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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 9. Jg., 17-18 / 2000, S. 327-330

 

 

Das Projekt „Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten“. Stand, Perspektiven, Desiderate

 

Alvina Ivãnescu

 

1. Das Forschungsgebiet

Als neuzeitliche Sprachinsel weist das Banat eine Vielfalt von Dialekten auf, die sich innerhalb von ungefähr 250 Jahren herausgebildet haben. Das Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten will ein Ortsnetz von 157 Ortsmundarten erfassen, die in den Kreisen Temesch, Arad und Karasch-Severin liegen.

Es muß hier erwähnt werden, daß in das Gebiet Siedler aus unterschiedlichen Herkunftsgegenden im deutschsprachigen Raum kamen (Trier, Luxemburg, Lothringen, Elsaß, Pfalz, Franken, Baden, Schwaben, Oberösterreich - um nur einige zu nennen) und somit verschiedene Mundarten mitbrachten. Im Banat fand demzufolge ein Ausgleich der Mundarten erster und zweiter Stufe statt; d.h., daß wir es in den Banater Ortschaften nicht mit reinen, sondern mit Mischmundarten zu tun haben, wobei die Merkmale eines Mundarttyps mehr oder weniger vorherrschen. Die Einteilung der Banater deutschen Dialekte unternahm Johann Wolf 1975 in seiner Kleinen Banater Mundartenkunde. Es werden fünf Mundarttypen unterschieden:

1. die rheinfränkischen Mundarten mit bairischen (der größte Teil der Ortsmundarten) oder moselfränkischen Einflüssen. Solche Mundarten werden im Kreis Temesch und im Süden des Kreises Arad in 108 Ortschaften gesprochen. In einem einzigen Ort, in Neubeschenowa, wird vorwiegend moselfränkisch gesprochen.

2. die alemannische Mundart wird in einer einzigen Ortschaft bei Arad, in Saderlach, gesprochen.

3. die südfränkischen und ostfränkischen Mundarten, die in 13 Ortschaften im Kreis Arad gesprochen werden. 

4. die mittelbairischen und nordbairi-schen Mundarten werden in 27 bzw. 4 Ortschaften im Kreis Karasch-Severin und in Städten aller drei Kreise bzw. am Fuße des Semenik gesprochen.

5. die Mischmundarten fränkischer und bairischer Prägung, in 3 Ortschaften (Neuarad, Kleinsanktnikolaus, Lippa).

2. Die bisherige Forschungsarbeit

1957 begann der Germanistiklehrstuhl in Temeswar mit der Sammlung des Mundartmaterials (ein Jahr nach dessen Gründung). Hier seien nur einige Namen derer erwähnt, die einen wichtigen Beitrag zur Verwirklichung und Weiterführung des Forschungsprojekts geleistet haben: Stefan Binder, Hans Weresch, Johann Wolf, Maria Pechtol, Doina Munteanu, Peter Kottler - der jetzige wissenschaftliche Leiter des Projekts, Hans Gehl u.a.

Direkt in den Ortschaften wurden aufgenommen

- die durch E. Lammert ergänzten Wenkersätze

- einen von Johann Wolf erstellten Fragebogen, der 400 Wörter umfaßt. Er sollte alle wichtigen phonetischen, grammatischen und lexikalischen Merkmale der Banater Mundarten erfassen

der Fragebogen des Deutschen Wortatlas

- der Fragebogen der Wortgeographie der hochdeutschen Umgangssprache, von Paul Kretschmer

- der Fragebogen des Wortatlas der deutschen Umgangssprachen, von J. Eichhoff, und noch einige zugängliche Fragebogen von deutschen Mundartwörterbuchunternehmen.

In 6 Ortschaften wurden die Fragebogen des Fragebuchs für die bairischen Mundarten in Österreich und Südtirol, von Franz Patocka und Hermann Scheuringer, erhoben.

Es wurden vollständige Wortlisten für die Buchstaben A, B, C, D, E erstellt, die dann in den Ortschaften erfragt wurden.

Außerdem wurden Diplomarbeiten der Germanistikabsolventen Temeswar exzerpiert, wie auch Mundartdichtung und sonstiges Mundartschrifttum.

Auf Grund des gesammelten Materials erschien 1975 Johann Wolfs Kleine Banater Mundartenkunde (die erweiterte Auflage erschien 1987 unter dem Titel Banater deutsche Mundartenkunde), wo er die oben erwähnte Einteilung der Banater deutschen Dialekte vornahm. Anhand der Kleinen Mundartenkunde erarbeitete Peter Kottler die Karte zur Einteilung der Banater deutschen Mundarten.

In den 70er Jahren begann man mit der Ausarbeitung der Wortartikel zu den Buchstaben A, B, D, E, F - doch es kam nicht zur Veröffentlichung, da man eine Umarbeitung der Artikel vornehmen mußte und da auch noch - wegen den Lücken im Wortmaterial - weitere Aufnahmen nötig waren.

Die Arbeit am Wörterbuch kam mit der Auswanderung oder auch Pensionierung der meisten Mitarbeiter ins Stocken. Nach 1989 hat sich das Forschungsteam aufgelöst. (Zur bisher gebrachten Forschungsarbeit vgl. Kottler 1996: 149-152)

Erst 1994 gelang es, eine Stelle neu zu schaffen, wo Ileana Irimescu bis 1997 eingestellt war. Sie hat 1998, nach einer engen Zusammenarbeit mit den Lexikographen des Pfälzischen Wörterbuchs, eine Probelieferung herausgegeben: Wörterbuch der Banater-deutschen Mundarten. Konzeption und Probeartikel (die Lieferung umfaßt die Wortstrecke abhalten - Alkohol und folgt dem ursprünglichen Gliederungsprinzip des Wörterbuchs). In der Zeitspanne 1997-1999 war ich hauptamtlich eingestellt. In dieser Zeitspanne wurden 1200 Wortartikel im Manuskript verfaßt. Seit Dezember 1999 arbeitet Eveline Hâncu am Wörterbuch. Sie wurde auf eine Forschungsstelle der Rumänischen Akademie - Temeswarer Zweigstelle eingestellt. Bisher hat sie rund 630 Wortartikel handschriftlich verfaßt.

In der Zeitspanne 1994 - 2000 wurden also ungefähr 2230 Wortartikel verfaßt. Dabei werden wahrscheinlich nach der Besprechung und Korrektur der Artikel noch manche ausgestrichen werden. Außerdem wurde weiterhin (aus Diplomarbeiten und aus dem Mundartschrifttum) exzerpiert, so daß sich das Wörterbucharchiv auf rund 350.000 Zettel erweitert hat. Das Material wurde weiter geordnet und systematisiert.

3. Das Korpus des Wörterbucharchivs

Die Materialbasis des Wörterbuchs der Banater deutschen Mundarten beträgt, wie schon erwähnt, ungefähr 350.000 Zettel. Dabei sind die ersten Buchstaben (A bis F) ziemlich gut belegt. Große Lücken bestehen bei den folgenden Buchstaben. Durch weiteres Exzerpieren der schon vorhandenen Zettel, Fragebögen und der Mundartliteratur können diese Lücken zum Teil gefüllt werden.

Zum Belegmaterial gehören:

- direkte Aufnahmen, die auf Zetteln phonetisch umschrieben wurden

- Tonbandaufnahmen, die noch zu transkribieren sind

- Diplomarbeiten

- Banater deutsche Mundartdichtung und Mundartschrifttum

- Exzerpte aus dem wissenschaftlichen Schrifttum über die Banater deutschen Mundarten.

4. Die Struktur der Wortartikel

Das Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten folgt in großen Zügen dem Pfälzischen Wörterbuch. Es beschränkt sich auf den bis in die 90er Jahre erfaßten Dialektstand. Die Wortartikel werden streng alphabetisch gegliedert und die Lemmata werden in hochdeutscher Lautung angesetzt. Besondere Mundartwörter, Lehnübersetzungen oder Entlehnungen aus anderen Sprachen, die in der Hochsprache nicht vorkommen, werden dieser angepaßt (z. B.: Alimentara ‘Lebensmittelladen’, Awis ‘Benachrichtigungsschreiben’, Awans ‘Gehaltsvorschuß’).

Dem Lemma in hochdeutscher Form folgt die Angabe zur Wortart:

- beim Substantiv wird das Genus angegeben (m., f., n.).

- beim Verb wird angeführt, ob es stark (st.) oder schwach (schw.) ist.              

Es kann vorkommen, daß ein Substantiv als m. aber auch als n. belegt ist. Die seltenere Form wird in Klammer eingetragen: m., (n.). Das gilt auch für das Verb mit den Angaben st., (schw.).

Der Lautkopf wird nach den oben angeführten Dialekttypen gegliedert, mit der Reihenfolge:

I: überwiegend rheinfränkische Mundarten

II.A: Alemannisch

II.B: überwiegend südfränkische Mundarten

II.C: mittelbairische Mundarten

III: Mischmundarten.

Innerhalb der Dialektgruppe wird angegeben:

- beim Substantiv die Singularform mit Belegort(en) und die Pluralform mit Beleg-ort(en). Falls Diminutiv vorhanden, so wird dieser auch angeführt mit Sg. und Pl.

- beim Verb der Infinitiv angegeben und nur bei starken Verben das Perfektpartizip

- beim Adjektiv steht die Positivform. Nur bei unregelmäßigen Adjektiven werden der Komparativ und der Superlativ angeführt.

Die Lautformen werden in populärer Schrift gebracht, nur wenn nötig in phonetischer Umschrift. Es werden Angaben zur Verbreitung einer Lautform gemacht, wie z.B.: verbreitet, mancherorts, selten. Im Falle gedruckter Monographien oder von Mundartliteratur erfolgt für die Lautform bzw. für den Belegsatz die Quellenangabe.

Die Bedeutungsangaben werden untergliedert und mit Syntagmen, Sätzen, Redensarten, Sprichwörtern, Bauernregeln, Volksglaube, Volksmedizin, Rätseln und Volksreimen - sofern sie vorhanden sind - belegt.

Bei Mundartwörtern ohne Entsprechung in der Standardsprache und bei Entlehnungen werden Angaben zur Etymologie gebracht. Nicht zuletzt wird auf Dialektwörterbücher der Herkunftsgebiete der Siedler hingewiesen, in denen die betreffenden Lexeme behandelt werden, u. zw.: auf das Pfälzische, Rheinische, Lothringische, Hessen-Nassau-ische, Bairisch-Österreichische, Badische und Elsäßische Wörterbuch. Bei Wörtern mit vielen Synonymen und Heteronymen werden Karten angeführt.

Beispiel: auswischen schw. - I auswische verbr. - II.A uuswische Sad. - II.B auswische Baumg SA Schir. - II.C auswischn ASad Franzd Nad Oraw Orsch Resch. - III auswische KSN NAr, auswischn Lip. 1. ‘durch Wischen säubern’ á abwischen, ausputzen, wischen. Ich häb hoint die Glässer mim trockne Fetze ausgewischt Gutt. - 2. ‘entwischen, entkommen’ Er is aus-gwischt KSN. - 3. ‘jemanden ohrfeigen’ á herunterhauen, versetzen. Er had’em oons ausgwischt, daß’em Heere un Sehe vegonge is SA. Wenn ech der ejn uuswisch, nom häsch niet z’lache Sad. - 4. ‘jemandem etwas aus Bosheit antun’ Dem han ich ens ausgwischt, daß’er lang droon denkt GJ. - 5. ‘jemanden bestehlen’ in der RA: Hascht mer die Aue ausgewischt MF. Pfälz. I 490, Els. II 873, Bad. I 103

Zu den einzelnen Mundarttypen (I, II.A, II.B, II.C, III) vergleiche die Ausführung unter 4 (zum Lautkopf).

Verzeichnis der abgekürzten Ortschaften: ASad = Altsadowa, Baumg = Baumgarten, Franzd = Franzdorf, KSN = Kleinsanktnikolaus, Lip = Lippa, Nad = Nadrag, NAr = Neuarad, Oraw = Orawitz, Orsch = Orschowa, Resch = Reschitz, Sad = Saderlach, SA = Sanktanna, Schir = Schiria. á = Verweis auf semantische Zusammenhänge, RA = Redensart

Bei der Erarbeitung der Wortartikel ergeben sich allerhand Schwierigkeiten. Hier seien nur einige erwähnt:

Es ist z.B. sehr schwer Verweise, Synonyme und Heteronyme zu jedem Lemma zu bringen, da das Wortmaterial unvollständig ist. Insofern es möglich ist, werden diese dennoch gebracht.

Eine Frage, die im Zusammenhang mit dem Wortschatz aufgeworfen wird, ist folgende: Welche Wörter werden aufgenommen? Nur Mundartwörter oder auch aus der Hochsprache entlehnte Wörter?

Als problematisch beim Erarbeiten der Wortartikel erweist sich auch die Gliederung der Ortsmundarten nach Dialekttypen, da zum Beispiel unter dem Dialekttyp rheinfränkisch auch moselfränkische Mundarten eingetragen werden. So auch die nordbairischen Mundarten unter den bairischen. Gliedert man diese auf, wird der Wortartikel unübersichtlich.

Außerdem bereitet die Ortsmundart von Semlak Schwierigkeiten, die meistens durch zwei Formen belegt ist. In Semlak gibt es zwei Mundarten nebeneinander, beide rheinfränkisch - eine fest- und eine fescht-Mundart (die Siedler gehören zwei verschiedenen Konfessionen an: Lutheraner und Kalvinisten.). Im Wortartikel sollte in einer Weise die Zugehörigkeit der einen Form zu einem Mundarttyp und die andere zum anderen angeführt werden. In den Belegen wird jedoch nicht angegeben, um welche Mundart es sich handelt. Das kann man nur schwierig oder gar nicht herausfinden.

 

5. Perspektiven und Desiderate

 

Ÿ Da der Buchstabe A im Manuskript fertiggestellt ist, folgt in diesem Jahr, nach der Besprechung und Korrektur der Wortartikel, die Veröffentlichung der ersten Lieferung oder des ersten Bandes.                

Ÿ Es besteht die Hoffnung, daß eine der diesjährigen Germanistikabsolventinnen beim Wörterbuch eingestellt wird. Das wird die Arbeit am Projekt schneller voranbringen.

Ÿ Da in vielen Ortschaften Tonbandaufnahmen gemacht und Fragebogen erhoben wurden, können die Lücken des Wörterbucharchivs größtenteils gedeckt werden. Auszuwerten sind selbstverständlich auch weiterhin die Diplomarbeiten der Germanistikabsolventen und das Banater deutsche Schrifttum.

Ÿ So schnell wie möglich müßten noch Aufnahmen in den Ortschaften mit unzureichendem Material vorgenommen werden, da die Zahl der Mundartsprecher immer mehr zurückgeht.

Ÿ Nötig wären noch einige Wörterbücher, z.B.: das Südhessische, das Schwäbische, das Luxemburgische, ferner Regionalatlanten und weitere Fragebücher, um die Arbeit am Wörterbuch weiterzuführen und auch einen Banater Deutschen Sprachatlas in Angriff zu nehmen.

 

Literatur:

1.     Binder, Stefan (1997): Forschungsschwerpunkte in den Abhandlungen Banater Germanisten. Ein Rückblick und Ausblick. In: Guþu, George / Speranþa Stãnescu (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Germanistik in Rumänien (I). Bucureºti: Charme-Scott, S. 271 - 294.

2.     Kottler, Peter (1984): Sprachliche Kennzeichnung der Banater Deutschen. In: Gehl, Hans (Hrsg.): Schwäbisches Volksgut. Timiºoara, Facla Verlag.

3.     Kottler, Peter (1996): Gegenwärtiger Stand und Perspektiven der Arbeit am "Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten". In: Schwob, Anton / Horst Fassel (Hrsg.): Deutsche Sprache und Literatur in Südosteuropa - Archivierung und Dokumentation. Beiträge der Tübinger Fachtagung vom 25.- 27. Juni 1992. - München: Verlag Südostdeutsches Kulturwerk, S. 148-153.

4.     Kottler, Peter (1997): Kurze Geschichte des Temeswarer Germanistiklehrstuhls. In: Guþu, George / Speranþa Stãnescu (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Germanistik in Rumänien (I). Bucureºti: Charme-Scott, S. 83-103.

5.     Irimescu, Ileana (1998): Wörterbuch der Banater-deutschen Mundarten. Konzeption und Probeartikel. Timiºoara: Sedona.

6.     Friebertshäuser, Hans (Hrsg.) (1986): Lexikographie der Dialekte. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.

7.     Wolf, Johann (1987), Banater deutsche Mundartenkunde. Bukarest: Kriterion Verlag.


 

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