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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

 

 

DER FREMDE BLICK –

Interkulturelles Lernen außerhalb des Seminarraums

Daniela Ionescu, Stephanie Krauch

Der folgende Beitrag beschreibt ein Projektseminar, das im Rahmen des Faches „Deutsche Landeskunde“ im Wintersemester 2005 stattgefunden hat. Beteiligt waren ca. 25 Studierende zweier deutschsprachiger Studiengänge in Bukarest, nämlich dem der Übersetzungswissenschaft an der Fremdsprachenfakultät der Universität Bukarest und dem der Ingenieurwissenschaft an der Universität Politehnica Bukarest.

Das Teilfach Interkulturelle Kommunikation ist ein Schwerpunkt innerhalb des Landeskunde Unterrichts, allerdings nicht anhand curricularer Vorgaben (die an den verschiedenen Standorten ohnehin ganz unterschiedlich ausfallen), sondern geht auf die Überzeugung der Dozentinnen zurück. Es hat das Anliegen, Studierende für den späteren Berufsalltag handlungsfähig zu machen, der in multikulturellen Kontexten stattfinden wird. Die Tatsache, dass es jedoch an den meisten Universitäten immer mehr zum festen Bestandteil des LK Unterrichts gehört, wird auch dadurch unterstrichen, dass die DAAD-Lektorenarbeitsgruppe, die sich mit dem Verfassen eines Landeskunde Ordners für Rumänien befasst, dieses Thema in das so genannte Basispaket (Elemente, die in erster Linie behandelt werden sollten) aufgenommen hat.

Wahl und Begründung der methodischen Vorgehensweise

Innerhalb des landeskundlichen Unterrichts werden Studierende an das Thema Interkulturalität überwiegend unter besonderer Berücksichtigung der Perspektive, was sie in den deutschsprachigen Ländern erwarten könnten, herangeführt. So wird die Thematik des multikulturellen Zusammenlebens meist anhand des Beispiels der dort lebenden Minderheiten, insbesondere der türkischen Immigranten, diskutiert. In diesem Seminar hingegen unternahmen wir den Versuch, den Blick vom fremden Land auf das eigene Land zu richten und die Interkulturalität in Rumänien zu erfahren. Das Thema Interkulturalität und neue Minderheiten wird in der Öffentlichkeit und in der Wissenschaft in Deutschland und Rumänien sehr unterschiedlich rezipiert.

Während in der Bundesrepublik die Migration ein Thema der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung ist, wird die Präsenz so genannter neuer Minderheiten in Rumänien wenig thematisiert.[1] So ist es nicht verwunderlich, dass auch von den Studierenden in Rumänien das Thema zunächst eher mit Emigration (Arbeitsaufenthalt zahlreicher Rumänen in westeuropäischen Ländern, sowie den USA und Kanada) als mit Immigration verbunden wird. Dass ein großer Anteil von Arbeitsmigranten aus Asien kommend sich in Bukarest niedergelassen hat, ist zwar Bestandteil des öffentlichen Bewusstseins, jedoch können detaillierte objektive Vorkenntnisse zu deren Lebens- und Verhaltensweisen nicht vorausgesetzt werden. Das zeigte auch die Tatsache, dass in einem Fragebogen zum Seminar nur zwei von 25 Studierenden auf die Frage, ob sie sich schon einmal in irgendeiner Form mit dem Thema Interkulturalität beschäftigt hätten, eine bejahende Antwort gaben. Auch zeigten sich innerhalb der vorbereitenden Seminare vor allem Schwierigkeiten hinsichtlich der Vorurteile, von denen das Bild der chinesischen Community in Bukarest bei den meisten rumänischen Studierenden geprägt war.

Um konkret, in Anlehnung an das Konzept des erlebten Unterrichts, zu erfahren, wie (1) interkulturelle Kommunikation abläuft, welche (2) Faktoren diese beeinflussen und (3) welche Rolle unsere eigene kulturell geprägte Wahrnehmung spielt (die uns oft den Blick verstellt), inszenierten wir mit unseren Studierenden eine Exkursion zu einem öffentlichen Platz in Bukarest, der sich als interkultureller Schauplatz beschreiben lässt – Piata Europa. Inspiriert bei der Wahl des Ortes wurden wir durch ein soziologisches Forschungsprojekt zu neuen Immigrantengruppen in Rumänien, insbesondere der chinesischen Community in Bukarest. Hintergrundwissen zum Thema sowie methodische Anregungen wurden dem Forschungsprojekt „Die Chinesische Community in Bukarest. Ein Beitrag zur Bestimmung des Zusammenhangs von Migration und Transformation in Rumänien“ von Rixta Wundrak entlehnt.[2] Beim so genannten Piaþa Europa handelt es sich um ein Bukarester Marktareal, das Anfang der 90er Jahre am östlichen Stadtrand Bukarests eröffnet wurde. Hier werden Waren vor allem en gros (in Lagerhallen oder an überdachten Ständen) an Wiederverkäufer verkauft. Neben rumänischen, arabischen und Roma-Ver-käufern ist der Markt vor allem von chinesischen Geschäftsleuten dominiert, welche mittlerweile zu den wichtigsten ausländischen Importeuren von Textilien gehören. Somit handelt es sich um ein multikulturell zusammengesetztes Szenario von Verkäufern, Verkaufssprachen und Waren.

Als Ort wirtschaftlichen Geschehens befindet sich der Platz am Rande der öffentlichen und wissenschaftlichen Wahrnehmung. Soweit er überhaupt in den Medien thematisiert wird, wird er vor allem mit einer peripheren Stadtzone in Verbindung gebracht.

Das wenig vorhandene Vorwissen über das Feld sowohl bei uns Lehrenden wie auch bei den Lernenden war somit ein Umstand, der die geplante Projektarbeit mit Schwierigkeiten aber auch mit neuen spannenden Fragestellungen konfrontierte und von Lehrenden und Lernenden besondere Eigeninitiative verlangte. Die Lektüre vereinzelter Zeitungsartikel sowie Datenmaterial aus dem obigen Forschungsprojekt stellten die ins Thema einführende Lektüre dar.

In diesem Sinne betraten sowohl Studierende als auch Lehrende gleichermaßen Neuland. Beim Blickpunktwechsel vom Schreibtisch ins freie Feld war es Aufgabe der Studierenden das dortige Kommunikationsgeschehen zu beobachten und anschließend das Beobachtete in Form eines Berichtes aufzuschreiben. Diese Exkursion wurde in vier doppelten Seminarstunden in jeder Studierendengruppe thematisch vorbereitet und in einer gemeinsamen Seminardoppelstunde, (in der die Studenten beider Fakultäten aufeinander trafen), inhaltlich konzipiert und vorbereitet. Nach der Exkursion fand eine gemeinsame Auswertung statt. Für dieses gemeinsame Auswertungsseminar ist ein angemessener Zeitrahmen von mindestens zwei Zeitstunden notwendig. Die Studierenden müssen hier noch einmal Zeit bekommen, sich in den Beobachtungsgruppen zu sammeln, ihre Ergebnisse zusammenzutragen und eine Präsentation am besten in Form von Folien und Plakaten mit Stichwörtern für das Plenum vorzubereiten.

Im Folgenden möchten wir unser Projekt näher vorstellen und dessen Bedeutung für Interkulturelles Lernen im Studium diskutieren. Dabei soll auf Chancen und Schwierigkeiten von Projekten im Unterricht eingegangen werden. Unsere eigenen Beobachtungen sowie Aussagen der Studierenden aus deren verfassten Berichten werden dabei berücksichtigt.

Begriff Projekt und Bestandteile von Projektarbeit

Lehrende betrachten Projekte oft mit Unbehagen. Vermehrt verwendete Kritikpunkte sind, dass diese zuviel Zeit einnähmen, dass Wissen sich leichter und zuverlässiger in geschlossenen Lernformen vermitteln ließe und dass letztendlich das Ergebnis eines Projektes nur sehr schwer kontrollierbar sei. Es zeigt sich aber gerade, je besser und intensiver ein Projekt gemeinsam mit Studierenden vorbereitet wird, desto langhaltiger ist die Wirkung, desto viel versprechender die Lernprozesse. Sowohl Lehrende als auch Lernende müssen allerdings über Projektkompetenzen verfügen, die sie sich im Vorfeld aneignen.

Diese Kompetenzen verbinden verschiedene Fertigkeitsbereiche.

Erschwerend kam die besondere Stellung des Projektunterrichtes in Rumänien hinzu, in erster Linie der sehr unterschiedlichen Erfahrungen was diese Unterrichtsform anbelangt. So sind die Voraussetzungen sehr unterschiedlich. Unter den Studierenden der deutschsprachigen Studiengänge befinden sich auf der einen Seite Absolventen von Schulen, in denen der Projektunterricht schon wesentlicher Bestandteil des Systems ist, andere wiederum haben keinerlei Erfahrung damit und sind am Anfang etwas unbeholfen in der Verfahrensweise. Es erweist sich also je nach Gruppensituation unter Umständen als durchaus sinnvoll sich Zeit zu nehmen und einen vorbereitenden Teil für die Arbeit an einem solchen Projekt durchzuführen.

Vorbereitung

Ziele und Form der Arbeit werden mit den Studierenden besprochen. Da es sich beim Projekt immer um Gruppenarbeit handelt, bedeutet dies für die Studierenden, dass sie die Fähigkeit lernen, sich in eine Kleingruppe einzugliedern, miteinander zu kooperieren und auf auftretende gruppendynamische Probleme zu reagieren. Die Lehrenden müssen stückweit die Verantwortung abgeben und letztendlich die Studenten allein lassen.

Durchführung des Projektes

Hier stehen organisatorische Fähigkeiten im Vordergrund. Die Lernenden müssen weitgehend sich die zur Verfügung stehende Zeit einteilen und mit den angewendeten Erkundungstechniken eigenverantwortlich umgehen. Die Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem und die Fähigkeit im unvertrauten soziokulturellen Umfeld selbstbewusst zu reagieren ist dafür Voraussetzung.

Auswertung

Die gemeinsame Auswertung der gemachten Erfahrungen und das Ziehen von Schlussregeln ist das A und O. In Kleingruppen evaluieren die Lernenden ihre gewonnenen Erkenntnisse und setzen sich mit ihren Erfahrungen auseinander, ebenso verständigen sie sich über eine geeignete Form der Präsentation oder Veröffentlichung. Dies fordert ihre Textkompetenz und die Fähigkeit Medien sinnvoll einzusetzen.

Weitergabe der Erfahrungen und Ergebnisse

In einer Präsentationsphase werden Erfahrungen mitgeteilt, ausgetauscht, hinterfragt – es wird gemeinsame Sinnstiftung vollzogen.

Alle diese Arbeitsschritte muss ein Lehrender sehr genau planen, wenn er sich auf Projektarbeit einlässt. Projekte bedeuten also „viel Arbeit“ schon im Vorfeld. Viele der Teilnehmenden müssen erst an projektorientierte Arbeitsformen herangeführt werden, da sie in einer anderen Lerntradition stehen und wenig Erfahrung haben. Markus Biechele schlussfolgert daraus:

Die Abfolge der Arbeitsformen und Handlungsanweisungen sollte deshalb so angelegt sein, dass eine Progression der handlungsorientierten Aufgaben vorliegt. Der Handlungsraum wird so schrittweise erweitert und eine wachsende Verantwortlichkeit wird ermöglicht, ohne die Teilnehmenden durch Orientierungslosigkeit zu überfordern. [3]

Die besondere Herausforderung der Lehrenden besteht darin, zu lernen angemessen mit den neuen Reaktionen umzugehen und auf nicht Voraussehbares flexibel zu reagieren. In unserem Fall löste der Vorschlag eine gemeinsame Exkursion zu gerade jenem multikulturellen Treff- und Handelsplatz in Bukarest zu machen für uns unerwartete Reaktionen aus. Entweder das Vorhaben wurde belächelt oder im schlimmeren Fall mit äußerstem Argwohn oder einer schlichten spontanen Verweigerungshaltung entgegengenommen.

Obgleich die meisten Studierenden den Platz noch nicht mit eigenen Augen gesehen hatten, hatten viele negativ gefärbte Vorstellungen. Sie brachten den Ort vor allem mit Schwarzhandel und kleinkriminellen Delikten in Verbindung. Insofern stellte sich hier die besondere Herausforderung auf Voreingenommenheit und wenig reflektiertes Vorwissen adäquat zu reagieren.

Vorgehensweise und Methode der teilnehmenden Beobachtung

Eine Exkursion kann die an sie gerichteten Ansprüche nur dann erfüllen, wenn diese im Vorfeld in verschiedene Kontexte eingebettet und thematisch-inhaltlich so detailliert vorbereitet wird, dass die Teilnehmenden mit klaren Arbeitsaufträgen ins Feld gehen können.

In unserem gegebenen Fall ging es darum, 25 Studierenden zunächst die Reziprozität der Faktoren interkultureller Kommunikation zu vermitteln. Was in Texten gelesen, besprochen und in Rollenspielen mit den eigenen Kommilitonen im Seminarraum (also gewissermaßen im vertrauten Umfeld) ausprobiert worden war, sollte nun in authentischer Kommunikation wieder gefunden und überprüft werden. Konkret bedeutete das, das Aufeinanderwirken verschiedener Ebenen wie Verbales, Nonverbales (Körpersprache), Extraverbales (Schauplatz, Raum, Tageszeit, Proxemik) und Paraverbales zu beobachten [4] Vor dem Hintergrund dieser Fragestellungen, die zunächst jede für sich genommen, wiederum ein ganzes Bündel weiterer Fragestellungen nach sich ziehen könnten, bedarf es der Erläuterung einer damit verbundenen Problematik:

Bekanntlich lässt sich Kommunikationsgeschehen nicht losgelöst von der eigenen subjektiven Ebene beobachten. Und damit befindet man sich schon mitten im Dilemma. Wer Kommunikation beobachtet, filmt, transkribiert und anschließend beschreibt, kommt nicht an seiner eigenen Subjektivität vorbei. Dies beginnt schon damit, dass man sich fragen muss, warum man gerade jenen Ausschnitt und nicht einen anderen ausgewählt hat, warum man gerade jener Sequenz besondere Beachtung geschenkt hat und eine andere darüber vernachlässigt hat. Wer beobachtet, muss sich selbst als sinnstiftender Faktor des Beobachtungsfeldes mit einbeziehen, muss sich seiner eigenkulturell geprägten Wahrnehmung bewusst sein und bereit sein, diese als Filter aller gemachten Beobachtungen zu erkennen und zu problematisieren. Dies klingt logisch und leichter als es ist. Jedoch an Studierende, die nicht unbedingt Erfahrung mit der Hinterfragung ihrer Wahrnehmungsstrukturen haben und folglich auch nicht mit bewusster Perspektivenübernahme vertraut sind, stellt das sicherlich hohe Ansprüche.

Der Ethnologe Erving Goffman erklärt, bei der Technik der teilnehmenden Beobachtung geht es darum,

Daten zu erheben, indem man sich selbst, seinen eigenen Körper, seine eigene Persönlichkeit und seine eigene soziale Situation den unvorhersehbaren Einflüssen aussetzt, die sich ergeben, wenn man sich unter eine Reihe von Leuten begibt ...

In dieser leiblich-psychischen Erfahrung sieht er gleichzeitig eine große Chance, denn nur

weil man im selben Schlamassel wie die anderen steckt, wird man auch einfühlsam genug, das zu erspüren, worauf diese reagieren. [5]

Die von uns gewählte Methode der teilnehmenden Beobachtung[6] musste, um die in ihr sich bergenden Gefahren zu umgehen, sehr genau den Studierenden erläutert werden. Wir wollten sowohl eine rein induktive („Ich hab’s ja schon vorher gewusst!“) Vorurteilsbildung, als auch eine rein deduktive Herangehensweise vermeiden. Vor allem wollten wir ausschließen, dass „einspurige Herangehensweisen“ den Blick verstellen. Ein möglicher methodischer Ansatz der interpretativen Sozialforschung ist in dieser Hinsicht die Selbstentfremdung. Feldforschungen, die in den 60er Jahren im Rahmen der Chicago School betrieben wurden, basierten auf dem Konzept der Verfremdung des vertrauten Milieus. In diesem Rahmen bekamen amerikanische Soziologiestudenten die Aufgabe, die eigene Lebenswelt in der Stadt Chicago so zu entdecken, als wäre sie etwas Fremdes. Die Feldforscher sollten damit die Position des Fremden einnehmen und das zu untersuchende Milieu als fremde Lebenswelt betrachten. Das allzu vertraute, oft selbstverständlich hingenommene einer Kultur sollte so zu ihrem fragwürdigen Gegenstand gemacht werden.[7]

Wie schwierig, bisweilen unmöglich dieser Schritt ist, schildert eine Studentin in ihrem Bericht:

Also ich saß dort und schaute die komischen Chinesen an und dachte, warum bin ich hier? Es war wirklich ein fremder Blick. Ich hatte ein seltsames Gefühl, als ob ich dort nicht hingehörte. Ich hatte nicht die Geduld, die fremden Menschen zu verstehen. Meine Beobachtung war sehr subjektiv und beschränkt.

Ein Weg zur Objektivierung der Beobachtung führt über das Zerlegen der komplexen Handlung in einzelne Handlungsstränge. Man gelangt also zu einer sequenzierenden Haltung[8], um Ordnung und Unordnung, die soziale Prozesse innehaben, herauszuarbeiten. Die vielfältigen komplexen Tätigkeiten, die in Interaktion nebeneinander ablaufen werden von den Linguisten Lakoff und Johnson mit dem Schlagwort „cognitive unconsciousness“[9] in Verbindung gebracht. Sie nennen eine ganze Reihe von Vorgängen, die in einer Interaktionssituation ablaufen (wobei sie ausdrücklich betonen, dass diese nur einen kleinen Ausschnitt der Wahrnehmung beschreiben).

Neben den einfachen motorischen Fähigkeiten nennen sie:

·         Vorstellungsbilder über das Verhandelte entwickeln und prüfen

·         Einwände und Einwürfe machen, die für das verhandelte Thema bedeutsam sind

·         Lücken des Nicht gesagten auffüllen

·         dem Gesagten einen Rahmen verleihen, welcher der vor sich gehenden Kommunikation angemessen ist

Normalerweise nehmen wir all diese Kognitionen mit einer solchen Flexibilität und Geschwindigkeit wahr, dass sie uns nicht bewusst werden. Allenfalls wenn Missverständnisse auftreten oder Widersprüche zwischen der Körpersprache des Gegenübers und der Eigenen, kommen sie uns ins Bewusstsein. Sicherlich - wollte man alle emotionalen und kognitiven Ebenen eines Interaktionsvorgangs entschlüsseln - würde man sich „im Dickicht der Simultanität verstricken“ und bliebe letztendlich handlungsunfähig.

Für unsere Zwecke hieß es deswegen, den Vorgang des Beobachtens auf einen kleinen Zeitraum zu begrenzen, damit das Erinnerte möglichst detailgetreu rekonstruiert werden kann. Dabei hilft es, den Ausschnitt in möglichst viele Teilsequenzen zu zerlegen. Die Studierenden bekamen also die „einfache“ Aufgabe, sich anzuschauen, wie die Menschen sich zueinander verhalten. Alle Handlungen des Miteinanderredens und Aufeinander-Reagierens sollten berücksichtigt werden. Dazu gehört auch die Frage, wie ich mich einem anderen gegenüber verhalte.

Folgende konkreten Arbeitsanweisungen können für eine Platzbegehung behilflich sein: [10]

· Begrenzen Sie das Beobachten auf einen kleinen Zeitraum, einen szenischen Ausschnitt auf den Sie sich ganz besonders konzentrieren, damit Sie sich später so detailliert wie möglich ihre Eindrücke aufschreiben können (z.B. einen Verkaufsstand, drei Leute die miteinander reden)

· Schauen Sie auf das, was die Menschen miteinander machen. Konzentrieren Sie sich auf die Handlungen, das Tun, das miteinander Reden oder Gestikulieren und aufeinander Reagieren.

Die an die Studierenden gestellte Aufgabe, einzelne Sequenzen zu beobachten und zu versuchen die eingenommene Haltung zu beschreiben, sollte die Reziprozität von Interaktion verdeutlichen und gleichzeitig veranschaulichen welche Irritationsfaktoren Handlungs- und Kommunikationsabläufe beeinflussen können.

Im zweiten Teil erhielten die Studierenden den Auftrag[11], genau zu beschreiben, was man sieht, wie man sich fühlt, wenn man es sieht, was man dabei denkt und eventuell auch wie man denkt von anderen wahrgenommen zu werden.

Folgende Studentin beschreibt möglichst neutral eine Eingangsszene:

Wir sind aus der Straßenbahn 21 eine Haltestelle früher ausgestiegen, weil es zu voll war, deshalb dachten wir, dass es besser wäre zu Fuß zu gehen. Überraschenderweise war es auch zu Fuß schwer. Verschiedenste Leute drängten sich zusammen auf einem schmutzigen engen Gehsteig. Es war erst zehn Uhr, aber schon waren Frauen in goldgelben Kleidern unterwegs, Zigeunerinnen die aus einem Porsche mit der ganzen Familie ausstiegen, alle in bunten Kleidern. Viele Kebabstände waren schon geöffnet und andere Zigeunerinnen verkauften Quittungsblöcke. Ich habe gedacht, dass der Tag schon früh für die Leute anfängt.

In dem folgenden Miniausschnitt aus einer Szene, die ein Verkaufsgespräch beinhaltet, finden sich eine Unmenge von synchron und diachron ablaufenden Vorgängen, auf verbaler, nonverbaler und extraverbaler Ebene:

Erst mal habe ich mit einem Bekleidungsverkäufer gesprochen. Es wurde geduzt. Ich habe ihn gefragt, was eine Jacke kostet. Als ich den Preis hörte, drehte ich mich um, als ob er zu hoch wäre. Dann fing der Verkäufer an zu schreien „Willst du mehrere oder nur eine?“ und nannte einen günstigeren Preis. Er versuchte verzweifelt etwas zu verkaufen.

Im Grunde geht es hier um zwei zentrale Vorgänge, die Goffmann in seiner Theorie der strategischen Interaktion besonders herausgearbeitet hat: das Täuschen und das Vertrauen. Sobald sich zwei Menschen auf eine für beide vorteilhafte Interaktion einigen, muss der eine dem anderen etwas liefern – also Vertrauen haben. Dieses Grundprinzip des sozialen Austausches beinhaltet gleichzeitig das Wissen, dass man jederzeit betrogen oder getäuscht werden kann und im Gegenzug selbst täuschen kann. Auf der Ebene des Ausdrucksverhaltens finden sich in dieser kleinen Szene mehrere solche Indizien dafür. Beide Beteiligten lassen sich auf ein Verhandlungsgespräch ein, welches auf informeller Ebene abläuft „Anrede durch Du“. Dabei wird das Grundgesetz jeder Interaktion angewendet: entsprechend der Erwartungshaltung des anderen (man spricht so, wie man erwartet, dass der andere erwartet, dass man sprechen wird.) Die hervorgehenden Handlungssequenzen wären folgende: das direkte Fragen nach dem Preis, die direkte Antwort darauf vermutlich mit dem Hinweis, dass es sich hier um ein günstiges Angebot handele. Grundsätzlich – und das ist beiden Beteiligten klar – möchte jeder etwas gewinnen. Auf das vorgetäuschte Desinteresse durch körperliches Wegdrehen und Ignorieren, das „so tun als ob“ reagiert das beteiligte Gegenüber auf die gewünschte Weise – nämlich mit einer Veränderung der Verkaufsstrategie. Wie das Gespräch ausgeht, erfahren wir hier nicht.

Dieses Schema findet sich im Grunde in jeder sozialen Situation wieder: immer ist in irgendeinem Sinne ein Beteiligter Beobachter, der etwas zu gewinnen hat, indem er Ausdrucksverhalten beurteilt (Kontaktaufnahme bei Verkaufsgespräch, Ansprache, Fragestellung etc.) – ein anderer ist Beobachter, der etwas zu gewinnen hat, wenn er es manipuliert (Täuschungsversuch, durch Wegdrehen etc.).

Die sich hier findende wechselseitige Beobachtung: „Jeder der Sprecher ist nicht nur Subjekt seines Handelns, sondern zugleich Objekt der Beobachtung des jeweils anderen“ - ist die Bedingung für die Möglichkeit der Perspektivenübernahme. Um die Bereitschaft zur Perspektivenübernahme zu wecken, eignet sich das Verfahren der „freien und unvoreingenommenen Hypothesenbildung“. Das bedeutet während der Beobachtung, so viele Fragen wir nur möglich zu stellen (z. B. warum hat die Person so gehandelt und nicht anders?), also soviel Hypothesen wie möglich zu bilden, die während der Beobachtung schrittweise überprüft werden. Das angewandte Verfahren gleicht damit der Spurensuche eines Sherlock Holmes, der seinem Agenten Watson erklärte, dass die Detektivarbeit, gerade nicht auf dem Vertrauen in allgemeinen Eindrücken basieren darf, sondern sich im Gegenteil vielmehr auf Einzelheiten und vor allem auf zunächst ganz unwesentlich erscheinende Einzelheiten stützen muss. [12]

Dieser Prozess der Selbstentfremdung muss natürlich vorher entsprechend geübt werden. Wir taten dies im Rahmen des Seminars in einer gemeinsamen Vorbereitungsstunde mit allen Studierenden in mehreren Rollenspielen, die auf die Thematik Interaktion auf dem Großmarkt vorbereiten sollten. Die Studierenden sollten in vorgegebene Rollen schlüpfen und eine Kommunikationssituation improvisieren wie Käufer und Kunde am Marktstand, Polizist am Stand und Bus- bzw. Straßenbahnkontrolleur mit Passanten in öffentlichen Verkehrsmitteln. Hier wurde das interaktionistische Grundprinzip der wechselseitigen Beobachtung sozusagen als Trockenübung ausprobiert.

Bei der Durchführung der Übung legten wir den Akzent auf das Erproben der sozialen Rollen (Statusbeziehungen). So sollte er einmal auf dem der Szene innewohnenden Status liegen, bei einem zweiten Ausprobieren sollten die Studierenden ihren Status heben oder senken (Hierarchie ändern), so dass ein Wechsel zwischen unterschiedlichen Statusebenen gewährleistet wurde. Die Übungen sollten die Akteure dazu bringen unterschiedliche Statuspositionen einzunehmen und durchzuhalten. Dabei nehmen zum einen die Spielenden die Wirksamkeit von Posen wahr, zum anderen verwenden sie unterstützende Statussymbole und Repertoires (wie Strafzettel, Uniformen, Notizblock, Visitenkarte etc). Sie können entdecken, welche ihnen vertraut sind, sozusagen von selbst in den Sinn kommen und können dadurch deren Funktion durch die Entfremdung hinterfragen. Durch die Lenkung des Blickes jenseits der verbalen Ebene wird er auch auf außersprachliche Merkmale gerichtet und gibt so ein umfangreiches Bild der Situation. [13]

Anschließend bekamen die Studierenden zur Anregung vor der Marktbegehung einen Fragenkatalog und wurden von uns gebeten, sich für den darauf folgenden Tag wiederum in den Kleingruppen, innerhalb derer sie im Seminar gearbeitet hatten, auf die Exkursion vorzubereiten. So hatten einige der Studierenden sich entschieden, gemeinsam die Kantine des Marktes zu besuchen, andere wollten vor allem Verkaufsgespräche führen und dabei die von ihnen eingenommenen Rollen zwischen als Käufer Handelnden und als Beobachter des Geschehens wechseln. Ab diesem Punkt konnten die Studierenden nun ihre Selbständigkeit beweisen.

Rezeption der Studierenden und sich ergebende Probleme

Schwierigkeit Gruppendynamik und Erwartungshaltung/ Voreingenommenheit

Im Folgenden möchten wir zunächst auf einige Probleme eingehen, mit denen wir im Vorfeld der Exkursion rechnen mussten.

Eine gemeinsame Exkursion ist vielleicht mehr als andere Unterrichtsstunden von der sehr stark gruppendynamischen Interaktion abhängig. Mit anderen Worten: bestehende Konstellationen, innewohnende Konflikte lenken ab, greifen in die Beobachtung ein und können diese sehr stark steuern. So kann eine ausbrechende Meinungsverschiedenheit zwischen Mitgliedern einer Gruppe, über die Frage, an welchem Stand man länger stehen bleibt und wo man sich entschließt zu handeln, alle Eindrücke überschatten und sogar blockieren. Um zu vermeiden, dass in den Studierendengruppen herrschende Konstellationen zu stark die Beobachtungen determinieren, sollten die Beobachter maximal zu dritt die Aufgaben lösen.

Ein weiteres Problem ist die existierende Erwartungshaltung der Studierenden, das bedeutet: viele meinten schon vorher zu wissen, was sie sehen würden. Um dem entgegenzuwirken, sollten alle ganz bewusst auf die eigenen Gefühle und Gedanken als Bestandteil der Beobachtung achten und diese im anschließenden Bericht notieren. Es erwies sich jedoch für viele als Schwierigkeit Beobachtetes und aufgrund eigener Gefühle Interpretiertes nicht zu vermischen. Eine Studentin schreibt in ihrem Bericht über ihre für sie unüberwindbare Voreingenommenheit und problematisiert diese.

Schon von Anfang dachte ich, dass es eine blöde Idee war, dorthin zu fahren, um die Chinesen zu beobachten. Ich wusste schon wie die Chinesen sich benehmen. Ihr Benehmen lässt sich nicht viel interpretieren.

Nicht nur die hier problematisierte Erwartungshaltung, sondern auch die Komplexität der Aufgabe stellt ein Problem dar. Um die Gefahr zu umgehen, dass alle Eindrücke zu wertlosen Verallgemeinerungen führten, bekamen die Studierenden die Aufgabe sich nur auf einen kleinen Ausschnitt (z.B. einen Verkaufsstand, drei Leute, die miteinander reden) zu konzentrieren.

Schwierigkeit Beobachten vs. Interpretieren

Es war nicht leicht mit den Chinesen über etwas anderes als über die Preise zu sprechen. Das merkten wir, als wir die Speisekantine suchen und uns nach dem Weg durchfragen mussten. Unsere Fragen konnten sie jetzt nicht mehr an unseren Gesichtern ablesen und auch nicht mehr mit bloßen Angaben wie 10. 000 oder 100. 000 Lei beantworten. Als ein Chinese realisierte, dass der viel gebrauchte Kommentar wie „Das sieht sehr gut aus bei dir, ich mache guten Preis!“ hier nicht weiterhalf, rief er letztendlich hilflos nach seinem rumänischen Kollegen. Daraus schlussfolgert der Student „Es war nicht leicht mit den Chinesen zu sprechen. Sie waren sehr unkooperativ.

Im Prinzip beschreibt der Student an dieser Stelle nicht gesehenes Verhalten, sondern interpretiert es bereits und bewertet es als in seiner Wahrnehmung unkooperativ. Genauer betrachtet jedoch wendete sein Gegenüber schließlich eine Reparaturstrategie an, um das Gespräch erfolgreich zu Ende führen zu können, indem er einen rumänischen Muttersprachler zur Hilfe ruft. Gerade durch den Rückgriff auf diese Strategie verlief das begonnene Gespräch am Ende doch erfolgreich, denn die Studierenden fanden die Kantine auch mittels der bruchstückhaften Beschreibungen.

Dieses Beispiel eignet sich sehr gut, um das voreilige Übergehen vom bloßen Beobachten zu wertendem Urteilen über das Verhalten des Anderen zu veranschaulichen.

Vor allem sprachliche Verständigungsschwierigkeiten bringt eine Studentin mit dem eingenommenen Status der Sprecher innerhalb des Raumes in Verbindung.

Beim Kauf hatten wir kein Glück. Immer Schwierigkeiten. Die chinesischen Verkäufer konnten die rumänische Sprache nicht. Sie konnten nur die Zahlen nennen aber auch nicht so deutlich. Wir hatten Schwierigkeiten zu verstehen und zu sprechen. Sind rumänische Verkäufer am Stand, dann stehen diese meistens vorne, während die Chinesen im Hintergrund sitzen. Dann schauen sie die Käufer nicht an.“ Daraus schlussfolgert die Studentin „Sie haben kein Interesse an diesen. Das merkt man auch daran, dass sie keine Rabatte gewähren.

Bruchstückhafte sprachliche Kommunikation oder gar die Verweigerung der verbalen Kommunikation verläuft in der Wahrnehmung der Studierenden über Blickkontakte, die dann entsprechend interpretiert werden. Der Beobachtungsraum Speisekantine, in welchem sich die Studierenden laut ihren Angaben unwohl fühlen, da er sie befremdet, weil er nicht ihren (westlich geprägten) Vorstellungen von Verköstigungsstätten entspricht, wird als exotisch anmutender oder ganz im Gegenteil, als feindlicher Raum beschrieben.

Eine Studentin stellt fest:

Auch in der Kantine hatten wir kein Glück. Sie war klein und schmutzig. Man konnte dort keinerlei saubere Bedingungen finden.

Diese Aussage ist weniger eine Beobachtung, als vielmehr bereits eine schon vollzogene Bewertung der Situation. Ihre Bewertungshaltung legitimiert die Studentin durch die Beschreibung des Blickkontaktes, der wiederum bereits mehr Auskunft über die eigene Befindlichkeit in der Situation als über die tatsächlichen Abläufe gibt.

Als wir in die Kantine eintraten, schauten die Leute von dort uns so an, als ob wir Eindringlinge wären. Meiner Meinung nach sind die Chinesen sehr fremdenfeindlich.

Schwierigkeit: der Umgang mit Emotionen

Während der Beobachtung spielen Emotionen wie Neugier, Spannung, Vorfreude, Enttäuschung oder auch Ekel eine ganz wesentliche Rolle. Die Bedeutung von Emotionen beim Lernen ist in der psychologischen und pädagogischen Literatur inzwischen hinreichend betont worden. Gerade innerhalb von gruppendynamischen Lernprozessen können die Emotionen eines Gruppenmitgliedes die der anderen entscheidend beeinflussen. Die Studierenden wurden ausdrücklich gebeten, ihre eigenen Emotionen als Teil der Beobachtung zu erkennen und zu thematisieren. So sollten sie versuchen, sich im Anschluss an ihre Emotionen zu erinnern und diese auch als Teil des Protokolls aufschreiben. Dies gelang allerdings nur den wenigsten. Emotionen wurden meist nur sehr verkürzt z.B. als Reaktion auf äußere Bedingungen wie das Wetter geschildert.

Wir kämpften mit der unerträglichen Kälte.

Die Schwierigkeit die Abhängigkeit von den eigenen Emotionen zu erkennen und diese zu verbalisieren, mag durchaus darauf zurückzuführen sein, dass Emotionen meist im Kontext des universitären Lernens, welches fast immer als ausschließlich kognitiver Prozess betrachtet wird, keine Rolle spielen. Im Gegenteil: die das Lernen begleitenden Emotionen werden oft sogar als störend und lernhemmend betrachtet.

So erscheint es gerade bemerkenswert, dass eine Kleingruppe die eigenen Emotionen als Teil ihrer sozialen Handlungen beschreibt und in diesen einen Handlungsmotor erkennt, der ganz entscheidend die geführten Gespräche lenkt und steuert.

Wir wendeten uns an eine der Verkäuferinnen und verhielten uns sehr höflich. Da sie kein Rumänisch sprach, versuchten wir ihr durch Gestik unsere Intention zu erklären. Die Preise konnte sie schon auf Rumänisch ausdrücken, als wir aber Details zu ihrer Ware verlangten, kam ihr die andere zu Hilfe, die unsere Sprache beherrschte. Sie verhielt sich ganz offen und hilfreich und wir schafften es auch den Preis ein wenig zu ändern, da er uns zu hoch schien. Froh über unseren Erfolg machten wir uns auf den Weg zum nächsten Stand. Hier gab es nicht viele Kunden und auch nicht viel Auswahl. Die einzige Verkäuferin saß auf einem Stuhl, so dass sie am Anfang nicht sichtbar war. Als wir uns die Produkte ansahen, zeigte sie keine Intention uns zu helfen, sondern feilte nur ihre Nägel. Wir entschieden uns nicht mehr so höflich zu handeln und trauten uns nun, die Ware selbst durchzuschauen. Sie fragte uns, was wir genau suchten, ohne aber aufzustehen. Unsere Antwort kam nicht prompt und sie murmelte etwas, das wir nicht mitbekamen, ohne sich Mühe zu geben, sich verständlich zu machen, obwohl ihr Rumänisch sehr schlecht war. Als wir endlich nach dem Preis fragten, zeigte sie uns ein Schild auf dem Tisch, auf dem nur sehr klein eine Summe stand, die uns zu hoch schien. Wir haben aber nicht mehr versucht weiter zu verhandeln sondern gingen einfach weiter. Das schien sie nicht sehr zu interessieren, denn sie setzte sich wieder und wandte sich ihren Nägeln weiter zu.

Emotionen werden hier als soziale Handlungen beschrieben mit denen etwas erreicht (oder eben nicht erreicht) werden soll, nämlich der erfolgreiche Kauf der Feuerwerkskörper. In der dichten Beschreibung der zweiten Verkaufssituation wird das Verhalten der Verkäuferin in einzelne Handlungssequenzen `wie Nägel feilen, nicht aufschauen, sitzen bleiben, den Kontakt aufnehmen und etwas murmeln, auf etwas zeigen, weiter sitzen bleiben, den Kontakt abbrechen und weiter die Nägel feilen´ zerlegt. Die Handlungskette erzeugt Unmut bei der Beobachtergruppe, was wiederum Gegenhandlungen auslöst: zunächst die bewusste Entscheidung sich nicht mehr höflich zu verhalten und die Waren ungefragt anzufassen und vielleicht sogar zu durchwühlen, danach die Entscheidung das Verkaufsgespräch abrupt abzubrechen. Emotionen können mit Shewder als „komplexe narrative Strukturen“ betrachtet werden,

die körperlichen und seelischen Zuständen (z.B. Anspannung und Leere) Form und Bedeutung geben. Ihre Einheit wird nicht in streng logischen Kriterien […] gefunden, sondern in den Typen von Geschichten, die sich um das Selbst einer Person drehen, die es uns möglich machen, über unsere Gefühle zu sprechen.[14]

Auch von der Beobachtungsgruppe werden die eigenen Emotionen also die zurückliegenden Erlebnisse in Form einer Geschichte verarbeitet und dabei gedeutet: Bezeichnend ist, dass den Studierenden dabei im Verhalten der Chinesen besonders der Spiegeleffekt auffällt:

Wir bemerkten, wenn man die Chinesen freundlich und höflich anspricht, so verhalten sie sich genau so, ist man aber unhöflich und frech, dann können sie auch sehr kalt sein. Auf dem Weg nach Hause besprachen wir unsere Schlussfolgerung. Alle Verkäufer besaßen ein ganz gewöhnliches Merkmal, sie verhalten sich zu anderen so wie sie angesprochen werden. Höflichkeit erzeugt Höflichkeit, Frechheit eher Arroganz. Die Studierenden sehen damit im emotionalen Verhalten ihres Gegenübers durchaus eine Erwiderung ihres eigenen Verhaltens. Sicherlich ist auch diese Betrachtungsweise verkürzt und stark verallgemeinernd, zahlreiche andere Faktoren außerhalb der eigenen Befindlichkeit, die ebenso auf die Situation einwirken, werden nicht berücksichtigt. Dennoch scheint uns die hier geleistete Wahrnehmung und Durchbrechung der Eigenperspektive ein erster erfolgreicher Schritt zu sein, der Bereitschaft zu Selbstreflexion signalisiert. Das Erzählen über etwas wird wesentlich authentischer und lebensnaher, wenn man auch erzählen kann, wie es einem dabei ging.

Einschätzung der Chancen und Schwierigkeiten der Projektarbeit in der eigenen Lebenswelt

Rückblickend lässt sich als erstes festhalten, dass durch die Teilnahme am Projektseminar zur teilnehmenden Beobachtung die Studierenden einen Einblick in ein Stück (relativ unbekannter) Alltagskultur erhielten. Damit wurden die Merkmale von Alltagskultur also das Äußere, das Sichtbare und Fühlbare, die Ebene alles Wahrnehmbaren und Beobachtbaren, auf dessen Grundlagen in der Kommunikationswissenschaft zurückgeführt. Der Kommunikationsbegriff wurde so in seiner erweiterten Form vermittelt.

Die Teilnehmenden wurden für das Thema Interkulturelle Kommunikation sensibilisiert, wurden zunächst theoretisch herangeführt und versuchten das Erlernte in die Praxis umzusetzen: zuerst mittels einiger Trockenübungen in den vorbereitenden Treffen, dann in Eigenregie auf dem Feld. Das Beobachtete mussten sie sich merken, um dann, in der zweiten Phase das Erlebte festzuhalten und darüber zu reflektieren. Das Resultat dieser Reflexion sollten sie schriftlich festhalten und anschließend innerhalb des Auswertungsseminars mit den Kommilitonen besprechen. Als besondere Schwierigkeit erwies sich die Erkennbarkeit und Unterscheidbarkeit der eigenen inneren Zustände und Perspektiven zu unterschiedlichen Zeitpunkten (als Akteur/in in der damaligen Situation, und später bei der schriftlichen Deskription und Reflexion). Das fällt besonders auf beim Versuch anschließend möglichst ästhetisch und schön das Gesehene zu beschreiben. Ein Zitat aus dem Text einer Studentin veranschaulicht das: „Der Europa Markt zeigte sich nicht von seiner freundlichen Seite. Schmutz, Kot und Kitsch, konnten keinen schönen Gesamteindruck schaffen.“

Durch die Methode der teilnehmenden Beobachtung wurde nicht nur eine Auseinandersetzung mit einem oft wenig bearbeiteten Thema erreicht, sondern auch die Anwendung einer neuen Arbeitsweise, in der die Selbstständigkeit eine besonders große Rolle spielt, genauso wie die Fähigkeit in und mit einer Gruppe zusammen zu arbeiten. Dadurch und durch die erworbenen theoretischen Kenntnisse trug das Seminar zur Vervollständigung der sozialen Kompetenz bei, die zusammen mit der persönlichen und der fachlichen Kompetenz die so genannte Europakompetenz vervollständigt.

Das Seminar kann so auch als wichtiger Bestandteil auf dem Weg zur Erlangung von Schlüsselqualifikationen gesehen werden, die in der allmähliche Einstellung auf den zukünftigen gemeinsamen europäischen Arbeitsmarkt, von größter Wichtigkeit sein wird. Angestrebt wird eine Sensibilisierung gegenüber Werten wie Toleranz, Akzeptanz und gegenseitigem Respekt, die es ermöglichen sich fremden oder weniger bekannten Kulturkreisen unvoreingenommen zu nähern, sie zu verstehen und sich ihnen anzupassen. Dies ist umso bedeutender zumal es eine immer stärker ausgeprägte Vernetzungstendenz gibt, die gleichzeitig mit einem wachsenden Nationalitätsbewusstsein auftritt. Für die Berufstätigen von morgen wird es unabdingbar sein, sich sowohl in vertrauten, aber vor allem in unvertrauten Kontexten schnell zu Recht zu finden und anpassen zu können. Das Training zur Europakompetenz auf dem Europa Markt war in dieser Hinsicht ein erster Schritt.


[1] Zum fehlenden Wissen über neue kulturelle Gruppen in Rumänien siehe Wundrak, Rixta (2006): Chinesische ImmigrantInnen in Bukarest: Eine neue Minderheit in Rumänien? In: Heller, Wilfried / Jordan, Peter / Kahl, Thede / Sallanz, Josef (Hg.). Ethnizität in der Transformation. Zur Situation nationaler Minderheiten in Rumänien. Reihe: Wiener Osteuropa Studien, Bd. 21, Lit-Verlag.

[2] Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Dissertationsprojekt wurde vo 2003-06 an der Universität Potsdam durchgeführt und 2007 veröffentlicht.

[3] Biechele, Markus: erlebte Landeskunde. Handbuch für die Spracharbeit, Teil 5. 2. Aufl. München: Goethe-Institut 2001.

[4] Fragestellungen: Wie beeinflussen extraverbale Faktoren (wie Umgebung, Wetter, Beschaffenheit des Verkaufsstandes) das Gespräch? In welche Teile gliedert sich das Gespräch? Welche Rolle spielt die nonverbale Kommunikation dabei? (Proxemik, Körperdistanz) Wie sieht ein chinesisch-rumänisches Verkaufsgespräch aus? Wie lassen sich Ähnlichkeiten und Unterschiede zu anderen Verkaufgesprächen beschreiben?

[5] Goffmann, E: (1996): Über Feldforschung. In: Knoblauch, H. ( Hrsg.): Kommunikative Lebenswelten. Konstanz: Universitäts-Verlag, S. 261-269.

[6] Wundrak, Rixta (2006): Eine Einführung in die Methode der Teilnehmenden Beobachtung. Unveröffentlichtes Scriptum der Lehrveranstaltung „Der Fremde Blick“ im Rahmen des Seminars „Interkulturelles Lernen“ an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften in Fremdsprachen der Politehnica Bukarest und der Fakultät für Übersetzungswissenschaft der Universität Bukarest.

[7] Vgl. dazu ausführlich Rosenthal, Gabriele (2005): Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung. Weinheim und München: Juventa Vg. S. 104 ff.

[8] Zur Funktion von sequenziellen Feinanalysen siehe Rosenthal (2005), S. 119 f.

[9] Lakoff, G. u. Johnson, M. (1999): Philosophy in the Flesh. The Embodied Mind and Its Challenge to Western Thought. New York: Basic Books.

[10] Über den Ablauf und Ergebnisse der Exkursion erfuhren wir als Leitende erst eine Woche später, welche Eindrücke bei den Studierenden entstanden waren, als wir unser letztes gemeinsames Auswertungstreffen der Exkursion für beide Gruppen angesetzt hatten.

[11] Hier können folgende Arbeitsanweisungen gegeben werden:

· Nehmen Sie beim Beobachten keinen Stift und kein Papier mit. Machen Sie direkt im Anschluss erste Notizen oder sprechen Sie auf Band. Tauschen Sie Ihre Beobachtungsprotokolle miteinander und ergänzen Sie diese. Machen Sie alle nachträglichen Anmerkungen als solche erkennbar.

· Beziehen Sie Ihre Gefühle beim Aufschreiben mit ein. Schreiben Sie auch weitere Fragen auf.

· Denken Sie daran, dass Sie ein Fremder sind, ein Außerirdischer, der das alles noch nie gesehen hat. Bilden Sie Hypothesen, wieso etwas so oder so gemacht wurde, und beschreiben Sie diese.

[12] Vgl. Rosenthal ( 2005) , S. 61.

[13] Eine Beschreibung der Methode findet sich bei: Scheller, Ingo (1998): Szenisches Spiel. Handbuch für die pädagogische Praxis. Berlin: Cornelsen.

[14] Shewder, Richard (1996): “You´re not sick, you´re Just in Love” – Emotions as an Interpretative System. In: Ekman, Paul und Richard Davidson (eds): The Nature of Emotion – Fundamental Questions. New York/Oxford: Oxford University Press, S. 32 - 44. Übersetzung von Schwerdtfeger, in: Schwerdtfeger, Inge: Gruppenarbeit: 2001, 37.

 

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