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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 13-14 / 1998, S. 437-439

 

 
LITERATURFORUM OST-WEST.

DEUTSCH-RUMÄNISCHE LITERATURBEZIEHUNGEN,  

Düsseldorf, 4.-6. November 1998



 

Das angesehene Gerhart-Hauptmann-Haus, das Kulturamt der Landeshauptstadt Düsseldorf, das Literaturbüro NRW und die Heinrich-Heine-Universität luden zum zehnten Mal zu einem „Literaturforum Ost-West“ ein. 1998 von dem zuerst genannten Veranstalter initiiert, entwickelte sich das Treffen zur einzigen literarischen Veranstaltungsreihe in Nordrhein-Westfallen, „vielleicht auch in ganz Deutschland“ – wie es im Prospekt heißt – „die sich konsequent, nun nahezu ein Jahrzehnt dem Literaturaustausch der Deutschen mit ihren östlichen Nachbarn widmet und dabei Autoren, Übersetzer und Literaturwissenschaftler jeweils aus einem ostmitteleuropäischen Land mit ihren deutschen Kollegen zusammenführt zu gemeinsamen Lesungen, Vorträgen und Werkstattgesprächen. “Der dabei zustandegekommene Dialog gestaltete sich von Jahr zu Jahr zu einer willkommen notwendigen Voraussetzung für zunehmende Rezeptionsvorgänge auf beiden Seiten, so daß dadurch nicht nur die Literaturkontakte, sondern auch die übersetzerische und wissenschaftliche Forschung wesentlich angeregt werden konnten. Die „Banater Post“ vom 20.10. 1998 faßte die Leistung des Forums wie folgt zusammen: „Literatur und Politik in Ost und West, die Schwierigkeiten beim Übersetzen und Publizieren, vor allem die Frage, wie denn der immer noch spärliche Literaturaustausch der deutschen mit ihren östlichen Nachbarn verstärkt werden könnte, waren über mehrere Jahre konstante Themen der Düsseldorfer Autorenbegegnungen.“

Zugleich machte das Forum eine Entwicklung von den oft heftigen, sehr zeit- und ereignisbedingten Auseinandersetzungen in den Jahren unmittelbar nach der Wende bis zu neuen Einsichten in die künstlerisch-literarischen Prozesse der sich neu formierenden Literaturen in den ostmitteleuropäischen Ländern durch. „Spielten inhaltlich zunächst die Verarbeitung der der jüngsten Geschichte und die Nachwirkungen der staatlichen Zensur eine große Rolle, steht heute die neue Situation der Autoren in osteuropäischen Ländern, speziell auch in Rumänien, im Mittelpunkt“ – sinniert Kristina Hellwig in der „Rheinischen Post“ vom 3.11.1998. Grenzübergreifende, also globalisierende Trends wurden dabei ebenso deutlich wie die Notwendigkeit, die regional bedingte, aber auch historisch gewachsene Vielfalt innerhalb des Internationalisierungsprozesse zu bewahren, damit unverwechselbare Identität nicht in verschwommener Idealität eingeht.

In diesem vielstimmigen Chor hat Rumänien „kulturell und literarisch viel zu bieten“, schreiben die Veranstalter: „Das zeigte eindrucksvoll die Leipziger Buchmesse im März d.J.“

Die Veranstaltung verlief in zwei sich deutlich voneinander unterscheidenden, zugleich aber sich einander ergänzenden Richtungen: Auf der einen Seite standen die namhaften Autoren mit ihrer gewichtigen, bleibend-bewahrenden literarischen Produktion, auf der anderen die „Diskutanden“ von Beruf, d.h. die Literaturwissenschaftler und Übersetzer, mit einem anderen Wort die „Mittler“.

In der ersten Kategorie waren vertreten: Ana Blandiana, Mircea Dinescu, Petre Stoica, Joachim Wittstock, Carmen Francesca Banciu – von rumänischer – und Werner Söllner, Dieter Schlesak, Werner Dürrson, Barbara Bongartz, Thomas Hoeps – von deutscher Seite. Die Lesungen gestalteten sich zu echten Höhepunkten der Veranstaltung, die in den nächsten Tagen in der deutschen Presse durch Berichte und Stellungnahmen gewürdigt wurden. So schrieb Iris Müller in der „Westfällischen Zeitung“ am 6.11.1998: „Prominente Besetzung bereits zum Auftakt des Ost-West-Forums: Mit Mircea Dinescu eröffnete einer der herausragenden rumänischen Autoren der Gegenwart das dreitägige Literatentreffen mit einer Lesung im Palais Wittgenstein. Ihm zur Seite sein Freund und exzellenter Übersetzer Werner Söllner mit eigenen Gedichten.“ In der Rückschau wurde die existentielle Dominante des Schreibprozesse im Osten hervorgehoben: „Schärfer noch als damals die Zensur schreckt heute der Markt. Dabei geht es gar nicht primär um den Büchermarkt, sondern um einen wirklich primären, auf dem die Mittel zum täglichen Leben gehandelt werden. Ließ sich im staatlich diktierten, aber auch subventionierten Kulturbetrieb vom Schreiben noch leben, so hängt heute der Brotkorb höher, als Literatur sich jemals erheben kann“ – meint Georg Aescht in der „KK“ vom 20. Dezember 1998. Petre Stoicas Gedichte – in der zerebral gesteuerten, gegenstandsgetreuen und zugleich kreativen Übersetzung von Dieter Schlesak – überzeugten erneut durch ihren modernistischen Duktus, während Ana Blandianas betont lyrisch vorgetragene Gedichte mit ihrer echten Verschmelzung von Bürgerpflicht und Dichterneigung – auch sie in der subtilen Übertragung eines Meisters des lyrischen Metiers, Franz Hodjaks – gleichermaßen Herz und Verstand der zahlreichen Hörer anzusprechen vermochten. Von den deutschen Autoren ragten Werner Dürrsons in klassischem Versmaß verfaßte Rumänische Elegien hervor, die in regeltreuer Gestalt Schattenseiten der kulturell traditionsreichen geistigen Landschaft dieses Breitengrades vor den betroffenen inneren Augen der Anwesenden heraufbeschworen. Joachim Wittstock gewann wie immer seine Hörer durch die eingenwillige Verflechtung von Zartbesaitetheit und inhaltlich-gedanklicher Ernsthaftigkeit.

Die zweite Kategorie wurde durch die sich unter den oben Genannten befindlichen Übersetzer wie Petre Stoica, Dieter Schlesak oder Werner Söllner, aber auch durch Übersetzer und Literaturwissenschaftler in Personalunion wie Peter Motzan, Cornel Ungureanu, Walter Engel, Gertrude Cepl-Kaufmann, Michael Serrer oder George Guþu vertreten. „Die wissenschaftlichen Vorträge zu den deutsch-rumänischen Literaturbeziehungen sowie über die rumänische Gegenwartsliteratur und Aspekte der rumäniendeutschen Literatur wurden im Rahmen des Literaturforums Ost-West 1998 an der Heinrich-Heine-Universität von Prof. Dr. George Guþu (Bukarest), Prof. Dr. Cornel Ungureanu (Temeswar) und Dr. Peter Motzan (München) gehalten. Moderiert wurden die Veranstaltungen an der Universität von Dr. Gertrude Cepl-Kaufmann” – heißt im ausführlichen Bericht im Heft 1/1998 des “West-Ost-Journals”, das vom Gerhart-Hauptmann-Haus herausgegeben wird. Der erstere legte “eine umfassende Übersicht über die Übersetzungen aus der deutschen Literatur ins Rumänische und aus der rumänischen Literatur ins Deutsche nach der Wende in Rumänien” vor, Ungureanu “sprach über die rumänische Gegenwartsliteratur und den Literaturbetrieb in seinem Land” und Motzan “setze sich mit rumäniendeutscher und rumänischer Lyrik der siebziger und achziger Jahre auseinander, unter dem Aspekt ‚Minderheitenliteratur als Schrittmacher‘”. (ebd.)

Immer wieder, aber systematisch und eindringlich auf einem Podiumsgespräch wurde der Gedanke artikuliert, daß die Existenz rumäniendeutscher Autoren und Übersetzer für die Rumänisch schreibenden Autoren eine Chance darstell, die bei weitem noch nicht ganz zum Tragen gekommen ist. Zwar taten und tun weiterhin die aus Rumänien stammenden rdeutschen Freunde Wesentliches zur gegenseitigen Förderung der zwei Literaturen, doch das Potential ist noch lange nicht erschöpft.In den Diskussionen wurde ständig die Angemessenheit der übersetzerischen Leistung, die Literaturbeziehungen schaffen und ausbauen helfen: “Diese entscheidende Frage der angemessenen Vermittlung von Literatur in der Sprache des Anderen und die Vielfalt der sprachlichen Gestaltungsformen bei den rumänischen, deutschen und rumäniendeutschen Autoren, nicht zuletzt auch die unterschiedlichen Lebenswelten und politischen Erfahrungen der Autoren aus Rumänien und Deutschland ließen das Literaturforum zu einem gleichsam vielfarbigen literarischen Mosaik werden, dessen gemeinsamer Grundton vom redlichen Versuch des gegenseitigen Verstehens geprägt war.” (ebd.) Besonders angenehm fielen die Gastfreundschaft, die gekonnte, fachlich exzellente Moderation und der menschliche Umgang von Michael Serrer sowie des Hausherrn, Dr. Walter Engel, auf. Dadurch trugen sie auch unmittelbar, persönlich zum guten Gelingen des Düsseldorfer Treffens bei.

Das in der Tat auch deswegen als gelungen zu bezeichnen ist, weil es sachliche, wenn auch stellenweise schmerhafte Auseinandersetzungen ermöglichte. Es ging dabei erwartungsgemäß um die Bewältigung der früheren und jüngsten Geschichte: “Was alle umtreibt” – riß George Aescht diese Problematik knapp auf – , “ist die junge und jüngste Vergangenheit, die niemand ohne Blessuren bestanden hat. Aber auch die schon Geschichte geglaubte Zwischenkriegszeit, etwa die vereinzelten, doch nicht minder erschreckenden Äußerungen eines Mircea Eliade oder Emil Cioran zum damaligen Geschehen, stehen zur Debatte, und die Verspätung, mit der diese in Gang kommt, macht sie nur umso komplizierter. Möglich ist ein Erfolg nur unter der Bedingung der Offenheit, mit der man sich auch den Fragen zur eigenen Haltung in den Jahren verordneten Lügens und Verschweigens stellt. Selbstzweifel, wie sie beispielsweise Ana Blandiana zur Rolle der Schriftsteller unter Ceauºescu leise fragend äußert, rücken sie in überraschende Nähe zu Werner Söllner, der mahnt, daß jeder mit der Vergangenheitsbewältigung bei sich selber anzufangen habe.”

Auch diesmal stellte das Düsseldorfer Ost-West-Forum sein anpruchsvolles literarisches und wissenschaftliches Niveau von überregionaler Resonanz unter Beweis.


George Guþu

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 13-14 / 1998, S. 437-439

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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