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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens (ZGR), 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 118-123

 

 

 

Der Dichter als Psychologe: Parallelen zu Carl Gustav Jung in Hermann Hesses Erzählung

Unterm Rad

Beate Petra Kory

 

Der Einfluß JUNGs auf Hesse wird in der Forschungsliteratur mit dem Jahr 1916 angesetzt, dem Jahr, in welchem Hesse die Analyse bei dem JUNG-Schüler JOSEPH BERNHARD LANG aufnimmt. Es wird aber nicht erwähnt, daß schon in den früheren Werken Hesses vereinzelt Gedanken auftauchen, die man in den JUNGschen Theorien wiederfinden kann.

In seinem Aufsatz Es geht bis auf’s Blut und tut weh. Aber es fördert. Hermann Hesse und die Psychologie C.G. Jungs aus dem Jahre 1997 postuliert GÜNTER BAUMANN eine innerseelische Verwandtschaft zwischen Hesse und JUNG aufgrund gewisser biographischer Übereinstimmungen zwischen den Lebensläufen beider Persönlichkeiten. Er schreibt diesbezüglich:

Betrachtet man den Werdegang des Dichters und des Psychologen genauer, so kann man sagen, daß ihre geistigen und persönlichen Beziehungen geradezu von langer Hand schicksalsmäßig angelegt waren. (BAUMANN, 1997, S. 44)

Dies erscheint als eine neue Erkenntnis gegenüber seiner Dissertation: Hermann Hesses Erzählungen im Lichte der Psychologie C.G. Jungs aus dem Jahre 1989, in der vor allem der JUNGsche Einfluß auf Hesse nachvollzogen wird.

Dieses Postulat der innerseelischen Verwandtschaft Hesse-JUNG kann in erster Linie durch einige Übereinstimmungen zwischen Hesses Werk - noch in den Jahren vor 1916 - und der JUNGschen Auffassung gestützt werden.

Die Parallelität der Gedankengänge Hesses und JUNGs könnte einerseits die Faszination des Schriftstellers von den tiefenpsychologischen Theorien erklären, deren einige Gedanken er schon intuitiv vorweggenommen hatte und andererseits auch die gewisse respektvolle Distanz JUNG gegenüber, die vielleicht darauf zurückzuführen wäre, daß Hesse bei JUNG viele eigene Gedanken bestätigt fand, aber gleichzeitig auch einiges, das mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit unvereinbar war.

Im folgenden soll auf die bestehenden Parallelen zwischen Hesse und JUNG in der Erzählung Unterm Rad (1906) hingewiesen werden, die sechs Jahre vor der Berührung mit der analytischen Psychologie entstanden ist und drei Jahre vor der Aufnahme der Therapie bei dem Psychologen Dr. ALBERT FRAENKEL. Diese Therapie markiert den Anfang der Annäherung Hesses an die Tiefenpsychologie.

In seinem Rundbrief Begegnungen mit Vergangenem aus dem Jahre 1953 weist Hesse auf den engen Bezug dieses Werkes zu seinem eigenen Leben hin:

In der Geschichte und Gestalt des kleinen Hans Giebenrath, zu dem als Mit- und Gegenspieler sein Freund Heilner gehört, wollte ich die Krise jener Entwicklungsjahre darstellen und mich von der Erinnerung an sie befreien … (HGW 10, 1987, S. 352)

Rückblickend betrachtet er das Unterfangen, diese Geschichte zu schreiben, kritisch und meint, es sei ein verfrühtes Unternehmen gewesen bei welchem er das, was ihm an Überlegenheit und Reife fehlte, durch die Anklage an Schule und Theologie, Tradition und Autorität zu ersetzen versuchte. (HGW 10, 1987, S. 352)

Natürlich kann man heute diese bescheidene Äußerung Hesses nicht vollkommen ernst nehmen, vor allem wenn man die mit vortrefflicher psychologischer Intuition beschriebene Persönlichkeitskrise seiner Hauptgestalt Hans Giebenrath verfolgt.

Diese Beschreibung ist um so erstaunlicher als Hesse zu diesem Zeitpunkt – und es muß noch einmal hervorgehoben werden – noch keine psychotherapeutische Behandlung hinter sich hat und sich bloß auf seine persönlichen Erfahrungen aus der Jugendzeit berufen kann.

Im folgenden soll die psychopathologische Entwicklung Giebenraths nachvollzogen werden, nicht ohne auch einige inhaltliche Hinweise zu geben, die zum Verständnis des Textes notwendig sind.

Das erste Kapitel der Erzählung beginnt mit einer ironischen Beschreibung des Herrn Joseph Giebenrath, dem Vater der Hauptgestalt, Hans Giebenrath:

Herr Joseph Giebenrath … zeichnete sich durch keinerlei Vorzüge oder Eigenheiten vor seinen Mitbürgern aus … Auch das Tiefste seiner Seele, das schlummerlose Mißtrauen gegen jede überlegene Kraft und Persönlichkeit und die instinktive, aus Neid erwachsene Feindseligkeit gegen alles Unalltägliche, Freiere, Feinere, Geistige teilte er mit sämtlichen übrigen Hausvätern der Stadt. (HESSE, 1987, S. 7f.)

Gleich am Anfang wird dem Leser der tragische Kontrast zwischen dem Durchschnittsmenschen und dem überdurschnittlich begabten bewußt:

Hans Giebenrath war ohne Zweifel ein begabtes Kind; es genügte, ihn anzusehen, wie fein und abgesondert er zwischen den andern herumlief. Das kleine Schwarzwaldnest zeitigte sonst keine solchen Figuren, es war von dort nie ein Mensch ausgegangen, der einen Blick und eine Wirkung über das Engste hinaus gehabt hätte. (HESSE, 1987, S. 8)

Die Zukunft begabter Knaben, deren Eltern arm sind, ist von dem Staat schon vorgezeichnet. Sie müssen das Landexamen bestehen, um ins Seminar aufgenommen zu werden, wo sie unentgeltlich studieren können. Aus dem Seminar kommen sie ins Tübinger Stift, welches sie schließlich als Pfarrer oder Lehrer verlassen. Auch Hans Giebenrath ist für diesen Weg bestimmt. Er wird von den Lehrern für die Aufnahme in das Maulbronner Seminar gewissenhaft vorbereitet. Dafür muß er aber seine Kindheit frühzeitig opfern. Sein heißgeliebtes Hobby, das Angeln, wird ihm verboten und auch für Spaziergänge durch die Wälder und Felder seines Heimatortes, wie für die kindlichen Spiele, bleibt keine Zeit mehr übrig. Vor der Abreise nach Stuttgart, wo das Landexamen stattfinden soll, zerschlägt er aus Protest seinen Kaninchenstall.

In der Nacht vor dem Prüfungstag hat er einen symbolischen Traum, der sich an eine reale Begebenheit am Nachmittag davor knüpft: seine Tante bietet ihm nämlich eine Tafel Schokolade an, die er essen soll. Da er aber Schokolade nicht mag, wirft er sie weg. Im Traum sitzt er im Prüfungsraum mit den anderen Kandidaten und hat Berge von Schokolade vor sich, die er essen muß. Die Verbindung von Prüfung und der verhaßten Schokolade macht offensichtlich, daß Hans eigentlich auch die Prüfung nicht bestehen will, da diese ihn – er ahnt es - gewaltsam von seiner Kindheit trennen wird. Von Bedeutung bei diesem Traum ist, daß der Wunsch, die Prüfung nicht zu bestehen, nur im Unbewußten des Knaben auftaucht, da er bewußt von dem Ehrgeiz erfüllt ist, den ihm seine Lehrer eingeimpft haben.

Die sich langsam anbahnende Katastrophe, deren erste Anzeichen im Kopfweh des Knaben zum Ausdruck kommen, beginnt damit, daß Hans die wohlverdienten Sommerferien weggenommen werden und er sich auch in dieser Zeit auf das Studium im Maulbronner Seminar vorbereiten muß. An dieser Stelle wird zuerst der gesellschaftskritische Aspekt dieser Erzählung ersichtlich:

Seine [des Lehrers] Pflicht und sein ihm vom Staat überantworteter Beruf ist es, in dem jungen Knaben die rohen Kräfte und Begierden der Natur zu bändigen und auszurotten und an ihre Stelle stille, mäßige und staatlich anerkannte Ideale zu pflanzen … Der Mensch, wie ihn die Natur erschafft, ist etwas Unberechenbares, Undurchsichtiges, Gefährliches. Er ist ein von unbekanntem Berge herbrechender Strom und ist ein Urwald ohne Weg und Ordnung. Und wie ein Urwald gelichtet und gereinigt und gewaltsam eingeschränkt werden muß, so muß die Schule einen natürlichen Menschen zerbrechen, besiegen und gewaltsam einschränken; ihre Aufgabe ist es, ihn nach obrigkeitlicherseits gebilligten Grundsätzen zu einem nützlichen Gliede der Gesellschaft zu machen und die Eigenschaften in ihm zu wecken, deren völlige Ausbildung alsdann die sorgfältige Zucht der Kaserne krönend beendigt. (HESSE, 1987, S. 50)

Hesse nimmt hier zum ersten Mal das Thema des Protestes gegen die Unterdrückung des Individuellen, gegen die Unterordnung des Individuums unter Gesetze und Normen auf, welches sein ganzes Lebenswerk wie ein roter Faden durchziehen wird.

Dieser Protest äußert sich auch bei JUNG im Rahmen seiner analytischen Psychologie durch die Postulierung des Individuationsprozesses, der die Einmaligkeit und Besonderheit jedes Menschen zum Vorschein bringen soll. In der JUNGschen Auffassung kann man in den Augen des Staates nur dann zu einem nützlichen Glied der Gesellschaft werden, wenn man mittelmäßig wird, denn die Gesellschaft prämiiert nach JUNG alle Mittelmäßigkeit. (JUNG, 1990, S. 37)

Das Aufbegehren gegen die Uniformisierung des Individuums und das Sich-Einsetzen für einen selbstbestimmten, individuellen Lebensweg liegt sowohl bei JUNG als auch bei Hesse in ihren traumatischen Kindheitserfahrungen begründet. Sowohl JUNG, der Sohn eines Pfarrers war, als auch Hesse, wuchsen in einer strengen, moralischen Familie auf, deren Erziehungsziel es gewesen ist, den Willen des Kindes zu brechen und es zur Unterordnung unter gewisse Normen und Pflichten zu zwingen. Daher wird es verständlich, daß Hesse schon 1906 in seiner Erzählung Unterm Rad Partei ergreift für seine Hauptgestalt, Hans Giebenrath, in der er sich übrigens selbst darstellt und damit das ganze seelenlose Getriebe des Lehr- und Schulwesens demaskiert.

Der einzige aus dem Städtchen, der das übermäßige Vorwärtsstreben des Knaben kritisch verfolgt und die sich langsam vorbereitende Katastrophe durch seine Worte vorwegnimmt, ist der Schuhmacher Flaig. Er vetritt die Auffassung:

lieber zehnmal am Leibe verderben, als Schaden nehmen an seiner Seele. (HESSE, 1987, S. 56)

Den Beginn des abschüssigen Weges in die Schizophrenie stellt die Freundschaft des Protagonisten mit dem ihm entgegengesetzten Hermann Heilner dar. Heilner hält nichts vom vielen Lernen im Seminar und versucht auch Hans davon abzuhalten. Instinktiv fühlt dieser

daß die Freundschaft mit dem Sonderling ihn erschöpfte und irgendeinen bisher unberührten Teil seines Wesens krank machte … (HESSE, 1987, S. 82)

Als Heilner wegen einem Fußtritt, den er seinem Kollegen verabreicht, zur Karzerstrafe verurteilt wird, entfernt sich auch Hans von ihm, da es streng verboten ist, mit einem Bestraften Umgang zu haben. Jedoch ist sein Gewissen dabei nicht rein. Als ein Zimmerkollege Giebenraths, Hindinger, in einem nahen See ertrinkt und begraben wird, hat Hans das Gefühl, daß nicht dieser, sondern sein Freund auf der Totenbahre liegt und er weiß plötzlich, daß Versäumnisse nie wiedergutzumachen sind. Das „plötzlich erwachte Bewußtsein seiner Schuld gegen Heilner“ (HESSE, 1987, S. 95) verändert Hans tiefgehend:

Es war irgend etwas in ihm anders geworden, ein Jüngling aus einem Knaben, und seine Seele war gleichsam in ein anderes Land versetzt, wo sie ängstlich und unheimisch umherflatterte und noch keine Rastplätze kannte. (HESSE, 1987, S. 94)

Darauf bittet er Heilner, ihm zu verzeihen und verspricht diesem, von nun an zu seiner Freundschaft zu stehen. Doch die Lehrer sehen diese Freundschaft nicht gerne, weil sie glauben, daß sie der Grund dafür ist, daß Giebenraths schulische Leistungen nachlassen.

Hans zieht sich zunehmend in seine eigene Phantasiewelt zurück. Beim Lesen der Evangelien in den Unterrichtsstunden überwältigt ihn die Tatsache, daß vor seinen inneren Augen die Gestalten des gerade gelesenen Textes zu einem neuen Leben erwachen.

Einmal ist er so vertieft in seine Phantasien, daß er die Stimme des Lehrers, der ihn anspricht, nicht hört, obwohl er genau weiß, welche Textstelle gerade gelesen wird. Dieses Phänomen der Abkapselung von der Umwelt und das Sich-Einspinnen in eine wirklichkeitsfremde Traumwelt ist kennzeichnend für die Schizophrenie.

Der Arzt, der konsultiert wird, meint, es seien nur kleine Nervengeschichten und verordnet Hans, nach dem Essen täglich eine Stunde zu spazieren. Doch diese Spaziergänge bringen keine Besserung mit sich:

Er ermüdete bald, hatte immer eine Neigung zu liegen und einzuschlafen und sah fortwährend allerlei andere Dinge, als die ihn wirklich umgaben. Was es eigentlich für Dinge waren, wußte er selbst nicht, und er besann sich nicht darüber. Es waren helle, zarte, ungewöhnliche Träume, die ihn wie Bildnisse oder wie Alleen fremdartiger Bäume umstanden, ohne daß etwas in ihnen geschah. (HESSE, 1987, S. 110)

An diesem Punkt beginnt die lebhafte und den Knaben in ihrer Deutlichkeit beängstigende Rückerinnerung an frühere Szenen aus seiner Kindheit.

Als er in einer Mathematikstunde ohnmächtig zusammenbricht, wird er noch vor den Sommerferien zur Erholung nach Hause geschickt. Doch er kann die Ferien nicht genießen, da seine Seele beschädigt ist. Es beginnt jetzt eine intensive Traumaktivität. Hintereinander werden dem Leser drei Träume der Hauptgestalt mitgeteilt, von denen der letztere eher eine Vision ist.

Im ersten Traum sieht er wieder seinen Freund Heilner tot auf einer Tragbahre liegen, will zu ihm hingehen, aber er wird von den Lehrern daran gehindert. Diese Traumszene deutet auf die immer noch nicht völlig verarbeiteten Gewissensbisse hin, die er wegen seiner Entfernung von seinem Freund hatte. Gleichzeitig weist der Traum auch auf jenen einschneidenden Wendepunkt seiner Entwicklung zurück, an welchem er sich von der Kindheit losgelöst hat, um eine neue Entwicklungsetappe seines Lebens, die des Jugendalters, anzutreten.

Auch sein zweiter Traum beschäftigt sich mit Heilner, dem er nachläuft, aber den er trotzdem nicht erreichen kann. Heilner bleibt stehen und teilt ihm mit, daß er einen Schatz habe. Dieser Traum verweist einerseits auf seine Angst vor der Sexualität, andererseits aber nimmt er schon das Scheitern der Beziehung zum anderen Geschlecht vorweg.

Die Fülle der Träume, denen er ausgeliefert ist, ängstigen Hans, weil er sie nicht versteht; er fühlt sich „in luftlos bange Traumwinkel“ (HESSE, 1987, S. 123) getrieben. Sie eröffnen ihm ungeahnte Tiefen seiner Seele, konfrontieren ihn mit Aspekten seines Unbewußten.

Vorübergehend helfen ihm Selbstmordgedanken weiter, die er aber nicht ganz ernst nimmt.

Die psychischen Prozesse, die sich in Hans abspielen, werden vom Autor nicht nur mit der Genauigkeit eines Analytikers registriert, sondern auch auf ihre Ursache und Finalität hin befragt:

Sein um die Kindheit bestohlenes Gemüt floh jetzt mit plötzlich ausbrechender Sehnsucht in jene schönen dämmernden Jahre zurück und irrte verzaubert in einem Wald von Erinnerungen umher, deren Stärke und Deutlichkeit vielleicht krankhaft war. Er erlebte sie alle mit nicht weniger Wärme und Leidenschaft, als er sie früher in Wirklichkeit erlebt hatte; die betrogene und vergewaltigte Kindheit brach wie eine lang gehemmte Quelle in ihm auf. (HESSE, 1987, S. 127)

Die folgende Erklärung dieses psychischen Prozesses scheint bloß eine bildlich-poetische Veranschaulichung des von JUNG postulierten Regressions-Phänomens zu sein, aber hier bloß in ihren negativen Auswirkungen dargestellt:

Wenn ein Baum entwipfelt wird, treibt er gern in Wurzelnähe neue Sprossen hervor, und so kehrt oft auch eine Seele, die in der Blüte krank wurde und verdarb, in die frühlinghafte Zeit der Anfänge und ahnungsvollen Kindheit zurück, als könnte sie dort neue Hoffnungen entdecken und den abgebrochenen Lebensfaden aufs neue anknüpfen. Die Wurzelsprossen geilen saftig und eilig auf, aber es ist ein Scheinleben, und es wird nie wieder ein rechter Baum daraus. (HESSE, 1987, S. 127)

Langsam machen die „erregten und wechselreichen Angstzustände“ einer „gleichmäßigen Melancholie“ (HESSE, 1987, S. 136) Platz.

Bloß seine Liebe zu Emma verschafft ihm für eine kurze Zeitspanne glückselig-verklärte Augenblicke, die in ihrer Intensität dem Glück der hintersichgelassenen Kindheit gleichkommen. Diese Liebe bringt ihm aber keine Erlösung, da Emma abreist, ohne ihn davon zu verständigen und er muß enttäuscht erkennen, daß sie ihrerseits nur ein verantwortungsloses Spiel mit ihm getrieben hat.

Auf den Rat seines Vaters hin entschließt er sich, Mechanikerlehrling zu werden, nicht ohne sich aber über das Gerede der Leute im Dorf Gedanken zu machen. Diesen Versuch, sein verpfuschtes Leben auf einer niedrigeren Stufe wiederaufzunehmen, indem er auf eine frühere Entwicklungsstufe zurückrutscht, könnte man mit JUNG als „regressive Wiederherstellung der Persona“ (JUNG, 1990, S. 47) bezeichnen. Es handelt sich dabei um einen psychischen Vorgang, der „in allen jenen Lebensläufen, zu beobachten ist, wo irgendein gewalttätiges Schicksal zerstörend eingegriffen hat“. (JUNG, 1990, S. 47)

Er nimmt am Freitag seine Lehre bei dem Mechanikermeister auf und findet am darauffolgenden Tag nach einem Trinkgelage mit den Lehrlingen seinen Tod im Fluß. Hesse überläßt es dem Leser zu entscheiden, ob es sich um einen Selbstmord oder eher um einen Unfall gehandelt hat. Am Ende der Erzählung, nach der Beerdigung, mißt der Schuhmacher Flaig den Schulmeistern teilweise die Schuld an dem Tod Hans Giebenraths bei; doch der Vater hört ihm bloß verständnislos zu.

In seiner Arbeit Über die Darstellung von Psychosen in Dichtung und Literatur der Moderne analysiert Rolf Meister Hesses Erzählung Unterm Rad aus einer ausschließlich psychiatrischen Perspektive und kommt dabei zur Schlußfolgerung, daß Hesse in seinem Frühwerk „eine realistische Schilderung auf einsamer Höhe“ liefert, „in der Ausbruch und Verlauf einer Hebephrenie bei einem Schulknaben beschrieben werden“. (MEISTER, 1968, S. 21) Für ihn gehören die in der Literatur vollständig erfaßten und glaubwürdig wiedergegebenen schizophrenen Verläufe zu den großen Raritäten. (MEISTER, 1968, S. 20) Aus psychiatrischer Sicht beanstandet er nur die psychologische Begründung des Ausbruchs der Psychose, die bei Hesse auf geistige Überforderung zurückzuführen ist (MEISTER, 1968, S. 29) und unterstreicht:

Das Zusammentreffen von Schwächlichkeit und Überforderung allein bedingt noch keine Schizophrenie. Vielmehr muß erst einmal die Inklination zum schizophrenen Prozeß überhaupt gegeben sein. (MEISTER, 1968, S. 30)

Ansichtlich dieser lückenhaften Begründung der Psychose muß man sich die Frage stellen, ob es Hesse in dieser Erzählung wirklich um die Darstellung einzelner Entwicklungsetappen einer schizophrenen Psychose geht, oder speziell einer Hebephrenie (die schizophrene, wahnhafte Umbildung der Persönlichkeit ins Läppisch-Alberne) (WAHRIG, 1997, S. 611), und nicht eher um eine Regression auf eine frühere Entwicklungsetappe, die von JUNG genau beschrieben wird.

Im Falle einer Regression ist die geistige Überforderung eine vollkommen ausreichende Begründung.

Um aufzuzeigen, wie enge Korrespondenzen zwischen der von Hesse geschilderten Persönlichkeitskrise und der JUNGschen Regression bestehen, soll ein kurzer Einblick auf die analytische Psychologie JUNGs geboten werden.

Einer der Grundpfeiler, auf den sich die JUNGsche Psychologie stützt, ist das Gesetz von der Erhaltung der Energie, das sich auf die Psyche auswirkt. Die Energie ist fähig, sich zu verlagern, d.h. sie kann „infolge eines natürlichen Gefälles von dem einen Glied eines Gegensatzpaares zum anderen hinüberfließen“ (JACOBI, 1967, S. 83): wenn also das Bewußtsein Energie verliert, so nimmt die Energiebesetzung des Unbewußten zu und umgekehrt. Ist kein natürliches Gefälle, d.h. kein Potentialunterschied gegeben, kann die Energie auch durch einen Willensakt von einem Gegensatz zum anderen hinübergeleitet werden, was dem FREUDschen Begriff der Sublimierung entspräche, mit dem Unterschied aber, daß nicht immer sexuelle Energie umgewandelt wird. Da die energetische Bewegung gerichtet ist, unterscheidet JUNG zwischen einer progressiven und einer regressiven Bewegung (JACOBI, 1967, S. 85). Die progressive Bewegung wird vom Bewußtsein koordiniert und besteht in der Anpassung an die Anforderungen des Lebens, während die regressive Bewegung dann eintritt

... wenn durch das Versagen der bewußten Anpassung und der dadurch hervorgerufenen Intensivierung des Unbewußten, oder etwa durch Verdrängung usw. eine einseitige, aber ihrer besonderen Natur nach unvermeidliche Aufstauung der Energie zustande kommt, als deren Folge die Inhalte des Unbewußten über Gebühr mit Energie besetzt werden und anschwellen. (JACOBI, 1967, S. 86)

Die Regression darf aber bei JUNG nicht bloß im negativen Sinne verstanden werden. Im Gegensatz zur Auffassung FREUDs kommt ihr auch ein positiver Wert zu. JACOBI präzisiert diesbezüglich:

Die Progression ist in der Notwendigkeit der Anpassung an das Außen und die Regression in der Notwendigkeit der Anpassung an das Innen, also an die Übereinstimmung mit dem eigenen inneren Gesetz des Individuums begründet. (JACOBI, 1967, S. 87)

Somit wird die Regression zu einem Weg das verlorene Gleichgewicht wiederherzustellen und die Psyche durch wesentliche Aspekte des Unbewußten zu erweitern. Dies geschieht in der Form von Symbolen, die aus dem Unbewußten aufsteigen und dem Bewußtsein zugeführt werden. Sie enthalten „die Keime zu einer neuen psychischen Gesundheit“. (JACOBI, 1967, S. 87)

Bezieht man den Gedanken der Regression auf die im Unterm Rad dargestellte Persönlichkeitskrise, so kann man feststellen, daß im Falle Hans Giebenraths, in Folge der übertriebenen Anforderungen seiner Umwelt, die an ihn gestellt werden, seine seelische Entwicklung gestoppt wird und eine Regression auf eine frühere Entwicklungsstufe stattfindet. Diese muß aber ausschließlich im negativen Sinne verstanden werden, da der Protagonist noch nicht die Fähigkeit besitzt, Kontakt zu seinem eigenen Unbewußten aufzunehmen. Alleingelassen mit seinen Problemen scheitert er an dieser Auseinandersetzung mit den tieferen Schichten seiner Psyche.

Dieses Scheitern der Hauptgestalt mag wohl auch daran liegen, daß Hesse noch keine Erfahrung in der Arbeit mit dem Unbewußten besitzt. Aus dieser Perspektive kann man auch die eingangs erwähnte Aussage Hesses über seine Erzählung verstehen: hätte es Hesse nicht an Überlegenheit und Reife im Umgang mit dem Unbewußten gefehlt, so hätte er vielleicht weniger den Ankläger jenen Mächten gegenüber gespielt, denen Hans Giebenrath erliegt und denen er selbst beinahe erlegen wäre. Er hätte die Besinnung auf das Unbewußte, die Auseinandersetzung mit den tieferen Schichten der Psyche ins Positive wenden können wie im Demian oder im Steppenwolf. Dies wird ihm aber erst nach dem Bekanntwerden mit der JUNG-schen Psychologie gelingen.

Literatur:

1.     Baumann, Günter: Hermann Hesses Erzählungen im Lichte der Psychologie C.G. Jungs, Rheinfelden-Freiburg-Berlin: Schäuble, 1989.

2.     Baumann, Günter: Es geht bis auf’s Blut und tut weh. Aber es fördert. Hermann Hesse und die Psychologie C.G. Jungs, in: Limberg, Michael (Hrsg.), Hermann Hesse und die Psychoanalyse. „Kunst als Therapie“, Bad Liebenzell/Calw: Bernhard Gengenbach, 1997, S. 42-60.

3.     Hesse, Hermann: Unterm Rad, in: Gesammelte Werke in zwölf Bänden, Zweiter Band (HGW 2), Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987, S. 7 – 178.

4.     Hesse, Hermann: Begegnungen mit Vergangenem, in: Gesammelte Werke in zwölf Bänden, Zehnter Band (HGW 10), Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987, HGW 10, S. 347 – 357.

5.     Jacobi, Jolande: Die Psychologie von C.G. Jung. Eine Einführung in das Gesamtwerk, Zürich und Stuttgart: Rascher, 1967.

6.     Jung, Carl Gustav: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten, München: dtv, 1990.

7.     Meister, Rolf: Über die Darstellung von Psychosen in Dichtung und Literatur der Moderne. Eine Psychiatrische Betrachtung, Leipzig, 1968 (Dissertation).

8.     Michel, Christian / Novak, Felix: Kleines psychologisches Wörterbuch, erweiterte und aktualisierte Neuausgabe, Freiburg im Breisgau: Herder, 1990.

9.     Samuels, Andrew/Shorter, Bani/Plaut, Fred: Wörterbuch Jungscher Psychologie, München: dtv, 1990.

10.  Wahrig, Gerhard: Deutsches Wörterbuch, neu herausgegeben von Dr. Renate Wahrig-Burfeind Gütersloh: Bertelsmann Lexikon Verlag, 1997.


 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens (ZGR), 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 118-123

 

 

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