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III. LINGUISTISCHE DURCHBLICKE

ZUR SYNTAKTISCHEN AUSPRÄGUNG DER DEUTSCHEN AMTSSPRACHE IN HERMANNSTADT
 

in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts: Der Verbalkomplex

Dana Janetta Dogaru

1. Zielsetzung und Aufbau

 

Zahlreiche sprachhistorische Untersuchungen haben die Ausbildung der Amtssprache in den deutschsprachigen Kanzleien Mitteleuropas in der sprachlich so mannigfaltig und uneinheitlich sich darstellenden Umbruchperiode vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen beleuch­tet. Die Verfestigung der typischen Strukturen für den Haupt- und den Gliedsatz sowie die Entwicklung nicht nur komplexer, sondern aufgrund der spezifischen Merkmale auch eindeutiger hypotaktischer Gefüge und – der im folgenden relevante Aspekt – die Ausbildung des Verbal­komplexes zum neuhochdeutschen Stand hin in Urkunden aus der Wiener, Prager und Ofener Kanzlei sind bekannt. Aber wie sieht es mit der Formung der Amtssprache in dem geographisch entfernten, jedoch über wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen dem binnendeut­schen Sprachraum eng verbundenen Hermannstadt, rum. Sibiu, in Siebenbürgen aus?

Ziel des Beitrages ist es, den Entwicklungsstand des Verbalkomplexes in der deutschen Amtssprache Hermannstadts in den Jahren 1556 bis 1562 festzustellen. Hierfür werden die for­male und funktional-semantische Zusammensetzung des Verbalkomplexes sowie die Anordnung der Verben zueinander untersucht.

Das Korpus bilden 31 vom königlichen Notar verfasste Sitzungsprotokolle des Her­mannstädter Magistrats – Akten des Hermannstädter Stadt- und Stuhl-Magistrats sind nämlich erst aus dem Jahr 1701 erhalten[1]. Sie belaufen sich auf 44 eng beschriebene Seiten (die Manu­skriptseiten 359-414). Die Zeitspanne 1556 bis 1562 wurde aus zwei Gründen gewählt: Zum einen erfolgen lediglich ab dem Jahr 1556 Eintragungen vermehrt in deutscher Sprache[2], zum anderen stammen alle Protokolle dieser Zeit von einem und demselben Notar, Joannes Rhyssus, was die Einheitlichkeit der Sprachverwendung gewährleistet. Es handelt sich dabei um reflek­tierten Sprachgebrauch, wahrscheinlich aufgrund von während der Sitzung entstandenen Vor­lagen, nicht um eilig festgehaltene Notizen, denn Korrekturen durch Hinzufügen oder Durch­streichen von Wörtern[3] und die stellenweise Nichtübereinstimmung der Seitenfolge mit der chronologischen Datierung lassen vermuten, daß der Notar den Eintrag ins Protokollbuch nach der Verhandlung vorgenommen hat. Protokolliert werden in erster Linie Übertragungen (Erb­schaften und Schenkungen) und Kaufgeschäfte von Immobilien (Häuser und Höfe), die nicht ohne Wissen und Einwilligung des Hermannstädter Magistrats erfolgen durften, nicht einmal unter den Mitgliedern einer Familie, vermutlich vor allem um der Gefahr einer Übergabe an Fremde, d. h. an solche, die nicht Siebenbürger Sachsen waren, vorzubeugen, aber auch um sicherzustellen, dass Minderjährige nicht um ihr Erbe betrogen werden und ohne Schutz und Versorgung bleiben oder Eltern nicht in eine sie benachteiligende Lage geraten[4].

Für die Analyse wurde das Korpus elektronisch erfasst, auf der Wort- und Satzebene analysiert und mit Kürzeln, die kodifiziert die grammatische Information enthalten, versehen. Mithilfe eines von Frau Prof. Dr. Monika Rössing-Hager an der Philipps-Universität Marburg entwickelten Computerprogramms[5] wurden danach die Verbalkomplexe nach ihrem Auftreten im Haupt- bzw. im Gliedsatz und nach der Form und Funktion der Bestandteile geordnet.

 

2. Struktur des Verbalkomplexes

 

Um die Struktur des Verbalkomplexes offen zu legen, werden die Bestandteile im Hinblick auf Anzahl, Form und Semantik untersucht. Der Verbalkomplex kann zwei bis vier Verben enthal­ten, wobei sich die Viergliedrigkeit allerdings lediglich beim Ausdruck der Vollzugsstufe von Modalität und Kausativ in den beiden folgenden Realisationsformen findet:

(1)        haben wollen lassen einschreiben[6] (S. 370) – die Konstruktion wird in der Abschlussformel der Protokolle gebraucht (s. auch S. 370, S. 378, S. 384),

(2)        habens mussen lassen sheczen (S. 361) – in diesem Fall ein Einzelbeleg.

 

2.a. Von den zweigliedrigen Verbalkomplexen, die die größte Vorkommenshäufigkeit unter den Verbalkomplexen im Korpus aufweisen, machen – wie zu erwarten – den größten Teil Verben auf der Vollzugsstufe und die Modalverbkomplexe aus; unter den Modalverben herrscht sollen eindeutig vor. Die überdurchschnittliche Vorkommensfrequenz der Perfekt- und Plusquamper­fektkomplexe lässt sich darauf zurückführen, dass zeitlich abgeschlossene Handlungen und Geschehnisse protokolliert werden – so die durchgehend in allen Protokollen vorkommende Angabe, daß jemand vor den Magistrat gekommen ist und etwas angezeigt hat:

(3)       wie die Erbare Leuth Paull Scherer in person vnd Namen des wirdige herren Lazari seines Eydems, ppfarherr von Klein Schelken, von eim teyll, Vnd die Tugentsame fraw Elizabet die Joachim Wagnerin, samptt iren freunden Joseph Golttschmidt, Simon Vagner, vnd Jrem kleinem Kindt, vom andern teill, all vnsere Mittburger, Sindt fur vns in vnserm Ratthaus erschienen, eines wechsels halben, vnd alda hatt obgenanter Paull Scherer vns ange=czeiget (S. 359).

Sehr oft findet sich Perfekt bzw. Plusquamperfekt auch in der Verkündigungsformel des Magistratsbeschlusses, nachdem die Parteien befragt und angehört wurden:

(4)       Nach dem Mir aber solchen vrsachen gehörtt, vnd als billig erkant hatten, So haben Myr mitt Rechten darczu geshauet vnd durch recht erkant (S. 360).

Die große Anzahl der sollen-Verbalkomplexe rührt daher, daß der Magistrat seine Entscheidungen als dezidierte Aufforderung formuliert und sie sprachlich entsprechend kenn­zeichnet:

(5)       Doch soll das haus […] Jren Kindern Ir ppfandt sein (S. 360),

(6)       Das Thor an der selben seytten, soll er auch allein halten, vnd auff seiner seytten das er zushliessen mag, ein Ketten ßoll soll lassen machen [sic], Vnd auff der ander seitten in dem selben thor, soll herr Michel auch ein Ketten halten (S. 366).

Hinzu kommt, dass sollen-Komplexe auch mit futurischer Semantik verwendet werden[7]:

(7)       Aber das solchs nicht mehr geshehen soll, haben sie solche Mittel vnd vergleichung zwitschen innen funden vnd gemacht (S. 366).

Die Konstruktion werden + Infinitiv scheint sich erst in dieser Zeitspanne als Ausdruck des Futurs herauszubilden: Futurkomplexe kommen nämlich eher gehäuft in aufeinander folgen­den Protokollen vor, so vor allem in denen aus dem Jahr 1557, was einerseits auf die Unge­wohntheit des Schreibers im Umgang mit dieser Verbkonstruktion schließen lässt, andererseits seinen Vorsatz sichtbar macht, sie zu verwenden:

(8)       So will Jch es denen geben die ge=rechtigkeit darczu werden han (S. 380).

Verhältnismäßig gut repräsentiert ist weiter der Passivkomplex, vor allem in der Ausprä­gung als Vorgangspassiv:

(9)       das der Peter Bydner einen starcken frieden […] sol machen lassen, vnd den selben ßo bewaren, das er vnd sein Nach=parr vor Schaden behüett vnd bewartt werde (S. 366)

sowie die Konstruktion haben + Infinitiv mit zu zur Umschreibung von Modalverbkomplexen:

(10)     welchs hauß nach der besitzung seinem Son gemeltem Joanni rechtlich zustehend, Jedoch er es nit zubehalten hett (S. 400).

Mit Nachdruck sei auf die große Vorkommenshäufigkeit der Konjunktivformen hinge­wiesen, um die in Ratsprotokollen notwendige Wiedergabe in indirekter Rede zu markieren; der Notar verwendet dabei in der Regel den Konjunktiv Präteritum, nur vereinzelt den Konjunktiv Präsens. Die würde-Ersatzform ist selten.

 

2.b. Der dreigliedrige Verbalkomplex kennt folgende Manifestationsformen:

a) als Vollzugsstufe der Passivkomplexe. Sie sind im Korpus besonders gut vertreten:

(11)      Darbey ir keiner nit geuesen, Noch dar=zu gerupfen wer worden (S. 401);

b) als Vollzugsstufe der Kausativkomplexe. Sie kommen mit überdurchschnittlich hoher Fre­quenz vor, wobei die Formel, die das Eintragen der Verhandlung ins Register explizit benennt, einen erheblichen Teil ausmacht:

(12)     Vnd haben hieruber aupf der vorgemelter bitlich anlangen, solchs in dis Stadbuch lassen einschreiben, Jm Jarr vnd tag wie oben (S. 388),

(13)     Vnd das Recht, so die Richter zwischen Jnnen gesprochen, darbey han lassen bleyben (S. 377);

c) als Vollzugsstufe der Modalverbkomplexe. Sie sind nur selten und nur auf die Modalverben können, sollen und wollen beschränkt zu verzeichnen:

(14)     Vnd herr Thomas keinen Pryepf noch zeugen, allein die von hören sagen zeugeten, hett kennen fürstellen vnd erfur bringen (S. 376);

d) als modale Kennzeichnung der Passivkomplexe. Die Verbkombination kommt häufig vor, in erster Linie zum Ausdruck von Aufforderungen mit sollen (wie auch bei den zweigliedrigen Ver­balkomplexen):

(15)     ßo ßoll er von dem hans Zymmerman den schlis=sel bittlich begehren, vnd ßoll im Bitt wegen gegeben werden (S. 389);

e) als modale Kennzeichnung der Kausativkomplexe. Die Verbkombination begegnet ebenfalls häufig in auffordernder Semantik mit sollen:

(16)     das der Peter Bydner einen starcken frieden der die höpf beyder, seinen vnd des Herr Michels, von einander teylt, sol machen lassen (S. 366) – s. auch Beleg (6);

f) als Futur der Konstruktion haben/sein + Infinitiv mit zu. Die Kombination lässt sich zwar nur vereinzelt nachweisen, bekräftigt aber die bereits angesprochene Entwicklung von werden + Infinitiv zur Futurform:

(17)     wenn er den Rohr aupf das Rech zyhen will, oder wenn er sonst ethwas da zuschapfen wird han (S. 381),

(18)     Nach solchem fürbringen vnd anczeigen haben sie hierüber von einem Ersamen weysen Ratth, was Jnnen hierin zuthun wirdt sein, einen Reypflichen vnterricht begert (S. 378).

 

3. Abfolge der Verben im Verbalkomplex

 

Bei der Abfolge der Verben im Verbalkomplex muss unterschieden werden, ob der Verbalkom­plex im Hauptsatz oder im Gliedsatz steht: Denn bei solchen in einem Hauptsatz ist lediglich die Anordnung der infiniten Verbformen zueinander für die gewählte Fragestellung von Interesse, während in Gliedsätzen die Stellung aller verbalen Bestandteile zueinander zu betrachten ist. Schon bei der ersten Lektüre fällt auf, wie schon in den bereits angeführten Beispielen deutlich wird, daß die Stellung der Verben innerhalb eines Typs von Verbalkomplexen recht labil ist.

 

3.a. Die sehr bewegliche Anordnung der Verben betrifft im Gliedsatz sogar Vollverbkomplexe der Vollzugsstufe Perfekt und Plusquamperfekt; wobei das Hilfsverb sein die weniger gefestigte Bindung an die neuhochdeutsche Nachstellung einzugehen scheint als das Hilfsverb haben[8]. Man vergleiche folgende zwei Belege, die darauf schließen lassen, dass weder die Rahmenbe­setzung noch die Stellung des Verbalkomplexes im Satz für die Vorder- oder Nachstellung aus­schlaggebend sein konnten:

 

(19)        was yr mit rechten zugestanden wer, von dem franz waldörffer (S. 376),

(20)        Welcher ist geuest Myttuag für S. Gallen tag (S. 379) – s. auch Beleg (3).

Das Hilfsverb haben kommt dagegen vor allem nachgestellt vor – auch bei Endstellung des Verbalkomplexes im Gliedsatz und überdurchschnittlich starker Belastung des Satzrahmens (21) oder wenn zwei oder mehrere Perfektpartizipien nach der „Manie des mehrgliedrigen Aus­drucks“[9] im Frühneuhochdeutschen koordiniert werden (22):

(21)      ßo er ein lange zeytt über, sei=nes haus halben, vom Peter bydner seinem nachbar, wider recht vnd gerechtigkeit erlyden hatt (S. 365),

(22)      Nach dem mir aber solchs anbringen vernommen vnd verstanden hetten (S. 362).

Verbalkomplexe mit vorangestelltem haben lassen sich nur in geringem Umfang nach­weisen:

(23)      An welchem er darnach, durch gutter vnd Erbaren herren fürbitt, seiner gemelter Schuester Agnitin von guttem willen, ir leben lang, frey wonung hett vergünnett (S. 368).

Das finite haben bzw. sein „wandert“ sehr häufig bereits im zweiten Teilsatz eines Glied­satzes an den Satzeingang, unabhängig von der Stellung des Verbalkomplexes im ersten Teilsatz, so dass der zweite Teilsatz die Struktur eines Hauptsatzes erhält – zuweilen ist es sogar fragwür­dig, ob es sich nicht um einen tatsächlichen Neuansatz handelt (wie in Beleg 25):

(24)      h             Mir thuen zukundt,

g.t1.el   wie das der Erbar Man thomas heydel, fur vns erschienen,

g.t2      vnd hat neben sich mit fur vns gebracht, die Erbare Menner Joannes frytsch vnd wolffgangum Kyrschner, avlle vnsere Mitbürger

g.t3      vnd hat in der massen vns furgetragen vnd ange=zeigt (S. 390),

(25)      h             Myr BurgerMeyster, Richter vnd Ratth, der Stadtt Hermanstadtt, thun hiemit zu kundtt,

g.t1      wie das der Erbar man Jacab Kerner, sampt seinem Styepf Son Paull Kerner, fur vns sind personlich er=schyenen, in vnserem Ratthaus,

g.t2//h vnd alda hatt der vorbestympt Paull Kerner, recht vnd redlich, mit einem reypfen vnd wolbedachtem Mutt, vngeczungen, angeczeiget, gesagt vnd bekannt (S. 373).

Bei den anderen Typen zweigliedriger Verbalkomplexe – mit Modalverb, mit werden zur Bildung des Futurs oder des Passivs – kann die gleiche Instabilität in der Stellung des Finitums vor oder nach dem infiniten Bestandteil festgestellt werden; daher soll hier nicht näher darauf eingegangen werden.[10]

 

3.b. Die Stellung des Finitums und der infiniten Verbteile in dreigliedrigen Verbalkomplexen hängt von ihrer Form und Semantik ab: Auf der Vollzugsstufe der Passivkonstruktionen und bei der Angabe von deren Modalität, also in der Verbindung mit zwei Partizipien und mit Infinitiv und Partizip, neigt das Finitum – entgegen der Nachstellung im Neuhochdeutschen – offensicht­lich dazu, in Zwischenstellung vor das ihm unmittelbar untergeordnete Verb zu treten:

(26)      das der Albert Schneyder dreymall befraget wer worden (S. 395),

(27)      Auff das, das selbig geheüß vnd backhaus geschetzt soll werden (S. 368).

Damit scheint sich ein wesentlicher Unterschied zu Texten des binnendeutschen Sprachraums zu ergeben. Th. Brooks stellt für die Zeit 1530/1560 im Oberdeutschen die Nachstellung des Finitums in Verbindung mit worden und Partizip II als die frequenteste der drei Varianten fest[11] – allerdings nur gering die Zwischenstellung überschreitend – und eine deutlich höhere Frequenz der Voranstellung bei der Kombination von Modalverben mit Infinitiv und Partizip II[12]. J. E. Härd findet für den Zeitschnitt 1526-1580 für ein Korpus, das alle größeren Dialektgebiete abdecken soll, einen etwa gleich großen Anteil der Voran-, Zwischen- und Nachstellung des Finitums für die Kombination von sein mit zwei Partizipien[13] und ein Vorherrschen der Voran­stellung des finiten Modalverbs in der Verbindung mit Infinitiv + Partizip II[14]. Das Kriterium Textsorte beachtend, kommt Th. Brooks zum Ergebnis, dass die Kanzleisprache im 16. Jahrhun­dert ein verwirrend uneinheitliche[s] Stellungsverhalten aufweist[15]. Die angeführten Belegzahlen für die untersuchte Zeit deuten aber darauf hin, daß sie die Variante mit nachgestelltem sein bzw. mit vorangestelltem Modalverb bevorzugt und die Zwischenstellung eindeutig meidet.[16] J. E. Härd beurteilt hingegen die Zwischenstellung des Finitums als ein Charakteristikum des deutschen Prosastils im 15. und 16. Jahrhundert, wobei der Strukturtyp seit etwa 1526 durchge­hend eine markant sinkende Frequenz hat[17].

Die Zwischenstellung des Finitums findet sich auch in Kombination mit prädikativen Adjektiven oder Substantiven[18]:

(28)     welcher wonhafftig ist geuest zw Namburg in Dyryngen im deutschem land (S. 379)

und gelegentlich sogar bei Verben mit trennbarer Partikel:

(29)     das er auch kegen im zu mag shliessen (S. 366).

Die Endstellung des Finitums konnte lediglich in einem Beleg zum Ausdruck der Abge­schlossenheit eines Zustands (i. e. der Vollzugsstufe des Zustandspassivs) nachgewiesen werden:

(30)     weill sie an einander gutt ge=freundt geuest weren (S. 397).

Die Voranstellung des Finitums vor die infiniten Verbformen kommt in einigen wenigen Belegen in modal markierten Passivkomplexen vor:

(31)     das der theilpryepf billig ßoll versiegelt werden – aber nur einige Zeilen weiter begegnet die im Korpus gängige Zwischenstellung des Finitums: das er durch die Theyl herren versiegelt ßoll werden (S. 391),

(32)     vnd besorgt sich, das Jm der obgenante Garten vnd Erbe, welchs sie im fur seine schulden gegeben hetten, auch mögt ge=nomen werden (S. 397),

Auf der Vollzugsstufe von Kausativ- und Modalkomplexen und in modalen Kausativ­komplexen, also in Verbindung mit zwei Infinitiven, erscheint – wie im Neuhochdeutschen auch – das Finitum durchgehend vorangestellt:

(33)     vnd der peter Kyrsner daselbs die Sache hat lassen syncken (S. 404),

(34)     als man nemlich den Baw (ßo er am gemeltem hauß gethan) hetten sollen verrechnen vnd besichtigen (S. 394),

(35)     das ers alls bey dem wolt lassen bleiben (S. 398).

 

3.c. Die Stellung der infiniten Verbformen zueinander: In modalen Passivkomplexen und auf deren Vollzugsstufe geht das Perfektpartizip sowohl in den Verbalkomplexen der Hauptsätze als auch der Gliedsätze der übergeordneten Verbform voraus (s. die Belege 30-32) – die Abfolge der infiniten Verbformen entspricht mithin derjenigen, die sich im Neuhochdeutschen verfestigen wird.

In Verbalkomplexen der Vollzugsstufe der Kausativ- und Modalkomplexe und in modal markierten Kausativkomplexen dagegen bildet die Abfolge der infiniten Verbformen die Depen­denzbeziehungen zwischen ihnen ab[19], sowohl in Verbalkomplexen der Gliedsätze (s. z. B. die Belege 33-35) als auch in denen der Hauptsätze:

(36)      So haben mirs durch genanten Erasmi Bitt vnd begehr, in seiner Schuester son gemelter lang Jörgen kegenwertt, zu stetten gedechtnüs in das Stattbuch lassen einschreiben, Jm Jar vnd tag, wie oben (S. 369).

Dasselbe Anordnungsprinzip findet sich auch in den viergliedrigen Komplexen (s. Be­leg 1 und 2). Die Verbstellung gemäß den grammatischen Zuordnungsbeziehungen führt vermut­lich dazu, dass die infiniten Verbformen zuweilen diskontinuierlich stehen: Das dem Hilfsverb untergeordnete Verb folgt diesem unmittelbar, während das tiefer abhängige Vollverb die End­stellung (oder Späterstellung) einnimmt:

(37)      Als er aber nichts hatt kennen mit rechten an im erlangen (S. 377).

Bezeichnend für die gärende Sprachentwicklung in der untersuchten Zeit, namentlich die Abfolge der verbalen Elemente, ist, dass in den jüngsten untersuchten Protokollen (aus 1562) die Anordnung der infiniten Verben in diesen Verbalkomplexen mit derjenigen im Neuhochdeut­schen übereinstimmt:

(38)      Nu aber zu letzten, hetten sie das Haus, aus befehl eines Ersamen weysen Radt, widervmb aupf ein neues schetzen lassen (S. 411).

 

4. Fazit

 

Der Verbalkomplex zeigt in den Sitzungsprotokollen des Hermannstädter Magistrats aus den Jahren 1556-1562 folgende Charakteristika:

Er kann zwei bis vier Verbformen enthalten, wobei die viergliedrigen Kombinationen nur vereinzelt realisiert werden.

Unter den zweigliedrigen herrschen die Komplexe der Vollzugsstufe und Modalverb­komplexe, vor allem die mit sollen, vor. Verhältnismäßig häufig kommen auch Komplexe des Vorgangspassivs und die Konstruktion haben + Infinitiv mit zu vor. Die Stellung des Finitums schwankt – anders als im Binnendeutschen – sehr stark, sowohl die des Auxiliars, als auch die des Modalverbs. Zu analysieren wäre, inwiefern der Satzrhythmus, die Abwechslung stärker und schwächer betonter Glieder, Einfluss auf seine Position ausübt[20].

Der dreigliedrige Verbalkomplex kennt sechs Kombinationstypen, davon sind die Passiv- und Kausativkomplexe auf der Vollzugsstufe überdurchschnittlich häufig belegt, ihre modale Variante relativ häufig, und die anderen kommen selten oder vereinzelt vor. Bezüglich der Stellung der verbalen Elemente zueinander fällt die überdurchschnittlich häufige Stellung des finiten Hilfsverbs zwischen den Nominalformen auf. Dieser Befund verwundert nicht, beruht er doch auf einem gewissen sprachlichen Konservatismus. In binnendeutschen Kanzleitexten sind die Stellungsverhältnisse in der Untersuchungszeit dagegen relativ uneinheitlich; die Faktoren Sprachgeographie und der Textsortenzugehörigkeit scheinen beeinflussend gewirkt zu haben. Die infiniten Verbformen sind dagegen in ihrer Entwicklung einen halben Schritt weiter: Wäh­rend das Perfektpartizip der übergeordneten Verbform vorausgeht (wie im Neuhochdeutschen), erfolgt die Anordnung der Infinitive gemäß der Dependenzbeziehungen (entgegen der neuhoch­deutschen Abfolge).

Der Entwicklungsstand des Verbalkomplexes scheint somit bezogen auf die Urkunden­sprache der Zeit als rückständig, nähert sich aber dem, der in der Literatursprache gefunden werden kann. Eine weiterführende Untersuchung seiner Position im Satz, d. h. der infiniten Verbformen im Hauptsatz und des gesamten Verbalkomplexes im Gliedsatz, könnte dazu beitra­gen, diese Feststellung zu präzisieren.

ANHANG

 

Verzeichnis der Abkürzungen

h             Hauptsatz

g              Gliedsatz

t1 (-tn) Teilsatz (ein oder mehrere Elemente sind gemeinsam; es/sie wird/werden in der Ober­flächenstruktur aus sprachökonomischen Gründen nur einmal gesetzt)

el            elliptischer Satz

 

Quelle

 

Prothocollon Prouinciae Saxon<um> Necnon Ciuitatis Cibinie<nsis> Sub Anno Dommini 1522 feliciter ceptum et congestum. (Das Manuskript befindet sich bei der Kreisdirektion der Nationa­len Archivbestände Hermannstadt/Sibiu.)

 

Literatur:

 

1.        Behaghel, Otto, Deutsche Syntax. Eine geschichtliche Darstellung, Bd. IV, Heidelberg 1932.

2.       Brooks, Thomas, Untersuchungen zur Syntax in oberdeutschen Drucken des 16.-18. Jahrhun­derts, Frankfurt am Main; Berlin; Bern; Bruxelles; New York; Oxford; Wien 2006 (Schriften zur deutschen Sprache in Österreich 36)

3.       Direcþia Generalã a Arhivelor Statului, Inventarul protocoalelor Primãriei Sibiu 1521-1700, Verfaßt von Gh[eorghe] Duzinchevici, Evdochia Buta und Herta Gündisch, Bukarest 1958. [Allgemeine Direktion der Staatsarchive: Inventar der Sitzungsprotokolle des Hermannstädter Magistrats 1521-1700].

4.       Dogaru, Dana, Das Zusammenspiel syntaktischer und stilistischer Elemente in einem Predigt­text eines siebenbürgischen Pfarrers in der Reformationszeit, in: Meier, Jörg / Ziegler, Arne (Hgg.): Aufgaben einer künftigen Kanzleisprachenforschung, Wien 2003 (Beiträge zur Kanzlei­sprachenforschung 3), S. 171-186.

5.        Engel, Ulrich, Syntax der deutschen Gegenwartssprache, Berlin 19943 (1. Aufl. 1977) (Grundla­gen der Germanistik 22)

6.       Haage Bernhard D., Die Manie des mehrgliedrigen Ausdrucks in frühneuhochdeutscher Prosa, in: Pörnbacher, Hans (Hg.): Festgabe des Deutschen Instituts der Universität Nijmegen. Paul B. Wessels zum 65. Geburtstag, Nijmegen 1974, S. 22-40.

7.        Hammarström, Emil, Zur Stellung des Verbums in der deutschen Sprache. Studien in volkstümlicher Literatur und Urkundensprache der Übergangszeit vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen, Lund 1923.

8.       Härd, John Evert, Studien zur Struktur mehrgliedriger deutscher Nebensatzprädikate. Diachronie und Synchronie, Göteborg 1981 (Göteborger germanistische Forschungen 21).

9.       Oubouzar, Erika, Über die Ausbildung der zusammengesetzten Verbformen im deutschen Verbalsystem, Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur (Halle) 95 (1974), S. 5-96.

10.     Petry, Ulrike, Kommunikationsbezogene Syntax bei Johann Eberlin von Günzburg. Zur Funk­tion varianter Kompositionstypen in den „Bundesgenossen“, Hildesheim; Zürich; New York 1999 (Documenta linguistica, Studienreihe 3).

11.      Rössing-Hager, Monika, EDV-unterstützte Untersuchungen zum Gebrauch von Verbal­substantiven in frühneuhochdeutschen Texten, in: Gärtner, Kurt / Sappler, Paul / Trauth, Michael (Hgg.): Maschinelle Verarbeitung altdeutscher Texte IV. Beiträge zum Vierten Interna­tionalen Symposium, Trier 28. Februar bis 2. März 1998, Tübingen 1991, S. 276-319.

12.     Zimmermann, Friedrich, Das Archiv der Stadt Hermannstadt und der sächsischen Nation. Ein Führer durch dasselbe, Hermannstadt 19012 (1. Aufl. 1887)


 

[1] Hierzu Direcþia Generalã a Arhivelor Statului (1958), S. 5 und Zimmermann (1901), S. 73-75.

[2] Ab 1521, dem Jahr, aus dem die ersten Protokolle stammen, bis 1556 werden die Sitzungsprotokolle lateinisch niedergeschrieben.

[3] An einer Stelle (s. S. 413) wird sogar ein ganzer Teilsatz am Seitenrand ergänzt.

[4] Zum Inhalt der einzelnen Protokolle s. Direcþia Generalã a Arhivelor Statului (1958).

[5] Zu dem Kodiersystem und den rechnerunterstützten Auswertungen s. Rössing-Hager (1991), S. 227f., beson­ders die Fußnoten 2 und 4. S. auch Petry (1999), S. 9-11 und Dogaru (2003), S. 172f.

[6] Bezüglich der Abschrift aus dem Manuskript sei vermerkt, daß die Orthographie eines und desselben Wortes variieren kann: einschreiben z. B. kommt auch als inschreiben (S. 363, 368), einshreiben (S. 376, 377) vor.

[7] Zur Verwendung von sollen für ein ausstehendes Geschehen am Anfang des 16. Jhs. s. Oubouzar (1974), S. 57.

[8] Diese Beweglichkeit des Finitums in den Perfektperiphrasen stellt auch Brooks (2006), S. 94, für oberdeutsche Drucke aus dem 16.-18. Jh. fest; allerdings neigen in seinem Korpus haben und sein etwa gleich oft zur Voran­stellung. Die Befunde sind jedoch sehr unterschiedlich: Hammarström (1923), S. 141, findet schon in der ältesten Urkundensprache die im Neuhochdeutschen geltende Abfolge Partizip – Hilfsverb als die Regel, zu Anfang des 16. Jahrhunderts diese Stellung als die alleinherrschende.

[9] Das Syntagma geht auf Haage (1974) zurück.

[10] Die variable Stellung des Finitums ist nicht ungewöhnlich: Während Härd (1981), S. 169f., zum Ergebnis kommt, daß das Finitum im zweigliedrigen Verbalkomplex um 1600 weitgehend die Endstellung einnimmt, zeigt Brooks (2006), S. 103f., bezüglich oberdeutscher Drucke, daß zu eben dieser Zeit [um 1600] die Varianten mit vorangestelltem Finitum (FvI/F…I) [= Finitum vor Infinitiv / diskontinuierliche Abfolge Finitum – Infinitiv] wieder massiv an Verbreitung gewinnen. Unregelmäßigkeiten bei der Hilfsverbstellung in Verbindung mit einem Infinitiv stellt auch Hammarström (1923), S. 128f., in der Urkundensprache fest.

[11] Brooks (2006), S. 107, insbes. Graphik 4c.

[12] Brooks (2006), S. 109, insbes. Graphik 4d.

[13] Härd (1981), S. 46, Tabelle 9.

[14] Härd (1981), S. 49, Tabelle 11. Ebenfalls so bereits Hammarström (1923), S. 161.

[15] Brooks (2006), S. 116.

[16] Brooks (2006), S. 117, Tab. 4i. S. so bereits Hammarström (1923), S. 159f.

[17] Härd (1981), S. 55f.

[18] Dies bestätigt Behauptung von Hammarström (1923), S. 162, die Häufigkeit des Finitums in Zwischenstellung gründe darauf, daß die konstruktion aus sätzen hervorgegangen ist, in denen das erste partizipium mehr als adjektiv aufgefasst wurde, und das finite verbum nur mit dem zweiten partizipium, vor welches es sich stellte, näher verknüpft war.

[19] Zur Beziehung zwischen den Dependenzbeziehungen in einem Verbalkomplex und der Abfolge der verbalen Be­standteile s. Engel (1994, 107-111).

[20] Zur rhythmischen Akzentsetzung im Satz s. Behaghel (1932), S. 6, S. 87f.

 

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