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 Grammatik 2 

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 Ich und mein Vater Ich und mein Sohn
aus: Joker 2 - Jahresmagazin für junge Leser 1991/1992; Quelle: "Mit 13 ist alles ganz anders", Jutta Modler (Hg.); Herder, Wien 1990
Ich bin mal wieder böse.
Ich bin zwölf Jahre alt und habe oft Konflikte mit meinem Vater.
Ich bin mal wieder böse.
Ich bin neununddreißig Jahre alt und habe oft Konflikte mit meinem Sohn.
Meist kommt es daher, weil ich so trottelig und vergeßlich bin. Er ist fast so groß wie ich, ist mitten im Stimmbruch. Ich weiß, ich erwarte immer zuviel von ihm und vergesse, daß er erst zwölf Jahre ist... Er vergißt aber auch so schnell, weil er noch so verspielt ist.
Wenn ich einige Briefe zum Briefkasten bringen soll, und ich habe nicht die geringste Lust dazu, sage ich meistens, daß ich es "gleich" tun werde. Nach einer halben Stunde fragt dann mein Vater, ob ich die Briefe weggebracht habe. Und hier ist nun der Haken. Weil ich keine Lust hatte, die Briefe wegzubringen, gibt es eine Auseinandersetzung. Wir bemühen uns, von unseren Kindern nicht zu viel zu verlangen. Aber manchmal muß Post dringend zum Briefkasten, weil der zu bestimmten geleert wird. Ist das zu viel verlangt, zu bitten, die Post zum Briefkasten zu bringen, der nicht weit von unserer Wohnung entfernt ist? Gott sei Dank schreibt er nicht: "Er hat getobt." Ich bemühe mich, mich dann immer noch zusammenzunehmen, aber es gelingt nicht immer.
Mein Vater fängt dann an, mir Vorwürfe zu machen und stellt mir meine Schwester als großes Vorbild hin. Natürlich, das müßte ich als "Lehrer" wissen, daß es genau falsch ist, die jüngere Kristina als Vorbild hinzustellen. Aber ehrlich, das ist mir erst jetzt aufgefallen. gut, daß es Ingo aufgeschrieben hat. Ich werde mich bemühen.
Ich wage es dann nicht, irgend etwas dazu zu sagen, weil ich Angst habe, ich könnte noch mehr ausgeschimpft werden. Ich wünschte mir so oft, er würde sich verteidigen. Aber man spricht wie gegen eine Wand. Hat er wirklich Angst vor mir? Wenn ich ihn danach frage, sagt er: "Nein!"
Wenn mein Vater in sein Zimmer gegangen ist, schnappe ich mir die Briefe und hole mein Fahrrad heraus. Mein Arbeitszimmer ist zur Straße hin. Ich schrecke immer auf, wenn ich ihn mit dem fahrrad höre, meine immer, es könnte etwas passieren. Ich müßte mir das ständige Beschützenwollen endlich abgewöhnen. Schließlich ist er zwölf Jahre alt. Wie kommt man nur gegen sich selbst an?
Nachdem ich die zweihundert Meter lange Strecke zum Briefkasten bewältigt habe, fahre ich noch eine Viertelstunde in der Gegend herum. Wenn ich dann nach Hause komme, hat mein Vater alles wieder vergessen. Na also, nachtragend bin ich nicht!
Oft bekomme ich Krach mit meiner Mutter wegen meiner Trottelhaftigkeit. Wenn ich beim Tischabräumen helfen soll, geht oft etwas in die Brüche. Meine Mutter schimpft mich dann aus. Komisch, mich regt es auf, wenn Dagmar mit dem Ingo so herumschreit. Ich versuche, ihr "pädagogisch" zu erklären, daß das gar nicht nützt. Sie verunsichert den Jungen dadurch nur noch mehr.
Ich versuche wirklich, es besser zu machen. Aber oft passiert mir vor lauter Eifer noch mehr als vorher. Kein Kommentar.
Wegen der Schule haben wir uns nicht so sehr in den Haaren, weil wir im Monat höchstens drei Arbeiten schreiben. Einen gewissen Humor kann ich meinem Sohn nicht absprechen.
Aber wenn ich dann eine Arbeit verhaut habe, bekomme ich es ganz schön mit meinem Vater zu tun. Das ist eine furchbare Situation: Auf der einen Seite weiß ich, wie verspielt er noch ist. Ich hasse den Leistungsdruck, möchte meine Kinder davor bewahren können und scheitere an der Realität. Wenn er nichts tut, bleibt er sitzen. Weil er nichts tun will, muß ich ihn zwingen. Ich spüre richtig, daß er mich dann haßt.
Mein Vater meint an solchen Tagen, ich würde viel zuwenig für die Schule arbeitenh und läßt mich Vokabeln wiederholen, schreiben und lesen. Wir halten es meist vierzehn Tage durch. Ich diktiere, er schreibt. Ich lese Texte auf Tonkassette, die er dann abschnittweise schreibt und wiederholt. Er soll sich selbst auf Tonkassette diktieren. Es geht aber alles nur unter Druck. Ich merke an seinen Augen, wie er dagegen opponiert. Ich habe wieder Mitleid mit ihm und meine: Man kann ihn nicht das ganze Leben zwingen.
Dann droht er mir an, wenn das mit dem Arbeiten so weitergeht, würde er mich in ein Internat schicken. Androhen? Nein! Wir haben darüber verschiedentlich gesprochen. Vielleicht würde er in einer fremden Umgebung etwas selbständiger. Weil er genau weiß, daß er zum guten Schluß mich immer weich bekommt, rechnet er damit. Vielleicht hindern wir wirklich darin, selbständiger zu werden. Aber der Kerl hängt so sehr an uns, daß wir es nicht wagen würden, ihn allein in eine andere Umgebung zu bringen. Er käme um vor Heimweh.
Aber nach ein bis zwei Wochen hat er das wieder vergessen: bis zur nächsten Arbeit. Er geht nicht eher schlafen, bis er mich gedrückt und geküßt hat. Zwölf Jahre alt, und ohne Gutenachtkuß geht es nicht. Auf dem Flur höre ich ihn dann jeden Abend brüllen: "Gute Nacht - Schlaf gut - Träum was Schönes - Bis morgen!"
Ich bin zwölf Jahre alt. Ich bin gern mit meinen Eltern zusammen. Zwölf Jahre. 1,69 m groß, dunkler Flaum auf der Oberlippe, Stimmbruch, immer in Gedanken, weiß alles besser...
Zwölf Jahre alt und mit dem Gemüt eines Sechsjährigen... Sieht nachmittags mit größtem Vergnügen Kindersendungen für Vorschulkinder und bettelt, abends noch den brutalen Western, den Spätfilm anschauen zu dürfen.
Trauert zwei Tage lang, weil sein Wellensittich eingegangen ist, und blickt mich mit großen verständnislosen Augen an, wenn er mit einer verhauten Arbeit nach Hause kommt. "Ich glaube, ich hatte einen Pechtag!"
Geht nur unter Protest unter die Dusche und wird verlegen, wenn einmal ein bestimmter Mädchenname erwähnt wird.
Zwölf Jahre alt...
Auch eine schlimme Zeit für Eltern.
 
 
 

Lectiile de Germana sunt realizate si predate de prof. Valeriu Untea.

 

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