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BETONTES DER ALS BESTIMMTER ARTIKEL

Lutz Gunkel

1.  Einleitung[1]

Das Deutsche verfügt neben dem bestimmten Artikel der über ein Demonstrativum der, aus dem der bestimmte Artikel historisch entstanden ist. Artikel und Demonstrativum weisen größtenteils die gleichen Formen auf; sie unterscheiden sich darin, dass das Demonstrativum in pronominaler Verwendung in fünf Kategorisierungen ‘Langformen’ aufweist: Gen Sg Mask/Neut dessen, Gen Sg Fem deren/derer, Gen Pl deren/derer, Dat Pl denen. Solche Langformen treten in adnominaler Stellung nicht auf. Da ein adnominales Demonstrativum der den gleichen Formenbestand wie der bestimmte Artikel hätte, ist die Annahme eines solchen vom bestimmten Artikel unterschiedenen Demonstrativums in der Literatur umstritten (vgl. Thieroff 2000, S. 194). So lässt sich ein etwaiges adnominales Demonstrativum der weder morphologisch noch distributionell von dem bestimmten Artikel unterscheiden. Zur formalen Unterscheidung verweisen Grammatiken und Wörterbücher daher ausschließlich darauf, dass das Demonstrativum der in adnominaler Funktion betont sei (vgl. DWB II, Sp. 955-960; Curme 1922, S. 154, 157; GDS 1997, S. 324, 1934; Hentschel/Weydt 2003, S. 245; Engel 2004, S. 364, 369).[2] Dies wird bisweilen auch graphisch kenntlich gemacht, indem das Demonstrativum mit Akut (dér, Brugmann 1904, S. 10)[3] oder Unterstreichung (der, GDS 1997, S. 1934) geschrieben wird (vgl. auch Curme 1922, S. 154). Andere grammatische Untersuchungen setzen dagegen überhaupt kein adnominales Demonstrativum der an (Helbig/Buscha 1986, S. 357f.; Duden 1998, S. 338; Eisenberg 2004, S. 182), sondern betrachten betontes der einfach als den betonten bestimmten Artikel (implizit Schanen/Confais 1986, S. 333; explizit Schanen 1996, S. 150f.; 154; Bisle-Müller 1991, S. 62ff.; Eroms 2000, S. 257).[4]

Ich werde im Folgenden für diese zweite Position argumentieren und zu zeigen versuchen, dass die Annahme eines adnominalen Demonstrativums der nicht haltbar ist. Adnominales der ist stets der bestimmte Artikel, der in betonter, aber auch in unbetonter Form demonstrativ verwendet werden kann. Die spezielle Bedeutung des betonten gegenüber dem unbetontem der erweist sich als ein pragmatischer Effekt der Akzentuierung bzw. Fokussierung.

Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut: In Abschnitt 2.1 wird die Frage diskutiert, welcher Status dem Merkmal der Betontheit zukommt. Abschnitt 2.2 befasst sich mit den definitheitsspezifischen semantisch-pragmatischen Eigenschaften von betontem der vor dem Hintergrund der Bedeutung von unbetontem der, d.h. der Bedeutung des bestimmten Artikels. Anschließend werden die pragmatischen Effekte von Akzentuierung bzw. Fokussierung vorgestellt und es wird gezeigt, welche Auswirkungen die Akzentuierung auf die pragmatischen Verwendungsmöglichkeiten von mit der eingeleiteten Nominalgruppen hat (2.3). Ein kurzes Schlusswort findet sich in Abschnitt 4.

2.    Zum Status von adnominalem der

2.1  Das Merkmal der Betontheit

Offensichtlich ist Betontheit ein übereinzelsprachlich relevantes Merkmal, wenn es um die Unterscheidung von homonymen Artikeln und Demonstrativa[5] geht; für das Deutsche wäre es – wie wir gesehen haben – sogar das einzige formale Merkmal. ‘Betontheit’ meint in diesem Zusammenhang immer die Eigenschaft, einen Satzakzent zu tragen. Nun sind Satzakzente aber keine lexikalischen Merkmale von Wörtern oder Wortformen, vielmehr können Wortformen als syntaktische Einheiten in Sätzen nach Maßgabe der jeweiligen semantisch-pragmatischen Gegebenheiten einen Satzakzent tragen oder nicht. Auch gibt es keine lexikalischen Merkmale, die die Akzentuierung einer Wortform im Satz erzwingen würden. Somit mag die Redeweise von einem betontem der zwar angemessen sein, um die intendierte Unterscheidung deskriptiv zu erfassen. Da aber Betontheit kein lexikalisches Merkmal ist, kann es die anvisierte Wortartenunterscheidung nicht fundieren. Im Deutschen wären daher ein Artikel der und ein adnominales Demonstrativum der nur semantisch voneinander abgrenzbar. Damit stellt sich die Frage, worin sich betontes und unbetontes der semantisch-pragmatisch voneinander unterscheiden.

2.2  Semantisch-pragmatische Charakteristik von betontem der

Zwischen betontem und unbetontem der gibt es einen relevanten pragmatischen Unterschied, denn betontes der ist auf Kontexte beschränkt, in denen das Referenzobjekt für den Hörer entweder wahrnehmbar oder textuell zugänglich ist. Es handelt sich m.a.W. um deiktische (vgl. (1a)) und anaphorische (vgl. (1b)) Verwendungen.[6]

(1)     a.   (Kontext: Der Sprecher zeigt auf einen Ring:) DER Ring gefällt mir am besten.

      b.  Einer der Ringe war aus Gold. DER Ring gefiel mir am besten.

Ausgeschlossen ist betontes der damit mindestens in zwei[7] der in Hawkins (1978, S. 106ff.) anhand des Englischen herausgearbeiteten Verwendungsarten für bestimmte Artikel: den situativen Verwendungen, in denen das Referenzobjekt für den Hörer nicht wahrnehmbar ist. Dazu gehören die sog. unmittelbar-situative (vgl. (2a)) und die abstrakt-situative Verwendungsart (vgl. (2b)).[8] Da sich beide Verwendungen dadurch auszeichnen, dass der (nicht-wahrnehmbare) Referent mithilfe von situativen Indikatoren erschlossen werden muss, werden sie im Folgenden zusammenfassend als inferentiell-situativ bezeichnet.

(2)   a.   (Bei einer Wohnungsbesichtigung:) #Wo ist denn hier DIE Küche?[9]

       b.  Hast Du die Nachrichten gehört? #DER Ministerpräsident ist zurückgetreten!

Es lässt sich nun zeigen, dass die semantisch-pragmatische Charakteristik von betontem der mit diesen Verwendungssituationen nicht vereinbar ist, und zwar wesentlich aufgrund der durch die Akzentuierung induzierten pragmatischen Bedeutungskomponente. Betrachten wir zunächst die Semantik des bestimmten Artikels. Für alle Verwendungen gilt hier neben der sog. Existenzbedingung – die für das Folgende keine Rolle spielt – die sog. Einzigkeitsbedingung (Russell 1905; Hawkins 1978, 1991, S. 414): Die erfolgreiche Verwendung einer definiten Nominalgruppe der N’ [10] setzt voraus, dass das Referenzobjekt in dem von der Äußerungssituation vorgegebenen relevanten Kontext der einzige Gegenstand vom Typ N’ ist. Bei einer Äußerung wie Ich möchte den roten Hut! gelingt die Referenz der Nominalgruppe den roten Hut nur dann, wenn in dem fraglichen Kontext nicht mehr als ein roter Hut vorhanden ist. Ansonsten könnte der Hörer nicht verstehen, welcher von mehreren roten Hüten gemeint ist. Gibt es (im Kontext) mehr als einen roten Hut oder allgemeiner: mehr als einen Gegenstand vom Typ N1’, dann hat der Sprecher prinzipiell zwei Möglichkeiten, die Referenz eindeutig zu machen: erstens, mithilfe von sprachlichen Mitteln, indem er den Ausdruck N1 durch einen eindeutigeren Ausdruck N2 ersetzt (z.B. der rote Hut links von dem blauen) und damit der Einzigkeitsbedingung Genüge leistet, oder durch zusätzliche außersprachliche Mittel, nämlich Zeigegesten: Indem der Sprecher auf einen Gegenstand zeigt, greift er einen Raumausschnitt der Äußerungssituation heraus, in dem das Referenzobjekt wiederum der einzige Gegenstand seiner Art ist und in dem andere potentielle Referenzobjekte der gleichen Art nicht vorkommen. M.a.W.: Er passt den Kontext an die Vorgaben des sprachlichen Ausdrucks an, während er im ersten Fall den sprachlichen Ausdruck an die Vorgaben des Kontexts anpasst.

2.2  Der pragmatische Effekt der Akzentuierung

Nun zur Akzentuierung: Der pragmatische Effekt von Satzakzenten besteht darin, dass der durch einen oder mehrere Akzente gekennzeichnete fokussierte[11] Ausdruck in Beziehung zu potentiellen Alternativen gesetzt wird.[12] Betrachten wir dazu das folgende Beispiel:

(3)  a.   Ich möchte den roten HUT.

      b.  Ich möchte den ROTEN Hut.

      c.   Ich möchte DEN roten Hut.

In (3a) sind zwei Alternativenmengen möglich, je nachdem, ob durch den Akzent die gesamte Nominalgruppe oder nur das Substantiv als Fokus markiert wird. Im ersten Fall ist (3a) eine pragmatisch angemessene Antwort auf die Frage Welchen Gegenstand möchtest du?, die Alternativenmenge umfasst hier Gegenstände, die im Kontext als Alternativen zum Referenzobjekt von der rote Hut in Frage kommen. Im zweiten Fall ist die Äußerung als Antwort auf die Frage Welchen roten Gegenstand möchtest du? angemessen, wobei die Alternativenmenge kontextuell gegebene rote Gegenstände umfasst. (3b) wiederum, wo das Adjektiv fokussiert ist, wäre als Antwort auf die Frage Welchen Hut möchtest du? angemessen, die Alternativen wären hier kontextuell gegebene Hüte, die nicht rot sind. Wie sieht es nun mit (3c) aus? Offensichtlich wäre eine Äußerung dieses Satzes eine pragmatisch angemessene Antwort auf die Frage Welchen roten Hut möchtest du?. Alternativen wären in diesem Fall andere rote Hüte.

Man erkennt hieran zunächst, dass der pragmatische Effekt der durch die Akzentsetzung markierten Fokussierung in allen drei Fällen einheitlich ist. Unterschiede ergeben sich nur aufgrund der jeweiligen Bedeutungsarten der fokussierten Einheiten. Werden Inhaltswörter wie Substantive (außer Eigennamen) und Adjektive fokussiert, so ergibt sich die Alternativenmenge durch Bezug auf Gegenstände anderer Art. Wird dagegen der Artikel fokussiert, so ergibt sich die Alternativenmenge durch Bezug auf Gegenstände der gleichen Art.

Der durch die Fokussierung ausgelöste Alternativenbezug steht nun aber in potentiellem Konflikt zu der durch die Bedeutung des bestimmten Artikels induzierten Einzigkeitsbe­dingung. In Fällen wie (3a) und (3b), also bei der Fokussierung von Inhaltswörtern, geschieht die Abgrenzung gegenüber Alternativen aufgrund der begrifflichen Bedeutung der Nominalgruppe: ein roter Hut steht (roten) Gegenständen anderer Art (vgl. (3a)) bzw. Hüten anderer Farbe gegenüber (vgl. (3b)). In Fällen wie (3c) dagegen wird das intendierte Referenzobjekt überhaupt nicht begrifflich von alternativen Objekten abgegrenzt: Gemeint ist ja ein bestimmter roter Hut gegenüber anderen roten Hüten. Bei der deiktischen Verwendungsweise, in der das Referenzobjekt in der Äußerungssituation für Sprecher und Hörer wahrnehmbar ist, kann Einzigkeit – wie wir gesehen haben – durch Zeigegesten hergestellt werden, die für diese Verwendungsweise geradezu charakteristisch sind. Bei der anaphorischen Verwendungsweise kann das Referenzobjekt ebenso wie seine Alternativen insofern als kontextuell präsent gelten, als sie vorerwähnt sind, d.h. ihre Benennung in zeitlicher Nähe zur Äußerungssituation steht. Mit einer Äußerung wie DER rote Hut gefiel mir bezieht sich der Sprecher auf einen von mehreren in den Diskurs eingeführten roten Hüten und zwar auf den, von dem unmittelbar zuvor die Rede war, vgl. etwa:

(4Am Ende zeigte sie mir NOCH einen roten Hut. DER rote Hut gefiel mir besser als der erste.

Festzuhalten bleibt, dass sowohl bei der deiktischen, als auch bei der ana­pho­rischen Verwendung die Abgrenzung gegenüber potentiellen Alternativen nicht aufgrund der begrifflichen Bedeutung der Nominalgruppe erfolgen kann. Der Sprecher muss daher auf zusätzliche deiktische bzw. – im Fall der anaphorischen Verwendung – ‘quasi-deiktische’ Strategien[13] zurückgreifen. Diese setzen jedoch gerade die situative bzw. textuelle Präsenz des Referenzobjekts und seiner potentiellen Alternativen voraus.

Es lässt sich nun leicht erklären, warum betontes der in den inferentiell-situativen Verwendungsweisen des Artikels ausgeschlossen ist: Die Fokussierung drückt aus, dass Alternativen zu dem Referenzobjekt des fokussierten Ausdrucks zur Debatte stehen. Ist dies durch den Kontext nicht gegeben, so ist die entsprechende Äußerung generell pragmatisch abweichend. Das gilt z.B. auch für eine Äußerung wie (3b) in einem Kontext, in dem überhaupt nur ein einziger Hut gegeben ist. Das gilt aber auch für die in (2) angeführten Äußerungen mit ihren jeweiligen Kontexten: Beide Beispiele favorisieren Lesarten, in denen Alternativen zum Referenzobjekt der jeweiligen definiten Nominalgruppe überhaupt nicht zur Debatte stehen, in denen der vorangehende Kontext also keinerlei Hinweise auf Küchen oder Ministerprä­si­denten enthält. Nimmt man an, dass das so ist, sind die Beispiele pragmatisch abweichend. Das hat aber nichts mit einer speziellen Bedeutung von be­tontem der zu tun, denn die analogen Beispiele in (5), in denen nicht der Ar­tikel, sondern jeweils ein attributives Adjektiv akzentuiert (und damit auch fokussiert) ist, sind unter den gleichen kontextuellen Bedingungen eben­falls pragmatisch abweichend:

(5)   a.  (Kontext: Sprecher betritt eine Wohnung zu einer Wohnungsbesichtigung:) #Wo ist denn hier die ZWEITE Küche.

        b.  Hast Du die Nachrichten gehört? #Der BAYERISCHE Ministerpräsident ist zurückgetreten!

Die entscheidende Frage ist nun, weshalb betontes der in den inferentiell-situativen Verwendungen auch dann nicht auftreten kann, wenn die durch die Fokussierung geforderten pragmatischen Bedingungen erfüllt sind, d.h. wenn entsprechende Alternativen kontextuell gegeben sind. Die Antwort ist, dass gerade in diesem Fall dem Sprecher keine Mittel zur Verfügung stünden, das intendierte Referenzobjekt von den Alternativen abzugrenzen und damit die Referenz eindeutig zu machen: Der Sprecher kann – wie wir gesehen haben – das Referenzobjekt nicht begrifflich abgrenzen, er kann aber auch nicht auf (quasi-)deiktische Strategien zurückgreifen, weil diese wiederum mit den inferentiell-situativen Verwendungsarten inkompatibel sind: Der Einsatz von Zeigegesten setzt die wahrnehmbare Präsenz des Referenzobjekts voraus, was aber bei diesen Verwendungen per definitionem nicht der Fall ist. Umgekehrt heißt das, dass diese Verwendungen die Präsenz von Alternativen zum Referenzobjekt ausschließen, weil sie wesentlich voraussetzen, dass das Referenzobjekt das einzige Objekt seiner Art im entsprechenden Kontext ist. Der Sprecher setzt bei den inferentiell-situativen Verwendungen voraus, dass der Hörer den Kontext so akkommodieren kann, dass gerade diese Einzigkeitsbedingung erfüllt ist. Werden aber Alternativen eingeführt, dann ist eine solche Akkommodation nicht mehr möglich, es sei denn, es würden begriffliche oder deiktische Spezifikationen hinzugefügt, die aber in diesen Verwendungen gerade ausgeschlossen sind. Zwei Beispiele zur Illustration:

(6)       a.  A:  Welcher Raum gefällt dir am besten?

                B:  Die KÜCHE.

           b.  A:  Welches ist dein Lieblingsgebäude?

                B:  Das RATHAUS.

(7)       a.  A:  Welche Küche gefällt dir am besten?

                B:  #DIE Küche. (Ohne Zeigegeste.)

           b.  A:  Welches Rathaus gefällt dir am besten?

                B:  #DAS Rathaus. (Ohne Zeigegeste.)

Die Antworten in (6) sind Beispiele für die erfolgreiche Referenz in der unmittelbar-situativen (vgl. (6a)) bzw. abstrakt-situativen (vgl. (6b)) Verwendungsart. Die Alternativenmengen, die durch die Fragen etabliert werden, umfassen Räume bzw. Gebäude. Der Hörer akkommodiert den Interpretationskontext jeweils soweit, dass die Einzigkeitsbedingung erfüllt ist, im ersten Fall auf den Bereich der Wohnung, im zweiten auf den der Stadt, in der sich Sprecher und Hörer aufhalten. In (7) beinhalten die Alternativenmengen Küchen bzw. Rathäuser. Da damit bereits jeweils mehrere Objekte der gleichen Art als potentielle Referenzobjekte in den Kontext eingeführt worden sind, kann der Hörer den Interpretationsspielraum nicht auf einen Kontext beschränken, in dem nur ein einziges Objekt der fraglichen Art vorhanden ist. Er wäre daher auf zusätzliche sprachliche oder außersprachliche Indikatoren vonseiten des Sprechers angewiesen, die aber nicht gegeben werden können.

Jetzt kann man auch verstehen, weshalb eine generische Interpretation von mit betontem der eingeleiteten Nominalgruppen in einigen Fällen möglich ist, in anderen dagegen nicht: Sie ist genau dann möglich, wenn im Kontext alternative Arten gegeben sind, die zur gleichen Gattung gehören wie die von der Nominalgruppe bezeichnete Art. Im folgenden Beispiel sind das unterschiedliche Arten von Säure:

(8)  Wir probieren es jetzt mal mit Schwefelsäure. Die Säure haben wir noch nicht ausprobiert.

Dass generische Interpretationen von Nominalgruppen mit betontem der nur bei anaphorischen Verwendungen möglich sind, hat unterschiedliche Gründe: Da Gattungen abstrakte Entitäten sind, sind sie nicht wahrnehmbar und daher auch nicht deiktisch benennbar. (Auf Gattungen lässt sich auch nicht zeigen.) Die deiktische Verwendung ist damit ausgeschlossen, es sei denn, man rechnet auch solche Verwendungen zu den deiktischen, in denen ein Sprecher sich zwar deiktisch auf ein Exemplar einer Gattung bezieht, aber nicht dieses, sondern die Gattung meint, vgl. (9).

(9)  (Kontext: Sprecher zeigt auf eine Mango.) DIE Frucht kenne ich noch nicht.[14]

Was die situativ-inferentiellen Verwendungen angeht, so lässt sich dafür argumentieren, die Referenz auf Gattungen als eine Instanz der abstrakt-situativen Verwendung definiter Nominalgruppen zu betrachten.[15] Gattungen sind als abstrakte Entitäten ‘global präsent’ und als Unikate situationsunabhängig definit benennbar. Als Unikate schließen sie aber auch die Existenz von alternativen Entitäten der gleichen Art aus, so dass abstrakt-situative Verwendungen definiter Nominalgruppen mit betontem im Gegensatz zu solchen mit unbetontem der, sprich mit dem bestimmten Artikel, keine generische Interpretation haben können, vgl. (10):

(10)  Die / DIE Mango enthält viel Vitamin C.

Ausnahmen sind Verwendungen wie in (8) (und ggf. (9)), in denen der Sprecher mit einem Ausdruck X auf eine Unterart von X referiert und weitere Unterarten von X kontextuell gegeben sind; die letztere Voraussetzung ist aber gerade bei der abstrakt-situativen Verwendung nicht erfüllt (siehe dazu die obige Diskussion).[16]

Betrachten wir abschließend noch den Fall der sog. assoziativ-anaphorischen Verwendung definiter Nominalgruppen. Ein typisches Beispiel mit unbetontem der ist (11a), dessen Entsprechung mit betontem der (11b) in dem gegebenen Kontext offensichtlich pragmatisch abweichend ist.

(11)   a.  Ein Auto fuhr vorbei. Die Bremsen quietschten.

         b.  Ein Auto fuhr vorbei. #DIE Bremsen quietschten.

In (11a) ist die Verwendung der definiten Nominalgruppe die Bremsen unproblematisch, obwohl im Vortext noch gar nicht von Bremsen die Rede war. Das Referenzobjekt wird hier assoziativ über einen im Vortext genannten Ausdruck erschlossen, in diesem Fall ein Auto. Man könnte vermuten, dass (11b) deshalb unangemessen ist, weil der Kontext keinen Hinweis auf Alternativen, also andere Bremsen enthält. Dass dies nicht die ganze Erklärung sein kann, zeigt (12), wo im Vortext von den Bremsen eines anderen Autos die Rede ist:

(12)   Ein Auto fuhr vorbei. Die Bremsen quietschten. Dann fuhr ein weiteres Auto vorbei. #DIE Bremsen quietschten nicht.

Das Problem mit diesen Beispielen besteht generell darin, dass das Referenzobjekt einerseits erst assoziativ etabliert werden muss, andererseits aber durch die Fokussierung bereits mit anderen Objekten der gleichen Art kontrastiert wird. Ebenso wie echte deiktische setzen solche quasi-deiktischen (oder ‘anadeiktischen’, vgl. Fn. 13) Verwendungen kontextuell ‘aktivierte’ Diskursreferenten voraus.[17] Dies ist in Beispielen wie (12) umso weniger gegeben, als die vorangehende Erwähnung von Entitäten des gleichen Typs kaum dazu geeignet ist, diese als alternative Diskursreferenten zu etablieren. Mit dem zweiten Satz in (12) wird weniger eine Aussage über bestimmte Bremsen gemacht, als über das zuvor erwähnte das Auto bzw. die gesamte Situation. Umgekehrt gilt dann allerdings, dass Fälle der assoziativ-anaphorischen Aufnahme mit betontem der umso besser werden, je deutlicher potentiell alternative Objekte der gleichen Art N’ in den Kontext eingeführt worden sind und je deutlicher ist, dass eben von solchen Objekten im Kontext die Rede ist, m.a.W., dass Objekte der fraglichen Art ‘Diskurstopik’ sind. Vgl. z.B. (13) und als weiteres Beispiel (14):[18]

(13)     A: Gibt es eigentlich noch Bremsen, die quietschen?

           B: Ja, bei meinem Auto: DIE Bremsen quietschen vielleicht!

(14)   Wir warteten auf einen Fahrer mit einer roten Mütze. Ein Auto hielt gegenüber. DER Fahrer trug eine BLAUE Mütze ¼

4.       Schluss

In etlichen Grammatiken und grammatischen Untersuchungen zum Deutschen wird neben dem bestimmten Artikel im adnominalen Bereich ein sog. betontes der angesetzt, dem der Status eines adnominalen Demonstrativums zugeschrieben wird. Beide ders sind morphologisch ununterscheidbar und formal nur durch die Ab- bzw. Anwesenheit eines Satzakzents geschieden. Die formale Unterscheidung von Lexemen unter Rekurs auf Satzakzente ist jedoch theoretisch unhaltbar. Funktional erweisen sich die Verwendungskontexte von betontem der als eine (echte) Teilmenge der Verwendungskontexte des Artikels. Das deutet darauf hin, dass sich die pragmatischen Beschränkungen von betontem der gegenüber denen des bestimmten Artikel als eine Funktion der durch die Akzentsetzung markierten Fokussierung bestimmen lassen. Genau das wurde in diesem Beitrag zu zeigen versucht. Im Deutschen kann der bestimmte Artikel akzentuiert werden; in diesem Fall unterliegt sein Gebrauch pragmatischen Beschränkungen, die (teilweise) auch für Demonstrativa gelten.

 

Literatur:

 

1.        Bisle-Müller, Hansjörg (1991): Artikelwörter im Deutschen. Semantische und pragmatische Aspekte ihrer Verwendung. Tübingen: Niemeyer (= Linguistische Arbeiten 267).

2.       Brugmann, Karl (1904): Die Demonstrativpronomina der indogermanischen Sprachen. Eine bedeutungsgeschichtliche Untersuchung. Leipzig: Teubner (= Abh. d. Kgl. Sächs. Ges. d. Wiss. Phil.-Hist. Klasse 22. 6).

3.       Büring, Daniel (1997): The Meaning of Topic and Focus – The 59th Street Bridge Accent. London: Routledge.

4.       Curme, George O. (1922): A Grammar of the German Language. Designed for a Thoro and Practical Study of the Language as Spoken and Written To-Day. Revised Edition. London: Macmillan.

5.        Duden (1998): Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. 6., neu bearbeitete Auflage. Mannheim etc.: Dudenverlag.

6.       Duden (2005): Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. 7., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim etc.: Dudenverlag.

7.        DWB = Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (Erstbearbeitung) auf CD-ROM. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins.

8.       Eisenberg, Peter (2004): Grundriß der deutschen Grammatik. Band 2: Der Satz. 2. Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler.

9.       Engel, Ulrich (2004): Deutsche Grammatik. Neubearbeitung. München: Iudicum.

10.     Eroms, Hans-Werner (2000): Syntax der deutschen Sprache. Berlin/New York: de Gruyter.

11.      GDS (1997) = Zifonun, Gisela/Hoffmann, Ludger/Strecker, Bruno et al. (1997): Gram­matik der deutschen Sprache. 3 Bände. Berlin/New York: de Gruyter (= Schrif­ten des Instituts für deutsche Sprache 7).

12.     Gundel, Jeanette K./Hedberg, Nancy/Zacharski, Ron (1993): Cognitive status and the form of referring expressions in discourse. In: Language 69, S. 274-307.

13.     Gunkel, Lutz (2006): Betontes der. In: Breindl, E./Gunkel, L./Strecker, B. (ed.): Grammatische Untersuchungen. Analysen und Reflexionen. Tübingen: Narr (= Studien zur Deutschen Sprache 36). S. 79-96.

14.     Hawkins, John A. (1978): Definiteness and Indefiniteness: A Study in Reference and Grammaticality Prediction. London/Atlantic Highlands, NJ: Croom Helm.

15.     Hawkins, John A. (1991): On (in)definite articles: implicatures and (un)grammati­cality prediction. In: Journal of Linguistics 27, S. 405-442.

16.     Helbig, Gerhard/Buscha, Joachim (1986): Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. 9., unveränderte Auflage. Leipzig: Verlag Enzyklopädie.

17.     Hentschel, Elke/Weydt, Harald (2003): Handbuch der deutschen Grammatik. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Berlin/New York: de Gruyter.

18.     Himmelmann, Nikolaus P. (1997): Deiktikon, Artikel, Nominalphrase zur Emergenz syntaktischer Struktur. Tübingen: Niemeyer (= Linguistische Arbeiten 362).

19.     Rooth, Mats (1985): Association with Focus. PhD Dissertation. University of Massachusetts at Amherst.

20.    Russell, Bertrand (1905): On denoting. In: Mind 14, S. 479-493.

21.     Schanen, François (1996): Das: Demonstrativ? In: Pérennec, M.-H. (Hg.): Pro-Formen des Deutschen. Tübingen: Stauffenburg (= Eurogermanistik 10), S. 149-160.

22.    Schanen, François/Confais, Jean-Paul (1986): Grammaire de l’allemand. Formes et fonctions. Paris: Nathan.

23.    Thieroff, Rolf (2000): Morphosyntax nominaler Einheiten im Deutschen. Habilitationsschrift. Universität Bonn.

24.    Vater, Heinz (1984): Determinantien und Quantoren im Deutschen. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 3, S. 19-42.

25.    Wackernagel, Jacob (1926): Vorlesungen über Syntax mit besonderer Berücksichtigung von Griechisch, Lateinisch und Deutsch. Band 1. Basel: Birkhäuser.


 

[1] Die folgende Darstellung ist eine gekürzte Fassung von Gunkel (2006).

[2] Gelegentlich wird diese Annahme zwar nicht explizit formuliert, aber in den betreffenden Beispielsätzen wird der stets typographisch als betont gekennzeichnet (so im Duden 2005, S. 289).

[3] Bei Brugmann (1904) bezieht sich dér auch auf das pronominale Demonstrativum (ebenso Himmel-mann 1997, S. 49f.).

[4] Zur Übersicht über die verschiedenen Positionen in den neueren Grammatiken vgl. Thieroff (2000, S. 194).

[5] Im Folgenden spreche ich der Einfachheit halber schlicht von „Demonstrativa“, auch wenn ausschließlich die adnominalen Demonstrativa gemeint sind.

[6] Ausgenommen von dieser Beschränkung ist eine Variante von betontem der, die im Folgenden nicht weiter berücksichtigt wird und die sich in Sätzen wie Ich habe endlich DIE Lösung gefunden. findet. Gemeint ist hier, dass von allen potentiell alternativen Lösungen die gefundene den höchsten Wert auf einer Bewertungsskala einnimmt. Diese Variante unterscheidet sich vor allem durch den Bewertungsaspekt von den ‘regulären’ Fällen von betontem der.

[7] Vernachlässigt werden hier die sog. „‘unfamiliar’ uses“ (Hawkins 1978, S. 130ff.), für die aber betontes der ebenfalls ausgeschlossen ist.

[8] Hawkins (1978, S. 115, 123) spricht von „immediate situation use“ bzw. „larger situation use“, in Bezug auf die deiktische Verwendung von „visible situation use“. Ich übernehme die Übersetzungen aus Vater (1984, S. 35ff.). Zu beachten ist, dass bei Hawkins die unmittelbar-situative Verwendung die deiktische als Spezialfall einschließt. Ich verfahre im Folgenden terminologisch so, dass mit unmittelbar-situativ nur solche Verwendungsarten gemeint sind, in denen das Referenzobjekt nicht wahrnehmbar ist.

[9] „#“ kennzeichnet hier und im Folgenden pragmatisch abweichende Äußerungen.

[10] „N’“ bezeichnet hier und im Folgenden den zum Artikel komplementären Ausdrucksteil einer Nominalgruppe, also entweder eine Substantivform oder eine Substantivform zusammen mit ihren Attributen.

[11] Ich beschränke mich hier auf fokusmarkierende Akzente. Das ist insofern unproblematisch, als auch für topikmarkierende Akzente gilt, dass der als (kontrastives) Topik ausgezeichnete Ausdruck in Beziehung zu Alternativen gesetzt wird, vgl. Büring (1997, S. 65ff.).

[12] Vgl. Rooth (1985, S. 10ff.).

[13] Manche Theorien zu Deixis und Anaphorik sprechen denn auch in Bezug auf Beispiele wie (4) von ‘anadeiktischen’ Verwendungen (vgl. z.B. Duden 2005, S. 289).

[14] Vgl. Bisle-Müller (1991, S. 145) zu analogen Beispielen mit dieser.

[15] Vgl. bereits Wackernagel (1926, S. 134) sowie Himmelmann (1997, S. 37).

[16] Für Thieroff (2000, S. 201f.) sind Datenkontraste wie in (10) der Beweis dafür, dass betontes der nicht der betonte bestimmte Artikel, sondern ein anderes Wort, eben ein Demonstrativum sei. Thieroff argumentiert, dass Satzakzente nicht die Bedeutung von Sätzen „in einem satzsemantischen Sinne“ (ibid., S. 21) beeinflussen, sondern lediglich dessen pragmatische Verwendungsmöglichkeiten. Da Sätze wie (10) mit betontem der keine generische Interpretation zulassen, liege hier ein Unterschied in der Satzbedeutung vor, der nach Voraussetzung nicht auf den Einfluss des Satzakzents zurückgeführt werden kann. Diese Argumentation ist nicht haltbar. Erstens können Satzakzente durchaus Lesarten von Sätzen blockieren und in diesem Sinn die Satzbedeutung beeinflussen. So können etwa Topikakzente bestimmte Skopuslesarten blockieren (vgl. Büring 1997, S. 119ff.). Zweitens hatten wir gesehen, dass die Akzentuierung von der einen regulären pragmatischen Effekt hat, und drittens, dass generische Lesarten bei betontem der nicht generell ausgeschlossen sind.

[17] Zum Konzept der Aktivierung vgl. Gundel/Hedberg/Zacharski (1993, S. 278f.).

[18] (14) ist mit einer ‘Brückenkontur’ zu lesen, d.h. mit einem steigenden Topikakzent auf der und einem fallenden Fokusakzent auf blaue.

 

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