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ZU EINIGEN ASPEKTEN VON HERMANN HESSES GOETHE-BILD

George Guþu
 



1932 schrieb Hermann Hesse auf die Bitte von Romain Rolland für die Goethe-Nummer der Zeitschrift “Europe” den Beitrag Dank an Goethe, in dem er sein Bekenntnis zum Weimarer Titanen ablegte:

Unter allen deutschen Dichtern ist Goethe derjenige, dem ich am meisten verdanke, der mich am meisten beschäftigt, bedrängt, ermuntert zu Nachfolge oder Widerspruch gezwungen hat... (1)
Zugleich gestand Hesse, sein Bekenntnis sei keinesfalls als bedingungslose Identifizierung mit Goethes Ästhetik oder Weltanschauung zu verstehen.

Denn das Verhältnis Hesses zu Goethe und seinem Werk machte im Laufe der Zeit eine deutliche Wandlung durch, die in den Kindheitsjahren mit einer heillos begeisternden Entdeckung einsetzte, die ihm allerdings mitunter den kritischen Blick verstellte. So in der Verkennung des Werkes eines großen Schriftstellers namens Tolstoj, dem er im Zuge seiner regelrecht maßlosen Verehrung Goethe vorzog mit Argumenten, die kaum zu überzeugen vermochten. Sein Urteil über Tolstoj lautete:

Seine Stimme hat nicht nur die zitternde Glut des Fanatikers, sondern auch den peinlichen rohen Gurgelton des östlichen Barbaren. Ich habe Sehnsucht danach, mich am nächsten warmen Tag in den hellen Frühlingswald zu legen und dort ein paar Seiten Goethe zu lesen (2).
Daß Goethe Hesses Aufmerksamkeit so eindringlich auf sich zu lenken vermochte, war dem überaus scharf-kritischen Urteil des jungen Schriftstellers über die deutsche Literatur seiner Zeit zu verdanken. Weder Realismus-Anhänger noch Naturalisten, weder Nachromantiker noch die “kleineren Gruppen” bleiben von seiner treffenden Kritik verschont:

Sie gehören sämtlich dem vom Satan gegründeten ‘Verein für die Ruinierung der Sprache’ an /.../ In einer kleinen Hölle haben sich die wenigen besseren Lyriker zusammengefunden. Sie hängen Blumenzweige, mit Eau de Cologne bestreut, herum und auf dem Sitz der Unsterblichen, wo einst Goethe, Klopstock, Lessing, Schiller gesessen, finden sich ganz vereinsamt ein paar Historiker... (3)
Angesichts dieses desolaten “Literaturjahrmarktes”, in den “ein lustiger vernichtender Blitz schlagen” sollte (4), erwies es sich als dringend notwendig, an dem von seinen Zeitgenossen verstellt rezipierten Bild des gesamten 18. Jahrhunderts Korrekturen vorzunehmen:

Wenn wir ohne Vorurteil die Perücke des achtzehnten Jahrhunderts lüften, um zu sehen, was unter der Maske steckt, so finden wir, Name an Name und Werk an Werk, einen kulturellen Reichtum und eine kaum übersehbare Ehrentafel des höchsten Menschentums ausgebreitet, vor der wir verschämt verstummen (5).
Das gesamte 18. Jahrhundert liege zwischen Robinson Crusoe und Wilhelm Meister. Goethe und sein Wilhelm Meister (6) werden von nun an bis zum Glasperlenspiel hin zu steten Begleitern von Hesses schriftstellerischer Tätigkeit. Als junger Autor versuchte Hesse das Wesentliche des Goetheschen künstlerischen Wirkens zu erfassen und zu begreifen:

... Ihm war die Dichtung nicht nur Tempel und Gottesdienst, nicht nur Bühne und Festgewand, sie war ihm, dem Universalen, das universalste Organ, mit dem er sich nach außen wandte, um die Weisheit seines Inneren, um seine tausendfach erlebte Lehre der Liebe auszusprechen und mitzuteilen (7).

Und Hesse schlußfolgerte bereits 1911 folgendermaßen: “Goethes Worte sind oft wie Samenkörner, die erst nach nach dem Lesen aufgehen und zu wachsen beginnen”, sie seien “nicht launige Gebilde des Augenblicks, sondern Früchte gesiebter Erfahrung und innigster Konzentration.” (8) Das Aufgehen dieser “Samenkörner” ist auch im Werk Hermann Hesses zu beobachten – von Peter Camenzind über Demian, Siddhartha, Der Steppenwolf, Narziß und Goldmund, Die Morgenlandfahrt bis zum Glasperlenspiel. Überall in seinem Werk, aber auch in seinen theoretischen Reflexionen über die Literatur hat Hesse “mit Goethe immer wieder Gedankengespräche und Gedankenkämpfe /.../ führen müssen”, wobei – wie er sich selbst ausdrückt – “eines von ihnen /.../ im Steppenwolf” stehe, “eines von hunderten” (9).

Es ist interessant festzustellen, daß sich die anfänglich überschwängliche Goethe-Begeisterung im Laufe der Zeit einem kritischeren, jedoch nicht im geringsten weniger hochschätzenden Goethe-Verständnis ausweicht. Hesse begreift immer deutlicher die Zwiespältigkeit der Goetheschen Persönlichkeit. Aufgrund der Erfahrungen seines menschlichen und Schriftstellerlebens beginnt auch Hesse “an einen anderen Goethe” zu geraten, “an den großen Schriftsteller, an den Humanisten, Ideologen und Erzieher, den Rezensenten und Pragmatiker, an den Weimarer Literaten Goethe, an den Freund Schillers...” Ebenso wie bei Nietzsche entdeckte Hesse auch bei Goethe die grundsätzliche Spaltung zwischen dem Schriftsteller und dem in seine Zeitgenossenschaft Eingreifenden. Diese zwei Seiten des einen und desselben Menschen zu versöhnen, sei auch Goethe “nicht ganz geglückt”:

Es war Goethe in seinem eigenen Leben und Werk nicht ganz geglückt, den naiven Dichter und den klugen Weltmann, die Seele mit der Vernunft, den Anbeter der Natur mit dem Prediger des Geistes zu vereinen... (10)
Es ist der Vorteil der literaturgeschichtlichen Betrachtung, das gesamte Leben und Werk Hesses überblickend, festzustellen, wie sehr diese Äußerungen eigentlich pro domo-Argumente darstellen. Denn “das Wunderliche, Schöne und Quälende” im Falle Goethes galt ebenso für seine eigenen menschlichen und geistigen Bemühungen:
... man kam nicht los von ihm, man mußte seine Anläufe mitlaufen, seine Mißerfolge mitleiden, seine Zwiespältigkeiten in sich selbst wiederfinden (11).

Der Weg der Erkenntnis und der Selbsterkenntnis führt über das Sehend-Werden, über die Bewußtwerdung von der Vielfalt der Naturerscheinungen und der menschlichen Tätigkeit, über die Überwindung dieser zwar widersprüchlichen, jedoch allein auf diese Art und Weise zur Ganzheit führenden Vielfalt, bis zur Selbstauflösung im Makro- und Mikrokosmos, bis zur Buddha-ähnlichen Entpersönlichung. Und so - findet Hesse - schrieb Bettina von Arnim ihre Briefe zunächst an einen Goethe in hohem Alter, der “kein Goethe mehr” gewesen sei, sondern “ein geheimnisvoller alter Mann”, “der im begriffe ist, sich mehr und mehr zu entspersönlichen und völlig ins Anonyme zu entschwinden.” (12) In ihrer fernöstlich geprägten Weisheit vermögen solche altgewordene Genies uns alle mit ihren Gedanken obsessiv heimzusuchen. Es sind das, wie Bettina weiter schreibt,

jene Gedanken von der Gespenstigeit des alten Goethe, des alten Rembrandt /.../, jene Gedanken von der Tendenz des Genies zu Selbstaufhebung, sei es auch in der sublimierten Form der Entpersönlichung durch sittliche Selbstüberwindung (dies der Weg des Genies Buddha, eines der größten), und jener letzte Gedanke, der diese gefährliche Tendenz des Genies als die Folge der Selbsterkenntnis dessen deutet, der am Menschen, als einem Experiment der Natur, verzweifeln muß... (13)

Dieser alte, an großer und vielfältiger Lebenserfahrung reich gewordene Mensch sieht wie Vasudeva oder Siddhartha aus: ein “Haupt voll Glanz”, eine “Gestalt voll Licht”, eine Erscheinung, in der Sansara, die Welt der vergänglichen Gestaltungen, und Nirvana, die Welt des Erhabenen, als Eines, als Einheit vorstellbar wird (14). Doch diesem Bild vom alten und “weisen” Goethe ging zunächst ein anderes voraus, das die mehrfache Zwiespältigkeit seiner Persönlichkeit aufzuspüren versuchte.

Die am Beispiel Goethes aufgezeichnete Antinomie Dichter – Intellektueller bzw. Künstler, die bereits in Peter Camenzind, in Gertrude und in Rohalde ihren literarischen Ausdruck gefunden hatte, steht im Mittelpunkt des Romans Der Steppenwolf, in dem eines von jenen hunderten “Gedankengesprächen” Hesses mit Goethe sowohl intertextuell als auch mentalitätsmäßig stattfindet. Dieser Roman liegt etwa in der Mitte des Weges Hessescher Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Goethes literarischem Schaffen und mit seinen theoretischen Überlegungen. In diesen Roman münden die bisherigen Goethe-Bilder Hesses ein, und in ihm nimmt die große, im Bereich der “Neutralen” (15) und “Unsterblichen” stattfindende Übereinstimmung mit Goethes Gesamtkonzeption sowie Hesses endgültige Revision und Verabschiedung gewisser, seiner eigenen Auffassung nicht entsprechenden Goethe-Gedanken ihren Anfang. Dieser Prozeß erreichte mit dem Alters-(eigentlich: Lebens-)Werk Hesses Das Glasperlenspiel einen absoluten Höhepunkt.
Der Steppenwolf soll im Zusammenhang mit unserem Thema auf seine Relevanz hin näher befragt werden, da hier zentrale Fragestellungen zur Diskussion gestellt werden, die in den anderen Werken Hesses immer wieder fugenartig variiert werden.

Der 1927 erschienene Roman Der Steppenwolf wurde nach einem bereits stattgefundenen (dem ersten) und vor einem geahnten, bevorstehenden (Zweiten Welt-)Krieg, also in einer Zeit allgemeiner Krisensituation verfaßt. Das thematische Feld des Krieges und seiner Folgen für die Menschheit sollte eigentlich - ob direkt oder indirekt artikuliert - ein steter Hintergrund und Bezugspunkt des gesamten Werkes von Hesse sein. Ob vom Frieden, ob von der Liebe oder der Gelehrsamkeit die Rede ist, schwingt überall die Frage Hesses mit, inwiefern der Mensch am Krieg in der Welt schuld sei und an der Verminderung desselben beteiligt sein könnte. Denn – so schon der ganz junge Hesse – “Krieg wird so lange sein, als die Mehrzahl der Menschen noch nicht in jenem Goetheschen Reich des Geistes mitleben kann.” (16) Da mußte er sich allerdings zuallererst mit jenem falschen bürgerlichen Goethe-Bild auseinandersetzen, es als unrichtig entlarven und dadurch der eigentlichen Wahrheit über den Klassiker zum Durchbruch zu verhelfen. Aufschlußreich ist in diesem Sinne die Szene aus dem Steppenwolf, in der Harry Haller einen früheren Bekannten, einen Professor für orientalische Mythologie auf dessen eindringliche Einladung besucht. Bezeichnenderweise begegnet Haller vor dem Besuch einem Leichenzug. Dies trägt zur Steigerung und zur Goetheschen “Verwirrung der Gefühle” in beträchtlichem Maße bei, denn Haller selber plagte sich mit Selbstmordgedanken herum. Damit wird ein absolut anmutender Schluß gesetzt, der wie folgt lautet:
Ein Friedhof war unsere Kulturwelt, hier waren Jesus Christus und Sokrates, hier waren Mozart und Haydn, waren Dante und Goethe... (17)

In einem Kultur”friedhof”, im Hause des Professors, begegnet Haller einem Goethe-Bild, das ihn schließlich auch deswegen anekelt, weil seine Unechtheit Goethe nicht als Unsterblichen, sondern als einen bereits Gestorbenen erscheinen ließ:
Es war eine Radierung und stellte den Dichter Goethe dar, einen charaktervollen, genial frisierten Greis mit schön modelliertem Gesicht, in welchem weder das berühmte Feuerauge fehlte noch der Zug von leicht hofmännisch übertünchter Einsamkeit und Tragik, auf welche der Künstler ganz besondere Mühe verwandt hatte. Es war ihm gelungen, diesem dämonischen Alten, seiner Tiefe unbeschadet, einen etwas professoralen oder auch schauspielerischen Zug von Beherrschtheit und Biederkeit mitzugeben und ihn, alles in allem, zu einem wahrhaft schönen Herrn zu gestalten, welcher jedem Bürgerhause zum Schmuck gereichen konnte. (S. 88)

Für Haller, den Steppenwolf, war der Ort, an dem ein solcher “Dichterfürst” thronte, keinesfalls heimlich. Im Bewußtsein von der Widersprüchlichkeit der Goetheschen Natur und ihrer Spaltung zwischen Dichter und Weltmann (“auch ich habe oft viel gegen den alten Wichtigtuer”; S. 91) spricht sich Haller gegen diese mörderische Übertreibung aus. Das falsche, entstellte Goethe-Bild im Hause dieses bürgerlichen Intellektuellen entspricht einem falschen Bild von den unmittelbaren Zeitereignissen: blinde Befürwortung des Krieges und Haß gegen Kriegsgegner. In diesem Sinne ist stets Hesses Goethe-Bild als Responsien auf die Herausforderungen der eigenen Zeit zu deuten und zu verstehen. Die Stilisierung Goethes zum “süße(n) spießige(n) Salongoethe” (ebd.) hat zur Folge, daß bestimmte Handlungen Goethes, obschon keineswegs verziehen, absichtlich übersehen und verschwiegen werden: Goethe hatte literarisch die Befreiungskriege nicht unterstützt. Hesse führt in diesem Zusammenhang aus:
Goethe war nie ein schlechter Patriot, obwohl er Anno 1813 keine Nationallieder gedichtet hat... Er war ein Bürger und Patriot in der internationalen Welt des Gedankens, der inneren Freiheit, des intellektuellen Gewissens, und er stand in den Augenblicken seines Denkens so hoch, daß ihm die Geschicke der Völker nicht mehr in ihrer Einzelwichtigkeit, sondern nur noch als untergeordnete Bewegungen des Ganzen erschienen... (18)

In diesem und vielen anderen Bürgerhäusern stand Goethe eben kaum so hoch, sondern, eingerahmt, bloß auf der Höhe eines... Klaviers. Doch eben diese bürgerlich-konformistischen Intellektuellen vermochten dem echten Goethe nicht zu verzeihen, daß er “zum Götz und Iphigenie ‘geflohen’” sei, “statt /sie/ über die Probleme in Frankfurter oder Weimarer Bürgerhäusern zu unterrichten.” (19) (Als ob Goethe selber diesem Einwand vorgeahnt hätte, kam er ihnen mit dem allzu bürgerlich-larmoyanten Romandrama Die Leiden des jungen Werthers zuvor.) Daß die Zurechtstilisierung der Autoren auch deswegen verwerflich sei, weil sie eine Verflachung der künstlerischen Inhalte und Aussagen zur Folge hat, beweist auch die Warnung Hesses vor dem Mißbrauch der Freudschen und Jungschen Psychanalyse bei der Einschätzung literarischer Werke. Eine solche Kritik wolle aufzeigen,
wie auch Goethe und Hölderlin bloß Menschen gewesen, wie auch der Faust oder Heinrich von Ofterdingen bloß hübsch stilisierte Maskierungen ganz gewöhnlicher Seelen mit ganz gewöhnlichen Trieben seien (20).

Wenn es sein muß, so treten die angebeteten Dichtergestalten völlig in den Vordergrund - so etwa zu Kriegszeiten, als nur die “verantwortungslose, teils begeistert-trunkene, teils auch einfach gekaufte Schreiberei” (21) gültig war. Hesses Parteinahme für den echten Geist der Literatur- und Kulturgeschichte und für die Kenntnis primitiver Kulturen
ist Affront gegen einen bourgeoisen Klassikerkult, der Schiller dazu verurteilte, ‘daß er ein berühmtes Vieh ist und neben seinem siamesischen Zwilling (also Goethe; G.G.) stehen muß, Gipskopf neben Gipskopf’ (22).
Dieses “Zurechtfrisieren” der Klassiker ruft bei Haller-Hesse Befremden hervor. Im Gespräch mit Hermine wird dies ganz deutlich zur Sprache gebracht:

Aber erstens tat es mir wegen Goethe leid /.../ und dann war es so: Da sitze ich bei Leuten, die ich für meinesgleichen ansehe und von denen ich dachte, auch sie werden den Goethe ähnlich wie ich lieben und sich etwa ein ähnliches Bild von ihm machen wie ich, und nun haben sie da dieses geschmacklose, verfälschte, versüßte Bild stehen und finden es herrlich und merken gar nicht, daß der Geist dieses Bildes genau das Gegenteil von Goethes Geist ist. Sie finden das Bild wunderbar /.../, aber für mich ist dann auf einmal alles Vertrauen zu diesen Leuten, alle Freundschaft für sie und alles Gefühl von Verwandtschaft und Zusammengehören aus und vorbei. (S. 101)

Nahm Hesse Goethe vor Verfälschungen durch bürgerliche Medien in Schutz, so macht sich sein dialektisches, widerspruchsvolles Verhältnis zum berühmten Klassiker im Goethe-Traum Hallers immer mehr bemerkbar. In dieser Traumszene liegt auch der Kern der Auseinandersetzungen auch anderer, späterer Autoren mit der Problematik und der Aktualität der Klassik vor – so auch in Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. (23) Der junge Goethebesucher wirft dem “alten Herrn” vor: “Sie sind zu feierlich, Exzellenz, und zu eitel und wichtigtuerisch und zu wenig aufrichtig.” (S. 105) Er habe einerseits “die ganze Aussichtslosigkeit, Verstiegenheit und brennende Verzweiflung des Menschseins” in seinen Werken aufgezeigt, während derselbe mit seinem “ganzen Leben das Gegenteil gepredigt”, “Glauben und Optimismus geäußert” habe. In Hesses Sicht scheinen sich bei Goethe Kunst und Leben zu scheiden. Haller wirft Goethe vor:

Sie haben jahrzehntelang so getan, als sei das Anhäufen von Wissen, von Sammlungen, das Schreiben und Sammeln von Briefen, als sei Ihre ganze Weimarer Altersexistenz in der Tat ein Weg, um den Augenblick zu verewigen, den Sie doch nur mumifizieren konnten, um die Natur zu vergeistigen, die Sie doch nur zur Maske stilisieren konnten. Das ist die Unaufrichtigkeit, die wir Ihnen vorwerfen. (S. 106)

Das Wesentliche aller Goetheschen Bemühungen entgeht jedoch dem “jungen Mann”: “in meiner Natur”, erwidert der alte Goethe, “ist viel Kindliches gewesen, viel Neugierde und Spieltrieb, viel Lust zum Zeitvergeuden.” (S. 107) Der homo ludens (wie ihn etwa auch Huisinga beschrieben hat) – das ist der als Toter Sprechende, der zu einem Unsterblichen gewordene Goethe, der durch seine künstlerische Tätigkeit die Zeit Überdauernde:

Mein Junge, du nimmst den alten Goethe viel zu ernst. Alte Leute, die schon gestorben sind, muß man nicht ernst nehmen, man tut ihnen sonst unrecht. Wir Unsterblichen lieben das Ernstnehmen nicht, wir lieben den Spaß. Der Ernst, mein Junge, ist eine Angelegenheit der Zeit; er entsteht /.../ aus der Überschätzung der Zeit. Auch ich habe den Wert der Zeit einst überschätzt, darum sollte ich hundert Jahre alt werden. In der Ewigkeit aber, siehst du, gibt es keine Zeit; die Ewigkeit ist bloß ein Augenblick, gerade lang genug für einen Spaß. (S. 108)

Hermine lehrt Haller, man dürfe sich kein einseitiges Bild von verehrten Persönlichkeiten machen, da sie am Ende doch nur “Menschenbilder” darstellten. Sie und Haller seien “Kinder des Teufels”, worauf Haller eine im Sinne des gesamten Hesseschen Denkens gehaltene Korrektur am Faust vornimmt: Goethes Faust sprach von zwei Seelen, die in des Menschen Brust wohnten, Harry Haller stimmt dagegen der Meinung des Steppenwolftraktates zu, in dem es heißt: “Jeder Mensch bestehe aus zehn, aus hundert, aus tausend Seelen.” (S. 139) In seinem Faustischen Streben (“Ich will mehr. Ich bin mit Glücklichsein nicht zufrieden...”; S. 162) sehnt sich Haller “nach Leiden, die mich bereits und willig machen zum Sterben.” (S. 163) Menschen wie er hätten “eine Dimension zu viel” und würden die Luft der Ewigkeit, des „Reiches der Echten” atmen (S. 167). Im “Magischen Theater” wünscht sich Haller eine “echte Tat” – die Parallelität drängt sich geradezu auf: legt Faust ein Stück Boden trocken, damit es bewohnbar wird, so möchte Haller gegen die Überschwemmung mit technischen Errungenschaften antreten,
damit wieder Gras wachsen, wieder aus der verstaubten Zementwelt etwas wie Wald, Wiese, Heide, Bach und Moor werden könne. (S. 196)

Mit der Kritik und Zurücknahme der aufklärerischen intendierten Ideen der Klassiker, allen voran Goethes, ging Hesse in seinem Alterswerk Das Glasperlenspiel einen entscheidenden Schritt weiter in seinem nicht selten mäanderartigen Goethe-Verständnis. Neben Thomas Mann sollte Hesse als Repräsentant “der Bewahrung klassisch-romantischer Traditionen und eines in die Zukunft hinüberweisenden bürgerlichen Humanismus” (24) gelten. Für ihn ist “Goethe der Weise” das nachahmenswert Menschlich-Wesentliche, wie Thomas Mann ausführt:
In dieser für mich höchsten Goethegestalt vereinen sich die Widersprüche, sie deckt sich nicht mit der einseitig apollinischen Klassizität noch auch mit dem die Mütter suchenden dunklen Faustgeist, sondern besteht eben in dieser Bipolarität, in diesem Überall-und-Nirgends-Zuhausesein (25).

Im gesamten Werk von Hesse begegnet der Leser sei es direkten Bezügen, sei es Anspielungen, sei es polemischen Hinweisen auf Goethe, so daß zahlreiche essayistische Arbeiten und Kritiken Hesses mittelbar oder unmittelbar ein “Gedankengespräch” mit dem Weimarer Klassiker sind. Im Prozeß seiner Entstehung – von der anfangs jugendlichen Begeisterung, vom später einsetzenden Bewußtwerden von der Widersprüchlichkeit dieser menschlichen (und in diesem Falle sogar: genialen) Persönlichkeit bis zum Erfassen alles Wesentlich-Dauerhaften – erweist sich dieses (bei weitem nicht kurzes und schon gar nicht erlebnisarmes) Leben lang mosaikartig, Stein für Stein zusammengefügte und somit der Nachwelt überlieferte Goethe-Bild Hermann Hesses als ein Versuch des Glasperlenspiel-Autors, ein überaus dokumentarisch angelegtes, konturscharfes Selbstbildnis zu umreißen.
Weder Nietzsche noch Spengler oder Bergson oder gar Bertram, sondern allein Goethe ebenbürtige Dichter – einer von ihnen war selbstverständlich Hermann Hesse – haben und werden stets Goethes Geist in ihre Lebenshaltung und in ihr Schaffen schöpferisch aufnehmen können.
 


NOTA:

(1) Hermann Hesse, Dank an Goethe. In: H.H., Gesammelte Schriften, Bd. 7. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1978 (fortan als GS angeführt), S. 374.
(2) Hermann Hesse, Frühe Schriften. Zürich 1948, S. 272.
(3) Kindheit und Jugend vor Neunzehnhundert. Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen. 1877-1895. Hg. v. Ninon Hesse. Frankfurt am Main 1966, S. 444.
(4) Ebd., S. 492.
(5) Hermann Hesse, Wilhelm Meisters Lehrjahre. In: GS, S. 17.
(6) Ebd., S. 21.
(7) Ebd., S. 25.
(8) Ebd. S. 34f.
(9) Hermann Hesse, Dank an Goethe, a.a.O., S. 374f.
(10) Ebd., S. 376f.
(11) Ebd., S. 377.
(12) Hermann Hesse, Goethe und Bettina. In: GS, S. 286.
(13) Ebd., S. 291.
(14) Hermann Hesse, Siddhartha. Eine indische Dichtung. Frankfurt am Main. suhrkamp taschenbuch 182, 1974, S. 110.
(15) Hermann Hesse, O Freunde, nicht diese Töne! In: GS, S. 45: “... was ich sagen möchte, bezieht sich nicht auf Krieg und Politik, sondern auf die Stellung und Aufgaben der Neutralen. Damit meine ich nicht die politisch neutralen Völker, sondern all diejenigen, die als Forscher, Lehrer, Künstler, Literaten am Werk des Friedens und der Menschheit arbeiten.”
(16) Ebd., S. 49.
(17) Hermann Hesse, Der Steppenwolf. Erzählung. Frankfurt am Main: suhrkamp taschenbuch 175, 1979, S. 86.
(18) Hermann Hesse, O Freunde, nicht diese Töne!, a.a.O., S. 48.
(19) Hermann Hesse, Über gute und schlechte Kritiker. Notizen zum Thema Dichtung und Kritik. In: GS, S. 365.
(20) Ebd., S. 367.
(21) Hermann Hesse, Dank an Goethe, a.a.O., S. 378.
(22) Eike Middell, Hermann Hesse. Die Bilderwelt seines Lebens. Leipzig: Reclam 1975, S. 153.
(23) Ebd., S. 7.
(24) Ulrich Plenzdorfs Werk erschien zunächst als Erzählung in “Sinn und Form”, dann wurde es als Drama aufgeführt und schließlich als Roman herausgebracht. Die Geschichte des edgar Wibeau (W.) erregte seinerzeit großes Aufsehen.
(25) Hermann Hesse, Dank an Goethe, a.a.O., S. 381.

 

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Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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