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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 394-400

 

 

DAS WAR LENIN ODER DAS ENDE EINER SOZIALEN UTOPIE

Henner Barthel




Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Staaten (in Europa) sind auch ihre Marxistisch-Leninistischen Doktrinen untergegangen. Wir erleben die beispiellose Auflösung einer Gesellschaftsdoktrin (Hochideologie), die den Rang einer weltweiten “System-Alternative” zu den staatstragenden Ideen der freiheitlichen Demokratien im Westen gewonnen hatte (Schreckenberger 1992, 18). Merkwürdigerweise scheinen nicht nur manche im Osten der verlorengegangenen Tradition des Sozialismus nachzutrauern (z.B. Ziegler/Costa 1992). Besonders laut klagen linke intellektuelle aus dem Westen: Worauf sollen wir hoffen, wenn “der Sozialismus” gescheitert ist? Ihr ehemaligen DDR-Bürger habt unsere soziale Utopie zerstört und die edelsten europäischen Traditionen gefährdet! Ihr habt euch eurer welthistorischen Mission, einen echten Sozialismus als Alternative zum Kapitalismus zu entwickeln, entzogen und seid zur D-Mark übergelaufen! Nun gehört ihr auch zu unserem System, das seit 500 Jahren mordet! Ist denn nicht wenigstens ein Stück Marxismus-Leninismus als kritische Alternative zur bestehenden Gesellschaftsordnung zu retten usw.? Trotz einiger Vorbehalte hatte ja der Westen immer wieder lobend hervorgehoben: die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln, ihre Überführung in Volkseigentum und die zentrale Planwirtschaft. Diese ökonomische Umwälzung sollte die Produktivkräte befreien, den Mangel beseitigen und gleichzeitig “den neuen Menschen” hervorbringen, die Kriminalität verschwinden und alle menschlichen Fähigkeiten voll entfalten lassen.

Wir können die Akte “Marxismus-Leninismus” unmöglich beiseite legen, ohne eine Klärung versucht zu haben, was daran verkehrt war. Die bekannte Feuerbach-These von Karl Marx (MEW 3, 7) lautet: “Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.” Das ist keine programmatische Floskel - es ist der Maßstab für das Marxistisch-Leninistische Gesamtwerk, für die Entschlossenheit, die Menschen mit allen Mitteln (auch mit denen der Gewalt!) zu ändern. Wie die Geschichte lehrt, kommt es allerdings nicht bloß darauf an zu verändern, sondern zu interpretieren, also zu verstehen, was geschieht (Schröder 1991, 18). Wenn wir aus der Auflösung dieser Gesellschaftsdoktrin Erfahrungen gewinnen wollen, dann müssen wir uns mit ihrem Hauptthema auseinandersetzen: das ist die Ideologie des Marxismus-Leninismus, in deren fester Sprache kaum lebendiges Denken möglich gewesen ist. Neben dem Glauben an die geschichtsbewegende Kraft der Gewalt sind die herausragenden Merkmale der Marxistisch-Leninistischen Ideologien der dogmatische Legitimationsanspruch und die Agitation unt Propaganda, als eine Form kommunistischer Herrschaftsrhetorik. Mißlingt die Auseinandersetzung, besteht die Gefahr, daß der Marxistisch-Leninistische Dogmatismus von einem theorielosen hedonistischen Aktionismus abgelöst wird, der wiederum nichts auf das genaus deliberativum des beratenden und verhandelnden Gesprächs gibt. Es ist zu befürchten, daß der Untergang der Marxistisch-Leninistischen Ideologie zum Aufbruch für neue doktrinäre Legenden gerät.

Wollen wir die Ideologie (Ideo-Logik) des Martismus-Leninismus verstehen und uns mit ihr auseinandersetzen, ist an der “sozielen Frage” des Proletariats aus dem vergangenen Jahrhundert anzuknüpfen. Sie hat die Gewerkschaftsbewegung und die sozialdemokratischen Parteien (Scröder 1991, 18), aber auch die kommunistischen Parteien befördert. Diese gehen auf die Bolschewiki zurück, die sich unter der Führung W. I. Lenins von der russischen Sozialdemokratie abgespalten hatten. Nach der Beseitigung des Zaren in der Märzrevolution von 1917 stürzten die Bolschewiki die provisorische Regierung A. F. Kerenski in einem Handstreich (das war die sog. “Oktoberrevolution”). Sie haben dann die Arbeiter- und Soldatenräte ausgeschaltet, die frei gewählte verfassungsgebende Versammlung (in der die Bolschewiki in der Minderheit waren) mit ihrer Roten Armee auseinandergetrieben und in einem brutalen Bürgerkrieg endgültig die Macht erobert. (Diese machttaktischen Strategien bewegten sich durchaus im Rahmen der Gründerwerke des Marzismus!) Die Oktoberrevolution löste die Gründung der KPdSU als zentrales Machtinstrument aus (Altrichter 1986, 19 ff.). Die Ideologie und Praxis der in der “Partei neuen Typs” organisierten Berufsrevolutionäre (das ist der unter J. W. Stalin kodifizierte Marxismus-Leninismus) ist durch eine Reihe von Elementen gekennzeichnet:

- Recht und Gerechtigkeit sind für den Marxismus-Leninismus keine leitenden Kategorien (“Was Recht ist, bestimmen wir!”).
- Dafür bestimmt das Glück als “die vollständige Befriedigung der wachsenden Bedürfnisse” das “revolutionäre” Ziel.
- Dieses Ziel wird durch die alles beherrschende Perspektive des Kampfes und die ausdrückliche Unterordnung der Moral unter die Interessen des Klassenkampfes in Theorie und Praxis erreicht.
- Der im Inland wie im Ausland zu bekämpfende Feind ist der “Imperialismus”, der seit Lenin als “faulender Kapitalismus” bezeichnet wird.

Der Partei der Arbeiterklasse (des Proletariats) kommt dabei die Führungsrolle zu, weil sie durch ihre “welthistorische Mission” (s. Lenin-Werke 29, 503 f.) zur Diktatur legitimiert ist. An die Stelle demokratischer Legitimation durch Wahlen tritt also die “Legitimation durch eine Geschichtstheorie” (Schröder 1991, 19) vom gesetzmäßigen Entwicklungsgang der Menschheitsgeschichte, von der sog. Urgesellschaft bis zum Kommunismus.
Die Kompetenz der kommunistischen Partei und ihres Politbüros ist unüberbietbar, weil sie die wissenschaftliche Weltanschauung besitzt, den Marxismus-Leninismus. Er gibt der Partei die Gesetzmäßigkeiten in Natur und Gesellschaft anwendungsbereit vor, er ist sozusagen der Nachfolger des Hegelschen Weltgeistes.

Der M.-L. (Marxismus-Leninismus; H.B.) ist die theoretische Grundlage für die praktische Tätigkeit der kommunistischen und Arbeiterparteien, er begründet die Strategie und Taktik des proletarischen... Klassenkampfes und des sozialistischen und kommunistischen Aufbaus und dient so als Mittel zur praktischen revolutionären Veränderung der Welt. (Kosing 1985, 326)

Der dogmatische Legitimationsanspruch des Marxismus-Leninismus ist selbst auf den privaten Bereich ausgedehnt, er ist letztlich ubiquitär (“Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist.”).

Um die Legitimation wirksam zu erhalten, wurde eine zentrale Überredungsverwaltung nötig, die ‘Agitation und Propaganda’. Agitation und Propaganda meint/umfaßt die Legitimationskommunikation in der sozialistischen Gesellschaft; sie ist für die parteilich rhetorische Kommunikation mit zuständig. In einem Prozeß der permanenten Schulungen und der sklavischen Gängelung des offiziellen Sprachgebrauchs sollte der “neue Mensch”, “die allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeit” entstehen. An der Entwicklung der kommunistischen Bewegung formulierten die Arbeiten von Marx, F. Engels und Lenin, die Beschlüsse der I. Internationale und die Dokumente der III., Kommunistischen Internationale die wichtigsten Losungen der Agitation und Propaganda. Sie konkretisieren deren Ziele und Aufgaben entsprechend den aktuellen Anforderungen des revolutionären Kampfes. Die Hauptaufgabe bleibt jedoch immer dieselbe:

Die politische Organisation und die ideologische Einigung der Werktätigen unter Führung der Arbeiterklasse zur Durchsetzung ihrer grundlegenden Klasseninteressen. (Apresijan 1973, 7).

Dabei wird den Prinzipien der Marxistisch-Leninistischen Agitation und Propaganda besonderes Gewicht verliehen (Apresjan 1973, 11 ff.): ihr dialektisches Wesen, ihre Wissenschaftlichkeit, Wahrheitstreue, Einheit von Theorie und Praxis, Parteilichkeit, Lebensbezogenheit, Klarheit und Differenziertheit. Alle diese Prinzipien hat der Agitator/Propagandist in den unterschiedlichen Kommunikationsformen unbeding zu verwirklichen.

Die Kunst eines jeden Propagandisten und eines jeden Agitators besteht eben darin, einen gegebenen Hörerkreis auf die beste Weise zu beeinflussen, indem er eine bestimmte Wahrheit so darstellt, daß sie für diesen Hörerkreis möglichst überzeugend ist, dieser Kreis sie sich möglichst leicht zu eigen macht, sie für ihn möglichst anschaulich und fest einprägsam ist... (Lenin-Werke 17, 330)

Die Massenkommunikationsmittel werden zwar “zu einem der wichtigsten und schärfsten Waffen im Klassenkampf gegen den Kapitalismus, für den Aufbau des Sozialismus und Kommunismus” (Stoljarow 1970, 54) erklärt. Andererseits betrachtet Lenin selbst die mündliche Kommunikation als eine besondere Art schöpferischer, politischer und organisatorischer Tätigkeit.

Das Arsenal der Mittel und Methoden, deren man sich bedient, um die Hörer durch mündliche Ausführungen zu interessieren, ist unerschöpflich. (Tjapkin 1973, 12)

Die parteilich rhetorische Kommunikation erfaßt alle sozialen Bereiche, und die ‚Macht der Rede’ findet auf allen Ebenen statt, als bestimme das Bewußtsein das gesellschaftliche Sein: am Arbeitsplatz, im Erziehungwesen, im Kultur- und Wissenschaftsbetrieb. (Damit stand die Praxis der Überredungsverwaltung allerdings im Gegensatz zur Theorie: Die neue, die erste “humanistische” Gesellschaft sollte ja durch eine neue ökonomische Basis entstehen, die dann “gesetzmäßig” das neue, das “sozialistische” Bewußtsein bedingen mußte.) Die kommunistische Herrschaftsrhetorik erzwingt einen Einheitscodes der individuelle Abweichungen ohne weiteres kenntlich mncht. Die Ausdehnung der staatlichen Einübung bis in den privaten Bereich hinein beschädigt aber Eigeninitiative, Individualismus und eine Grundbedingung des Zusammenlebens - das persönliche Vertrauen. Agitation und Propaganda ist nicht nur Ausdruck einer missionarischen Ideologie gewesen, die den sozialen Fortschritt durch tiefgreifende Veränderungen (des politischen Systems und sozialer Institutionen wie Eigentum, Recht und Gerechtigkeit, Moral usw.) und durch Gesinnungsdruck erzwingen wollte. Agitation und Propaganda enisprang vor allem der Angst der “Revolutionäre”, die gewonnene Macht - mangels Zustimmung der Bevölkerung - wieder zu verlieren.

In der Formel von der ‘Macht der Rede’ ist nicht nur in übertragenem Sinn von der ‘Macht’ die Rede, sondern politisch konkret von der Ausübung der Macht durch die sprachmächtigen Herrschenden, die sie ausüben können, solange ihnen Massen von Hörenden oder - im pervertierten Sprachrest - von Gehorchenden oder ohnmächtig Hörigen ausgeliefert sind. (Geißner 1986, 118)

Zweifellos lag ein Großteil der Macht in den Händen Lenins, jenes Mannes,

der durch Wort und Tat die Erhebung der namenlosen Masse auslöste, die mit Elementargewalt das jahrhundertealte Joch abschüttelte, freilich nur, um alsbald den Nacken unter ein neues, noch viel härteres Joch beugen zu müssen. (Wetter 1952, 124)

Von der Wirksamkeit der Rede Lenins künden zu Lebzeiten die Dichter M. Gorki und W. Majakowski. Generationen von Literatur- und Sprachwissenschaftlern versuchen die beispielgebende Sprachgewalt und rhetorische Kunst Lenins an Hauptwerken sozialistischer Programmatik und Gesellschaftsführung nachzuweisen (1). Tynjakow (Schklowski/Tynjakow u.a. 1924/1970, 1) formulierte als Fazit der Arbeiten:

Lenins polemische Prinzipien, die im revolutionären Kampf entstanden, waren eine Revolution auch auf dem Gebiet der Rhetorik und des Zeitungsstils.

Die Gesellschaften “Znanie” (in der UdSSR) und “Urania” (in der DDR) sorgten später für die populärwissenschaftliche Verbreitung der sprachlichen, sprecherischen und rhetorischen Erfahrungen des großen “Revolutionsredners” Lenin (s. beispielsweise Alexjenko 1979, Apresjan 1974, Dudel’ 1973 u. Tilch 1980). (Beispiele für den Einfluß sowjetischer Agitation und Propaganda auf die DDR geben: Kurka 1971, Kurka/ Stötzer 1970 u. Stötzer 1975; einen kritischen Erklärungsansatz versucht Beck 1991, 188 ff.) Erst mit der Auflösung des Marxismus Leninismus ist es möglich, die ‘Macht der (kommunistischen) Rede ‘ aufzubrechen und ihr Gegenstück - die ‘Ohnmacht der Unmündigen’ (Geißner 1986, 119) - in Prozessen sozialen Lernens beseitigen zu helfen.

Neueste Untersuchungen an der Humboldt-Universität zu Berlin zweifeln die seit mehr als 70 Jahren gerühmte rednerische Meisterschaft Lenins wenigstens in einigen wesentlichen Punkten an. Untersuchungskorpus bildete die Rede Lenins Die III., Kommunistische Internationale (Lenin, 29, 228 f.). Darin ruft der “Führer der Weltrevolution” die Werktätigen aller Länder auf, sich zusarmnenzuscharen und sich im internationalen Kampfbund der Arbeiter - in der III. Internationale - zu organisieren. Die Rede bot sich an, weil sie in der kommunistische und internationalen Geschichte der Arbeiterbewegung einen herausragenden Platz eingenommen hat, und weil sie auf Grund ihrer Dauer (von 3 Min) und Überlieferung als Schallplattenaufnahme (gesprochen Ende März 1919) auch sprecherisch analysierbar ist. Im Folgenden handelt es sich um den ersten Versuch einer Ergebnisdarstellung (Analyse - Interpretation - Kritik) des Teils, der für den Rezipienten unmittelbar nachvollziehbar ist. (Eine Gesamtanalyse nach sämtlichen sprachlichen, sprecherischen und rhetorischen Kriterien - unter Anwendung quantitativer und qualitativer Methoden - liegt außerhalb der Möglichkeiten dieser Publikation.)

 

1. Sprachliche Analyse

Gesamtwortzahl (im Russischen)              250

Gesamtsatzzahl                                            21

mittlere Wortanzahl pro Satz                      12

Verben                                                     13 %

Adjektive, Adverbialpartizipien, Adver-

bien                                                          15 %

Konjunktive, Partikeln, Pronomina         27 %

Substantive, Numeralien                          45 %

                                                               100 %

 

Die Satzarten sind wie folgt verteilt:

Satzgefüge                                                     2

Satzverbindungen                                          3

einfache zweigliedrige Aussagesätze          16



In der Einleitung und im Hauptteil werden die Verben überwiegend im Präteritum verwendet; im Schlußteil wird die Gegenwart durch den “vollendeten Aspekt” und durch das Präsens wiedergegeben; der Schlußsatz zeigt das Futur an. Im 11. Satz /s. Anhang/ gebraucht Lenin (fälschlich!) den “vollendeten Aspekt” statt des “unvollendeten Aspekts”. (Das ist bemerkenswert, weil doch der Wortlaut schon vor der Aufzeichnung auf die Schallplatte festgeschrieben war.) Die Rede ist gekennzeichnet durch eine ausgeprägte nominale Ausdrucksweise, eine einfache Syntax und den Gebrauch mehrerer Partizipialattribute, die der Raffung des Textes dienen könnten. Auffällig nimmt sich demgegenüber die klischeehafte Metaphorik aus: z.B. ‘massy rabocich’ /13. Satz/, ‘igo kapitala’ /18. Satz/ und ‘(imperialisticeskaja) bojnja’ /12. Satz/; ebenso die Verwendung emphatischer Ausdrücke: z.B. ‘vojna, zalivsaja zemlju krov’ju...’ /11. Satz/, sowie der Gebrauch umgangssprachlicher Varianten: z.B. ‘gerojskij’ /4. Satz/. Alle diese sprachlichen Erscheinungsformen - wie sie für sehr viele Reden Lenins typisch sind - wollen dem (auch) sachbetont-informativen Charakter der Rede (s.u.) so gar nicht entsprechen.

2. Sprecherische Analyse

Die Schallplatte präsentiert einen Redner mit teils belehrendem, teils aufdringlichem Sprechausdruck: mittlere Sprechgeschwindigkeit (ca. 80-85 Wörter pro min); scharfe, hyperkorrekte Artikulation (evtl. liegt ein Rhotazismus vor?); kaum melodische Varianz bei mittlerer Sprechstimmlage; Satzakzentuierung überwiegend am Ausspruchsende; kaum Pausierung; größtenteils laut und außengespannt; Stimme klingt gepreßt und stark nasaliert usw. Die akustische Quelle belegt keinen unmittelbaren Hörerbezug, und daß die Rede eine Schreibe war.

3. Textlinguistische Analyse

Im Vergleich zu anderen Rededispositionen bei Lenin (s. Kurka 1970, 118) ist hier unschwer eine Grobgliederung in fünf Redeteile erkennbar: Einleitung /1. u 2. Satz/; Faktendarstellung /3.-9./; Konfliktdarstellung /10.-12./ Lösungen /13.-20./, deren sprachlichen Indikatoren allerdings eher auf eine Feststellung als auf ein Angebot hinweisen, und der Schlußsatz /21./, die “Pointe”. Das Hauptthema der Rede ist die baldige Errichtung der Sowjetmacht - weltweit. Die Rede weist dominierende Kommunikationslinien auf, die ihre Doppelfunktion kennzeichnen:

- Die sachbetont-informative Funktion (Kommunikationsabsicht)

Die Rede informiert über die Gründung der III., Kommunistischen Internationale und über ihre Einbettung in das historische Umfeld. Die Themenentfaltung ist eine deskriptive, wie es für die Informationsrede typisch ist, d.h., das Thema wird in seinen Komponenten dargestellt und in Raum und Zeit eingebettet.

- Die indirekt-appellative Funktion (Kommunikationsabsicht)

Zie Rede versucht die Überzeugung zu vermitteln, daß die kommende sozialistische Weltrepublik legitimiert sei. Auf den ersten Blick wird sichtbar, daß es in dieser Kommunikationslinie keinen argumentativen Zu-sammenhang gibt und auch keine Verbindung zwischen deskriptiver und argumentativer Themenentfaltung hergestellt wird (Suche Verbindungen sind für politische Reden in Demokratien typisch).

Die Zweiteilung der Redefunktion ist in ähnlicher Weise auch im strukturellen Aufbau der Rede-(z.B. in den Topikketten über die Redegegenstände ‘Kommunisten’ und ‘Internationale’) nachweisbar. Über eine Kette von Lexemen, deren Legitimationsanspruch sich funktionalstilistisch steigert (‘aufbauen’ - ‘hinwenden’ - ‘zugrundegehen’ - ‘ablösen’ - ‘siegen), endet die Rede in einer Prognose, die alle Züge einer dogmatischen Feststellung besitzt: ‘... wir werden die Gründung der Föderativen Weltrepublik der Sowjets erleben’ /21. Satz/. Indirekt-appel-lative Propositionen ziehen sich in mehr /6., 14.16., 21. Satz/ oder weniger /13., 14., 20. Satz/ reiner Form durch die ganze Rede.

Insgesamt erinnert sie an eine (liederliche) Gerichtsrede (genos dikanikon / genus iudiciale), wie sie für die antike Rhetorik, besonders für die spätantike Schulrhetorik das prägende Paradigma gewesen ist. Der vorzeitig exmatrikulierte Jura-Student an der Kasaner Universität und spätere Anwalt Uljanov / Lenin bedarf nach zwei Jahren der Machtübernahme keiner Argumente mehr. Der (ehemalige) Anwalt Lenin beurteilt: Er erinnert die Dorer an die Vorgeschichte, stellt den Konflikt dar, erhebt die Anklage. Der “Prophet” Lenin verkündet Wahrheiten, die nur geglaubt und nicht nachgewiesen werden müssen: Er verurteilt die Verräter (die alten Sozialisten) und prophezeit den Sieg (das jüngste kommunistische Gericht).

Die Rede Lenins vermischt Information und Ideologie in demagogischer Weise, weil die mitgeteilten Informationen in keinem ursächlichen Zusammenhang zu den geäußerten Prognosen stehen. Die Aussagen differieren lediglich durch ihre unterschiedliche Paraphrasierung und die allmähliche Steigerung ihres Legitimationsanspruchs. Der Schlußsatz ist nicht gestützt. (Die “Stütze” wird nur simuliert, was sich am Thema und an der Doppelfunktion der Rede nachweisen läßt.) Weil sich die Rede der Sorge um Kausalität entzieht, ist der Charakter der Rede aber ein agitatorisch-propagandistischer im Sinne der Herrschaftsrhetorik. Sie zwingt andere, schließt Zweifel und Widerspruch aus, dogmatisiert. Ein Zeitzeuge Lenins hat einmal bemerkt (zit. bei Cernov 1924/1991, 7):

Er (Lenin; H.B.) ist kein Redner, er ist mehr als ein Redner.

Dem ist ergänzend hinzuzufügen: Lenin ist nicht einmal nur ein beispielloser ‘Agitator und Propagandist’ (s. Krupskaja 1966, 192 ff.) gewesen: In seine aktive Regierungszeit fallen mindestens 280 000 Opfer, die Hälfte förmlich exekutiert, die andere Hälfte bei der Unterdrückung von Aufständen getötet (Katastrophe. . . 1991, 59).
Dem ersten Versuch der kritischen Analyse einer Rede Lenins müssen weitere, auch zu den Epigonen folgen. Auf diese Weise könnte der unheilvolle Mechanismus zwischen dogmatischem Legitimationsanspruch des Marxismus-Leninismus, kommunistischer Herrschaftsrhetorik und ‘Ohnmacht der Unmündigen’ aufgeklärt werden. (Dazu sollten die Aussagen ehemaliger Emigranten aus der Sowjetunion herangezgen werden; z.-B . Berdjaev 1955/1989.)

Das kommunistische Herrschaftssystem bricht in sich zusammen, und die Welt hält den Atem an. Aber was mit dem Zusammenbruch des Systems auf die seit Jahrzehnten gegen Eigeninitiative und Individualismus konditionierten Bürger hereinstürzt, das ist mit westlicher Vorstellungskraft kaum nachzuvollziehen. Die liederlich gedachten Versprechungen einer freieren, besseren und gerechteren Welt in den 20er Jahren, bis in unsere Tage blieben zwn großen Teil unerfüllt. Dieses System gewährte Gleichheit als letzte klägliche Gerechtigkeit und soziale Sicherheit um den Preis der Freiheit, der Wahrhaftigkeit und deshalb der Würde. Nun hinterläßt es nicht nur ein politisches Machtvakuum wie andere Imperien, es hinterläßt auch verzweifelte und machtlose Menschen.

Die Menschen im zerborstenen Sowjetreich fühlen sich aus ihrem Paradies der ärmlichen Gleichheit vertrieben. (Schmidt-Häuer 1992, 3)

Für die meisten von ihnen zerbricht mit der kleinen Gleichheit, die ihnen jene große Freiheit ersetzte (für die sie sich nie gerüstet hatten), am Ende alles. Die Schwierigkeiten mancher ehemaliger DDR-Bürger mit den ‘Plagen der Mündigkeit’ sind auch ‘Entzugs-erscheinungen des endmündigenden Versorgungsstaates’ (Schröder 1991, 19).

In solchen beispiellosen Ereignissen drücken sich globale Menschheitserfahrungen aus. Sie sind für den Erkenntnisfortschritt und für die künftige Praxis des Zusammenlebens von Völkern und Staaten von immenser Bedeutung. Diese Ereignisse sollten uns daher genügend Anlaß sein, die Chance zu nutzen, um unsere Erfahrungen über die Bedingungen und Grenzen von Gesellschaftsdoktrinen zu erweitern (s.a. Hertzfeld 1992). Es könnte sich um “eine gemeinsame Aufklärungsbemühung” (Zieger 1992, 75) handeln: miteinander herauszufinden, auf welche furchtbare Weise alles - von der Theorie zur Praxis - konsequent und beschränkt gewesen ist, und warum so viele den Fehler so lange nicht gemerkt und weiter an ihm gebaut haben. Das umfangreiche Werk von Marx und Engels enthält zweifelsohne Partien, die vermutlich auch weiterhin befragt werden, z.B. die von G. W. Hegel übernommene Konzeption der dialektischen Entwicklungsgesetze von der Welt. Als ein dogmatisches Instrument der sozialen Veränderung ist die Dialektik gefährlich. Für die wissenschaftliche Analyse kann sie aber nützlich sein, weil sie den Blick auf soziale Widersprüche lenkt. Die Suche nach sozialen Utopien wird mit der Auflösung der Marxistisch-Leninistischen Gesellschaftsdoktrin wohl nicht enden. Es bleibt nur zu hoffen, daß die beispiellosen Erfahrungen den Weg von der “Dialektik der gewaltsamen Auseinandersetzungw zum Gesprach des komplementären Verstehens erleichtern.


Literatur:

 

1. Alexejenko, Michail. 1979. Zu einigen Besonderheiten der agitatorisch-propagandisti-schen Meisterschaft W. I. Lenins. “Urania” 3.

2. Altrichter, Helmut, Hrsg. 1986. Die Sowjetunion 1. München: dtv.

3. Apresjan, Grant S. 1973. Die Marxistisch-Leninistische Propaganda. “Urania” 1

4. Apresjan, Grant S. 1974. Velikij orator revoljucii. Moskva: Znanie.

5. Barthel, Henner, Gerald Neumann, und Sergej L. Tanjanskij. 1992. Rhetorische Untersuchungen zu Lenins “Die III., Kommunistische Internationale”. Arbeitsmaterial. Berlin: HUB, Germ.

6. Beck, Martin. 1991. ‘Rhetorische Kommunikation’ oder ‘Agitation und Propaganda’. St. Ingbert: W. J. Röhrig.

7. Berdjaev, Nikolaj B. 1989, Istoki i smysl russkogo kommunizma. 1989. “Junost’“ 36.11: 80-93.8.

8. Dudel’, Savva P. 1973. O polemiceskom masterstve V. I. Lenina. Moskva: Znanie.

9. Geißner, Hellmut. 1986. Rhetorik und politische Bildung. 3.Aufl. Frankfurt/M.: Scriptor.

10. Hertzfeld, Lothar, Hrsg. 1992. Die Sowjetunion: Zerfall eines Imperiums. Frankfurt/M.: Kerl. für Interkulturelle Kommunikation.
11. (Die) Katastrophe des Kommunismus. 1991. Spiegel-Spezial IV.

12. Kosing, Alfred. 1985. Wörterbuch der Marxistisch-Leninistischen Philosophie. Berlin: Dietz.

13. Krupskaja, Nadeshda K., Hrsg. 1966. Das ist Lenin. Berlin: Dietz.

14. Kurka, Eduard. 1970. Wirksam reden - besser überzeugen. Berlin: Dietz.

15. Kurka, Eduard. 1971. Wirksame Ansprechformen in den Reden und Schriften W. I. Lenins als Ausdruck seiner Massenverbundenheit. “ZPSK” 24.3-4: 261-268.

16. Kurka, Eduard, Ursula Stötzer. 1970. Lenins rednerische Wirksamkeit - Leitbild sozialistischer Überzeugungskraft. Berlin: Parteihochschule “K. Marx” beim ZK; der SED.

17. Lenin, Wladimir I. 1963. Zu den Losungen und zur Gestaltung der sozialdemokratischen Arbeit in der Duma und außerhalb der Duma. Werke 17. 2.Aufl. Berlin: Dietz, 320-330.

18. Lenin, Wladimir I. 1976.: Die III., Kommunistische Internationale. Werke 29. 8.Aufl. Berlin: Dietz, 228 f.

19. Lenin, Vladimir I. 1974. The Third, Communist International. Coll. Works 29. 2.print. Moscow: Progress Publishers, 240 f.

20. Lenin, Vladimir I. 1963. III, Kommunisticeskij internacional. Poln. sobr. soc. 38. 5-e izd. Moskva: Gos. izd. pol.-oj lit.-y, 230f.

21. Lenin, Wladimir I. 1976. Über die Aufgaben der III. Internationale.... Werke 29. 8.Aufl. Berlin: Dietz, 485-504.
22. Marx, Karl. 1969 Thesen über Feuerbach. MEW 3. 4. Aufl. Berlin: Dietz, 5-7.

23. Schklowski, Viktor, Juri Tynjanow u.a. 1970. Sprache und Stil Lenins. Berlin: Volk u. Welt.

24. Schmidt-Häuer, Christian. 1992. Die Freiheit ist sie das Nichts. “Die Zeit” 47.2: 3.

25. Schreckenbergen Waldemar. 1992. Folgt ein Dialog der Dialektik?. “Die Welt” 108: 18.

26. Schröder, Richard. 1991. Was war verkehrt an diesem Sozialismus? “Die Zeit” 46.38: 18-19.

27. Stötzer, Ursula. 1975. Lenins Antwort auf Grundfragen der Rhetorik. Was und Wie 1.: 17-20.

28. Stoljarow Vitali. 1970. Lenin zur Rolle der Kommunikation und der Kommunikationsmittel im Prozeß der Bewußtseinsbildung. “DZPh”, Sonderheft: 43-54.

29. Tilch, Manfred. 1980. Das Leninsche Prinzip der Einheit von strenger Wissenschaftlichkeit und kommunistischer Parteilichkeit. “Urania” 3.

30. Tjapkin, N. K. 1973. Interessieren, erläutern, überzeugen. “Urania” 3.

31. Wetter, Gustav A. 1952. Der dialektische Materialismus. Freiburg: Herder.

32. Ziegler, Jean, Uriel da Costa. 1992. Marx, wir brauchen Dich. München: Piper.

33. Zimmer, Dieter E. 1992. Nichts bereuen - alles bedauern. “Die Zeit” 47.12: 75.

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Anmerkung: Vorliegender Vortrag wurde bei “13th International Colloquium on Communication”, Washington D.C. (USA), im August 1992 gehalten. Der Verfasser stellte ihn unsrerer Redaktion freundlicherweise zur Verfügung. [Anm. d. Red. der “ZGR”].

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* *

Anhang:

Wladimir I. Lenin
DIE III., KOMMUNISTISCHE INTERNATIONALE


Im März dieses Jahres, des Jahres 1919, hat in Moskau ein internationaler Kongreß der Kommunisten stattgefunden. Dieser Kongreß hat die III., die Kommunistische Internationale gegründet, den Bund der Arbeiter der ganzen Welt, die die Errichtung der Sowjetmacht in allen Ländern erstreben.

Die Erste Internationale, begründet von Marx, existierte von 1864 bis 1872. Die Niederlage der heldenhaften Pariser Arbeiter, der ruhmreichen Pariser Kommune, bedeutete das Ende dieser Internationale. Sie ist unvergessen, sie ist für immer eingegangen in die Geschichte des Kampfes der Arbeiter für ihre Befreiung Sie hat das Fundament gelegt für das Gebäude der sozialistisdien Weltrepublik, das zu bauen wir jetzt das Glück haben.

Die Zweite Internationale existierte von 1889 bis 1914, bis zum Kriege. Diese Zeit war eine Zeit besonders ruhiger und friedlicher Entwicklung des Kapitalismus, eine Zeit ohne große Revolutionen. Die Arbeiterbewegung wurde während dieser Zeit in einer Reihe von Ländern stark und groß. Aber die Führer der Arbeiter in den meisten Parteien gewöhnten sich an die friedliche Zeit und verloren die Fähigkeit zum revolutionären Kampf. Als im Jahre 1914 der Krieg begann, der vier Jahre lang die Erde mit Blut überschwemmte, ein Krieg zwischen den Kapitalisten um die Verteilung der Profite, um die Macht über die kleinen und schwachen Völker, gingen diese Sozialisten auf die Seite ihrer Regierungen über. Sie verrieten die Arbeiter, sie halfen, das Gemetzel in die Länge zu ziehen, sie wurden zu Feinden des Sozialismus, sie gingen auf die Seite der Kapitalisten über. Die Massen der Arbeiter haben sich von diesen Verrätern des Sozialismus abgewandt. In der ganzen Welt hat eine Wendung zum revolutionären Kampf begonnen. Der Krieg hat gezeigt, daß der Kapitalismus zugrunde geht. Eine neue Ordnung schickt sich an, ihn abzulösen. Das alte Wort Sozialismus haben die Verräter des Sozialismus mit Schande bedeckt.

Nunmehr nennen sich die Arbeiter, die ihrer Sache, dem Sturz der Herrschaft des Kapitals, treu geblieben sind, Kommunisten. In der ganzen Welt wächst der Bund der Kommunisten. In einer Reihe von Ländern hat schon die Sowjetmacht gesiegt. Es wird nicht lange dauern, und wir werden den Sieg des Kommunismus in der ganzen Welt sehen, wir werden die Gründung der Föderativen Weltrepublik der Sowjets erleben.

(Nach dem Wortlaut der Schallplatenaufnahme, verglichen mit dem Manuskript; H.B.)


BEMERKUNG:

(1) Rhetorische Untersuchungen zu Lenins Rede Die III., Kommunistische Internationale s. Kurzfassung (s. Barthel/Neumann/Tanjanskij 1992.

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 394-400

 

 

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