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DER POSTMODERNE DEUTSCHE ROMAN

am Beispiel von Christian Kracht, Thomas Brussig bund Rainald Goetz

Katharina Kilzer

1. Postmoderne. Definition in Deutschland

Der Begriff der Postmoderne ist nicht genau definiert. Die Strömung, die sich in den achtziger Jahren in Westeuropa auf verschiedenen Ebenen wie die Kunst, Architektur, Musik und Literatur ausbreitete, wird als Gegenpol zu allen vorherigen gesellschaftlichen Erkenntnissen und Entwicklungen bezeichnet. Sie steht als Resultat ständig wiederkehrender, nicht zuletzt durch die beiden Weltkriege hervorgerufener Erschütterungen des Glaubens an den Fortschritt sowohl im materiellen als auch im ideellen Bereich. In der Postmoderne werden die traditionellen Werte und Perspektiven in den verschiedensten Bereichen des Lebens und Daseins, also auch in der Kunst, verneint.

Die Hoffnungen der Moderne in der Literatur – in Deutschland von Brecht bis Enzensberger definiert -, wenn schon nicht in der existierenden Realität so doch wenigstens in der Kunst Sinn zu finden, verflüchtigten sich nach dem Ende des Krieges. Die Denker jener Zeit traten in Opposition zu all jenen Dingen, in die in den vergangenen Jahrhunderten, insbesondere jedoch während der Moderne Vertrauen gesetzt wurde: Fortschritt durch Vernunft und Sinn allen Handelns. Nach dem Zweiten Weltkrieg wandelte sich die Vorgehensweise ins Gegenteil: Man ging nicht länger davon aus, allen vorherigen Gesellschaften geistig und moralisch überlegen zu sein. Der Mangel an erkennbarem Sinn und an Perspektiven ließ Kunst und Literatur nicht länger als die letzte Möglichkeit der Projektion erscheinen. Die Autoren versuchten nicht mehr etwas Einzigartiges, nie zuvor Dagewesenes zu schaffen. Das Spiel mit traditionellen so wie mit neuen Formen des Erzählens und Stilmitteln war wichtiger als die Suche nach Sinn und Aussicht für die Zukunft.

In Deutschland waren die Schriftsteller der Generation des Kalten Krieges, Heinrich Böll, Günter Grass, Martin Walser oder auch Siegfried Lenz diejenigen, die sich im Westen mit Parteien oder in Bürgerinitiativen solidarisierten und sich aktiv an Friedensmärschen und Sitzblockaden gegen Raketenstationierungen beteiligten. Als 1980 Umweltschützer und Friedensaktivisten die Partei der Grünen gründeten, die 1983 in den Bundestag einzog, erwartete man die ökologische Katastrophe. Das Tschernobyler Atomreaktorunglück 1986 bestätigte die Ängste. Böll sieht in der Friedensbewegung den Geist der Zukunft und ist der Meinung, dass es sich bei den Friedensaktivisten nicht nur um eine Gruppe von moralistischen Spinnern handelt. Doch in der Bundesrepublik herrscht kein Konsens mehr darüber, wie über die Gesellschaft nachzudenken sei. Der Philosoph Jürgen Habermas nennt das in seiner Studie „Die neue Unübersichtlichkeit”.[1] Aus der kapitalistischen Gesellschaft wird die Konsumgesellschaft, aus dem engagierten kritischen Intellektuellen wird der zynische Intellektuelle, dem der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk in den achtziger Jahren sein Buch „Die Kritik der zynischen Vernunft“[2] widmet. Das Projekt der Moderne, die Aufklärung aller, ist gescheitert. Die Künstler fühlen sich wieder frei. Sie tragen nicht länger die Politik und den Fortschritt als Zwangsjacke, sondern als Modellversuch einer neuen Richtung in der Kunst, Literatur, Musik und Architektur.

In eine ähnliche Richtung gehen Künstler in den achtziger Jahren in der DDR. Sie sammeln sich am Prenzlauer Berg in Ostberlin und  versuchen sich der Last des sozialistischen Realismus, vertreten durch Hermann Kant und Erik Neutsch, zu entledigen. Auch sie sind Postmoderne. Sie scheren aus dem künstlerischen Einheitswerk der politischen Einheitspartei aus, die weiter auf dem Weg in die vermeintliche sozialistische Zukunft ist. Die Schriftsteller vom Prenzlauer Berg widmen sich im Geheimen der Literatur als Handwerk: Dichten und Drucken. In kleinen Zeitschriften, von Eigenverlagen herausgegeben, handverlesenen Ausgaben und bei Lesungen im privatem Kreis blüht die romantische Vorstellung von einem Verbund von Dichtung und Leben wieder auf. Viele dieser Schriftsteller wurden nach der Wende zu Erfolgsautoren in Gesamtdeutschland und zu Vertretern des postmodernen deutschen Romans, wie Thomas Brussig, der am 9. November 1989 - dem historischen Datum - beim Ostberliner Verlag „Volk und Welt” seinen ersten Roman „Wasserfarben” zur Veröffentlichung einreichte. Mechthild Küpper schrieb dazu in der NZZ:

Auf groteske Art verdankt der Schriftsteller Thomas Brussig der DDR etwas Kostbares: Zeit, sein erstes Buch ohne Druck zu schreiben. «Wasserfarben», entstanden von 1985 bis 1989, ist ein Endzeitwerk - über das Land, in dem es entstand. Der junge Autor widmete sich seinem Erstling frei von äußerer und innerer Zensur, denn in der DDR hätte er kaum erscheinen können.[3]

   In der Bundesrepublik wurde als eine weitere Rückzugsmöglichkeit die Toskana gewählt. Eckhard Henscheid, der Ende der siebziger Jahre mit seinem Buch „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ bekannt  wurde[4], sowie der vor kurzem in Frankfurt am Main verstorbene Dichter, Komiker und Zeichner Robert Gernhardt, ehemals Redakteur des Satiremagazins „Titanic”, gehören zu den wichtigsten Vertretern jener Generation. Sie haben das Besserwisser-Gerede der Schriftsteller der älteren Generation, Böll, Grass, Enzensberger, Walser, satt, verlieren aber nicht den eigenen Humor. „Ich ich ich”[5] lautet der Titel des satirischen Romans von Gernhardt, der 1982 erschien, als Helmut Kohl Helmut Schmidt an der Regierung abwechselt. Der Generation, die sich nach den Straßenkämpfen dem sanften alternativen Leben zuwendete, hat Gernhardt 1986 noch sein Theaterstück „Die Toskana-Therapie“[6] gewidmet - als Nachklang sozusagen.

In den achtziger Jahren äußert das künstlerische  Ich wieder verstärkt seine eigenen Bedürfnisse. Nach dem Regierungswechsel verbesserte sich die Arbeitslosen- und Wirtschaftskrise in der Bundesrepublik. Dreihunderttausend arbeitslose Lehrer orientieren sich um in Umschulungen, Fachkursen und Fernkursen, wurden zu Übersetzern,  von der Ihk geprüften Fremdsprachensekretärinnen, Reiseleitern, Dolmetschern, Bankern und Computerfachmännern.  Das Arbeitsamt fördert vielfach solche Umschulungen, auch die von zugewanderten Aussiedlern deutscher Herkunft aus den osteuropäischen Ländern. Neue Wirtschaftszweige, boomende Bankgeschäfte fordern neue Berufe.

2. Deutsche Schriftsteller der Postmoderne

Auch die jungen deutschen Schriftsteller der achtziger Jahre wenden sich ab von den Traditionalisten, inspirieren sich an den neuen Büchern aus Amerika und Frankreich, schulen sich um und wenden sich den neuen Medien zu. So gilt zum Beispiel damals auch der junge Schriftsteller Rainald Goetz aus München unter Pessimisten, Humoristen und Friedensaktivisten als Grübler mit wildem Gemüt. Er studierte Medizin und Geschichte und veröffentlichte 1983, neunundzwanzigjährig, seinen Roman „Irre“[7]  - der zum Roman des Jahrzehnts wurde. In ihm geht es um die Psychiatrie und vor allem um die Vernunftgläubigkeit im Deutschland der siebziger Jahre, die von der Wirklichkeit nur schale Begriffe, vom Ich nur ein leeres Verstandeswrack übrig gelassen hat. Doch die Vertreter der Antipsychiatrie-Bewegung, die alle Irrenanstalten öffnen möchten, sind für Goetz nur das andere Extrem. Sie ersetzen die Vernunftgläubigkeit durch eine Ideologie des Wahnsinns, durch die das Individuum in einer verwalteten und kaputten Welt bewahrt werden soll.

Goetz schickt seinen Helden durch die Wirklichkeiten der psychiatrischen Kliniken und lernt dabei einen neuen Realismus kennen. Ihm wird Goetz in seinen weiteren Werken treu bleiben. In „Irre” beschreibt er den Wahnsinn der Psychiatrie, in seinem Folgeroman „Rave”[8] den Wahnsinn des Nachtlebens in deutschen Städten, in „Abfall für Alle”[9] den Wahnsinn des Tagebuchschreibens. Er vollzog in der deutschen Literatur des letzten Jahrhunderts als erster die Wendung von der Kritischen Theorie zur Systemtheorie des Soziologen Niklas Luhmann. Programmatisch ist Goetz’ Satz in „Irre”, dass er die „Wirklichkeit der Wirklichkeit” ernst nehmen möchte, indem er das Authentische überwältigend findet und die wirkliche Wirklichkeit unglaublich sei. Das Buch wurde als Theaterstück dann 2000 am Theater in Hannover uraufgeführt, und die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb dazu:

Wir sind alle krank, nur manche von uns tragen einen weißen Kittel und gelten deshalb als gesund - mit dieser schlichten Aussage seines Romans „Irre“ wurde Rainald Goetz, promovierter Arzt und Historiker, 1983 plötzlich ein sehr bekannter Autor. Und weil er sich damals während einer Lesung beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit einer Rasierklinge fachmännisch die Stirn aufschnitt, umweht ihn bis heute die Aura des Skandalösen. Sie ist erneut im Schauspiel Hannover zu spüren, wo Goetz' autobiographisch gefärbter Erstling nun in der Regie von Jossi Wieler uraufgeführt wurde... Der Roman, fiebrig-kraftvoll geschrieben und Raspes Realität in der Klinik wie beim Weißbier nach Feierabend lupengenau auf der Spur, wird in der Adaption zur klischeehaften Abhandlung über Wohl und Wehe der Psychiatrie. Beim Sprung auf die Bühne hat er Herzblut und Facetten gelassen und muß nun, zurechtgeschnipselt auf zwölf dünne Bilder, als trauriges Thesenpapier für längst bekannte Doktorspiele herhalten. ‚Im Grunde hängt der ganze Mensch’, heißt es einmal über einen schwer depressiven Patienten. Zu kurz gegriffen: Hier hängt die ganze Uraufführung.[10]

Für Autoren der Postmoderne wie Goetz stellte der Rückgriff auf vorangegangene Formen und Stile eine Art Kommunikation zwischen Gegenwart und Vergangenheit dar, die in der Moderne vermieden wurde. Alte Erzählformen wurden imitiert, mit neuen oder anderen traditionellen vermischt und parodiert. Dieses für die Postmoderne charakteristische Merkmal des ironischen Aufgreifens traditioneller Formen wird aus heutiger Sicht häufig als Kritik oder gar deren Demontage gedeutet.  Die Wiederbelebung bereits nahezu vergessener Stile und Themen wird als eine Hommage an dieselben angesehen. Der Effekt solcher Rückgriffe und des Verzichts auf allzu formale Experimente war das Wiedererlangen eines realistischeren Stils, was den meisten der jungen Schriftstellern jener Zeit gelungen ist.

Die erzählende Literatur näherte sich wieder mehr dem Verständnis der Leser an.  Sie diente wieder dem Künstler zur Selbstbestätigung und den Kritikern als Grundlage zur Analyse. Insofern verknüpfte die postmoderne Literatur die künstlerischen Ansprüche insbesondere auf Seiten der Kritiker mit dem immer stärker werdenden Verlangen nach Unterhaltung. Das gegenseitige Aufgreifen von Elementen aus der Alltagskultur als auch der anspruchsvolleren Kultur, das schon zu Zeiten der Moderne einsetzte, entwickelte sich in der Postmoderne schneller fort.

Die FAZ fragte 1992 in einer Überschrift „Ist die Moderne am Ende, oder fängt sie erst an“[11] – Arnulf Baring denkt darüber nach, ob der Ausruf der Postmoderne in der Architektur Ende der Siebziger Jahre durch den Amerikaner Charles Jencks das Ende der Moderne oder deren Anfang war. In der Literatur jedenfalls ist keine sichtbare Abgrenzung vorhanden. In Deutschland  triumphierte in den neunziger Jahren die Ironie. So hat der in Ost-Berlin geborene Schriftsteller Thomas Brussig 1995 mit seinem Roman „Helden wie wir“ [12] auf seiner Lesereise durch Deutschland großen Erfolg. Er hat eine Satire auf die friedliche Revolution von 1989 in der DDR geschrieben. Sein Held Klaus Uhltzscht, ein junger Mitarbeiter der Staatssicherheit und dem SED-Regime treu ergeben, hat die Berliner Mauer, wie er erzählt, durch eine gewaltige Erektion zu Fall gebracht. Uhltzscht verläuft sich in eine Kundgebung am Berliner Alexanderplatz. Dort trifft er auf eine Versammlung, wo eine Frau redet. Uhltzscht verwechselt sie mit einer berühmten Eiskunstlauftrainerin. Dabei handelt es sich um die Schriftstellerin Christa Wolf. Am 4. November 1989 hatte diese eine Rede dort  gehalten, in der sie sich gegen die Vereinigung der beiden deutschen Staaten und für einen dritten Weg eines besseren Sozialismus aussprach. Wörtlich übernimmt Brussig die Rede in seinen Roman. Sie klingt dort wie eine Parodie. In den Zeitungen entbrannte 1990 ein Streit über Christa Wolf, darüber, ob neben ihrer moralischen Integrität auch ihre literarische Qualität einer Überprüfung nicht mehr standhält. Die DDR-Literatur gerät unter Allseitsverdacht. Sie fällt ins Abseits während in der Bundesrepublik sich die verwöhnte zweite Nachkriegs-Generation wohlhabender Erben zu Wort meldete, die auf nicht selbst geschaffenen Luxus pochte.

Seit der viel gebrauchte Begriff der Postmoderne Ende der siebziger Jahre auch in Deutschland in Umlauf gebracht wurde, besteht die Diskussion über die Postmoderne in nicht geringem Maße aus Versuchen zu definieren, was denn Postmoderne eigentlich sei. 1991, zum Ausklang  einer Zeit, hat ein deutscher Vertreter dieser Richtung, der Philosoph Wolfgang Welsch, ein Buch veröffentlicht, das konzentriert geschriebene und Orientierung anbietende Aufsätze zum Thema versammelt: „Unsere  postmoderne Moderne“.[13] Wie der Titel bereits programmatisch formuliert, unternimmt es der Autor, postmoderne Philosophie als ein vornehmlich ästhetisch geprägtes Denken zu charakterisieren. Dieser liege ein generalisierter Ästhetikbegriff zugrunde, der alle Formen der Wahrnehmung - sinnlicher, primär künstlerischer, aber vor allem geistiger Art - umfasst. Es handelt sich um ein Denken, das seinen Ausgang von Wahrnehmungen nimmt. Ein Denken, das sich nicht mit der bloßen Affektion begnügt, sondern diese als Basis für seine Entfaltung versteht. Eine Kernthese des Buches von Welsch ist aber, dass jede Ästhetik eine entgegenstehende An-ästhetik, eine so genannte blinde Stelle enthält. Jedes Wahrnehmen schließt ein anderes Nicht-Wahrgenommenes aus. Das Gleiche gilt für gesellschaftliche Phänomene. Von den neuen, ästhetisch ausgerichteten Denkern wird gesagt, dass sie ihre Sinne im Denken mobilisieren und eine Form der Reflexion betreiben, die über Sinne verfügt und mit ihnen Sinn macht. Nach Ansicht von Welsch ist ein solches auf Wahrnehmung, Aisthesis (= griechisch für Ästhetik, die Lehre von der Wahrnehmung, der Sinnlichkeit und der Rezeptivität) beruhendes Denken das eigentliche Denken inmitten einer von medial vermittelter Fiktion beherrschten und damit immer weniger realistischen Wirklichkeit. Die Welt des Fernsehens und der Werbung kann nur noch von einem Wahrnehmungsdenken kritisch reflektiert werden. Viele Bedrohungen der Lebenswelt sind mit Sinnen nicht mehr fassbar, - das Beispiel Tschernobyl wird erwähnt. Der heutigen Daten-  und Bilderflut der Informationsgesellschaft steht eine Gleichschaltung und Entsinnlichung des Wahrgenommenen entgegen. Welsch verwendet viel Mühe, uns den Einfluss der Kunst auf die Theorie der Postmoderne zu beschreiben. Er erwähnt die entscheidenden Kunsterlebnisse der französischen Philosophen Lyotard, Derrida oder Foucault, die als europäische Theoretiker der postmodernen Strömung gelten. Aus historischer Perspektive gesehen bildet die künstlerische Avantgarde des 20. Jahrhunderts die Vorhut der Philosophie und hat dieser wichtige Einsichten voraus.

Die Postmoderne jedoch lebt von einer spezifischen Auslegung moderner Kunst. Das Ergebnis dieser Bejahung ist eine Ästhetik des Erhabenen. 1995 veröffentlichte Wolfgang Welsch seine weitere Abhandlung zu „Grenzgänge der Ästhetik” über zeitgenössischen Vernunftkritik.

3. Späte postmoderne Literatur der neunziger Jahre

Pop-Literatur in Deutschland

Ein wichtiger Vertreter der Literatur der deutschen Postmoderne, der manchmal auch der Pop-Literatur zugeordnet wird, ist Christian Kracht, der mit „Faserland“[14] 1995 seinen ersten Roman veröffentlichte, der bei der Literaturkritik starke aber zwiespältige Reaktionen hervorrief. Kritiker beschieden Kracht sprachliches Vermögen, würdigten seine Darstellung eines Generationenporträts, als das sein Buch verstanden wurde. Der Inhalt sorgte aber für tiefe Ablehnung bis Entsetzen: Die ziellose Reise eines aus reichem Hause stammenden, etwa zwanzigjährigen namenlosen Ich-Erzählers, der sich auf seiner Reise von Norden nach Süden, von Party zu Party, von Sylt bis zum Bodensee, durch Deutschland treiben lässt und am Ende in Zürich landet. Er ist ständig betrunken und verhält sich gegenüber seinen Mitmenschen snobistisch-arrogant. Mit diesem Verhalten, das als Provokation empfunden wurde, bricht er alle gesellschaftlichen Konventionen und beschreibt in heiterem lockerem Stil ein Deutschland der neunziger Jahre, wie es in der Literatur bis dahin so noch nicht vorkam.  Krachts Ich-Erzähler hält sich in Hotels auf oder in Nachtclubs, Diskotheken und bewegt sich auf  zahlreichen abendlichen Partys und Szenenversammlungen in den jeweiligen Städten, von Westerland, Hamburg, Frankfurt, Heidelberg, München bis Zürich. Er notiert ununterbrochen die Kleider, Outfits, die Frisuren sowie das Verhalten seiner Mitmenschen. Seine Aufmerksamkeit für die feinen Unterschiede verrät die soziale Unsicherheit dessen, der nichts geleistet hat - wie vorhin erwähnt: die Generation der Erben, die auf Luxus pocht! Zugleich spiegelt sie aber auch die seelische Entleerung einer Lebensform, die nur die Werteskala der Konsumwelt kennt. Krachts Sprache ist  nicht klischee-vermeidend, sondern orientiert sich am üblichen Szenegequatsche, das er auf seiner Reise kennen lernt.

Das Buch wäre nicht weiter aufgefallen trotz einiger komischer und gut beobachteter Szenen, die freilich jeder begabte Zeitungsreporter in einer Reportage genauso gut hinbekäme, zeigten sich nicht auch in dieser sinnleeren Oberflächenwelt kuriose Sehnsüchte. Der Erzähler kommt auf seiner Reise nach Heidelberg und erkennt, wie schön die Stadt ist: Alltagsszenen, seine Beobachtungen, wie die Menschen einfach nur am Neckar in der Sonne sitzen und genießen.  Kracht stellt Wortspiele auf, wenn er zum Beispiel den Begriff „Neckarauen“ genauer analysiert und meint, es verwirre einen, wenn man das Wort mehrmals wiederholt. Er stellt eine Assoziation her zu Deutschland: So könnte das Land sein, wäre der Krieg nicht gewesen und die Juden nicht vergast worden, meint der Beobachter-Erzähler.  Es wäre wie „Neckarauen“. Diese Wortspiele, Anspielungen auf die Gegenwart, Bezugnahmen auf Historisches sind typisch für Krachts Erzählung von dem jetzigen Zustand Deutschlands. Dann wäre Deutschland nicht so hässlich, vulgär, schlecht gekleidet, alternativ und faschistisch? Krachts Verzweiflung ist ziellos, und das macht seinen Hohn moralisch erträglich.

Die jungen Schriftsteller des vereinten Deutschlands, wie Goetz, Kracht und Brussig werden  gewagter in der Auswahl ihrer Themen und Sprache und immer professioneller. Sie operieren nicht mehr nur als selbstbewusste Künstler am Rande  der Gesellschaft wie in den achtziger Jahren, sondern sie erfüllen ganz die Ausbildungsanforderungen zum Medienexperten. Sie bewegen sich geschickt in dieser Szene, treten auch in Mediendiskussionen auf, die durchaus fernsehtauglich sind. Sie beherrschen perfekt das Medienspiel. Sie durchschauen die Mechanismen der Massenmedien und kennen die Strategien der öffentlichen Meinungsbildung, lassen sich nicht mehr zu so genannten Thesen-Intellektuellen machen, wie sie in den sechziger Jahren, als die Welt noch in Ost und West geteilt war, gang und gäbe waren. Seitdem das Wort Globalisierung für die neue ökonomische Weltordnung steht, scheint jede ausgreifende politische These einen Haken zu haben.

Diese offensichtlich große Irritation über Inhalt und Schreibweise der jungen Schriftsteller in ihren Romanen wie Kracht in „Faserland”, Goetz in „Irre”[15] oder Brussig in „Wie es leuchtet”[16], lässt sich möglicherweise darauf zurückführen, dass junge deutsche Literatur zum Beispiel zum Erscheinungszeitpunkt von „Faserland” allgemein eher als uninteressant und statisch galt. So hatten die großen Zeitungen, allen voran die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihren Feuilletons sich über den Stillstand der Literatur und die Talentschwäche der nachwachsenden Schriftsteller beklagt. Sie vertraten die Ansicht, dass die gegenwärtige Literatur sich zu wenig unterscheide vom bereits Bekannten und für unrühmliche Tugenden stehe.

Dass „Faserland” von der Kritik trotzdem weithin negativ beurteilt wurde, war umso erstaunlicher, da der Ruf nach Unterhaltung, möglichst nach amerikanischem Vorbild, laut geworden war. Kracht wurde ausgerechnet die Tatsache vorgehalten, dass er eindeutig von dem Amerikaner Bret Easton Ellis beeinflusst worden sei, dessen Roman „Less than zero” schon 1985 das mondäne Leben gelangweilter Upper-Class-Kids geschildert hatte und Kultroman wurde. Was die Literaturkritik an Krachts Debütroman auszusetzen hatte, wurde von der jüngeren Leserschaft jedoch positiv aufgenommen: Die Ernsthaftigkeit, mit der Kracht Markenprodukte einführte und als Fundamente des Lebensgefühls der neunziger Jahre beschrieb, wirkte befreiend. So findet die Jugend von heute nicht nur die Entscheidung schwer, zwischen zwei Parteien, CDU und SPD oder Grüne und FDP zu wählen, sondern die Entscheidung für einen Bourbon-Mantel in blau oder grüner Farbe ist für sie genauso wichtig, wie das bei Kracht nachzulesen ist.

Es lässt sich feststellen, dass sich Krachts Roman „Faserland” schon bald nach seinem Erscheinen trotz oder gerade wegen zahlreicher Verrisse der Kritik bei Vertretern einer jungen Generation zu einem neuen ,Kultbuch‘, diesmal der deutschsprachigen Literatur, entwickelte. Die Kritiker sahen in ihm ein Gründungsdokument einer neuen literarischen Bewegung – der Populärkultur geprägten Wirklichkeit zugeordnet: der so genannten Popliteratur. Christian Kracht selbst steht dieser Einschätzung, die ihn zum Idol einer ganzen Bewegung stilisiert, jedoch äußerst kritisch gegenüber und wehrt sich kokettierend gegen dieses Image: „Ich habe keine Ahnung, was das sein soll: Popliteratur.”, sagte er jedoch in einem Interview für die Wochenzeitung „Die Zeit”.[17]

In den neunziger Jahren wird Literatur immer mehr ethnographisch gelesen, das heißt als Bericht aus sozialen Sphären, die nicht jedem zugänglich sind, weil Alter, Herkunft, Interesse einen Riegel davor schieben. Man hört aus den Texten die neuen Rhythmen für Lebensgefühle, die Brücken schlagen in die unterschiedlichen, hochprofessionalisierten Bereiche der Gesellschaft. In der Medienrepublik werden die Schriftsteller selber zu Ereignissen. Seit die Jugend der Garant für authentisches Erleben in einer überalterten Gesellschaft sein soll, durch die im Sommer die Love Parade in Berlin mit Trucks und Techno zieht, gerät auch der literarische Markt mehr und mehr zur Debütantendisco. Autoren, die aus dem Journalismus hineinwechseln, wie Benjamin Stuckrad-Barre oder Florian Ilies treffen mit ihren Buchveröffentlichungen voll das Lebensgefühl der neuen Welt. Leser werden als Zielgruppen definiert, mit Markenlogos und bestimmten Lifestyles zum Konsum der Ware Buch verführt. Auch Stuckrad-Barre, der als Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, danach zum freien Journalisten und Popliteraten sich entwickelte, gehört zu den Kultautoren der Zeit.

Die Politik ist das Feindbild der Literatur, im Gegensatz zur Zeit davor, wo die Schriftsteller Böll, Grass oder Lenz noch Parteinahme für die eine oder andere politische Partei bekundeten und sich sogar in den politischen Wahlkampf mit einspannen ließen. Die innenpolitischen Irrungen und Wirrungen nehmen ein abruptes Ende, als der Terror zuschlägt und die internationale Politik mit einem Mal wieder auf der Tagesordnung steht. Am 11. September 2001 fliegen zwei Flugzeuge, gesteuert von islamischen Attentätern, in die Twin Towers in New York. Die Vereinigten Staaten rufen zum Kampf gegen den internationalen Terrorismus auf. 2003 beginnt der Krieg gegen den Irak mit dem Ziel, das Regime von Saddam Hussein zu stürzen. Wieder ist es vor allem Günter Grass, der sich öffentlich mit harten Worten gegen die amerikanisch-britische Invasion wendet. Bundeskanzler Schröder hatte sich gegen den Krieg gestellt.

Der Schriftsteller als der Intellektuelle, der moralische Empörung zum Ausdruck bringen kann wie während des Vietnam-Krieges, zeigt sich in den jüngeren Generationen nicht mehr. Die jüngeren Schriftsteller suchen sich anders auszudrücken. Sie sehen sich nicht definiert durch eine Epoche, sondern durch ihre schriftstellerischen Eigenheiten, Tagebücher, Reisebuchnotizen, kurzen Erzählungen, die oft zusammenhanglos daherkommen. Pop-Literatur nennt man es, aber auch dieser Begriff sagte einigen Schriftstellern nicht viel. Ist nun die Postmoderne zu Ende und abgelöst von der so genannten Pop-Literatur, Pop-Kunst und Pop-Art, darüber sind sich die Zeitgenossen nicht einig. An den deutschen Universitäten wird jedoch über das Phänomen Postmoderne viel diskutiert und spekuliert. Niklas Luhmanns Systemtheorie steht auf dem Stundenplan der Studenten. Abweichend von der postmodernen Literatur haben jedoch auch Schriftsteller Erfolg, die die zur Zeit gängigen Erzählmuster vermeiden, wie zum Beispiel der heute einunddreißigjährige Daniel Kehlmann, der mit seinem historischen Roman „Die Vermessung der Welt”[18] alle Verkaufsrekorde seit Erscheinen von Patrick Süßkinds „Das Parfum” vor nunmehr 20 Jahren gebrochen hat und nun seit etwas mehr als einem Jahr ganz oben auf den Bestsellerlisten steht. Sein historischer Roman zweier deutscher Helden, die bei Kehlmann zu Antihelden mutieren, wird von allen Schichten der Gesellschaft gelesen ob nun Intellektuelle, Spiegel-Bestseller-Leser oder auch Wissenschaftler, Historiker, Studenten und Schüler. Sein Realismus, den er den südamerikanischen Schriftstellern wie Gabriel Marcia Marquez entlehnt, seine Antihelden erwecken das Interesse vieler Leser. Obwohl man den Versuch wagen könnte, auch bei Kehlmann postmoderne Elemente herauszugreifen, wie die Aufnahme traditioneller Themen und Stile in Verbindung mit gesellschaftlichem Humor und Ironie. Kehlmanns Bücher sind bei weitem keine Pop-Literatur, sondern vielfältig in Thema und Stil. Denn Vielfalt ist heute angesagt.

 Selbst für die Postmoderne war es schwer, radikale Vielheit konsequent zu denken. Zumindest soll Kommunikation und konstruktiver Austausch zwischen heterogenen Weltentwürfen gewährleistet sein. Nach der Thematisierung von Pluralität und Heterogenität steht ein Denken der Transversalität, eine so genannte Verbindung verschiedener Lebensformen bevor, behauptete Wolfgang Welsch schon in den neunziger Jahren des zu Ende gehenden letzten Jahrtausends.

 

Literatur:

 

1.        Brussig, Thomas: Wie es leuchtet, Fischer, Frankfurt am Main 2004

2.       Ders.: Helden wie wir, suhrkamp taschenbuch, Hamburg 1995

3.       Gernhard, Robert: Ich, ich, ich, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2003

4.       Ders.: Die Toskana-Therapie, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2006

5.        Ders.: Irre, Suhrkamp Verlag, Hamburg 1986

6.       Ders.: Rave, Suhrkamp Verlag, Hamburg 2001

7.        Ders.: Abfall für Alle, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003

8.       Henscheid, Eckart: Trilogie des laufenden Schwachsinns, Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1986

9.       Kehlmann, Daniel: Die Vermessung der Welt, Rowohlt, Hamburg 2005

10.     Kracht, Christian: Faserland, dtv, Stuttgart 2002

11.      Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft, Suhrkamp Verlag, Hamburg 1983

12.     Welsch, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne, Akademie Verlag, Berlin 2002

13.     Ders.: Ästhetisches Denken, Reclam, Stuttgart 1990


 

[1] Habermas, Jürgen, Die neue Übersichtlichkeit, Edition Suhrkamp, 1985.

[2] Sloterdijk, Peter Kritik der zynischen Vernunft, Suhrkamp Verlag, 1983.

[3] NZZ, Mechthild Küpper, Endzeitstück, 3.4.1997.

[4] Eckart Henscheid, Trilogie des laufenden Schwachsinns, Zweitausendeins, 1986.

[5] Gernhard, Robert, Ich, ich, ich, Fischer Taschenbuch, 2003.

[6] Gernhardt, Robert, Die Toskana-Therapie, Fischer Taschenbuch, 2006.

[7] Goetz, Rainald, Irre, Suhrkamp Verlag, 1986.

[8] Goetz, Rainald, Rave, Suhrkamp Verlag, 2001.

[9] Goetz Rainald, Abfall für Alle, Suhrkamp Verlag, 2003.

[10] F.A.Z., Irene Bazinger, 9.10.2000.

[11]Arnulf Baring, Ist die Moderne am Ende, oder fängt sie erst an, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10.2.1992.

[12] Brussig, Thomas, Helden wie wir, suhrkamp taschenbuch, 1995.

[13] Welsch, Wolfgang, Unsere Postmoderne Moderne, Akademie Verlag, 1991.

[14] Kracht, Christian, Faserland, dtv, Stuttgart, 2002.

[15] Goetz, Rainald, Irre, Suhrkamp Verlag, 1986.

[16] Brussig, Thomas, Wie es leuchtet, Fischer, 2004.

[17] Die Zeit, Anne Phillippi, Wir tragen Größe 46, 22. April 1999.

[18] Kehlmann, Daniel, Die Vermessung der Welt, Rowohlt, 2005.

 

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