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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 1-2 (13-14) / 1998, S. 115-119

 

 

GRETCHENS LIED AM SPINNRAD – ÜBERSETZERISCHE FEHLLEISTUNGEN UND DEREN FOLGEN

FÜR DIE  TEXTDEUTUNG IN DEN RUMÄNI-SCHEN FAUST-ÜBERTRAGUNGEN DES 19. JAHRHUNDERTS

Gundula-Ulrike Fleischer
 

Über Mängel von Übersetzungen bzw. Übersetzungsfehler - insbesondere in der wohl anspruchsvollsten Art der Übersetzung, jener von Literatur - ist zur Genüge geschrieben worden. Wer selbst versucht hat, Literatur, vor allem Versdichtung, zu übertragen, sieht ein, daß der Kritiker oft mit dem Übersetzer zu hart ins Gericht geht, da dieser außer der lexikalisch-semantischen und der grammatikalisch-syntaktischen Ebene auch die klanglich-metrische einzuhalten bemüht ist, was ihm gewisse Kompromisse aufzwingt.

Was allerdings unverzeihlich bleibt, sind die die Textdeutung beeinflussenden Übersetzungsfehler, die dem Leser in der Zielsprache ein verfälschendes Bild des Sachverhalts vermitteln. Die Ursachen dafür können verschiedenartiger Natur sein und reichen von rein sprachlichem Fehlverständnis über literarische Fehlinterpretation und allzu freiem Umgang mit dem Ausgangstext bis zur groben Nachlässigkeit. Da es sich hier bereits um ein ethisches Problem des Übersetzens handelt und die Verantwortlichkeit des Übersetzers vor seinem potentiellen Leser, dem er einen Teil einer anderen Kultur auf diesem Wege zu vermitteln sucht, besonders groß ist, nehme ich mir vor, im weiteren auf diesen Aspekt in einem übersetzungskritischen Versuch einzugehen.

Die zu diesem Zweck herangezogenen Texte sind die drei im vergangenen Jahrhundert erschienenen Übersetzungen von Gretchens Lied am Spinnrad aus Goethes Tragödie Faust. Es handelt sich hierbei um die 1847 im Curierul românesc erschienene Variante Ion Heliade Rãdulescus (1), jene aus dem Jahr 1850 des anonymen Übersetzers in Zimbrul (2) und schließlich die Szene Camera Margaretei aus der ersten vollständigen Übersetzung des ersten Teils der Tragödie von Pogor und Skelitty, erschienen 1862 (3). Alle drei Übersetzungen kennzeichnet eine mangelnde literarische Qualität, was aber nicht exklusiv den Übersetzern angelastet werden muß, es ist vielmehr auf die noch niedrige Entwicklungsstufe der rumänischen Literatursprache zurückzuführen, die noch nicht jenes Reifestadium erreicht hatte, das zur Übertragung von Goethes Werk erforderlich ist. Daher dürfen wir diese Übersetzungen bloß als einen Beitrag zur Bekanntmachung von Goethes Werk für rumänische Leser werten.

Innerhalb der Tragödie kommt der Szene Gretchens Stube die wichtige Funktion zu, Gretchens innere Zerissenheit, die Ruhelosigkeit darzustellen, die ihr das für sie so neue Gefühl der Liebe zu Faust eingibt, und die dann schließlich das Heranreifen ihrer Bereitschaft zur völligen Hingabe an den Geliebten zur Folge hat.

Demgegenüber überwiegen eindeutig in allen drei Übersetzungen der Trennungsschmerz, Gretchens Lied wird zu jenem eines verlassenen Mädchens, an die Stelle ihrer Unruhe tritt das Gefühl von Trauer und Resignation.
Am stärksten ausgeprägt ist diese mangelnde Übereinstimmung bei Ion Heliade Rãdulescu. Das ist nur zu verständlich, da Rãdulescu bei der Übertragung eines Romans von Alexandre Dumas auf das Lied in französischer Übersetzung des Romanciers gestoßen war und es nun aus dem Französischen ins Rumänische übersetzte, ohne noch das Original heranzuziehen (4). Gegen ungerechtfertigte Vorwürfe wegen des sehr freien Umgangs mit Goethes Original verwehrt er sich durch eine Fußnote (5), doch die darin angeführteUnübersetzbarkeit kann man als Argument unmöglich gelten lassen, handelt es sich doch um eine der einfachsten Stellen aus Goethes Faust.

Schon die ersten beiden Verse stellen einen veränderten Sachverhalt dar:

“Rãmâi sãnãtoasã!”
Mi-a zis, ºi s-a dus.

Die Abschiedsszene, in der Gretchen als die Zurückbleibende, Verlassene erscheint und die im Original fehlt, wird als Ausgangssituation heraufbeschworen, wodurch von Anbeginn - im Gegensatz zum Original - das Liebeserlebnis aus der Gegenwart in die Vergangenheit verpflanzt wird und der Schwermut freier Spielraum eröffnet wird.

Daß Gretchen in der Übersetzung von Faust bereits verlassen wurde, bestätigen auch der 2. Vers der IV. Strophe:

Bunul m-a lãsat,

ein Vers, der zwar auch die Deutungsvariante von “bunul” als abstraktes “das Gute” zulassen würde, eine sehr unwahrscheinlich Variante, wenn man in Betracht zieht, daß es im 3. und 4.Vers der XI.Strophe heißt:

De când el se duse
Lumea mi-e mormânt.,

was beweist, daß Gretchens ganzes Denken und Fühlen sich um jene Trennung bewegt.

Zwar erscheinen im 1. und 2. Vers der XII. Strophe Aufforderungen an den Geliebten wiederzukehren:

Ah! vino odatã!
Vino scumpul meu!

und der 1. und 2. Vers der XIII. Strophe ist eine Vergegenwärtigung Fausts:

Faþa ta blondinã
S-o poci contempla,

aber angesichts der vorausgegangenen Trennung können diese Verse der Übersetzung nur als Gretchens Wunschvorstellungen gedeutet werden, die einer faktischen Realität entbehren. Keinesfalls können sie als sinngemäße Entsprechungen zu den letzten beiden Strophen des Originals gelten, wo Gretchens Liebesleidenschaft in sinnlichen Vorstellungen gipfelt:

Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin.
Ach dürft’ ich fassen
Und halten ihn,

Und küssen ihn,
So wie ich wollt’,
An seinen Küssen
Vergehen sollt’!
(Faust, 3406-3413)

Der Unterschied tritt auch durch Gretchens distante Haltung zutage, die für sich nichts weiter als den Anblick des bereits in die Ferne gerückten Geliebten beansprucht.

Die Vorwegnahme der Trennung hat für die Übersetzung noch weitere Folgen. Damit Gretchens Schmerz wegen dem Verlust des Geliebten überzeugender wirkt, erlaubt sich der Übersetzer, auch ihre Liebesnächte zeitlich früher anzusiedeln, wie das aus der X. Strophe ersichtlich ist:

Noaptea rãcoroasã
Ardeam s-o aºtept;
Luna amoroasã
Mi-l vedea pe pept.

und das Bild eines familiären Zusammenlebens Gretchens mit Faust zu entwerfen, wie das in Goethes Faust nie der Fall war und wodurch die Gretchenhandlung richtiggehend verfälscht wird:

Mi-era scumpã casa,
Cãci cu el trãiam;
Mi-era dulce masa,
Cãci cu el ºedeam.

Dieser veränderte Sachverhalt läßt Gretchens Lied zu einer bitteren Klage werden, das sich trotz einzelner Anlehnungen an Textstellen im Original von diesem wesentlich unterscheidet. Das Durchleben widersprüchlicher Zustände, wie sie die Unruhe hervorruft, die den deutschen Text dominiert, erscheint bloß im 3. und 4. Vers der V. Strophe:

Simt ghiaþã în gurã,
ªi arz în foc viu.,

was mit Recht die Frage aufwirft, inwieweit der auf den Kehrreim des Originals anspielende 4. Vers der I. Strophe sich überhaupt noch rechtfertigt:

Pacea s-a rãpus.

Berechtigt ist er nur, wenn der Verlust des seelischen Gleichgewichts durch den Trennungsschmerz gemeint ist, was aber zu bezweifeln ist, es scheint vielmehr eine gedankenlose Übertragung des als wichtig intuierten Verses aus dem Original zu sein:

Meine Ruh’ ist hin,
(Faust, 3374),

der aber im Kontext der Übertragung seine Substanz verliert.

Dafür zeugt Gretchens etwas linkische Selbstdarstellung von der Durchlebung tiefster Trauer in der II. Strophe:

Am perdut vedere,
Lacrãmele-mi tac,
ªi simþirea-mi pere,
Ce-o sã mã mai fac!

Der 3. Vers dürfte eine Anspielung auf zwei Verse des Originals sein:

Mein armer Sinn
Ist mir zerstückt.
(Faust, 3384-3385),

jedoch Goethe verwendet das Substantiv “Sinn” mit der Bedeutung von Bestreben, Wunsch, Absicht, so daß die Konnotation Gefühl, Sinneswahrnehmung, wie sie der Übersetzer gebraucht, wahrscheinlich auf dessen falscher Interpretation fußt. Dies Beispiel ist sehr relevant für die unterschiedliche Gemütslage Gretchens in den beiden Texten. Im Original wird Unruhe suggeriert, in der Übertragung Trauer, bis zum Verlust der Sinne. Das gleiche gilt auch für die III.Strophe:

Fruntea n-o poci þine,
Capul îmi e greu,
ªirul de suspine
Îmi arde mereu.

wovon der 2. Vers erneut eine Anlehnung an zwei Verse des Originals sein will:

Mein armer Kopf
Ist mir verrückt,
(Faust, 3382-3383),

aber wieder den gleichen Unterschied ausdrücken.

Hinzuweisen wäre auch auf eine weitere Fälschung des Sachverhalts in dieser Übersetzung. In einer Gegenüberstellung ihrer Gemütsverfassung zu der Zeit, als sie mit Faust zusammen war, und jener nach der Trennung, behauptet Gretchen im 1. und 2. Vers der VI. Strophe:

Aveam ºi credinþã
Când eram cu el;

Im Original kann Fausts Anwesenheit kaum Gretchen in ihrem streng katholischen Glauben bestärken, denn er ist ein Freigeist, was bei Gretchen Bedenken erweckt, die sie in der Szene Marthens Garten äußert. Außerdem befindet sich Faust ständig in der Gesellschaft des Mephistopheles, den Gretchen intuitiv als den Bösen erkennt und der sie von ihrem Glauben entfernt:

Auch, wenn er da ist, könnt’ ich nimmer beten,
(Faust, 3498).

Auch die 1850 in der Zeitschrift Zimbrul erschienene anonyme Übertragung, die sich selbst im Untertitel als freie Übersetzung (“Traducere liberã”) bezeichnet, stellt weit anschaulicher Gretchens Schwermut in Fausts Abwesenheit dar als ihre Unruhe. Es muß aber gesagt werden, daß der Autor keine Eingriffe in den Handlungsablauf vornimmt, wie das bei Ion Heliade Rãdulescu der Fall ist. Gretchens Trauer und Verzweiflung erwächst der Sehnsucht nach dem Geliebten, den sie mit Sicherheit wieder treffen wird.

Die Liebeserfahrung als solche wird in dieser Übertragung als Leiderfahrung empfunden, die Ruhelosigkeit wechselt in verzweifelte Resignation über, wie das bereits aus dem 3.Vers der I. Strophe ersichtlich ist:

Adio! viaþã pe totdeauna.

Bei der Darstellung der Ferne des Geliebten überwiegen die tragischen Akzente gegenüber dem Original, in dem es sich um momentane Gefühlsregungen handelt:

Wo ich ihn nicht hab’,
Ist mir das Grab,
Die ganze Welt
Ist mir vergällt.
(Faust, 3378-3381)

Demgegenüber sind die Implikationen der Trennung in der Übersetzung für Gretchen weitaus tiefer, von schicksalhafter Dimension, woraus der potenzierte Ausdruck des Leids in der II. Strophe erwächst:

Acolo unde nu-l vãd cu mine
Pustietate, mormânt privesc,
Iar a me soartã o simt pre bine
Cã-i otrãvitã ºi mã sfârºãsc.

Von gleichem tragischem Ausmaß zeugen auch der 1. und 2.Vers der IV.Strophe, die sich als VIII. Strophe wiederholt:

Sufletu-mi n-are mai multã putere
El ca º-o floare s-a veºtezit.

Auch in dem 1. bis 3.Vers der III.Strophe haben wir es eindeutig mit einer Akzentverschiebung von Unruhe zu tiefer Trauer und Melancholie zu tun:

Mi greu tot capul de îngrijire,
ª-un nour parcã mi-o-ntunecat:
Oricare cuget, orice gândire,

was mit der Ratlosigkeit des zum ersten Mal verliebten Gretchens im Original nichts mehr zu tun hat:

Mein armer Kopf
Ist mir verrückt,
Mein armer Sinn
Ist mir zerstückt.
(Faust, 3382-3385)

Die wenigsten Abweichungen vom Sinngehalt des Originals enthält die Szene Camera Margaretei aus der ersten vollständigen Übertragung des ersten Teils von Goethes Faust durch Pogor und Skelitty. Ein Vorherrschen der Trauer, das gegenüber dem Original nicht gerechtfertigt ist, konnte ich im 1. und 2.Vers der IX.Strophe identifizieren:

Se bate peptu-n mine
De doru-i necãjit,

wo die Sehnsucht als schmerzlich empfunden wird. Davon ist in den entsprechenden Versen des Originals nichts zu merken:

Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin.
(Faust, 3406-3407),

vielmehr erscheint die Sehnsucht gepaart mit erotischer Begierde, umso mehr, wenn wir die erste Version dieser Verse berücksichtigen:

Mein Schoß, Gott! drängt
Sich nach ihm hin.
(Urfaust, 1098-1099)

Ebenso gibt es eine Fehlinterpretation in diesem Sinne in den Versen, die auch den früheren Übersetzern Probleme aufwarfen:

Mein armer Sinn
Ist mir zerstückt.
(Faust, 3384-3385)

In der Übertragung entsprechen ihnen der 3. und 4.Vers der III.Strophe:

ªi oriºice simþire
În sufletu-mi s-a stins.,

die die Unruhe Gretchens, die aus dem Gefühlsansturm entspringt, durch Gefühlslosigkeit und Resignation überträgt. Das Substantiv “Sinn” wird fälschlicherweise in seiner Bedeutungskomponente “Gefühl” ausgelegt, was die entstellende Übersetzung begünstigt.

Hier gibt es allerdings auch Stellen, wo die Äußerung der Liebe und das Leidenschaftliche im Vergleich mit dem Original überwiegt. Be-reits im 2. Vers der sich als Kehrreim wiederholenden Strophe heißt es:

S-a dus inima me!

Der Verlust des Herzens ist ein Bekenntnis Gretchens zu ihrer Liebe und kann nicht als Äquivalent zu dem Kummer betrachtet werden, der im Original zum Ausdruck gebracht wird:

Mein Herz ist schwer;
(Faust, 3375).

Auch in dem 1. und 2. Vers der III. Strophe erscheint:

Capu-mi în rãtãcire
De foc este cuprins,

wobei die Hinzufügung im 2.Vers ein eindeutiger Hinweis auf Gretchens Liebesleidenschaft ist, während im Original vielmehr Ratlosigkeit angesichts ihrer Gefühle für Faust zum Ausdruck gebracht wird:

Mein armer Kopf
Ist mir verrückt,
(Faust, 3382-3383).

Gleichfalls wird im 4. Vers der VI. Strophe:

ªi ochiu-i îndrãzneþ!

der entsprechende Vers aus Goethes Faust:

Seiner Augen Gewalt,
(Faust, 3397)

in diesem Sinne umgedeutet. Im Original wird die Macht betont, die Faust auf Gretchen aus-übt, in der Übersetzung wird durch das kühn Fordernde das Erotische unterstrichen.

Abschließend läßt sich feststellen, daß es den Verfassern der ersten integralen Faust-Übertragung noch am besten gelungen ist, den Sinngehalt dieser Szene ins Rumänische zu übersetzen, da sowohl die der Sehnsucht entwachsende Unruhe und Trauer, als auch das erotische Verlangen Gretchens in ihrer Variante dem Original am meisten entspricht.

 


ANMERKUNGEN:

(1) Rãdulescu, Ion Heliade, in Curierul românesc, nr. 19, Bucureºti, 1847, S. 76.

(2) Margarita, anonymer Übersetzer, in Zimbrul, nr. 5, Iaºi, 1850, S. 20.

(3) Faust. Tragedie de Goethe. Tradusã de V. Pogor ºi N. Skelitty, Tipografia lui Adolf Berman, Iaºi, 1862, S. 159-160.

(4) Roman, Ion: Ecouri goetheene în cultura românã, Editura Minerva, Bucureºti 1980, S. 34.

(5) “Neputându-se traduce aceastã baladã ad litteram, punem aci, poate ca ºi autorul, o imitaþie.”

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 1-2 (13-14) / 1998, S. 115-119

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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