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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 334-339

 

 

SAUSSURE VERSUS DURKHEIM:

ANSÄTZE DER POSTMODERNEN SPRACHSOZIOLOGIE UM DIE JAHRHUNDERTWENDE

Sorin Gãdeanu




Eine provokante Behauptung von Scott Lash (1) kann als Anlaß zur Rückbesinnung auf Saussure und Durkheim genommen werden und motiviert auch den Versuch eines Rückblicks auf die Setzung der positivistisch angehauchten Wissenschaften von der Soziologie und der Allgemeinen Sprachwissenschaft, wenn auch paradoxerweise mit einem ausgeprägten Hang zur “Hyperspiritualität” (2).

Laut Scott Lash habe die Menschheit ein Zeitalter der “postlanguage” (3) betreten. Die Kommunikation finde heute weniger unter dem Zeichen der Sprache statt, sondern mehr unter dem Zeichen von Zahlen, Tönen, Bildern, Impulsen, und sei von der Körperlichkeit der Subjekte und deren Ausschreitungen, die als Sprachakte betrachtet werden, definiert.

Daß aber zumindest Zahlen, Bildern und Tönen, wenn nicht genausogut der Körperlichkeit, in der allgemeinen Semiotik eine kommunikative Rolle zugesprochen werden kann, hat schon Saussure behauptet:

Man kann sich also vorstellen eine Wissenschaft (sic!), welche das Leben der Zeichen im Rahmen des sozialen Lebens untersucht; diese würde einen Teil der Sozialpsychologie bilden und infolgedessen einen Teil der allgemeinen Psychologie; wir werden sie Semeologie (von griechisch semeion, “Zeichen”) nennen. Die Sprachwissenschaft ist nur ein Teil dieser allgemeinen Wissenschaft (...).

(...) Sache des Psychologen ist es, die genaue Stellung der Semeologie zu bestimmen; Aufgabe des Sprachforschers ist es, zu bestimmen, wodurch die Sprache ein besonderes System in der Gesamtheit der semeologischen Erscheinungen ist (4).

Diese Abgrenzung Saussures, die meistens im Zusammenhang mit der Diskussion um das “Leben des Zeichens” erwähnt wird, ist von größter Bedeutung, und daß sie gut ein halbes Jahrhundert lang, bis die Semiotik aus diesen Zeilen auferstanden ist, einen Dornröschenschlaf geführt hat, mindert nichts an ihrer Bedeutung, sondern veranlaßt vielmehr zum Nachdenken über ein Entstehungsmodell der Wissenschaften: so wie um die Jahrhundertwende die Gedanken des Cours in der Sprachwissenschaft als vereinzelte Theorieansätze und Bemerkungen kursierten (5), so ist es auch um die Entstehung der Semiotik bestellt gewesen.

Aber zumindest so interessant wie der Auszug über “das Leben des Zeichens” ist seine Fortsetzung. Die Semeologie wird dem Psychologen als Aufgabenbereich zugesprochen; dem Sprachwissenschaftler kommt lediglich die Abgrenzung der Sprache als System zu. Daß es nicht der Cours alleine war, sondern auch seine Wirkung, welche die Sprachwissenschaft zu einer Systemwissenschaft werden ließen, wurde an anderer Stelle erwiesen (6).

Das Zeitalter der “postlanguage”, so wie es Scott Lash sieht, wurde folglich schon lange skizziert und muß nicht unbedingt als polarisiertes Gegenpaar zur Sprachlichkeit verstanden werden. Es ist eher eine erweitere Fassung der Sprachlichkeit, wie sie heute allgemein verstanden wird.

Über den Gedankengang des Zitats, und über seinen äußerst vorsichtig formulierten und allgemein gehaltenen Ansatz hinaus - “das bestimmte Gebiet”, “die Gesamtheit der menschlichen Verhältnisse” - wird es deutlich, daß Saussure den Anschluß an eine übergreifende Wissenschaft sucht. So wie die scholastische Philosophie als mittelalterliche Königin der Wissenschaften fungierte, so bestellt zwar Saussure die allgemeine Psychologie zur übergeordneten Disziplin, verliert aber, an verschiedenen Stellen des Cours, den soziologischen Ansatz (wohl, wie hier zitiert, der Psychologie untergeordnet) nicht aus dem Blick; schon auf derselben Seite heißt es, “daß die Sprache eine soziale Einrichtung ist”.

 

Die Systematik der Année sociologique

1. Allgemeine Soziologie (sociologie générale)

    Gegenstand und Methode der Soziologie, Sozialphilosophie, Sozialgeschichte,

     soziologische Theorien.

2. Religionssoziologie (sociologie religieuse)

    Primitive Religionen, Magie, Aberglauben, Mythen, Totenkult, Ritual, religiö

    se Orden, Religionsgemeinschaften

3. Rechts- und Moralsoziologie (sociologie juridique et morale)

    Soziale Organisation, politische Organisation, Sitten und Gebräuche, Familie,

    Eigentumsrecht, Vertragsrecht, Strafrecht, Prozeßrecht.

4. Kriminalsoziologie (sociologie criminelle et statistique morale)

    Kriminalität, Kriminalstatistik, organisiertes Verbrechen, Strafvollzug,

    Psychiatrie.

5. Wirtschaftssoziologie (sociologie économique)

    Wirtschaftstheorie, Wirtschaftssysteme, Produktion, Konsumtion, Arbeit,

    Gewerkschaften, Klassen, Handel, Finanzwesen, Volkswirtschaft, Regional-

    wirtschaft, Sozialpolitik.

6. Sozialstruktur (morphologie sociale)

    Demographie, Sozialgeographie, städtische Gesellschaft, ländliche Gesell-

    schaft.

7. Sonstiges (divers)

    Ästhetik, Technologie, Sprache, Anthropologie, Kriegswesen



Weiterhin definiert Saussure die Stellung der Sprache im Zeitalter der “language” (a.a.O.):

Die Sprache ist ein System von Zeichen, die Ideen ausdrücken und insofern mit der Schrift, dem Taubstummenalphabet, symbolischen Riten, Höflichkeitsformen, militärischen Signalen usw. vergleichbar. Nur ist sie das wichtigste dieser Systeme.

Gerade diesen letzten Gedanken bestreitet Scott Lash. Nach seiner Aufassung haben andere Zeichensysteme im Laufe der Zeit die Sprache mehr und mehr aus ihrer Rolle verdrängt. Ob er dabei im Recht ist oder nicht, bleibt dahingestellt.

Aber es ebnet sich mit dieser Behauptung Saussures ein weites Feld, auf welchem auch die Wissenschaftssetzung der Soziologie zu suchen ist. Von diesem Blickpunkt betrachtet, erscheint die Sprachwissenschaft als ein Sonderfall, ein Anwendungsgebiet der Soziologie, oder, wie Durkheim sie sieht, als ein Teilbereich dieser.

Die Behauptung mag wohl zugespitzt formuliert sein, ihre Begründung läßt sich aber, explizit bei Durkheim und implizit bei Saussure, im Verlauf der weiteren Argumentation erkennen.

Bei Durkheim wird das im ersten Anlauf, in der Systematik der Teildisziplinen der Soziologie aus der L’Année Sociologique nicht so deutlich (7):

Durkheim teilt hier der Sprache eine noch nicht klar definierte Rolle in dem Gefüge seiner umfassenden Soziologie zu: sonstiges heißt in seinem Sinne soviel wie noch nicht im System abgegrenzt, was sich aber später, in einer anders konzipierten Einteilung der Soziologie grundsätzlich verändern wird:





Dies hat er später, im Jahre 1909, in weiterführender Weise deutlicher artikuliert (8).

Hier geht es nicht mehr um die Sprache, sondern um die Wissenschaft davon, um die Linguistik. Aus einem nicht eingliederbaren Bereich der soziologischen Untersuchung (Sonstiges)-Sprache, entsteht hier aus dem Saussureschen Gegenstand der Linguistik ein Teilbereich der Physiologie sociale, also der Morphologie sociale - ein statisches, deskriptives Teilgebiet - entgegengesetzt der lebendigen Sprache und dem Bild vom Leben der Zeichen, wie sie Saussure darstellt. Die Linguistik, d.h. die Physiologie sociale, ist funktional, abstrakt und dynamisch, sie ist “hyperspiritualisiert”, eine Abstraktion zweiten Grades. Es geht nicht mehr um das Sprechen und um die Zeichenwelt des Sprechens, sondern schon um das von Saussure erwähnte besondere System in der Gesamtheit der semeologischen Erscheinungen.

Weiter heißt es bei Durkheim, noch ganz allgemein gehalten:

Ein soziologischer Tatbestand ist jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben; oder auch, die im Bereich einer gegebenen Gesellschaft allgemein auftritt, wobei sie ein von ihren individuellen Äußerungen unabhängiges Leben besitzt (9).

Die relevanten Schlüsselbegriffe für den Vergleich zu Saussure sind der “soziologische Tatbestand” und der “äußere Zwang”, welche von diesem ebenfalls in einem Atemzug genannt werden:

Die Sprache ist von allen sozialen Einrichtungen diejenige, welche am wenigsten zur Initiative Gelegenheit gibt. Sie gehört unmittelbar mit dem sozialen Leben der Masse zusammen, und diese ist natürlicherweise schwerfällig und hat eine konservierende Wirkung (10).

Über den Zwang der Sprache hat auch Durkheim gesprochen, ja sogar unter Miteinbeziehung des Denkens:
Ein jeder von uns spricht eine Sprache, die er nicht selbst geschaffen hat: wir finden die Sprache fertig hergestellt. Sprache ist, zweifellos, wie ein Gewand, in das die Gedanken gekleidet sind. Immerhin ist sie kein Alltagskleid, sie steht nicht einem jeden, und sie ist nicht die Art von Kleidung, welche ein jeder zu seinem Vorteil tragen kann (11).

Durkheim bleibt aber nicht bei dieser bildhaft formulierten Sprachbeschreibung, sondern entwickelt weiterhin ein eigenes Konzept, welches er über den Begriff “Kollektivvorstellung” ausformuliert. Dadurch bringt Durkheim die Sprache dem “fait social” sehr nahe:

Es steht nun außer Zweifel, daß die Sprache und folglich auch das System von Begriffen, welches sie übersetzt, das Ergebnis einer gemeinsamen Erarbeitung sind. Was sie ausdrückt, ist die Art und Weise, in welcher die Gesellschaft als Ganzes die Fakten der Erfahrung darstellt. Die Ideen, welche den verschiedenen Elementen der Sprache entsprechen, sind also kollektive Vorstellungen (12).

Das wäre die allgemeine, soziologische, nach außen gerichtete Analyse der kollektiven Vorstellungen unter kommunikativem Aspekt. Die Frage, die sich dabei ergibt, ist, ob in einem sprachwissenschaftlichen Ansatz nicht die Möglichkeit bestünde, die Einzelideen, die kollektiven Vorstellungen, als “faits sociales” auf einer nächsten Abstraktionsstufe zu untersuchen. Kollektive Vorstellungen sind noch nicht bewußt, erst in ihrer Gesamtheit entwickeln sie sich zum kollektiven Bewußtsein. Als Ideen ist das bei ihnen nicht der Fall. Erst die Funktionalisierung der Ideen in der Sprache führt zur Bewußtseinsbildung (das Schlüsselwort der Analyse bleibt das Übersetzen als Ergebnis der gemeinsamen Erarbeitung). Die von Durkheim explizit formulierte und von Saussure implizit umschriebene mechanische Solidarität durch Ähnlichkeit mündet nun in der Sprache als Produkt, im Kollektivbewußtsein als Sprache.

Diesen Denksprung muß man auf alle Fälle nachvollziehen, wenn man die Entsprechung bei Saussure sucht:

Die synchronische Sprachwissenschaft befaßt sich mit logischen und psychologischen Verhältnissen, welche zwischen gleichzeitigen Gliedern, die ein System bilden, bestehen, so wie sie von einem und demselben Kollektivbewußtsein wahrgenommen werden.

Das Kollektivbewußtsein offenbart seine bei Saussure zentrale Rolle erst einige Zeilen weiter, wo es einen grundlegenden Charakter durch die Differenzierungsfunktion zwischen Synchronie und Diachronie erhält:

Die diachronische Sprachwissenschaft untersucht dagegen die Beziehungen, die zwischen aufeinanderfolgenden Gliedern obwalten, die von einem in sich gleichen Kollektivbewußtsein nicht wahrgenommen werden, und von denen die einen an die Stelle der anderen treten, ohne daß sie unter sich ein System bilden (13).

Wittold Doroszewski, der erste Autor, der die Frage eines möglichen Zusammenhangs zwischen Saussure und Durkheim angeschnitten hat, bringt zwar den hier angeführten ersten Teil des Zitats über die synchronische Linguistik, nicht aber den zweiten, und bemerkt dazu:

Obwohl F. de Saussure seltener auf den Begriff des Kollektivbewußtseins zurückgriff als Durkheim, hat er dennoch nicht auf diesen Terminus und infolgedessen auf diese Auffassung verzichtet (14).

Was bei Doroszewski erstaunlich erscheint, ist nicht nur die konzessiv gehaltene Einstufung des Begriffes Kollektivbewußtsein bei Saussure, sondern die Tatsache, daß er seine wesentliche Rolle in der Setzung der Synchronie und Diachronie übersieht. Im zweiten Teil des Saussureschen Textes wird deutlich, daß neben dem Systembegriff das Kollektivbewußtseins das zweite wesentliche Unterscheidungselement in der Auseinanderhaltung der Synchronie von der Diachronie ist. Das Kollektivbewußtsein wird somit zum konstitutiven Definitionselement der Saussureschen Nomenklatur und ist in dieser Einstufung nicht von der Frequenz seiner Anführungen im Text abhängig, sondern von seiner Rolle im System der Sprachwissenschaft nach Saussure.

Das letzte angeführte Durkheim-Zitat, welches die Sprache als gemeinsame Erarbeitung sieht, ist nicht ein vereinzelter Vermerk, sondern eher der Ausdruck eines Gedanken, der öfter anzutreffen ist .

Es gibt kaum Wörter unter denen, die wir gewöhnlicherweise gebrauchen, welche im Rahmen der Grenzen unserer persönlichen Erfahrung bleiben, und welche nicht in einem größeren oder kleinerem Maß darüber hinausgehen. Es gibt demzufolge eine Menge Wissen, welches im Wort gestaut ist und welches wir nie gesammelt haben, und welches nicht individuell ist (15).

Was bei Durkheim hier “nicht individuell” ist, wird bei Saussure als “Sprache” gebracht:

Die Sprache besteht in der Gemeinschaft in der Gestalt einer Summe von Eindrücken, die in jedem Gehirn niedergelegt sind, ungefähr so wie ein Wörterbuch, von dem alle Exemplare, unter sich gleich, unter den Individuen verteilt wären. Sie ist also etwas, das in jedem Einzelnen von ihnen vorhanden, zugleich aber auch allen gemeinsam ist und unabhängig von dem Willen der Aufbewahrer (16).

Dafür verharrt aber Durkheim auf seinem lexikalischen Ansatz von vorhin auch dann, wenn er eine der schönsten Stellen über das Wesen der Sprache verfaßt:

Es sind die Wörter, welche Unterschiede in den Faden unseres Denkens einführen. Weil das Wort eine diskrete Einheit ist. Es hat eine bestimmte Individualität und scharf definierte Grenzen (...)

In einem gewissen Sinne tut die Sprache dem Gedanken Gewalt an, sie entstellt und entartet ihn, sobald sie in diskontinuen Termini das ausdrückt, was grundsätzlich Kontinuum ist (17).  

Die bisherigen Äußerungen Saussures und Durkheim zeigen sehr wohl eine Verwandtschaft der Gedankengänge der beiden Autoren und könnten noch anhand von weiteren Beispielen veranschaulicht werden. Die bisher genannten Stellen scheinen aber die für eine ausführlichere Untersuchung relevantesten gemeinsamen Punkte zu enthalten. Abschließend sei noch ein Bild der neuen Königin der Wissenschaften bei Durkheim gegeben, welches auch eine Ausführung zur Sprache enthält:

Es gibt, in Wirklichkeit, so viele Zweige der Soziologie, wie viele Einzelwissenschaften wir kennen, so wie es verschiedene Arten von faits sociales gibt (...)

Die Sprache, welche in gewissen Bereichen von organischen Bedingungen abhängig bleibt, ist trotzdem eine gesellschaftliche Erscheinung (ein fait social), weil sie das Produkt einer Gruppe ist und zugleich von ihr geprägt wird. Die Sprache ist sogar, im allgemeinem, eines der charakteristischen Elemente von Physiognomien der Gesellschaften, und es hat schon seine bestimmten Gründe, daß die Verwandtschaft der Sprachen des öfteren verwendet wird, um Verwandtschaften zwischen den Völkern zu bestimmen.

Es gibt, demzufolge, einen Untersuchungsgegenstand für die soziologische Untersuchung der Sprache, welche schon unternommen wird (18).

In einer Fußnote zu dieser Rezension erwähnt Durkheim auch ein Beispiel für die sich anbahnende soziologische Untersuchung der Sprache, und zitiert Antoine Meillet (der mit Sausure übrigens im Briefwechsel stand) mit seinem bedeutenden Aufsatz aus dem Jahre 1906, Comment les mots changent des sens (19), der die Grundlage für die Untersuchung des Sprachwandels setzte. Durkheim verfolgte also die Entwicklungen in der Sprachwissenschaft. Auch von Saussure weiß Doroszewski zu berichten:

“Wie ich aus sicherer Quelle weiß, verfolgte F. de Saussure mit regem Interesse die philosophische Auseinandersetzung zwischen Durkheim und Tarde” (20), d.h. er sollte auch Durkheims Wissenschaftsentwicklung verfolgt haben.

Einen Überblick der Literatur im Zusammenhang mit der möglichen, aber noch nicht eindeutig nachgewiesenen Beeinflussung von Saussure durch Durkheim liefert die schon eingangs erwähnte Arbeit von Scherer (21) und eine Zusammenfassung, die aber wiederum die Frage so gut wie offen läßt, von Christine Bierbach (22). Sie spricht von einer “soziologischen Strömung”, welche bestrebt ist, die Abhängigkeit der Langue-Konzeption Saussures von Durkheim zu beweisen, und von einer “immanenten Strömung”, die jeden außerlinguistischen Einfluß auf Saussure bestreitet und bestenfalls auf Antizipationen in der traditionellen Sprachwissenschaft verweist.

Den Ausgangspunkt der Debatte stellt der schon erwähnte Aufsatz von Doroszewski dar, der behauptet, daß

die ‘Sprache’ bei Saussure nicht nur dem ‘soziologischen Tatbestand’ Durkheims genau entspricht, sondern daß sogar diese halb psychische, halb soziale Sprache, die außerhalb des Individuums existiert (...) in gewisser Hinsicht nach den ‘Kollektivvorstellungen‘ Durkheims gebildet ist (23).

Die folgenschweren Auswirkungen dieser Behauptung von Doroszewski ließen in der Saussure-Exegese nicht lange auf sich warten. Dabei scheint es, daß der Vorrang des Soziologischen über das Immanente, bzw. umgekehrt, als wichtigste Fragestellung das Verhältnis Durkheim-Saussure dominiert. Eine eingehende Textuntersuchung, die eine zusammenfassende Einsicht der inhaltlichen Bezüge liefern kann, gibt es noch nicht.

Abschließend kann noch die Position von Washabaugh angeführt werden, die wohl dem Tatsachenbestand der bis dahin durchgeführten Untersuchungen am nächsten steht. Washabaugh (24) behauptet, daß zwar beide Autoren ihre Wissenschaften unter terminologisch und methodologisch identischen Prämissen aufnehmen, und daß sie beide davon ausgehen, daß die sozialen Erscheinungen Autonomie beanspruchen können. Diese Übereinstimmungen sind aber ontologisch nicht haltbar: Saussure läßt das Soziale (langue) aus dem Individuellen (parole) hervorgehen, während bei Durkheim das kollektive Faktum die individuellen determiniert.

Abgesehen von den manchmal unflexiblen und vereinfachenden Formulierungen Washabaughs, geht auch dieser, obzwar seine Fragestellung durchaus berechtigt ist, nur von den Regeln der soziologischen Methode aus, ohne die anderen Schriften Durkheims in ihrer Vielfalt der Äußerungen zur Sprache zu untersuchen.

Andererseits ist die terminologische Übereinstimmung eine vielleicht notwendige, aber keinesfalls hinreichende Bedingung, um eine These der Nachbildung der Saussureschen Allgemeinen Sprachwissenschaft aufgrund der Soziologie von Durkheim zu formulieren. Aber selbst die Vermutung einer schieren Nachbildung wäre eine Vereinfachung, bei der Komplexität der beiden Werke. Was aus den angeführten Textstellen offensichtlich wird, ist zumindest eine erstaunliche Parallelität, welche die Vermutung einer möglichen Beeinflussung von Saussure noch immer plausibel erscheinen läßt.

 

Schlußfolgerung


Die postmoderne, destruktivistische Auffassung von der “postlanguage” kann ohne weiteres in das Saussure-Durkheimsche Bild von den der Sprachwissenschaft übergeordneten, d.h. sie erweiternden Disziplinen eingeordnet werden - über die soziologische Betrachtung, deren Bedeutung dadurch evident wird.

Die Gesamtheit der Zusammenhänge zwischen der Auffassung über die Soziologie bzw. die Allgemeine Sprachwissenschaft bei Durkheim bzw. Saussure ist noch nicht zufriedenstellend erforscht. Schon bei einem Vergleich eröffnet sich die mögliche Rekonstruktion eines Sprachbildes als Replik auf die “postlanguage”.

 


ANMERKUNGEN:

(1) Scott Lash, Postmodernity and Desire, in Theory and Society, 14 (1), 1984, S. 1 - 31.

(2) Durkheim gesteht ihn explizite für seine Soziologie: Emile Durkheim, Representations individuelles et representations collectives, in: Sociologie et Philosophie, Paris, Alcan, 1924, S. 70.

(3) Scott Lash, apud: Stjepan G. Mestroviæ, Durkheim and Postmodern Culture, Aldine de Gruyter, New York, 1992, S. 70.

(4) Ferdinand de Saussure, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, Walter de Gruyter & Co., Berlin, 1967, S. 19.

(5) Ein ausführlicher Überblick dazu in: Thomas M. Scherer, Ferdinand de Saussure. Rezeption und Kritik, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1980, S. 127 ff.

(6) Ebd.

(7) Werner Schnörringer, Emile Durkheims Beitrag zur Begründung der Soziologie als Wissenschaft im Rahmen der Reform des französischen Bildungswesens (1887 - 1902), Heidelberg, 1992, S. 44.

(8) Emile Durkheim, Sociologie et sciences sociales, in: La science sociale et l’action, Paris, 1970, S. 137-159, zitiert nach Schnörringer, a.a.O., S. 100.

(9) Emile Durkheim, Regeln der soziologischen Methode, Luchterhand, Neuwied und Berlin, 1970, S. 114.

(10) Ferdinand de Saussure, a.a.O., S. 86.

(11) Emile Durkheim, Rezension über Albert Schaffles Bay und Leben des Körpers, in: Emile Durkheim on Institutional Analysis, Chicago, Chicago University Press, 1978, S. 102.

(12) Emile Durkheim, The Elementary Forms of Religious Life, New York, Free Press, 1978, S. 101.

(13) Ferdinand de Saussure, a.a.O., S. 119.

(14) Wittold Doroszewski, Über die Beziehungen zwischen Soziologie und Linguistik, in: Der moderne Strukturbegriff, Hrsg. Hans Naumann, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1973, S. 55.

(15) Emile Durkheim, The Elementary Forms of Religious Life, New York, Free Press, 1965, S. 483.

(16) Ferdinand de Saussure, a.a.O., S. 23.

(17) Emile Durkheim, The Evolution of Educational Thought, London, Routledge & Kegan Paul, 1977, S. 344.

(18) Emile Durkheim, Rezension zu Alfred Schaeffle Bay und Leben des sozialen Körpers, in: Emile Durkheim on Institutional Analysis, Chicago, Chicago University Press, 1987, S. 101.

(19) Erschienen in: L’ Année Sociologique, Nr. 9 (1906), S. 1-39.

(20) W. Doroszewski, a.a.O., S. 56.

(21) Thomas M. Scherer, a.a.O., S. 131 ff.

(22) Christine Bierbach, Sprache als “Fait social”. Die linguistische Theorie F. de Saussures und ihr Verhältnis zu den positivistischen Sozialwissenschaften, Max Niemeyer, Tübingen, 1978, S. 147 ff.

(23) W. Doroszewski, a.a.O., S. 55.

(24) W. Washabaugh, Saussure, Durkheim and Sociolinguistic Theory, in: Archivum Linguisticum, 5 (1974), S. 27.

 

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Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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