pathetisch aufgeputzte Sätze, die “an vergoldete Nüsse mit zweifelhaftem Inhalt” erinnerten (“Schon, weil mir die Kehle der Glocke in der Stirn steht, ist es ein zugeschnürter Wunsch.”), hätten da nichts zu suchen. Ob es sich da möglicherweise um philosophische Erörterung handele, ist die nächste Frage, die mit dem Hinweis auf mangelnde Gedankentiefe ebenfalls verneint wird. Das Beispiel dazu - der Satz “Vielleich ist der Wohlstand ein Kreis. Der Rand ist der Umfang des Kreises. Und größer als die Mitte.” Übrig bliebe die Kategorie der literarisch-journalistischen Kurzpredigt, um auch den Untertitel zu berücksichtigen - ein sehr heikles Genre, darin nur die aller witzigsten Köpfe unter unseren Schriftstellern mit Erfolg ein Zeugnis echter, wirkungsvoller Kunst ablegen konnten. Witzig seien die Texte Herta Müllers überhaupt nicht, eher schwebe dumpf wie Glockenton Weltschmerz über ihren Sätzen.

Noch eine Frage folgt: was soll der Leser damit anfangen? Er kann sich freilich nicht mit der von den Freuden des Lebens ausgesperrten Autorin auf die Treppe setzen und mitweinen; er fühlt auch nicht das Bedürfnis, ihr Trost zuzusprechen, wie sich auch noch so professionell mit kunstreichgewollter Art und Ausdauer vorgebrachte eigene Betrof-fenheit und Seelenerschütterung schwerlich auf das Publikum übertragen läßt, das übrigens - anderer Denkweise und Erfahrung wegen - höchstens theoretisch einigermaßen Verständnis für solche Befindlichkeit und Empfindlichkeit aufbringt, keine Chancen jedoch zu Selbstbesinnung wahrnehmen kann.

Eines aber will mit Nachdruck gesagt sein: alles, was Herta Müller über ihre Vergangenheit in Rumänien sowie über seelische und materielle Not unter einer Diktatur schreibt, zeichne sich durch Genauigkeit der Beobachtung, durch Wahrhaftigkeit der Empfindung, durch sensible und präzise Sprache aus.

Der Rezensentin ist hier das Fehlen von Zweifeln hoch anzurechnen! Jenseits des Geheges dieser frühen Erfahrungen ließe die Sicherheit in Reflexion und Formulierung nach, erkennbar nach. Manchmal habe man den Eindruck, daß sich hier jemand aus Furcht vor neuen Verletzungen weigere, vorbehaltlos neue Erfahrung zu machen, was - wenn es stimmte - freilich fatal für eine Autorin wie Herta Müller wäre, deren Schreiben so stark vom eigenen Erleben geprägt sei.

Die Welt ist “voller Schrecken” auch in dem von Oskar Pastior das persönlichste Buch der Herta Müller genannten Roman Herztier (6); Leiden und Widerhall: die sarmatische Herausforderung Johannes Bobrowskis und Herta Müllers lautet in den “Deutschen Studien” (Sarmatien) die Überschrift einer Studie von Walter Hildebrandt, Leidendes Land und politischer Weltschmerz heißt ihrerseits eine Rezension von Werner Creutziger in der NDL. Der lange Weg in die Bewährung ist der Titel eines Artikel Peter Motzans in den Südostdeutschen Vierteljahresblättern. Man stellte sich vielleicht dabei die Frage: Bewährung im Leiden oder Leiden als Bewährung? Jedenfalls - aus dem Leid ist nicht herauszukommen.

Zu erwähnen wären noch folgende Studien: Die erfundene Wahrnehmung. Annäherung an Herta Müller von Norbert Otto Eke (7) (zu Herta Müllers Der Teufel sitzt im Spiegel. Wie Wahrnehmung sich erfindet, Berlin, Rotbuch 1989 bzw. 1991). Eine Reihe von Interpretationen sind in der Zeitschrift Halbasien, Heft 2, München 1991, zu finden. In seiner erwähnten Abhandlung Der lande Weg in die Bewährung nimmt Peter Motzan Stellung zu dem Problem, das Grund der Schrecken und des Leidens ist - das Leben in der Diktatur, auch wenn dieses Vergangenheit darstelle. Die Bewältigung des Erlebten kann freilich nur ein langwieriger Weg des unvollstöndugen Genesens sein, doch da hätten andere ein gewichtigeres Wort zu reden gehabt, die nicht zur Feder greifen. Dort ist das Schreiben über Existenz und Zustände in Diktaturzeiten angebracht, rechtfertigter und überzeugender, wo sie als Globalerfahrung, als, um ein typisches Wort der kommunistischen Ideologie einzustreuen, Kollektivschicksal gemeint sind - ob in assoziativ-kombinatorischer, von expressiven Lyrismen durchsetzter Schreibweise”, mit “bohrender Intensität und schmerzhafter Sinnlichkeit” oder sonstwie, ist vom Problem her gleich. Ein oder zwei Privatfälle spiegeln nicht, was wirklich Diktatur für Menschen heißt, zumal wenn sie kaum über das Subjektive Bewußt-Gesteigerte hinausgehen.

Daß die sechs Bücher der Schriftstellerin doch einen nicht übersehbaren Widerhall im deutschen Geistesleben hinterlassen haben, bezeugen noch viele Stellungnahmen in Form von Rezensionen und Artikeln. Zu Barfüßiger Februar (8) gab es gleich mehrere Rezensionen (9) Zu dem Werk Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt, das die Aussiedlungsproblematik anhgeht und übrigens auch ins Dänische, Schwedische, Französische, Spanische übersetzt wurde, kam auch eine Reihe von deutschen und fremdländischen Rezensenten zu Wort (10). Zu dem Roman Reisende auf einem Bein äußerten sich auch Verena Auffermann und andere (11).

Man kann nicht behaupten, Herta Müller habe nicht ausgiebig von sich reden gemacht. Folgendes bedarf unbedingt der Erwähnung: Wie dem auch sei, im Hin und Her der Dispute, vom Hochlobsingen zum Verwerfen - ist die Verfasserin Herta Müller für ihr Werk mit genug Ehrungen bedacht und mit Preisen ausgezeichnet worden, und Preise werden sicherlich nicht durchwegs umsonst vergeben - um von einem diesbezüglichen Schlimmstfall auszugehen. Schon im Heimatland erhielt sie für die Niederungen den Literaturpreis des Rumänischen Kommunistischen Jugendverbandes und den Debütpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes. Die Jury der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung kürte das Werk im Juli 1984 zum Buch des Monats, auf der Bestsellerliste des Südwestfunks belegte es den achten Platz, der Westdeutsche Rundfunk brachte eine Lesefolge daraus, das ZDF stellte in der Aspekte-Sendung dem Publikum die Autorin vor, und der Rotbuch-Verlag tat das nämliche auf der Frankfurter Buchmesse. Im Dezember 1984 nimmt Herta Müller im neuen Sendezentrum des ZDF den Aspekte-Literaturpreis entgegen und im Januar des Jahres wurde ihr im Bremer Rathaus der Förderpreis des Bremer Literaturpreises verliehen. Alles für ihr Erstlingswerk.

In der großen deutschen Presse wurde das Buch erstaunlich positiv rezensiert: der Rheinische Merkur veröffentlichte den Beitrag Dorfwirklichkeit wird literarisch gebannt, in sorgfältigst austarierten negativen Idyllen; der Bonner Generalanzeiger gestand dem Band zu: “In poetischen, doch sehr einfachen, unverkrampften Wendungen fast immer genau die Atmosphäre und das Lebensgefühl zu treffen”; der Hamburger Spiegel schrieb: “Diese Autorin wird, trotz ihres bescheidenen Buchtitels, trotz ihrer unmodischen Schreibweise nicht übersehen werden können”; die Süddeutsche Zeitung hob die “großartig unprätentiösen sprachlichen Bilder” hervor und daß die Autorin “eine empfindsame und aufbegehrende literarische Sprachgebung gefunden habe, die ihre Traurigkeit, Verletzbarkeit und Fremdheitsgefühl in vor Schönheit irritierende Bilder verwandelte.”

Im Jahre 1989 erhielt Herta Müller den Marie-Luise-Fleißner-Preis für Reisende auf einem Bein, für publizistische Prosa erhielt sie den Bremer Förder-Preis, motiviert durch die “kühne, knappe und reizvoll aus sachli-cher Beobachtung und poetischer Formkraft neu belebte Ausdruckskraft” und den den Ricarda-Huch-Preis in Darmstadt.
 


 

ANMERKUNGEN:

 

(1) Niederungen. Prosa, Rotbuch Verlag, Berlin 1984.

(2) Nr. 92 vom 17.04.1984.

(3) In: Spiegel, Heft 31, 1984

(4) Hamburg, Europäische Verlagsgesellschaft, 1992.

(5) FAZ vom 13.01.1993, Nr. 10.

(6) Reinbeck bei Hamburg, Rowohlt 1994.

(7) Paderborn, Insel-Verlag Wissenschaft 1991.

(8) Prosa. Berlin, Rotbuch-Verlag, 1987.

(9) J. Bossinade: Deutsche Bücher 18, 1988; M. Münk-ler: Utopie vom Tod in: Die Zeit Nr. 11 vom 11. 03. 1988; P. Mohr in: NDH Nr. 31, 1988, U. Michalowski: Viele Räume sind unter der Haut in: Rheinischer Merkur Nr. 17 vom 22.04.1988; mehrere Rezensionen von A. Hüfner, S. Cramer; P. Von Matt usw. Zu dem gleichen Werk gibt es noch eine Kritik von Inge Meidinger-Geise.

(10) Darunter Nicole Bary, Grenze - Entgrenzung in Herta Müllers Prosaband “Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt”, Lille, Universität Charles de Gaulle 1990; Mechthild Manus und Günther Hasenkamp, Rezension, in: Prisma, 1989.

(11) Gefahr ins Leere zu stürzen in: SZ, Nr. 233 vom 10.10.1989; Matthias Rüb, Das fremde Heimatland, in: FAZ Nr. 235 gleichen Datums; Ruth Fühner, In der Fremde, in: FR, Nr. 235, idem; Reinhard Tschapke, Auf einem Bein, in: Die Welt, Nr. 236, ebd.; Günter Franzen, Test the West, in: Die Zeit, Nr. 40 vom 10.11. 1989, u.v.a. Zu Eizelausgaben und einzelnen Werken gibt es weitere Besprechungen: Susanne Mayer zu Der Teufel sitzt im Spiegel. Wie Wahrnehmung sich erfindet (Ein Erdhauch über Gräbern, in: Die Zeit, Nr. 42 vom 11.10.1991); Frank Schirrmacher, In jedem Haus nur einen Augenblick bleiben - zum gleichnamigen Buch (in: FAZ, Nr. 178 vom 3.08.1991); Wolf P. Schnetz - über die Denkprosa Herta Müllers (in: Der Literat, Nr. 33, 1991) u.v.a.m.

 

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