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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 403-404

 

 

WORT-LANDSCHAFT ALS HEIMAT UND FREMDE

George Guþu



Die Sentenz Martin Heideggers “Die Sprache ist das Haus des Seins” könnte auch als Motto dieser Ausstellung fungieren. Denn alles Erlebte, Freude und Leid, Liebe und Tod, Bewunderung und Haß, will zur Sprache hin, das Da-Seiende drängt zur Kommunikation, entwickelt sich zu einer unverwechselbaren Wort-Landschaft. Aus dem Schon-nicht-mehr rettet sich der Mensch samt Geschichte, Kultur und Wissenschaften ins Immernoch eines Sprach-meridians. In dieser Ausstellung begegnen wir - wie sich Paul Celan in einem Brief an seinen Bukarester Mentor Alfred Margul-Sperber ausdrückte – einem “Karpatisch fixierten” Meridian, der sich durch Mehrsprachigkeit, Interkulturalität, Geben und Nehmen auszeichnet. Allerdings kaum idyllisch anmutend, sondern als Sache der Historie, als Tat-Sache, ja als Tat-Bestand, und somit von Bestand. Doch die Tat selbst wäre toter, unvester Buchstab, gäbe es die Bewahrer, die Dichter, nicht. Denn seit Hölderlin weiß ein jeder: “Was bleibet aber, stiften die Dichter”. Was diese stiften, ist – um erneut Paul Celan herbeizuzitieren – eine Art “Flaschenpost”, “aufgegeben in dem – gewiß nicht immer hoffnungsstarken – Glauben, sie könnte irgendwo und irgendwann an Land gespüllt werden.”

Hier, heute sind wir alle möglicherweise jenes “Herzland”, auf welches die ausgestellten Zeugnisse einer jahrhundertealten Zivilisation und Kultur der Deutschen innerhalb der rumänischen geistigen Landschaft in einem oft genug schmerzhaften Glauben zugehalten haben. “Wirklichkeitswund und wirklichkeitssuchend” (Celan hilft uns also wieder weiter), hinterließen sie eine erstaunlich mündige, kräftige Spur, da ihre Schiffe, voll beladen mit den oft tragischen Erfahrungen einer beileibe nicht selten menschenfeindlichen und menschenverachtenden Geschichte, “inselher” zogen – um Hölderlin wieder zu bemühen –, “inselher”, das will heißen - stets auf der Suche nach einer Heimat, die nicht nur Sprache, also Sein, zu bedeuten hatte, sondern auch Da-Sein, Zeitgenossenschaft an der wunden Scheide von Vergangenheit und Zukunft. “Inselher” bedeutete im Falle der Menschengemeinschaften von Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben und Bukowinadeutschen, von deren tiefen und dauerhaften zivilisatorisch-kulturellen Botschaft in dieser Ausstellung und freilich weit darüber hinaus Zeugnis abgelegt werden soll, “inselher” bedeutete also den Wunsch, von einem Insel-Da-Sein herkommend, in einer neuen Heimat dauerhaft Fuß zu fassen, die sich wiederum als keine solche zu erweisen scheint: daher der verzweifelte Versuch, sei es in der Phanatsie, sei es in der Wirklichkeit aus dem selbstgewählten Exil oder Zuhause “zu den biographischen Ursprüngen” (wie sich Klaus Hensel einmal in der “Frankfurter Rundschau” ausdrückte – 17.06.1997) zurückzukehren – so wie Michael T. in Dieter Schlesaks Roman “Vaterlandstage”. Jenes “Transparente”, von dem Klaus Hensel in einem poetologischen Notat spricht, ist etwas, “was weit zurückliegt – im Leben, in der Zeit”, was man mit auf den Weg genommen hat aus der alten, physisch verlassenen Heimat. Denn “wer sich ... nicht zu seinen Wurzeln bekennen konnte, der wird sich in der Fremde neu erfinden. Er wird versuchen müssen, zugleich mit dem Aufbau einer Zukunft auch den Wiederaufbau der eigenen Vergangenheit zu betreiben.”

Wenn “die innere Spannweite einer Dichtung” identisch sei “mit dem von ihr zurückgelegten Weg” – wie es Beda Allemann einmal postuliert hatte –, so zeigt diese Ausstellung – ohne Frage: nur andeutungsweise – die vielfältige, plurivalente, facettenreiche innere, dichterische und menschliche, ethnische und ethische Spannweite des literarisch-geistigen Meridians der von den Deutschen im südosteuropäischen Raum geschaffenen Kultur.

Daß die Träger dieser bemerkenswerten Kultur “Karpatisch fixiert” sind, d.h. so, wie sich Paul Celan selbst bezeichnete, daß ihnen nicht immer der “Sprung ins Transkarpatische” voll gelingen konnte, daß sie im Sinne Hans Bergels weitestgehend generisch als “Homo transsilvanicus” ihre unverwechselbare Identität bekunden, daß sie damit unmißverständlich Zusammengehörigkeit signalisieren mit den Völkerschaften anderen Menschenschlages aus demselben geographischen Raum - dies alles äußert sich mit unwiderstehlicher Anziehungskraft in Begegnungen reinster menschlicher Substanz von der Art, wie sie uns von Herta Müller geschildert. Denn die Vergangenheit ist “die Zeit unter der Erde”, die nun heraufbeschworen wird in der dichten Schilderung einer Begegnung der Autorin mit einem unbekannten Landsmann im Wiener Bahnhofscafé. Die kurze Erzählung trägt den Titel Das Land am Nebentisch. Darin lesen wir:

Die Zeit der Uhr am Himmel ist die Zeit unter der Erde. Ich stelle mir unter der Zeit dieser Uhr jedesmal die Zeit der Menschen vor, die nirgends hingehören.
Im Augenwinkel zuckt mir dann das Land am Nebentisch.

Ein auf Widerruf gestundetes Abschied-nehmen-wollen von etwas, was in einem auf Dauer Land genommen hat, reißt – wie man sieht – schwer heilbare Wunden auf. Die Wunde des Abschieds – von einzelnen, von Völkerschaften – ist äußerst schwer zu ertragen, wie Anemone Latzina in einem ihrer Liebessonette mit deutlichem Bezug auf ihren nach dem Westen ausgewanderten Freund bezeugte:

Du hast es lang hinausgeschoben dieses Gehn.
Jetzt bist du endlich frei: für alles offen.
Nur eines darfst du nie mehr hoffen:
daß wir uns jemals, unbefangen, wiedersehn.

Ja, wir stammen aus jenem “unmittelbar vor unseren Schritten” liegenden Land – wie mein Freund Matthias Buth vorher sagte und sich dabei offensichtlich vielmehr auf die Geographie des Herzens bezog – und wenn das Schicksal uns wieder zusammenführt, da funkt es, da regt sich jenes “Transparente”, wie von Hensel theoretisch befragt, von Herta Müller praktisch geschildert: Wir fühlen uns zwar befangen, erkennen uns jedoch, ja wir erkennen, daß wir uns im Tiefsten unsrer Seele kennen. Das alles ist unsrem gemeinsamen Haus des Seins zu verdanken – das heißt der Sprache von Leid und Hoffnung, die uns alle dort, in den schwersten Stunden der gemeinsam erlittenen Geschichte stark gemacht hat, damit wir uns einer – ebenfalls gemeinsamen – Zukunft zuwenden.

Möge auch diese Ausstellung unsrer aller Bereitschaft bekunden, unser meist Geschichte gewordenes, “Karpatisch fixiertes” Insel-Da-Sein umzuwandeln in einen europäisch geprägten, grenzüberschreitenden, menschenannähernden Meridian.

 

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 403-404

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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