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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 1-2 (13-14) / 1998, S. 254-260

 

 

HAUS - HÄUSCHEN - DIMINUTIVE IM DEUTSCHEN

Hermine Ioana Fierbinþeanu

 

1. TEIL

I. DIE DIMINUTIVBILDUNG IM NEU-HOCHDEUTSCHEN. EIN ÜBERBLICK

1. Bei Substantiven

Die heute am meisten verwendeten Dimi-nutivsufixe beschränken sich auf zwei Formen: -CHEN und -LEIN.
Durch die Hinzufügung von -CHEN und -LEIN werden deutsche Substantive NEUTRA und haben keine besondere Pluralbildung.

1.1 Unterschiedliche Verwendung beider Diminutivsuffixe

(Gliederung nach W. Fleischer) (1)

1.1.1: geografischer Art

1.1.1.1 Wie aus der Tabelle von W. Fleischer deutlich hervorspringt, ist in der Schriftsprache die Form auf -chen weitaus am meisten vertreten. (2)

Übersicht 3 (1, S. 165)

 

 

-chen

-lein

H. Böll, Billard um halb zehn

46

2

H. Jobst, Der Findling

H. Jobst, Der Zögling

 

115

 

15

M. W. Schulz, Wir sind nicht Staub im Wind

192

18

E. Strittmatter, Der Wundertäter

168

17

Chr. Wolf, Der geteilte Himmel

41

2

1.1.1.2 Im Oberdeutschen, wo es eine ganze Menge von Variationen des l-Suffixes gibt, und im südlichen Teil von Mittel-deutschland ist jedoch die Form auf -lein überwiegend.

1.1.1.3 Das k-Suffix herrscht dagegen im Niederdeutschen und dem größten Teil vom Mitteldeutschen.

1.1.2 distributionelle Art

Für die Wahl des Suffixes ist vor allem der Auslaut des Grundwortes bestimmend.

1.1.2.1.Substantive mit 1-Auslaut ziehen das Diminutivsuffix -chen vor.

  • Ställchen, Spielchen.

1.1.2.2 Substantive mit ch-, g-, ng- mit Auslaut ziehen -LEIN vor.

Ausnahme: bei Substantiven auf -e, -en bestehen beide Möglichkeiten (-chen ebenso wie -lein) nebeneinander.

Sie verlieren dabei das -e und -en. (3)

  • Kiste - Kistchen - Kistlein

  • Kragen - Kräglein

  • Wagen - Wäglein

  • Kasten - Kästchen

1.1.2.3 Mit -lein und -chen tritt Umlaut des Stammvokals zu der Basis ein.

  • Auge - Äuglein

  • Maus - Mäuschen

  • Hof - Höflein

  • Fuß - Füßchen

1.1.2.4 In Verbindung mit -CHEN unterbleibt der Umlaut in bestimmten Fällen:

- bei Ableitungen von Wörtern mit suffixalem -er (Malerchen) (4)

- bei einigen Rufnamen (5) und ihnen nahestehenden Personenbezeichnungen: Karlchen, Tantchen.

Aber: Männchen, Fräulein.

1.1.2.5 Von einigen Substantiven kann die Basis auch in der Pluralform sein, allerdings nur bei Pluralformen auf -er und mit Suffix -chen.

  • Kinderchen, Dingerchen

Bei Pluraletantum:

  • Leute - Leutchen

1.1.2.6 Manchmal ist eine Bedeutungsdifferenzierung bei der Verwendung von -lein und -chen, so daß beide nicht ausgetauscht weden können.

Männchen - Weibchen ( von Tieren)

Männlein - Weiblein (von Menschen)

1.1.2.7 -LEIN wirkt manchmal gehoben, altertümelnd:

  • Kindlein, Märlein.

1.2 Weitere Diminutivsuffixe im Nhd kommen selten vor.

1.2.1 -EL

Meist idiomatisiert. Der diminuierende Charakter gegenüber der Basis ist nicht mehr deutlich.

  • Bündel zu Bund, Ränzel zu Ranzen

In Zusammensetzungen: Heinzelmännchen

Daneben stehen Substantive auf -el, die überhaupt nie diminutivische Bedutung hatten.

1.2.2. -ELCHEN: Suffixkombination. (6)

  • Dingelchen, Blümelchen.

In Mitteldeutschland schon ab 14/15 Jh. nachweisbar.

1.2.3 -INE:

  • Sonatine

Fremdusffixe: -IT. Sie kommen selten vor:

  • Meteorit.

Diese Formen werden nur als Diminutive empfunden, wenn die alte, nicht-diminuierte Form daneben steht.

(Nicht mehr als Diminutiv empfunden: Violine, da keine kleine Viola !)

1.2.4 Letztlich nicht zu vergessen ist die heutige Tendenz, immer mehr Gebrauch von Mini - und Klein - + Substantiv zu machen.

  • Mini-kleid, Mini-rock usw. (7)

  • Kleinkind, Kleinwohnung.

2. Bei ursprünglichen Adjektiven

Hier unterscheidet J. Grimm (8) zwei Gruppen:

2.1 Verkleinerte Adjektive aus Adjektiven

Sie sind durch direkte Ableitung durch ein l-Suffix (-LICH) gekennzeichnet und werden nicht als vollständige Diminutive empfunden. Durch diese Ableitung wird der Begriff von “Annäherung an Etwas“ ausgedrückt.

  • süß - süßlich, grün - grünlich, blau - bläulich, rund - rundlich, rot - rötlich, bleich - bleichlich.

Nach Grimm mögen einige auf unterlie- gende Verba süßeln, grüneln zurückführen.

2.2. Substantive aus Adjektiven durch Verkleinerung

Die Verkleinerung geschieht durch das Suffix -CHEN

  • Trautchen, Alterchen, Dummchen, Grauchen, Liebchen.

Ableitungen durch die Suffixe -ING und -LING werden nicht mehr als Diminutive empfunden.

  • Jüngling, Liebling.

3. Bei Adverbien

In den Schriftsprachen geschieht Diminuierung durch -chen, in den Mundarten durching und -l-Suffix.

  • stillchen, sachtchen (Schiller und Bürger). (9)

  • Wiederum gehen hier die Mundarten viel weiter:

  • schwinneken (geschwind)

  • baleken (bald) in Cattenstedt

Diese mannigfachen Variationen der Verkleinerungssuffixe sind aber jedoch auf die beiden genannten Grundformen zurückzuführen und sind schriftsprachlich ungebräuch-lich, außer “ein bißchen”.

4. Bei Verben

Die Modifizierung geschieht hier durch l-Sufix: -ELN. Durch l-Suffix werden durchgehend die Verben der Inhaltsgruppe “schwach, leicht, wenig” charakterisiert. Sie bringen also eine Auflockerung des Primärbegriffs mit sich: das Suffix vermag in diesen Fällen den Geschehensablauf zu modifizieren.

4.1 Diminuierte Verben aus Verben (10)

Die Diminuierung durch l-Suffix geschieht mit Umlaut des Stammvokals. Eine eindeutige Diminuierung wie beim Substantiv liegt aber nur vereinzelt vor. Bsp. :

4.1.1

  • lachen - lächeln

  • tanzen - tänzeln

  • husten - hüsteln

4.1.2

  • häufen - haufeln

  • schnitzen - schnitzeln

  • strichen - streicheln

4. 2. Diminuierte Verben aus Adjektiven

Weisen Annäherungsbedeutung auf, besonderes bei Farben unde Geschmäcken.

  • grüneln, süsseln, gräueln

Diminuierte Verben sind oft abwertend

  • sudeln

5. Bei Eigennamen

bestehen die beiden Möglichkeiten -chen und -lein, mit Umlaut des Stammvokals. Weiter dient auch das Suffix -le zur Diminutivbildung von Eigennamen. Dim. Eigennamen sind auch neutral.

  • Hans - Hänschen - Hannele

  • Wilhelm - Wilhelmchen

  • das arme Karlchen

  • Sophie - Sophiechen

  • Marie - Mariechen

  • Inge - Ingelein

Einigen Namen wird der Umlaut entzogen:

  • Karlchen, Malchen

Verkleinerungsform auf -(e)l richet sich jedoch das Genus im allgemeinen nach dem natürlichen Geschlecht: die, das schöne Liesel.

 

II. LEXIKALISIERTE DIMINUTIVA IM DEUTSCHEN

1. Nicht an eine feste Redensart gebundene lexikalisierte Diminutiva

Nicht mehr als Verkleinerungen werden einige Bildungen empfunden, die die Beziehung zu ihren Grundwörtern verloren oder eine spezielle Bedeutung erworben haben (…); Es sind diminutivische Wortformen, die nicht mehr als solche empfunden werden. Ursache dieser Veränderung ist die expansive Kraft gegenüber dem farblosen Grundwort
Umgekehrt büßen Diminutivbildungen, die ihr Grundwort (11) verloren oder sich sonstwie gegen dasselbe isoliert haben, ihre verkleinernde Bedeutung ein, z.B. Heimchen, Veilchen, Kaninchen ... In anderen Fällen ist wenigstens die Bedeutung spezialisiert: Fräulein, Ständchen, Kränzchen, bißchen (12).

Es handelt sich also um Diminutivbildungen, bei denen kein diminutivischer Sinn mehr gefühlt wird, da sich der besondere Gefühlswert der Diminutivform gegenüber dem Stammnomen verloren hat. Hierbei spielt Untergang des Grundwortes oder Ver-änderung der primären Bedeutung eine Rolle. Dadurch kommt es zu einer Einbuße der verkleinernden Bedeutung. Es ist dann auch kein Wechsel zwischen den beiden Suffixen -chen und -lein möglich.
Nomina mit diminutivem Formans bü-ßen Deminutivsinn oft völlig ein, so daß sie mit dem Grundwort leichbedeutend werden. Das Grundnomen kann dann durch das Deminutivum verdrängt werden ... In anderer Weise geht die Verkleinerungsbedeutung von Substantiva zu grunde, wenn die Deminutivform zur Benennung eines andren Gegenstandes, als den das Grundwort bezeichnet, verwendet wird (13).

Beispiele aus (14) ahd. Armilo, lat. Musculus, nhd. Kaninchen (lat. Cuniculus), Hermelin, Fräulein, Mädchen, Kränzchen, Ständchen, Märchen, bißchen .

Mit Fremdsuffix: Violine

2. An feste Redensarten gebundene lexikalisierte Diminutive

Auch in gewissen Redansarten ist nur eine Art des Suffixes geläufig.

  • mäuschenstill

  • mit einem ein Hühnchen zu pflücken haben

  • sein Schäfchen ins Trockene bringen (eig. Schappken)

  • sich ins Fäustchen lachen

  • aus dem Häuschen sein

  • ein Schnippchen schlagen

Diminutiva können also als Bestandteil idiomatisierter Wortgruppen erscheinen, wodurch im Gesamtzusammenhang die jeweilige ursprüngliche Motivation verloren geht. Sie lassen sich scheinbar als Diminutiva auffassen.

Ursprünglich waren sie wohl auch als Verkleinerung gedacht. Aber sie kommen kaum noch als solche vor, weil die Sprache, wo der Begriff der Diminution lebending war, früh eigentümliche Modifikarionen vornahm.

3.

Nicht wenige (Wörter) lassen sich als Diminutiva auffassen, namentlich solche, denen ein synonymes Grundwort zur Seite steht, wie Angel, Nessel, Niftel, Rinzel, Trommel, Zipfel. Aber in der Bildung selbst liegen diese bestimmten Bedeutungen nicht. Der Ärmel ist nicht ein kleiner Arm. Sondern der Teil des Gewandes, der zum Arm gehört oder armähnlich ist, Eichel nicht eine kleine Eiche, sondern die Frucht der Eiche. Tölpel nicht ein kleines Dorf, sondern ein Mensch, der aus dem Dorfe kommt und ein Benehmen zeigt, wie es bei Dorfbewohnern ist.
 

III. DIE BEDEUTUNG DER DIMINUTIVA

Während E. Coseriu (15) bei der Definition von Diminutiven von QUANTIFZIERUNG VON WÖRTERN spricht, werden sie von W. Henzen (16) affektische Verkleinerungsformen genannt. Sie drücken also keineswegs nur eine Verkleinerung aus. Schon außerhalb eines Textzusammenhanges läßt die Nebeineinandersetzung von Städtchen - kleine Stadt, Sümmchen - kleine Summe die emotionale, expressive Komponente kann so stark werden, daß das begriffliche Element “klein” völlig dahinter zurücktritt und das Suffix nur noch kosende Funktion hat. Beispiel: Küßchen, Liebchen, Mütterchen.

G.C. Lichtenberg (17) beobachtet:

Es ist sonderbar, daß diejeningen Leute, die das Geld am liebsten haben ... gerne im Diminutivo davon sprechen: - Da kann ich doch meine 600 Tälerchen dabei verdienen.

In diesem Zusammenhang stehen auch Anreden mit Diminuierung des substantivierten Adjektivs:

Eine Flasche spendierst du noch, Dickerchen, wie ?

Teilweise ist schon in diesen Formen deutliche Ironie spürbar: der emotionale Wert kann auch ins Negative gekehrt sein, es werden dann Geringschätzung und Abneigung ausgedrückt: Bürschchen, Fremdchen, im Feuilleton des Lokalblättchens ( H. Böll in Billard um halb zehn).

Dazu meint noch Sieberer (18):

Eine Diminutivbildung erhalten vor allem Bezeichnungen solcher Lebewesen und Dinge, zu denen der Sprecher ein emotionales Verhältnis hat. Sie ist eine Wortform der Anteilnahme.

Mit diesen Worten scheint Sieberer die Frage, was eigentlich ein Diminutiv sei, zu beantworten. Die Diminutivbedeutung weist ein breites Spektrum, von Farbigkeitsvarianten auf: vom Sinn des Unbedeutenden, des Schwachen, Armen, Verächtlichen, Lächerlichen, Bescheidenen bis zum Zierlichen, Lieblichen, was die richtige Rolle der Diminutivformatien in der Bildung der Personennamen (Kosenamen) bewirkt.

Es muß also deutlich zwischen objektiv festgestellter und subjektiv empfundener Kleinhneit unterschieden werden. Gefühl und Wille tragen zur Diminutivbildung bei.

Während in bestimmten Fällen die Erkenntnis einer affektgeladenen Verkleinerungsform spontan erfolgt, kann in gewissen Fällen zur Interpretation eines Diminutivs nicht vom Kontext abgesehnen werden.

Zur Entscheidung der Beantwortung der spontan auftretenden Frage, ob Kosebedeutung oder Diminutivbedeutung primär sei, müßte man weiter zurückgreifen, welche Aufgabe nicht in dieser Arbeit liegt und von der Sprachforschung selbst noch nicht definitiv beantwortet ist.

IV. KORPUSUNTERSUCHUNG

Heinrich Böll: Das Brot der frühen Jahre

1. Diminutive zum Ausdruck der Kleinheit: “chen”

Eine junge Frau schüttelte gerade BRÖTCHEN aus einem weißen Leinensack in die Auslage...die BRÖTCHEN stauten sich vor der Scheibe.

Ich legte die BRÖTCHEN auf den Teller, ging in das Zimmer zurück, setzte mich und öffnete ein BRÖTCHEN.

In der Funktion eines bloßen Ausdrucks der Kleinheit kommt im zitierten Text das Suffixdiminutiv dreimal vor.

2. Diminutivische Umschreibung von “klein” oder Ähnliches und Substantiv

Die analytische Umschreibung “klein” und Substantiv ist in diesem untersuchten Text sehr stark vertreten. Sie erscheint hier überwiegend als Ausdruck der bloßen Kleinheit, zusätzlich auch als Äußerung einer inneren Anteilnahme:

Ich habe EIN KLEINES AUTO...

Kleines Auto wird gezielt gewählt, da die Form “Autochen” oder “Autolein” lächerlich wirken würde. An diesem Beispiel zeigt sich deutlich, daß in gewissen Fällen nicht völlig unbegründet dem synthetischen Diminutiv ein analytisches vorgezogen wird. Die diminutivische Umschreibung geschieht aus einem praktischen Grund: um die Wie-dergabe so exakt wie möglich zu gestalten.

... und ich sah DIE HÜBSCHEN KLEINEN HÄNDE.

Aus dem zitierten Satz ist ersichtlich, daß ein Suffixdiminutiv nicht immer in einem bestimmten Kontext paßt. Händchen hätte afektivisch geklungen. “klein” und Substantiv erzielt die objektive Verkleinerung und läßt die innere Distanz zum verkleinerten Objekt sichtbar werden. Anteilnahme seitens des Sprechers ist durch den Gebrauch des Attributes “hübsch” zu erkennen.

... und Kinderwäsche hängt auf der Leine hinten im Hof: rosa, die wird für EIN KLEINES MÄDCHEN und blaue, die wird für den Jungen sein.

zweimal hatte ich EIN KLEINES MÄDCHEN von 12 oder 13 Jahren gesehen.
Kleines Mädchen wird hier in zwei voneinander völlig verschiedenen Kontexten gebraucht. Im ersten Beispiel tritt es im Sinne von Kleinkind oder sogar von Säugling auf, im zweiten bezeichnet kleines Mädchen ein junges, jedoch noch nicht erwachsenes, reifes Mädchen. Die Bedeutungsdifferenzierung kommt durch den unterschiedlichen Kontext zustande.

... aber er war klein und behende, viel flinker als ich und es gelang ihm die Schwester mit seinen KLEINEN DUNKLEN FÄUSTEN gegen die Brust zu schlagen ...

Unter “klein und behende” könnte man verstehen: “er war ein kleiner Mann” und dadurch könnten wir einen weiteren Fall der diminutinutivischen Umschreibung haben. Die analytische Verkleinerung “kleine dunkle Fäuste” hätte nicht durch Fäustchen ersetzt werden können, da es unpassend und affektgeladen klänge. Stilistisch knüpft sich die diminutivische Umschreibung der vorhergehenden Beschreibung: “er war klein und behende” an.

... und ich sah in jedem dieser Löcher die Haustür, sah sie hundertmal, immer dieselbe Haustür, WINZIGE aber präzise Haustüren.

Bei diesem Beispiel handelt es sich um eine diminutivische Umschreibung mit “winzig und Substantiv”. Damit wird eine starke Verkleinerung ohne affektivische Farbigkeit erreicht. Das Suffixdiminutiv “Haustürchen hätte eine zärtliche Komponente, die hier gar nicht vorhanden ist.

3. Diminutive als Ausdruck des Affekts

3.1 Suffixdiminutive

... und einmal im Monat verteilte Schwester Clara ihre Zigarettenration an uns: jeder bekam eins oder zwei von diesen kostbaren weißen Stäbchen.

Bei dieser Form spürt man eine leichte Ironie, eine ironische Nuance. Stäbchen steht an Stelle von Zigaretten, die an sich etwas Gewöhnliches sind. Da sie aber in Kriegszeit rar sind, wird ihnen eine besondere Bedeutung zugeschrieben, die durch das begleitende Adjektiv “kostbar” verstärkt wird.

... und wenn man ihn sieht, bringt eine verborgene Batterie ein paar DRÄHTCHEN zum glühen.

Das Zitat entstammt einem Ausschnitt, der eine allgemeine ironische Farbigkeit aufweist. Andrerseits ist die Diminution auch ohne affektivische Schattierung vollkommen gerechtfertigt, es können nur dünne kurze Drähte gemeint sein. Es handelt sich beim Ganzen um eine verborgene Batterie mit Drähtchen, Knöpfchen, bei einem mysteriösen, leicht lächerlichen Mechanismus.

4. Analytisch-synthetische Verkleine-rungsformen “klein” und Suffixdiminutiv

Die Form: “klein” und Suffix ist nur vereinzelt aufgetreten. Als erstes Beispiel mit Brötchen u.z. als “kleine Brötchen”, die das Vorhandensein einer zärtlichen Komponente feststellen lassen:

...zwei kaufe ich ... dann im nächsten Laden wieder eins, KLEINE, braune, knusprige BRÖTCHEN, viel zu viele...

... Ehe er Besorgungen macht, packt er die Zettel aus, blättert sie durch.... legt sie dann wie eine Patience und ordnet sie dann nach ihrer Wichtigkeit, indem er KLEINE HÄUFCHEN bildet, so wie man Asse, Könige, Damen, Buben voneinander scheidet.

Durch die Verbindung kleine und Häufchen wird der Eindruck von pedantischer Exaktheit vermittelt.

5. Diminutivische Umschreibung von “klein” und Substantiv

Es wurden eine Reihe von Verkleinerungsformen gefunden, bei denen sich gewisse gefühlsbetonte Nuancen feststellen lassen.

...er hatte eine dunkle Haut und kleine, ganz dunkle Augen.

In diesem Fall mutet die zitierte Gesichtsbeschreibung ein bißchen pejorativ an. Äuglein würde stärker pejorativ sein. Die diminutivische Umschreibung mag auch dadurch begründet sein, daß im Beispiel ein weiteres Attribut als das der Kleinheit erscheint.”kleine ... dunkle Augen.”

Und ging ihm voran in die Korbmachergasse, wo ich ein kleines Cafe kannte.

Das genannte Cafe läßt eine intimere Athmosphäre vermuten. Das Suffixdiminutiv Cafechen hätte dem Ausdruck eine ironische, leicht abschätzende Schattierung verliehen.

... Wolfs helle ... Kinderstimme war von meinem WINZIGEN JA getötet worden.

In diesem Fall wäre statt der diminutivischen Umschreibung “winzig” und Substantiv das Suffixdiminutiv Jachen unmöglich gewesen.

V. SCHLUSSFOLGERUNGEN

In vorliegender Arbeit wurden anhand der gewählten Fragmente Nomen-Diminutive auf ihre stilistische Wertigkeit hin untersucht. Dabei wurden Formen, die analytisch, synthetisch oder analythisch-synthetisch, diminuiert wurden, in Betracht gezogen. Es hat sich ergeben, daß die analytischen, synthetischen oder die analythisch-synthetischen Verkleinerungsformen sich wirkungsgemäß unterscheiden, daß sie überwiegend affekt-geladen sind und ironische, zärtliche, oder pejorative Schattierungen aufweisen, die ihrerseits noch Zwischennuancen zulassen.


Literatur:

Primärliteratur:

1. Heinrich Böll: Das Brot der frühen Jahre, Frankfurt 1974.

Sekundärliteratur:

1. Brinkmann, H: Studien zur Geschichte der deutschen Sprache.Deutsche Sprache19, Düsseldorf 1965.

2. Coseriu, E.: Les Structures Lexematiques. In: Zeitschrift für französische Sprache und Literatur, Neunte Folge, Heft I, Wiesbaden 1959.

3. Drosdowski, G. (Hrsg.): Duden-Grammatik der deutschen Gegenwartssprache (Der Duden in 10 Bänden, Bd. 4), Mannheim, Wien, Zürich, 41984.

4. Erben, J.: Deutsche Grammatik. Ein Abriß, München 1972.

5. Fleischer, W.: Wortbildung der Gegenwartssprache, VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1969.

6. Grimm, J.: Deutsche Grammatik. Bd. III, 1831.

7. Henzen, W.: Deutsche Wortbildung. In: Wortbildung, Syntax und Morphologie. Festschrift für H. Marchand. The Hague, Paris 1965.

8. Sieberer, A.: Das Wesen des Diminutivs. Die Sprache 2, Wien 1949.


ANMERKUNGEN:

(1) DUDEN, Grammatik der deutschen Gegenwartsprache, Mannheim 1973; W. Fleischer, Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache, Leipzig 1969, S. 164 ff.

(2) W. Henzen, Deutsche Wortbildung, Tübingen 1965, S. 149: “Heute stehen uns beide Formen zu Gebote. In der Prosa hat -chen alles in allem den Vorzung, und es ist möglich, daß die Wörter mit ableitendem -l den Anstoß zur Vorherrschaft des Suffixes -chen gegeben haben. Denn die Wahl folgt derab in der Richtung, daß nach Auslaut -l -lein, nach -ch (u. -g) -chen gemieden wird: es heißt einerseits Röllchen, Ställchen ..., andererseits Bächlein, Tüchlein ... (wo nicht Büchelchen, Sächelchen ..., die nicht ohne weiters schriftsprachlich sind), doch auch Röckchen, Stückchen ... neben Röcklein usw. Die Bildungen Spiegelein, Kügelein, Vögelein ... werden mehr der poetischen Sprache vorbehalten).”

(3) Ebd., S. 149: “Die Wörter auf heutiges -en werden verschieden behandelt: ursprünglich schwache Maskulina, die erst im Nhd. -en in den Nominativ gezogen haben, bilden die Diminutivform nach alter Regel mit Abstoßung des -e: Bißchen, Gärtchen, Brünnchen .... Hiernach richten sich gelegentilich dann auch -ana- und -ama-Stämme: Fädchen, Öfchen. Doch sind solche Analogiebildungen nur in beschränktem Umfang aufgekommen: tatsächlich bleiben uns Diminutivformen von Wörtern auf -en, -em ungeläufig, auch wenn die Bedeutung eine Verkleinerung wohl gestatten würde (z. B. von Besen, Wagen, Boden, Degen), wenigstens Schriftsprachlich.”

(4) Ebd., S. 150: “Beide Suffixe bewirken im allgemeinen Umlaut, ausgenommen meist in Wörtern auf -er (verschiedener Herkunft) mit umlautlosem Plural: Akerchen neben Pl Äcker, Väterchen, Töchterchen, Mütterchen... (aber Schwagerchen neben Pl. Schwäger, namenhaft auch Mütterchen u. ä.).”

(5) J. Erben, Deutsche Grammatik. Ein Abriß, München 1972, S. 127: “- chen (-ichin ) und -lein (-lin) bewirken meist Umlaut eines umlautfähigen Stammvokals. Ausgenommen sind gemeinhin mit -chen verbundene Eigennamen oder als solche empfundene Personenbezeichnungen: Lott-chen, Tant-chen, Frau-chen (als Koseform von Fräulein, Unverheiratete, unterschieden).”

(6) W. Wenzen, a.a.O., S. 147: “ ... die pleonastischen auf -elchen: Ringelchen, Sächelchen, Löchelchen, Knö-chelchen, Bödelchen, Fädelchen, etwa bei Goethe. Letztere werden sich auch an die zahlrichen Fälle mit ableitendem -el anlehnen (Beutelchen, Täfelchen, Mäntelchen, Zettelchen) und müßen wohl als eine willkommene Gelegenheit, auf diesem Wege das Suffix -chen auch hinter Guttural und -en verwenden zu können, betrachtet werden.”

(7) J. Erben, a.a.O., S. 128: “Partielle Konkurrenz besteht neuerdings zwischen -chen und mini-: Kleidchen, Mini-kleid, Röckchen, Minirock (...). Bei den inhaltlich verwandten Bildungen mit Mini- und Klein- ist jedoch ein Moment der klassifizierenden Einstufung unverkennbar; vgl. Noch Kleinkind und Kindchen, Kleinwagen und Wägelchen.”

(8) J. Grimm, Deutsche Grammatik, Bd. III, 1831, S. 686 – 688.

(9) W. Henzen, a.a.O., S. 152: “Doch sind auch Abstrakta von ihr nicht ganz ausgeschlossen. Das beweisen neben den schon erwähnten älteren Bildungen wie Trostelin ( $ 92) Wendungen wie sein Mütchen kühlen, ein Schnippchen schlagen, ein Lüstchen. Einem mnd. Dödeken entspricht G. Kellers Tödlein, ähnlich bei ihm Glücklein, Sömmerchen u.a. Sogar von Adjektiven und Adverbien tauchen gelegentliche Diminutivbildungen auf: stillchensachtchen (Schiller und Bürger), ründchen (Voß), von substantivierten Adjektiven: Alterchen, Grauchen und Liebchen. Wiederum gehen hier die Mundarten viel weiter, sogar bis zum Verbum ...”

(10) J. Erben, a.a.O., S. 76: “Anderseits finden sich Verkleinerungsbildungen: hüsteln (husten), kränkeln (kranken), lächeln (lachen), spötteln (spotten), liebeln (lieben); die mehr oder minder auch die Frequenz, die stete Wiederholung auszudrücken vermögen, ohne daß hier eine strukturelle Möglichkeit systematisch ausgebaut wäre: streicheln (strichen) blinkern (blinken), glitzern (gleißen).

(11) A. Sieberer: Das Wesen des Diminutivs, Wien 1949.

(12) W. Henzen: a.a.O., S. 151, $94.

(13) K. Brugmann: Vergleichende Geschichte der germanischen Sprache, Straßburg 1906, S 672, $ 542.

(14) Ebd.

(15) E. Coseriu: Probleme der strukturellen Semantik, Tübingen 1973, S. 87 und S. 90: “Die Modifizierung impliziert keine Satzfunkttion, sondern es handelt sich um die QUANTIFIZIERUNG VON WÖRTERN, um die Wiederholung einer Bedeutung oder die Hinzufügung einer Richtung zu der primären Handlung.” “ ... QUANTIFIZIERUNGEN LIEGEN VOR BEI DIMINUTIVBILDUNGEN VON SUBSTANTIVEN ...”

(16) W. Henzen: a.a.O., S. 15: “Mag der Ursprung der Diminutiva nicht geklärt erscheinen: den Diminutivbegriff können jedenfalls - da die Diminutiva sich vorab auf dem Boden einer vertraulich und ge-fühlsmässigen Sprache bewegen - sekundar wieder verschiedene Bedeutungsabschattungen begleiten, von der des Schmeichlnden (Ammensprache) bis zu der des Vergröbernden, Abschätzigen ...”

(17) W. Fleischer: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache, Leipzig 1969, $ 2.2.33, S. 167.

(18) A. Sieberer: Das Wesen des Diminutivs. In: Die Sprache 2, 1950/52, S. 85-121.

 

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