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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 13.-14. Jg., 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005, S. 155-161

 

 

Die Botschaft des Unbewussten in Ingeborg Bachmanns Der Fall Franza

 


Beate Petra Kory

 

   Ingeborg Bachmanns erst 1978 postum veröffentlichtes Prosa-Fragment Der Fall Franza bildet den zweiten Teil des Todesarten–Zyklus, den – als einzig vollendeten Teil - der 1971 erschienene Roman Malina einleitet. Der dritte unvollendete Teil des Todesarten–Projektes ist der Roman Requiem für Fanny Goldmann. In den drei Büchern handelt es sich jeweils um den durch eine männliche Gestalt herbeigeführten Tod einer Frau.

   Unsere Aufmerksamkeit gilt der Untersuchung der Botschaft der Träume und Visionen, die Bachmann ihre zum Opfer vorbestimmte weibliche Protagonistin, Franza Ranner, träumen läßt. Zugleich soll auch auf die Funktion dieser Träume und Visionen innerhalb der Romanhandlung verwiesen werden. Wenn man der Aussage des weiblichen Ich in Bachmanns so oft als autobiographisch eingestuftem Roman Malina Glauben schenkt, so waren der Schriftstellerin die Werke der führenden Psychoanalytiker, Sigmund Freud, Alfred Adler und Carl Gustav Jung wohlbekannt. Die Protagonistin bekennt nämlich Freud, Adler und Jung bei 360 Watt in einer einsamen Berliner Straße, zu den leisen Umdrehungen der Chopin-Etüden gelesen zu haben (Bachmann, 1997, S. 81). Die hohe Watt-Angabe deutet im Unterschied zur übrigen Lektüre auf einen „überhelle[n], überwache[n] Zustand“ (Riedel, 1981, S. 181), in welchem Bachmann die Tiefenpsychologie studiert hat, vorausgesetzt, daß sie die Musik im Hintergrund nicht abgelenkt hat. Aus diesem Grund nimmt sich die Arbeit auch vor aufzuzeigen, zu welcher tiefenpsychologischen Traumtheorie diese erdichteten Träume näher stehen, zur Freudschen oder zur Jungschen Traumauffassung.

   Die Anregung zur Entstehung dieser Arbeit gab Eva Christina Zellers erste umfassende Untersuchung zu Bachmanns Der Fall Franza. Im zweiten Teil ihrer Untersuchung konzentriert sich Zeller neben der Deutung der Geschwisterbeziehung auf die Interpretation des Romans unter dem Aspekt der Motive der Krankheit und des Verbrechens. In diesem Teil geht die Kritikerin auch auf die Träume und Visionen der Gestalt ein. Sie ordnet aber den Träumen bloß eine Erkenntnisfunktion zu, die in der Einsicht der Gestalt in die Ursachen und Ausmaße ihrer psychischen Zerstörung besteht (ZELLER, 1988, S. 74f.), wie dies auch bei anderen Kritikern zu finden ist (HÖLLER, 1993, S. 269; BARTSCH, 1988, S. 138). Gleichzeitig wird dem Leser nahegelegt die Träume und den Haschischrausch Franzas als Hilfsmittel zur Wiederfindung zu verstehen. Vorliegende Arbeit steht dazu im Widerspruch.

   Vor allem das zweite und dritte Kapitel des Buches Der Fall Franza können als „eine Reise durch eine Krankheit“ aufgefaßt werden – wie Bachmann das in ihrer Vorrede zu dem Franza-Fragment präzisiert – (BACHMANN, 1989, S. 9), denn in diesen beiden Kapiteln setzt sich Franza mit dem Leben neben ihrem Ehemann, dem Psychiater Leopold Jordan, auseinander, das zu ihrer psychischen Zerrüttung geführt hat und versucht die Ursachen ihrer Krankheit aufzudecken. Des öfteren wurde das zweite Kapitel des Romans, das den Titel Jordanische Zeit trägt, mit dem mittleren Traumkapitel in Malina verglichen (ZELLER, 1988, S. 16; HÖLLER, 1993, S. 269). Der erste Traum, den Franza erzählt, ist ein Traum, der geringfügig verändert auch in dem zweiten Kapitel des Romans Malina anzutreffen ist. Franza hat den Traum in der Nacht zuvor geträumt. Sie befindet sich ganz allein in einer Gaskammer, in der alle Türen verschlossen sind und in der es kein Fenster gibt und Jordan befestigt die Schläuche und läßt das Gas einströmen, um sie zu ermorden. Im Wachzustand stellt sie sich die Frage, wie sie so etwas träumen könne und möchte Jordan um Verzeihung bitten für diesen Traum, weil sie sich bewußt nicht vorstellen kann, daß ihr Mann fähig wäre das zu tun. Doch dann heißt es weiter: „… aber nun träum ich es doch und drücke es so aus, was tausendmal komplizierter ist“ (BACHMANN, 1989, S. 75).

   Im Anschluß an diese Äußerung folgt die Darlegung ihrer psychischen Vernichtung durch Jordan:

 Spätschäden. Ich bin ein einziger Spätschaden, keine Erinnerungsplatte, die ich auflege, die nicht mit einem schrecklichen Nadelgekratze losginge, kein Sommertag, auf den nicht ein Giftsprühregen niederginge, keine Nacht, von der ich nicht zwanghaft denke, er hat sich seine Notiz gemacht, keine Vergeßlichkeit, die nicht in Fehlleistung und Bedeutungswahn begraben worden wäre (BACHMANN, 1989, S. 75).

   Jordan wäre zwar nicht fähig sie physisch zu vernichten, aber er richtet sie seelisch zugrunde. Der Traum drückt demnach die gewaltsame seelische Zerstörung durch ein krasses Bild aus und läßt der Gestalt Jordans Unmenschlichkeit bewußt werden. Der Traum bedient sich nicht zufällig der Vergasung. Jordan ist wie in der Erzählung Das Gebell aus Bachmanns zweitem Erzählungsband Simultan (1972) ein Psychiater, der sich mit den Spätfolgen bei KZ-Häftlingen beschäftigt. Gleichzeitig setzt Bachmann die Unmenschlichkeit mit dem Faschismus gleich, der für sie als „schlimmste Verwirklichung“ des hier durch Jordan repräsentierten Gewaltprinzips gilt (BARTSCH, 1988, S. 152).

   Dieser Traum hat eine rein tiefenpsychologische Funktion, und zwar klärt er die Gestalt über die psychische Zerstörung auf, welche durch ihren Ehemann herbeigeführt worden ist. Dem Bericht ihres zweiten Traumes schickt Franza eine allgemeine Darstellung ihres Verhältnisses zu den Träumen voraus. Für sie sind ihre Träume wichtig geworden, weil sie mit deren Hilfe ihren gegenwärtigen psychischen Zustand versteht:

Früher habe ich nie geachtet auf die Träume … aber jetzt, wie quälend, weil es nichts Fremdes ist, es gehört zu mir, ich bin zu meinen eigenen Träumen gekommen, meine Tagrätsel sind größer als meine Traumrätsel, du merkst dann, daß es keine Traumrätsel gibt, sondern nur Rätsel, Tagrätsel, unverlautbare chaotische Wirklichkeit, die sich im Traum zu artikulieren versucht, die dir manchmal genial zeigt, in einer Komposition, was mit dir ist, denn anders würdest du’s nie begreifen … (BACHMANN, 1989, S. 79).

   Diese Äußerung Franzas deutet nicht darauf „daß sie Traum und Wirklichkeit nicht als kategorial unterschiedene Realitätsebenen versteht“ (ZELLER, 1988, S. 71), d.h. daß für sie Traum und Wirklichkeit ineinander verschmelzen - wie Zeller das sieht – sondern darauf, daß sie ihre Träume zu verstehen beginnt, weil sie zu ihr selbst gehören. Der Traum bietet für Franza die Möglichkeit ihre Tagrätsel zu lösen. Zeller nützt diese Aussage Franzas fälschlicherweise dazu, um das magische Weltbild der Hauptgestalt hervorzuheben. Die Nähe Bachmanns zur Jungschen Traumauffassung wird an folgender Stelle ersichtlich:

… plötzlich aber nimmt sich dein Traum zusammen und tut den großen Wurf, ein Shakespeare hat ihm die Hand geliehen, ein Goya ihm die Bühnenbilder gemalt, er hebt sich aus den Niederungen deiner Banalität und zeigt dir dein großes Drama … (BACHMANN, 1989, S. 79).

   Im Unterschied zu Freud, der das Unbewußte größtenteils als „Lagerstätte verdrängter, infantiler persönlicher Erfahrungen“ (SAMULELS/SHORTER/PLAUT, 1991, S. 229) betrachtet, postuliert Jung neben dem persönlichen Unbewußten auch die Existenz eines kollektiven Unbewußten, das unabhängig vom Ich arbeitet. Auch Bachmann ordnet dem Traum Fähigkeiten zu, die nicht mehr aus dem individuellen Unbewußten stammen. Der Traum bedient sich der Sphäre des kollektiven Unbewußten, um seine Botschaft dem Bewußten vermitteln zu können.

   Der zweite Traum, den Franza erzählt, macht ihr den Grund ihrer Angst bewußt. Es ist die Angst vor dem Tod. Sie sieht im Traum auf einen Friedhof bei Sonnenuntergang und es heißt, es sei der Friedhof der Töchter. Sie sieht auf ihr eigenes Grab hinunter, denn auch sie fühlt sich den Töchtern zugehörig. Obwohl ihr Vater im Traum nicht erscheint, weiß sie, daß sie seinetwegen gestorben und an dieser Stelle begraben ist. Der Vater darf in diesem Traum, wie auch in den Träumen der Ich-Erzählerin in Malina nicht als persönlicher Vater verstanden werden. Er ist eine archetypische Vaterfigur, ein „Repräsentant der Gesellschaft“, „er deckt das in der patriarchalischen Gesellschaft durch den Vater repräsentierte Gewaltprinzip als die soziale Triebkraft auf“ (BARTSCH, 1988, S. 152). Der Traum zeigt ihr die Ursache ihres Todes auf, welche sie bewußt nie herausbekommen hätte:

Weißt du vielleicht in diesen wachen Zuständen etwas von einem Friedhof der Kinder, und an wem du stirbst? Das erfährst du nie, und wenn du es durch dich selber auf diese Weise erfährst, bei der Fahrt durch den Tunnel, in der Nacht, dann weißt du, es ist wahr. Das ist es. Darauf könntest du schwören (BACHMANN, 1989, S. 79).

   An dieser Stelle wird deutlich, daß Franza keinen Augenblick daran zweifelt, daß die Träume ihr die Wahrheit über sich selbst sagen.

   So wie der erste erzählte Traum hat auch dieser eine Erkenntnisfunktion, da er der Gestalt eine Botschaft aus dem Unbewußten zukommen läßt. Jedoch beschränkt sich der Traum nicht auf die Erkenntnisfunktion. Die tiefenpsychologische Funktion des Traumes verbindet sich auch mit der narrativen vorausdeutenden Funktion. Der Leser wird damit auf den tragischen Ausgang der Handlung vorbereitet. Gleichzeitig verweist aber die antizipatorische Funktion des Traumes im narrativen Erzählkontext auch auf die Jungschen prospektiv-seelenführenden Träume. Diese führen den Träumenden seinem zukünftigen Schicksal zu. Der Traum kann demnach als Vorbereitung der Gestalt auf ihren Tod aufgefaßt werden. Jung äußert nämlich folgende Meinung: „Die Erfahrung zeigt, daß die unerkannte Nähe des Todes eine adumbratio (einen vorwegnehmenden Schatten) auf das Leben und die Träume des Opfers wirft (JUNG, 1995, S. 74f.).     

   Dieser Alptraum Franzas zeigt die Endkonsequenz der Zerstörung ihrer Seele auf, die notwendigerweise in den Tod führen muß. Während sich Franza im zweiten Kapitel auf dem Schiff, das nach Ägypten fährt, anhand eines Dialogs mit ihrem Bruder mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt und mittels ihrer Träume über die psychischen Folgen dieser Vergangenheit in Kenntnis gesetzt wird, versucht sie im dritten Kapitel, das in Ägypten spielt, zu sich selbst zurückzufinden. Angesichts der Einsicht in die Zerstörtheit ihrer Seele, die notwendigerweise in den Tod führt, ist dieser Versuch als wahrhaft heroisch zu betrachten.

   Im dritten Kapitel erhält der Leser nicht über Träume Zugang zum Unbewußten der Gestalt sondern über einen Haschischrausch und eine Vision in der arabischen Wüste. Anfang des dritten Kapitels während der Fahrt mit dem Wüstenbus ans Rote Meer äußert Franza folgenden Satz: „Sire, ich werde ankommen“ (BACHMANN, 1989, S. 84).

   Dieser Satz drückt die Gewißheit aus, ihre seelischen Probleme in der Wüste, die „Ausdruck ihrer eigenen Verwüstung“ (ZELLER, 1988, S. 55) ist, bewältigen zu können. Wie auch Zeller unterstreicht, bedeutet Ankommen, „bei sich selbst ankommen“ (ZELLER, 1988, S. 88), mit sich selbst identisch werden. Jedoch anderthalb Seiten weiter, während der Rast in Suez heißt es:

Seit sie aus dem Bus herausgewankt war, hatte ein Kampf in ihr angefangen, in ihr gingen zwei Gegner aufeinander los, mit einer vehementen Entschlossenheit, ohne sich mehr zu sagen als: Ich oder Ich. Ich und die Wüste. Oder Ich und das andere. Und ausschließlich und nichts Halbes duldend, fingen Ich und Ich an, gegeneinanderzugehen (BACHMANN, 1989, S. 86).

   An dieser Stelle wird im Roman-Fragment zum ersten Mal von der Persönlichkeitsspaltung Franzas gesprochen. Zeller nimmt an, daß das „Wüsten-Ich“ Franzas „das magische Ich“ ist, „das verschüttete, das nichtige“ - oder besser gesagt das nichtig gewordene - , „das angesichts des Nichts in der Wüste sich wieder entfalten und auf sich bestehen kann“, während das andere ihr „kolonialisiertes entfremdetes Ich“ ist, welches die patriarchalische Hierarchie verinnerlicht hat (ZELLER, 1988, S. 88). Die Akzeptanz der patriarchalischen Hierarchie hat ihr magisches Ich zugrundegerichtet.

   Franza ist in der Wüste ganz verwandelt. Sie wird zum ersten Mal aktiv und tut etwas freiwillig und selbständig, weil sie das Gefühl hat, daß die Weißen mit ihrer Vernichtermentalität ihr hier nicht mehr befehlen können:

Die Weißen. Hier waren sie endlich nicht mehr. Hier mußte sie sich nie mehr umdrehen und sie hinter sich gehen hören und fürchten, gewürgt zu werden, an eine Wand zu fallen vor Schreck, aus einem Auto in den Schnee gestoßen zu werden. Sie hörte auf, sich [zu] fürchten, von jemand angeschrien, belauert und gewürgt zu werden. Sie mußte bei keinem Versuch mehr stillhalten. Ein anderer Versuch fing an, und den würde sie selber an sich vornehmen (BACHMANN, 1989, S. 89).

   Jedoch bleibt dies nur eine Illusion, denn auch Ägypten ist nicht frei von dem Geist der Weißen. Diesen zerstörerischen Geist erblickt Franza im Bau des Assuan-Hochdammes, der für sie ein Sinnbild der gewaltsamen Unterordnung der Natur unter die Zwecke der Menschen darstellt, so wie in der Schändung der Mumien durch die Archäologen, die ein fremdes Weltbild nicht achten. Vorerst lenkt die Konzentration auf die elementaren Bedürfnisse, Hunger und Durst, Franza von ihrer Beschäftigung mit ihren seelischen Problemen ab. Weil es ein ungeschriebenes Gesetz für das Sparen mit dem Wasser gibt, das für alle reichen muß, hat Franza das Gefühl in der Wüste zu ihrem Recht zu kommen, weil auch ihr hier nichts verweigert werden darf.

  Der Rückfall ereignet sich als Franza im Nilschlamm eingegraben eine Parallele zu ihren früheren Erstickungsanfällen aus der „Jordanischen Zeit“ herstellt. Auch Martin erkennt jetzt, daß Franza todkrank ist. Auch in dem Auslöschenwollen der Erinnerung an die Königin Hatschepsut durch ihren Nachfolger, dem dritten Tuthmosis, sieht Franza eine Analogie zu ihrer eigenen Situation. Sie erkennt, daß sie nirgends von den Weißen geschützt ist.

   Anläßlich einer arabischen Hochzeit wird Franza von ihrem Bruder Martin dazu aufgefordert Haschisch zu rauchen. Der Haschischrausch beginnt mit der Erfahrung der Zeitlosigkeit und dem Gefühl der ewigen Gegenwart, das durch die Zeitform des ersten Verbs im Präsens suggeriert wird, während der folgende Bericht über den Haschischrausch im Präteritum gehalten wird. Zuerst konzentriert sich Franza auf das Körperliche, auf den Rauch, der in Schwaden durch ihren Körper zieht und eine leichte Übelkeit erzeugt. Dann läßt sie sich hinunterstoßen in das Reich des Unbewußten. Doch dieser Raum erfüllt sie mit Entsetzen, denn sie stellt fest, daß sie zwei Körper hat, einen von normaler Größe und einen riesengroßen. Wie auch Zeller hervorhebt, steht der riesengroße Körper, vor dem sie sich fürchtet, für jenen Teil ihres Ich, das die patriarchalische Hierarchie verinnerlicht hat (ZELLER, 1988, S. 88).

   Auffallend ist, daß der Haschischrausch nicht als totales Versinken in das Unbewußte gestaltet wird, sondern als ein beständiger Wechsel zwischen bewußtem und unbewußtem Zustand. Die bewußten Gedanken Franzas werden im Präsens mit Hilfe des inneren Monologs formuliert. Das Unbewußte zeigt ihr ihre seelische Lage auf, die sich in ihrer Gespaltenheit äußert. Sie weiß, daß sie wieder eins werden muß, um geheilt zu werden; aber es gelingt ihr nicht diese Gespaltenheit zu überwinden:

Unter ihre Körper wurden Schraubstöcke gefahren, Hüften und Rücken hineingepreßt, gequetscht. Kein Stellungswechsel mehr möglich (BACHMANN, 1989, S. 111).

   Als nächstes sieht sie unter ihren geschlossenen Lidern ein mit schwarzweißen Ornamenten bedecktes Zeichenband laufen. Obwohl sie diese Zeichen als Hieroglyphen erkennt, heißt es im folgenden Satz: „Die Augen wieder offen, blitzschnell geöffnet trotz des Drucks, damit diese unentzifferbare Schrift ins Stocken kam“ (BACHMANN, 1989, S. 89).

   Die Hieroglyphen aber sind für Franza nicht unentzifferbar, denn man erfährt etwas früher im Text ihre Einstellung zu der Schrift auf den Tempeln und Säulen: „Sie lernte die Zeichen lesen. Nie war eine Geschichte, von der sie nichts gewußt hatte, leichter zu erlernen gewesen, hier stand ja alles, keine Botschaft, aber eine Geschichte“ (BACHMANN, 1989, S. 103).

   Zeller unterstreicht, daß die Kürzel, mit deren Hilfe Jordan seine Beobachtungen über Franza notiert, „ein Gegenbild zu den Hieroglyphen“ (ZELLER, 1988, S. 62) darstellen. Daher deutet Franzas Ausruf: „Ein Ende mit der Schrift. Ein neuer Anfang.“ auf die Sehnsucht der Gestalt nach der Zerstörung der Schrift der Weißen und damit der Vernichter-Mentalität, sowie der Sehnsucht nach einem neuen Anfang im Sinne ihres magischen Weltbildes, das dem abstrakt-logischen Weltbild der Weißen diametral entgegensteht.      Der Haschischrausch endet mit der Vision eines Fluges. Das Wörterbuch der Symbole verzeichnet zum Flug folgendes:

… in den Träumen drückt das Fliegen einen Sublimierungswunsch aus, die Suche nach einer inneren Harmonie, die Überwindung der Konflikte. Diese Art von Träumen findet sich vor allem bei nervösen Personen, die nicht sehr imstande sind ihren Wunsch sich durch sich selbst zu erheben zu verwirklichen. Das bedeutet symbolisch: nicht imstande zu sein zu fliegen ... Das Bild des Fluges ist ein irrealer Ersatz der Handlung, die ausgeführt werden müßte (Chevalier /Gheerbrant, 1994, S. 487).

   Die Vision vom Flug hat demnach einen kompensatorischen Charakter und deutet auf die Unmöglichkeit der Gestalt, ihre Gespaltenheit zu überwinden und zu sich selbst zurückzufinden.  Der innere Monolog, mit welchem die Vision endet, deutet erneut auf den bewußten oder halbbewußten Zustand der Gestalt:

Gestöber von Gedankengeschossen im Flug, es denkt sich etwas, rasend schnell, zu schnell für ein Hirn, die Gedanken fegen und wirbeln neue Gedanken auf. Die Weißen kommen. Nicht denken, nur nicht mehr denken und so zerstäuben. Die Augen müssen noch einmal-. Einmal müssen die Augen aufgehen. Ich will wieder fliegen, ich will ankommen, Sire, ich will ankommen (BACHMANN, 1989, S. 112).

   Bachmann versucht hier die Beschleunigung des Zeiterlebens unter der Einwirkung der Droge durch das blitzschnelle Aufeinanderfolgen der Gedanken zu suggerieren. Franza sehnt sich nach der Selbstfindung, wünscht sich verzweifelt mit sich selbst identisch zu werden. Zeller verweist auf den Unterschied zwischen Franzas zuversichtiger Aussage am Anfang der Reise: „Sire, ich werde ankommen“ (BACHMANN, 1989, S. 84) und dem jetzigen Ausdruck der Verzweiflung, dem schon die Gewißheit einer Heilung fehlt (ZELLER,1988, S. 88). Der Haschischrausch spiegelt demnach die seelische Lage der Protagonistin, indem er die Spaltung Franzas aufzeigt. Gleichzeitig offenbart sich aber auch der kompensatorische Charakter des Unbewußten in der Halluzination Franzas vom Fliegen.

   Beide Traumfunktionen deuten auf C. G. Jung. Jung faßt den Traum im Gegensatz zu Freud, der auf eine Unterscheidung zwischen manifestem und latentem Trauminhalt besteht, als „eine spontane Selbstdarstellung der aktuellen Lage des Unbewußten in symbolischer Ausdrucksform“ (JUNG, 1984, S. 149) auf. Der Traum ist für ihn das getreue Abbild der seelischen Lage des Träumenden.

   In der Jungschen Auffassung äußert sich durch den Traum die steuernde Funktion des Unbewußten, welches ein Gleichgewicht zwischen dem Bewußten und dem Unbewußten herzustellen versucht. Die Tatsache, daß der Traum dem Träumenden jeweils die der aktuellen Bewußtseinslage entgegengesetzte Position vorhält, bezeichnet Jung als kompensatorische Funktion. Zeller vertritt die Meinung, daß bis zu dem Punkt der Reise, an dem Franza an dem Strand des Roten Meeres mit ihren eigenen Bildern konfrontiert wird, - sie nennt diese Stelle die „Dekompositions-Szene“ – noch die Chance zu bestehen scheint, daß Franza sich mit Hilfe der durch Traum, Haschisch und Identifikation erfahrenen Erkenntnis von den Verstörungen, die sie noch immer gefangen halten, wird befreien können (ZELLER, 1988, S. 79f.). Jedoch eine eingehendere Analyse der Botschaft von Franzas Träumen, wie auch der Haschischvision macht die verheerenden seelischen Folgen ihrer Zerstörung deutlich, die konsequenterweise in den Tod führen. Zumindest nach dem Traum Franzas von ihrem eigenen Tod kann der Leser den tragischen Ausgang des Roman-Fragments erahnen.

   Fast unmittelbar nach dem Haschischrausch folgt die Dekompositions-Szene. Franza sieht auf dem einsamen Strand des Roten Meeres ein Bild. Es wird hervorgehoben, daß es diesmal „nicht mehr die immer vorgestellten Bilder“ (BACHMANN, 1989, S. 113) sind, sondern daß sie ihren eigenen Einbildungen begegnet. Sie glaubt zuerst ihren Bruder zu sehen, der für sie der vertrauteste Mann ist, dann meint sie ihren Ehemann, den Psychiater Jordan, in dem weißen Arztmantel zu erblicken. Das Abwerfen des Mantels bedeutet hier das Entkleiden der Persönlichkeit (siehe Chevalier/Gheerbrant, 1994, Lemma: Veºminte, Îmbrãcãminte, S. 445). Franza wird es klar, wer dieser Mensch in Wiklichkeit ist. Aus diesem Grund ist für sie der weiße Mantel des Arztes, der ein Trostmantel sein sollte, nichts anderes als ein schrecklicher Mantel. Sie hat die Unmenschlichkeit Jordans erkannt, die er hinter dem weißen Arztmantel zu verbergen versucht. Danach meint sie ihren Vater zu sehen, der seine vielen Mäntel abwirft und schließlich erblickt sie Gott. Diese Abfolge der Bilder verweist auf die patriarchalische Hierarchie, die Franza verinnerlicht hat. Sie erkennt zuletzt das, was diese Bilderfolge ausgelöst hatte, eine Seewalze und beginnt zu lachen angesichts der Tatsache, daß sich ihre Einbildungen in ein harmloses Seetier aufgelöst haben.

  Ausgehend von dieser Erkenntnis setzt die Identitätssuche ein, die jedoch zu keinem Ergebnis führen kann, weil die Persönlichkeit schon zerstört ist. Die Auflösung ihrer Einbildungen in Nichts kommt für sie zu spät. Sprachlich suggeriert Bachmann die Zerstörung der Persönlichkeit meisterhaft. Das, was Franza niedertritt, ist nichts von außen Kommendes. Etwas von innen vernichtet sie. Wie auch Zeller feststellt, ist jener Teil des Ich, der frei geworden ist von der verinnerlichten Hierarchie, nicht stark genug um sich gegen das Andere, das sie niedertritt zu wehren (ZELLER, 1988, S. 88). Das andere aber ist der durch die Männerwelt zerstörte und dadurch psychisch kranke Teil ihrer Persönlichkeit.

   Das Roman-Fragment endet jedoch nicht mit der völligen Selbstaufgabe Franzas durch ihren Tod. Bevor sie stirbt verflucht sie die Weißen. Zeller äußert dazu folgende Meinung:

Franzas Fluch am Ende ist getragen von dem Glauben an die Wirkung dieses Fluchs. Das heißt, Franza ist zur Magie und ihrer Identität zurückgekehrt. … ihre Seele lebt quasi durch den Fluch weiter. Franza findet als einzige weibliche Figur des Zyklus im Tod die Sprache wieder (ZELLER, 1988, S. 80).

   Bachmann setzt den Traum nicht produktiv zur Lösung der Konflikte ein, wie z.B. Hermann Hesse. Anhand der Träume und Visionen ihrer weiblichen Gestalt veranschaulicht die Schriftstellerin die Opfer-Mentalität der Frau und damit „das Denken, das zum Sterben führt“ (BACHMANN, 1989, S. 10).

 

Literatur:

1.     Bachmann, Ingeborg, Der Fall Franza, in: Bachmann, Ingeborg, Der Fall Franza. Requiem für Fanny            Goldmann, München: Piper, 1989, S. 8-150.

2.     Bachmann, Ingeborg, Malina, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997.

3.     Bartsch, Kurt, Ingeborg Bachmann, Stuttgart: Metzler, 1988.

4.     Chevalier, Jean/Gheerbrant, Alain, Dicþionar de simboluri. Mituri, Vise, Obiceiuri, Gesturi, Forme, Figuri, Culori, Numere, Volumul 1, Bucureºti: Editura Artemis, 1994. (Zitat ist von der Verfasserin übersetzt)

5.     Höller, Hans, Ingeborg Bachmann. Das Werk. Von den frühesten Gedichten bis zum Todesarten-Zyklus, Frankfurt am Main: Hain, 1993.

6.     Jung, Carl Gustav, Allgemeine Gesichtspunkte zur Psychologie des Traumes, in: Grundwerk, Bd. 1, Olten: Walter, 1984, S. 122-167.

7.     Jung, Carl Gustav/ Franz, von Marie-Louise / Henderson, Joseph L. / Jacobi, Jolande / Jaffe, Aniela, Der Mensch und seine Symbole, Solothurn und Düsseldorf: Walter, 1995.

8.     Riedel, Ingrid, Traum und Legende in Ingeborg Bachmanns >Malina<, in: Urban, Bernd/Kudszus, Winfried (Hrsg.), Psychoanalytische und psychopathologische Literaturinterpretation, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1981, S. 178-207.

9.     Samuels, Andrew / Shorter, Bani / Plaut, Fred, Wörterbuch Jungscher Psychologie, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1991.

10.  Zeller, Eva Christina, Ingeborg Bachmann: Der Fall Franza, Frankfurt am Main: Peter Lang, 1988.

 

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Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga 

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