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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens (ZGR), 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 141-145

 

 

EINE GEISTIGE VERWANDTSCHAFT: SCHUCHARDT (1842-1927) – HASDEU (1835-1907)


Ileana Oancea
 


War die indoeuropäische Sprachwissenschaft – wie bekannt – die Schöpfung von deutschen Gelehrten, so war auch die Erforschung des romanischen Sprachraumes größtenteils eine ihrer Leistungen. Das Studium der Romanität (der Sprache und der Kultur) stellte also ein wichtiges wissenschaftliches Paradigma dar, in dem die wissenschaftliche Strenge und der konstruktive Geist der großen Sprachwissenschaftler des 19. Jahrhunderts zutage traten. (1)

Als ein wichtiger Zweig der indoeuro-päischen Linguistik bietet die Romanistik einen anderen analytischen Rahmen als den rhetorisch-normativen und rationalistischen der klassischen Linguistik. Gleichzeitig hat sie die Aufmerksamkeit der europäischen Linguistik auf diejenigen romanischen Entitäten gerichtet, die bis dahin übersehen wurden. Dies geschah im Falle der „populären“ (vernaculairen) 10 genannten romanischen Sprachen und insbesondere der rumänischen Sprache, einer jungen Sprache, die voll im Modernisierungsprozeß begriffen war. Diese Regionen der Romania sind auf diese Weise mit gleichen Rechten in den Interessenbereich einer vereinigenden Wissenschaft getreten und offenbarten die Existenz einer umfassenden, einheitlichen linguistischen Realität.

Das hat die Romanisten dazu verpflichtet, neue theoretische und methodologische Probleme zu lösen, und bewirkte das Fortschreiten in der allgemeinen Linguistik. Die fruchtbare und schöpferische Wissenschaft der Romanistik entwickelte sich als Fach in den großen europäischen Universitäten und wurde von den Linguisten, die im romani-schen und germanischen Raum arbeiteten, als sinnangebend anerkannt. Zugleich entwickelte sich auch das Studium der rumänischen Sprache. Als einziger Vertreter der lateinischen Sprache im Osten der Romania (in der Ostromania) erlangte das Rumänische also allmählich eine europäische Dimension und wurde in verschiedenen westlichen Instituten für Romanistik ins Lehrangebot aufgenommen.

Das Institut für Romanistik in Graz bildete für die im deutschen Sprachraum gepflegte Romanistik ein Zentrum von großer Ausstrahlungskraft. Dank dem Erfindungsgeist, dem Erkenntnisdrang und dem intellektuellen Weitblick einiger Persönlichkeiten hat dieses Institut das Interesse für die romanischen Sprachen geistigfieberhaft geprägt, so daß diese Wissenschaft, die auf viel komplexeren sprachlichen Sachbeständen aufbaute, als es den Indoeuropäisten möglich war, zu neuen theoretischen und methodologischen Ergebnissen zu führen vermochte.

Hier wirkten die Professoren der Romanistik Iulius Cornu, Antone Ive, Adolph Zauner und Friedrich Schürr. Die beiden letzten erwiesen in ihren Vorlesungen und Dissertationen ein waches Interesse für das Rumänische, das (neben dem Französischen) ein wahres „Enfant terrible“ der Romania darstellte, wie der zeitgenössische Romanist Pierre Bec es sowohl anschaulich als auch zutreffend definiert hat. Bei der Unterstützung des Studiums dieser romanischen Sprache, deren Erforschung sich für die komparativ-historische Romanistik als fundamental erwiesen hat, spielte also das Institut für Romanistik in Graz eine besondere Rolle.

Das Institut für Romanistik in Graz gewann jedoch diese bedeutende Stellung (die es in der Romanistik Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts innehatte) vor allem durch die Tätigkeit von Hugo Schu-chardt. Schuchardt war eine Persönlichkeit vom Typ der Renaissance-Menschen, die diesem so interessanten Zweig der indoeuropäischen Sprachwissenschaft neue Wege eröffneten. Schuchardt stellt erneut dauerhafte Bezüge zum Rumänischen her, das sich dank seiner Eigenheiten innerhalb der romanischen Sprachen ständig als dazu fähig erwiesen hat, sowohl in der Diachronie als auch in der Synchronie das linguistische Denken im allgemeinen zu befruchten und anzuregen.

Die österreichische Romanistik befand sich übrigens damals in einer Zeit großer Aufbauleistungen, in deren Wiener Mittelpunkt Wilhelm Meyer-Lübke, der „Fürst der Romanistik“, stand - wie ihn Matteo Bartoli zu Recht nannte, der selber ein ausgezeichneter Komparatist wurde und sich ebenfalls mit der rumänischen Sprache befaßte. Sie bot ihm einen weniger erforschten, gleichzeitig für die historisch-vergleichende Romanistik grundlegenden Bereich, wie er sie in der Tradition der Indoeuropäistik betrieb.

Hugo Schuchardt wurde am 8. April 1876 zum ordentlichen Professor für romanische Philologie am Grazer Institut ernannt und verließ es mit seiner Emeritierung am 23. Oktober 1900. Er hielt Vorlesungen über das Vulgärlatein, das Altkeltische, das Südfranzösische, das Provenzalische, das Altfranzösische, das Italienische und das Spanische, über kaukasische Sprachen und über Mischsprachen. Nach guter alter philologi-scher Tradition beschäftigte er sich auch mit der Literatur, aber nicht im literaturhistorischen Sinne, sondern mit einzelnen Autoren, wie Moliére, Corneille, Beaumarchais, Leopardi, Ariosto, Boccaccio, Calderon und Camoes. (2)

Es gibt zahlreiche Belege für seine Beschäftigung mit der rumänischen Sprache, und diese Belege sind in letzter Zeit immer häufiger hervorgehoben worden, u. zw. infolge der allmählichen Veröffentlichung der intensiven und interessanten Korrespondenz dieses großen Grazer Romanisten mit dem rumänischen Gelehrten und Schriftsteller Bogdan Petriceicu Hasdeu, der eine ebenso vielseitige Persönlichkeit war. Diese Briefe fördern von neuem wichtige Züge der Persönlichkeit des Grazer Professors zutage, der einer der größten Romanisten war, und lassen uns ihrem Wesen näher kommen - Modernität, Mobilität im Denken und eine gewisse fruchtbare Unruhe zeichnen ihn ebenso aus wie die Geister, die einer Disziplin nicht durch Wiederholung Dauer verleihen, sondern ihr Profil ständig verändern, indem sie neue Fragen aufwerfen und dabei in einen neuen „Erwartungshorizont“ treten.

Wir wollen an dieser Stelle nicht bei dieser Korrespondenz verweilen, sondern nur ihren Impuls festhalten, der für die Prägung eines bestimmten geistigen Klimas von Bedeutung ist, in dem die „Protagonisten“ sich rastlos auf die Suche nach der wissenschaftlichen „Wahrheit“ begeben und oft auch von deren wandelbarem und nicht selten auch vielgestaltigem Charakter überzeugen. Daraus geht auch eine gewisse, für die Bestimmung einer für eine der Wissenschaft gewidmete Existenz wichtigen Überzeugung hervor, daß nämlich der Weg zur Wahrheit, wenn er weite Bereiche der Erkenntnis zueinanderführt und vom gängigen Weg abgeht, oft wichtiger ist als eine unbewegliche (statische) Wahrheit, die in ihrer Starrheit als solche problematisch ist.

Wir erkennen in diesen Briefen eine tiefe „Lehre“, die sich dem einseitigen, begabten geistigen „Arbeiter“ erschließen läßt und die Schuchardt nicht nur durch seine im Institut in der „Villa Malvine“ (Villa, die den Namen seiner Mutter trägt) gehaltene Vorlesungen vermittelte, sondern auf die er im Briefwechsel mit bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit einging. Diese vermochte er, wenn er Recht hatte, anzuregen und, wenn er nicht Recht hatte, herauszufordern. (3)

Leo Spitzer hat zum 80. Geburtstag des großen Grazer Linguisten eine Sammlung seiner Werke (Studien, Artikeln, Polemiken und Rezensionen) mit dem Titel: Hugo Schuchardt – Brevier. Ein Vademekum der allgemeinen Sprachwissenschaft, Halle, 1922, herausgegeben. Im Jahre 1977 haben die Linguisten vom Romanischen Institut in Graz zum 50. Todestag Schuchardts eine Tagung veranstaltet. Dabei wurde über den Beitrag Schuchardts zur Entwicklung der Linguistik ausführlich diskutiert. (4) Bei dieser Gelegenheit äußerte sich Professor Klaus Lichem in dem Beitrag Hugo Schuchardt – heute:

Hugo Schuchardt gehört der Geschichte an – er ist schließlich schon seit 50 Jahren tot und seine wichtigen Arbeiten liegen z. T. mehr als 100 Jahre zurück – aber in manchen Bereichen zählt er zu den aktuellsten Autoren. (5)

Die leidenschaftliche Vorliebe für die allgemeinen Ideen in einer Zeit, in der die theoretische Seite der Linguistik nicht allzu sehr „entwickelt war“, vereinigte sich mit Schuchardts „positivistischer“ Gründlichkeit und Originalität. Er fand ein großes Vergnügen an der raffiniert-intellektuellen wissenschaftlichen Polemik. Dieser Gelehrte neigte stets zu bahnbrechenden Tätigkeiten. Die rumänische Sprache erwies sich für ihn - in diesem Sinne - als ein ausgezeichnetes Betätigungsfeld.

Ihm ist es zu verdanken, daß die rumänische Sprache, die durch ihre Originalität durchaus fähig ist, das linguistische Denken zu befruchten, mit dem Romanistischen Institut in Graz eng verbunden ist. Schuchardt ist auch derjenige, der sich mit Meyer-Lübke über die Stellung des Rumänischen innerhalb der Romania auseinandersetzte. Es ist also kein Zufall, daß sich Hasdeu die Bestätigung seines Studiums im Bereich der Linguistik aus Graz erhoffte. (6)

Hasdeu war sich der Notwendigkeit einer Auseinandersetzung im Bereich der Ideen zutiefst bewußt, was generell für die wissenschaftliche Betätigung von vitaler Bedeutung war. Der bedeutende Linguist und Schriftsteller Hasdeu hat sich für den großen Grazer Linguisten entschieden, mit dem ihn eine tiefe geistige Verwandtschaft verband. Er schrieb Schuchardt am 5. August 1877 und bat ihn um ein Vorwort zu seinem Buch Cuvente den batrîni (7) (Altrumänische Texte und Glossen):

Ich bitte meinen berühmten Freund Schuchardt, den bedeutendsten Kenner der rumänischen Sprache im Ausland und eine der wichtigsten Autoritäten unter den Romanisten, die Güte zu haben, meine Veröffentlichung mit einer Einleitung auf Deutsch, Französisch oder Italienisch zu versehen.

Hasdeu hat dem Grazer Linguisten das Manuskript vorgelegt und ist bei dieser Gelegenheit mit ihm in einen Briefwechsel getreten, der sowohl für die Geschichte der rumänischen Linguistik als auch für die Geschichte der Romanistik besonders wichtig sein sollte.


Auch wenn die Einleitung in Suplementul la tomul I (1880) mit dem Titel: Über B.P. Hasdeus „Altrumänische Texte und Glossen von Hugo Schuchardt“ von Hasdeu selbst veröffentlicht wurde, blieb die Korrespondenz zwischen Hasdeu und Schuchardt lange unbekannt.

Der italienische Linguist Hugo Mazzoni, der vor einiger Zeit in Italien die Briefe veröffentlichte, äußerte sich wie folgt über diesen Briefwechsel:

Das Interesse für das, was in der Sprache beweglich ist, und die Gewißheit, daß die Sprache viel zu komplex ist, um durch irgendeine Modalität erklärt zu werden; die Aufmerksamkeit, die mehr der Methode als dem Ergebnis der kritischen Aktivität geschenkt wurde (das setzt Kreativität und Imagination voraus); die Notwendigkeit einer ununterbrochenen Erneuerung der Disziplin, das Miteinbeziehung erreichter Ergebnisse in die Diskussion, ergänzt durch eine antidogmatische Unbefangenheit das sind einige von den Themen, die in Schuchardts Werk vorkommen. Das Werk scheint dazu bestimmt zu sein, das methodische Denken anzuregen und in der leicht verständlichen Totalität des wissenschaftlichen Systems Überzeugung und Sicherheit zu vermitteln.

Der rumänische Gelehrte kannte diese Vorstellungen und dachte um so mehr in quasiähnlichen Kategorien, da er in der rumänischen Linguistik ein Bahnbrecher war und sich verschiedene philologischausgerichtete Fragen stellte, die alles andere als leicht zu lösen waren. Von der Bedeutung einer Auseinandersetzung nicht nur für die Geschichte der rumänischen Sprache, sondern auch für die romanische Linguistik zutiefst überzeugt, griff Hasdeu zu dieser Art geistiger Debatten, um die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt eindringlich darauf zu lenken.

Wir werden nicht bei dieser Korrespondenz verweilen, sondern bloß eine gewisse Energie hervorheben, die wichtig ist, um eine intellektuelle Atmosphäre zu bewahren, in der sich die „Protagonisten“ mit Inbrunst auf die Suche nach der wissenschaftlichen Wahrheit zu begeben vermögen. Die beiden Gelehrten waren der Meinung, daß es wichtiger sei, daß die „Wahrheit“ weite Forschungsbereiche erfaßt, als unbeweglich zu bleiben und zugleich in dieser problematischen Unbeweglichkeit zu verharren.

Wir entdecken diese Idee in einer Behauptung Schuchardts mit bezug auf die rumänische Sprache, durch die der Gelehrte (im Jahre 1878, als die Einleitung geschrieben wurde) weit über die neogrammatische Perspektive der Sprache hinausging. Er gestaltete bereits die neue, später von ihm selbst formulierte Sehweise der Methode „Wörter und Sachen“. (8)

In unseren Tagen wird die romanische Philologie von einer Hauptbahn durchquert, auf der sich die meisten drängen. Von diesem Standpunkt aus beziehen sich die interessanten Probleme der rumänischen Sprache auf ein angrenzendes Gebiet, dessen Pflege dem Historiker, Ethnographen oder Geographen überlassen ist. Wenn die Tatsache, daß die Literatur als wichtige Komponente innerhalb des Lebens betrachtet wurde, einen reellen Fortschritt darstellt, dann wird es auch von Bedeutung sein, wenn man genauso mit der Sprache umgeht. Nur so gibt es die Möglichkeit, die Entwicklung der Sprache in Raum und Zeit zu erkennen und zugleich auch zu erklären. (9)

Durch gewisse Besonderheiten ihrer Entwicklung, regt die rumänische Sprache zu einer Ableitung von der „Hauptbahn“ an, die eine interdisziplinäre Erörterung beansprucht.

In einer entfernten Position hat diese vom Lateinischen abstammende Sprache mit Erfolg und Kühnheit mehrere Jahrhunderte lang versucht, sich weiterhin zu behaupten. Da das Ergebnis dieser isolierten Evolution den Kennern der anderen romanischen Idiome seltsam und schwierig erschien, war es für sie um so wichtiger, ihre Aufmerksamkeit und ihre Bemühungen für dieses Studium einzusetzen.

Das sind die Worte eines großen Romanisten, der sich der Bedeutung dieses Bereichs der Romania bewußt war. Dafür beanspruchte er eine komplexe wissenschaftliche Diskussion und regte dazu an, die von dem komparativ-historischen Studium vermittelten Daten mit denen von der Geschichte, der Ethnographie und der Folklore zu korrelieren.

Wenn die Beziehung Hasdeu-Schuchardt auf den ersteren eine anregende Wirkung ausgeübt hat, so gilt dies auch für den Grazer Gelehrten. Schuchardt selbst erkannte diese Tatsache in seiner Einleitung:

Herr Hasdeu hat mich ersucht, eine kurze Einleitung zu seinem Buch zu schreiben; ich wollte es ihm nicht abschlagen, um so mehr da ich öfters Interesse für sein Studium fühlte. Wenn es mir gelingt, ihm eine Gefälligkeit zu erweisen und zugleich meine Kollegen zu einer gründlichen Bewertung anzuregen, wird es mir bestimmt eine nicht weniger wichtige Gefälligkeit erwiesen haben, indem er mich durch einen liebenswürdigen Ansporn dazu bringt, in einem Bereich zu forschen, den ich jahrelang unberechtigt vernachlässigt habe. Unter den Romanisten, denen ich vorwerfe, daß sie sich zu wenig um die rumänische Sprache kümmern, befinde ich mich auch. Was mein Vorwurf dadurch an Autorität verliert, hoffe ich, daß er an Überzeugungskraft gewinnt. (10)

Schuchardt spornt Linguisten an, sich mit der rumänischen Sprache zu befassen. Er notiert:

Die Rumänen waren zu ihrem Nachteil jahrhundertelang von der geistigen Aktivität der westlichen Völker ausgeschlossen. (11)

Das, was Hasdeu tat, die Art und Weise, in der er es zu tun verstand, war ein Vorstoß in diese Richtung. Der bekannte österreichische Gelehrte hat vor allem dies besonders hervorgehoben:

Die romanische und auch die komparative Linguistik ist in das rumänische Gebiet eingedrungen und hat das Band zwischen Osten und Westen gefestigt.

Das ist ein besonderer Verdienst der Aktivität von Hasdeu. Durch die wissenschaftliche Beziehung Hasdeus zum Grazer Professor wurde im Zuge der Bildung der modernen rumänischen Linguistik ein wesentliches Kapitel eingeleitet. Hasdeu trug zur Interpretation des Bestands der rumänischen Sprache durch eigene Standpunkte bei, die über die Schablone der geschichtlich-komparativen Methode hinausgingen.

Schuchardt hat als einer der ersten das Werk seines rumänischen Fachkollegen geschätzt. Die eine Eigenschaft Hasdeus, „die Kapazität der wissenschaftlichen Inventivität“, wird von Schuchardt durchaus anerkannt.

Wenn andererseits die Sprachgeschichte nicht so eng an die Kulturgeschichte und an die politische Geschichte wie auf rumänischem Boden gebunden ist, so ist es eine glückliche Übereinstimmung, daß die wissenschaftlichen Arbeiten dieses Gelehrten alle diese drei Ebenen umfassen.

Der Gelehrte wurde nicht dafür gepriesen, daß er die Lingustik in größere Zusammenhang als die Repräsentanten der komparativen Schule dachte, deren Starrheit er durch die Methode „Wörter und Sachen“ beträchtlich durchbrach. Mit anderen Worten ausgedrückt, traf sich Hasdeu mit Schuchardt in eben dieser Notwendigkeit der theoretischen und methodischen Erneuerung der Linguistik.

Durch das Studium der rumänischen Sprache hat also der Verfasser des Buches Cuvente den batrâni die Forschung in die Denkrichtung des österreichischen Linguisten vorangetrieben.

Schuchardt hebt die tiefe Verwandtschaft zwischen ihm und seinem rumänischen Freund hervor, die er fortsetzt:

Ich kann nicht bestreiten, daß anfangs die Vielseitigkeit, der ungewöhnliche Erfolg Hasdeus in mir eine gewisse Zurückhaltung wachgerufen hat. Auch seine Gelehrtheit schien mir eine Gefahr zu verbergen; aber nun stelle ich fest, daß er sich immer besser bezüglich der Probleme orientiert, die ihn beschäftigten.

All das, was ihm als Fehler zugeschrieben wurde, hat den westlichen Einfluß gefördert, obwohl die wissenschaftlichen Methoden des Westens sich in Rumänien erst mühsam eingebürgert haben. Hasdeu hat dazu seinen Beitrag geleistet – dies erkannte auch Schuchardt an. Er gehörte zu den ersten, die die Latinomanie bekämpft haben und sich mit der Situation der linguistischen Forschung vertraut gemacht haben. Die Werke, in denen dies zur Geltung gelangt, haben keinen kompilatorischen Charakter, sondern beinhalten originelle Gedanken, die mit viel Fleiß erreicht wurden. Hier hat er seine Originalität unter Beweis gestellt, wie sie in der damaligen rumänischen Wissenschaft - sehr zum Bedauern Maiorescus - kaum vorhanden war.

Der Grazer Romanist erwies sich folglich nicht nur als Kenner der linguistischen und kulturellen Probleme der östlichen Romanität, sondern auch als Schöpfer einer diesbezüglichen glänzenden Tradition.

Das Grazer Institut für Romanistik, das in der Villa des großen Linguisten seinen Sitz hat, führt das Werk und den wissenschaftlichen Glauben des berühmten Vorgängers weiter. In den Mauern des Instituts begraben, schlägt das Herz Schuchardts, des Gründers unserer linguistischen Modernität, auch heute noch weiter.

 

 


NOTE:

 

(1) Cf. A. Meillet, Ce que La linguistique doit aux savants Generale, Paris, Librainic Klincksick, 1936, vol. II, p. 152-159; Iorgu, Iordan, Lingvistica romanica. Evoluþie. Curente. Metode, Bucureºti, Editura Academiei 1972.

(2) Dieter Kremers, Graz, Hugo Schuchardt als Literaturhistoriker, S. 111: “Das gelobte Land der werkimmanenten Analyse mag er erahnt haben, betreten hat er es nicht. Vielleicht dürfen wir Literaturwissenschaftler ihn deshalb als Propheten des alten Bundes verehren.”

(3) Einige Daten über die "Geschichte" der Veröffentlichung der Briefe von Schuchardt: D. Gãzdaru: Cartas de B.P. Hasdeu a Hugo Schuchardt. In: Romanica, nr. 3, La Plata (Argentinien), 1970, S. 5-140; E. Lozovan: B. P. Hasdeu et les dieux nordiques. In: Revue des etudes romaines, XV Paris, S. 187-194; Al. Sãndulescu und Viorica Niºcov: Hugo Schuchardt în corespondenþã cu B. P. Hasdeu. In: Manuscriptum, XI, 1980, nr. 4 (41), S. 170-175.
Bruno Mazzoni: Din corespondenþa B. P. Hasdeu - H. Schuchardt. In: Limbã ºi Literaturã, 1980, Bd. IV, S. 621-625.
Bruno Mazzoni: Carteggio Hasdeu - Schuchardt a cura di Bruno Mazzoni, Napoli, Sienore Editore, 1983.

(4) Cf. Klaus Lichem und Hans Joachim Simon, Hugo Schuchardt, Schuchardt-Symposion 1977 in Graz, Wien, Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften.

(5) Vgl. Klaus Lichem: Anm. 4, S. 301.

(6) Cf. W. Meyer-Lübke, Rumänisch und Romanisch. In: Memoriile Academiei Române, secþiunea literarã, Seria III, Tomul I, Bucureºti, 1930, S. 1-36.

(7) Apud. G. Mihãilã, Opera lingvisticã ºi filologicã a lui B. P. Hasdeu. In “Cuvente den batrîni”. Limba vorbitã între 1550-1600, Studiu paleografico-lingvistic de B. Petriceicu Hasdeu. Cu observaþii filologice de Hugo Schuchardt. Tomul I, ediþie îngrijitã, studiu introductiv ºi note de G. Mihãilã, Bucureºti, EDP, 1983.

(8) Cf. F. Lochner v. Hüttenbach, Sachen und Wörter – Wörter und Sachen (S.159-173). Mit dieser Auseinandersetzung war auch ein heftig geführter Prioritätenstreit verknüpft. Ausgehend von der Hausforschung, war Meringer etwa ab 1891 zur Sachforschung gelangt.

(9) Bruno Mazzoni: Anm. 3, S. 478.

(10) Bruno Mazzoni: Anm. 3, S. 481.

(11) Bruno Mazzoni: Anm. 3, S. 479.


 

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