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 Grammatik 8 

 Texte 8/9 

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Erfolg macht einsam!
von Helga Salfer
 

Als Jana gegen 20.15 Uhr das vornehme Lokal an der Rheinuferpromenade betritt, ist die Jubiläumsfeier ihres Chefs schon in vollem Gange. Ein wenig verloren steht sie da und lässt ihren Blick über die zahlreich erschienenen Gäste schweifen. In einer Nische entdeckt sie Lena, Tom und Oliver, die sich, ein Glas Champagner in der Hand haltend, angeregt unterhalten.

Jana beißt sich auf die Unterlippe. Wie gerne würde sie jetzt auf die Drei zugehen und sich unbeschwert mit ihnen unterhalten. Aber seit sie in die Chefetage aufgestiegen ist, haben sich ihre Kolleginnen und Kollegen deutlich von ihr distanziert.
Sie vermisst die vertraulichen Gespräche von früher, das gemeinsame füreinander und miteinander. Ihre Arbeit in der Werbebranche hatte plötzlich jeglichen Reiz verloren. Noch vor einem Monat hätte sie die Frage, welchen Platz der Beruf in ihrem Leben einnimmt, ohne Überlegung beantworten können. Doch jetzt fühlte sie sich einsam und allein.
Als ihr der Posten als Leiterin der Werbeabteilung angeboten wurde, hätte sie vor Begeisterung die ganze Welt umarmen können. Ihr größter Traum war in Erfüllung gegangen.

Welche negativen Nebenwirkungen sich daraus ergeben würden, hatte sie in diesem Moment nicht bedacht. Sie war fest davon überzeugt gewesen, Lena, Tom und Oliver, ihre engsten Mitarbeiter und Freunde, würden ihre Freude mit ihr teilen.
Gedankenverloren greift Jana nach dem Champagnerglas, das ihr auf einem Tablett angeboten wird. Sie nippt lustlos an dem teuren Getränk.
"Hallo Frau Draeger! Endlich! Da sind Sie ja! Ich habe Sie schon gesucht! Sie sehen einfach umwerfend aus!"

Jana dreht sich um und blickt in die Augen des Junior-Chefs. "Kommen Sie! Mein Vater hat Sie bereits vermisst! Er möchte Sie einigen interessanten Leuten vorstellen, mit denen wir in Zukunft unsere Geschäfte abwickeln werden!"
Er berührt leicht ihre Schulter und lächelt sie freundlich an. Jürgen kann seinen Vater gut verstehen, Jana ist eine kompetente Frau, in jeder Beziehung.
Sie ist nicht nur attraktiv, sondern sehr redegewandt und selbstbewusst. Ihre Intelligenz und ihr Einsatzvermögen machen sie zu einer unentbehrlichen Mitarbeiterin.

Jana zuckt bei seiner Berührung zusammen.
"Guten Abend, Herr Braun! Danke!" Ein flüchtiges Lächeln huscht über ihr Gesicht.
"Tut mir leid, dass ich mich etwas verspätet habe. Mir ist noch ein Anruf dazwischen gekommen," lügt sie ihn an.
"Hauptsache Sie sind jetzt da!"
Mit einem Seitenblick bemerkt Jana die Blicke ihrer drei Freunde auf sich gerichtet. Als sie sie gerade grüßen will, wenden sie sich abrupt ab. Janas Herz verkrampft sich vor Enttäuschung.
Dann atmet sie tief durch. Sie will sich ihrem Chef gegenüber nichts anmerken lassen. Mit allergrößter Mühe gelingt es ihr schließlich, ihm mit strahlender Miene gegenüber zu stehen. Sie spürt seinen Stolz, als er sie den Geschäftsleuten als seine beste Kraft vorstellt und wird ein wenig unsicher, bei so viel Lob und Bewunderung.

Eigentlich müsste ich glücklich sein, denkt sie. Ich habe einen Traumjob, verdiene gutes Geld und mein Chef lobt mich über ‚den grünen Klee'. Aber ein toller Posten in der Firma ist eben nicht alles.
Wie gerne würde ich als einfache Angestellte arbeiten und dafür jede freie Minute mit meinen ehemaligen Freunden verbringen. Ich wäre eine von ihnen, und sie würden mich nicht links liegen lassen.

Jetzt erlebt sie am eigenen Leib, was es heißt, auf der Karriereleiter aufzusteigen. Nur allzu deutlich wird ihr klar - "Erfolg macht einsam!" "Frau Draeger?" dringt Herr Brauns Stimme an ihr Ohr. "Wie sehen Sie unser Projekt? Haben Sie noch Verbesserungsvorschläge zu machen? Sie wissen, mir liegt sehr viel an Ihrer Meinung!"

Jana fährt sich mit der rechten Hand durch ihre langen Haare und schüttelt den Kopf.
"Nein! Ich denke, wir haben unsere Ziele klar abgesteckt. Jede Änderung würde es nur verschlechtern!"

Herr Braun nickt zustimmend und mustert Jana wohlwollend.
"Sie sehen, meine Herren, es ist alles perfekt. Wenden wir uns doch jetzt den angenehmen Seiten des Abends zu. Frau Draeger, begleiten Sie mich ans Büffet? Meine Herren, darf ich Sie bitten, mir zu folgen?"

Jana spürt förmlich die neidischen Blicke der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf sich ruhen. Sie stecken die Köpfe zusammen und tuscheln. Tränen steigen ihr in die Augen. Sie hat stets geglaubt, stark zu sein.

"Ich verstehe nicht, warum alle meinen, ich hätte mich verändert. Dabei bin ich doch die Gleiche geblieben", murmelt sie leise.

"Was haben Sie gesagt?" Herr Braun schaut sie fragend an.
"Ich - ach , Entschuldigung! Der Anruf vorhin zu Hause!"
"Ach so, ich dachte schon, sie hätten Probleme in ihrer Abteilung!"
"Nein, nein! Da ist alles in Ordnung. Es klappt wirklich gut!"
"Davon bin ich überzeugt! Wenn ich die Ergebnisse Ihrer Arbeiten sehe! Alle Achtung, Frau Draeger! Ich hätte Sie schon viel früher befördern sollen!
Sie sind wirklich eine Bereicherung für unser Unternehmen!"

Er fasst behutsam ihren Arm.
"Machen Sie mir die Freude und nehmen Sie an meinem Tisch Platz", hört sie ihn sagen.

Jana dreht sich der Magen um.
Auch das noch. Keinen Bissen werde ich herunter bekommen. Mir ist jetzt schon übel.

Sie nimmt einen großen Schluck Champagner, und noch einen. Mit einem Mal fühlt sie sich besser. Der Duft des vorzüglich angerichteten Büffets verfehlt nicht seine Wirkung. Die raffiniertesten Dinge sind hier aufgetischt. Keine Frage - der Spender dieser kulinarischen Genüsse schwimmt im Geld.
Jana schnuppert und greift zu.

Durch die benebelnde Wirkung des Champagners löst sich ihre innere Verkrampfung allmählich. Sie beginnt, den Abend und die Gesellschaft der ‚High-Society' zu genießen.
Angeregt unterhält sie sich und zieht bald die Aufmerksamkeit aller um sie herum Sitzenden auf sich.

Neben ihrem guten Aussehen imponiert sie immer wieder durch ihre fachliche Kompetenz.

Im Laufe des Abends vergisst sie ihre Kollegen völlig. Sie fühlt sich wohl in dem Kreis, wo ihr Achtung und Anerkennung entgegen gebracht werden.

Kurz nach Mitternacht verabschiedet sie sich.
Herr Braun besteht darauf, dass sein Sohn, der den ganzen Abend keinen Alkohol getrunken hat, sie in seinem Wagen nach Hause bringt.

Janas Vorschlag, ein Taxi zu nehmen, lehnt er strikt ab.

Am nächsten Morgen schlägt ihr im Büro eisige Kälte entgegen. Ihr ‚Guten Morgen Gruß' wird von keinem erwidert. Alle beugen sich über ihre Arbeit und ignorieren Jana völlig.
Mit unsicheren Schritten betritt sie ihr Büro, schließt die Türe hinter sich und lässt sich in ihren Schreibtischsessel sinken.

Das Läuten des Telefons reißt sie brutal aus ihren Gedanken.
"Ja, natürlich! Sie bekommen die Unterlagen heute sofort zugesandt!" hört sie sich antworten.
"Meine Mitarbeiter haben bereits alles vorbereitet!"

Sie legt den Hörer auf und denkt - hoffentlich haben sie alles vorbereitet. Sie erschrickt bei dem Gedanken, die Kollegen könnten revoltieren.

Doch da klopft es bereits an ihrer Tür und Lena tritt ein.
"Hallo Lena, setz dich!" fordert Jana sie auf.
"Danke, ich habe zu tun! Hier sind die Unterlagen, die wolltest du ja sofort heute morgen haben!"

Damit dreht sie sich auf dem Absatz um und verlässt das Zimmer.
Lena hatte ihr noch einmal mit aller Deutlichkeit gezeigt, was sie dachte, nämlich - du bist jetzt keine mehr von uns, merk dir das!

Jana wird erneut klar, wer Karriere machen will bezahlt einen hohen Preis, und der heißt EINSAMKEIT!

 

Lectiile de Germana sunt realizate si predate de prof. Valeriu Untea.

 

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