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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 13-14 / 1998, S. 417-418

 

 

PETRU FORNA, PROBLEME DE TEORIA ªI PRACTICA TRADUCERII LITERARE.

Cluj-Napoca: Editura Studia, 1998, 124 S.



Das kürzlich erschienene Buch des Klausenburger Germanisten Dr. Petru Forna wendet sich durch seine systematische Darstellungsweise sowohl an Übersetzungswissenschaftler als auch an Übersetzer und Studenten der Philologie. In konzentrierter Form vermittelt der Verfasser dem Leser übersetzungstheoretische und -praktische Ergebnisse seiner langjährigen Erfahrungen aus Forschungs-, Lehr- und Übersetzertätigkeit.

Ein besonderes Verdienst ist die Auseinandersetzung mit solchen Bereichen, die von der Übersetzungswissenschaft wegen ihres nur unklar definierbaren Charakters als “Stiefkind” behandelt werden, die aber für den praktischen Übersetzer eine um so größere Rolle spielen: Intuition, Kreativität, Problemlösung, Entscheidungsprozeß und Rolle des Übersetzers. Petru Forna stellt sich der schwierigen Aufgabe genau diese “Grauzonen” kritisch aufzuarbeiten und - trotz der großen Relativität dieser Komponenten des Übersetzervorgangs - einige gültige Regeln aufzustellen, Schlußfolgerungen, zu denen er durch seine eigenen zahlreichen literarischen Übersetzungen aus dem Deutschen ins Rumänische gelangt ist.

Die sehr gute Gliederung des Materials erleichtert dem Leser den Zugang: Jedes der fünf Hauptkapitel beginnt mit einem wissenschaftlich-theoretischen Teil, der die Begriffe zumeist aus interdisziplinärer Sicht definiert und komplexen Fragestellungen unterwirft. Das dieserart aufgearbeitete informationelle Angebot wird konkret auf den Übersetzungsakt angewendet, wobei dieser einer akribischen Analyse aus dieser Perspektive unterzogen wird um die Vielfalt der dadurch auftauchenden Probleme aufzudecken und darüber zu reflektieren. Diese bilden dann den Gegenstand der Schlußfolgerungen, die oft auch konkrete Ratschläge für den Übersetzer erhalten. Schließlich endet jedes Kapitel mit einer Anwendung anhand von Texten aus der deutschen Literatur und ihren empfehlenswerten, bzw. mangelhaften Übertragungen ins Rumänische unter Berücksichtigung des im jeweiligen Kapitel besprochenen Aspekts.

Bei der Auswahl der Texte zeigt der Autor eine glückliche Hand. Neben Fragmenten aus Goethes Faust verwendet er zu diesem Zweck einen kulturell stark markierten Zeitungstext und Borcherts Kurzgeschichte An diesem Dienstag. Diese anspruchsvollen Texte stellen an den Übersetzer die höchsten Anforderungen und können nicht aufgrund gewöhnlicher “Übersetzungsstrategien” übertragen werden. Genau in diesen Situationen, die über den Normalfall herausgehen, sind jene besonderen Fähigkeiten des Übersetzers erforderlich, mit denen sich der Band auseinandersetzt. Wozu der Mangel an diesen, beziehungsweise ihre Nichtbeachtung führt, wird dem Leser auf anschauliche Weise vorgeführt.

Der Verfasser vertritt den Standpunkt, daß eine übertriebene Treue der Form des Originals gegenüber, ein Fehler, der besonders Anfängern auf diesem Gebiet eigen ist, sich meist zu Ungunsten der Übersetzung auswirkt. Das heißt aber nicht, daß wir es mit einem Plädoyer für die ganz auf den Zieltext ausgerichtete Übertragung zu tun haben, die sich kulturspezifische Angleichungen erlaubt (“neaoºizãri”), die entweder nicht der Absicht des Autors des Originaltextes entsprechen konnten, oder aber stilistisch in den Text nicht hineinpassen. Vielmehr ist es die Aufgabe eines guten Übersetzers von Literatur eine ausgewogene Stellung zwischen Ausgangs- und Zieltext, beziehungsweise zwischen Autor des Originals und Leser der Übersetzung einzunehmen.

Da der Übersetzer zum Vermittler zwischen Autor und Leser wird und letzterem den literarischen Text gewissermaßen “durch seine Brille gelesen” bietet, ist es unerläßlich, daß der Übersetzer die Sprache des Ausgangstextes gut beherrscht. Petru Forna spricht sich daher entschlossen gegen jene “Übersetzer” aus, die aufgrund ihres schriftstellerischen Talents, doch ohne jede Kenntnis der Sprache des Originals sich erkühnen aus Rohübersetzungen hochwertige literarische Übertragungen schaffen zu wollen. Zugleich rechnet er mit dem alten Vorurteil ab, daß es einen direkten Zusammenhang zwischen literarischem Talent und der Befähigung zum guten Übersetzer gibt. Die stichhaltigen Argumente, die er anführt, untermauern erneut die anfangs aufgestellte Hypothese, daß auch zum Übersetzen, insbesondere von literarischen Texten, eine spezifische Art von Talent erforderlich ist, das allerdings in der Auffassung des Autors geschult werden muß.

Richtige Einschätzung des eigenen Leistungsvermögens und der Schwierigkeiten, die der Text aufwirft, Erarbeitung einer spezifischen Strategie zur Lösung dieser und eine konstant bleibende Mittelstellung zwischen Ausgangs- und Zieltext unter Verwendung einer kontrollierten Kreativität muß sich auch der talentierteste Übersetzer aneignen um sich der schwierigen Aufgabe des Übersetzens von Literatur zu stellen.

Einen wertvollen Beitrag bilden auch die Besprechungen der Textbeispiele, die in ihrer Art Übersetzungskritik und zugleich Anleitung zum “richtigen” Übersetzen sind, das nicht als einzig gültige Variante verstanden werden soll, sondern als eine Vielfalt von vertretbaren Möglichkeiten, unter denen der Übersetzer die treffendste herausfinden muß.

Im Falle der Faustfragmente (Zueignung, Mephistos Spottlied auf das schuldig gewordene Gretchen, der König in Thule, das Duell aus dem I.Teil und der Chorus mysticus aus dem II.Teil) werden anhand der Übersetzungen von Lucian Blaga und ªtefan Augustin Doinaº die Wichtigkeit der Intuition, Kreativität und der richtigen Entscheidung nachgewiesen. Dabei geht der Autor der Abhandlung kontrastiv vor, indem er den Originaltext mit den beiden Übertragungsvarianten vergleicht. Während Blagas Variante bei einer näheren Auseinandersetzung mit ihr - um mit dem Verfasser zu sprechen - sich als “kongenial” erweist, kommen die Mängel jener von Doinaº zum Vorschein, der einerseits eine größere Formtreue anstrebt, andrerseits sich aber zu eigenständigen dichterischen Bildern hinreißen läßt. Hier erhält die übersetzungskritische Auseinandersetzung satirisch-polemische Akzente. Petru Forna vertritt den Standpunkt, daß es vorzuziehen sei statt übertriebener Formstrenge den Sinn zu bewahren, was Blaga trefflich gelungen ist.

Ebenfalls übersetzungskritischen Charakter trägt auch die Besprechung der von H. Matei stammenden Übersetzung von Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte An diesem Dienstag. Diese im allgemeinen als gelungen gewertete Übertragung dient dem Verfasser des Buches zur Veranschaulichung der Überlegungen über die Rolle des Übersetzers. In den meisten Fällen gelingt es dem Übersetzer den vom Autor des Originals beabsichtigten Sinn im Zieltext wiederzugeben. Die Schwachstellen dieser Übertragung ergeben sich aus der mangelnden Sachkenntnis im Bereich der deutschen Geschichte und des Militärwesens.

Zum Unterschied von diesen Texten, die als vollendete Übersetzungen bereits vorlagen, wird mit Hilfe des im Zeit-Magazin erschienenen Requiem für einen Maikäfer von Thomas Schröder dem Leser Einblick in die Werkstatt des Übersetzers gewährt um das Übersetzen als Problemlösungsoperation zu verstehen. Zu diesem Zweck wird auf persönliche Erfahrung bei der Übersetzung dieses Textes im Rahmen von Übersetzungsübungen mit den Germanistikstudenten der “Babeº-Bolyai”-Universität aus Klausenburg zurückgegriffen. Die Entdeckung der Schwierigkeiten, die der kulturspezifisch gefärbte Text enthält, ihr richtiges Verständnis, das Finden mehrerer Entsprechungen in der Zielsprache, das Abwägen dieser gegeneinander zur Auffindung der besseren, die bewußte Entscheidung für eine Variante und die Verwerfung der anderen, all das wird dem Leser des Buches schrittweise vorgeführt, der auf diese Weise die Arbeit, die sich hinter einer literarischen Übertragung verbirgt, erst richtig einzuschätzen lernt.

Durch die Auswahl der darin besprochenen Problemfelder, deren gründliche wissenschaftliche Aufarbeitung und ihre Praxisnähe ist die neue Abhandlung zum Thema literarische Übersetzung ein empfehlenswertes Buch.

Gundula-Ulrike Fleischer


 

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