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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 13-14 / 1998, S. 434-436

 

 
"Thomas Bernhard und die Weltliteratur.

Intertextualität, internationale Rezeption und kulturelle Perspektiven.

Internationaler Kongreß, Berlin, 16.-20. September1998



 

Der ganze Monat September stand in Berlin im Jahre 1998 im Zeichen des österreichischen Schriftstellers, der sich intensiv und kontrovers mit dem Selbstverständnis seiner Landleute und seiner Heimat auseinandergesetzt und somit in der geistigen Verarbeitung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft neue, unverwechselbare Akzente gesetzt hat. Auch das Verständnis von österreichischer und deutschsprachiger Literatur wurde von Thomas Bernhard neu geprägt. Die Radiographie dieser Literatur und des sie hervorbringenden Landes wurde schonungslos artikuliert: „Eine Provinzliteratur haben wir heute, keine andere…“ Das brachte ihm die scharfe Kritik der eigenen Landsleute, die ihn – wie einst Herta Müller von den Banater Schwaben – als „Nestbeschmutzer“ abtaten. Ein Literaturkritiker aus Spanien bezeichnete ihn 1989 nach seinem Tode als den bedeutendsten realistischen spanischen Schriftsteller. Damit war gemeint, daß Thomas Berhnard bereits zum Maßstab kanonprägender Weltliteratur geworden war.

September galt in Berlin als Thomas-Bernhard-Monat. Die Kette von Veranstaltungen überreichten einander die Stafel: alles stand unter dem bezeichnenden Titel „thomas bernhard. eine einschärfung“ – das will heißen, daß dabei das Bernhardsche Bild des Lesers möglichst schärfer umrissen werden sollte. Eine Fotoausstellung zeigte Thomas Bernhard in seiner Welt, während im Haus des Deutschen Bundestags ein Vortrag von Wieland Schmied die Reihe der öffentlichen Debatten über Bernhard einleitete. Filmische Szenen von und mit Bernhard vermittelte die Filmreihe zu diesem Autor. Lesungen aus seinem Werk, eine Theateraufführung mit dem Weltverbesserer, die Vorstellung eines Bandes über Bernhard sowie ein Gespräch über den „politischen Thomas Bernhard“ ergänzten die ohnehin breite Palette der Veranstaltungen in den erwähnten Tagen. „Wir haben“ – heißt es im Programmheft – „dank der wunderbaren Penetranz und des unerhörten Tones Thomas Bernhards eine Bastion in der deutschsprachigen Literatur, von der wir nach wie vor alle lernen können…“

Der Internationale Kongreß zu Fragen der Rezeption der Werke von Thomas Bernhard im deutschsprachigen Raum sowie in der Welt erfreute sich einer quantitativ und qualitativ hohen Beteiligung. Ein großer Teil der Vorträge befaßte sich mit synästhetischen Aspekten seines Werkes unter Bezugnahme auf die Bereiche Bildende Kunst, Musik, Film, sowie mit Interferenzerscheinungen in der Thematik, Motivik und deren künstlerischer Ausgestaltung innerhalb der deutschen und der Weltliteratur. So wurden Annäherungen versucht zum Werk von Peter Weiss, Proust, Pascal, Elfriede Jelinek, Heimito von Doderer, Ingeborg Bachmann, Charles Péguy, Ibsen, Strindberg, E. A. Poe, Tom Stoppard. Dabei kam oft das paradigmatische Verfahren der Intertextualität zum Tragen. Nach Motivkreisen wie „Erinnerungsarbeit und die Gegenwart der Vergangenheit“, „Krankheit als Metapher“, „Anatomie der Disziplinarmächte“ oder zur Semiotik des Schweigens, zu Text-Räumen, zu Positionen und Strategien und autobiographischen Rudimenten – wie ganze Sektionen genannt wurden, folgten weitere Sektionen, in denen Berhards Auffassung von der Kunst und von der Kanonbildung auch im Zusammenhang mit der barocken (Ioana Crãciun-Fischer, Bukarest) romantischen (Orlando Grossegesse, Braga-Gualtar) sowie mit der weltliterarischen (Gregor Hens, Columbus, USA; Clemens Ruthner, Antwerpen) Texttradition, seine dramatische Leistung und schließlich die Rezeption seiner Werke im Ausland eingehend analysiert und beeindruckend belegt wurden.

In der Sektion „Rezeption im Ausland“ wurden Vorträge gehalten, die für sich und für die erstaunlich breite Wirkung dieses Gegenwartsautors sprechen: die Rezeption im spanischsprachigen Raum wurde von Miguel Saenz (Madrid), im niederländischen Sprachraum von Karl Hupperetz (Haren, NL) und Leopold R.G. Decloedt (Wien), in Japan von Hisako Kuwahara (Niigata-shi), in der Ukraine von Tetjana Komarnytska (Lwiw), in Norwegien von Sverre Dahl (Oslo) und in Rumänien von George Guþu (Bukarest) anhand von diachronen Querschnitten der jeweiligen Nationalliteraturen ausführlich und – oft – epochenbedingt erläutert.

So belegte Karl Hupperetz die „Entösterreichisierung“ der Stücke Bernhards in den Niederlanden, wo diese eine echte Faszination ausübten. Der Autor sei vor allem von der kabarettistischen Tradition in Holland vereinnahmt worden. Leopold Decloedt erklärte besagte Faszination durch das „grimmige Weltbild“ des österreichischen Schriftstellers, wobei er anhand der vorliegenden Übersetzungen ins Holländische einen unübersehbaren „Wertverlust“ sowie eine „verständnislose Kritik“ dazu feststellte. Miguel Saenz erwähnte, in Spanien gäbe es echte Bernhard-Fanatiker, die etwa in einem Dorf eine Zeitschrift („La linea“) herausgeben. Der große Anklang Bernhard in Spanien sei auf die starke barocke Tradition des einheimischen Katholizismus sowie auf die anarchistischen Affinitäten der spanischen Tradition zurückzuführen. Eine nicht unwesentliche Rolle spiele in der Rezeption die zeitbedingten „politischen Sensibilitäten in den bilateralen und internationalen Beziehungen“. Von der ersten, aus dem Französischen angefertigten Übersetzung ins Japanische hätten vor allem die autobiographischen Einlagen der Werke von Bernhard das Interesse der Japaner auf sich gelenkt. Die „Wienwerbung“ in Wittgensteins Neffe beispielsweise führte zur Herausgabe der Erzählung in einem touristischen Verlag. In Osaka bestünde eine Bernhard-Forschergruppe. Bis dato seien in Japan allerdings noch keine Theateraufführungen erfolgt, was nicht zuletzt durch die eigentümliche „Redestruktur“ des Originals zu erklären sei. Nach einem guten interkulturell-herme-neutischen Ansatz gelangte Tetjana Komarnytska zu einem – echt fragwürdigen – Bezug auf die ukrainische Literatur, die „die Unabhängigkeit der Ukraine“ verfochten habe. Ihr Diskurs zeigte eine etwas erheiternde Mischung von ideologischen Reminiszenzen und aktuellen modernen Methodenansätzen. Sverre Dahl wies nach, daß Bernhard in Norwegen zu einem „Kultautor“ geworden, der unter „Selbstschreibenden“, also als „Autor der Autoren“, als „Identifikationsfigur für Schreibende“ bekannt sei, wobei deren Interesse seiner „postmodernistischen Schreibweise“ gelte. Als Fazit von George Guþus Recherchen kann folgende Stelle seiner Ausführungen betrachtet werden: „Mit zunehmender Nervosität mußten wir bedauerlicher- und ärgerlicherweise feststellen, daß die Rezeption der Werke von Thomas Bernhard 1979 in unserem Land zwar vielversprechend – und zwar durch eine recht gelungene, in der Kritik allerdings etwas umstrittene Theater­aufführung von Minetti – ein­setzte, jedoch nur durch noch ein Intermezzo im Jahre 1982 fortgesetzt worden ist. Nach 1982 herrschte totale Funk­stille in Sachen Rezeption Bernhardscher Werke in Rumänien. Die angesehendsten Literatur­zeitschriften gerieten nach der Wende in den Sog politischer Streitigkeiten. Ein dritter Rezeptionsmoment wäre Mitte der neunziger Jahre zu verzeichnen, da Bernhard auch die Aufmerksamkeit der rumänischen Germanisten auf sich zu lenken vermochte. Es besteht die Hoffnung, daß die Germanisten in unserem Land demnächst ton­angebend sein werden und die Rezeption der Werke von Thomas Bernhard in Rumänien mit mehr Kraft voran­treiben werden.”

Die dabei vielfältig veranschaulichte internationale Wirkung des Bernhardschen Werkes ist nicht zuletzt auf die Allgemeingültigkeit der von ihm angegangenen Themen zurückzuführen. Eine besondere Anziehungskraft übte dabei seine oft unkonventionelle, den allgemeinen, flachen Erwartungshorizont sprengende sprachliche Ausdrucksweise, die an die Übersetzer hohe Anforderungen stellt. Obwohl im österreichischen Problemfeld fest verankert, obwohl seine Kritik genau bestimmbaren Mißständen in der Geschichte und Gegenwart Österreichs gilt, so empfinden Leser im Ausland die Welt seiner Schriften als Teil ihrer eigenen Welt, so daß Werke dieser Art eine hohe menschliche Repräsentanz in Anspruch nehmen können. Deshalb heißt es im Programmheft: „Obwohl insbesondere seine Romane und Theaterstücke österreichische Tradition, Geschichte und Ideologie mit sich führen, fühlt sich die europäische und außereuropäische Literaturöffentlichkeit von seinen Texten angesprochen und betroffen.“ Das ist die Kehrseite seines hohen und wachen Interesses für die „Geistesmenschen“ der Weltliteratur, die er gelesen, geachtet und nicht zuletzt sich zum Vorbild genommen hat.

Die ausgezeichnete Organisation durch das Berliner Literaturhaus und durch die Mitarbeiter von Prof. Dr. Hartmut Eggert von der Freien Universität, die offene und anregende Atmosphäre dieser Septembertage, die Diskussionen und die dabei angeknüpften Kontakte gestalteten den internationalen Thomas-Bernhard-Kongreß zu einer niveauvollen Kulturveranstaltung.

George Guþu

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 13-14 / 1998, S. 434-436

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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