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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

 

 

VORTRÄGE AUF DEM V. KONGRESS DER GERMANISTEN RUMÄNIENS (I. Teil):

 

Literaturwissenschaft

 

Literatur an der Schwelle zum 21. Jahrhundert

 

Gert Mattenklott


 
 

Die Bilder, von denen dieses Jahrhundert seit seinem Anfang gleicherweise begeistert, hingerissen und schikaniert worden ist, waren Zukunftsvisionen. Wo die Gegenwart als eine Last empfunden wird, mag Hoffnung auf bessere Zeiten gelegentlich den einzigen Trost bieten. Das schreiende Unrecht aufgrund von Ungleichheit der Hautfarbe, der sozialen Herkunft oder des Geschlechts; die Heimsuchung durch Seuchen, Pogrome und Kriege waren nur erträglich, wenn sie als temporär und als Restbestände einer gottlob prinzipiell überwundenen Weltordnung gelten konnten. Die Beschleunigung und technische Perfektionierung der Verkehrsverhältnisse auf dem gesamten Globus trug ein übriges dazu bei, das Denken und die Empfindungswelt radikal auf die Zukunft zu orientieren. In diesem – eigentlich schon seit der Aufklärung währenden - Sturm der Verzeitlichung sind die Orte zur beliebig besetzbaren Verfügungsmasse von Utopisten geworden. In der früh ausbrechenden Konkurrenz zwischen dem „American Way of Life“ und der sozialistischen Vision wetteifern die Hochhäuser von Manhattan und Chicago mit den Laufkränen der Manganerzgruben im Kaukasus oder den Arbeitersanatorien in Baku um den besseren Platz am Ende des Jahrhunderts. In den Entwürfen ihrer Propheten erinnert nichts mehr an die vormaligen Provinzstädte des mittleren Westens oder an die Gestalt der Landschaften, wie sie waren, ehe sie von Fördertürmen, Lagerhallen und Arbeitersiedlungen besetzt wurden. Ihre Topographie ist bis zur Unkenntlichkeit zeitgemäß geworden. Die Orte und ihre Bewohner müssen sich – wenn nicht vor der Ewigkeit, dann doch mindestens vor dem nächsten Etappenziel – bewähren.[1]

Verzeitlichung prägt auch weitgehend unsere Wahrnehmung des Säkulums insgesamt. In der schnellen kalendarischen Verständigung über unser Jahrhundert benutzen wir die Kriege wie selbstverständlich als Merkzeichen. Die politische Geschichtsschreibung schließt sich dem an: Vor oder nach dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg oder Zwischenkriegszeit sind nicht nur chronologisch eindeutige Markierungen, sondern Begriffe im Sinn historischer Periodenbezeichnungen; mit bestreitbarer Berechtigung. Denn in der großen Literatur werden die Spuren der Kriege von denen einer weltweiten Wanderungsbewegung durchmischt und überlagert, wie es seit der Völkerwanderung keine vergleichbare gab. Das hat nicht minder reale Bezüge wie die Orientierung an den Kriegen, die allerdings vielfach, wenn auch nicht allein, Auslöser von Flucht und Vertreibung sind. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der UNO Hochkommissarin nennt - unter Einbeziehung innerstaatlicher Flüchtlinge - 100 Millionen Wanderer, Flüchtlinge und Vertriebene, die derzeit um den Erdball ziehen, und prognostiziert für die nähere Zukunft ein Potential von 1,7 Milliarden aus 80 Ländern.

Diese neue Völkerwanderung könnte Stoff und Thema einer neuen Epik werden, derart universell ist ihr Ausmaß. Denn mit den Menschenmassen verlagern und verwandeln sich Städte und Landschaften, Sitten und Gebräuche; werden Bindungen gelöst und Kräfte mobilisiert, die das Verlangen nach Gravitation und Sammlung, Fassung und Halt fast reflexförmig entstehen lassen. Grass erinnert sich der katschubischen Heimat; für Johnson ist Mecklenburg der innere Fixpunkt; Walser verteidigt seine Verwurzelung im Bodenseeraum. In welchem Verhältnis steht diese Vergewisserung nationaler, ja regionaler Eigenheiten zur kulturellen Globalisierung?

In der Tat lässt sich schwer vorstellen, dass die Künste es ohne Bedeutungsverlust überstünden, wenn sie sich diesem Thema des Jahrhunderts versagen würden. Wie wenig auch das große Thema für sich schon genügt, um große Literatur zu garantieren, so dürfte doch andererseits Voraussetzung für ihren lebendigen Fortbestand sein, dass sie sich dem Appell an ihre Zeitgenossenschaft und Geistesgegenwart nicht verweigert. Tatsächlich prägt denn auch die Migration - ausdrücklich oder implizit - die Literatur unserer Epoche nachdrücklich. - Ziel der großen Wanderung sind vielfach die großen Städte. Während des gesamten Jahrhunderts wird aus diesen und weiteren Gründen der Gang des Fremdlings durch die Stadt exemplarisch zur Schule der Wahrnehmung: von den Labyrinthen und Dickichten bei Joyce, Döblin und Brecht zu den Daten- und Zeichensystemen in den Romanen Barthelmes, De Lillos und Pinchons. Dass dabei die realen Städte zunehmend in einen Transformationsprozeß geraten, an dessen Ende phantasmagorische Gebilde wie die in Calvinos »Le città invisibili« stehen, gehört zu den Signaturen der Moderne nicht erst des 20. Jahrhunderts. - Ebenfalls bis in unsere Zeit reicht die Literatur der Iren in Paris (Joyce und Beckett), Russen in Berlin, Paris und New York (Nabokov), von Polen in Argentinien und Frankreich (Gombrowicz), Amerikanern in Europa und Afrika (Gaddis, Robben, Bowles) und Karibinnen in den USA (Jamaica Kincaid und Marina Warner) bis zu Franzosen in China (Segalen) und Spaniern in Afrika (Goytisolo). - In umgekehrter Richtung, aber komplementär, geht der Weg einer modernen Odyssee aus der städtischen Zivilisation in die ethnische Fremde. James Frazer und Marcel Mauss, Victor Segalen, Bronislaw Malinowski und Claude Lévi-Strauss, Michel Leiris und Mircea Eliade, Carlos Castaneda, Nigel Barley und Hubert Fichte sind Autoren einer zeitgenössischen Epik, die einen neuen Begriff von Weltliteratur erforderlich zu machen scheint.

Der Begriff Migration subsumiert und neutralisiert freilich Vorgänge, die in der Wahrnehmung der Betroffenen höchst unterschiedlich sind; und ist es denn nicht ein Unterschied, ob jemand aus Unruhe oder Neugier seine Heimat verlässt oder als Arbeitsemigrant; als Kaufmann oder als Pogromflüchtling; als Ethnologe oder Vertriebener und verfolgt auf Grund seiner ethnischen und religiösen Zugehörigkeit? Nicht besser steht es mit dem eben schon benutzten Begriff Weltliteratur, den seine Herkunft aus dem Universalismus der deutschen Klassik zwar adelt, der aber nicht minder großzügig die düstere Seite der großen Völkerwanderung am Rande lässt. Goethes Emphase zugunsten einer literarischen Planetarisierung - mögen ihm auch gelegentlich Bedenken gegen das Entstehen einer demokratisiert mediokren Durchschnittskultur aufgestiegen sein – klingt stark und werbend, wenn er Eckermann gegenüber äußert: „Wenn wir Deutschen nicht aus dem engen Kreise unserer eigenen Umgebung hinausblicken, so kommen wir gar zu leicht in diesen pedantischen Dünkel. Ich sehe mich daher gerne bei fremden Nationen um und rate jedem, es auch seinerseits zu tun. National-Literatur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Welt-Literatur ist an der Zeit, und jeder muss jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen.“ (Gespräche mit Eckermann 31.1. 1827)[2] Wer wollte dem nicht noch immer beherzt zustimmen. Allzu bewusst ist aber gerade eben erst auch uns Europäern wieder geworden, dass „Weltliteratur“, dieser vermeintlich nobelste Exportartikel des klassischen Humanismus, seine stärksten Impulse aus äußeren und zunehmend inneren Kriegen erhält: Weltliteratur als Symptom, wenn nicht Produkt des Unfriedens. Darf man ja doch den gewaltsamen Ursprung vieler großer Zeugnisse zeitgenössischer Weltliteratur aus Krieg und Exil nicht vergessen, wie er oft genug schon an der Biographie der Autoren ablesbar ist. Ich nenne nur einige Beispiele aus dem Bereich des literarischen Postkolonialismus englischer Sprache, deren Herkunft und Ausstrahlung aber interkontinental ist.

Das erste: Michael Ondaatje, holländisch-indischer Abstammung, auf Ceylon geboren und in England aufgewachsen, Englisch schreibend, ein lyrischer Erzähler, dessen „English patient“ (1993) ein Leben nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs zeichnet, der hier als ein Kulminationspunkt europäischer Kultur gilt. Der durch Verbrennungen bis zur Unkenntlichkeit ent-stellte Titelprotagonist flieht vor den Feindschaften dieser Welt in ein wüstes Niemandsland, wo er ohne Namen und Nationalität kaum mehr als die nackte Haut für ein Überleben hat. Stigmatisiert durch die Spuren der Gewalt, heimat- und staatenlos, immerhin aber davongekommen.

Ein zweites: Salman Rushdie, aus Bombay gebürtiger Inder, dessen Familie sich in Pakistan niederließ, während er selbst seit seiner College-Zeit überwiegend in England lebt, in den letzten Jahren ein Flüchtling vor dem tödlichen Hass eines religiösen Hegemonialanspruchs. Drei Zitate dieses Erzählers und Essayisten möchte ich an Stelle einer Interpretation geben, die doch nur in der Gefahr wäre, Erfahrungen zu umschreiben, die der Interpret bestenfalls mit eigenen vergleichen, kaum wirklich verstehen kann:

"I, too, know something of this immigrant business. I am an emigrant from one country (India) and a newcomer in two (England, where I live, and Pakistan, to which my family moved against my will). And I have a theory that the resentments we mohajirs engender have something to do with our conquest of the force of gravity. We have performed the act of which all men anciently dream, the thing for which they envy the birds; that is to say, we have flown.”[3]

"I am comparing gravity with belonging. Both phenomena observably exist: my feet stay on the ground, and I have never been angrier than on the day my father told me he had sold my childhood home in Bombay. But neither is understood. We know the force of gravity, but not its origins; and to explain why we become attached to our birthplaces we pretend that we are trees and speak of roots. Look under your feet. You will not find gnarled growths spouting through the soles. Roots, I sometimes think, are a conservative myth, designed to keep us in our places.”[4]

"When individuals come unstuck from their native land, they are called migrants. When nations do the same (Bangladesh), the act is called secession. What is the best thing about migrant peoples are seceded nations? I think it is their hopefulness. . . . And what's the worst thing? It is the emptiness of one's luggage. I'm speaking of invisible suitcases, not the physical, perhaps cardboard, variety containing a few meaning-drained mementoes: we have come unstuck from more than land. We have floated upwards from history from memory, from Time."[5] 

Stolz auf die Zugehörigkeit zu einer Avantgarde von mobilen „Luftmenschen“ – so wurden, allerdings mit negativer Pointierung, bereits die national heimatlos gewordenen Juden um die Jahrhundertwende von den jungjüdischen Zionisten genannt -: dies ist hier die eine Seite; die andere, es ist die Kehrseite: geistige Verarmung durch Traditionsverlust und die melancholische Aussicht, spurlos und wie Treibsand im Strom zu verschwimmen: „floated upwards from history from memory, from Time.“ Eine andere Selbstdeutung lautet: "Je suis aussi quelqu'un qui est borne accross (trans-posé traduit né de l'autre côté): on y perd quelque chose, mais quelque chose y est aussi gagné (pour la langue, pour la culture).“

Ein drittes Beispiel ist Derek Walcott, Nobelpreisträger 1992, dessen lyrisches Epos „Omeros“ die Geschichte einer Gruppe von Schwarzen von der karibischen Insel St. Lucia erzählt, gebeutelt zwischen den zupackenden Interessen der englischen und französischen Kolonialisten, mehrfach missachtet wegen ihrer ethnischen und sozialen Fremdheit, projiziert auf die Epik des Abendlandes: Homer und Dante, so dass die Orte dieses Epos stets mehreren Welten anzugehören scheinen, einer realen zeitgenössischen und denen einer tief gestaffelten kulturellen und literarischen Tradition. Der Autor selbst, auf St. Lucia geboren, ist ein Doppelgänger zwischen der karibischen Insel und Boston, wo er einen Lehrstuhl für englische Literatur hat, ein Schwarzer aus kreolischer Kultur, mit englischer Bildungsbiographie, kolonisiert und Kolonist in eins, hier ausnahmsweise auf Französisch:

Je ne suis qu'un nègre rouge qui aime la mer,

j'ai reçu une solide éducation coloniale,

j'ai du Hollandais en moi, du nègre, et de

                                                        /l'Anglais,

et soit je ne suis personne, soit je suis une

                                                          /nation.[6]

Schließlich Vidiadhar S. Naipaul, ein Journalist großen erzählerischen Formats, Reiseschriftsteller und in Werken wie „The Enigma of Arrival“ hinreißender Prosaist „tropikalisierter“ (Rushdie) englischer Landschaften; als postkolonialer Autor mit den Ambivalenzen des indischen Hindu schreibend, des in Trinidad geborenen Brahminen, der gute Gründe hat, in aller Welt zu Hause und am Ende im englischen Exil zu sein, desillusioniert indessen, wie in Trinidad und Afrika, so auch in London. In der Omnipräsenz seines Reiselebens nahezu ortlos in der realen Welt, erhalten die Kontemplationen seiner kunstgeschulten, an Chirico und Hokusaï gebildeten Landschaftsprosa eine imaginäre Qualität. Seine Sprachen: Kreolisch und im Literarischen Englisch. -Wie kommt einer dazu, als künstlerische Vorbilder einen surrealistischen Metaphysiker des alten Europa und einen japanischen Landschafter des späten 18. und 19. Jahrhunderts in einem Atemzug zu nennen? Es ist wohl der Gesichtspunkt der Abstraktion von der unvermittelten Anschauung und einer Reduktion aufdringlicher Bedeutungen, der zu dieser bemerkenswerten Zusammenstellung führt. Nach Gründen seiner Vorliebe für Hokusaï angesprochen, sagt er: „Les gravures sur bois d'Hokusaï rendent l'essence d'un panorama en traits et en points. Il se distingue relativement du réalisme dont je parle: il est très inventif et enjoué, et parfois faux. Parfois, chez lui une cascade n'a aucune signification.“[7]

Hier ist eine Zwischenbilanz angebracht. - Nicht nur der gemeinsame Hintergrund einer zweideutigen Geschichte der Kolonialisierung verbindet die zitierten Autoren – zweideutig, weil Eroberung und Entwicklung, Überwältigung und Emanzipation darin unscheidbar legiert sind; nicht nur die gemeinsame Teilhabe an einer literarischen Welt, die „Weltliteratur“ vielleicht nicht mehr heißen sollte, weil der Begriff allzu eng mit der Geschichte geistiger Kolonialisierung assoziiert ist. (Der Begriff wird in andere Sprachen nicht übersetzt, sondern aus dem Deutschen importiert, wie etwa „Kindergarten“, „Gemütlichkeit“ oder „Blitzkrieg“.) Ohne dass ich danach eigens hätte suchen müssen, ging es in allen Beispielen - geht es in den Werken dieser Autoren und so vieler verwandter, die ich hätte anführen können – um ein aufgenötigtes Verlassen oder die als zweideutig erfahrene Preisgabe eines angestammten kulturellen Raumes und die Erfahrung, dass damit unwiderbringlich etwas verloren ist. Der Zugewinn ist „die Welt“ in planetarischer Weite. Doch scheint sich am Ende dieses Jahrhunderts bereits mit einiger Gewissheit herauszustellen, dass es darin kein Bürgertum von der Art geben kann, wie es sich während dreier Jahrhunderte zuvor in eins und zugleich mit den Nationalstaaten gebildet hatte. Der „Weltbürger“, diese vorschnelle begriffliche Analogie zum Bürger alten Typs, hat weder in der realen Topographie, noch in einer irgendwo verwirklichten Weltgesellschaft eine Heimat. Dieser realen Ortlosigkeit entspricht eine imaginäre Vielfalt phantasierter Orte, die ihre eigentümliche literarische Aura aus der Geschichte erhalten, die einer, meist unsichtbar, mit sich führt. Allenfalls, dass Hautfarbe oder religiöse Konfession, Geschlecht oder sozialer Ort noch gewisse Indizien sind.

Am Ende dieses Jahrhunderts ist die Skepsis gegenüber geschichtsphilosophischen und heilsgeschichtlichen Visionen, die über die Zeit der heute lebenden Menschen hinausreichen, übergroß geworden. Umso stärker beschäftigt sich die Phantasie mit der Gestaltung von Räumen für die heute Lebenden. An eine reale Topographie lässt sich dabei immer weniger denken, denn parallel zum Bedeutungsverlust der großen Zeitentwürfe büßen die altvertrauten Räume ihre Bindekraft ein. Diese Situation schärft die raumbildende Einbildungskraft, die phantasierend ersetzt, was sie real entbehrt. Auf dieses Jahrhundert der Kriege und der großen Vertreibungen und Wanderungen, der globalen Mobilisierung und Entwurzelung, auf diese mächtig wirkenden Zentrifugalkräfte antworten die Künste mit Strategien der Verlangsamung, Verkleinerung und symbolischen Regionalisierung. Der Körper in seinen plastischen Dimensionen wird zum imaginären Gravitationszentrum. Von hier aus werden Räume ausgemessen und besetzt, in denen Sinne und Einbildungskraft Anhaltspunkte finden können. Sie fallen so verschieden voneinander aus wie der Erfahrungshintergrund der jeweiligen Autoren. Die Landschaften Naipauls – der deutsche Leser wird bei dieser Gelegenheit an Prosastücke, wie „Die Lehre der Sainte-Victoire“ von Peter Handke, der französische an „Les Voisinage de Van Gogh“ von René Char oder „Les Cormorans“ und „Beauregard“ von Philippe Jaccottet denken – sind Beispiel für einen magischen Realismus, mit dessen Hilfe Bilder entstehen, die man sich vorstellen kann, als wären sie auf die Innenwand des geschlossenen Lides projiziert. Raum und Zeit verlieren ihre kategoriale Bestimmtheit. Denn was hier zu besichtigen ist, findet sich in Zwischenräumen und in Zeiten ungewissen Anfangs und Endes: Traumzeit.

Diesen Beobachtungen lassen sich einige weitere ergänzen, die ebenfalls dazu anzuhalten scheinen, allzu eiligen Prognosen über „Weltkultur“ und „Weltbürger“, „global village“ und planetarische Vernetzung mit Skepsis zu begegnen. Ich möchte dabei die Szene wechseln und sie auf einem Feld sammeln, das für die Entwicklung seit der deutschen Nachkriegsgeschichte von hoher Bedeutung ist, das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Ist nicht die planetarische Amerikanisierung eine der für besonders sicher gehaltenen Prognosen, wie schon für das 20., so nun erst recht für das 21. Jahrhundert? Um Argumente auf diesem Gebiet zu sammeln muss ich zum einen den Horizont über die Literatur hinaus erweitern sowie einige theoretische Überlegungen einflechten. Das liegt in der Sache selbst begründet. Literatur, die vor den Herausforderungen der Modernisierung bestehen will, wird von ihren Lesern an der Geistesgegenwart gemessen, mit der sie Orientierung über die Welt der Texte hinaus bietet. Das ist das eine; das andere: In der literarischen Welt nicht erst des 20. Jahrhunderts sind das Schreiben und die theoretische Reflexion des Schreibens nicht mehr voneinander ablösbar. Literatur, die dem räsonierenden Nachdenken über die Möglichkeiten und Grenzen ihrer eigenen Geltung nicht standhält, hat schnelle Verfallszeiten.

Oben war bereits gezeigt worden, wie den Zentrifugalkräften der ortsunabhängigen Ausdehnung und transnationalen Angleichung der literarischen Welt, in deren Innern eine gegenstrebige Tendenz zur imaginären Regionalisierung analog ist. Es scheint mir noch ein weiteres Hemmnis zu geben, das auf unerwartete Weise der schrankenlosen Globalisierung entgegensteht. - Es gibt eine Fremdheit, die aus der Ferne rührt, und die abnimmt durch Annäherung. Es gibt aber auch eine Fremdheit, die sich beim Annähern vergrößert und die ihren höchsten Grad erreicht, wenn es näher nicht geht. Im Verhältnis zu Amerika ist häufiger beschrieben worden, wie der Offenheit für das Land der Freiheit und der demokratischen Rechte in den Jahren nach der Zerstörung der Nazidiktatur, während des Vietnamkriegs und befördert durch die Studentenbewegung eine Phase der Entfremdung folgte. Der Antiamerikanismus der Linken zeichnete die USA im Innern als rassistisch, sozialfeindlich und unkultiviert, nach außen als ausbeuterischen Kolonialisten und imperialistischen Aggressor. Während des letzten Jahrzehnts hat sich hier ein Wandel vollzogen. Es ist nämlich zu einer weitgehenden Verdrängung der 68er Generation aus den deutschsprachigen Massenmedien gekommen. Große Tageszeitungen, wie die “Frankfurter Allgemeine” haben bei der Neubesetzung von Schlüsselstellen im Gremium der Herausgeber und in den Redaktionen die Jahrgangskohorte der Studentenbewegung übersprungen und sich an die Jüngeren gehalten. Kaum einer unter ihnen hat nicht als Schüler oder Student ein Jahr in England oder in den USA verbracht. Ihnen wie den noch Jüngeren, die heute als Zwanzigjährige im Outfit von Calvin Klein, Wrangler, Levi und Nike die Universität betreten, ist der Antiamerikanismus der Vietnamprotestmarschierer Geschichte. Mit größerer Aufmerksamkeit verfolgen sie stattdessen den Konkurrenzkampf zwischen Bill Gates und den Apple-Leuten. Sie sind mit amerikanischen Fernsehserien aufgewachsen und lesen DeLillo, Pinchon und Gaddis. Linker Antiamerikanismus, sofern er nicht ohnehin gelassenerer Einsicht gewichen ist, hat kaum noch eine publizistische Basis. In seiner “Gebrauchsanweisung für Amerika” hatte Paul Watzlawick 1978 geschrieben: “Amerika ist die größte Projektion Europas, an der jeder von uns in der einen oder anderen Weise teilnimmt [...], eine Projektion, die absurderweise gerade bei jenen Europäern am heftigsten und maßlosesten auszufallen pflegt, die die USA noch nie betreten haben.”[8] In dem Maße, wie der Verkehr zwischen den Kontinenten zunehmend selbstverständlich wird, verblassen aber die Projektionen vor der anschaulichen Wirklichkeit.

Zum Verschwinden der ideologischen Voreingenommenheit und Einseitigkeit aus der Zeit des Kalten Krieges tritt mit der elektronischen Verwirklichung der Echtzeitkommunikation eine weitere, vielleicht entscheidende Voraussetzung schier einschränkungsloser Annäherung. Die Entmaterialisierung des Verkehrs bringt den wirklichen Austausch durch Geschäftsreisen und Tourismus nicht gleich zum Verschwinden, aber er reduziert seine vormaligen pragmatischen Zwecke immer weiter zugunsten eher repräsentativer Funktionen. Quantitativ und qualitativ umfassender als es durch eine Reise je möglich war, fließen dem PC-Benutzer heute die Informationen über Land und Leute durch das Internet zu. Als Nutzer des Service, den die großen Medienagenturen bieten, bin ich über die USA durch CNN, die New York Times und USA Today zu jeder Stunde und an jedem Ort in Europa keinen Deut später oder schlechter im Bilde als jeder Amerikaner mit dem entsprechenden technischen Komfort. Zu den vielerlei Angeboten des World Wide Web gehören Blicke in Echtzeit auf den Times Square oder einen Strand in Florida mit den Augen dort installierter Kameras. In umgekehrter Richtung können amerikanische Surfer unter der Adresse “www.tinacam.de” rund um die Uhr mit den Augen mehrerer in einer Wohnung installierter Videokameras das Leben einer 25jährigen Versicherungskauffrau in Mitteldeutschland mitverfolgen. Als Teilnehmer an chat-lines kenne ich die Lektürebiographie eines Collegestudenten aus dem Mittelwesten mindestens so gut wie die eines meiner eigenen Studenten und weiß, wohin und mit wem er oder sie während des spring break fahren. Als Literaturprofessor benutze ich die einschlägigen Datenbanken, lese die ersten literarischen Gehversuche künftiger Autoren und beteilige mich am Fortschreiben von Fortsetzungsgeschichten oder Diskussionen über processor-gestützte Textgenerierung.

Abermals stelle ich aber fest, dass diesem kommunikationstechnischen Einschmiegen in die transatlantische Welt eine gegenstrebige Dynamik inhärent ist. Zwar habe ich kaum noch Widerstand zu überwinden, um mich kreuz und quer über den amerikanischen Kontinent zu klicken, als Voyeur oder chattender Teilnehmer x-beliebige Leute verschiedener sozialer Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit und sexueller Orientierung zu besuchen, ja sogar Kumpan eines Staatsanwalts beim Ausspähen des Liebeslebens eines amtierenden amerikanischen Präsidenten zu werden. Als Ergebnis dieser globalen Intimisierung stellt sich aber nicht etwa innere Teilhabe durch Sympathie oder Abneigung ein, ja nicht einmal das Gefühl besseren Verstehens, sondern zunehmendes Befremden und Melancholie. Mit unverhohlenem Unverständnis sind in Europa die Exzesse von political correctness im amerikanischen Campusleben kolportiert worden und kaum jemals dürften die USA dem durchschnittlichen europäischen Medienpublikum gegenwärtiger und zugleich fremder gewesen sein als während der letzten anderthalb Jahre Lewinsky-Affäre. Je ausführlicher es über die Protagonisten und zahllosen Statisten, über Vorgeschichten und verdeckte Abhängigkeiten, amerikanische Sittengeschichte und politische Ranküne aufgeklärt wurde, desto mehr musste es aus der Fassung geraten. Wo in früheren Jahren lange Recherchen professionell ausgebildeter Journalisten und ein gelehrtes Studium nötig waren, um up to date über Personen, Sachen und Verhältnisse zu sein, wo Bibliotheken durchzulesen waren, um sich der Mentalität amerikanischer Leute zu nähern, genügen heute zwar ein paar Handgriffe, um über eine überwältigende Fülle von Informationen und deren Kommentierung im O-Ton zu verfügen. Damit verlagert sich aber die Arbeit vom Technischen des Sammelns und Registrierens, ohne dass ich mehr ausweichen und mich durch aufwendiges Studium ablenken kann, auf das Problem des interpretierenden Verstehens selbst. Eben hier finde ich mich aber als Benutzer der neuen Medien in einer schier aussichtslosen Lage. Auf der einen Seite eine potentiell unendliche, ständig anwachsende Datenfülle, auf der anderen sitze ich: ein unstabiles, weil ablenkbares, sich selbst dauernd veränderndes Subjekt; diese beiden in einem in sich vibrierenden Resonanzraum, in dem es zu keiner fixierbaren Subjekt-Objekt-Relation mehr kommt.

Der amerikanische Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt hat diese Situation an einem anderen Beispiel beschrieben, als er den Verlust des konzentrierten und gerichteten Schauens und Staunens zugunsten eines diffusen Echos von allen Seiten am Beispiel der Überführung der Gemälde aus dem Jeu de Paume in das neue Musée d’Orsay erläuterte.[9] In der riesigen Bahnhofsarchitektur des Quai d’Orsay sind die ehedem monarchisch auftretenden Meisterwerke in einen vielstimmigen Resonanzraum der ungeheuer produktiven Kunst- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts in Frankreich eingestellt, innerhalb dessen ein jedes auf irgend eine Weise als ein Echo von anderem vernehmbar ist. Das ingenium verliert sich in einer rauschenden Polyphonie, die dem überkommenen Typus des staunenden und bewundernden Verstehens individueller Kunstwerke den Boden entzieht. In dem verkehrsreich quirligen Kunstbahnhof ist alles allem gleich nah und zugleich zunehmend fern, ein Triumph des enthierarchisierten Geschichtsbildes, das der wissenschaftliche New Historicism malt. Greenblatt ist ein zu engagierter Kunstliebhaber, um daran nicht auch einen Verlust zu bemerken.

Ich möchte nun behaupten, dass Erfahrungen dieser Art in einem zumindest bestätigenden, wenn nicht verursachenden Verhältnis zur weltweiten Krise des Umgangs mit den Künsten stehen. Es ist aber eine Krise – so möchte ich nahe legen -, die prinzipiell unspezifisch für das Verhältnis zwischen Europa und Amerika ist, wenngleich sie hier aufgrund der avancierten Kommunikationsverhältnisse besonders drastisch verläuft. Ein Blick auf die deutsch-französi-schen Beziehungen bringt durchaus Ähnliches zu Tage. So war einerseits das politische, staatliche und wirtschaftliche Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland noch nie in der Geschichte der letzten zweihundert Jahre so eng und unproblematisch wie zur Zeit. Andererseits war die Präsenz der deutschen Sprache in Frankreich, der französischen in Deutschland vermutlich nie so von Marginalisierung bedroht wie eben jetzt. Zur Zeit der größtmöglichen Entfremdung während der deutsch-französischen Kriege war das Interesse daran, die Sprache des jeweils anderen Landes zu lernen beträchtlich. Unter dem gemeinsamen Dach der peu à peu entstehenden europäischen Union, die eine Art Brüsseler Englisch als sterile lingua franca verwendet, wächst dagegen die sprachliche Entfremdung. Sie beruht auf der Unlust, sich mit dem Fremden gemein zu machen, je besser man es kennenlernt. Dergestalt kommt es vermutlich zwar zu einem Zusammenwachsen auf politischem, wirtschaftlichen und administrativem Gebiet, aber auf einem flachen, quasi vorkulturellem Niveau.

Ein wichtiger Aspekt des beschriebenen Sachverhalt ist die Entmutigung des Verstehens durch zu große Nähe, Komplexität und Unübersichtlichkeit. Diese Mutlosigkeit wird überboten durch ein Nichtverstehenwollen. Reduzieren lässt sich die zunehmend höher werdende Komplexität nicht und die Annäherung ist aufgrund der globalen Ausweitung und Verdichtung des Kommunikationsraumes nicht umkehrbar. Insofern ist die Situation im Quai d’Orsay symbolisch für einen Zustand wie der physischen, so auch der geistigen Welt. So stellt sich eine Reaktion des Abstoßens ein, in der die Not des Nicht-Verstehens positiv gewendet erscheint. Um nicht selbst zum bloßen Faktor in diesem allgemeinen Rauschen zu werden und darin unterzugehen, stelle ich die fehlende Distanz phantasierend her und konstatiere die empfundene Fremdheit als mein Verhältnis zur Welt und meine „Andersheit“ als ein Existential des Daseins. Die Einbildungskraft hat demnach die Aufgabe, Gefälle und Differenzen auszubilden, die in der Wirklichkeit mehr und mehr verschwinden. Den Künsten kommt diesem Sachverhalt gegenüber eine wichtige Rolle zu. Was bezeugen sie, wofür zeugen sie? Sie bezeugen eine Strategie der Abgrenzung durch das Herausstellen einer nicht zu tilgenden Differenz. Es ist ein Verfahren, das mit jedem neuen Schritt zur Neutralisierung von Entfernungen – sei es innerhalb einer Kultur, sei es im Verhältnis zwischen verschiedenen Kulturen - an Bedeutung gewinnt. Das Exotische ist dergestalt weder ein positives Faktum, noch stellt es sich nur im Vergleich entfernter Kulturen ein. Vielmehr tritt es als ein Effekt der eigenen Selbstbestimmung auch und gerade auch dort auf, wo eine zu große Nähe unerträglich wird.

Ein ethnologisches Verhältnis zum Allernächsten ergänzt dergestalt die klassische Ethnologie nicht nur, sondern sie tritt im postkolonialen Zeitalter, wo es Ferne kaum noch gibt, an deren Stelle. Ihre mentalen Voraussetzungen, wissenschaftlichen Verfahrensweisen und künstlerische Methoden gewinnen heute zunehmend Einfluss, sei es in der akademischen Geschichtsschreibung, sei es in den erzählenden Formen der Künste und der Publizistik. Worum es dabei geht, hat mit programmatischem Anspruch James A. Boon schon Anfang der 80er Jahre entwickelt.[10] Boon nennt seine Wissenschaft in Übereinstimmung mit einer in den USA geprägten Forschungsrichtung “symbolische Anthropologie”. Sie erforscht die Entstehung von Bedeutung in der Kultur und die Konstituierung von Kultur durch Bedeutung. Kultur ist in diesem Verständnis so umfassend gemeint, dass sie Religion und Geschichte ebenso einschließt wie die Gestaltung des Alltags und die Formen der Künste.

Für den von mir hier verfolgten Gedanken möchte ich mich vor allem auf zwei Thesen von Boon beziehen. Die erste besagt, dass die ethnologische Perspektive nicht nur bei der Charakterisierung fremder Kulturen von außen zur Anwendung kommt, sondern dass sie auch bei der Selbstbestimmung der eigenen immer schon im Spiel ist: “Eine ‚Kultur‘ kann sich nur in Abgrenzung zu einer anderen Kultur verwirklichen.”[11] Kulturen, so Boon, durchdringen sich im Verlauf ihres Entstehens symbolisch. Fremdheit besteht nicht an und für sich, sondern wird immerzu an der Grenze des Eigenen erzeugt. Boon will damit nicht einmal mehr den hermeneutischen Gemeinplatz formulieren, wonach der Umriss des Erkenntnisobjekts auch vom Fluchtpunkt des Erkennenden abhängt. Stattdessen geht es ihm darum, die strategische Absicht hervorzukehren, die das Fremde als Fremdes eines auf diese Weise erst vernehmbaren Eigenen herstellt. Einfühlende Identifikation durch unbeschränkte Annäherung würde jede eigene Produktivität in Tautologien und Pleonasmen ersticken. Totale Entfremdung auf der anderen Seite würde nicht weniger zum Absturz in Sprachlosigkeit führen. Das Bezeugen und exaltierte Herausstellen des Fremden, wie ich es dem planen Dokumentarismus gegenüberstellen möchte, dient der kulturellen Selbstbehauptung: nicht um irgend einen Chauvinismus zu bestärken, sondern um Kultur als etwas Bewegliches und Bewegendes zu gewährleisten, das auf das Fortbestehen des Anderen seiner selbst angewiesen ist.

Die zweite These Boons bezieht sich auf die Darstellungsform der ethnologischen Erkenntnisse. Wenn das Vergleichen von Kulturen eine innere Notwendigkeit für das Entstehen von Kultur im Sinne einer Selbstbestimmung durch Abgrenzung ist, so liegt es nahe, die Differenzen zu übertreiben. Die Kulturen selbst üben sich im Übertreiben ihrer eigenen Charakteristika, und der Ethnologe als ein bewusster oder unbewusster Agent des kulturellen Konstitutionsprozesses folgt ihnen mit seinen Beschreibungen. Daraus resultiert eine eigene, durch hyperbolische Formen geprägte Ästhetik der ethnologischen Erzählung. Der Sog des Fremden, dem sich der Ethnologe hingibt, indem er sich dem Gegenstand seiner Forschung eng bis zur Identifikation nähert, wird durch eine gegenstrebige Fliehkraft ausgeglichen und unschädlich gemacht, die sich mit keiner Fremdheit genug tun kann.

Es ist ohne weiteres deutlich, dass diese Beschreibung einer neuen ethnologischen Verfahrensweise sehr weitgehend mit den Beobachtungen übereinkommt, die ich oben über Symptome zunehmender Fremdheit bei schwindenden Entfernungen skizziert hatte. Was aber zunächst noch als ein objektiver Sachverhalt erschien, stellt sich bei näherem Hinsehen komplizierter dar. Schien die zunehmende Exotik zunächst nichts als das Resultat eines Übermaßes von spezifischen Informationen zu sein, die den historistischen Relativismus begünstigen und das begreifende Verstehen blockieren, so muss man es jetzt für möglich halten, dass sie – zumindest auch - ein Effekt der kulturellen Dynamik im Sog globaler Angleichung und Vereinheitlichung ist. Ihre Rhetorik der Aversion und der Idiosynkrasie, wie generell die ästhetische Markierung von Differenz, würde sich dann als eine Sicherungsmaßnahme erweisen, die das eigene kulturelle System vor seinem Absturz in die kulturelle Tautologie einer unterschiedslosen, amerikanisch dominierten Weltkultur bewahren will. Diese Beschreibung verliert nichts von ihrer Triftigkeit, wenn man ihre Perspektive umkehrt. Lassen sich die parlamentarischen und publizistischen Exzesse der Lewinsky-Affäre im Schaufenster der elektronischen Weltkultur anders als eine maßlose Übertreibung und Provokation verstehen? Ist hier die amerikanische Supermacht – seit dem Ende des Kalten Krieges nahezu mit einem Macht- und Interpretationsmonopol ausgestattet – nicht geradezu händeringend darauf aus, die anderen Kulturen dieser Welt zum Protest, ja einer entschiedenen Negation herauszufordern? Man braucht sich nur vorzustellen, dass die Maßstäbe und Umgangsformen, die bei dieser Gelegenheit praktiziert und angemahnt wurden, sich weltweit durchsetzen könnten, um das Grauen ermessen zu können, dass selbst die radikalsten Protagonisten in diesem Schauspiel ergreifen musste. So dient die Übertreibung nicht nur der eigenen kulturellen Formierung, sondern zugleich auch der provozierenden Begründung eines Gegenüber, ohne welches die Eigenheit keinen Bestand hätte.

Lassen Sie mich am Ende resümieren. Am Übergang ins 21. Jahrhundert präsentieren die Künste sich wie nach einem langen Rausch: ausgenüchtert. Denn hier sind die spektakulären Visionen vom Neuen Menschen, die auf furchtbare Weise zur Terrorisierung der Kultur des 20. Jahrhunderts beigetragen, sang- und klanglos verabschiedet worden. Was der Mensch sei und sein könnte, ist als gemeinsame Frage das Band menschlicher Gemeinschaft. Diese Frage wird in den Künsten zugunsten einer Vielfalt beantwortet, deren Gedächtnis die Künste in ihren eigenen Sprachen und Formen bewahren. Es hat nicht den Anschein, als wäre das Bedürfnis nach dieser Differenzierung im Begriff, abzusterben; im Gegenteil. So liegt mein Befund für Literatur im Zeitalter der Wanderungen zumindest in einem Punkt nicht so gänzlich fern von einer Diagnose, die Hugo von Hofmannsthal in seiner berühmten Münchener Rede über „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“ im Jahre 1927 gestellt hat. „Nicht durch unser Wohnen auf dem Heimatboden, nicht durch unsere leibliche Berührung in Handel und Wandel, sondern durch ein geistiges Anhangen vor allem sind wir zur Gemeinschaft verbunden“, heißt es dort. Der Autor wollte seinerzeit zwar diesen geistigen Zusammenhang als Kriterium der Abgrenzung gegenüber den Amerikanern geltend machen, die es soweit noch nicht gebracht haben, ein Hochmut, den man heute belächeln mag. Doch werden wir ihm folgen können, wenn er fortfährt: „In einer Sprache finden wir uns zueinander, die völlig etwas anderes ist als das bloße natürliche Verständigungsmittel; denn in ihr redet Vergangenes zu uns, Kräfte wirken auf uns ein und werden unmittelbar gewaltig, denen die politischen Einrichtungen weder Raum zu geben, noch Schranken zu setzen mächtig sind [...].[12] Hofmannsthal hat noch in erster Linie an die Nationen als derartig verbindende wie zugleich die Differenzierung befördernde Kollektive gedacht und hier an das einende und zugleich abgrenzende Band der Sprache. Wir beobachten heute, dass umgekehrt proportional zur Ausweitung des allen gemeinsamen Kommunikationsraums, die Kreise der kulturellen Gemeinschaften eher mit immer kleinerem Radius gezogen werden: dass die Regionen oft wichtiger werden als die Nation, die Städter sich über nationale Grenzen, ja solche der Sprache enger verbunden fühlen als Region oder Nation. Mir scheinen diese unvermittelt attraktiven, ja womöglich tendenziell an Reiz gewinnende ästhetisch-politischen Regional-  und Mikrokulturen noch auf ein anderes Bedürfnis zu reagieren als auf das nach vornehmer Exklusivität von Intellektuellen, die sich mit der Demokratie nicht gemein machen wollen oder bürokratischer Vorsorge der Demokratien, die sich nicht der Willkür der anarchischen Künstler und ihrer zweifelhaften Künste ausgesetzt sehen möchten. Es gibt eine Dynamik kultureller Abstinenz vom mainstream der Entwicklung in diesem Jahrhundert, die älter ist als der Kollaps der politischen Blöcke vor ein paar Jahren und die auch von einer tiefer reichenden Wirkung begleitet wird als sie im politischen Missmut von Günter Grass oder Martin Walser zum Ausdruck kommt, aus welchen Gründen sie ihn auch empfinden. Den Literaturen, diesen kunstvollen Gedächtnisräumen unserer Gesellschaft, kommt dieser kritische Impuls gegen den alles verschlingenden Moloch Weltkultur allemal zugute. Wo die Welt in atemberaubender Geschwindigkeit aufgrund der selben technischen und wirtschaftlichen Entwicklungsbedingungen das Diverse tilgt, scheint sich dieses in ästhetischen Mikrokulturen und eingelassen in einen Prozess der politischen Kapillarisierung und Miniaturisierung neu zu bilden.

 

[1] Zwei nahezu zur gleichen Zeit erschienene Quellen lassen das gut erkennen: die Fotos bei Ernst Glaeser und F.C. Weiskopf: Der Staat ohne Arbeitslose. Drei Jahre „Fünf Jahresplan“. 265 Abbildungen. Berlin 1931 und in: Frank Washburn: Riesenbauten Nordamerikas. Zürich 1930.

[2] Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Hrsg. v. Heinz Schlaffer. München 1986, S. 206 f. (=Sämtliche Werke [Münchener Ausgabe], Bd. 19).

[3] Salman Rushdie: "Ich verstehe mich auch auf diese Immigrantengeschichten. Ich bin ein Auswanderer aus einem Land (Indien) und ein Neuling in zwei (England, wo ich lebe, und Pakistan, wohin meine Familie gegen meinen Willen zog). Und meine Theorie ist, daß der Groll, den wir Mohajirs erzeugen, etwas damit zu tun hat, daß wir die Schwerkraft bezwungen haben. Wir haben die Tat, von der alle Männer seit je träumen, wir haben das vollbracht, wofür sie die Vögel beneiden; wir sind so zu sagen geflogen.“

[4] Salman Rushdie: „Ich vergleiche Schwerkraft mit Zugehörigkeit. Beide Phänomene existieren offenkundig: Meine Füße bleiben auf dem Boden, und ich bin nie ärgerlicher gewesen, als an dem Tag, als mein Vater mir sagte, daß er das Haus meiner Kindheit in Bombay verkauft habe. Aber beides wird nicht verstanden. Wir kennen die Schwerkraft, aber nicht ihre Ursprünge; und, um zu erklären, warum wir unseren Geburtsorten beigefügt werden, behaupten wir, daß wir Bäume sind und von Wurzeln sprechen. Schauen Sie unter Ihre Füße. Sie werden dort kein knorriges Wachstum durch die Sohlen dringen finden. Wurzeln, so denke ich manchmal, sei ein konservativer Mythos, der dafür entworfen wurde, uns an unseren Stellen zu halten.“

[5] Salman Rushdie: „Wenn Personen sich von ihrem Herkunftsland lösen, werden sie Migranten genannt. Tun Nationen dasselbe (Bangladesch), so spricht man von Sezession. Worin sich Migranten am vorteilhaftesten von sezessionistischen Nationen unterscheiden? Ich denke durch das Maß ihrer Hoffnungen; und worin am nachteiligsten? durch die Leere ihres Gepäcks. Ich spreche von unsichtbaren Koffern, nicht den gegentänd-lichen, diesen Kartons mit den wenigen schon halb verfallenen Andenken: Wir sind von mehr als Land abgelöst. Wir sind herausgespült aus der Geschichte, dem Gedächtnis und der Zeit.“ From Shame: New York; Aventura/Vintage, 1984, S. 90 f.

[6] Derek Walcott: „Ich bin nichts als ein roter Neger, der das Meer liebt, / Ich habe eine solide koloniale Ausbildung erhalten, / Ich habe etwas vom Holländer, vom Neger und vom Engländer in mir, / und wenn ich keine Person bin, so bin ich doch ein Volk.“

[7] V.S. Naipaul in: V.S. Naipaul. Propos recueillis par Aamer Hussein. RIL N° 16. Avr. 1996.

[8] Paul Watzlawick: Gebrauchsanweisung für Amerika. Ein respektloses Reisebrevier. [1978] München, 15. Aufl. 1991, S. 13.

[9] Stephen Greenblatt: Resonanz und Staunen. [1990] In: St.G., Schmutzige Riten. Betrachtungen zwischen Weltbildern. Berlin 1991.

[10] James A. Boon: Other Tribes, Other Scribes. Symbolic Anthropology in the Comparative Study of Cultures, Histories, Religions and Texts. Cambridge 1982.

[11] Boon, a.a.O., S. IX.

[12] Hugo von Hofmannsthal: Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation. Rede, gehalten im Auditorium Maximum der Universität München am 10. Januar 1927. In H.v.H.: Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden, hrsg. v. Bernd Schoeller. Reden und Aufsätze III, Frankfurt 1980, S. 24.

 

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