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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, Heft 1-2 (13-14) / 1998, S. 233 - 238

 

 

SPRACHE IM ALLTAG DER MENSCHEN

Doina Sandu



Sprache (1) löst Handlungen aus: durch Appell oder durch Erzwingung; Sprache steuert das Handeln: durch Anweisungen, durch Manipulation; Sprache erleichtert das Handeln: sie koordiniert es, sie legitimiert es; Sprache begleitet das Handeln: sie vollzieht den Lauf der Welt nach; sie sagt bereits Gesagtes aus, sie wiederholt sich ständig und ist jedes mal trotzdem anders; Sprache ersetzt das Handeln:durch gute Vorsätze, wirksame Worte,durch tröstende Utopien; Sprache ist Handeln: Information und Meinungsäußerung, Verleumdung und Beleidigung, Liebe und Trost. (2)

Wir Menschen stehen einander gegenüber, zu- oder abgewendet, umgeben von unzähligen Gegebenheiten unserer Umwelt, in der wir uns zu behaupten versuchen und zurechtkommen wollen. Das zwingt uns zum Handeln, miteinander oder gegeneinander aber immer aufeinander bezogen.

Die Kommunikation in der menschlichen Gemeinschaft nimmt zahlreiche Formen an. Menschen äußern sich in verschiedener Art und Weise. Bei ihren Bemühungen, erfolgreich zu kommunizieren, setzen die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft ein sehr umfangreiches Repertoir von Zeichen ein, die sie im laufe der Zeit zu einem System zusammengefügt haben. Menschen folgen also Konventionen (auch sprachlichen) in erster Linie, weil sie dadurch ihre Handlungen koordinieren und nur so dem angestrebten Ziel näherkommen (zielorientiertes Handeln, auch Sprechen). Sie tun es mit der größten Selbstverständlichkeit, denn nur so ist ihre Existenz zu bestreiten. Man kann in der Gemeinschaft leben, nur wenn man miteinander in Verbindung bleibt (3), miteinander handelt und miteinander spricht.

Die Beteiligung von Individuen am menschlichen Kommunikationsgeschehen, findet konkrete Ausprägung im sprachlichen Handeln, in Folgen von sprachlichen Äußerungen, in Konkretisierung von nur gedachten kommunikativen Intentionen.

Der Mensch, der sich in seiner Umwelt orientiert, den aufkommenden Bedürfnissen nachgeht, Ziele verfolgt, sich erlernten Konventionen unterwirft, beim Lösen der meisten seiner Aufgaben selbst spricht und auch andere Sprecher zu verstehen versucht, das ist der Sprachträger und der Nutznießer aller Vor- und Nachteile, die sprachliche Kommunikation mit sich bringt.

Die Erzeugung und das Aufnehmen, bzw. das Verarbeiten und das Nutzen gesprochener Äußerungen bilden zusammen die beiden, strikt aufeinenaderbezogenen Hauptbestandteile spezifisch menschlicher Kommunikation, sprachlicher Interaktion.

Wenn wir sprechen, erzeugen wir geordnete Folgen von Sprachlauten und diesem Vorgang gehen gewisse mentale, psychische Prozesse voraus, begleiten auch das Sprechen die ganze Zeit über (Kontroll- und Regulationsprozesse). Das ist Sprachproduktion. (Allerdings rechnet man zur Sprachproduktion auch die Erzeugung nichtlautlicher Sprachprodukte z.B. das Schreiben).

Beim Wahrnehmen des partnerseitigen Sprechens (das Hören des Gesprochenen), vollziehen sich in uns ebenfalls psychische Prozesse mit denen das Gehörte kognitiv und emotional verarbeitet (vernehmen – verstehen) und die handlungsbezogene Nutzung derart verstandener/mißverstandener Äußerungen von Partnern vorbereitet wird (± akzeptieren). Das nennt man Sprachrezeption.

Sprachproduktion und -rezeption sind wichtige Voraussetzungen, uns in Situationen zurechtzufinden und diese Situationen durch unser Handeln zu bewältigen. Sie gehen vielmehr über die Beherrschung und Verwendung von Sprachen weit hinaus. Das Sprechen und das Aufnehmen von Sprache sind wesentlich auch durch nichtsprachliche Bedigungen determiniert, z.B. durch unser Wissen von der Welt, die momentane Situationsauffassung, Bedürfnislage und vor allem durch die Zielsetzung der jeweiligen Kommunikation, aber auch von der Art ihrer Gestaltung, kurz durch „Handlungsbedingungen, Handlungszwecken und Handlungsmitteln” (4).

Sprachproduktion und -rezeption und deren Zusammenspiel bei der sowohl Tätigkeiten als solche, als auch Produkte des Äußerns gemeint sind. Folglich nehmen wir in der sprachlichen Wirklichkeit ‘Sprechen’ und ‘Gesprochenes’ wahr, wie auch ‘Schreiben’ und ‘Geschriebenes’. Anders ausgedrückt: die sprachliche Kommunikation erscheint uns in zwei medienspezifischen Aspekten - gesprochen und geschrieben - eingebettet in einem weiten Komplex von nichtsprachlichen kommunikativen Handlungen.
Die Dichotomie gesprochen/geschrieben ist ein vielbesprochenes Thema sowohl in der empirischen als auch in der theoretischen Sprachwissenschaft (5).

Ich möchte an dieser Stelle betonen, daß es sich nicht um zwei Teilmengen der Sprache handelt (6), daß wir es in dieser Dichotomie lediglich mit den zwei möglichen Grundformen, in denen kommunikative Intentionen sprachlich geäußert werden:

Laut- / Schriftform
phonisch / graphisch - produziert
akustisch / visuell - rezipiert

Die Einsetzung dieser verschieden materialisierten Formen unserer Gedanken (Schwingungen, Schallwellen – ein physikalischer Vorgang / graphische Zeichen auf versch Trägern physikalisch-chemischer Vorgang) ist komplex situationsbedingt und in dieser komplexen Situationsbedingtheit sind auch die Formulierungspartikularitäten der jeweiligen sprachlichen Äußerungsform eingebunden. Mit anderen Worten, wir wählen zwischen der schriftlichen und der mündlichen Vermittlungsform unserer gedachten Intentionen in Abhängigkeit von vielen Variablen objektiver und subjektiver Natur, welche eigentlich die betreffende Situation ausmachen.

Diese Wahl ist determiniert durch:

• Texttyp [bestimmt nach dem kommunikativen Zweck] – Mitteilung, Aufforderung, Ratsuche usw. – Man wählt eine von den beiden Formen, weil sich gerade diese besser eignet, sein Ziel zu verfolgen;

• Bedingungen, die von Zeit- und Raumfaktoren gestellt werden – aus Zeitmangel ruft man eher an, statt einen Brief zu schreiben; während einer Unterrichtsveranstaltung schreibt man sich Zettelchen, statt miteinander zu sprechen, u.Ä. –;

• Bedingungen, die durch verschiedene andere Umstände entstehen: - Beziehung der Kommunikationspartner zueinander sozial/institutionell festgelegt (Vorgesetzter wird nicht mitten in der Nacht angerufen, ein guter Freund im Notfall, doch); Beziehungen zu einem gewissen Zeitpunkt (nach einem Ehekrach hat man nicht den Mut zu einer Aussprache, aber vielleicht zu einem Brief); psychische Verfassung des Senders/Empfängers; usw.

Die obige Aufzählung könnte man fortsetzen, um so mit unzähligen Beispielen eine prinzipielle Tatsache zu illustrieren: Das, was auf der Ebene der kognitiven und psychischen Prozesse vorsichgeht, wenn wir einen Gedanken zum Ausdruck bringen, erhält eine materielle Form, in der gewisse Charakteristika dominieren. Das bedeutet, daß sehr viele Eigenschaften beiden Äußerungsformen zugeschrieben werden können, bloß in ganz unterschiedlichem Ausmaße.

So betrachtet, lassen sich Gemeinsamkeiten wie auch Unterschiede dieser zwei Formen des Sprachgebrauchs erkennen.

Was haben Gesprochenes und Geschriebenes gemeinsam?
Unabhängig von der phonischen oder graphischen Realisierung wird jede verbale Kommunikation folgende Merkmale aufweisen:

Linearität - das Grundprinzip aller sprachlicher Kommunikation

prozessuelle Entwicklung mit zeitbedingter Ordnung

Wodurch unterscheidet sich Gesprochenes vom Geschriebenen?

Die Unterschiede sind nicht so sehr grundsätzlicher, wie gradueller Natur. Deshalb sollte man eher von ‘vorwiegend’ vorhandenen Zügen berichten.

In folgender Übersicht ist das dichotomisch angeführt: begleitet vom Zeichen ± für: “mehr/weniger vorhanden” oder “häufiger/seltener vorkommend”.

Auch darf diese Vorhandenseinsmarkierung nur in Abhägigkeit von den situativen Bedingungen verstanden und besprochen werden (±) ‘frei’/’locker’ kann sowohl ein Gespräch sein, wie auch ein Brief; ein Verhandlungsgespräch beispielsweise kann dagegen in sehr ‘steifen’/’konventionell-korrekten’ Formulierungen geführt werden, in sogar schwerfälligen langen Satzformen gefaßt usw.).

 

A. Gesellschaftlich-kommunikative Bedingungen

 

Gesprochenes

Geschriebenes

± raum-zeitl. Kopräsens d. Partner

(‘face-toface’-Kommunikation)

± zeitl. und räuml. Trennung d. Partner

± parallele komm.Indizien: para-/non-verbale

Mittel (Lautfolgen, Prosodie,Gestik, Mimik)

± parallele komm.Indizien (Handschrift/

Drucktypen)

normalerweise dialogisch

± Intervention weiterer Anwesenden

normalerweise monologisch

±unbekannte Rezipientenanzahl

± große Variabilität der Sprachformen

(Hochsprache Þ Gossensprache)

± kodifiziert, (auf allen Ebenen gültig Þ

gesamtgesellschaftlich)

 

B. Umstände der Sprach-Produktion und –Rezeption

 

Gesprochenes

Geschriebenes

± Zeitdruck

± mögliche Planbarkeit

± Formulierungsprozeß vom Partner mitver-

folgt (Formulierung und Umformulierung)

± Formulierungsprozeß bleibt dem Partner

verborgen

± durch Schallwellen übertragen, also

flüchtig [“verba volant”]

± materialisiert auf einer dauernden

Unterlage [“scripta manent”]

± einmaliges Hören, kürzere

Gedächtnisspanne

±durch Lesen und wiederholtes Lesen;

längere Gedächtnisspanne

± verhältnismäßig große Kontexteinbindung

± größerer Zwang zur Explizitheit

situationsverweisende Mitteilung

 

 

C. Gestalt des Äußerungsprodukts

 

± die Bedeutung wird schrittweise aufge-

baut, bis zum letzten Moment der

Produktion

± Textbedeutung ist gewissermaßen ‘fertig’, sie muß vom Leser entdeckt werden;

± der Rezipient ‘gestaltet mit’ [Aus-

handlungskonzept]

± der Rezipient ‘ist vom Schöpfungsakt

ausgeschlossen’[stilistisch u. ästhetisch

einheitl. Form]


Jeder Tag, jede sprachliche Erfahrung bringen uns der Erkenntnis immer näher, Sprache ist Handeln. Das ist zwar keine grundsätzlich neue Erkenntnis, doch wird sie uns in verschiedenen Situationen immer wieder gegenwärtig. Dieses ‘Handeln’ vollzieht sich wie eine Pendelbewegung zwischen einem Gebenden und einem Nehmenden, die ihre Rollen gewissermaßen regelmäßig miteinander tauschen.

Mitglieder einer Gemeinschaft sind ständig im Gespräch und das betrachten wir als eine der wesentlichen Erscheinungen mensnchlichen sozialen Handelns. Gespräche vernehmen wir allgemein in recht verschiedenen Realisierungsformen: Gespräche im Alltag vs. Gespräche in Sondersituationen; empirisch wahrgenommene, authentische Gespräche vs. Gespräche im literarischen Werk nachkonstruiert, durch ein Erfahrungsfilter des Schriftstellers wahrgenommen. Dabei muß noch hervorgehoben werden, das Wichtigste an jedem Gesprächs ist der Dialog (7). Es geht auch in Mehr-Personen-Gesprächen doch nur um einen Wechsel von Repliken zwischen jeweils zwei Partnern, entweder innerhalb eines Paares [Sprecher1 und Sprecher2/3/4-n ] oder zwischen zwei während des Gesprächs gebildeten Parteien, die ihrerseits unterschiedlich stark sein können.

Ferner sollte alles, was sonst mit ‘Gespräch’ bezeichnet wird als eine abgeleitete, besonderen Einschränkungen unterliegende Form des sprachlichen Kontakts betrachtet werden: Selbstgespräche oder ‘stumme’ Zwiegespräche im trauten Kämmerlein mit sich selbst, durch Medien geführte Gespräche mit einem Publikum, das praktisch keine Antwortmöglichkeit besitzt, Gespräche mit Tieren u.Ä.

Im Zusammenhang mit dem Wesen sprachlicher Äußerungen zitiert man nicht selten Wittgensteins Satz: „Sieh auf das Sprachspiel als das Primäre!” (8) Damit wird auf die sprachliche Tätigkeit im allgemeinen Bezug genommen und vorausgesetzt, daß Arbeit mit der Sprache nur durch den Menschen erfolgt und nichtsprachliche Arbeit einschließt. Deshalb müßten sprachliche und nichtsprachliche Arbeit zusammengedacht werden und das ergebe das „Sprachspiel”. Spielerische Aktionen seien durch ein fixiertes Regelwerk (9) festgelegt, welches man gut beherrschen solle, sowohl um selbst zu handeln (selbst Rede produzieren), als auch um die Handlungen anderer zu verstehen (aufnehmen von fremder Rede).

Als notwendige Bedingung einer Kommunikation überhaupt, und erst recht einer erfolgreichen, wird die Kooperation betrachtet, sie macht das kommunikative Ereignis zur ‘Interaktion’.

Es liegt schon im Wesen aller Arten von Konventionen, daß Probleme nur aufeinander abgestimmt (in Koordination) und miteinander (in Kooperation) gelöst werden können; eigene Interessen können nur erfüllt werden, wenn eigene Verhaltensweisen und Handlungen mit denen anderer koordiniert sind, so gestaltet, daß die Reaktion der anderen vorauszusehen ist. Das kann aber nur erfolgen, wenn man die Erwartungen seiner Kommunikationspartner gewissermaßen ahnt und beachtet.

Werden diese Erwartungen wechselseitig nicht enttäuscht, so ergibt das eine ‘Regularität’, die als Grundlage künftiger Konvention gilt, was das Funktionieren des Miteinanderredens überhaupt ermöglicht.
Dabei darf kein Mißverständnis entstehen: es ist kein ‘Consensus’ gemeint (obwohl der für die Führung so mancher „guter” Gespräche wünschenswert wäre).

Kooperation bedeutet überhaupt nicht, wie es manchmal mißverstanden wird, daß zwischen den Gesprächspartnern Harmonie herrscht. Im Gegenteil: gerade um sich zu beschimpfen, muß man im Grice´schen Sinn kooperieren (10).

Eigene Interessen werden verfolgt, und mit Erfolg, auch wenn man systematisch dem Gesprächspartner widerspricht oder gegen seine Argumente effizient aufkommt. Wichtig ist dabei sein Ziel nicht aus den Augen verlieren und vorausdenken, den Gegenzug des Partners antizipieren können.

 Folglich sind Kooperations-Bereitschaft und -Förderung gefragt. Der Angesprochene bezeugt sie schon in dem Augenblick, wo er einwilligt, dem Sprecher zuzuhören und man darf voraussetzen auch zu verstehen. Der Sprecher seinerseits, muß sich bemühen, seine Aussage so zu formulieren, daß seine Intentionen auch vom Partner verstanden werden können. Er, der Sprecher muß darauf achten wie er formuliert, damit das Fassungsvermögen des Angesprochenen nicht überfordert wird.

Es wird oft der Unterschied gemacht zwischen dem handlungsbegleitenden Sprechen und einem thematischen Sprechen gemacht. Im ersten Fall geht es um Aus- und Zurufe, die manuelle Interaktion begleiten („Vorsicht!” , „Heben! Loslassen!”). Dabei liegt die Kohärenz der Kommunikationssituation beim Außersprachlichen. Im zweiten Fall dagegen handelt es sich um das ‘Ausdiskutieren’ eines Themas in einer Entfaltung von aufeinanderfolgenden Etappen. Diesess handlungsbegleitende Sprechen wird von manchen Sprachwissenschaftlern aus der Gesprächssphäre ausgegrenzt (11). Doch wäre es eher gerechtfertigt, die beiden Aspekte des Sprechens (handlungsbegleitend/ thematisch) als eng miteinander verknüpft erkennen wie in so zahlreichen natürlichen Gesprächen (12).

Auch darüber, ob eine ‘Themazentriertheit’ obligatorisch ist, läßt sich streiten, und auch die Liguisten sind in der Beziehung mehr oder weniger tolerant. Schließlich kann man solche Gespräche, die nicht streng themagebunden sind, nicht einfach ungeschehen machen. Wir können ruhig mit K. Brinker auch nur ‘thematisch orientierte’ Gespräche akzeptieren (13). Man sollte sich viel eher fragen, welche Rolle sie übernehmen in der Abfolge von Gesprächssequenzen oder wo solche anscheinend ‘themalose’ oder nur ‘locker an ein Thema gebundene’ Gespräche in der Kommunikationsfolge platziert sind.

In der Bezeichnung ‘sprachliche Äußerungen’ für Gespräche ist der Aspekt der Mündlichkeit inbegriffen und auch die Auffassung, es handle sich um einen beliebigen Abschnitt der Rede einer einzigen Person, vor und nach welchem die Person schweigt. Dabei ist Schweigen als ‘relevantes Ausdrucksmittel’ in das Gespräch miteinzubeziehen, zumindest als Zwischenglied in einer Reihe von Gesprächsschritten, -sequenzen oder -phasen; das, weil gerade während des Schweigens (14) der Kommunikationsteilhaber überlegt, er reflektiert über das eben Gesagte oder plant einen erneuten Einstieg ins Gespräch.

Demzufolge müßte man Gespräche als nur theoretisch ‘begrenzt’ betrachten. Man pflegt von Einleitungs- und Beendigungssignalen/-phasen zu sprechen, wonach ‘Gespräche’ als abgeschlossene Handlungsmengen gelten müßten. Es wäre aber zu überlegen, ob wir nicht im weiten Situations-Rahmen eher von einem Kontinuum in der menschlichen Interkommunikation sprechen könnten. Was Abbruch in der Kommunikation zu sein scheint, ist vielleicht bloß eine Pause vor einem Neustart, einer Weiterführung des irgendwann Begonnenen.
Die Gespräche (wie übrigens jede Kommunikationsform) werden in ihrer Wirklichkeit in den unterschiedlichsten Kommunikationssituationen wahrgenommen.

Der Mensch ist immer in Gemeinschaftshandlungen eingebunden. Als Ziel dieser Handlungen können wir entweder Änderungen der beobachtbaren Welt ansehen oder solche in der subjektiven Welt der Individuen, in ihrer Einstellung zur äußeren Welt. Das setzt voraus, daß wir in unserer ‘Wirklichkeit’ zwei Möglichkeiten zum Handeln unterscheiden:

a) “äußere Handlungen” - solche, die auch von anderen Individuen wahrgenommen werden können

b) “innere Handlungen” - solche, die nur subjektiv erfahrbar sind und Erfahrung, Wahrnehmungsfähigkeit, Gefühl und Wissen allgemein zum Ausdruck bringen.

Ein Mittel der Koordination dieser Handlungen ist die sprachliche Kommunikation.

Man unterscheidet zwischen öffentlichen und privaten Kommunikationssituationen, und nicht selten haben wir es mit einer Mischung von Merkmalen dieser beiden Haupttypen, in halb-öffentlichen Situationen zu tun.
Je nach der und den daran Beteiligten wird ein bestimmtes Register der Sprache verwendet. So z.B. wird in einer öffentlichen Kommunikation auf einer Behörde Standardsprache in höchst konventionalisierten Formeln benützt werden (15), während in einem informellen (privaten) Gespräch zwischen zwei Nachbarinnen ‘überm Zaun’ höchstwahrscheinlich Umgangssprache gesprochen wird.

Es gilt als allgemein bekannt und akzeptiert, daß Gespräche als sprachliche Interaktionen weit mehr als reinen Informationsaustausch umfassen, egal in welcher kommunikativen Situation und in welcher Form, sei sie auch noch so routiniert. Sie leisten potentiell zumindest zweierlei:

Sie bieten eine gemeinsame Verständigungsbasis der Gesprächspartner in Bezug auf den Wahrheitsgehalt der Aussage.

Sie legitimieren den Sprachteilhaber als sozial ‘Handelnden’. Er ist auf die Gesellschaft angewiesen und kann nur innerhalb dieser zur Geltung kommen.

Wenn soziale Bindungen in der Gesprächsführung sehr streng sind und ihre Nichtbeachtung Sanktionen zur Folge hat, kann Sprechen auch eine Art ‘Pflicht’ des Gemeinschaftsmitglieds bedeuten, nicht nur ein Mittel zur Erreichung eigener spezifischen Ziele: auf Gruß folgt Gegengruß; auf Fragen erwartet man Antworten; auf Rüge Entschuldigung/Rechtfertigung usw. Dieses konventionelle Sprechen hat mit dem zielorientiert eingesetzten Sprechen eines gemeinsam: der an einer sozialen Interaktion Beteiligte setzt diese Art des Handelns ein, erst nachdem er aufgrund seines “Wissens von der Welt” die jeweilige Kommunikationssituation in bestimmter Weise auffaßt und abschätzt.

Nach erfolgter Sprachproduktion ändert sich die Beschaffenheit der Situation, der Interaktonsteilnehmer interpretiert diese Änderung, vergleicht die neue Situationsaufassung mit den erwünschten Zielen und handelt seinerseits weiter, je nach dem Vergleichsergebnis, indem er neue sprachliche Äußerungen produziert.
Diese Abfolge des Vergleichens von bestehenden mit zu erreichenden Zuständen bestimmt die Entwicklung im Gespräch, den Gang der Kommunikation. So sind das Sprechen und Sprachverstehen Komponenten der individuellen Handlungsrelation. Es wird in dieser Relation eine gewisse Abfolge der Momente erwartet. In einer sprachlichen Kommunikation soll

gemeinsam etwas Neues geschaffen werden, eine Lösung gefunden, eine Klärung von Dingen, Leistungen, zu denen man sonst allein nicht fähig gewewsen wäre. In dem Miteiander-Sprechen entsteht durch Synthese das Neue, sei es die Feststellung von Erfahrungen, Herstellung einer Meinung, [...]. (16)



Literatur:

1. BRINKER, K. (1980): Zur logischen Analyse von natürlich-sprachlichen Argumenten. In: Ballweg, J.; Glinz, H. (Hg.): Grammatik und Logik. Jahrbuch 1979 des IdS. Düsseldorf. S. 53-71.

2. BRINKER, K. (21988; 31992): Linguistische Textanalyse. Eine Einführung. In: Grundbegriffe und Methoden. Berlin

3. DITTMANN, J. (1979): Einleitung - Was ist, zu welchen Zwecken und wie betreiben wir Konversationsanalyse? In: Dittmann, J. [Hg.] Arbeiten zur Konversationsanalyse. Tübingen. S. 1-43.

4. EHLICH, K. (1991): Funktional-pragmatische Kommunikationsanalyse – Ziele und Verfahren. In: Flader, D. [Hg.]: Verbale Interaktion. Studien zur Empirie und Methodologie der Pragmatik. Stuttgart. S. 127-143.

5. FRITZ, G. (1994): Grundlagen der Dialogorganisation. In: Fritz, G. / Hundsnurscher F. Handbuch der Dialoganalyse. Tübingen. S. 177-202.

6. GLÜCK, H. (1987): Schrift und Schriftlichkeit. Stuttgart.

7. GÜNTHER, H. (1988): Schriftliche Sprache. Strukturen geschriebener Wörter und ihre Verarbeitung beim Lesen. Tübingen Hamburg

8. HENNE, H. / Rehbock, H. (11979; 21982): Einführung in die Gesprächsanalyse. Berlin, New York.

9. HUNDSNURSCHER, F. (1984): Theorie und Praxis der Textklassifikation. In: Rosengren, J. [Hg.]: Sprache und Pragmatik. Stockholm, 75-97.

10. SCHLIEBEN-LANGE, B. (1979): Linguistische Pragmatik. Stuttgart.

11. SCHWITALLA, J. (1994): Gesprochene Sprache dialogisch gesehen. In: Fritz, G. / Hundsnurscher, F.: Handbuch der Dialoganalyse. Tübingen

12. WEIGAND, E. (1993): Weder Metapher noch tollkühn. Eine Erwiderung auf Helmut Rehbocks Diskussionsbeitrag (in diesem Heft). In: ZGL, 21, 1993, S. 143-158.

13. WEYDT, H. (1993): Was ist ein gutes Gespräch? In: Hundsnurscher, F. / Weigand, E. [Hg.]: Dialoganalyse IV. Referate der 4. Arbeitstagung Basel 1992. Tübingen S. 4-19.

14. WITTGENSTEIN, L. (1963): Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen. Frankfurt / Main


ANMERKUNGEN:

(1) Folgende Gedanken sind der Präsentation einer Projektarbeit auf der Jahrestagung des Lehrstuhls voran-gegangen. Im Gespräch an der Uni hat exemplarisch von der Forschungstätigkeit der Masteranden im Studienjahr 1997/98 berichtet. Wir wollen hier festhalten, daß ‘Sprache’ allgemein sowohl als theoretisches System (Kompetenz) verstanden, als auch im Sinne von ‘Sprachverwendung’ (Performanz) gebraucht wird. Wichtig ist es, jedes mal aus dem Kontext zu erkennen, welche Bedeutung gemeint ist.

(2) Frei nach einer Idee von Schneider 1982, S. 88

(3) Von den Extremfällen der Alleingänger oder der Einsiedler wollen wir hier absehen.

(4) Hundsnurscher 1984, S. 286.

(5) s. auch Glück, 1987; Günther, 1988; Weigand 1993.

(6) Bezeichnungen wie ‘gesprochene’ vs. ‘geschriebene’ Sprache dürfte man nur allgemein umgangssprachlich gebrauchen, es sind nicht zwei Systeme, sondern nur eins mit unterschiedlichen Gestaltungsformen.

(7) Hier ist die dyadische Kommunikationsform in einer elementaren Zweier-Konstellation gemeint.

(8) Wittgenstein 1963, S. 49. Der Gedanke, Sprache sei Handeln, steht auch im Mittelpunkt der Sprechakttheorie und ist in deren Erweiterung auch weitergeführt worden. Wenn einem initiativen Sprechen eine adäquate Rezeption folgt die dann weiter eine erfolgreiche sprachliche Replik entstehen läßt und schließlich diese Anerkennung erntet, dann widerspiegelt das die regelhafte konventionelle Relation der Interdependenz innerhalb einer situationsspezifischen Kette von Handlungen und Handlungsverstehen, in Sprechaktsequenzen, in Gesprächen.

(9) s. auch Fritz 1994.

(10) Weydt 1993, S. 7.

(11) „Die Interaktanten dürfen nicht nur handlungsbegle-itend sprechen, sondern über ein Thema, das im Brennpunkt ihrer kognitiven Aufmerksamkeit steht” - Dittman, 1979 S.3ff.

(12) Henne /Rehbock, 1982 S. 261.

(13) Brinker,1989 S. 10.

(14) s. auch Weigand 1993, S. 145.

(15) s. auch Ehlich 1991.

(16) Schlieben-Lange 1983, S. 144, nach Weydt 1993, S. 13.

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, Heft 1-2 (13-14) / 1998, S. 233 - 238

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga 

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