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Entschuldigen Sie bitte“: Aspekte der Valenz bei Illokutionsverben


Vladimir Karabaliæ

 

1. Bisherige Beschreibungen in deutschen Valenzwörterbüchern

   Wir gehen von den vorhandenen Valenzbeschreibungen der Illokutionsverben in den Wörterbüchern von Engel / Schumacher (1976) und Helbig / Schenkel (1983) aus. Nehmen wir als Beispiel die Valenzbeschreibung des Verbs entschuldigen in den beiden Wörterbüchern. 

Die Beschreibung von Engel / Schumacher (ib., S. 167) – im weiteren Text: E/S – sieht folgendermaßen aus:

  entschuldigen

entschuldigen                 01          P1    Die Mutter entschuldigte das

                                                          Verhalten ihres Sohnes.

 

sich/Akk entschuldigen        0 ( 4 ( 4         P0    Ich entschuldige mich

(bei

                                                             meinem Vater) (für mein

( für – Akk )     ( bei – Dat  )                    

            Verhalten).

 

4: SE       mit obligatorischem           DASS:       Ich

entschuldige mich bei

                                          meinem Vater dafür,

daß

      Korrelat                                  ich zu spät

gekommen bin.

 

   Wir sehen zwei getrennte Einträge für entschuldigen: einmal entschuldigen mit dem Satzmuster 01 (0 steht bei E/S für Nominativergänzung, 1 für Akkusativergänzung), der Beispielsatz lautet: Die Mutter entschuldigte das Verhalten ihres Sohnes. Das andere entschuldigen ist laut E/S reflexiv, u.z. mit dem Reflexivpronomen im Akkusativ, wie wir lesen (= die Eingabe sich/Akk bedeutet laut den Autoren, dass das Reflexivpronomen im Akkusativ steht). Dieses andere entschuldigen bildet das Satzmuster 0 (4 (4: die Klammern bedeuten fakultativ, und die Vieren stehen für die beiden Präpositivergänzungen für und bei. Der Beispielsatz lautet Ich entschuldige mich (bei meinem Vater) (für mein Verhalten). Der andere Beispielsatz Ich entschuldige mich bei meinem Vater dafür, dass ich zu spät gekommen bin illustriert die Möglichkeit, dass die Ergänzung mit der Präposition für durch eine SE, d.h. Satzergänzung, mit obligatorischem Korrelat und der Konjunktion dass ausgedrückt werden kann.

   Die Darstellung bei Helbig / Schenkel (ib., S. 173) – im weiteren Text: H/S – ist etwas anders:

entschuldigen

I. entschuldigen 2 + (1) = 3

II. entschuldigen - Sn, Sa, (pS)

III.            n - 1. Hum (Der Freund entschuldigt mein Benehmen.)

                2. Abstr (als Hum) (Die Regierung entschuldigt den Vorfall.)

          Sa - 1. Hum (Er entschuldigt seinen Freund.)

                2. Abstr (Er entschuldigte seinen Fehler.)

                3. Act (Er entschuldigt sein Zuspätkommen.)

                4. Sa = Sn (Refl) (Er entschuldigt sich.)

    p = bei,

    pSd -            1. Hum (Er entschuldigt sich beim Lehrer.)

                2. Abstr (als Hum) Er entschuldigt den Vorfall bei der Regierung.)

   Unter I. ist die quantitative Valenz des Verbs entschuldigen angegeben: 2 + (1) = 3 lesen wir, d.h. das Verb habe zwei obligatorische und eine fakultative Ergänzung. Welche das jeweils sind, erfahren wir unter II., wo die qualitative Valenz angegeben ist: Sn heißt Substantiv im Nominativ, Sa Substantiv im Akkusativ, (pS) präpositionales Substantiv, das laut H / S also fakultativ, während Sn und Sa obligatorisch seien.

   Unter III. schließlich finden wir Angaben zu der selektiven Valenz, wie also die genannten „Aktanten“ inhaltlich zu besetzen seien. Diese Angaben sind schon ein wesentlicher Unterschied zu der Darstellung von E/S, wo sie fehlen.[1] Laut H/S kann der Aktant Sn entweder menschlich („Hum“) oder abstrakt auf Institutionen bezogen sein („Abstr“ „als Hum“). Die Beispiele sind jeweils „Der Freund entschuldigt mein Benehmen“ und Die Regierung entschuldigt den Vorfall“. Der Aktant Sa könne menschlich sein: „Er entschuldigt seinen Freund“, oder abstrakt: „Er entschuldigte seinen Fehler“, oder eine Handlung („Act“): „Er entschuldigt sein Zuspätkommen“, oder könne ein Reflexivum sein: „Er enschuldigt sich“. Beim Aktanten pS schließlich ist als Präposition „bei“ angegeben, pSd heißt präpositionales Substantiv im Dativ. Dieses könne einen Menschen bezeichnen: „Er entschuldigt sich beim Lehrer“, oder eine Institution: „Er entschuldigt den Vorfall bei der Regierung“.

   Beide Beschreibungen – sowohl E/S als auch H/S – sind auf allen Valenzebenen (quantitativ, qualitativ, selektiv) unvollständig, nicht zuletzt deshalb, weil die inhärente Semantik eines Sprechaktverbs nicht berücksichtigt ist.[2] Bevor gezeigt wird, wie eine vollständige Beschreibung eines Illokutionsverbs wie entschuldigen zu leisten ist, muss der Begriff der inhärenten Semantik erläutert werden, wie er dem vorliegenden Beitrag zugrunde gelegt wird.

2. Lexikalische und pragmatische Bedeutung

   Es muss begrifflich zwischen zwei Ebenen der Bedeutung eines Wortes unterschieden werden: einer lexikalischen und einer pragmatischen. Die lexikalische Bedeutung eines Wortes macht die Bedeutung des Satzes zusammen mit den Bedeutungen anderer Wörter im Satz mit aus. Im Unterschied dazu meint die pragmatische Bedeutung eines Wortes dessen Illokutionspotential, d.h. die Einsetzbarkeit dieses Wortes in Äußerungsformen zum Vollzug von bestimmten Sprechakten.

   Nun fällt das Illokutionspotential bei allen Sprechaktverben charakteristischerweise zum Teil mit deren lexikalischer Bedeutung zusammen, denn alle Sprechaktverben bezeichnen zum einen Sprechakte (= lexikalische Ebene der Bedeutung), die zum anderen bei dem sog. performativen Gebrauch dieser Verben zugleich auch vollzogen werden können (= pragmatische Ebene der Bedeutung). Ein Beispiel: Im Satz

(1)Ich entschuldige mich bei dir für mein Verhalten.

   bezeichnet das Verb den Sprechakt des Sich-Entschuldigens (lexikalische Ebene der Bedeutung), der zugleich mit der Äußerung dieses Satzes, also beim performativen Gebrauch des Verbs, konventionellerweise auch vollzogen wird (pragmatische Ebene der Bedeutung). Man vergleiche dazu den nichtperformativen Gebrauch desselben Verbs:

(1a) Ich habe mich bereits bei dir für mein Verhalten entschuldigt.

   In diesem Satz bezeichnet das Verb wie im Satz (1) den Sprechakt des Sich-Entschul-digens (lexikalische Ebene der Bedeutung), der aber mit der Äußerung des Satzes (1a) nicht vollzogen wird, sondern hier wird über den Sprechakt des Sich-Entschuldigens berichtet (pragmatische Ebene der Bedeutung).

   Bevor im nächsten Abschnitt wegen der Wichtigkeit des Begriffs des performativen Gebrauchs von Illokutionsverben für deren inhärente Semantik und dadurch, wie im vorliegenden Beitrag behauptet wird, für die Valenzbeschreibung dieser Verben der performative Verbgebrauch etwas präziser erläutert wird, seien im Folgenden verständnishalber noch einige Anmerkungen zu dem Begriff „Illokutionspotential“ gemacht.

   Das Illokutionspotential meint, dass die Äußerung eines Satzes wie (1) konventionellerweise nur dann als Entschuldigung gilt, wenn die charakteristischen Handlungsbedingungen für diesen Sprechakttyp zur Zeit der Äußerung vorliegen:

   B1: Der Sprecher oder eine ihm nahe stehende Person ist oder fühlt sich verantwortlich für eine Handlung oder Unterlassung P, von der bzw. deren Folgen der Adressat betroffen ist.

   B2: Der Sprecher bewertet P negativ für den Adressaten und negativ im Rückbezug auf sich selbst.

   B3: Der Sprecher bedauert P.

>>> Der Sprechakt gilt als Ausdruck des Bedauerns über P. Der Sprecher beabsichtigt, dem Adressaten zu erkennen zu geben, dass P ihm leid tut.[3]

   Diese charakteristischen Handlungsbedingungen für den Illokutionstyp Entschuldigung vorbringen haben in die Beschreibung der Valenz des Verbs entschuldigen bei dessen performativem Gebrauch einzugehen, wie im Abschnitt 4. des vorliegenden Beitrags geschieht, und zwar an bestimmte Stellen der selektiven Valenz. So schreibt diese z.B. im Valenzmuster A für die inhaltliche Besetzung der Akkusativergänzung vor, dass es der Sprecher selbst oder eine Person ist, für deren Verhalten Sprecher sich verantwortlich fühlt. Genauso schreibt die selektive Valenz für die inhaltliche Besetzung der für-Präpositivergänzung vor, dass es ein Verhalten P ist, das der Sprecher negativ für den Adressaten bewertet und gleichzeitig bedauert, usw.

   Ist eine der genannten Handlungsbedingungen nicht erfüllt, so gilt die Äußerung eines Satzes wie (1) entweder nicht als Entschuldigung, sondern als Realisierung eines anderen Sprechakttyps, oder die Entschuldigung ist defekt, wie man in der Sprechakttheorie zu charakterisieren pflegt.

   Wenn beispielsweise der Sprecher etwas getan hat in dem Glauben, dadurch dem Adressaten einen Gefallen zu tun, und dieser es daraufhin nicht erwartungsgemäß würdigt – sich etwa nicht bedankt, oder sogar die Handlung bagatellisiert –, könnte die Äußerung eines Satzes mit dem Verb entschuldigen etwa als Ausdruck des Beleidigtseins gelten:

Sp1: Ich habe dir die Eintrittskarten in der ersten Reihe besorgt!

Sp2: Na wunderbar! Und wieviel soll mich nun der Spaß kosten?

Sp1: Entschuldige bitte, dass ich mir so viel Mühe gegeben habe!

   In diesem Dialog ist das Verb entschuldigen unkonventionell gebraucht, weshalb es sich auch nicht um den performativen Gebrauch dieses Verbs handelt:[4] die illokutionäre Bedeutung sein Beleidigtsein ausdrücken, oder wie auch immer wir einen solchen Sprechakt benennen mögen, den der Sprecher Sp1 im obigen Dialog zuletzt vollzieht, gehört nicht zum konventionellen Illokutionspotential des Verbs entschuldigen im performativen Gebrauch, weshalb sie und vergleichbare unkonventionelle Gebrauchsweisen von entschudligen in der Systematik im Abschnitt 4. auch nicht angeführt ist. In dem Sinne genauso unkonventionell ist etwa, wenn man sagt Entschuldigen Sie, dass ich geboren bin als „scherzhafte oder bissige Erwiderung auf einen Vorwurf wegen fehlerhaften Verhaltens“ (D-Groß)[5].

   Eine Beispielsituation für eine sog. defekte Entschuldigung wäre etwa, wenn man sich für etwas entschuldigt, weil man vermeint, dafür verantwortlich zu sein; wenn es der Adressat besser weiß, entsteht etwa folgender Dialog:

Sp1: Ich möchte mich entschuldigen, dass ich gestern nicht gekommen bin.

Sp2: Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Es war doch nicht Ihre Schuld.

   Die Äußerung des Sp1 ist zwar eine konventionelle Entschuldigung[6], aber eine defekte, wie man sagt, weil eine der charakteristischen Handlungsbedingungen für Entschuldigungen nicht erfüllt ist, dass nämlich der Sprecher für die fragliche Handlung verantwortlich ist (und auch keine andere Person, für deren Handlungsweise Sprecher sich verantwortlich fühlt).

3. Zum Begriff des performativen Gebrauchs eines Illokutionsverbs

   Beim performativen Gebrauch bezeichnet das Sprechaktverb die aktuelle Sprechhandlung des Sprechers: mit der Äußerung des Satzes, in dem ein Sprechaktverb im performativen Gebrauch vorkommt, vollzieht der Sprecher den Sprechakt, den das Sprechaktverb bezeichnet. Z.B. mit der Äußerung des Satzes (2) Ich stelle fest, dass wir uns über diesen Punkt einig sind macht der Sprecher eine Feststellung, mit der Äußerung des Satzes (3) Ich behaupte das Gegenteil stellt der Sprecher eine Behauptung auf, mit der Äußerung des Satzes (6) Ich möchte dir ganz herzlich zum Geburtstag gratulieren gratuliert der Sprecher dem Adressaten zum Geburtstag, mit der Äußerung des Satzes etwa (9) Ich würde Sie bitten, diesen Raum zu verlassen fordert der Sprecher den Adressaten auf, den Raum zu verlassen, usw. Feststellen, behaupten und alle anderen Verben in den Beispielsätzen (2)-(15) sowie (16a) sind also performativ gebraucht:

(2)     Ich stelle fest, dass wir uns über diesen Punkt einig sind.

(3)     Ich behaupte das Gegenteil.

(4)     Ich verspreche dir einen schönen Abend.

(5)    Wir danken Ihnen für Ihr Interesse an unserem Produkt.

(6)     Ich möchte dir ganz herzlich zum Geburtstag gratulieren.

(7)     Ich rate dir, lass die Finger davon!

(8)    Sie werden gebeten, diesen Raum zu verlassen.

(9)     Ich würde Sie bitten, diesen Raum zu verlassen.

(10)  Frau Schreinemakers wird am Telefon verlangt!

(11)  Das muss man entschuldigen.

(12)  Ich gratuliere zur Beförderung!

(13)  Ich möchte Ihnen mein herzliches Beileid aussprechen.

(14)  Sei (du) (mir) gegrüßt!

(15)  Mein Sohn lässt sich entschuldigen

(15a) Ich möchte meinen Sohn entschuldigen.

(16)   Ich entschuldige mich bei meinem Vater für mein Verhalten.

(16a) Ich verspreche: Ich entschuldige mich bei meinem Vater für mein Verhalten.

   Übrigens die unterschiedlichen Schreibweisen fett vs. kursiv haben mit der semantischen Struktur der Sätze zu tun, in denen Sprechaktverben vorkommen. Ein Satz mit einem Sprechaktverb besteht nämlich semantisch aus zwei Teilen. In der Sprechakttheorie hat sich die Notation für die beiden Teile F (P) eingebürgert. F steht für „illokutionäre Kraft“, (engl. Kraft = force, deshalb F), gemeint ist der Typ des Sprechaktes, der mit der Äußerung des Satzes vollzogen wird, wenn charakteristische Handlungsbedingungen für diesen Sprechakttyp vorliegen. Das P in der Abkürzung F (P) steht für die im Satz ausgedrückte Proposition, d.h. für den Sachverhalt, der im Satz thematisiert wird und mit der illokutionären Kraft oder in dem illokutionären Modus F präsentiert wird. In der Liste der Beispielsätze (2)-(16a) ist der F-Teil fett und kursiv gedruckt, nur kursiv der Propositionsteil.

   Grammatisch steht das Sprechaktverb im performativen Gebrauch in der Regel im Präsens oder, in modalisierter Form wie in den Sätzen (6), (9) und (13), im Konjunktiv II, weil mit dem Präsens wie auch mit Konjunktiv II im Deutschen die aktuelle Sprechzeit ausgedrückt werden kann. Das Präsens und der Konjunktiv II sind jedoch keine Bedingung für den performativen Gebrauch, wenn auch der Regelfall, denn z.B. im Satz (14) Sei mir gegrüßt! steht das Verb im Imperativ und troztdem handelt es sich um den performativen Gebrauch des Verbs grüßen: mit der Äußerung des Satzes (14) grüßt der Sprecher den Adressaten.

   Desweiteren steht das Sprechaktverb im performativen Gebrauch grammatisch in der Regel in der 1. Person, weil das Subjekt des Satzes charakteristischerweise auf den Sprecher referiert, der gerade spricht. – Sätze wie (8) Sie werden gebeten, diesen Raum zu verlassen, oder (10) Frau Schreinemakers wird am Telefon verlangt! sind keine Gegenbeispiele, denn in deutschen Passivsätzen bezeichnet das Subjekt natürlich kein Agens.

   Auch in einem Satz wie (11) Das muss man entschuldigen handelt es sich um den performativen Gebrauch des Verbs entschuldigen, weil im Deutschen der Sprecher mit dem unpersönlichen Pronomen man unter Umständen auch auf sich selbst referieren kann.

   Oder im Satz (15) Mein Sohn lässt sich entschuldigen handelt es sich auch um den performativen Gebrauch des Verbs sich entschuldigen: mit der Äußerung dieses Satzes bittet der Sprecher um Entschuldigung für seinen Sohn. Die Äußerung des Satzes ist also funktional äquivalent mit (15a) Ich möchte meinen Sohn entschuldigen. Hier handelt es sich um eine der bereits erwähnten charakteristischen Handlungsbedingungen für den Sprechakttyp Entschuldigung, nämlich dass es das eigene Verhalten oder eben das Verhalten einer nahe stehenden Person ist, das man bedauert und sich deswegen entschuldigt. Man kann sich also durchaus auch für das Verhalten seines Sohnes entschuldigen, weil man sich als Vater für dessen Verhalten verantwortlich fühlt.

   Um das bisher Gesagte zusammenzufassen: Beim performativen Gebrauch bezeichnet das Sprechaktverb die Sprechhandlung des Sprechers, die er mit der Äußerung des Satzes, der dieses Sprechaktverb enthält, vollzieht. Der grammatische Reflex davon ist, dass das Sprechaktverb in der Regel im Präsens, oder in modalisierter Form im Konjunktiv II, und in der 1. Person steht. Funktional äquivalente grammatische Formen sind entweder durch das Sprachsystem gegeben – Passiv statt Aktiv, das unpersönliche man, das modale lassen, oder der Imperativ, in dem einige wenige Sprechaktverben beim performativen Gebrauch stehen können; oder sind funktional äquivalente grammatische Formen durch bestimmte charakteristische Handlungsbedingungen für den Sprechakttyp gegeben, der durch das Sprechaktverb bezeichnet und durch die Äußerung des Satzes, in dem das Verb performativ vorkommt, vollzogen wird. Unser Beispiel war die Entschuldigung durch die Äußerung des Satzes (15) Mein Sohn lässt sich entschuldigen.

   Als performativ gilt desweiteren auch der Gebrauch eines Sprechaktverbs in einem Satz, mit dessen Äußerung ein anderer Sprechakttyp als durch das Sprechaktverb bezeichnet realisiert werden kann, unter der Bedingung, dass diese Möglichkeit konventionell ist. Ein solcher Fall liegt etwa bei dem Satz (7) vor: Ich rate dir, lass die Finger davon! Mit der Äußerung dieses Satzes kann konventionellerweise sowohl ein Ratschlag gegeben, wie durch das Sprechaktverb bezeichnet, als auch ein Sprechakt vom Typ Drohung vollzogen werden. Etwas Ähnliches werden wir auch bei der Explikation des Illokutionspotentials des Verbs entschuldigen im Abschnitt 4. haben, das auch in Äußerungsformen zum Vollzug der Sprechakte Nachsicht / Verständnis / Verzeihung äußern oder Entschuldigung akzeptieren performativ gebraucht wird.

   Nach dieser Beschreibung des performativen Gebrauchs von Sprechaktverben seien im Folgenden einige ihrer Gebrauchsweisen genannt, die entsprechend nicht als performativ gelten. Ein solcher Fall liegt in (2a) und (3a) vor:

(2a) Ich stellte fest, dass wir uns über diesen Punkt einig waren.

(3a) Ich habe das Gegenteil behauptet.

   Die Äußerung dieser Sätze gilt nicht als Feststellung bzw. Behauptung, sondern als Bericht über eine Feststellung bzw. Behauptung, weil das Sprechaktverb jeweils in einem Vergangenheitstempus steht. Ähnlich auch die Äußerung der Sätze (2b) und (3b):

(2b) Er stellt(e) fest, dass wir uns über diesen Punkt einig sind.

(3b) Er behauptet(e) das Gegenteil.

(2b) ist keine Feststellung und (3b) ist keine Behauptung, sondern Berichte über Feststellung bzw. Behauptung, weil das Subjekt nicht auf den Äußerer dieser Sätze referiert.

   Auch die Äußerung der Sätze (2c) und (3c) ist keine Feststellung bzw. Behauptung:

(2c) Ich werde / Er wird feststellen, dass wir uns über diesen Punkt einig sind.

(3c) Ich werde / Er wird das Gegenteil behaupten.

   Vielmehr gilt die Äußerung dieser Sätze als Ankündigung der Sprechakte der Feststellung bzw. Behauptung.

   Es gibt aber auch Sätze, in denen trotz der typischen grammatischen Verbform – 1. Person Präsens – kein performativer Gebrauch des Sprechaktverbs vorliegt. Oder anders ausgedrückt: nicht jeder Gebrauch eines Sprechaktverbs in der 1. Person Präsens ist performativ. Das ist etwa bei einem der bereits zitierten Beipielsätze von E/S der Fall: (16) Ich entschuldige mich bei meinem Vater für mein Verhalten. Mit der Äußerung dieses Satzes entschuldigt sich der Sprecher nicht, sondern kündigt seine Entschuldigung an: hier thematisiert der Sprecher lediglich seine zukünftige sprachliche Handlung, nämlich eine Entschuldigung, vollzieht aber einen ankündigenden Sprechakt – etwa ein Versprechen –, keine Entschuldigung. Grammatisch handelt es sich hier um die Möglichkeit des Deutschen, mit dem Verb im Präsens auch Zukunft auszudrücken, und das ist eben bei (16) der Fall. Synonym zu (16) ist also (16a): Ich verspreche: Ich werde mich bei meinem Vater für mein Verhalten entschuldigen.

   Beim performativen Gebrauch eines Sprechaktverbs dagegen muss das Präsens die aktuelle Sprechzeit bezeichnen. – Wieso wissen wir übrigens, dass in (16) Zukunft und keine Gegenwart ausgedrückt wird? Beim performativen Gebrauch des Verbs sich entschuldigen muss die bei-Präpositivergänzung den Adressaten der Äußerung direkt bezeichnen, also Ich entschuldige mich bei dir / Ihnen / euch / allen Anwesenden. Dies ist eine Bedingung der selektiven Valenz dieses Verbs bei dessen performativem Gebrauch. Beim berichtenden Gebrauch dagegen gibt es keine weiteren Selektionsbeschränkungen außer „Human“, wie von H/S festgestellt wird, die bei ihrer Beschreibung der Valenz des Verbs entschuldigen nicht den performativen Gebrauch dieses Verbs in Betracht ziehen, sondern nur den von mir sog. berichtenden. Dasselbe gilt für E/S.

   Die Sätze (16) einerseits und Ich entschuldige mich bei dir / Ihnen / euch / allen Anwesenden andererseits sind also ein Beispiel für die Relevanz der Unterscheidung zwischen performativem Gebrauch und nichtperformativen Gebrauchsweisen von Sprechaktverben für die Valenz dieser Verben. Ein anderes Beispiel wäre etwa die Präpositivergänzung mit in Er entschuldigte sein Verhalten mit Nervosität (D-Bed), Er entschuldigt sich mit Krankheit (D-Stil), oder Ich habe mich damit entschuldigt, dass ... (D-Groß): die Präpositivergänzung mit ist beim berichtenden Gebrauch des Verbs entschuldigen üblich; dagegen beim performativen: (?) Ich möchte mein Verhalten mit Nervosität entschuldigen.; (?) Ich möchte mich mit Krankheit entschuldigen.; *Ich entschuldige mich mit Krankheit.; (?) Ich möchte mich damit entschuldigen, dass ...

   Beim nichtperformativen Gebrauch vollzieht der Äußerer des Satzes also nicht den durch das Sprechaktverb bezeichneten Sprechakt, sondern realisiert einen berichtenden oder ankündigenden Sprechakttyp. Wir haben festgestellt, dass in allen Beispielsätzen von E/S und H/S das Verb entschuldigen entweder berichtend oder ankündigend gebraucht ist, also nicht performativ. Es fehlt die Valenzbeschreibung dieses Verbs im performativen Gebrauch, denn sie weist, wie im Folgenden gezeigt wird, Besonderheiten auf im Vergleich mit der Valenzbeschreibung des Verbs im nichtperformativen Gebrauch, die von E/S und H/S vorgelegt wurde.

4. Die Valenz der Illokutionsverben im performativen Gebrauch

   Im Folgenden wird zusätzlich zu den Valenzbeschreibungen des Verbs entschuldigen von E/S und H/S noch eine Valenzbeschreibung dieses Verbs im performativen Gebrauch nachgeholt. Dabei darf auch Vollständigkeit beansprucht werden, denn der performative Gebrauch des Verbs entschuldigen wie auch der meisten anderen Illokutionsverben ist, allem Anschein nach im Unterschied zu nichtperformativen Gebrauchsweisen, vollständig konventionalisiert. Insofern darf behauptet werden, dass beide vorhin erwähnte Ebenen der Bedeutung der Illokutionsverben, also sowohl die lexikalische als auch das Illokutionspotential beim performativen Gebrauch, zur inhärenten Semantik dieser Verben gehören.

Wir gehen von der Frage aus: Wie kann die Subjektstelle in einem Satz mit dem Verb entschuldigen im performativen Gebrauch inhaltlich besetzt werden? Es gibt zunächst folgende beide Möglichkeiten A und B:

    sub                           akk         prpbei prpfür / akk

A) Ich   entschuldige       mich        bei dir     für mein Verhalten
 

B) Du    entschuldigst      mich  bitte    -  für mein Verhalten.

            Entschuldige       mich  bitte    -  für mein Verhalten.

[B1) Du  entschuldigst           -  bitte    -  mein Verhalten.

            Entschuldige             -  bitte    -  mein Verhalten.]

   Die Subjektbesetzungen A und B sind dank der inhärenten Semantik des Verbs entschuldigen möglich, das in zwei lexikalischen Bedeutungen gebraucht werden kann, mit folgenden Paraphrasen:

A) ´Ich bitte dich um Verzeihung für mein Verhalten.´

B) ´Du verzeihst / Verzeih mir bitte mein Verhalten.´[7]

Neben A und B kann auch die Ursache des fraglichen Verhaltens das Satzsubjekt sein:

    sub                           akk

C)  Seine Krankheit   entschuldigt      seinen Missmut. (D-Bed)

[C1)  Seine Krankheit   entschuldigt      ihn.]

Die Bedeutung des Verbs kann hier paraphrasiert werden mit:

    C) ´Seine Krankheit lässt seinen Missmut  / ihm verzeihen.´

   Während die Unterschiede zwischen A, B und C die inhaltliche Besetzung des Subjekts betreffen, die mit unterschiedlicher lexikalischer Semantik des Verbs einhergeht, haben A und B (nicht jedoch C) die Besetzung der Akkusativergänzung gemeinsam: diese bezeichnet den Äußerer der Sätze, der für sein Verhalten um Verzeihung bittet. Einerseits aus dieser gleichen Akkusativbesetzung und andererseits aus der unterschiedlichen Semantik des Verbs resultiert das gleiche Illokutionspotential der Sätze, die nach den Valenzmustern A und B gebildet werden: sowohl mit der Äußerung der Sätze A als auch B bittet der Sprecher um Verzeihung.[8]

   Anders dagegen C: hier bezeichnet die Akkusativergänzung nicht den Äußerer des Satzes bzw. dessen Verhalten, sondern einen Dritten bzw. dessen Verhalten. Also gilt die Äußerung eines Satzes nach dem Valenzmuster C nicht als Bitte um Entschuldigung, sondern das Illokutionspotential von C ist Nachsicht äußern, wie wir es einmal benennen wollen.[9]

   Im Folgenden fassen wir das bisher Gesagte zusammen und vervollständigen die einzelnen Valenzmuster mit weiteren Einzelheiten.

Valenzmuster A

Verbbedeutung = Illokutionspotential = ´um Verzeihung bitten´ (Entschuldigung vorbringen)

Satzmuster: sub akk (prpbei) prpfür / Nebensatz

selektive Valenz: sub, akk = Sprecher

prpfür / Nebensatz = ein Verhalten P des Sprechers, das er negativ für den Adressaten bewertet und bedauert[10]

(prpbei) = Adressat (ADR)

Satzbauplan: Ich entschuldige mich (bei ADR)[11] für P. / (dafür), Nebensatz.

Besonderheiten der Ausdrucksform: akk = mich

                            ADR = (meist) Personalpronomen

Beispielsätze:

(17) Ich möchte mich (bei Ihnen) für morgen entschuldigen.

(18) Ich möchte /  muss mich (vielmals) (bei Ihnen) entschuldigen, dass ich gestern nicht gekommen bin. (Wahrig)

(19) Ich entschuldige mich (bei Ihnen) für mein Verhalten.

(20) Oh, Emily, ich entschuldige mich (bei dir) für das, was ich als nächstes getan habe.

(21) Ich entschuldige mich bei allen Anwesenden für mein Zuspätkommen.

Variante A1:

selektive Valenz: akk = eine Person, für deren Verhalten Sprecher sich verantwortlich fühlt

Besonderheit der quantitativen Valenz: (in der Regel) keine prpbei

Beispielsatz:

(22) Ich möchte meinen Sohn für morgen entschuldigen. (Wahrig)

Variante A2:

selektive Valenz: sub = eine Person, für deren Verhalten Sprecher sich verantwortlich fühlt

Satzbauplan: sub entschuldigt sich, Nebensatz.

Beispielsatz:

(23)  Mein Sohn lässt sich entschuldigen, er kann leider nicht kommen. (Wahrig)[12]

Valenzmuster B

Verbbedeutung:´verzeihen´

Illokutionspotential: Entschuldigung vorbringen

Satzmuster: sub (akk) vrg / sub akk prpwegen

selektive Valenz: sub = Adressat

akk = Sprecher

vrg / prpwegen = ein Verhalten P des Sprechers, das er negativ für den Adressaten bewertet und bedauert

Besonderheit der Ausdrucksform:   akk = mich

Besonderheit der quantitativen Valenz: akk ist fakultativ, wenn vrg, obligatorisch dagegen, wenn

                            prpwegen

Satzbauplan: sub entschuldig- mich wegen P.

                sub entschuldig- (mich), Nebensatz.

Beispielsätze:

(24) Entschuldigen Sie (mich) bitte, dass ich spät gekommen bin.

(25) Entschuldigen Sie (mich) bitte, wenn ich offenherzig rede.

(26) Entschuldige bitte, dass / wenn ich unterbreche. (D-Stil)

(27) Sie müssen schon entschuldigen, dass ich Ihnen einfach so schreibe.

(28) Bitte entschuldigen Sie mich wegen Verspätung.

Variante B1:

selektive Valenz: akk = Verhalten P des Sprechers[13]

Satzmuster: sub (akk)

Satzbauplan: sub entschuldig- P.

Beispielsätze:

(29) Entschuldigen Sie bitte die Störung!

(30) Entschuldigen Sie bitte die Verspätung!

(31) Entschuldigen Sie (bitte)![14]

Variante B2:

selektive Valenz: akk = eine Person, für deren Verhalten Sprecher sich verantwortlich fühlt, oder dieses Verhalten selbst

Satzmuster: sub akk

Beispielsätze:

(32) Ich bitte das Fernbleiben meiner Tochter zu entschuldigen. (D-Stil)

(33) Ich bitte meine Tochter zu entschuldigen.

Variante B3:

selektive Valenz: akk = Sprecher

Satzmuster: (sub) (akk) maßtemp

Beispielsätze (formelhafte Äußerungsformen):

(34) Entschuldigen Sie (mich) bitte einen Augenblick.

(35) Einen Augenblick bitte![15]

Valenzmuster C

Verbbeudeutung: ´verzeihen lassen´

Illokutionspotential: Nachsicht äußern

Satzmuster: sub akk

selektive Valenz: sub = Verhaltensursache

akk = Verhalten P eines Dritten

Satzbauplan: sub entschuldig- P.

Beispielsätze:

(36)        Seine Krankheit entschuldigt seinen Missmut. (D-Bed)

(37)        Seine Müdigkeit entschuldigt sein Schweigen / sein unhöfliches Betragen. (Wahrig)

Variante C1:

selektive Valenz: akk = ein Dritter D

Satzbauplan:   sub entschuldig- D.

Beispielsätze:

(38) Seine Müdigkeit entschuldigt ihn.[16]

Eine weitere mögliche Besetzung der Akkusativergänzung ist Adressat bzw. dessen Verhalten bei der Subjektbesetzung durch Sprecher. Damit entsteht ein weiteres Valenzmuster D – eine Kombination aus A (Subjektbesetzung), B (Verbbedeutung) und C (Akkusativbesetzung):

 

    sub               akk         (prpbei)

 

D)  Ich   entschuldige       dich.      

   

    (Du    bist        -          (bei mir)   entschuldigt.)

 

[D1) Ich   entschuldige     dein Verhalten. ]

Vollständig dargestellt sieht das Muster folgendermaßen aus:

Valenzmuster D

Verbbedeutung: ´verzeihen´

Illokutionspotential: Bitte um Entschuldigung akzeptieren[17]

Satzmuster: sub akk

Selektive Valenz: sub = Sprecher

akk = Adressat ADR

Satzbauplan:  Ich entschuldige ADR.

Beispielsätze:

(39) Ich entschuldige dich diesmal.

(40) Gut, diesmal bist du entschuldigt.

Variante D1:

Selektive Valenz: akk = Verhalten P des Adressaten

Satzbauplan:  Ich entschuldige P.

Beispielsätze:

(41) Ich entschuldige diesmal dein Benehmen.[18]

Und schließlich noch das Valenzmuster E, mit der folgenden Kombination der Faktoren:

          sub                                          akk

E) Ich   entschuldige      sein Verhalten.

[E1) Ich   entschuldige      ihn.]

Vollständige Darstellung:

Valenzmuster E

Verbbedeutung: ´verzeihen´

Illokutionspotential: Nachsicht äußern

Satzmuster:  sub akk

selektive Valenz: sub = Sprecher

akk = Verhalten P eines Dritten

Satzbauplan: Ich entschuldige P.

Beispielsätze:

(42)  Unter diesen Umständen kann / muss man sein Verhalten wohl entschuldigen. (Wahrig)

Variante E1:

selektive Valenz: akk = ein Dritter D

Satzbauplan: Ich entschuldige D.

     Beispielsätze:

(43)  Unter diesen Umständen muss man ihn wohl entschuldigen.[19]

5. Facit und Ausblick

   1. Die vorgelegte Valenzbeschreibung nach den Mustern A)-E) ist tentativ vor allem in dem Sinne, als noch ein geeigneter Symbolismus für den Inhalt insbesondere der Beschreibungsebene der selektiven Valenz zu entwickeln ist, auf der die vorgeschlagene Valenzbeschreibung die meisten Neuerungen im Vergleich mit H/S bietet. Gemeint ist ein Symbolismus in der Art von H/S, die in ihrer Beschreibung der selektiven Valenz mit folgenden globalen Kategorien operieren: Abstraktbezeichnung (Abstr), Kollektivbegriff auf Institutionen bezogen (Abstr als Hum), Handlung (Act), (un)belebtes Wesen (± Anim), menschliches Wesen (Hum), menschliches Wesen ausgenommen (– Hum), Individualbezeichnung ausgenommen (– Ind), Artbestimmung (Mod), Ortsbestimmung (Loc), Richtungsbestimmung (Dir), Bestimmung des Grundes (Caus). Entsprechend wären also die Bestimmungen zu systematisieren wie Verantwortung für P, negative/positive Bewertung von P, P bedauern (und viele andere Einstellungen zu P), usw.

   Auch Engel (1996) führt neuerdings mit dem Begriff der „semantischen Relatoren“ vergleichbare Kategorien ein: Lokativ (LOC), Agentiv (AGT), Klassifikativ (KLS) und Affektiv (AFF), jeweils in Unterkategorien eingeteilt wie Allativ (hin-gerichtet), Ablativ (her-gerichtet) und Präteritiv (passierter Raum) bei LOC, Effektiv (entstehend), Mutativ (sich verändernd) und Ferens (Vorgangsträger) bei AGT, usw.

   2. Wenn das vorgelegte Raster richtig und vollständig ist, dann sind alle Beispielsätze mit dem Verb entschuldigen im performativen Gebrauch, die gebildet werden können bzw. auf der parole-Ebene geäußert werden, Realisierungen eines der Valenzmuster A) – E).

   3. Nach dem vorgeschlagenen Modell lässt sich auch die Valenz aller anderen Illokutionsverben beschreiben. Rechnet man die entsprechenden Nominalphrasen dazu, wie z.B. eine Behauptung aufstellen, eine Feststellung machen, ein Versprechen geben usw., sowie idiomatische Ausdrücke wie jmdn. zur Schnecke machen, jmdm. etwas ans Herz legen, jmdm. einen Bären aufbinden usw., kommt man an die einige Tausend solcher illokutionsbezeichnenden Ausdrücke in jeder Sprache – ein relativ weites Wortfeld also.

Der Gebrauch der idiomatischen Ausdrücke allerdings weist einige Besonderheiten auf, insbesondere dass nicht alle performativ gebraucht werden. Bei den einen geht es:

(44)        Ich lege es Ihnen ans Herz. (Wahrig)

Bei anderen dagegen geht es nicht:

(45)        * Ich mach dich jetzt zur Schnecke!

(46)        * Ich binde dir jetzt einen Bären auf.

   (45) geht nicht, weil es sich beim Sprechakttyp jmdn. zur Schnecke machen um einen der expressiven Sprechakttypen „mit Sprecher-Aversion“ handelt (Marten-Cleef: 1991); für deren Untergruppen der „opponierenden“ und „abreagierenden“ Sprechakttypen soll es generell charakteristisch sein, dass der sprechaktbezeichnende Ausdruck nicht performativ gebraucht wird. Das gilt nicht nur für idiomatische sprechaktbezeichnende Ausdrücke, sondern auch einfache Verben:

(47)        * Ich muss über diesen Stau / diesen Umweg fluchen. (Marten-Cleef 1991: 334)

(48)        * Ich muss mit dir motzen / murren / geifern! (Marten-Cleef 1991: 314)

Wenn sie performativ gebraucht werden, dann nicht zum Vollzug des bezeichneten Sprechakttyps: Bei einer Äußerung wie

(49)        Jetzt muss ich aber mit dir schimpfen!

„handelt es sich meist um die nicht ernsthafte Formulierung von Ermahnen, Tadeln o.ä., nicht aber um eine konventionelle Äußerungsform des Schimpfens“ (Marten-Cleef 1991: 314).

(46) geht nicht, weil es zu den konstitutiven Bedingungen der Lüge und verwandter Sprechakttypen des unaufrichtigen Sprechens gehört, dass der Sprecher dem Adressaten eben nicht sagt, dass er lügt, schwindelt, heuchelt u.ä.[20]

 

Literatur:

1.     Engel, Ulrich (1996): Semantische Relatoren. Ein Entwurf für künftige Valenzwörterbücher. In: Weber, Nico (Hrsg.): Semantik, Lexikographie und Computeranwendungen. Tübingen: Niemeyer.

2.     Engel, Ulrich / Schumacher, Helmut (1976): Kleines Valenzlexikon deutscher Verben. Tübingen: Narr.

3.     Falkenberg, Gabriel (1982): Lügen. Grundzüge einer Theorie sprachlicher Täuschung. Tübingen: Niemeyer.

4.     Helbig, Gerhard / Schenkel, Wolfgang (1983): Wörterbuch zur Valenz und Distribution deutscher Verben. Leipzig: Bibliographisches Institut.

5.     Marten-Cleef, Susanne (1991): Gefühle ausdrücken. Die expressiven Sprechakte. Göppingen: Kümmerle.

 

WÖRTERBÜCHER mit den im Text verwendeten Abkürzungen

1.     (D-Groß): Duden – Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 8 Bänden, Bd. 2 (1993)

2.     (D-Bed): Duden – Das Bedeutungswörterbuch (1985)

3.     (D-Stil): Duden – Das Stilwörterbuch (1988)

4.     Langenscheidts Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache (1993)

5.     Wahrig, Gerhard (1986): Deutsches Wörterbuch


[1] Engel war nämlich zu dieser Zeit (70er Jahre) an der Semantik der Verben bei der Valenzbeschreibung bekanntlich nicht interessiert. Erst neuerdings in den 90er Jahren führt Engel auch die „semantisierte Valenz“ in die Beschreibung ein.

[2] Das war in den 70er und 80er Jahren vielleicht auch nicht möglich, weil die Sprechaktakttheorie, auf die sich der vorliegende Beitrag im wesentlichen stützt, nicht so weit war, dass von ihren Ergebnissen auch die Valenzbeschreibung der Sprechaktverben hätte profitieren können.

[3] Modifiziert nach Marten-Cleef (1991: 290f.).

[4] jedenfalls nach dem dem vorliegenden Beitrag zugrunde gelegten Verständnis des performativen Gebrauchs eines Verbs, vgl. Abschnitt 3.

[5] Bei einigen Beispielsätzen ist die Quelle abgekürzt angegeben. Zu den Abkürzungen s. das Literaturverzeichnis.

[6] Vgl. oben die Bedingung B1: Der Sprecher ist oder fühlt sich verantwortlich...

[7] In anderen Sprachen werden diese beiden Bedeutungen des deutschen Verbs entschuldigen von verschiedenen Verben getragen, z.B. englisch to apologize, to excuse, to forgive, kroatisch isprièati (se), oprostiti, wie weiter unten wahlweise demonstriert wird.

[8] Andere mögliche Benennungen für diesen Sprechakttyp wären: Verzeihung / Nachsicht erbitten (Wahrig), um Entschuldigung bitten (D-Bed), um Nachsicht, Verständnis bitten (D-Groß, D-Bed), eine Enschuldigung vorbringen.

[9] Andere mögliche Benennungen dieses Sprechakttyps wären: Verständnis äußern, Verzeihung äußern.

[10] Die Bedingungen der selektiven Valenz entsprechen, wie im Abschnitt 2. bereits erwähnt, den charakteristischen Handlungsbedingungen für den Sprechakttyp Entschuldigung vorbringen.

[11] Wenn für eine Ergänzung verschiedene lexikalische Besetzungen möglich sind, ist im Satzbauplan nur das Symbol angegeben, also z.B. ADR für dir, Ihnen, euch, allen Anwesenden.

[12] In entsprechenden englischen Sätzen kann in (18)-(21) das Verb apologize gebraucht werden (neben dem üblicheren I´m sorry), in (17) dagegen nicht, sondern nur etwa I´m sorry, I can´t make it tomorrow oder (formell) I´m afraid I´ll have to make my excuses for tomorrow. Auch bei den Varianten A1 und A2 kann nicht apologize gebraucht werden, sondern excuse: Please excuse my son for not being able to come tomorrow.

Eine kontrastive Analyse deutsch – englisch müsste z.B. erklären, wieso (17) im Unterschied zu allen anderen deutschen Beispielsätzen nach dem Muster A ins Englische nicht mit apologize wiedergegeben werden kann.

Für die Übersetzungen aus dem Deutschen ins Englische danke ich Frau Vladimira Èakariæ, meiner Kollegin Anglistin. Im Kroatischen kann in allen Beispielsätzen das Verb isprièati (se) für (sich) entschuldigen gebraucht werden.

[13] Auf die Austauschbarkeit einer Person und ihres Verhaltens als inhaltlicher Besetzungen der Akkusativergänzung in Sätzen mit dem Verb entschuldigen machen auch H/S aufmerksam. In ihrer bereits zitierten Valenzbeschreibung dieses Verbs steht u.a.:

1. Hum (Er entschuldigt seinen Freund.)

2. Abstr (Er entschuldigte seinen Fehler.)

3. Act (Er entschuldigt sein Zuspätkommen.)

[14] Mit der Äußerungsform (31) kann der Sprecher in anderen Kontexten konventionellerweise auch andere Sprechakte vollziehen als um Verzeihung bitten:

Äußerungen wie z.B. „Entschuldigen Sie mal: Wollen Sie mich bitte ausreden lassen!“ oder „Entschuldigen Sie, wenn ich unterbrechen muss, aber was Sie da sagen, entspricht nicht den Tatsachen!“ werden in unserem Zusammenhang nicht als Äußerungsformen von SICH ENTSCHULDIGEN betrachtet. Äußerungen wie die genannten Beispielsätze, mit denen der Sprecher nicht Bedauern, sondern Aggressionslust zum Ausdruck bringt, leiten einen PROTEST oder WIDERSPRUCH ein. (Marten-Cleef 1991: 292, Kennzeichnungen im Original)

[15] Die Äußerungsformen (34) und (35) werden von Marten-Cleef (1991: 292) genauso wie (31) nicht als Äußerungsformen von SICH ENTSCHULDIGEN betrachtet:

Als ANKÜNDIGUNG einer Gesprächsunterbrechung und ebenfalls nicht als Akt des SICH ENTSCHULDIGENS anzusehen ist eine Äußerung wie „Wenn Sie mich bitte einen Moment entschuldigen würden.“.

Die Erklärung, warum die genannte Äußerungsform nicht als Akt des SICH ENTSCHULDIGENS und stattdessen als „ANKÜNDIGUNG einer Gesprächsunterbrechung“ anzusehen sei, bleibt Marten-Cleef allerdings schuldig. Jedenfalls wird diese Ansicht im vorliegenden Beitrag nicht geteilt, denn diese sowie die Äußerungsformen (34) und (35) können sehr wohl als Ausdruck von Bedauern gelten, dass der Sprecher den Adressaten „kurze Zeit allein lasse“, wie in der Bedeutungsparaphrase von (34) bei Wahrig steht. Auch die Verbbedeutung lässt sich mit ´verzeihen´ paraphrasieren, genauso wie in allen anderen o.g. Äußerungsformen nach dem Valenzmuster B: ´Verzeihen Sie bitte, dass ich Sie kurze Zeit allein lasse´.

[16] Der Gebrauch des englischen excuse in (38) ist sehr restringiert: He should be excused on account of his tiredness kann nur gesagt werden, wenn sich die Entschuldigung auf Abwesenheit der Person bezieht, ansonsten wird das Verb forgive gebraucht. Dies erklärt auch, warum die Sätze (36) und (37) und generell alle deutschen Sätze nach dem Muster C mit dem englischen excuse nicht wiedergegeben werden. Möglich ist das Wort nur mit Negation: Tiredness is no excuse for his behaviour. Dies ist jedoch kein Muster C mehr, weil mit der Äußerung dieses Negationssatzes nicht der Sprechakttyp Nachsicht äußern realisiert wird. Vgl. auch entsprechende deutsche Sätze: Der Alkoholgenuss entschuldigt nicht sein skandalöses Benehmen (D-Groß); Es gibt nicht eine Quelle, die diesen Mann auch nur teilweise entschuldigte (ib.).

Auch im Kroatischen kann in (36) und (37) weder das Verb isprièati (se) noch oprostiti gebraucht werden, sondern es müssen wie im Englischen (etwa His illness accounts for his moodiness für (36)) andere Verben herangezogen werden, etwa (36) Bolest opravdava / obja¹njava njegovo neraspolo¾enje (wörtlich: die Krankheit rechtfertigt erklärt seinen Missmut), wobei der kroatische Satz äußerst konstruiert wirkt. Dasselbe gilt auch für die kroatische Entsprechung von (38). Offenbar sind sowohl die englischen als auch die kroatischen Entsprechungen des deutschen entschuldigen nach dem Muster C nicht gebräuchlich, also das Satzsubjekt kann im Englischen und Kroatischen nur human sein.

[17] Unterschied zwischen Illokutionen Bitte um Entschuldigung akzeptieren (Muster D) und Nachsicht äußern (Muster C und E): Sprechakten D geht eine Bitte um Verzeihung, Nachsicht voraus, während dies bei Sprechakten C und E nicht der Fall sein muss.

[18] Im Englischen wird in entsprechenden Sätzen nach dem Muster D das Verb forgive gebraucht, also das Verb, mit dem im Deutschen die Bedeutung von entschuldigen nach dem Muster D paraphrasiert wird (´verzeihen´): I´ll forgive you this time / (for) your behaviour. Im Kroatischen dagegen muss nicht auf das Paraphraseverb oprostiti (= ´verzeihen´) zurückgegriffen werden: (39) Isprièat æu te ovaj put.; (40) Dobro, ovaj put si isprièan.; (41) Isprièat æu ovaj put tvoje pona¹anje.

[19] Im Englischen und Kroatischen dieselben Verhältnisse wie beim Muster D: englisch nur forgive, kroatisch isprièati (= entschuldigen) oder oprostiti (= verzeihen).

[20] Vgl. dazu Falkenberg (1982).

 

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