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Der ungefähre Weg in die Mitte:

Verschlüsselungstechnik in Wilhelm Meisters Wanderjahre und in den Wahlverwandtschaften

 


Vasile V. Poenaru

 

   Den Schlüssel zum wundersamen Kästchen in Wilhelm Meisters Wanderjahre hat der Lausejunge Fritz gefunden, das Kästchen selbst jedoch Felix geborgen. Aufbewahrt wurde es aus der Initiative seines Vaters (des Freundes) Wilhelm an einem sicheren, seiner Bedeutung, seiner innewohnenden Semantik entsprechenden Ort. Hersilie, die Freundin, stellt das Medium dar, anhand dessen Kästchen und Schlüssel wieder vereint werden. Sie läßt es öffnen, erfährt aber nie, was drin war. Denn offenbar war mehr drin als das, was man sich aus festumrissenen begrifflichen Paradigmen heraus als Inhalt einer Form vorstellen würde. Das Kästchen ist die unheimlich dünkende kritische Textmasse des Totalitätsromans, sein Inhalt ein Mysterium, das es im eigentlichen Sinne gar nicht gibt, sondern nur als Widerspiegelung stufenweise vermittelter Befunde einer gesteigerten Selbstreflektion. Nicht vom Autor, vielmehr vom Leser wird sie durchgeführt.

   Bezeichnenderweise beginnt der Roman ja übrigens strenggenommen gar nicht mit einem Anfang, sondern mit einer willkürlich als solche gesetzten “bedeutenden Stelle”[1], von der aus Wilhelm sich daran macht, durch den Roman zu gehen. Und weil Wilhelm an dieser uns als bedeutungsvoll anempfohlenen Stelle gerade dabei ist, etwas niederzuschreiben, dürfen wir annehmen, daß die bedeutungsvollen Stellen im Text diejenigen sind, in denen der Akt des Schreibens (und des Lesens) vollbracht wird. Jede Stelle, zu der man gerade ankommt, ist bedeutungsvoll, insofern man sich darauf versteht, ihr Bedeutung abzugewinnen bzw. beizumessen.

   Schon bevor er den totalen Roman mit all seinen oft irreführenden Verzweigungen in die Welt der Rezeption setzt, gibt der Dichter den Ton der im Hintergrund seiner Überlegungen waltenden Ausrichtung von Themenkomplexen an, die er gegeneinander ausspielt. Zeit und Raum werden transzendiert, relativiert, aus der Perspektive des ver- und entschlüsselnden Geistes über das nicht immer behagliche Medium des geheimnisvollen Wortes aufgehoben, erschlossen, in uneigentlicher Form disseminiert, an den Mann gebracht, wieder zurückgenommen, verwesentlicht und in ein mutmaßliches Kontinuum zwischen Anstand und Zustand sprachlicher Elementarpartikel gesetzt; da, wo es kein Da gibt: “Ich scheine mir an keinem Ort/ Auch Zeit ist keine Zeit/ Ein geistreich aufgeschloßnes Wort /Wirkt auf die Ewigkeit.“[2]

   Die Wirkung einer Dichtung vermag die engeren empirisch bedingten Kategorien nur insofern zu transzendieren, als der Prozeß der Rezeption, der (teilweisen) Entschlüsselung ihrer Bedeutungsstruktur ein geistreicher ist. Nur dann wird die Wirkung auf die Ewigkeit gewährleistet. Nur dann sitzt jeder Satz.

Das bedeutende Kästchen steht vor mir, den Schlüssel, der nicht schließt, hab ich in der Hand, jenes wollt ich gern uneröffnet lassen, wenn dieser mir nur die nächste Zukunft aufschlösse.[3]

   Mit diesen Worten wandert Hersilie gleichsam als eine lebendige Metapher an der Schwelle des Textes herum. Der Schlüssel steht für die Eigenart des menschlichen Geistes, den Dingen Bedeutungen beizumesen. Das Kästchen ist eine Vision, das bedeutungsstrotzende Paradigma, auf das es der unruhige Geist in seinem freiwilligen oder eben angezwungenen Drang nach Totalität abgesehen hat und das sich allein durch Anschaulichkeit und /oder Erkenntnis kaum erschließen läßt. Die Anschaulichkeit totaler Erkenntnis, das einverleibte Bedürfnis einer alle Instanzen und Perspektiven der Rezeption in die Gewachsenheit möglicher Seinsentfaltung intergrierender Visionen bringt bereits Faust I zum Ausdruck. “Schau alle Wissenschaft und Samen/ Und tu nicht mehr in Worten kramen.”[4]

   Die nächste Zukunft des Schreibenden, die nächste Zukunft des Lesenden: Aus hermeneutischer Perspektive ließe sich somit womöglich der Begriff Text schlechthin definieren. Die nächste Aktualisierung der jeweils bestmöglichen aller sinnstiftend aufgehobenen Bedeutungskonstellationen, die nächste glückliche Wahl eines Wortes als ungefähr gesetztes Konglomerat aus Zeichenfunktion und Inhaltsfuntion, der nächste Gedanke, den zu hegen der Textfreund sich anmaßt, die nächste kühne Tat der wandelnden Lektüre, innerhalb derer Autor und Leser einander als Wanderer begegnen, innerhalb derer sich der Autor selbst begegnet: als schreibende Instanz und als rezipierende Instanz zugleich „in einer Brust“[5], in der dialektischen Simultaneität dichterischer Verschränkungen.

   Es gibt nichts außerhalb des Textes (Derrida[6]). Es gibt nichts außerhalb des Kästchens. Darf man sich die Wanderjahre als ein immerfort hin und her-getragenes Kästchen denken, so ist zwar für jeden offenbar, daß dieses Büchlein, daß dieses Kästchen an sich schön ist und für uns schön sein könnte. Doch die Stunde der wahren Rezeption schlägt selten. Von außen betrachtet wirkt der Inhalt des Buches anschaulich, ja erbaulich. Das Schöne bringt ästhetischen Genuß und begriffliche Zusammenhänge. Das Erhabene jedoch droht das rezipierende Subjekt vollkommen zu überwältigen, als solches aufzuheben und dann als Quasi-Subjekt in einer sich selbst objektivierenden allumfassenden Dynamik des Textes einzugliedern. Deswegen ist das Erhabene gefährlich. Der magnetisierte Schlüssel generiert elektromagnetische und semantische Felder zugleich, denen nur der Eingeweihte unter Umständen Sinn abzugewinnen vermag. Reine Vernunft und Urteilskraft gesellen sich zum Sinnlich-Anschaulichen. Dazu das Mysterium der Kommunikation zwischen der ersten und der zweiten Person, zwischen Mann und Frau, zwischen Dichter und Leser, das immer eines vorerst ungeöffneten Vehikels als Bedeutungsträger bedarf.

Für welchen Richterstuhl eigentlich das Geheimnis gehöre, das wollen wir unter uns ausmachen; bis dahin bleibe es unter uns; niemand wisse darum, es sei auch, wer es sei.(…) Gott sei uns gnädig! Aber das Kästchen muß zwischen mir und Ihnen erst uneröffnet stehen und dann eröffnet das weitere selbst befehlen. Ich wollte, es fände sich gar nichts drinnen, und was ich sonst noch wollte, und was ich sonst noch erzählen könnte − doch sei Ihnen das vorenthalten, damit Sie sich desto eiliger auf den Weg machen.[7]

   Goethe selbst sagte zu dem Roman: "Es gehört dieses Werk übrigens zu den incalculabelsten Produktionen, wozu mir fast selbst der Schlüssel fehlt.”[8] Das ist eine starke Aussage, die allerdings ihrerseits nicht nur die Interpretation fördert, sondern auch Gefahren birgt. Denn wenn man sich ihrer als Schlüssel zum Roman bedienen will, muß man es wohl ebenfalls geschickt anstellen, muß man wohl ebenfalls in die tieferen Schichten des verpackten Wortes eingeweiht sein: anders gesagt den Schlüssel des Autors mit hermeneutischer Vorbehalt anfassen und/oder betrachten, da sich keine Art von Totalität je aus teilweiser Perspektive vollkommen erschließen läßt.

   Daß Farbe, Licht, Text und Sein ineinander gewachsene Elemente einer tiefgründigeren Erkenntnisinstanz darstellen, ist nicht nur an Goethes Spätwerk intuitiv spürbar. Hier jedoch hat sie der Autor in höherem Grade zur Verschlüsselung der Bedeutungsstruktur seiner Dichtung herangezogen. Das naturwissenschaftliche Prinzip und das künstlerische Prinzip bedingen und begründen einander, wobei über die eingebauten Ungereimtheiten hinaus ein jeweils in sich folgerichtiges Ganzes gewährleistet wird. Weil die gleichsam ins Unendliche reflektierte und umgeformte Textmasse jedoch dem Leser keineswegs etwa als fertiggestelltes Produkt dargereicht wird, sondern Autor und Leser sich in der Mitte treffen, um dem Text mehr Sinn zu verleihen, kann man hierin von sinnstiftender Interaktivität sprechen. Es scheint, daß Goethe zwei Werke „geglückt“ sind, die auf unsagbaren Wegen besonders aufschlußreich in einer vielschichtigen Bedeutungsstruktur „an den Leser“ gebracht werden, um unwillkürlich Gedanken dämmern zu lassen.

   Glück aber hat mit Zufall zu tun. Und gerade der Zufall ist es, der unter einnehmender Entfaltung schriftstellerischen Vermögens manipuliert wird. Aus dem Zusammenspiel des Möglichen mit dem Wahrscheinlichen gewinnt der Text ein semantisches Gefälle der Perspektiven, durch deren Ineinanderwirken sich durchaus anregende Befunde ergeben, die zur inneren Dynamik der Lektüre beitragen.

   Entsagen fungiert bei Goethe als Verschlüsselungprinzip, weil in dieser Metapher ein unbeständiges Labyrinth von – auf Anziehung und Ablehnung basierenden – Welten steckt. Ob es möglicherweise in dialektischer Art auch als Entschlüsselung herangezogen werden könnte, ist eine Frage der Wahlverwandtschaft zwischen Leser und Text. Wer etwas will, muß dessen entsagen, um es – in veränderter Form − zu bekommen. Weil die tiefere Aussage des jeweiligen Romans durch eine voreilige Formulierung bzw. Vergegenwärtigung ihre Eigentlichkeit und somit ihre Gültigkeit einbüßen würde, kann kein unmittelbarer Bezug zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem hergestellt werden, sondern nur um die Aussage herum formuliert, nur um das Wort herum gesprochen, nur um das Schreiben herum geschrieben werden.

   In den Wahlverwandtschaften wird der Begriff der Wahlverwandtschaft aus der Chemie übernommen und auf die menschlichen Beziehungen übertragen. Das Wort Wahl ist freilich irreführend, sind es ja gerade die zwingenden Momente der gegenseitigen Anziehung, dessen sich die Individuen nicht zu entziehen vermögen und die sie dazu verleiten, alte Bindungen aufzulösen und neue einzugehen. Die Wahlverwandtschaften zwischen Eduard und Charlotte, zwischen Eduard und Ottilie, zwischen Ottilie und dem Hauptmann sind die sichtbarsten, aber freilich keineswegs die einzigen des Romans, denn es gibt ja noch unter anderem etwa die Wahlverwandtschft zwischen Ottilie und dem Behülfen bzw. zwischen Ottilie und dem Architekten. Wenngleich diese dezentralen Wahlverwandtschaften nicht eigentlich aktiviert werden, generieren sie Spannungsfelder innerhalb der Struktur des Textes, die an der Veranschaulichung des Problemromans mitwirken.

   Das infolge des doppelten Ehebruchs geborene Kind durchbricht den Erwartungshorizont der Lektüre in mehrfacher Hinsicht. Es weist keine merklichen Bezüge auf seine „wirkliche“ Verwandtschaft (Eduard und Charlotte) auf, wohl aber zeigt es die äußeren Züge seiner „Wahlverwandtschaft“ (Hauptmann und Ottilie). Auf der einen Seite wird gerade dadurch, daß die beiden Gatten die Ehe konsumieren, die Ehe gebrochen, was sich paradoxal anhört und den Leser schockieren muß. Zugleich jedoch entsteht ein ausgesprochen bildstarker Zusammenhang zwischen Ottilie und dem Hauptmann: eine gewissermaßen vermittelte Wahlverwandtschaft, an die in unmittelbarem Sinne kaum zu denken wäre. Umso klarer wird am Beispiel der auf Anhieb paradoxal dünkenden Wahlverwandtschaft zwischen Ottilie und dem Hauptmann, daß hier vom Menschen unkontrollierbare Kräfte am Werke sind, die wenig mit dem freien Willen zu tun haben. Wenn der Sinn des Romans in der Metapher des Kindes verschlüsselt liegt, dann ist dessen Tod irgendwie ein Akt semiotischer Erlösung (was ja auch durch die Parallele zur Jesus-Figur nahegelegt wird). Das Kind muß sein Leben aufgeben, um durch sein (zufälliges?) Opfer die kollektive Schuld unzulänglicher Sinnhaftigkeit wiedergutzumachen. Den Sinn töten, den Sinn eventuell wieder aufstehen lassen: Dies sind Stilmittel, anhand derer die Interpretation in das Gebiet des Unsagbaren, des Erhabenen, der Andacht gerückt wird.

   Mögliche Deutungen des Romans sind in Ambiguität eingebettet und bergen das Risiko der unentsprechenden Aktualisierung. Was für Bindungen das Einzelne (oder eben das Ganze) eingehen will, muß, soll oder darf, was für Assoziationen entstehen, was für Umstände bedeutungsvoll werden, entscheidet eine Instanz, die vertraut (verwandt) scheint, aber eben nicht innerhalb des Selbst, sondern darüber hinweg die Qual der Modalverben aus einer unwahrscheinlichen Perspektive heraus definiert.

   Der Leser hat die Wahl der Interpretation. Ob er sie aus freien Stücken trifft, ist eine Frage, die zwar nicht formuliert wird, dabei aber freilich in der Luft schwebt. Besteht eine Wahlverwandtschaft zwischen dem Sinn des Lesers und einem jeweils zumutbaren Sinn der Lektüre, dann ist der Leser nicht mehr frei, sondern muß diesem Sinn notwendig anheimfallen. Dann besteht eine Wahlverwandtschaft zwischen dem rezipierenden Ich und einem sinnierenden Es. Der Interpret läßt die Standortbestimmung fallen, an der er noch gerade festgehalten hatte, und widmet sich ganz der neuen Offenbarung des gelobten Mehrwerts “frischer” Deutung.

   Der Genuß des Textes fordert Entsagung an seinem Sinn. Wenn sich Autor und Leser gemeinsam auf den Weg in die ungefähre Mitte machen, um Position und Impuls des Textes ausfindig zu machen, dann tritt ein Konglomerat von Wahrscheinlichkeiten anstelle der einen Wirklichkeit, die in der Fabel aufgehoben wird.

   In Wilhem Meisters Wanderjahren wird der schon fast einer Geheimschrift entsprechende Sinn des Textes anhand einer immer mehr ins Detail gehenden Reihe von Codes wenn nicht veranschaulicht, so doch wenigstens angedeutet. Der allerletzte (und allerkleinste) Sprößling aus dem Geschlecht des Zwergen Eckwald verfällt auf ästhetischer Ebene einer überaus modernen Technik der Verkleinerung, deren Wirkung durch das ironische Moment der Aussage noch gesteigert wird. Nicht nur war er von Anfang an extrem klein, sondern er wird immer kleiner, und zwar so schnell, daß er sogar aus den Windeln herausfällt und nirgends mehr zu finden ist. „Wenn die Dinge aus dem Namen herausfallen“, würde man es heute ausdrücken. Die Windeln als Bezeichnendes bewahren zwar einen festen Umriß, aber der Knabe, das Bezeichnete schlechthin, ist ins Nirgenwdo entschwunden, oder eben ins Irgendwo. Dadurch wird die Bedeutungsproduktion innerhalb der Rezeption erheblich potentiert.

   Dazu gibt es auch eine auktorial betrachtet anregende Konsequenz der superstilisierten Verkleinerungstechnik, die sich gut mit der eingebauten Rätselhaftigkeit des Romans in Zusammenhang bringen läßt. Der Autor, in den Lehrjahren ja noch so groß (und allwissend), wird in den Wanderjahren immer kleiner, er verhält sich gegenüber der ungestümen Textmasse eher selber wie ein Rezipient, und am Ende gibt es zwar immer noch den Text als Verpackung (Windeln) des Autors, jedoch nicht mehr den Autor selbst, oder sagen wir lieber kaum mehr den Autor selbst (Er ist, doch ist er kaum)[9]. Da der Leser dem Autor, von dem er zwar weiß, daß es ihn immer noch irgendwo in diskreteren Schichten des Seins, in sinngemäß verschlüsselten Strukturen der Lektüre gibt, den er aber leider trotzdem nicht so recht finden kann, im Rahmen der Interpretation weitgehend entbehren muß, schickt er sich denn dazu an, dessen „Windeln“, dessen Buchstabenkonglomerat, dessen mit all seinen Leerstellen unheimlich zumutenden Text mit einem neuen Bezeichneten zu füllen, etwa mit sich selbst. Dabei wird freilich auch der Leser als Interpret immer kleiner, so daß er selber nicht mehr auf Anhieb wahrgenommen wird, jedoch vieles wahrnimmt. Und vielleicht bietet sich dann dem zwingend verkleinerten Leser die Gelegenheit, den zweckmäßig verkleinerten Autor in mancher Sub-Kategorie des semantischen Feldes anzutreffen, das jener unvermerkt emsig webt, ob nun linksgedreht oder rechtsgedreht.

   Beide Kleinkinder – in den Wahlverwandtschaften und in Wilhelm Meisters Wanderjahre – verkörpern jeweils einen Sinn, der verlorengeht. Im Falle Ottos bedeutet das den Tod, den Abschied aus diesem Leben (und möglicherweise den Eintritt in ein anderes, wo der Sinn mehr Beständigkeit in Anspruch nehmen darf), ein Verlorengehen im zeitlichen Sinne, wohingegen im Falle des zusammenschrumpfenden Prinzen ein Verlorengehen im eigentlichen, das heißt im räumlichen Sinne, erfolgt.

   Mittler und Makarie agieren als Pförtner zum Text, sie haben viele Schlüssel, können vieles erraten, verraten. Makarie hat Zugang zur kosmischen und zur atomaren Perspektive, sie transzendiert die Dimensionen des physischen Raums, Vernunft und Urteilskraft. Sie erschließt uneigentlichen Bedeutungskonstellationen des Textes, gestaltet Information, verwaltet Seme, empfängt das Mysterium der Beichte, gibt es weiter als allgegenwärtige Vermittlerin einer diskreten Vielgestaltigkeit und Vielschichtigkeit seiender Befunde, als mütterliche Verräterin und Erlöserin der Sinne im Zeichen einer aufschlußreichen Totalität.

   Mittler hingegen hält sich nur dort auf, wo sich etwas tut. Nur dann, wenn es drängt. Nur so, damit sich Positionen ändern und Handlungsträger einander nähergebracht werden. Fast würde man sagen, es besteht eine Wahlverwandtschaft zwischen Mittler und dem Plot. Er geht weit weg über seine intendierte Rolle als bloßes Vehikel der Verständigung hinweg, indem er Spannungsfelder generiert, anhand derer der verhängnisvolle Ablauf von Geschehnissen überhaupt erst möglich wird. Der ungefähre Weg in die Mitte führt zu einem perspektivischen Umschlag der Lektüre. Es fragt sich, inwiefern Mittler Bedeutung referiert und inwiefern er sie − zwischen Sagen und Entsagen − produziert.

   In den Wanderjahren muß der Leser Entsagung als mutmaßliches Prinzip der Lektüre immer wieder in Kauf nehmen. Vieles wird vom Autor (vom Text?) wieder zurückgenomen, relativiert, bezweifelt, das gerade als gegebene Tatsache eingeführt wurde. Die Konsequenzen dieser Strategie des Zurücknehmens dringen in eigenartiger Weise in die Tiefenstruktur des unentwegt kapriziös umgeformten Stoffes. Wird der Akt des Lesens syntagmatisch erfaßt, so verabreicht eine jeweils ungenügend umrissene Instanz des Textes dem Leser ein Stück Lektüre, das ihm dann freilich wieder weggenommen wird. Möglicherweise hat es aber der Leser mitsamt den beiwohnenden falschen Sinn bereits konsumiert, ohne jedoch diesen entsprechend verdaut zu haben. Wenn die unzuverlässige Information zurückgenommen, aufgehoben, widerrufen wird, bleibt nichtsdestoweniger etwas von ihrem nur teilweise reflektierten Sinn am Leser hängen.

   Daß sich der Leser aber wegen dieser Imbiß-Technik der unbeständigen Textverabreichung schließlich an sich das gründliche Verdauen der Sinne abgewöhnt, tritt gleichsam ein Wärmetod der Lektüre ein, die in Zusammenhang mit einer beschleunigtnen Manipulation und Verwaltung der Textstrukturen auf die Rezeption einwirken. Das Gesamtgefüge des aufgrund von Wahrscheinlichkeiten zusammengestellten Itinerariums des (wandernden und entsagenden) Interpreten führt möglicherweise wo hin − aber eben doch nur möglicherweise.

   In Nicht zu weit wird die erzählende Perspektive fast unmerklich kollektiviert. Mal is es Odoard, mal der Autor, mal die an Makarie erinnernde gute Alte, und fast meint einer beim Lesen, auch seine eigene Stimme in der angestrebten Gesamtheit der Schilderung mit zu vernehmen: nicht als Interpretation, sondern als willkürlicher oder vielleicht eher unwillkürlicher Bedeutungsträger einer “gesagten“ Totalität, die individuelle Töne summiert und in einem Augenblick – im wörtlichen Sinne – vorzeigt. Mitten drin im Kästchen, im Büchlein, im Wörtchen, das sich als Fragezeichen öffnet, wird der Schein erdichteter Bezüge sichtbar. Denn wer das Auge öffnet, sieht das Wesen des Lichts, und wer sich dem Text gegenüber eröffnet, nimmt das Wesen der Lektüre wahr.

   Wie weit soll man es treiben, wenn man Gedanken hegt, wenn man Genüsse auskostet, wie weit, wenn man entsagt? Wie ist es um die Entfernung zwischen Bedeutendem und Bedeuteten bestellt? Inwiefern soll man seinen Trieben (der zwingenden Wahlverwandtschaft) folgen bzw. Widerstand leisten? Wie weit kann man sehen, wie weit deuten? Wie machen wir uns ein Bild von dieser Welt, wie sind wir im Bilde, und wem gehört das Bild? Wo kommt das „rechte“ Maß der Erkenntnis, des Sinnlich-Sittlichen, des Ontologisch-Ästhetischen her? Wie wird einer in die Mysterien eingeweiht, die das Moment der Aussage ermöglichen? Wie fängt einer den Klang der Wörter im Blick ein? Im verweilenden Augenblick.[10]

   Die biomagnetischen, elektromagnetischen, linguistisch-akustischen und semantischen Wellenlängen zeitigen möglicherweise durch das als begriffliche Möglichkeit bestehende unwahrscheinlich einweihende Moment der Resonanz das Prinzip einer jedwelchen festen Umrisse entsagenden Totalität.

   Der Autor, der Leser, der Sinn, der sich selbst anhand einer unendlichen Reihe von Synthesen der Selbstreflexion sucht, findet zwar den Schlüssel zu sich selbst, ja er findet sein Selbst innerhalb des Kästchens, in dem er befangen ist und das er doch immer nur von Außen zu sehen meint. Doch “das schiebt sich und verschiebt sich“[11], weil der Text sich selbst fremd ist.

   In den Wahlverwandtschaften werden Leben und Tod oft eher teilnahmslos verwaltet. Das Schöne erscheint als eine verklärte und kalte Kategorie der Rezeption, die mehr mit selbstgenügender Geschäftigkeit zu tun hat als mit subjektiv menschlicher Wahrnehmung. Sogar der Friedhof wird “verschönert“, uniformiert, kollektiviert, dem Bereich der Natur entwendet und dem Kultus der Bildung des Kleinbürgertums als Opfer dargebracht. Auch die erstaunliche Verantwortungslosigkeit und freilich sprachlich meisterhaft (schmackhaft?) eingebettete Absurdität mancher kaum folgerichtigen (und schon gar nicht sinnlich-sittlichen) Denkalgorythmen der gutbürgerlichen Aktanten sprechen dafür, daß das Leben hier nicht eigentlich gelebt, sondern bloß veranschaulicht wird, und zwar nicht in Anlehnung an ein organisches Prinzip, sondern durch anorganische Organisationsmodelle der Materie.

   Die die Instanz des Autors verkörpernde Hersilie wirft Wilhem vor, keinen interaktiven Umgang mit ihrer Korrespondenz zu pflegen sich nicht eigentlich am schriftlichen Verkehr mit ihr zu beteiligen, sondern nur formale Antworten zum besten zu geben, die aus ihren Briefen Monologe werden lassen. Hersilie rückt in die Mitte, um den Prozeß der Kommunikation einzuleiten, doch Wilhelm, so klagt sie, rührt sich nicht von der Stelle.[12] So soll man nicht lesen, scheint der Autor zu sagen. Wilhelm (der Leser) beschäftigt sich allzusehr mit seinen eigenen Plänen, Visionen und Vorstellungen, mit seiner eigenen Interpretation von Teilchen und Gesamtheiten, als daß er sich noch dem authentischen Akt des Lesens hingeben könnte. Innerhalb des Romans ist Hersilie real, Natelie hingegen fiktiv. Doch in Wilhelms Briefen geht es gleichermassen um Monologe, weil wohl zu den Nebenerscheinungen der Entsagung auch ein gewisses Unvermögen der Kommunizierbarkeit im weiteren Sinne, ein Unvermögen der Komparatistik gehört.

   In ähnlicher Weise schreibt Eduard in den Wahlverwandtschaften Briefe an Ottilie, die er selbst beantwortet, ohne das als einen Verlust an Tatsächlichkeit zu empfinden. Wenn der Dialog sich einfach als doppelter Monolog gestaltet, ist das interaktive Prinzip der Kommunikation nur noch als Klischee vorhanden, als ein in seiner Selbstbezogenheit unzulängliches, anhand der bürgerlichen Erziehung und Mode erstarrtes Bild, das vergeblich darauf wartet, durch die Aktualisierung der Rezeption belebt zu werden.

   “Vertraute Engelsbilder“ schauen in den Wahlverwandtschaften[13] auf die Toten herab, die möglicherweise in einem “freundlichen Augenblick” zu neuem Leben erwachen, was freilich eine sehr fragliche Dynamik symbolischer Befunde ausmacht. All das Hin und Her mutmaßlicher Bedeutungsträger hilft dem Interpreten wenig, wenn die Strukturen der Textentfaltung starr sind. Durch Manipulation des Toten das Lebendige hervorbringen: Dies ist die Herausforderung der Lektüre.

   Auch an Joseph dem Zweiten wird sichtbar, daß bloße Mobilität nicht ausreicht, um Vorurteilen, Schablonen und fertigen Interpretationen aus dem Weg zu gehen, denn die von ihm und seiner Familie inszenierte Beweglichkeit eines Bildes (Die Flucht nach Ägypten) kann der Anmaßung einer verabsolutierten Unbeweglichkeit des Bildes an sich nichts anhaben, das in seiner kaum reflektierten Gesamtheit als vermeintliche Totalität hin und her getragen wird. Die Wanderjahre aber sind fortzusetzen[14]. Immer wieder muß der Leser der sich ihm aufzwingenden Wahlverwandtschaft zu einer bestimmten, oft verführerisch anschaulichen und überaus einleuchtenden Bedeutungsstruktur entsagen, um eine echte Totalität der Bedeutung mit sich zu führen und nicht das wohlklingende Gesamtbild einer verklärten, leblosen Klassik.

 

Literatur:


1.     Goethe, Johann Wolfgang (1998). Die Wahlverwandtschaften [UB 7835]. Stuttgart: Philipp Reclam.

2.     Goethe, Johann Wolfgang (2002). Wilhelm Meisters Wanderjahre [UB 7827]. Stuttgart: Philipp Reclam.

3.     Goethe, Johann Wolfgang (2000). Faust I [UB 1]. Stuttgart: Philipp Reclam.

4.     Goethe, Johann Wolfgang (2001). Faust II [UB 2]. Stuttgart: Philipp Reclam.

5.     Lützeler, Paul Michael (1991). Goethes Erzählwerk. Interpretationen [UB 8081]. Stuttgart:Philipp Reclam.

6.     Eppers, Anne (2003). Miteinander im Nebeneinander. Gemeinschaft und Gesellschaft in Goethes Wilhelm-Meister-Romanen. Tübingen: Staufenburg.

7.     Brandstetter, Gabriele (2003). Erzählen und Wissen. Paradigmen und Aporien ihrer Inszenierung in Goethes Wahlverwandtschaften. Freiburg im Breisgau: Rombach

8.     Faets, Ann-Theres (1993). Überall nur Eine Natur? Frankfurt am Main: Peter Lang

9.     Bürger, Christa (1977). Der Ursprung der bürgerlichen Institution Kunst im höfischen Weimar. Literatursoziologische Untersuchungen zum klassischen Goethe. Frankfurt am Main

10.  Marz, Ehrhard (1985). Goethes Rahmenerzählungen. Untersuchungen zur Goetheschen Erzählkunst. Frankfurt am Main: Peter Lang

11.  Thadden, Elisabeth von (1993). Erzählen als Naturverhältnis - "Die Wahlverwandtschaften": zum Problem der Darstellbarkeit von Natur und Gesellschaft seit Goethes Plan eines "Roman über das Weltall": W. Fink.

12.  Schmitz-Emans, Monika (1988). Vom Spiel mit dem Mythos. Zu Goethes Märchen „Die neue Melusine“. In: Goethe-Jahrbuch 105, S. 316-332

13.  Benjamin, Walter (1974). Goethes Wahlverwandtschaften. In: ders.: Gesammelte Schriften. Hg. Von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhaeuser, Bd. I, Frankfurt am Main, S.123-201.

14.  Barthes, Roland (1964). Mythen des Alltags. Frankfurt am Main


[1] Wilhelm Meisters Wanderjahre. S. 15. (Siehe Literatur am Ende des Aufsatzes!)

[2] Wilhelm Meisters Wanderjahre, S. 1.

[3] Wilhelm Meisters Wanderjahre, S. 494.

[4] Faust I, S. 13.

[5] Faust I, S. 32.

[6] Derrida.

[7] Wilhelm Meisters Wanderjahre, S. 350.

[8] Goethe an Eckermann, 18. Januar 1825.

[9] Faust II, S. 94.

[10] Faust II, S. 48.

[11] Wilhelm Meisters Wanderjahre, S. 351.

[12] Wilhelm Meisters Wanderjahre, S. 348.

[13] Die Wahlverwandtschaften, S. 261.

[14] Wilhelm Meisters Wanderjahre, S. 525.

 

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