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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 302-305

 

 

FREIE GESPRÄCHE IM DEUTSCHUNTERRICHT (DAF)

Kerekes Ágnes




Das Vermögen, Gespräche in der Fremdsprache führen zu können, hängt neben den jeweiligen Sprachkenntnissen sowie entsprechenden Fertigkeiten und Fähigkeiten vor allen davon ab, daß die Gespräche in entsprechende Kommunikationssituationen eingebettet sind.
(Harald Hellmich und Ursula Karbe)

1. Die Notwendigkeit des ungebundenen Gesprächs

Die täglichen freien Sprechübungen bilden einen organischen Bestandteil des gesamten Unterrichts, sie nehmen keine Randstellung ein, obwohl dieses Problem von den Theoretikern sehr vernachläßigt wird. Im Laufe des Unterrichtstages bilden die Fremdsprachenstunden eine ganz andere Welt. In der natürlichen Reihe der anderen Stunden, die in der Muttersprache gehalten werden, ändert sich grundlegend die innere Umwelt. Am Anfang der Fremdsprachenstunde müssen die Lernenden die Artikulationsbasis in einigen Minuten umstellen. Mehrere Methodiker geben den Ratschlag, in dieser Zeitspanne singen zu lassen. Das ist wirklich eine gute Lösung, trägt auch zur Disziplinierung bei, aber die einführenden Gespräche sind nicht zu vermeiden. Sie schaffen die Stimmung der Fremdsprachenstunde und lösen gleichzeitig die psychologischen Probleme der Umstimmung zum Denken in der Fremdsprache. Die spezifische Angst vor dem Sprechen in der Fremdsprache wird beseitigt.

Die Schwierigkeiten sind zunächst psychologischer Art. Die vielen schriftlichen Übungen, die vor allem nach grammatischen Kriterien beurteilt werden, lassen in den Schülern Angst vor den Fehlern entstehen,was im Gespräch sehr hemmend wirkt. Die andere große Schwierigkeit ist der unterschiedliche Grad der Sprechfertigkeit der Schüler.Ihre Einteilung in Gruppen nach der Spracherfahrung wäre begrüßenswert, ist aber kaum möglich. Natürlich tragen bei einem unterschiedlichen Leistungsstand der Klasse die guten Schüler zu einer lebendigeren Gestaltung der Unterrichtsstunde bei. Dies geht aber oft auf Kosten der weniger Guten,weil die Gefahr besteht, daß sich der Lehrer intensiver mit den guten Schülern beschäftigt.

Über die Notwendigkeit der Konversation äußerte sich Dietrich Aßmann aus Helsinki. Als Fremdsprachenlektor an der Universität Helsinki, begann er Konversationsübungen mit den finnischen Studenten. Es ist überraschend, wie sehr seine Probleme mit denen von uns ähneln. Die finischenn Studenten haben in der Schule sieben oder acht Jahre Deutsch gelernt, ein kleiner Teil nur drei oder vier Jahre. Der Schwerpunkt im Schulunterricht liegt auf der Grammatik und auf Lesen und Übersetzen. Nur in wenigen Fällen haben die Studenten wirkliche Sprecherfarung. Wenn man berücksichtigt, daß in der Schule ein ansehnlicher Wortschatz vermittelt worden ist, stellt sich die Aufgabe der Konversationsübungen von selbst, denn dieser Wortschatz muß im Gespräch aktiviert werden. Dem Lektor sind folgende Aufgaben gestellt: er soll einen großen Wortschatz im Gespräch aktivieren und gleichzeitig eine durch die Schulmethode erzeugte Scheu vor dem freien Sprechen überwinden helfen. Das wichtigste ist nicht ein in jeder form korrekter Satz, sondern eine dem Zuhörer verständliche Aussage. Daß diese Aussage grammatisch und idiomatisch richtig sein sollte, versteht sich von selbst. Die Fehlerbesprechung soll immer mehr idiomatische Dinge betreffen als grammatische.

Unsere Neuntklässler haben auch in der Allgemeinschule vier oder sieben Jahre Deutsch gelernt. Echten sprachlichen Kontakt mit Deutschen haben sie kaum, bevor sie ins Lyzeum kommen. Die Methoden des Fremdsprachenunterrichts in unseren Allgemeinschulen legen schon mehr Gewicht aufs Gespräch, die Grammatik-Übersetzungsmethode ist auch hier nicht mehr gültig, doch gibt es noch viele Probleme wegen der geringen Sprechfertigkeit der Schüler.

 

2. Einige Regel, die zu beachten sind

Das ungebundene Gespräch ist nicht unorganisiert durchzuführen. Es stellt immer ernste Probleme sowohl dem Lehrer als auch dem Schüler. Der Lehrer soll sich dafür vorbereiten, so wird der Schüler von dem Lehrer in unerwartete Situationen gestellt, er wird mit Fragen überrascht, worauf er möglichst schnell und richtig antworten soll. Einen Großteil dieser Gespräche bilden vielgeübte Strukturen, die von der Mehrheit der Schüler bekannt sind. Darum können in den ersten Minuten der Stunde auch die Schwächeren zum Sprechen angeregt werden sowie diejenigen, die sich für die Stunde nicht vorbereitet haben. Um so lieber sprechen diese, denn damit wollen sie ihr Unvorbereitetsein verhüllen.

Welche Gesichtspunkte sollten für die inhaltliche Überarbeitung dieser Gespräche Beachtung finden?

1. Alles, was in den Sprechübungen dargeboten wird, muß konkret sein und einen hohen praktischen Nutzen haben.
2. Es sollten nicht mehrere Muster für einen gleichartigen Sachverhalt verwendet werden.
3. Schul- oder routinemäßige Fragen (zum Beispiel: Warum du dir die Zähne putzt?) sollten vermieden werden. Nur Fragen, die einen hohen kommunikativen bzw. dialogischen Wert haben, sind einzuüben und zu beantworten.
4. Möglichst enge Anlehnung an den Stoff, der sich aus der Behandlung der Lehrbuchlektionen ergibt, ist zu fordern.
5. Es sollte möglichst wenig zusätzliche Lexik in den täglichen Sprechübungen auftreten.

Im allgemeinen machen die täglichen Sprechübungen den Schülern Freude. Eine einförmige und schablonenhafte Gestaltung trägt jedoch nicht dazu bei diese Freude zu erhalten, die anfängliche Begeisterung schlägt vielmehr in das Gegenteil um.

Da in unserem Fremdsprachenunterricht jetzt mehr gesprochen wird, fällt besonders kraß ins Auge, daß die Schülerfrage stark vernachläßigt wird. Wer sich in einer fremden Sprache verständigen will, wird dann die größten Schwierigkeiten haben, wenn er nicht in der Lage ist, Fragen zu stellen. Ein Sichverständlichmachen der Menschen untereinander ist ohne Fragestellung nahezu undenkbar.

Wann können wir die freien Gespräche anfangen? – Es ist nicht empfehlenswert, zu früh anzufangen, aber im zweiten Studienjahr doch, wenn die Deklination von Substantiven und die Konjugation von Verben den Schülern schon bekannt ist. Einige Themen zum freien Gespräch: die Wetterlage, die Mahlzeiten, die Tagesordnung, Wohnung, Freizeit, Feiertage. Alle Themen können aktuell sein und wir können sie nach einigen Stunden, Wochen wiederaufnehmen. Allerdings sollen die Themen nicht mehr als drei-vier neue Wörter enthalten.

Die Form dieses Teiles der Stunde kann der Dialog sein oder ein kurzer Bericht des Lehrers. Dieser Bericht kann sich an ein besonderes Ereignis anknüpfen – eine Veranstaltung in der Schule, in der Ortschaft, ein interessanter Film im Fernsehen, eine Theateraufführung. Die Kontrolle des Verstehens kann mehrere Formen haben.

In der fortgeschrittenen Stufe kann man in den besseren Klassen den Rahmen der allgemeinen Gesprächsthemen übertreten und ein weiteres Feld der eigenen Initiative der Schüler bieten. In den ungebundenen Gesprächen am Anfang der Stunden kann es zur Diskussion solcher Themen kommen, die in den Lehrbüchern nicht enthalten sind. Wichtige politische, gesellschaftliche Ereignisse, Erfolge der Sportmannschaften mit internationaler Bedeutung, größere Feiertage. Bei der Besprechung solcher Themen kann bei Fortgeschrittenen die ganze Klasse teilnehmen. Die Themen sind praktisch nicht zu erschöpfen.

Eine Hauptregel der ungebundenen Gespräche ist auch, daß wir den Schüler nicht wegen jedem kleinen Fehler unterbrechen dürfen. Die schwersten Fehler werden nachträglich korrigiert. Es ist auch zu empfehlen, daß man zu dieser Gelegenheit nur gute Noten, gute “Punkte“ gibt, und die Schüler mehr lobt als kritisiert. Man soll vor allem die Schwächeren ermutigen. Wir sollen auch die einfacheren Fragen und Antworten schät-zen. Einige unbekannte Wörter oder Ausdrücke können auch als Hilfe gegeben werden.

 

3. Wie vollzieht sich ein ungebundenes Gespräch im Fremdsprachenunterricht?

Natürlich ist es viel einfacher, einen aus dem Lehrbuch auswendiggelernten Dialog aufsagen zu lassen. Es gibt dann nichts Überraschendes, das ganze vollzieht sich automatisch vor sich. Wenn aber eben dieses Überraschende den Kern des Interesses bildet, dann können wir mutig damit einen Versuch machen. Doch sollen wir umsichtig sein! “In der Arbeit an den Kommunikationssituationen rücken wir nicht beliebige Themen, wie sie im Muttersprachenunterricht charakteristisch sind, in den Mittelpunkt der Betrachtung, sondern solche, die für den Gebrauch der Fremdsprache typisch sind. Wir nennen sie fremdsprachliche Kommunikationssituationen. Diese Unterscheidung erweist sich besonders für Lernzwecke als notwendig, da die Kompetenz der Gesprächsteilnehmer und ihre sozialen Erfahrungen unterschiedlich sind.“– stellen Harald Hellmich und Ursula Karbe aus Leipzig in ihrem ausführlichen Beitrag fest. Weiter heißt es hier:

Das Vermögen, Gespräche in der Fremdsprache führen zu können, hängt neben den jeweiligen Sprachkenntnissen sowie entsprechenden Fertigkeiten und Fähigkeiten vor allem davon ab, daß die Gespräche in entsprechende Kommunikationssituationen eingebetet sind, die im Unterricht der realen fremdsprachigen Kommunikationspraxis gemäß nachgestaltet werden.

Für die Entwicklung der Gesprächführung im Fremdsprachenunterricht sind neben diesen natürlichen Kommunikationssituationen besonders solche bedeutsam, in denen die künftige fremdsprachige Kommunikation zur Vorbereitung auf die Kommunikationspraxis simuliert wird. Den kommunikativen Aufgaben kommt in der Unterrichtsgestaltung eine Schlüsselfunktion zu, denn die Aneignung sicherer Sprachkenntnisse muß so erfolgen, daß Voraussetzungen für die Lösung kommunikativer Aufgaben mit ganz bestimmtem Sprachmaterial geschaffen wer-den. Davon hängt in entscheidendem Maße sowohl die gesamte Einstellung des Lernenden zum Fremdsprachenunterricht als auch die aktuelle Motivierung der sprachlichen Tätigkeiten ab.

Diesem “ganz bestimmten Sprachmaterial“ kommt bei den ungebundenen Gesprächen immer etwas Konkretes hinzu, die vom Lehrer gut vorbereitet werden soll, damit die schon erwähnte Überraschung der Schüler nicht zu groß sein soll, daß sie das vom Lehrer Gesagte verstehen können. Das Thema des Gesprächs ist natürlich hochaktuell und den Lernenden aus der muttersprachlichen Tagespresse oder aus den elektronischen Medien bekannt. Die Schüler bringen Artikel in die Stunde mit und lesen sie vor.

Mann kann die Frage stellen, ob die Schüler mit diesen Zusatzmaterialien nicht belastet werden. Meiner Erfahrung nach sind die Fortgeschrtittenengruppen so heterogen, die Fähigkeiten der Schüler so verschieden, daß wir ruhig mit der Zeitung arbeiten können. Natürlich werden diese Texte nur für diejenigen Schüler empfohlen, die keine Schwierigkeiten mit der gewönlichen Schulbuch-Lektion haben. Die anderen Schüler können die Texte außerhalb der Stunde vom Original abschreiben.

Die Zeitungsmaterialien sind dazu sehr geeignet, die alltägliche Sprache zu üben. In den Lehrbüchern gibt es auch solche Teile der Lektionen, die den gegebenen Wortschatz in alltägliche Situationen eingebettet, in Dialogform verwenden. Diese Texte kann man manchmal auswendig lernen lassen, wie auch die Witze aus der Zeitung. Oft ist es möglich den Schülern diese Texte nur einmal vorzulesen und dann sie sofohrt abfragen. In der Muttersprache kann ein Witz leicht nacherzählt werden. In der Fremdsprache sollen sich die Schüler die Mühe geben, ihn zu verstehen und wiederzugeben. Wenn jemand ein anderes Wort, einen anderen Ausdruck statt des vorgelesenen findet, das dem Inhalt paßt, ist auch ein Erfolg.

Das Vorlesen der Artikel in der Stunde kann auch eine gute Lösung für das Üben des auditiven Verstehens sein. Früher wurde das Problem des Hörverstehens in der Fremdsprache nicht erkannt und gar nicht unterstützt. Authentische Texte mit aktuellen, interessanten Temen standen den Lehrern nicht zur Verfügung, nur die Zeitung. Die Schüler verstehen mit Leichtigkeit einen langsam vorgelesenen Artikel, auch wenn er von einem besseren Mitschüler gelesen wird. In der Darbietung neuer Kenntnisse bemüht sich auch der Lehrer, den neuen Wortschatz klar und deutlich auszusprechen, wie auch die anderen Wörter und Sätze, die schon bekannt sein müßten, aber noch immer nicht sind. Das Schriftbild an der Tafel und auch im Lehrbuch unterstützen das Verstehen aber das hat auch einen Nachteil: die Lernenden gewöhnen sich daran, das Gesprochene immer auch schriftlich vor sich zu haben. Diese Gewohnheit wird zu Bequemlichkeit, weil sie nicht gezwungen sind, das vom Lehrer Gesprochene unbedingt verstehen und beantworten zu müssen, nur dann, wenn sie aus der Lektion ausgefragt werden – und darauf können sie sich zu Hause vorbereiten. Eben zur Auflockerung der monotonen Gewohnheiten dient vor allem das aufmunternde Gespräch am Anfang der Stunde. In diesen Minuten ist das Gesprächstempo normal, wie in der Muttersprache oder fast so schnell. Es hängt auch von der Vorbereitung der Gruppe, von ihrem Wissensniveau ab, ob sie einen kurzen Text, in normalem Tempo gesprochen, verstehen und beantworten oder wiedergeben können. Mit solchen Übungen können langsam allmählich auch dazu fähig gemacht werden, einen Muttersprachler zu verstehen und mit ihm Gespräche zu führen.

 

4. Didaktische Schlüsse

Im einführenden Gespräch darf man die Schüler nicht überlasten, vom Schulbuch-Lektion irreführen. Die oben zitierten Texte und alle, die die Aufmerksamkeit der Schü-ler mehr als fünf-sieben Minuten in Anspruch nehmen, soll man in eine andere Stufe der Stunde versetzen. Derselbe Text kann einer Klasse als Wiederholungsübung, als Illustration eines Grammatik-Stoffes oder aber als Lehrmaterial in der Darbietung neuer Kentnisse dienen.
Die Schüler verhalten sich ganz anders zum freien Sprechen als zu der Lektion. Das Schulbuch wirkt weniger anspornend. Doch bewegen sie sich sicherer in den Schulbuch-Themen. Die Neuigkeit, die ein unerwartetes Thema mit sich bringt, hat einen erfrischenden Einfluß, aber auch die Art, wie es behandelt wird, schafft ein natürlicheres, näheres Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler. So können wir feststellen, daß die Gespräche am Anfang der Stunde eine positive Wirkung auf unsere tägliche Arbeit haben.


Literatur:

1. Wilga M. Rivers: Formarea deprinderilor de limbã strãinã. Editura Didacticã ºi Pedagogicã, Bucureºti 1977

2. “Fremdsprachenunterricht“. Zeitschrift für den Fremdsprachenunterricht in der DDR.

3. “Zielsprache Deutsch“. Zeitschrift für Unterrichtsmethodik und angewandte Sprachwissenschaft. Max Hueber Verlag München.

4. Harald Hellmich / Ursula Karbe: Fremdsprachige Gesprächsführung und Könnenentwicklung. In: “Deutsch als Fremdsprache“, 4/1991, S. 215-221

5. Dietrich Aßmann: Konversation und Unterricht. In: “Deutsch als Fremdsprache“ 4/1985, S. 56-57

6. Günther Beneke: Bemerkungen zu einigen Materialien für tägliche Sprechübungen. In: “Fremdsprachenunterricht“, 5/1963, S. 262-263

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 302-305

 

 

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