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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 67-72

 

 

DES WERKES REGIMENT - DIE MEUTEREI DER WERKE.

TYPOLOGISIERENDES ZUM AUTOBIOGRAPHISCHEN STIL GOETHES UND NIETZSCHES

Gabriel H. Decuble



”Teurer Freund”, so läßt sich Johann Wolfgang Goethe in einem fingierten, als Vorwort zu seiner autobiographischen Schrift Dichtung und Wahrheit konzipierten Brief eines angeblich interessierten Lesers grüßen, und lenkt dadurch schon mittels eines rhetorischen Kunstgriffs die Aufmerksamkeit auf das von ihm vorgeschlagene Rezept einer günstigen Aufnahme beim Publikum: Autor bietet Freundschaft an, aufgeschlossener Leser gefragt. Hier aber der vollständige Satz: ”Wir haben, teurer Freund, nunmehr die zwölf Teile Ihrer dichterischen Werke beisammen und finden, indem wir sie durchlesen, manches Bekannte, manches Unbekannte; ja manches Vergessene wird durch diese Sammlung wieder angefrischt.” (1)

Daß das Vorwort aufschlußreich sei für die Entstehungsgeschichte von Dichtung und Wahrheit, hat die Forschung bisher immer wieder zu betonen gewußt (2). Dennoch wurde dabei meistens nur die Motivation hinterfragt, die den Dichter zu einem solchen, ”immer bedenklichen Unternehmen” (3) bewegt haben sollte. Ein Zeichen der Produktivität sei das; der ungestillte Durst nach Betätigung habe den sechzigjährigen Verfasser angetrieben, auf seine Jugend zurückzublicken. Man hat sogar die Unausweichlichkeit eines solchen literarischen Projektes für gesetzmäßig erklärt, und damit den Gedanken nahegelegt, das Goethesche Werk sei ohne eine autobiographische Schrift nicht vollkommen gewesen. Doch standen bereits frühere, freilich fragmentarische oder jedenfalls kleinere Schriften unter ”der glücklichen Konstellation” derselben Gattung: Man vergegenwärtige sich die Italienische Reise, Campagne in Frankreich, ja sogar die Bekenntnisse einer schönen Seele, die als 6. Buch dem Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre eingeschaltet sind.

Daß die im Vorwort erwähnten ‘zwölf Teile’ (4) noch kein Lebenswerk hätten darstellen können, bekümmerte vor allem den Dichter selbst. Er äußerte in einem Brief an Zelter (1808) die Bemerkung: ”Die Fragmente eines ganzen Lebens nehmen sich freylich wunderlich und incohärent genug neben einander aus; deswegen die Recensenten in einer gar eigenen Verlegenheit sind, wenn sie mit gutem oder bösem Willen das Zusammengedruckte als ein Zusammengehöriges betrachten wollen” (5). Es fehlte, möchte man schlußfolgern, eine Lebensgeschichte, die die literaturgewordenen Stationen seines Lebens vereinen, organisch miteinander verbinden sollte; es fehlte die summa summarum seiner literarischen Leistung, das Regiment eines einzigen, bogenartig über die anderen Schriften gespannten, und alle diese umfangenden Werks: ”Alles was daher von mir bekannt geworden” – d.h. Goethes Werke – ”sind nur Bruchstücke einer großen Confession, welche vollständig zu machen dieses Büchlein ein gewagter Versuch ist” (6). Die vorgetäuschte Bescheidenheit kann nicht irre führen: ‘Dieses Büchlein’ sollte in sich alles aufnehmen, was zu einem vollständigen Porträt sowohl des Dichters, als auch seiner bedeutendsten Zeitgenossen (vgl. z.B. die Begegnung mit Herder oder Lavater) hätte nur beitragen können. Vollständig insofern, als das Wahre an diesem Porträt der Glaubwürdigkeitsforderung einer literarischen Schrift entspricht. Diese Entsprechung erst macht ein Werk vollständig.

Man nähert sich auf diese Weise der Frage nach der Metapher, die im Titel dieses Werkes enthalten ist. Goethe selbst hat in einem Brief an König Ludwig von Bayern den Sinn der Worte ‘Dichtung und Wahrheit’erklärt:

Was den freilich einigermaßen paradoxen Titel der Vertraulichkeiten aus meinem Leben: Wahrheit und Dichtung betrifft, so ward derselbige durch die Erfahrung veranlaßt, daß das Publikum immer an der Wahrhaftigkeit solcher biographischen Versuche einigen Zweifel hege. Diesem zu begegnen bekannte ich mich zu einer Art von Fiktion, gewissermaßen ohne Not, durch einen gewissen Widerspruchsgeist getrieben; denn es war mein ernstestes Bestreben, das eigentlich Grundwahre, das, insofern ich es einsah, in meinem Leben obgewaltet hatte, möglichst darzustellen und auszudrucken. Wenn aber ein solches in späteren Jahren nicht möglich ist, ohne die Rückerinnerung und also die Einbildungskraft wirken zu lassen, und man also immer in den Fall kommt, gewissermaßen das dichterische Vermögen auszuüben, so ist es klar, daß man mehr die Resultate und wie wir und das Vergangene jetzt denken, als die Einzelheiten, wie sie sich damals ereigneten, aufstellen und hervorheben werde. […] Dieses alles, was dem Erzählenden und der Erzählung angehört, habe ich hier unter dem Worte: Dichtung begriffen, um mich des Wahren, dessen ich mir bewußt war, zu meinem Zweck bedienen zu können (7).

Gewiß warfen viele Literaturhistoriker Dichtung und Wahrheit als historischer Quelle bewußte Fälschung und Irrtum vor und versuchten folglich  D i c h t u n g  von  E r d i c h t u n g  zu unterscheiden; gewiß gab es auch Forscher, die einige scheinbar novellistische Episoden der Jugendgeschichte als wahrheitsgetreue Berichte bestätigt zu haben glaubten; gewiß sahen sich viele Zeitgenossen und sehen sich heute noch viele Leser in ihren Erwartungen dadurch enttäuscht, daß alles Außerordentliche und Sensationelle dieser Autobiographie eher stumpf wirkt; daß aber Dichtung und Wahrheit nicht über jeden Tag und jede Stunde zu berichten versteht, und für der Erwähnung wert nur den Zusammenhang hält, der sich allmählich für den wiedersammelden und auswählenden Rückblick herausstellt, gehört einerseits zu den naturgemässen Grenzen der Gattung, andererseits ist Ausdruck der vollkommenen Kunst Goethes.

Es sollte sich hier aus verschiedenen Gründen erübrigen, allzu Theoretisches über die Autobiographie zu erwägen. Einer flüchtigen Berücksichtigung der griechischen Etymologie dieser Gattungsbezeichnung – das ist übrigens der Ausgangspunkt der meisten literartheoretischen Untersuchungen (8) – entnimmt man Voraussetzungen wie die Unmöglichkeit einer freien Wahl des autobiographischen Stoffs, der ja bereits besteht; die Identität dieses Stoffs mit dem Leben des Autors und schließlich die zwangsmäßige Identität des Autors mit der Figur, und das gilt zumindest für die nicht-fiktionale Autobiographie.

Bei allen diesen Zwängen mag einen nur verwundern, daß diese Gattung eine so vielfältige Tradition kennt, die von den religiös geprägten Confessiones eines Augustin bis zur fiktionalen Selbstverneinung und Versteckung des Ichs hinter dem Erzählungsobjekt im Roman Das Leben des Henri Brulard von Stendahl reicht. Dem naheliegenden Schluß, Zwang erzeuge Kreativität, möchte man jedoch mit der festen Überzeugung entgegnen, daß die Autobiographie eine höchst generöse Gattung ist.

Noch generöser wird sie dann, wenn der betreffende Autor und zugleich Subjekt der Lebenserinnerung seinen früheren Werken einen Platz in der Selbstdarstellung verschafft, wenn also literarisiertes Erlebnis und erlebte Literatur zusammenfallen. Eine solche Struktur wird am auffälligsten in Nietzsches Spätwerk Ecce homo, wo ganze Kapitel seinen früheren Werken gewidmet sind, unter folgendem Vorwand:

In Voraussicht, dass ich über kurzem mit der schwersten Forderung an die Menschheit herantreten muß, die je an sie gestellt wurde, scheint es mir unerläßlich, zu sagen, wer ich bin. Im Grunde dürfte man’s wissen: denn ich habe mich nicht «unbezeugt gelassen». Das Mißverhältnis aber zwischen der Größe meiner Aufgabe und der Kleinheit meiner Zeitgenossen ist darin zum Ausdruck gekommen, daß man mich weder gehört, noch auch nur gesehn hat. […] Unter diesen Umständen gibt es eine Pflicht, gegen die im Grunde meine Gewohnheit, noch mehr der Stolz meiner Instinkte revoltiert, nämlich zu sagen: Hört mich! Denn ich bin der und der. Verwechselt mich vor allem nicht! (9)

Der Ausdruck ‘Weder gehört noch gesehen’ spielt eigentlich auf eine aus Nietzsches Perspektive ‘unzeitgemäße’, d.h. unwürdige Rezeption seiner Werke an, auf die Kurzsichtigkeit seiner Zeitgenossen, die seinen majestätischen Plänen mit steinerner Kälte erwiderten. Eigentlich beinhaltet Ecce homo wenig Autobiographisches: Hie und da einzelne Verweise auf seine Abkunft – tatsächliche Genealogien waren Nietzsche sowieso irrelevant, ja ekelerregend –, öfter aber Wahlverwandschaften z.B. mit Cäsar oder Buddha. Auch befindet sich unter den Versuchen Nietzsches, seiner irdischen Existenz eine höhere Legitimation zu gewähren, die Placierung einiger Vorfahren in die Nachbarschaft illustrer Zeitgenossen:

[…] meine Großmutter väterlicherseits, Erdmuthe Krause […] lebte ihre ganze Jugend mitten im guten alten Weimar, nicht ohne Zusammenhang mit dem Goetheschen Kreise. Ihr Bruder, der Professor der Theologie Krause in Königsberg, wurde nach Herders Tode als Generalsuperintendent nach Weimar berufen. Es ist nicht unmöglich, daß ihre Mutter, meine Urgroßmutter, unter dem Namen «Muthgen» im Tagebuch des jungen Goethe vorkommt (10).

Der Vergleich zwischen Goethe und Nietzsche ist kein zufälliger. Daß Nietzsche ein Verehrer des Weimarer Klassikers war, daß er zur Steigerung des Goethekults beitrug, indem er ihn als ein Ereignis betrachtete, mit dem man sich nur in Ehrfurcht und Kritik auseinanderzusetzen hatte, sind ebenso viele Belege für die geistige Ahnherrschaft Goethes gegenüber Nietzsche. (Allerdings muß Goethe dieses Privileg mit anderen Persönlichkeiten teilen: auch Spinoza, Plato, Rousseau, Montaigne, Pascal und Schopenhauer, doch er war der Europäer par excellence (11) ). Ihm gelang die Überwindung des Jahrhunderts Rousseaus und der Revolution, der Abbruch der Tradition der französisch-griechischen Kunst und Bildungsgeschichte. Seine Humanität war vollkommen. Doch war sein Dichten für Nietzsche nur ”zum Hilfsmittel der Erinnerung, des Verständnisses alter, längst entrückter Kunstzeiten” (12).

Es ist daher klar, daß es dem Goethebild Nietzsches an Originalität nicht fehlte: Gepriesen wurde der Mensch und Künstler zugleich der klassischen Phase, in dem historischen Moment vor Napoleon, als Goethe seine Größe, seine vollkommene, trotz dem Fanatismus der damaligen politischen Lage Deutschlands souveräne Humanität zeigen konnte. Nach der Abkehr von Schopenhauers und Wagners Pessimismus und Philosophie des Leidens gewann Goethes ”Überfluß am Leben” Führungsrang, Befreier- und Wegweiserrolle in Nietzsches Denken. Die Tragödie sollte nunmher verworfen werden, dem ‘Griechen’ aber und seiner ”Nähe der Plastik und der Natur”, also dem Klassischen gehuldigt. Höchstes Desiderat: Dem totalen Menschen und Jasager zum Leben sollte man nacheifern (13).

Auch in Ecce homo orientierte sich Nietzsche an Goethe, an dem ‘Gesunden’, höchstwahrscheinlich aus innerem Bestreben des Kranken nach Genesung. Emblematisch sind in diesem Zusammenhang seine physiologischen Betrachtungen über den Einwirkung von Klima, Diät, Gesellschaft usw. auf die Gesundheit des Einzelnen. Das Schweigen z.B. wird hier verworfen als den Magen verderbend. Schweigsam seien nur dyspeptische Menschen, proklamiert Nietzsche, und man kann vielleicht eben darin eine Erklärung dafür finden, daß er auch bei dieser Gelegenheit seine Schriften und seine ethisch-ideologischen Attitüden mit der Verve eines Redners zu rechtfertigen sucht.

Erwartungsgemäß wird ein Autobiograph neben den wichtigsten Lebensstationen auch seine Werke, seine Leistungen erwähnen, doch entzieht sich jeglicher Kommentar der eigenen Werke im Falle Nietzsches (Menschliches, Allzumenschliches; Die Geburt der Tragödie; Morgenröte; Die fröhliche Wissenschaft, Also sprach Zarathustra usw.) einer nachvollziehbaren, transparenten epischen Systematik.

Bei Goethe geschieht das noch mit der Natürlichkeit und Sebstverständlichkeit eines in der Tradition verankerten autobiographischen Stils. Er nennt zwar die betreffenden Werke nicht, doch sind die Hinweise meistens sehr deutlich, und die Ausleger von Dichtung und Wahrheit haben den Parallelismus zwischen Leben bzw. Lebensdarstellung und der jeweils in Werkform konkretisierten literarischen Phase hervorzuheben gewußt. Doch Goethe tut das nicht so sehr, um die Rezeption seiner früheren Werke zu aktualisieren, sondern eher – und das kann man wenigstens als einen geschickten Vorwand des Dichters annehmen –, um dem epischen Diskurs dort zu verhelfen, wo die Erlebnisse bereits in lyrischer oder narrativer, d.h. in Werk-Form hypostasiert wurden und nun drohen, sich einer wiederholten Erdichtung zu entziehen.

Um der vergangenen Atmosphäre wieder ein lebendiges Kolorit zu verleihen bzw. die Aktualität des Geschehnisses zu inszenieren, bedient sich Goethe zahlreicher Mittel und Quellen, unter denen sich allemal frühere Werke oder andere schriftliche Gedächtnisstützen befinden. Er kann z.B. das Tagebuch zu Rate ziehen, wenn er etwa in Verlegenheit ist, und den physisch-psychischen Zustand der Reisenden im Schweizer Gebirge nicht zu schildern weiß, ”stünde nicht im Tagebuche: «Lachen und Jauchzen dauerte bis um Mitternacht.»” (14). Auch Gedichte können Zeugnis ablegen, über die Erlebnisse an einem Seeufer: ”Möge ein eingeschaltetes Gedicht von jenen glücklichen Momenten einige Ahnung herüberbringen: Und frische Nahrung, neues Blut/ Saug ich aus freier Welt; […]” (15); oder wenn er davon überzeugt ist, daß nur lyrische Kostproben die Empfindungen der Gestalten möglichst getreu wiederzugeben vermögen:

Um aber doch diese betrachtende Darstellung einer lebendigen Anschauung, einem jugendlichen Mitgefühl anzunähern, mögen einige Lieder, zwar bekannt, aber vielleicht besonders hier eindrücklich, eingeschaltet stehen: «Herz, mein Herz, was soll das geben?/Was bedränget dich so sehr? […]» (16).

Daß Dichtung und Wahrheit ihre eigene epische Gesetzlichkeit hat, geht am besten aus folgendem Zitat hervor: ”In einer Stadt wie Frankfurt befindet man sich in einer wunderlichen Lage; immer sich kreuzende Fremde deuten nach allen Weltgegenden hin und erwecken Reiselust. Früher war ich schon bei manchem Anlaß mobil geworden, und gerade jetzt im Augenblick, wo es darauf ankam, einen Versuch zu machen, ob ich Lili entbehren könne…” Ein Leben ohne Lili scheint dem Erzähler keine allzugroße Qual zu bereiten, und so kommt es zu einer erlebnisvollen Reise in die Schweiz. Wichtiger noch ist hier die Vorwegnahme der Reise durch die Erwähnung der Fremden, welche Reiselust evozieren. Die epische Kausalität koinzidiert also m.E. mit der inneren Dynamik der dargestellten Lebensereignisse, d.h. Goethe hat ständig vor dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte eigentlich eine Romanstruktur entwickelt.

Wie Goethe es aber immer gelungen ist, seine Produktivität ans Werk zu machen, Gedichte allen nur denkbaren Umständen oder dem Abgrund der Vergessenheit abzuringen, vermag am deutlichsten wiederum ein Fragment aus Dichtung und Wahrheit zu verbildlichen: ”Kaum war er weg,” das ist Lilis Bruder, der dem erzäh-lenden Subjekt eine Nachricht bringen sollte, ”so ging ich mit sonderbarer Selbstgefälligkeit in meiner Stube auf und ab, und mit dem frohen freien Gefühl, daß hier Gelegenheit sei, mich als ihren Diener auf eine glänzende Weise zu zeigen, heftete ich mehrere Bogen mit schöner Seide, wie es dem Gelegenheitsgedicht ziemt, zusammen und eilte, den Titel zu schreiben: »Sie kommt nicht! Ein jammervolles Familienstück, welches, geklagt sei es Gott, den 23. Juni 1775 in Offenbach am Main auf das allernatürlichste wird aufgeführt werden. Die Handlung dauert vom Morgen bis auf’n Abend.« Da von diesem Scherze weder Konzept noch Abschrift vorhanden, habe ich mich oft darnach erkundigt, aber nie etwas davon wieder erfahren können; ich muß daher es wieder aufs neue zusammendichten, welches im allgemeinen nicht schwerfällt.” (17) Daß Goethe weder die Entstehung eines Gedichts noch die Wiederherstellung desselben aus der Erinnerung exzessiv problematisierte, vermag nicht mehr zu verwundern, war ihm doch das Leistungsdenken bereits früher im dritten Buch des Romans Wilhelm Meisters Wanderjahre lobenswürdigste Attitüde: ”Wie kann man sich kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche deine Pflicht zu tun, und du weißt gleich, was an dir ist. Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages” (18). Philologische Akribie kann für eine selbstbiographische Produktion doch nur Hemmungsfaktor sein: Warum stolpern, wenn die literarischen Projekte sich so nach ihrer Vervollständigung sehnen? Die Größe des Projekts macht alle Exaktheit des Dargestellten überflüßig.

Diesem Denken ist vermutlich Goethes Motivation zum Schreiben und zum Trotz-Aller-Ungenauigkeit-Weiter-Schreiben entsprungen, aus dieser psychischen Veranlagung schöpft sein Impetus, alles Gedichtete in eine Selbstbiographie einzuwerken, d.h. in ein einziges Werk einzuarbeiten. Obwohl demselben Geist z.T. verpflichtet, ist Nietzsche diesem Modell nicht gefolgt. Eher bruchstückhaft stellt sich sein Werk dar, sein Ecce homo allemal. Im Rausch der Verteidigung eigener Werke, wird hier Nietzsche lediglich eine Entwerkung gegönnt. Denn Ecce homo ist weniger ein gemeinsamer Nenner aller zu Diskussion stehenden Werke als eine diskontinuierliche Erscheinung individualisierter, eigene Persönlichkeit aufweisender, daher meuternder Werke, die sich gegen das ursprüngliche, einheitliche Projekt richten. Es ist weniger Selbsterhellung als Selbstdarstellung, wobei die Wahrheit der dargestellten Maske nur innerhalb des vom Autor selbst initiierten, egozentristischen Wertesystem ihre Gültigkeit beanspruchen kann.

Goethe hingegen, indem er auf die Wahrheit der Dichtung abzielte, d.h. auf die Wahrheit eines als Dichtung erlebten, auf Gleichgewicht und Harmonie bedachten Lebens, erlangte das in sich Abgeschlossene, das Werk überhaupt. Das war ihm allerdings keine allzu leichte, konfrontationslose Aufgabe, sondern das Resultat andauernder, mühsamer Selbsterziehung. Am meisten hatte er mit seiner eigenen Natur zu kämpfen, doch dieser Kampf war letztlich die Ursache seiner literarischen Produktivität, wie er selber bekennt:

Und so begann diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder quälte, oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen.” (SW, Bd. 20, S. 257.)

Goethe wurde das Los eines Königs Midas der Literatur zuteil, denn: Alles, worauf Goethe zugreift, wird Poesie.


ANMERKUNGEN:

(1) Goethes sämtliche Werke, hg. von Karl Goedeke, Stuttgart 1882, Bd. 20, S. 9. (Künftig unter SW)

(2) Es kann hier aus Raumgründen auf die Bedeutung des Vorworts für die Diskussion über ‘Dichtung und Wahrheit’nicht näher eingegangen werden; mein Beitrag wird dementsprechend den ‘Topos’ der Forschung behalten, ja von ihm ausgehen müssen.

(3) SW, a.a.O., S. 9.

(4) Das sind Goethes Werke, die 1806-1808 bei Cotta in Tübingen herausgegeben worden sind.

(5) Zitiert nach Becker, Karl Wolfgang, Denn man lebt mit Lebendigen. Über Goethes ‘Dichtung und Wahrheit’, in: Studien zur Goethezeit. Festschrift für Lieselotte Blumethal, hg. von Helmuth Holtzhauer und Bernhard Zeller, Weimar 1968, S. 9.

(6) SW, Bd. 20, S. 257.

(7) Zitiert nach Becker, Karl Wolfgang, a.a.O., S. 25.

(8) Es sei hier nur auf Ingrid Aichingers Studie, Probleme der Autobiographie als Sprachkunstwerk, in: Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, hg. von Günter Niggl, WdF Bd. 565, Dramstadt, 1989, S. 173 ff. Die Autorin passiert die bisherigen Definitionsversuche der zu behandelnden Gattung Revue, wobei ihr eine etymologische Deutung als unumgänglich erscheint.

(9) Nietzsche, Friedrich, Ecce homo, Kritische Studienausgabe (KSA), hg. von Giorgio Colli und Maurizio Montinari, München 1988, Bd. 6, S. 257.

(10) Nietzsche, Friedrich, Ecce homo, hg. von Raoul Richter, S. 44. Dieses Fragment ist in KSA freilich nicht zu finden. Da es jedoch von Nietzsche stammt und einen eindeutigen autobiographischen Charakter hat, scheint mir seine Zugehörigkeit zu Ecce homo unstrittig.

(11) Näheres über den Einfluß Goethes auf Nietzsche bei Hoffmeister, Gerhart, Goethe und die europäische Romantik, München 1984, S. 143ff.

(12) Zitiert nach Hoffmeister, a.a.O., S. 143.

(13) Vgl. ebd., S. 144.

(14) SW, Bd. 21, S. 262.

(15) Ebd., S. 258.

(16) Ebd., S. 217.

(17) Ebd., S. 224.

(18) Zitiert nach Stern, Martin, ”Wie kann man sich selbst kennen lernen?”. Gedanken zu Goethes Autobiographie, in: Goethe-Jahrbuch, 101. Bd., Weimar 1984, S. 26.

 

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