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FRIEDRICH NIETZSCHE, EMIL CIORAN

und die offene Form des Philosophierens

Lucia Gorgoi

Für Hegel galt für wahr nur das Ganze, die Konstruktion der groß angelegten Systeme.  Dieses Einheitsunterfangen wurde mit der Zeit suspekt und annehmend teilbar. Nachhegelsche Philosophie ist eine Philosophie der Auflösung der Einheit. Sie vollzieht den Prozess, den Francois Lyotard als Abschied von der Moderne und Übergang zur Postmoderne beschreibt.  Der Abschied von der Ganzheit ist aber das Werk vieler Generationen; das Motiv der enttotalisierenden, fragmentierten und pluralisierten Denkens wird zur Konstante nachhegelscher Philosophie. Zu erinnern ist Kierkegaards Zuwendung zum Paradox, Nietzsches Perspektivismus; der Ganzheitsverlust in der Moderne ist schon seit langem registriert worden: die Romantik ist ein exemplarischer Fall dafür; das Ende der Ganzheit und der Verlust des Sinnes werden schon von der Frühromantik und zwar von Friedrich Schlegel registriert und in seinen Athäneum-Fragmenten ausführlich dargestellt.

Nietzsche hat den Trug der Ganzheit durchschaut, und hat stattdessen die Vielheit erkennen und anerkennen gelernt und in der Götzendämmmerung formuliert er folgenden bekannten Urteilsspruch:

Ich mißstraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Weg. Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit[1].

Das System vermag nicht mehr ein einheitliches Bild der Realität zu umfassen, sondern täuscht einen nicht existierenden Sinnzusammenhang vor. In einem Fragment vom Herbst 1887 ist dieser Gedanke mit Bezug auf den Zarathustra noch pointierter formuliert:

Ich mißtraue allen Systemen und Systematikern und gehe ihnen aus dem Wege: vielleicht entdeckt man noch hinter diesem Buche das System, dem ich a u s g e w i c h  e n  bin...[2]

Durch diese Aussagen tritt Nietzsche definitiv ins Feld des Fragmentarischen und wagt dadurch eine eigene Gedankensart auszudrücken, die nicht mehr die Einheit garantiert, sondern, im Gegenteil, mit ihr in Gegensatz tritt. Der deutsche Denker ist der Meinung, dass die Welt nicht mehr in ihrer Ganzheit erfassbar sei; es gäbe nur noch Realitäts-Splitter, Menschen-Splitter in dem “Chaos und Labyrinth des Daseins.”[3] Der Verlust der Ganzheit impliziert auch eine neue Form des Denkens, die nicht mehr systematisch ist. Anstelle des diskursiven Denkprozesses treten das Fragment, der schlagkräftige Aphorismus, die geschliffene Sentenz, der Spruch, die lyrische Form des Ausdrucks, der Perspektivismus.

Merkwürdigerweise treffen wir die Pflege dieser Art des Philosophierens auch in Rumänien der 30-er Jahre, als die Nietzsche-Rezeption in unserem Land ihren Höhepunkt erlebte. Nae Ionescu, Mircea Eliade, Emil Cioran, Mircea Vulcãnescu drückten ihre Gedanken in Essays, Fragmenten, kurzen Zeitungsartikeln aus und plädierten für ein unkonzeptualisiertes Denken, eine Mischung von Philosophie und Literatur, weit entfernt von der trockenen Abstraktion. Die Schlagworte waren, laut Mircea Eliade, des Wortführers der damaligen jungen Generation: “Subjektivität”, “Originalität”, “Authentizität”, “Erlebnis”.

Emil Cioran ist in seiner Jugend von Nietzsche sehr begeistert, aber er löst sich allmählich von seinem Idol los, um sich dann später eher kritisch über Nietzsche zu äußern. Wie er selbst gesteht, hat Cioran in seiner Jugend Nietzsche viel gelesen und die Rezeption seiner Gedanken ist vor allem in seinen rumänischen Büchern festzustellen. Wenn man einer genaueren Lektüre von Ciorans Büchern aus seiner französischen Zeit nachgeht, stellt man dennoch fest, dass sie in Nietzsches Gedanken und Reflexionen einen bemerkenswerten Platz beibehalten haben und dass Ciorans Gedankengang erstaunliche Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten mit Nietzsches Denken aufweist.

Auch Cioran kritisierte die traditionelle Philosophie. Die Auseinandersetzung mit der Systemphilosophie steht in engem Zusammenhang mit seiner “erlebnisphilosophischen” Position, die auf die Systematik zugunsten des Lebens verzichtete. Gerade die Loslösung vom System bedeutet die Befreiung aller Existenzformen und ihre Öffnung zum Wesentlichen. Cioran pflegt gerade eine solche Art des Philosophierens und nennt sich in der Lehre vom Zerfall einen Antisystematiker, und in einem Geleitbrief an Fernando Savater schreibt er:

      Während meiner Studentenzeit las ich ausschließlich Philosophen und glaubte allein an Systeme. Hernach bestand all mein Füllen und Denken einzig im Kampf gegen jede Form von System, auf welchem Gebiet auch immer. Sie hätten Ihrem Buch durchaus den Untertitel geben können: Über das Antisystem.[4]

E.M. Cioran richtet sich gegen das System, weil die Ausdrucksweise des Seins, des Lebens in seiner Fülle und Dynamik, keine Festlegbarkeit in abstrakten Begriffen duldet. In Dasein als Versuchung ist er noch expliziter und nennt Nietzsche einen Bahnbrecher dieser Art von Philosophie:

Es gibt nichts Ärgerlicheres als jene Werke, die darauf aus sind, die üppig wuchernden Ideen eines Geistes zu koordinieren, die alles ins Auge gefaßt hat, nur kein System. Wozu soll es gut sein, etwa bei Nietzsche den Anschein von Zusammenhang zu finden, unter dem Vorwand, sein Denken drehe sich um ein Motiv? Nietzsche bietet eine Summe von vielfältigen Haltungen, und es hieße ihn zu erniedrigen, wollte man ihm einen Willen zur Ordnung unterstellen, ein Streben nach Einheit. In seinen Launen befangen, hat er deren Wandlungen registriert. Seine Philosophie ist eine Meditation über seine sprunghaften Einfälle, und die Gelehrten haben Unrecht, wenn sie Konstanten herauserklären wollen, die sie verweigert.[5]

So wie Nietzsche ist auch Cioran ein entscheidender Widersacher von Hegel, der als negatives Beispiel zitiert wird:

Aristoteles, Toma von Aquin, Hegel – drei Knechte des Geistes. Die ärgste Form des Despotismus ist das System, in der Philosophie und in allem.[6]

Die Antisystematik sei diejenige Form des Denkens, die dazu geneigt ist, die unauflöslichen Paradoxien und Widersprüche zuzulassen, wie am Beispiel von Nietzsche in Dasein als Versuchung beschrieben wurden.

In einem Gespräch mit Fernando Savater aus dem Jahr 1972 gesteht Cioran die Form des Fragments, die unserer Zeit und unserer Lebensweise passender ist, und nennt Nietzsche als dessen Vorläufer:

Ich glaube, Philosophie ist nur noch in der Form des Fragments möglich, als eine Explosion. Es ist nicht mehr möglich, Kapitel für Kapitel auszuarbeiten in der Form einer Abhandlung. In diesem Sinne war Nietzsche ein Befreier höchsten Grades. Er war es, der den Stil der akademischen Philosophie abgeschworen hat und das System-Denken vom Throne stürzte. Er war ein Befreier, denn nach ihm kann man noch etwas mitteilen. Jetzt sind wir alle Fragmentschreiber selbst dann, wenn wir Bücher schreiben, die scheinbar Koordination erkennen lassen. Das entspricht unserem Zivilisationsstil.[7]

Cioran hebt die Vorteile des antisystematischen Denkens hervor:

Der Systematiker riskiert einen Trugschluß, um den Zusammenhang zu wahren. Anders ist es, wenn man Fragmente produziert, im Laufe desselben Tages kann man etwas behaupten, aber gleich danach auch den Gegenteil. Weil jedem Fragment eine besondere Erfahrung zugrunde liegt, und diese ist gewiß wahr. (...) Ein fragmentarisches Denken widerspiegelt alle Aspekte deiner Erfahrung; systematisches Denken kennt nur eine Vorgehensweise, die kontrollierte, und ist folglich eingeengt.[8]

Auf die Frage, ob ein Philosoph die Rechtschaffenheit bewahren kann, und hier wird Nietzsche zitiert, ist Cioran derselben Meinung wie der deutsche Denker: “Das Fragment ist sicherlich ein enttäuschendes Genre, wiewohl das einzig ehrliche”.[9]

Aus dieser Perspektive schätzt er auch später Nietzsches Denkart:

Durch Nietzsche, Dostojewskij sprechen alle möglichen Menschentypen, alle Erfahrungen. Im System spricht der Kontrolleur, der Aufseher. Das System ist der Ausdruck der Stimme des Chefs, aus diesem Grunde wirkt das System totalitär, während das fragmentarische Denken frei bleibt.[10]

Nietzsches Systemlosigkeit, meint Cioran, habe den freien Platz, den die Systemphilosophie hinterlassen hat, ausgefüllt; auch Cioran begreift das Philosophieren als einen dynamischen, wandelbaren Prozess:

(...) ich bin ständig wandelbar und kann kein System aufbauen. Ein System duldet das Gegensätzliche nicht. (...) darum schreibe ich Fragmente, um mich widersprechen zu können.[11]

Seine Abkehr von der Systemphilosophie geschah gewaltig. Die Gründe dafür erklärte er in seinem ersten in französischer Sprache geschriebenen Buch Lehre vom Zerfall, im Kapitel “Abschied von der Philosophie”:

Meine Abkehr von der Philosophie geschah in dem Augenblick, da ich die Unmöglichkeit erkannte, bei Kant auch nur die geringste Schwäche, auch nur den leisesten Akzent wahrer Trauer zu entdecken. Weder bei Kant noch bei irgendeinem anderen Philosophen entdeckte ich sie. Stellt man sie der Musik, der Mystik oder der Poesie gegenüber, so zeigt sich, daß jede Philosophie auf eine Schwächung der Säfte, auf eine verdächtigte Abgründigkeit zurückgeht, wie sie lediglich einen Zaghaften oder Lauen zu verführen vermögen. Im übrigen ist die Philosophie – diese unpersönliche Unruhe, dies Obdach, das blutleere Ideen gewähren – der Zufluchtsort all jener, die dem korrumpierenden Überschwang des Lebens aus dem Wege gehen. Das Leben fast aller Philosophen ist gut ausgegangen, darin liegt das stärkste Argument gegen die Philosophie. Selbst das Ende eines Sokrates hat nichts Tragisches an sich: es war ein Mißverständnis, das Ende eines Pädagogen – und wenn Nietzsche Schiffbruch erlitt -, so nur als Dichter und Seher: er sühnte seine Verzückungen, nicht seine Gedankengänge.[12]

Cioran zeigt Interesse für die “Dichter-Philosophen” in Grenzsituationen, die das Denken als großes existenzielles Experiment erfassen:

Sowohl in der Philosophie als auch in der Literatur interessiert mich der Fall, die Autoren, die einen Fall in fast klinischem Sinne des Wortes repräsentieren. Mich interessieren alle, die auf eine Katastrophe zu steuern sowie jene, die sich am Rande der Katastrophe behaupten konnten. Ich kann keinem größere Bewunderung entgegenbringen als dem, der schon einmal den Zusammenbruch erfahren hat. Darum liebte ich Nietzsche oder Otto Weiniger.[13]

Cioran meint, dass seine Bücher erlebt und gelebt sind und in Grenzsituationen geschrieben wurden, darum erfüllen sie eine therapeutische Rolle. Damit betont er die heilende Kraft des Schreibens, die dem Autor verhalf, die Existenz zu überstehen.

Im Gegensatz zur Klassik, die den Menschen als harmonische Einheit begriff und gestaltete, enthüllt nun die Moderne die innere Zerrissenheit, die Gespaltenheit und die Widersprüchlichkeit des Menschen. Darum ist jetzt das Fragment die geeignetste Form für die spezifischen Fragen, mit denen der Mensch jetzt konfrontiert wird, wie: die Selbstzerfaserung, die Verzweiflung, die Angst, die krankhaften Zustände. All diese Empfindungen hindern den Menschen daran, sein Leben völlig zu leben und eine umfassende Sicht über die Realität zu gewinnen. Seine Erlebnisse geben ihm die Möglichkeit, nur “begrenzte und gebrochene Perspektiven zu eröffnen, denen der vollständige Gesamtinhalt fehlt”.[14]

Ciorans Philosophieren ist eine Meditation über die eigenen Missstimmungen und Launen; sie betonen den Erlebnischarakter des Denkens und stufen sich in die Tradition der Erlebnisphilosophie ein. Die Philosophie mit ihrer abstrakten Begrifflichkeit hat sich vom Leben entfernt und ist auch dem elementaren Leben feindlich. Cioran beabsichtigt, das Leben als Ganzes zu erfassen, darum soll die Philosophie, meint er, nach neuen Ausdrucksformen suchen, “um Sein zum Ausdruck zu bringen, nicht leeres Geschwätz und abstrakte Reflexionen”. Im Kapitel “Auf dem Friedhof der Definitionen” aus der Lehre vom Zerfall kritisiert er die Verbegrifflichung der Philosophie.

Neben dem Essay und dem Fragment ist vor allem der Aphorismus ein beliebtes Ausdrucksmittel von Ciorans Denkweise. Mit dem Alter ist sein Aphorismus immer verfeinerter und kunstvoller Vermittler seiner Ideen geworden. Diese Ausdrucksweise folgt streng der inneren Notwendigkeit seines Denkens. Besonders im Hinblick auf die Erlebnisphilosophie zeigt sich das Aphoristische, Fragmentarische, Bruchstückhafte als relevant und jede Systematik als verfehlt und nicht brauchbar, oder “unwahr, Seins-verfälschend”.[15]

Die Cioran-Forscher stellen ihn bezüglich des aphoristischen Philosophierens in die Tradition von Nietzsche, Schopenhauer, Kierkegaard, Wittgenstein.[16] Besonders Susan Sonntag hat darauf hingewiesen, ihn als einen “herausragenden Vertreter” in dieser “postphilosophischen Tradition des Philosophierens” zu sehen.

(Cioran) hat die Gattung des Aphorismus einer neuen gedanklichen Schärfe zugeführt. Sein Stil ist polemisch (...) Der Gestus erinnert an Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche, an Autoren, die ihre Wahrheit nicht in den schulphilosophischen Abteilungen suchen, sondern im Geheimnis der Assoziationen, der Anspielungen und Pointen der Sprache. Und da, wo die eine absolute Wahrheit brüchig geworden ist: im Aphorismus, erweist sich Cioran ein Meister.[17]

Für Nietzsche sind die Ausdrucksformen des Aphorismus, der geschliffenen Sentenz, der Sprüche und Pfeile autonome Ausdrucksformen, mit deren Hilfe er neue Zusammenhänge entdeckt, vor allem diejenigen, die dem Menschen verborgen bleiben; er bringt sie ans Licht, um bedeutende Fragen aufzuwerfen. Er lebt eine gleichsam aphoristische Existenz, eine Daseinsform in Bruchstücken, und nennt sich einen “Aphorismus-Mensch”.[18]

Der Aphorismus, die Sentenz, in denen ich als erster unter Deutschen bin, sind die Formen der “Ewigkeit”; mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sagen, was jeder andere in einem Buche nicht sagt.[19]

Das aphoristische Denken ist offen für wesentliche Fragen, die der Autor ans Licht bringt. Sie sind Provokationen, erschütternde Reizmittel, die dem Schreibenden die Möglichkeit geben, die Existenz aus perspektivischer Sicht zu betrachten.

Für Cioran sind die Aphorismen die passendste Form, in der er seinen Gemütsstimmungen Ausdruck verleiht. Er lässt die ganze Gedankenführung beiseite und merkt sich nur die Schlussfolgerung, die für ihn wichtig ist. Er verwendet die Methode des “unterbrochenen Arguments”, die uns die auswegslose Situation des Ich enthüllt. Er konzentriert seine ganze Aufmerksamkeit auf die Schlussfolgerung. Bei den traditionellen Aphorismenschreiber kann man den ganzen Gedankengang Schritt für Schritt verfolgen, während Cioran das Wesentliche in einem Satz konzentriert. Für ihn ist das Schreiben von  Aphorismen, wie er selbst gesteht, ein “Zeichen der Müdigkeit”, darum sind ihm Erklärungen und Demonstrationen verhasst:

Ich kann nur die Resultate verzeichnen. Meine Aphorismen sind keine richtigen Aphorismen, jeder an sich ist der Schlusssatz einer ganzen Seite, der Finalpunkt einer kleinen Epilepsie.[20]

Beim ersten Blick als disparat auftretend, erweisen sie doch einen inneren Zusammenhang und kreisen um Grundthemen wie: die Verzweiflung, die Agonie, die Einsamkeit, der Tod, das Nichts, und bezeugen von der inneren Zerrissenheit  des Ich. Kurt Leonhard, der Übersetzer des Buches Dasein als Versuchung, stellt bei Cioran Denkartähnlichkeiten mit Nietzsche fest und meint, dass seine widersprüchlichen Denkhaltungen “unauflöslich ineinander greifen”. Sie stehen also zumeist nicht vollkommen “zusammenhanglos”, “beziehungslos”, wahllos, disparat, sondern sie greifen ineinander.[21]

“Letztlich ist die Philosophie eine poetische Meditation über das Unglück”, sagt Cioran in seinem in rumänischer Sprache geschriebenen Buch Gedankendämmerung. So wie Nietzsche plädiert auch Cioran für die Einführung der persönlichen Stimmungen in die Philosophie, des “persönlichen Dramas aus dem Fleisch und Blut,” denn seine Philosophie ist , so wie diejenige von Nietzsche, “erlebt” und “gelebt”. Beide Denker räumen den persönlichen Stimmungen einen zentralen Platz ein, ihre Gedanken sind Ausdruck der momentanen Stimmungen und Emotionen. So wie die Vertreter der Erlebnisphilosophie, zu der er manchmal gezählt wird, betont Cioran den Primat der subjektiven Empfindungen: ”verstehen” heißt für ihn “erleben”, “erleiden”.

Ich werde zwei Beispiele geben, aus denen ersichtlich wird, dass Cioran auch dasselbe Wortarsenal wie Nietzsche gebraucht:

Von allem Geschriebenen liebe ich nur das, was einer mit Blut schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, daß Blut Geist ist.[22]

Und bei Cioran können wir schon in der Gedankendämmerung lesen:

Keinen Unterschied machen zwischen dem Drama des Fleisches und dem des Gedankens. Man soll das Blut in die Logik einführen.[23]

Diese von Blut gesättigte Logik, eine höchst subjektive Denkweise, wurde von Cioran schon in seiner Jugend, vor dem Pariser Exil gepflegt. Auch für den rumänisch-französischen Denker, so wie für seinen Meister, ist das aphoristische Schreiben ein “gefährliches Denken”, ein Denken am Rand der Dinge. “Auf den Gipfeln der Verzweiflung” lebend, verspürt er die Sprünge über den Abgrund als Befreiung. In diesem Sinne schreibt Michael Krüger:             

Es ist die große Leistung von Cioran, den paradoxen Zustand auszuhalten, sich nicht anpassen, stetig ein Denken “an den Grenzen” aufrechtzuerhalten, das “Kompromiss und Versöhnung nicht erlaubt.”[24]

Er liebt das Extrem und hegt eine Vorliebe für äußerste Spannungen; darum hat ihn Peter Kampits einen “Denker der Extreme” genannt.[25]

Für Cioran, so wie für Nietzsche, ist das philosophische Denken mehr Kunst, die sich für die Entfaltung der philosophischen Ideen der künstlerischen Mittel bedient. Im Unterschied zu Nietzsche ist Cioran ein Dichter-Philosoph, aber nicht genug Dichter.[26]

Während er über die Ausdrucksmöglichkeiten der Literatur spricht, schätzt er den Romanschreiber und den Dramatiker, die mehr Möglichkeiten haben, in den aufgeführten Personen ihr eigenes Wort zu legen; anders steht es mit dem Essayschreiber: (...) beim Essayisten steht es ganz anders, er ist in einem undankbaren Genre verfangen, in das er nur seine eigenen Unvereinbarkeiten hineinprojizieren kann, wenn er sich auf Schritt und Tritt widerspricht. Etwas freier ist er beim Aphorismus – dem Sieg eines zersplitterten Ich.[27]

In seinem ersten in rumänischer Sprache geschriebenen Buch, das er auch das philosophischste aller seiner Bücher bezeichnet, entwickelt der junge Cioran seine Auffassung über den Lyrismus: für ihn ist das Philosophieren nur “poetisch”, auf der Ebene des persönlichen Erlebnisses möglich. Die Philosophie wird zur “Lyrik” und ist jeder Systematik und argumentativen Logik entgegengesetzt. So wie Nietzsche spricht auch Cioran über die Ohnmacht des traditionellen philosophischen Diskurses, der am Rande der Erschöpfung steht und nicht mehr für die neue subjektive Ausdrucksweise taugt; wenn der Philosoph sich nicht mehr diskursiv-argumentativ ausdrücken kann, bedient er sich der metaphorischen Ausdrucksweise der Poesie

Cioran betont die Vorteile des Dichters, der noch schöpferisch tätig sein kann, weil er dem Ursprünglichen und dem Wesentlichen näher steht. Darum sei die lyrische Ausdrucksweise heute die einzige angemessene Mitteilungsform. Der Autor vergegenwärtigt noch einmal diesen Gedanken in der Lehre vom Zerfall, wenn er über seine Abwendung von der “toten Philosophie” spricht. Hier muss man auch die Meinung seines Mentors, des Philosophieprofessors Nae Ionescu in Betracht ziehen:

Die wissenschaftliche Philosophie existiert nicht (...). Die Philosophie ist etwas Persönliches, ausschließlich Subjektives. Sie kann studiert werden nur als Lyrik. Die Philosophie ist eine Art Lyrik.[28]

Auch von den Dichtern liebt er nur diejenigen, die, von existenziellen Fragen geplagt ihre innere Zerrissenheit zu Wort gebracht haben, diejenige, die ein gefährliches Leben geführt haben, die am Rande der eigenen Zerstörung lebten. Im Essay “Denken-wider-sich-selbst” aus Dasein als Versuchung bezeichnet Cioran diese Denkart als eine Haltung der abendländischen Tradition, deren hervorragende Vertreter Nietzsche war:

Nicht nur der Körper, ebenso auch der Geist zahlt die Kosten des “gesteigerten Lebens”. Meister in der Kunst des “Denkens-wider-sich selbst”, wie Nietzsche, Baudelaire und Dostojewski haben uns beigebracht, mit unseren Gefährdungen zu spielen, den Wirkungskreis unserer Übel zu erweitern, gerade die Spaltung innerhalb unseres Seins eine Daseinsform zu erlangen. Und was in den Augen des großen Chinesen (Lao-tse) Verfallszeichen und Fehlhalten war, zeigt uns den einzigen Weg, uns selbst zu gehören und uns selbst zu begegnen.[29]

Im Kontext zu Philosophen wie Nietzsche und Kierkegaard spricht Cioran von “subjektiven Wahrheiten”, die dem Philosophieren den Bekenntnischarakter verleihen.

Gefühle und Stimmungen werden für beide Denker zum Gegenstand ihrer Reflexionen. Cioran registriert und analysiert mit großer Genauigkeit den Schmerz, die Langeweile, das Leiden, die Traurigkeit, den Ekel, die Müdigkeit, all die Empfindungen, die sein “Unbehagen an die Existenz” ausdrücken.

Für beide Denker ist das Philosophieren die höchste subjektive Form, den inneren Stimmungen Ausdruck zu verleihen. Das Verhältnis von Philosophie und Kunst wird deshalb neu entfaltet. Das Philosophieren wird zur Kunst, der Ausdruck der neuen Grundgedanken bedient sich neuer künstlerischer Mittel wie des Aphorismus, des Fragments, des Paradoxie, der lyrischen Sprache, also der Mittel der Kunst, die als die höchste Form des Schaffens angesehen wird.

 

Literatur:

 

1.        Bondy, François, E. M. Cioran, in: Akzente, 27(1980), S. 5-17

2.        Cioran, Emil Pe culmile disperãrii (Auf den Gipfeln der Verzweiflung), Bucureºti: Humanitas, 1991

3.       Ders., Amurgul gândurilor (Gedankendämmerung), Bucureºti: Humanitas, 1991

4.       Ders., Convorbiri cu Cioran (Gesammelte Gespräche mit Cioran), Bucureºti: Humanitas, 1993

5.        Cioran, E. M.: Lehre vom Zerfall. Essays, übertragen von Paul Celan, Stuttgart: Klett-Cotta, 21979

6.       Ders., Syllogismen der Bitterkeit,  übers. von Kurt Leonhard, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1969

7.        Ders., Dasein als Versuchung, übers. von Kurt Leonhard, Stuttgart: Klett-Cotta, 1983

8.       Ders., Vom Nachteil geboren zu sein. Gedanken und Aphorismen, übers. von François Bondy, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1979

9.       Ders., Gevierteilt, übers. von Bernhard Mattheus, Frankfurt am Main 1982

10.     Duhamel, Roland/ Oger, Erik, Die Kunst der Sprache und die Sprache der Kunst, Würzburg: Königshausen & Neumann, 1994

11.      Guth, Ruprecht, Die Philosophie der einmaligen Augenblicke. Überlegungen zu E.M. Cioran, Würzburg: Königshausen & Neumann, 1990

12.     Hell, Cornelius, Skepsis, Mystik, Dualismus. Eine Einführung in das Werk E. M. Ciorans, Bonn: Bouvier Verlag Herbert Grundmann, 1985

13.     Heres, Doris, Die Beziehungen der französischen Werke Émile Ciorans zu seinen ersten rumänischen Schriften, Bochum: Studienverlag Dr. N. Brockmeyer, 1988

14.     Kampits, Peter, Cioran, in: Literatur und Kritik 205/6 (1986), S. 254-260

15.     Krüger, Michael, Alles ist Maske, nur der Tod nicht. Frühe Aufsätze von E.M. Cioran, in: Süddeutsche Zeitung, 9/10.7.1983.

16.     Nietzsche, Friedrich, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, de Gruyter, Berlin, New York, 1980 - (Sigel KSA)

17.     Reschika, Richard, E.M. Cioran zur Einführung, Hamburg: Junius, 1995

18.     Savater, Fernando, Versuch über Cioran, übers. von Claus-Bernhard Schmidt, München, 1985

19.     Sontag, Susan, Wider sich denken, Reflexionen über Cioran, in: Dies., Im Zeichen des Saturn, Essays, München/Wien: Carl Hauser Verlag, 1981


 

[1] Friedrich Nietzsche,: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München, Berlin u.a., de Gruyter, 1980. Zitate werden  mit KSA, mit arabischer Band- und Seitenanzahl und mit der Sigel des Werkes angegeben; hier: KSA 6,63-GD.

[2] Ders.: KSA, 12, 450 (Nachgelassene Fragmente - Herbst 1887)

[3] Ders., KSA 3, 468-FW

[4] Geleitbrief vom E.M. Cioran an Fernando Savater, in: Fernando Savater: Versuch über Cioran, München, Rabe Verlag, 1985, S. 10.

[5] E.M. Cioran: Dasein als Versuchung, übertragen von Kurt Leonhardt, Stuttgart, Klett-Cotta, 1983, S.165.

[6] Ders., Vom Nachteil geboren zu sein, übers. von François Bondy, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1979, S. 96.

[7] Vgl. Kap. Sã scrii ca sã trezeºti (Schreiben um wachzurütteln), Gespräch mit Fernando Savater, in: Cioran: Convorbiri (Gespräche), Bucureºti: Humanitas, 1993, S. 22 (übersetzt von L.G.).

[8] Ebd., S. 23.

[9] E.M. Cioran: Gevierteilt, übers. von Bernd Mattheus, Frankfurt am Main, 1982, S. 157 .

[10] Gespräch mit Fernando Savater, loc. cit., S. 24.

[11] Kap. “Anarhie, disperare, tinereþe” (“Anarchie, Verzweiflung, Jugend”), Gespräch mit Lea Vergine, in: Cioran: Convorbiri, loc. cit., S. 128.

[12] E.M. Cioran, Lehre vom Zerfall, übertragen von Paul Celan, Stuttgart: Klett-Cotta, 21979, S. 62.

[13] Gespräch mit Fernando Savater, loc.cit., S. 25.

[14] Emil Cioran: Revelaþiile durerii (Die Offenbahrungen des Schmerzens), in: “Azi”, Jhg. II. Febr. 1933, S. 575-589 (Übers. von L. G.).

[15] Vgl. Ruprecht Guth, Die Philosophie der einmaligen Augenblicke. Überlegungen zu E. M. Cioran, Würzburg: Königshausen & Neumann, 1990, S. 29.

[16] Vgl. Susan Sontag: Wider sich denken: Reflexionen über Cioran, in: Im Zeichen des Saturn, Essays, München, Wien: Carl Hauser Verlag, 1981, S 17-39; Roland Duhamel/ Erik Oger: Die Kunst der Sprache und die Sprache der Kunst, Würzburg: Königshausen & Neumann, 1994. 

[17] Susan Sontag (Hrsg.): Die Versuchung des Daseins. Über den Schriftsteller E. M. Cioran, in: Neue Zürcher Zeitung, 15. 07. 1983.

[18] Friedrich Nietzsche: Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe in 8 Bänden. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Berlin/New York, 1986- (Sigel B), hier Bd. 6,122.

[19] Ders. KSA 6, 153-GD.

[20] Vgl. Kap. Un oceanograf al ororii (Ein Tiefseetaucher des Schreckens), ein Gespräch mit F. J. Raddatz, in: Cioran: Convorbiri (Gespräche), loc. cit. S. 174. (übers. von L. G.).

[21] Kurt Leonhard: Nachbemerkung des Übersetzers zum Buch : Dasein als Versuchung, Stuttgart: Klett-Cotta, 1983, S. 260.

[22] Friedrich Nietzsche, KSA 4,487-Za (Kap. “Vom Lesen und Schreiben”).

[23] Emil Cioran: Amurgul gândurilor (Gedankendämmerung), Bucureºti: Humanitas, 1991, S. 197 (übers. von L. G.) .

[24] Michael Krüger: Alles ist Maske nur der Tod nicht. Aufsätze von E. M. Cioran, in: Süddeutsche Zeitung, 9/10.7.1983, S. 100.

[25] Peter Kampits: Cioran, in: Literatur und Kritik, 205/6, 1986, S. 254-260.

[26] Ruprecht Guth, loc.cit., S. 13.

[27] E. M. Cioran,: Triumph des Überdrusses, in: Akzente 32 (1985), S. 86.

[28] Nae Ionescu: Curs de istorie a logicii (Vorlesung zur Geschichte der Logik), Bucureºti: Humanitas, 1993, S. 42 (übers. von L. G.).

[29] E. M. Cioran: Dasein als Versuchung, loc.cit. S. 9.

 

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