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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 181-206

 

 
DAS BILD DER SLAWEN IM ERZÄHLERISCHEN WERK FERDINAND VON SAARS


Margarete Wagner



 


Ferdinand von Saar zeichnet sich als ‘Meister des poetischen Realismus’ und als sogenannter ‘Erlebnisschriftsteller’ durch eine außerordentlich scharfe Beobachtungsgabe aus, die es ihm erlaubt, minutiös geschilderte Wirklichkeit mit einem raffiniert hintergründigen Symbolgeflecht zu verbinden. (1) In seinen Erzählungen gestaltet er mit Vorliebe die verschiedensten Ausformungen interkultureller Begegnungen und Kommunikationen, nicht nur zwischen dem österreichischen Staatsvolk und den Slawen, sondern auch zwischen Angehörigen anderer Ethnien. (2) Seine in diesem Zusammenhang gemachten Beobachtungen decken sich vielfach mit den heutigen Erkenntnissen der Stereotypen- und Vorurteilsforschung – freilich ohne deren didaktischen Anspruch. Diese Übereinstimmung ist aber weiter nicht verwunderlich, denn als ein der Darstellung der Wirklichkeit verpflichteter Autor vermag Saar letztlich nur das zu schildern, was in seinen Erlebnis- und Erfahrungsbereich fällt, was auch sein Ausspruch: Jede meiner Novellen ist ein Stück österreichischer Zeitgeschichte [...] (3) bestätigt. In dem Maße freilich, in dem Saar die Vorurteile seiner Protagonisten zu erkennen und aufzudecken vermag, ohne sich mit ihnen zu identifizieren, ist er andererseits selbst außerstande, seine eigenen Vorurteile gewissen Personenkreisen gegenüber zu verhehlen.


Was jedoch hat man genau unter Interkulturalität zu verstehen? Eine der möglichen Definitionen lautet beispielsweise folgendermaßen:

[...] Interkulturalität beschreibt die kulturellen Beziehungen zwischen Kulturen über ihre Grenzen hinaus und kann selbst das Resultat von Überlagerungen, Diffusionen und Konflikten darstellen (4).


Demnach können interkulturelle Kontakte in den verschiedensten Bereichen stattfinden: in Dienstverhältnissen und geschäftlichen Verbindungen, in zwischenmenschlichen Beziehungen, wie Freundschaften, Liebschaften und Ehen, oder in flüchtigeren sozialen Kontakten, wie Begegnungen und Bekanntschaften, die zumeist dem Rahmenerzähler oder Suberzähler zustoßen. Solche Kontakte können sowohl positiver als auch negativer Art, bisweilen aber auch ambivalent sein.


Da die wissenschaftliche Erforschung von Problemkreisen, wie Interkulturalität und Streotypenlehre, noch relativ jung ist, ist es verständlich, daß sich bisher noch kaum Literaturwissenschaftler mit dieser Thematik etwa im Zusammenhang mit Ferdinand von Saar befaßt haben.


Einzig der Franzose Jean Charue machte in bezug auf die Rolle der Slawen bei Ferdinand von Saar einige treffende Beobachtungen, die jedoch dringend einer Erweiterung bedürfen, wenn er behauptet:

Die Slawen bilden einen besonderen Fall: Als Nebenpersonen stellt sie Saar meistens kurz und mit unverhüllter Geringschätzung dar. [...Dagegen] schildert [er] slawische Hauptpersonen mit einer Genauigkeit und Tiefe, die über solche äußerlichen Angaben sehr weit hinausgehen, [da sie] der Novellist besser kannte und [sie] damals zu Österreich vollrechtlich gehörten (5).

Denn diese Aussage umreißt nicht deutlich genug die interkulturellen Beziehungen in Saars Texten und erschwert auch den Zugang zur daraus resultierenden Einstellung des Autors selbst hinsichtlich dieser Fragestellung.


Daß Hauptpersonen liebevoller und detailreicher geschildert werden als bloße Nebenpersonen, deren Wesen oft nur mit einigen wenigen Strichen umrissen wird, ist gewiß eine unbestreitbare Tatsache. Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten oder Unterschieden in der Einschätzung einzelner Volksgruppen in Saars erzählerischem Werk muß somit unbedingt eine genauere Differenzierung erfolgen, und zwar in ‘das Fremde von innen’ und ‘das Fremde von außen’, also in die sogenannten ‘Nationalitäten’ (6) der Donaumonarchie und in Angehörige anderer Staaten, sprich ‘Ausländer’. Es ist offenkundig, daß Saar klar zwischen Slawen innerhalb des österreichischen Staatsverbandes und Slawen außerhalb des österreichischen Staatsverbandes unterscheidet. Denn er läßt prinzipiell immer nur Slawen aus den sogenannten österreichischen ‘Kronländern’ (7) oder Provinzen als Hauptpersonen in Erscheinung treten, was nicht nur an der Breite der Schilderung, sondern auch am Grad der mitleidvollen Anteilnahme meßbar ist, die der Erzähler der geschilderten Person gegenüber direkt oder indirekt ausdrückt, während ausländische Slawen, vor allem Polen und Russen, immer nur den Status von Nebenpersonen haben und durchgehend mit negativen Eigenschaften geschildert werden.


Das Herzstück im Saarschen Weltbild ist übrigens – ausgehend von Schopenhauers Preisschrift über die Grundlage der Moral (8) – der Begriff des Mitleids. Diesem Umstand wurde jedoch in der Literatur, die sich zumeist verbissen in den Pessimismus Schopenhauerscher Prägung verbohrte, vielfach zu geringe Bedeutung beigemessen (9). Dabei ist die oft kompliziert verflochtene Erzählsituation durch verschiedene Erzähler, die sich ihrem Erzählgegenstand gegenüber bald anteilnehmend, bald ablehnend verhalten und dies bald offen, bald indirekt zeigen, ohne dieses Saarsche Mitleidsmotiv kaum sinnvoll zu entwirren. Doch davon später!


Zunächst jedoch soll auf die Rolle der Slawen als Ausländer eingegangen werden: Kontakte und Verbindungen mit ausländischen Slawen stehen zumeist unter keinem sehr guten Stern oder bringen einem der Beteiligten Unglück, worin sich zweifellos Saars persönliche Einstellung allem Ausländischen gegenüber manifestiert.


Seine Vorbehalte gegen die Russen basieren wohl hauptsächlich auf dem von Rußland ausgehenden Panslawismus, der in den Augen der Österreicher auf Grund seines beständig anwachsenden Einflusses auf die Südslawen als massive Bedrohung angesehen wurde, weil er Österreichs Expansionsgelüsten auf dem Balkan ein großes Hindernis in den Weg legte. Denn mittlerweile war der ehemalige Bündnispartner der Heiligen Allianz zur ‘dräuenden Gefahr’, zur ‘Barbarei aus dem Osten’ geworden, die wegen der ihr angelasteten ‘Unberechenbarkeit’ schwer einschätzbar zu sein schien (10). Das VIII. Sonett in Saars Laienpolitik deckt einiges von diesen diffusen Ängsten und Ahnungen bloß, wenn es heißt:

Und oft schon ging bis an die fernste Küste
Die dunkle Sage, daß es seine Horden
Zu einem neuen großen Völkermorden
Als jüngste Gottesgeißel schweigend rüste. (11)
(W 3/II, S. 40)

In seinen Erzählungen zeichnen sich Russen zumeist durch erotisches Freibeutertum aus, das auf einem Urgrund von menschlicher Unzuverlässigkeit und brutaler Rücksichtslosigkeit beruht.


Am wenigsten deutlich wird dies etwa in der Erzählung Die Familie Worel. Hier ist beispielsweise ein russischer Fürst Scheidungsgrund für einen deutschen Diplomaten und dessen heißblütige Gattin, eine feurige Komtessa, die dem Fürsten schließlich nach St. Petersburg folgt. Ob dieser Fürst nun als Verführer oder als Gimpel bewertet werden soll, läßt der österreichische Diplomat, Graf Erwin, der ebenfalls ein abgehalfterter Geliebter der mannstollen Komtessa ist, in seiner Rolle als Suberzähler offen. Ebenso unklar bleibt, ob die plötzliche tiefe Frömmigkeit der vormals so skrupellosen Ehebrecherin Folge ihrer inneren Umkehr durch den veredelnden Einfluß des Fürsten oder ihrer Furcht vor seiner gewalttätigen Eifersucht ist.


Nicht ohne tiefere Bedeutung scheint dabei jedoch zu sein, daß Saar ausgerechnet einem Vertreter der herrschenden russischen Reaktion das bessere Imponiergehabe zugesteht, so daß seine Bewerbung bei der – freilich schon durch viele Hände gegangenen – italienischen Dame schließlich von Erfolg gekrönt ist, während ihr gehörnter Ehemann, ein blutloser, mitteldeutscher Diplomat, und ihr gleichfalls betrogener Geliebter, der Österreicher Graf Erwin, quasi leer ausgehen und die betrüblichen Rollen des Hahnreis und betrogenen Betrügers (12) zugewiesen bekommen. Es gibt immerhin zu denken, daß Saar für die Besetzung dieser Rolle weder einen englischen Lord, spanischen Grande, italienischen Conte oder anderen Vertreter des europäischen Hochadels dem Magnaten aus St. Petersburg vorzog!


Ludovica Mensfelds heillose Liebe in Die Geigerin gilt dem russischstämmigen Abenteurer Alexis, der, selbst verschwenderisch und treulos (13), an der Treulosigkeit und Verschwendungssucht Mimis, Ludovicas jüngster Schwester, zugrunde geht. Die leichtsinnige Unbeständigkeit seines Charakters läßt sich an den wechselhaften Stationen seines Lebenswegs erkennen. Kaum über dreißig – scheint [...] er bereits doch so manche Lebenserfahrung hinter sich zu haben und viel in der Welt herumgekommen zu sein. [... Er hat] sich in den verschiedenartigsten Berufszweigen, zuletzt auch in der Kunst, versucht, und somit [...] wäre – nach Meinung des eifersüchtigen Suberzählers – der Verkehr mit ihm ganz angenehm gewesen

[...] wenn nicht einige zynische Bemerkungen [...] auf eine gewisse sittliche Verwilderung seines Charakters gedeutet hätten, die neben den übrigen glänzenden Eigenschaften doppelt bedauerlich erschienen. (KTD 2, S. 21) (14)

Ludovicas Gefühlswelt kommt nach dieser schmerzhaften Zurückweisung durch Alexis nicht mehr ins Lot, sie bleibt ihr weiteres Leben davon determiniert (15). In völliger Selbstentäußerung für den Wortbrüchigen gewährt sie ihm treue Fürsorge bis zu seinem Tod. Innerlich zerbrochen, ist sie unfähig, neue Verhaltensmuster zu entwickeln und wird erneut Opfer ihrer Hörigkeit. Erst ihr Selbstmord durchbricht diesen Kreislauf. Quintessenz dieser Erzählung ist, daß auch hier wiederum ein Österreicher, der Literat Walberg, von einem russischstämmigen Abenteurer auf erotischem Gebiet ausgestochen und in die passive Rolle des Beobachters und Erzählers gedrängt wird.


Und ebenso verhält es sich in der Erzählung Der `Exzellenzherr`. Hier verläßt die flatterhafte Provinzschönheit Theodora, ein leichtsinniges und früh verderbtes Mädchen (W 7/II, S. 54), ihren jugendlichen Verehrer zugunsten eines russischen Fürsten, der sich aber in der Folge als ganz gewöhnlicher Abenteurer entpuppt, ein Akt höherer Gerechtigkeit beziehungsweise Errettung aus höchster Not, der den ‘Exzellenzherrn’ in seiner Funktion als Suberzähler in der Rückschau mit einer gewissen Genugtuung erfüllt.


Selbst die schwermütigen Kompositionen eines russischen Klaviervirtuosen mit ihren volkstümlichen Anklängen berühren zwar den seelisch verstörten General in Vae victis! zutiefst, ohne jedoch seine wehmütige Verstimmung in einer Katharsis aufzulösen – im Gegenteil: sie leiten vielmehr seinen endgültigen Untergang ein! – Der russischen Nationalmusik, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allmählich in Mode kam, wird hier offenbar eine ähnliche aufwühlende Wirkung zugeschrieben wie der Musik Richard Wagners in der Novelle Geschichte eines Wienerkindes.


In dieser Erzählung finden auch das erste und einzige Mal bei Ferdinand von Saar die Bulgaren als Angehörige der Südslawen direkte Erwähnung. Hier sind es die Balkan-Geschäfte des Kaufmanns Röber, die nach langwierigen Verhandlungen mit Bulgarien schließlich von Erfolg gekrönt werden – vielleicht eine Anspielung auf das Jahr 1885, als sich Bulgarien vom russischen Einfluß befreite und sich dem Westen zuwandte (16).


Etwas anders gestaltet sich die Lage mit den Polen, da sie zu Saars Zeiten keinen eigenen Staat mehr besaßen. Saars Vorbehalte basierten dabei wohl hauptsächlich auf dem beinahe messianischen polnischen Panslawismus, der sich die Aufhebung der Teilung Polens zum Ziel gesteckt hatte, was in den Augen des Dichters eine unmittelbare Bedrohung der bestehenden Grenzen des Habsburgerreiches bedeutete (17).

Trauernd senk’ ich das Haupt, o du mein Österreich,
Seh’ ich, wie du gemach jetzt zu zerfallen drohst [...]

(W 2/I, S. 181),

beklagte Saar die ihm unausweichlich erscheinende zukünftige Katastrophe des Zerfalls in seiner Ode Austria.
Bei Saar haftet – grob vereinfacht – allen Polen etwas Zwielichtig-Betrügerisches, Schmierig-Schäbiges in geschäftlichen, finanziellen wie auch erotischen Dingen an. Da Saar nicht immer eindeutig klärt, ob es sich bei seinen Protagonisten nun um Bewohner des österreichischen Galizien, Rußlands oder des Deutschen Reiches handelt, bleibt letztlich auch die Einordnung der Polen als Ausländer oder Angehörige der österreichischen Nationalitäten ungewiß, so daß sie letztlich eine Art von Mittelstellung zwischen beiden Positionen einnehmen. Im Grunde genommen aber sind Saars Polen nicht als Staatsangehörige Rußlands, Deutschlands oder Österreichs, sondern in erster Linie nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit, also immer als Polen zu werten, die unbeirrt an der Wiedererrichtung ihres Staates festhalten.


Einzig in der Erstfassung der Erzählung Herr Fridolinund sein Glück finden sich nähere Angaben über jenen polnischen Magnaten, der zu Besuch bei Fridolins Herrschaft weilt. Er wird hier beschrieben als

ein schöner, unermeßlich reicher Herr, denn er besaß nicht nur zahlreiche Güter in Österreich, sondern auch in Rußland. (KTD 5, S. 52) (18)

Die Frage, ob dieser Magnat nun als Österreicher oder als Russe anzusehen ist, bleibt wohl unbeantwortbar. Hätte man ihn allerdings um seine Selbsteinschätzung befragt, so hätte die Antwort zweifellos ‘Pole’ gelautet. In den späteren Fassungen wurde diese Passage dann übrigens gestrichen, doch wird daraus ersichtlich, daß selbst bei detaillierteren Angaben des Autors eine Feststellung der Staatszugehörigkeit bei Polen äußerst schwierig vorzunehmen ist.


Woher nun der schmierige, geckenhafte polnische Frisör stammt, der das schöne Wäschermädchen Milada verführt und geschwängert im Stich läßt, bleibt somit im unklaren. Ist sein geziertes französisches Gehabe als bloßer Abklatsch der Eleganz Warschaus, Krakaus oder Lembergs zu werten oder soll sie in ihrer Übertriebenheit die provinzielle Herkunft ihres Trägers kaschieren, der vielleicht selbst von einem der russischen oder österreichischen Güter seines Dienstgebers stammt und wie der Aufsteiger Fridolin seinen Herrn auf dessen Reisen begleiten darf? Daß Herr Fridolin als Suberzähler seinem Nebenbuhler (und vielleicht auch Spiegelbild) durchaus nicht freundlich gesinnt ist, liegt in diesem Fall klar auf der Hand, daß jedoch der Dichter selbst diese negative Rolle ausgerechnet einem frankophilen Polen, und nicht etwa einem Österreicher zuweist, gibt zu denken. Und bei Saar findet man etliche Beispiele von dieser Art.


In Ginevra ist es etwa die polnische Gräfin Lodoiska, die sich zunächst auf Besuch auf einem Gute bei Lemberg, also in Galizien, aufhält. Da es sich dabei offensichtlich nicht um ihr eigenes Gut und vermutlich auch nicht um einen Verwandtenbesuch handelt (um das festzustellen, sind die Angaben zu allgemein gehalten), muß somit die Frage nach ihrer Herkunft reine Vermutung bleiben. Als Gattin des kommandierenden Majors Baron Dumont macht sie durch ihre lasziven Verführungskünste dessen jungen Adjutanten Emil zum Wortbrüchigen an seiner Verlobten Ginevra. Voraussetzung dieser Poussade ist jedoch in erster Linie das laue Ehearrangement zwischen Baron Dumont und seiner Gattin. Beides wird in den Salons zwar heimlich kritisiert, aber ohne daß dies gesellschaftliche Konsequenzen für das Paar oder den Liebhaber, der später zum Oberst avanciert und als Ich-Erzähler seine Jugenderlebnisse erzählt, nach sich zieht. Diese offensichtliche ‘Toleranz’ höhergestellten Schwerenötern und Adulteras gegenüber läßt sich in der Folge auch bei Graf Erwin in Die Familie Worel beobachten. Grundsätzlich kann jedoch festgehalten werden, daß auch in diesem Fall ein Angehöriger des österreichischen Militärs ausgerechnet durch sein Verhältnis mit einer Polin moralische Schwächung erfährt.


Viel einfacher ist es in der Erzählung Ninon mit der Herkunft des geistvollen Literaten Glensky (19) bestellt, mit seiner schäbigen Eleganz und seinem lauernden Blick [...] aus kleinen schwarzen Augen (W 10/IV, S. 94), ein Russe – oder eigentlich Pole (W 10/IV, S. 94), wie Ninon ihn dem Ich-Erzähler vorstellt, während der Suberzähler dem unschönen Verdacht Ausdruck verleiht, er halte diesen Herrn Glensky für einen Agenten Rußlands – oder geradeheraus gesagt, für einen politischen Spion. (W 10/IV, S. 100)


Er macht Ninon, die freilich alles andere als ein unschuldiges Opferlamm ist, ihrem Ehemann, dem Literaten Z., abspenstig und vergreift sich skrupellos an dessen geistigem Eigentum, mit dem er in Paris als Zeitungsunternehmer angeblich ein Vermögen verdient, was der Suberzähler jedoch bezweifelt.


In der Novelle Geschichte eines Wienerkindes läßt sich das Polentum des Börsenspekulanten Malinsky letztlich nur aus seinem Namen ableiten (20). Das Naheverhältnis zu ihm, einem wahren Gauner (W 9/III, S. 270), wie die Einschätzung des Suberzählers lautet, führt den Wiener Geschäftsmann Röber (21) schließlich in den Ruin. Auf den Ich-Erzähler selbst macht Malinsky ebenfalls keinen sehr günstigen Eindruck, er beschreibt ihn als

eine hagere Gestalt mit fast kahl geschorenem Haupte, aber endlos nach rechts und links abstehendem Backenbarte. Sein Antlitz war schlaff und durchfurcht, sein Blick matt und doch durchdringend wie der eines Croupiers. (W 9/III, S. 254)

Den Slawen als Ausländern stehen die Slawen als Nationalitäten der Habsburgermonarchie gegenüber.

In ihrer Rolle als Hauptpersonen bieten sie sich als besonders ergiebiges Forschungsfeld an. Saars sogenannte ‘Dorf’- und ‘Schloßgeschichten’ (22) spielen in den ehemaligen österreichischen Kronländern, also in Böhmen oder in Mähren, und formen ein plastisches Bild aus sozialer Ungleichheit und Kulturverachtung von seiten der herrschenden Schicht, die sich selbst als ‘deutsch’ bezeichnet, ein Ausdruck, unter dem man laut heutiger Terminologie einen ‘deutschsprachigen (Alt-) Österreicher’ zu verstehen hat.

Stammverwandtes begehrt flammend nach Einigung
Und dein altes Gefüge
Lockert störrisch sich mehr und mehr, (23)

dichtete Saar in der Erstfassung seiner Ode Austria über die Sprengkraft der nationalen Gegensätze, in denen er die Hauptgefahr [für einen] Zusammenstoß der Deutsch-österreicher mit den Slawen (24) erkannte.


Aber interkulturelle Beziehungen lassen sich nicht nur am Umgang der deutschsprachigen Österreicher mit den übrigen Volksgruppen inner- und außerhalb der Donaumonarchie beobachten, sondern auch am Verhältnis zwischen Angehörigen verschiedener Ethnien untereinander. Von wesentlicher Bedeutung ist dabei auch die persönliche Einstellung der häufig auftretenden Erzähler- und Suberzählerfiguren, die oft mehrere Standortwechsel innerhalb eines Werkes gestatten, wodurch interkulturelle Begegnungen kaleidoskopartig gebrochen durch verschiedene Einstellungen dargestellt werden. Hinzu kommt, daß Saar als sogenannter ‘Erlebniserzähler’ auch seine eigenen autobiographischen Erfahrungen – zumeist jedoch eher indirekt – einfließen läßt.


Wenn also eine größere Zahl von Personen denselben Vorstellungsinhalt über bestimmte Einstellungsobjekte äußert, so kann man von ‘ethnischen’ und ‘sozialen Stereotypen’ sprechen (25). Was diesen Punkt betrifft, soll in der Folge die Novelle Die Troglodytin beispielgebend für alle anderen in Frage kommenden Erzählungen untersucht werden.


Zunächst muß jedoch noch festgehalten werden, daß eine bedeutende Anzahl Saarscher Novellen in Mähren handeln, daß in ihnen aber durchaus nicht immer Mährer die Hauptrolle spielen müssen (26). Grundsätzlich ist anzumerken, daß zeitlich gesehen die politische Entwicklung in Mähren hinter der in Böhmen hinterherhinkte. Dieser Umstand war auch Saar durchaus bewußt, wenn er in seinem Versepos Hermann und Dorothea dichtete:

Wir leben in Mähren
Und, dem Himmel sei Dank! nicht oben im böhmi schen Lande,
Wo sich Tschechen und Deutsche bereits bis aufs Messer bekämpfennd
auch Blut schon geflossen. Bei uns ist’s immer noch friedlich,
Da die Stämme nicht scharf wie dort voneinander geschieden;
Sind doch die Deutschen zur Not zweisprachig fast alle geworden.

(W IV, S. 33)

Dieses Nebeneinander von Rückständigkeit und Fortschrittlichkeit läßt sich auch in der Erzählung Die Troglodytin erkennen. So ist beispielsweise der alte Förster, Pernetts Vorgesetzter, mit seiner Treue und Anhänglichkeit für seine Herrschaft und für die ‘Deutschen’ noch ein typischer Vertreter einer feudalen Gesellschaftsordnung, in der Deutsch noch die unumstrittene Staatssprache der österreichischen Monarchie war. Die Handlung spielt übrigens im Jahre 1865, im Jahr danach, am 3. Juli 1866, kommt es zur österreichischen Niederlage in der Schlacht von Königgrätz. Aber bereits mit den revolutionären Bewegungen von 1848 war der Ruf immer lauter geworden, die jeweiligen Volkssprachen als Amtssprachen nationaler Beamtenkörper einzusetzen. Doch nach Zerschlagung der Aufstände erfolgte zunächst ein neoabsolutistischer Rückschlag, der auf die Errichtung eines Einheitsstaates mit einer Einheitssprache abzielte. Die Bemühungen um eine Sprachregelung rissen nun in der Folgezeit nicht mehr ab. Das Oktoberdiplom von 1860, das einer echten Föderalisierung den Weg bereiten hätte sollen, wurde im Februarpatent des darauffolgenden Jahres wiederum so weit abgeschwächt, daß schließlich davon nur noch die Gleichberechtigung aller Volksstämme und ihrer Sprachen übrig blieb. Pernett, ein österreichischer Forstadjunkt in gräflichen Diensten, gehört somit jener jüngeren Generation von deutschsprachigen Gutsangestellten an, die – dem Zug der Zeit folgend – bereits Tschechisch gelernt haben (27).


Der Handlungsort mit seinen gräflichen Hütten- und Eisenwerken und seiner Arbeiterkolonie weist übrigens große Ähnlichkeit mit Blansko auf. Hier mündet der Punkava-Bach in die Zwittawa (28), wie indirekt auch aus der Erzählung hervorgeht, wenn es heißt:

[d]er Ort, in dessen nächster Nähe sich das Schloß befand, war ein ausgedehnter, von einem Flusse durchströmter Marktflecken, dessen Einwohnerschaft aus ziemlich wohlhabenden Bürgern und Grundbesitzern bestand; auch das Gericht des Bezirkes hatte dort seinen Sitz. (W 9/III, S. 123)

Hand in Hand mit dem Aufschwung der tschechischen Partei geht jedoch auch die Entstehung einer kümmerlichen Ansiedlung [i]m Rücken des Orts [...] an den zerklüfteten Ufern eines weitläufigen Baches (W 9/III, S. 123), die symptomatisch ist für die rücksichtslose kapitalistische Ausbeutung der Arbeiter. Denn die Sozialaufsteiger der Gründerzeit wollen keinerlei Verantwortung für die Sozialfälle der Gesellschaft übernehmen, und auch der Adel hat seine politische und soziale Verantwortlichkeit und Vorbildwirkung im Sinne des josefinischen Wohlfahrtstaates abgelegt und kommt nur noch zur Jagd nach Mähren, ohne sich um die Armen der Gegend zu kümmern (29).


Forstadjunkt Pernett gibt sich in aller Deutlichkeit als Verfechter einer pseudowissenschaftlichen ethnologischen Betrachtungsweise zu erkennen. Dabei stützt er sich in der Hauptsache auf physiognomische Beobachtungen der mährischen Arbeiterinnen, woraus er in der Folge Pauschalcharakterisierungen, sogenannte ‘nationale Stereotypen’ ableitet, die sich – wie so oft bei Saar – auch mit der Genderfrage überschneiden, um schließlich in einer ‘self-fulfilling-prophecy’ (30) zu münden. Das hört sich dann so an:

Sie hatten durchaus nichts Plumpes und Ungeschlachtes an sich, vielmehr waren sie meist schlanke, zierliche Gestalten mit wohlgeformten Händen und Füßen, und was man auch gegen die Gesichter einwenden konnte, schöne Augen hatten sie fast alle und wußten davon auch ausgiebigen Gebrauch zu machen. Dabei waren sie träg und nachlässig, naschhaft und diebisch – und auch sonst zu jedem Unfug aufgelegt. Weh' dem, der sich mit einer von ihnen leichtfertig eingelassen hätte; er wäre unrettbar in die Verlotterung mit hineingezogen worden. (W 9/III, S. 122)

Hinzu kommt dann noch – laut Jean Charues Diagnose:

die Vererbung, [die] die Fortdauer mancher Züge [erklärt], die man, wenn nicht rassische so doch ethnische Merkmale nennen muß (31).

Pernetts Kollege, der Wirtschaftsadjunkt des Gutes, zeigt sich etwa in seinen gleichfalls pseudowissenschaftlich untermauerten Vorurteilen deterministischer und soziologischer Natur als ein Anhänger der Vererbungslehre, wenn er versucht, die Familie Kratochwil, die sozialen Parias des Ortes, als degenerierte Menschen, denen die Arbeitsscheu im Blute steckt (W 9/III, S. 140) zu beschreiben.


Selbst der Oberförster, Pernetts Vorgesetzter, der, obgleich selbst von slawischer Abstammung [...], leidenschaftlich zu den Deutschen des Ortes (W 9/III, S. 128) hält, schlägt in dieselbe Kerbe nationaler und sozialer Vorurteile. Als Vertreter der älteren Generation und gerade als Slawe identifiziert er sich besonders vehement mit den Wertvorstellungen des Feudalismus. Seine äußerst harte, ablehnende Haltung ist als Abgrenzungsmechanismus (32) gegen sozial Tieferstehende und als Neidreaktion gegen Sozialaufsteiger aus den eigenen Reihen zu verstehen, deren wachsendes Nationalbewußtsein auf ihrem wirtschaftlichen Erfolg beruht. Durch diese finanzielle und rechtliche Annäherung an die von ihm anerkannte hierarchische Position seiner adeligen österreichischen Grundherrschaft fühlt sich der alte Förster für sie stellvertretend bedroht, in seiner eigenen Person jedoch übertrumpft.


Damit aber aus Stereotypen Vorurteile werden können, bedarf es – wie das Beispiel des Försters zeigt – zusätzlich noch einer negativen emotionalen Geladenheit.


Die von Theodor Adorno und Max Horkheimer entwickelte sogenannte ‘Faschismus-Skala’ (33), deren Bezeichnung in diesem Zusammenhang nicht ganz glücklich gewählt zu sein scheint und deren ursprüngliche Intention (die Faschismusanfälligkeit von Einzelpersonen graduell messen zu wollen) sich in der Vorurteilsforschung längst als unhaltbar herausgestellt hat, gibt immerhin noch eine durchaus brauchbare Arbeitshypothese ab, wenn es darum geht, jene Kriterien auszumachen, an denen sich ein ‘autoritärer Charakter’ erkennen läßt: (34)


Etwa an einem starren Gebundensein an die Werte mittelständischer Konventionen; einem untertänigen, unkritischen Verhalten idealisierten moralischen Autoritäten der Eigengruppe gegenüber (wie etwa dem Adel, dem Militär, der Kirche und dem Kaiserhaus gegenüber); an der Tendenz, Personen, die konventionelle Werte verletzen, bestrafen zu müssen; an der Abwehr aller Innerlichkeit (wie Selbstkritik, Subjektivität, Gefühl und Phantasie) (35); am Glauben an das Bestimmtwerden des einzelnen durch geheimnisvolle Mächte (wie beispielweise Determinismus, Vererbungslehre, Blutzusammengehörigkeit); am Hang, in starren Kategorien zu denken; an der Identifikation mit Figuren, die Macht repräsentieren; an einem Überbetonen der konventionellen Attribute der Persönlichkeit, einer übertriebenen Zurschaustellung von Härte und Robustheit; an einer verallgemeinernden Feindeinstellung; einer rationalisierenden Verbrämung offener Aggressivität oder Verachtung; an einer unbewußten Übertragung eigener Triebimpulse auf die Umwelt sowie deren heftige Verurteilung und – ‘last but not least’ – an übertriebenen Strafforderungen für Verletzungen des Sexualkodex. Es ist bemerkenswert, daß alle drei Gutsangestellten die Kriterien zur Erkennung eines ‘autoritären Charakters’ fast zur Gänze erfüllen – ein bedeutendes Indiz für die bestechende Genauigkeit von Saars Schilderungen des geistigen Klimas seiner Zeit!


Während jedoch der Förster, der Wirtschaftsadjunkt und die Erzählerfigur – in Gestalt des alten Pernett – bereits ihre Vorurteile tief verinnerlicht haben, hat der junge Pernett als erzähltes Ich noch mit starken Zweifeln und Unsicherheiten zu kämpfen. Pernetts Verwirrung manifestiert sich bereits in seinem beständigen Sichärgern und Empört-sein-Müssen sowie in seiner scheinbaren Barschheit, hinter der er seine wahren Gefühle verbirgt, bis hin zum verzweifelten Hinweis auf seinen Befehlsnotstand. (W 9/III, S. 130f., 133, 136f.) Und diese Zeit des Umschwungs von einer noch nicht vollständig von den herrschenden Normen überzeugten Haltung hin zur absoluten Anpassung ist das eigentliche Thema der Erzählung des längst in seiner Überzeugung erstarrten alten Pernett! Dies paßt auch zu Saars grundsätzlicher Neigung, in seinem erzählerischen Werk immer wieder die Vergänglichkeit des Alten und den schrittweisen Übergang zum Neuen zu thematisieren (36), wobei er keineswegs als kritikloser Verklärer des Feudalismus, aber ebenso wenig als Anhänger radikaler Neuerungen zu werten ist (37), was ja auch aus Saars künstlerischer Selbsteinschätzung: Ich bin halt der Übergang gewesen (38) hervorgeht.


Ferdinand von Saar empfand sich selbst in vielerlei Hinsicht als in einer Übergangszeit mit all ihren Unsicherheiten lebend und schildert daher mit besonderer Sensibilität immer wieder Menschen, die in Übergangssituationen geraten, die in wirtschaftlicher, sozialer oder weltanschaulicher Hinsicht quasi den Boden unter den Füßen verlieren und die nun mit großer Hilflosigkeit auf diese sich ändernden Lebensbedingungen reagieren. In der Erzählung Die Geigerin bekundet etwa der Ich-Erzähler der Rahmenhandlung in jener in der wissenschaftlichen Literatur um Saar am häufigsten zitierten Textstelle (durch deren Deutung oft der Dichter Saar selbst als Nostalgiker und Verklärer der Vergangenheit abgestempelt wurde), seine Anteilnahme für all jene Personen,

deren eigentliches Leben und Wirken in frühere Tage fällt, und die sich nicht mehr in neue Verhältnisse zu schicken wissen. (KTD 2, S. 9)

Es geht hier im weitesten Sinne um den Verfall alter, tradierter Werte, den sogenannten ‘Verlust der Mitte’, (39) und um das Hilflosausgeliefert-Sein an jene neuen Mächte, die zu bekämpfen zwecklos zu sein scheint, also um die resignative Anerkennung der ‘Geworfenheit’ des Seins (40). Fritz Martini spricht hier

von der Situation des vereinsamten Menschen in einer Wirklichkeit, deren Sinnzusammenhang mehr und mehr entglitt und der im Problematischen seines Geschicks die Problematik des Daseins in dieser Welt überhaupt erfuhr (41).

Um diese Verunsicherung zu kompensieren, verfallen viele Saarsche Figuren in einen starren Traditionalismus, der sich je nach Standeszugehörigkeit der jeweiligen Person anders darstellt. Der Konservativismus eines Adeligen oder hohen Militärs ist natürlich völlig anders geartet als jener bei einfachen Leuten.


Bei den drei Gutsangestellten in Die Troglodytin zeigt sich das Festhalten am Althergebrachten in ihrem Obrigkeitsdenken (42), das sie in ihrer Haltung als autoritäre Herrenmenschen bestärkt. Das Verhältnis des jungen Pernett dem Förster, seinem unmittelbaren Vorgesetzten gegenüber, ist von tief verinnerlichter Subordination geprägt. Pernett ist als Mitbewohner dem försterlichen Haushalt einverleibt, was nicht nur beständigen sozialen Kontakt, sondern auch ein Sicheinfügen unter die hausherrliche Gewalt des Försters bedeutet. Der gichtgeplagte, barsche alte Griesgram mit seinen starken sozialen Vorurteilen und seiner heftigen Ablehnung der slawischen Partei ist – nach Meinung seines Untergebenen – im Grunde gutmütig im Umgang. Pernetts Arbeit gewährt ihm eine relative Selbständigkeit, der Förster überträgt ihm aus Gesundheitsgründen fast die gesamte Bürde des Dienstes, Eingriffe korrigierender Art von seiten des Vorgesetzten sind jedoch nicht ausgeschlossen, wie sich am Beispiel Maruschkas zeigt, und werden von Pernett trotz seines anfänglichen inneren Widerstandes schließlich widerspruchslos entgegengenommen.


Diese inneren Abwehr gegen die harten Pauschalurteile des alten Försters läßt sich sogar noch nach vielen Jahren am Beispiel der Wortwahl des alten Pernett nachvollziehen, der seinen Vorgesetzten selbst in der verklärenden Vergangenheitschau als barsch und oft grausam in Worten (W 9/III, S. 128), und nicht etwa als ‘hart, aber gerecht’ empfindet. Den bescheidenen, wertneutralen Einwurf des jungen Pernett, der sich zu diesem Zeitpunkt weder für noch gegen die Sache der Kratochwils oder der Gemeinde engagieren mag, wischt der alte Förster jedoch mit heftiger Entschiedenheit vom Tisch.


Pernetts Abwehrhaltung der försterlichen Autorität gegenüber zeigt sich auch in der zweimaligen Verheimlichung seiner Begegnungen mit Maruschka, um nicht neuerliche Unmutsäußerungen des bärbeißigen Alten heraufzubeschwören, denen er nichts entgegenzusetzen weiß oder zu dürfen glaubt, die bloß anzuhören ihm aber offenbar schon Unbehagen bereiten. Sein Ausspruch: Ich weiß nicht, was mich abhielt, die volle Wahrheit zu sagen (W 9/III, S. 132) zeigt, daß auch der alte Pernett seine damaligen Beweggründe nicht analysieren kann oder mag: einerseits handelt es sich hier sicherlich um ein Verschweigen seiner aufkeimenden sexuellen Erregung (die zugegebenermaßen zu Saars Zeiten kein Konversationsthema war), andererseits aber dürfte es sich hier auch um einen halbherzigen Versuch von Auflehnung handeln, den der alte Förster Pernett, der unterdessen selbst in die Rolle des Vorgesetzten aufgerückt ist, aus Autoritätsgründen gewiß nicht zu thematisieren wünscht. Pernetts zaghafter Ansatz zur Zivilcourage wird somit von seinem Vorgesetzten abgeschmettert. Mit den Worten: Aber er hatte recht (W 9/III, S. 132) schwenkt der junge Forstadjunkt schließlich auf die Linie seines Vorgesetzten ein, indem er sein Aufbegehren gegen die herrschenden Verhältnisse aus Karrieregründen der sogenannten ‘Vernunft’ unterordnet.


Das Naturkind Maruschka erkennt instinktiv die Halbherzigkeit, mit der Pernett die Befehle seines Vorgesetzten ausführt, wenn sie sich auch über die volle Palette seiner Beweggründe nicht im klaren sein mag. Um vor ihr sein ‘Gesicht zu wahren’, imitiert der junge Pernett zunächst die barsche Haltung des alten Försters, dann verschanzt er sich vor der Eigenverantwortung hinter dem Befehlsnotstand. Doch diese erzwungene Fassade der Schroffheit ist für ihn ein noch neu eingelerntes und daher uneingeübtes Verhaltensmuster, und so bricht bei ihm immer wieder ansatzweise seine ursprünglich humane Lebenseinstellung durch, wenn er seine harten Auslassungen der im Grunde doch armen Troglodytin gegenüber rasch bereut und sich darüber freut, das verwahrloste Mädchen auf den Pfad ‘bürgerlicher (Arbeits-)Moral’ geführt zu haben.


Die deterministischen, milieutheoretischen Spekulationen seines Kollegen, des Wirtschaftsadjunkten, ob Maruschka,

in andere Verhältnisse [...]versetz[t...], ungeahnte Eigenschaften [...]entwickeln würde, beschwören einen Sturm [...], der alles gewaltsam Unterdrückte und vergessen Schlummernde wachrüttelt (W 9/III, S. 143),

in ihm herauf, der wohl vorwiegend sexueller Natur ist, an dem aber soziale und ethnische Hintergründe als Haupthindernis für eine Liebesvereinigung deutlich erkennbar werden.


Jedoch, als sich Maruschka in seinen Augen als leichtfertig herausstellt, übernimmt Pernett voll die Vorurteile seines Vorgesetzten. Und wieder ist es sein Schweigen, durch das er sich der Stellungnahme entzieht! Als beim Brand des Hegerhauses der alte Förster sofort die junge Kratochwil als Brandstifterin verdächtigt, findet Pernett kein Wort der Entlastung, denn er selbst hält das ‘ehrlose Geschöpf’ nun durchaus einer solchen Tat für fähig. Als sich diese Vermutung als unbegründet herausstellt, der Förster aber zäh auf seiner Verdächtigung beharrt und auch die öffentliche Meinung sich dieser Vorverurteilung anschließt, schweigt Pernett wider besseres Wissen erneut: Maruschka wird folglich trotz Mangels an Beweisen zu einem Jahr Arbeitshaus verurteilt. Die eigentümliche Empfindung (W 9/III, S. 152), die Pernett beim Anblick ihres Liebhabers überkommt (der offensichtlich in unverminderter Treue zu seiner Geliebten hält und plant, auf ihre Freilassung zu warten, um sie zu heiraten), dürfte wohl weniger mit seiner Eifersucht und mehr mit seinem Schuldbewußtsein zu tun haben. Denn dieser als schwächlich und tölpelhaft verspottete Mensch hat letztlich all’ das, was Pernett fehlt oder was er aufgegeben hat: den naiven Mut, seinen Gefühlen zu folgen und die Kraft, gegen herrschende Verhältnisse aufzubegehren – in seinem Fall gegen ein vermögendes, bürgermeisterliches, slawisch-national gesinntes Elternhaus sowie gegen eine von Vorurteilen geprägte Dorfgemeinschaft.


Pernett ist somit ein Held der Anpassung und nicht der Selbstüberwindung; wohl bezähmt er seine eigenen Begierden, verliert aber zugleich seinen Idealismus. Durch sein moralisches Versagen und seine Gefühlsverweigerung trägt er letztlich Mitschuld an Maruschkas Untergang.


Bezeichnenderweise ist eine weibliche Randfigur, nämlich die Frau des Försters, die einzige in der Erzählung, der Saar Warmherzigkeit und Mitleid zugesteht. Obzwar Mutter zweier erwachsener Töchter und wohlbeleibt[...und] schwerfällig[...] (W 9/III, S. 122), ist sie von ihrem inneren Wesen her doch geschmeidig genug, um ihren bärbeißigen alten Mann wie ein verzogenes Kind immer wieder zu beschwichtigen, zu besänftigen und zu umsorgen. Hausfraulichkeit, Mütterlichkeit und Geborgenheit prägen den Kern ihres ganzen Wesens. Aber auch ein ausgeprägtes Rechtsempfinden, wenn sie beispielsweise ihrem Gatten, dem sie sonst in allen Dingen nachzugeben geneigt ist, widerspricht und über die Kratochwilsche Brut bemerkt:

Um die Kinder ist es zu schade[...]. Die beiden jüngsten sind mir immer als ganz hübsch aufgefallen; besonders das Mädchen. (W 9/III, S. 128f.)

Ausgerechnet in Pernett mit seiner deterministischen Weltsicht, seiner karriereorientierten Angepaßtheit (43) an herrschende Vorurteile und seiner aufgesetzten Maske der Ungerührtheit, hinter der er krampfhaft seine Unsicherheit verbirgt, verliebt sich Maruschka Kratochwil, die sozial Ausgestoßene unter den Verachteten. Diese Beziehung ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil Pernett niemals unter seinem Stand heiraten (44), niemals gegen die Vorurteile seiner Vorgesetzten handeln würde, sondern sie vielmehr verinnerlicht. Wiewohl die ‘sexual attraction’ ihrer Reize Pernetts impulsives und natürliches Gefühl zutiefst beeindruckt, verleugnet er es auf Grund seines nationalen, sozialen und vielleicht auch sittlich-religiösen Überbaus. Erika Soukups Beobachtungen zielen in dieselbe Richtung, wenn sie feststellt, daß bei Saar

[d]er Mensch [...] nicht zuerst als Mensch [handelt] und nach dem Gesetz, das er als solcher in sich fühlt, sondern als das, was er zufällig in den äußeren Ver-hältnissen ist und aus Rücksicht auf diese Verhältnisse (45).

Pernetts subalterner Gehorsam den Anweisungen seines Vorgesetzten gegenüber bestärkt ihn noch in seiner Ablehnung, die er in grobe, verletzende Worte kleiden muß, um vor sich selbst und Maruschka standhaft bleiben zu können.


Mit Jean Charue in Pernett nur das Walten einer ethisch-sittlichen Kraft eines [w]irklich starke[n] Helden (46) sehen zu wollen, ist angesichts der massiven Vorurteile, die Saar gerade dieser Figur in ihrer Eigenschaft als Suberzähler in den Mund legt, ein fragwürdiges Unterfangen. Bereits Walter Feiners Beobachtungen waren diesbezüglich schärfer, wenn er Feigheit [...,] Schwäche [und] kleinliche[] Standesrücksicht (47) diagnostizierte (48).


Bei jeder Annäherung an Saars Erzählwerk hat stets das Hauptaugenmerk auf der kompliziert verflochtenen Erzählsituation zu ruhen, weil sie zumeist indirekt mehr preisgibt als die platte Erzählung an sich. Es ist ein bewußter Kunstgriff Saars, die Figur des alten, wohlbestallten Försters Pernett durch ihre eigene Erzählerrede als Suberzähler indirekt zu charakterisieren, indem er ihn eine Rückschau auf seine eigenen Jugenderlebnisse halten läßt. Dabei wird Pernetts Bericht nur von einem hauchschmalen Rahmen des Haupterzählers, hinter dem man im weitesten Sinne den Autor selbst vermuten darf und der sich jeglichen Kommentars über seinen Gesprächspartner enthält, zwar eingeleitet, aber ganz bewußt nicht mehr geschlossen – der Haupterzähler begibt sich somit ausdrücklich der Gelegenheit, seine eigene Meinung über das Gehörte preiszugeben. Pernetts Erzählerbericht hat füglich für sich selbst zu sprechen! Der Rezipient bekommt somit keine vorformulierte Meinung serviert, sondern muß sich – bereits ganz im Sinne des naturalistischen Kunstverständnisses – seine eigene Meinung über den alten und den jungen Pernett bilden, um dann in letzter Konsequenz zum Mitleid für alle vom Schicksal Vernachlässigten und Benachteiligten zu gelangen (49). – Nach demselben Muster ist übrigens auch die Erzählsituation in Die Familie Worel gestaltet mit ihrem sehr zurückhaltenden Ich-Erzähler in einem etwas breiter geformten offenen Rahmen. Ganz anders liegt dagegen die Erzählsituation in der Novelle Die Heirat des Herrn Stäudl. Hier bleibt der eigentliche Erzähler der schmalen Rahmenhandlung verborgen, die Vorurteile des Delinquenten Stäudl, des Richters und des dichtenden Gerichtsschreibers werden durch ihre jeweilige Figurenrede entlarvt, Stäudls Geständnis in Form einer Erzählung wird von seinen Zuhörern unterbrochen beziehungsweise mit kritischen Anmerkungen kommentiert. Der Leser muß sich somit selbst eine eigene Meinung über den Gattinnenmörder, den Richter und den Gerichtsschreiber bilden.


Zusammenfassend kann gesagt werden, daß in Pernetts Fall eher von einem zweifelhaften Sieg der bürgerlichen Vernunft über uneingestandene Gefühle gesprochen werden kann. Pernetts soziales Wohlverhalten wird von der Gesellschaft zuletzt auch mit einer behaglichen Anstellung als Forstmeister belohnt – in diesem Punkt zeigen sich Parallelen zu der Erzählung Herr Fridolin und sein Glück.


Als Verkörperung [...] der Naturstärke (50) ist Maruschka die eigentliche Heldin dieser nach ihr benannten Erzählung. Aber auch sie ist determiniert durch ihre ethnische Zugehörigkeit, ihre soziale Außenseiterrolle und ihren gänzlichen Mangel an Erziehung. Um so mehr folgt sie ungebrochen ihren natürlichen Instinkten und kümmert sich nicht im geringsten um eventuelle gesellschaftliche Konsequenzen ihrer Zuneigung zu Pernett. Ob Geliebte oder Ehefrau, jede Verbindung mit dem Geliebten würde für sie Errettung aus ihrem hoffnungslosen Milieu und Erfüllung ihrer sexuellen Bedürfnisse bedeuten, denen sie in archaischer Selbstverständlichkeit, die Pernett schamlos (W 9/III, S. 137) findet, Ausdruck verleiht.


Karlheinz Rossbacher macht am Beispiel der Novelle Die Troglodytin plausibel, wie Maruschka als sexuell aktive und sozial unterlegene Frau vom alten Förster als Ordnungsstörerin und von Pernett als laszive Verführerin animalisiert, dämonisiert und schließlich kriminalisiert wird (51). Doch auch Stefan Schröders Einwand ist berechtigt, wenn er meint, daß Rossbacher den Nachweis der von ihm zu Recht festgestellten Variationsbreite des alten Gegensatzpaares Maria – Venus in der österreichischen Literatur des späten 19. Jahrhunderts (52) [...] bei seiner Analyse der Erzählung schuldig bleibt. Und vollends Rossbachers Schlußfolgerung, zu der er durch einen überaus treffenden Vergleich mit Marie von Ebner-Eschenbachs „Gemeindekind“ gelangt, nämlich daß das Gemeindekind Maruschka von Ferdinand von Saar kurzerhand eliminiert wird, weil es seinem konservativen Ordnungsdenken als erotische Abenteurerin und potentielle Ordnungsstörerin im Wege steht, tut dem Autor schlichtwegs Unrecht.


Denn Maruschka ist keineswegs nur das unterdrückte Traumbild einer lüsternen, den männlichen Blick herausfordernd erwidernden Hetäre (53), das ist sie nur in den Augen Pernetts! Als sie dieser beim Baden überrascht, drängt sich ihm sofort die Assoziation mit der Mediceischen Venus auf (54). Er mutmaßt übrigens in ihren Gesten, mit denen sie seine Blicke vor ihrer Nacktheit abzuwehren versucht, eine eindeutige Absicht, nämlich die der bewußten Verführung. Pernett ist von der Überzeugung durchdrungen, Maruschkas Absichten vollständig durchschauen zu können. Ebenso unbeirrt beharrt er auf seinem Glauben, weibliche Instinkthandlungen generell richtig zu beurteilen. Scham wird zwar in verschiedenen Gesellschaften verschieden ausgedrückt, aber es gibt durchaus kein Naturgesetz, das schamhaften Frauen gebietet, anstatt des entblößten Körpers das Gesicht zu verhüllen. Die zeitgenössische Auffassung, wie sie etwa Richard Krafft-Ebing in seinem Werk „Psychopathia sexualis“ vertrat, war durchaus der Meinung, daß

[d]en Anfang einer Versittlichung des Geschlechtslebens [...] das Auftreten eines Schamgefühls [bildet]. Daraus entsprang das Bestreben, die Schamteile zu verhüllen (55).

Der Anblick von Maruschkas gesichtslosem, also blindem Körper wäre um so mehr zum ergötzlichen Augenschmaus der räuberischen Blicke Pernetts geworden, als er selbst dabei nichts von seiner Gier seinem Opfer gegenüber hätte preisgeben müssen. Ihr zielgerichteter Blick aus geöffneten Augen bannt dagegen den Voyeur auf einem gewissen Respektabstand fest oder treibt ihn in die Flucht.


Pernetts Venusbild verhüllt jedoch nur wie die äußere Schale einer Zwiebel das, was sich dahinter verbirgt: das Bild der ‘Jungfrau’ und ‘Großen Mutter’. Schon Maruschkas eigentlicher Name Marie deutet an, was der Wirtschaftsadjunkt letztlich sogar bestätigt: er habe

sie niemals mit irgendetwas Männlichem [...] verkehren sehen; sie treibt sich immer mutterseelenallein umher (W 9/III, S. 143).

Marie Kratochwil ist somit noch unberührt, eine reine Jungfrau im Bettelkleide – und sollte an dieser Stelle nicht zu denken geben, daß die Jungfrau Maria auch als Heilige der armen Arbeiterinnen und Schutzpatronin der Armenhäuser Verehrung findet? (56) Als Legenden-, Märchen- oder Sagengestalt wäre Marie Kratochwil durchaus für würdig befunden worden, aus ihrem niedrigen Stand zur Gemahlin einer höhergestellten Persönlichkeit – eines Fürsten, Königs oder Gottes – erhöht zu werden, wie dermaleinst Griseldis oder Aschenputtel. Einzig der amtliche Antrag des Bürgermeisters, das Mädchen in eine Korrektionsanstalt einzuweisen, nennt übrigens Marie Kratochwils tatsächlichen Namen. (W 9/III, S. 151) Ihr gesamtes soziales Umfeld und sie selbst verwenden hingegen den slawischen Diminutivnamen Maruschka, der eindeutig etwas Pejoratives, Leichtfertiges impliziert (57), das durch ihren Familiennamen Kratochwil noch verstärkt wird (58).


Die Badeszene mit dem jungen Jäger Pernett entpuppt sich bei näherer Betrachtung in seiner ganzen Doppeldeutigkeit: Maruschkas eigentliches Wesen ähnelt eher Artemis, der jungfräulichen Göttin der Jagd, die im Bade von Aktaion, dem fürwitzigen Jäger, belauscht und überrascht wird (59). Im Sinne der minoisch-archaischen Artemis übt sie übrigens nicht selbst die Jagd aus, sondern erscheint als ‘Herrin der Tiere’, ja der gesamten Natur. Das zeigt sich etwa an Pernetts Hund Stop, der bei jeder schicksalsträchtigen Waldbegegnung der beiden Kontrahenten zugegen ist und schließlich in den Einflußbereich Maruschkas gerät. Stop, der ständige Begleiter Pernetts, ist somit nichts anderes als eine Chiffre für Pernetts unterdrückten animalischen Instinkt, denn: [e]r weiß sich nicht zu verstellen, wie (W 9/III, S. 136) sein Herr. Da, wo Pernetts natürlichen Lebensäußerungen durch antrainierte einschränkende Konventionen Halt, also ‘Stop’ geboten wird, darf der Hund stellvertretend für seinen Herren die festgelegten Grenzen überschreiten und bedenkenlos Maruschka ‘aus der Hand fressen’ (W 9/III, S. 133) und ihr (schwanz)wedelnd seine Ergebenheit bezeugen. Aber in ihrer Rolle als Artemis, die Ernährerin, stillt Maruschka nicht nur den Hunger des gefräßigen Stop – in der verführerischen Badeszene löscht er sogar seinen Durst mit ihrem Badewasser! (W 9/III, S. 135) (60) Bei der nächsten Begegnung zwischen Pernett und der Troglodytin kommt es dann zur Gehorsamsverweigerung Stops (W 9/III, S. 136) und bei ihrem letzten Zusammentreffen schleudert Maruschka Pernett die auf den Punkt gebrachte Wahrheit entgegen:

Ihr habt euch nur geschämt, sonst wäret Ihr mir nachgelaufen wie ein Hund. (W 9/III, S. 158f.)

Es überrascht kaum, daß auch die Aktaionsage von einem Gehorsamskonflikt zwischen Herr und Hund handelt! Aktaion, der zum tüchtigen Jäger erzogene Königsohn, wird von Artemis in einen Hirsch verwandelt und von seinen eigenen Hunden, die ihn nicht mehr erkennen, zerrissen (61). Neben dem Hund hat Artemis auch ein Naheverhältnis zu den Tieren Hirsch und Bär – und findet sich nicht im Namen Pernett klanglich der Bär wieder, möglicherweise mit französichem Diminutivsuffix -ett[e]? (62) Und ahmt nicht der ‘junge’ und zunächst noch ‘nette’ Bär seinen griesgrämigen Vorgesetzten nach, den alten ‘Brummbär’? (63) Und ehelicht nicht – Höhepunkt aller uneingestandenen Männertäume – der ‘entzauberte’ Bär (64), der übrigens nicht nur das Tier der Artemis, sondern auch der Muttergottes ist (65), am Ende des Märchens indirekt sogar zwei Frauen, sowohl Schneeweißchen, in dem man unschwer jenes schöne[], sanfte[] Mädchen, die Tochter eines benachbarten Försters (W 9/III, S. 153f.) erkennen kann, die dann später Pernetts Frau wird, als auch Rosenrot, hinter der sich niemand anderer verbirgt als die dunkelhaarige Maruschka, deren Erscheinungsbild gleichsam in Rotmetaphern gehüllt ist. (66) Zwar muß sich Rosenrot am Ende des Märchens mit einem bis dato unerwähnt gebliebenen Bruder des Prinzen begnügen, der gewissermaßen um der Schicklichkeit willen im letzten Augenblick als Abspaltung des Prinzen in die Handlung eingeführt wird, doch der Spruch des Bären: Schneeweißchen, Rosenrot, | schlägst dir den Freier tot! spricht eher für eine bigamistische Doppelhochzeit, die allerdings so verstanden werden muß, daß rot und weiß in den Ursprungsmärchen Eigenschaften einer einzigen Jungfrau waren (67).


Es erscheint doch seltsam, daß der alte, erzählende Pernett in der Erinnerung an die Brautzeit mit seiner nun langjährigen Ehegefährtin nur sparsame und in ihrer Überschwenglichkeit doch sehr gemäßigte Worte findet, so als ob es sich bei ihr um jenen Typ von Frau handelte, den man im Wienerischen so treffend als ‘fade Nocken’ (68) bezeichnet, während er Maruschka auch nach so vielen, längst verflossenen Jahren mit unverminderter Suggestionskraft schildert, die von der Heftigkeit einstiger Emotionen zeugt. Maruschkas Versuch, den Tierbräutigam durch einen Kuß zu entzaubern (69), scheitert schließlich an Pernetts Widerstand. In seiner Einstellung schwankend zwischen Heiliger und Hure, den beiden äußersten Polen der Weiblichkeit, fällt seine Wahl schließlich auf das reine, angepaßte, aber auch langweiligere Schneeweißchen, indem er das erotisch aufregendere und natürlichere Rosenrot verwirft. Pernett schließt sich somit der im 19. Jahrhundert üblichen Deformation und Kastration des Weiblichen um seine kreatürliche Komponente an. Doch damit verscherzt er zwangsläufig die Erlösung seines eigenen Wesens zu wahrer Menschlichkeit, die neben Liebe und Mitleid auch Toleranz bedeutet, die etwa auch dem weiblichen Menschen volle Würde und Eigenart zuzugestehen vermag, denn:

[e]rwachsen kann man nur werden, wenn diese inneren Widersprüche sich auflösen und es zum Erwachen des reifen Ichs kommt, in welchem Rot und Weiß [also ...] das Chaos ungezügelter Emotionen, das Es, und die weiße Reinheit unseres Gewissens, das Über-Ich [, ...] harmonisch nebeneinander existieren (70).

Freilich verschießt Maruschka Kratochwil keine todbringenden Pfeile, sondern bloß mindestens ebenso treffsichere Liebespfeile in Form ihres Sex-appeals. Hier mischt sich das Artemisbild mit dem der Aphrodite, was jedoch weiter nicht verwundert, wenn man das hohe Alter, die weite Verbreitung und die verschiedenartigen Ausformungen des Artemiskults bedenkt, etwa auch als Vegetations- und Fruchtbarkeitsgöttin. In Kleinasien deckte sich ihr Kult etwa mit dem der ‘Großen Mutter’ Kybele (71), worauf etwa das Büschel roter Mohnblumen (W 9/III, S. 142) in Maruschkas Haar hindeutet. Dem Mohn als Fruchtbarkeitssymbol für Aphrodite und Kybele wurde auch antidämonische Wirkung nachgerühmt (72), die jedoch im Falle Maruschkas offenbar versagt, denn sie ist von Pernett wie von einem Dämon besessen, der sie ins Unglück stürzen wird. Schon im Volksaberglauben wird der Bär sehr ambivalent gesehen, also nicht nur als ein in Tiergestalt verzauberter Mensch, sondern auch als Dämon, Teufel oder gar Buhlteufel der Hexen, bisweilen aber auch als Hexenfeind (73): er paßt somit besonders gut zu Maruschka, die vom Förster zur Katze animalisiert, nichts anderes als die Tierepiphanie einer Hexe darstellt (74).


Auf Maruschkas künftigen Selbstmord deutet in derselben Szene übrigens der morsche Weidenstrunk hin, zu dessen Füßen sich die Mohnbekränzte – in tiefes Sinnen versunken – kauert, fühlt sie sich doch in ihren redlichen Bemühungen in der Landarbeit von Pernett nicht etwa liebevoll beobachtet, gelobt und anerkannt, sondern vernachlässigt und im Stich gelassen. So gleichen ihre schüchtern keimenden Hoffnungen auf Lieben und Geliebt-zu-Werden wohl jenen in der Sonne glänzenden, einzelne[n] junge[n] Triebe[n] (W 9/III, S. 142) des Selbstmörderbaumes, die jedoch fern von der hellen, wärmenden Ausstrahlung des Geliebten bald verdorren werden. Der Legende nach soll sich nämlich Judas auf einem alten, geborstenen Weidenbaum erhängt haben. (75) Maruschkas ferneres Schicksal ist damit gleichsam besiegelt.


Artemis in ihrer Rolle als Göttin der Jugend und Schönheit (76) tritt Pernett etwa bei seiner zweiten Begegnung entgegen, wenn sie als Verkörperung der prangenden Jugendblüte neben dem beschwerlichen und mit einem ungeheuer großen Reisigbündel beschwerten Alter in Gestalt ihrer leiblichen Mutter einhertänzelt, quasi der Frühling in Person neben dem Winter in Gestalt eines alten, Feuerholz schleppenden Weibes.


Von Artemis ging übrigens die Sage, daß sie sich auch in die Gestalt eines Rehs oder Bärs verwandeln könne (77), so daß es weiter nicht verwunderlich erscheint, wenn Pernett Maruschka mit einem Reh (W 9/III, S. 131) verwechselt und sich etwas später, als er für seine Herrschaft die Rehjagd vorbereitet, zufällig an Maruschkas Liebeslager heranpirscht (W 9/III, S. 144), so daß ihm hier – wie übrigens des öfteren – erneut die Rolle des heimlichen Lauschers oder Spions zufällt, worin im Grunde genommen auch die Hauptaufgabe des Jägerdaseins liegt. – An dieser Stelle enden aber auch die Übereinstimmungen mit den antiken Mythen, denn nicht Maruschka-Artemis tötet den Frevler, sondern das Göttliche selbst wird in wunderlicher Umkehr des Mysteriums zum Opfer und in der Rolle des ‘Rehs’ zu Tode gehetzt.


An den – möglicherweise minoischen – Baumkult und das innige Verhältnis der Göttin zu Quellen, Grotten, Flüssen und Sümpfen (78) gemahnt immerhin auch Maruschkas beständige Nähe zum Wasser und zum Wald. Schon die zwei Silberpappeln bei der Villa Kratochwil weisen nicht nur auf die Feuchtigkeit des nahen Flusses hin, sondern sind auch Symbole für die Verleumdungen, denen Maruschka ausgesetzt ist, denn es war Brauch, am 1. Mai oder zu Pfingsten übelbeleumundeten Mädchen Pappelzweige vor Tür und Fenster zu legen (79). Maruschka, im Baumschatten hoher Ulmen badend, die gleichfalls von der Feuchtigkeit des Geländes zeugen, steht, von ihnen überdacht, gleichsam unter dem antidämonischen Schutz, der diesen Bäumen im Volksaberglauben zugesprochen wird (80). Ihr unter Nadelbäumen (W 9/III, S. 144) verborgenes Liebesnest liegt gleichsam im Schutz von Tanne (81) und Fichte (82) mit ihren hexenabwehrenden Kräften, während die feuerbannende Lärche (83) der Gottesmutter geweiht ist.


Als Fackelträgerin Artemis tritt Maruschka schließlich bei ihrer letzten Begegnung mit Pernett auf, als sie zur Mordbrennerin wird. An dieser Stelle zeigen sich besonders deutlich die Parallelen zur Fackelträgerin Hekate, die oft mit Artemis gleichgesetzt wurde. Hekate (84) als Führerin eines nächtlichen, wilden Schwarms, von heulenden Hunden begleitet, galt schon in der Antike als Urheberin allerlei krankhafter Zustände, wie sie etwa Pernett in Form seiner Liebesqualen erleidet. Ihr Beiname ‘Antaia’ – die Begegnerin – könnte tatsächlich auch auf Maruschka zutreffen, die Pernett beständig unter freiem Himmel, vorzugsweise im Wald oder in der Nähe von Gewässer zu begegnen weiß; der Hund als ihr beliebtestes Opfertier verweist – wie schon ausgeführt – auf Maruschkas Naheverhältnis zu Pernetts Jagdhund Stop. Maruschkas im zarten Mädchenalter früh geübte Karriere als Einschleichdiebin zeigt sie wie Hekate als —‘Herrin alles nächtlichen Unwesens’, allerdings übt sie weder Giftmischerei noch Zauberei, wenn man von ihrem ‘vergiftenden’ Venuszauber einmal abzusehen geneigt ist. Doch selbst dann noch, wenn Maruschka ihren kriminellen Umtrieben nachgeht, die im Grunde genommen ein aus Not begangener Mundraub sind, der bei der engherzigen Dorfbevölkerung jedoch auf keinerlei Verständnis stößt, zeigt sie sich letztlich noch als Artemis, die ‘Ernährerin’, indem sie für den Unterhalt ihrer hilflosen und verkommenen Sippe sorgt.


Von großem Interesse ist hier weiters, zieht man Maruschkas mißglückten Versuch zur ‘Lohnsklaverei’, ihre Außenseiterposition und ihren völlig rechtlosen Status ins Kalkül, daß Diana-Artemis als Schutzpatronin des niederen Volkes, der Rechtlosen, Sklaven und Fremden, als ‘Göttin des Draußen’ galt und bei den Zigeunern sogar die Schutzherrin der Mörder und Huren war (85). Und tatsächlich sind die Kratochwils die Erben der Zigeuner, was etwa ihren schlechten Ruf oder die In-Besitz-Nahme der ‘Villa Kratochwil’ betrifft.


Hervorzuheben auch wäre, daß Maruschkas gesamtes Wesen von einer absolut unverbildeten Wahrhaftigkeit geprägt ist, daß sie geradezu ein Exemplum für die Wahrheitsliebe im neutestamentarischen Sinne abgeben könnte, wo es heißt: Vielmehr sei eure Rede:“Ja, ja, nein, nein“ (Mt. 5, 37). Sie erscheint wie eine Inkarnation des griechischen Wahrheitsbegriffes ‘alaetheia’ in ihrem zeit- und geschichtslosen Dasein und Sosein (86). Karlheinz Rossbacher spricht in diesem Zusammenhang von Natürlichkeit, ja Unzivilisiertheit, die aber Saar im Verein mit anderen Charakterzügen (87) angeblich negativ bewerte. Tatsächlich erweist sich Maruschka als unfähig, aus ihrem Herzen eine Mördergrube zu machen, jedes ihrer Gefühle ist an ihrer Mimik, ihren Gesten und ihren Worten abzulesen, es ist kein Schatten von Falschheit und Verstellung an ihr (88). Um die ganze Dimension von Maruschkas Idealität erfassen zu können, muß man sie nur den üblichen Saarschen Gesellschaftsdamen vergleichend gegenüberstellen: den adeligen Ehebrecherinnen, profilierungssüchtigen Gesellschaftsdamen, kleinbürgerlichen Flirterinnen und verlogenen Koketten (89). Maruschka steht somit allerdings im absoluten Gegensatz zu den herrschenden Gesellschaftsnormen der Gründerzeit, in der die sogenannten ‘höheren Werte’, die ‘hehren Ideale’ nur noch Floskeln waren, mit denen man scheinheilig Verlogenheit, Geldgier, Karrieredenken, entwürdigende Abhängigkeiten – kurzum die ganze moralische Ausgehöhltheit der alten Normen nur notdürftig kaschierte, wie Saar übrigens auch im ersten Teil seines Gedichts „Indignatio fecit“ ausführt:

Ja, nie und nimmer hat die Welt am Scheine
So sehr gehangen wie in unsren Zeiten,
Da sie voran mit Wissensfackeln schreiten –
Und fest doch halten an der Blindheit Leine.
Und nie und nimmer ließ sich im Vereine
Die Menschheit so von hohlen Worten leiten,
Noch niemals sah man sie für Hohes streiten
Mit solcher Sorge um das kleinlich Kleine.
Und niemals hat das Falsche und das Schlechte
In Kunst und Leben so viel Macht gewonnen
Und nie, wie heut, verdrängt das Gute, Echte.
Und niemals hat erblickt das Licht der Sonnen
So viele Frevel – als durch all die Rechte,
In die sich jetzt das Unrecht eingesponnen.
(W 3/II, 1, S. 33f.)

Daß ein Wesen voll Natürlichkeit und Reinheit in einer solch’ denaturierten, in Konventionen erstarrten Gesellschaft ein Außenseiter sein muß, ist verständlich. Und es entspricht durchaus Ferdinand von Saars illusionslos-realistischer Grundhaltung, un-beschönigt aufzuzeigen, wie – seiner Meinung nach – die Dinge standen, das heißt: daß das Ursprüngliche und Reine keinen Bestand mehr hat und auch nicht haben kann in einer Gesellschaft des Übergangs und des Werteverfalls. Es ist somit nicht der Autor, der am Ende seiner Erzählung sich seiner Protagonistin zur ‘Wiederherstellung der Ordnung’ gewaltsam entledigt, sondern es ist vielmehr die Gesellschaft selbst, die alles, was sich den Forderungen des Zeitgeistes widersetzt, sich nicht anpaßt, alten Normen verhaftet bleibt und somit nutzlos ist, erbarmungslos vernichtet. Nicht Maruschkas gesellschaftliches Fehlverhalten muß am Ende der Erzählung vom Autor bestraft werden, sondern ihre absolut unverbildete kreatürliche Unangepaßtheit verursacht ihr Scheitern in der Gründerzeitgesellschaft, denn: nicht Maruschka ist moralisch verwerflich, sondern die Gesellschaft, in der sie lebt.


Begreiflicherweise stellt von der Warte des Försters, Pernetts und des Wirtschaftsadjunkten Maruschka einen wandelnden Katalog der sieben Todsünden dar.


Am hartnäckigsten wird sie jedoch der Kardinalsünde der ‘libido’ (Wollust) bezichtigt, die bereits der noch jungfräulichen Maruschka angedichtet wird, wenn der Förster anzüglich prophezeit: Die kann’s noch weit bringen! (W 9/III, S. 129) oder der Wirtschaftsadjunkt darüber sinniert,

was sie denn eigentlich abhalten mag, die Pfade des am nächsten liegenden und dabei bequemsten Lasters zu beschreiten (W 9/III, S. 142f.),

um zu dem Vorurteil zu gelangen, daß es nur die Macht der Trägheit sein könne, wenn sie sich noch nicht im nahegelegenen Brünn in die Fänge einer Kupplerin begeben habe. Und auch Pernett sieht in Maruschkas kindlich rührendem Angebinde in Form eines harmlosen Vergißmeinnichtsträußchens nur die plump aussehende Gabe (W 9/III, S. 131) der sexuell-aggressiven Verführerin, und nicht – in Zeiten der „Gartenlaube“ naheliegend – die ‘blaue Blume’ des Poesiealbums junger, unschuldiger Pensionatsmädchen, denen Maruschka zwar altersmäßig durchaus angehören könnte, von denen sie aber in sozialer Hinsicht aus Mißgunst des Schicksals unüberbrückbare Abgründe trennen. Auch ihr errötendes Augensenken entspricht durchaus dem schämigen Verhalten eines noch unerweckten Mädchens. Pernetts rüde Zurückweisung der kindlichen Liebesgabe legt die Vermutung nahe, er wisse um den heimlichen Liebeszauber dieses unscheinbaren Blaublümeleins Bescheid sowie um die orakelhafte Bedeutung, die das Verwelken des zarten Angebindes für die unglückliche Spenderin haben wird (90).

Er empfindet auch weder Rührung noch Mitleid oder gar zarte Rücksichtnahme angesichts der kindlichen Unbeholfenheit, mit der sich dieses schutzlose Geschöpf mit aller Hingabebereitschaft und ohne Absicherung durch ein Hintertürchen des Wenn und Aber der Koketterie seiner ersten Liebe aussetzt, wenn es naiv gesteht:

Ich habe ja doch Tag für Tag hier auf Euch gewartet. (W 9/III, S. 136)

Was Saar durch Pernetts Worte immer wieder hindurchschimmern läßt, ist das Bild eines völlig vereinsamten, scheuen und verleumdeten jungen Mädchens in seiner ganzen fragilen Gefährdung, mit einem Herzen voll Sehnsucht für das Schöne und Gute und der Hoffnung auf Erlösung durch Liebe. Allein schon auf Pernetts dürftiges Angebot zur Güte, mit dem er sich im Grunde nur auf billige Weise von ihr befreien möchte, ohne dabei seine Maske der Menschenfreundlichkeit allzu sehr zu verlieren, reagiert sie mit einer katharsisartigen tiefen Erschütterung, die an ihren guten Anlagen keinen Zweifel lassen. An der Hand des Geliebten zur Läuterung geführt, wäre Maruschka zu Großtaten der Selbstverleugnung befähigt, abgeschoben und alleine gelassen, verkommt sie.


Weiters wird Maruschka das Laster der ‘luxuria’ (Genußsucht) angelastet. Die Troglodytin als ruhende Diana in bukolischer Hingegebenheit an die Natur erscheint Pernett als Gipfel der Faulheit, doch welch’ anderer Luxus bleibt einer Subproletarierin sonst noch zu genießen als den der unbeschränkten Zeit! Nicht ohne tiefere Absicht verlieh Saar der Hauptperson dieser Erzählung den Familiennamen Kratochwil, was soviel wie ‘Kurzweil’ oder ‘Zeitvertreib’ bedeutet (91). Und so vertrödelt Maruschka anstatt zu arbeiten ihre Zeit mit allerlei Kurzweil und wird letztlich selbst von Pernett, der emotional unausgefüllt, schon seit geraumer Weile den Umgang mit angenehmen Frauenzimmern (W 9/III, S. 121) schwer vermißte, übrigens während seiner Arbeitszeit zum längst entbehrten Zeitvertreib gemacht. – Niemand würde beispielsweise einer in romantische Naturschwärmereien versunkenen Gräfin (92) Faulheit vorwerfen, doch Maruschkas Trägheit wird übel vermerkt, denn die Frauen der unteren Stände sollen als Erntearbeiterinnen oder Rübenhackerinnen durch ihrer Hände Arbeit das sorglose Leben der Gutsherrschaft sichern, die sich zur Jagdsaison mit zahlreichen Gästen einfindet, um ein lustiges Geknalle auf den Stoppelfeldern (W 9/III, S. 144) und in den Wäldern gegen alles, was da kreucht und fleucht, zu erheben.


Am Beispiel von Maruschkas Bruder zeigt Saar übrigens, daß auch Subproletarier innerhalb ihrer enggesteckten Möglichkeiten zu positiven Ergebnissen gelangen können und durchaus nicht zwangsläufig die Arbeitsscheu im Blute (W 9/ III, S. 140) haben müssen. In diesem konkreten Falle decouvriert Saar unmißverständlich das darwinistische Vorurteil des Wirtschaftsadjunkten!


Das Laster der ‘superbia’ (Hochmut) enthüllt sich Pernett etwa bei seiner Begegnung mit Mutter und Tochter Kratochwil, indem sich ihm spontan die Ausdrücke ‘Zuchthaus-’ und ‘Lumpenprinzessin’ auf die Lippen drängen, ohne auch nur einen Augenblick der Überlegung Raum zu geben, ob Maruschkas Diebereien nicht als Mundraub, ihre Zerlumptheit nicht als Folge sozialer Not zu werten seien oder ob nicht eine Art von Arbeitsteilung zwischen zwei Brennholzsammlerinnen vorliege. Um die Hebelwirkung einer Brechstange zum Ausbrechen dürrer Äste optimal zu nützen, bedarf es zweifellos jugendlich kräftiger Arme und eines geraden, festen Rückens, und nicht die schwachen Kräfte einer ausgemergelten, humpelnden alten Säuferin. Und es ist wahrhaftig nicht Maruschkas Schuld, daß sie noch jung und kräftig, und noch nicht – wie die meisten Landarbeiterinnen im Frühkapitalismus – von der harten Fronarbeit zermürbt und verbraucht ist.


Ihre kleinen, aus der Not geborenen Eigentumsdelikte werden ohne Milderungsgründe von der gesamten Dorfbewohnerschaft und auch von den Gutsangestellten als ‘fraus’ (Betrug) verurteilt. Saar selbst dagegen hebt in seinem Gedicht „Beati possidentes“ unmißverständlich die Vorteile des Reichtums im Gegensatz zur Benachteiligung durch die Armut hervor:

Glücklich seid ihr, ihr Reichen,
[...] Frei bewahren könnt ihr euch
Von allem, was den Menschen entweiht.
Denn niemals seid ihr hingestellt
Auf den schmalen Klippenrand der Not.
(W 2/I, 2, S. 78)

‘Ira’ (Zorn) dagegen schlägt Pernett erst in dem Augenblick entgegen, wenn er sie mit seiner verletzenden Härte, seinen Ungerechtigkeiten und haltlosen Verdächtigungen zum Äußersten gereizt hat, während ‘avaritia’ (Habgier) dann vorliegt, wenn sie ihn aus Armut anbettelt.


Von ‘discordia’ im Sinne von Meuterei kann schließlich erst die Rede sein, wenn Maruschka in ihrer hoffnungslosen Verzweiflung gegen alle ihr angetanen Ungerechtigkeiten aufbegehrt und Selbstjustiz übt, indem sie das Gerichtsgebäude, das Haus der mißbrauchten Gerechtigkeit, in Flammen setzen will. Das erinnert wieder an Artemis, die Töterin aller Ungerechtfertigten.


Pernetts Zurückweisung – trotz seiner offensichtlichen Faszination – ist für Maruschka völlig unverständlich und erschüttert den auf Gefallen aufgebauten Urgrund ihres weiblichen Selbstwertgefühls (93). Um Pernett zu treffen, greift sie zu einem verzweifelten Mittel der Selbstverletzung:  sie erniedrigt sich selbst, indem sie ein Liebesverhältnis eingeht, von dem ihr innerstes Wesen gänzlich unberührt bleibt, das sie im Grunde genommen sogar anwidert. So verliert sie ihr natürliches Selbstgefühl, gerät aus dem inneren Gleichgewicht und wird in weiterer Folge – als Opfer einer Kettenreaktion von Fehlentwicklungen – zur Zuchthäuslerin, Brandstifterin und schließlich Selbstmörderin. Durch ihr mißbrauchtes Rachewerkzeug, den tölpelhaften Sohn des reichen, slawisch gesinnten Bürgermeisters, übrigens des ‘Erzfeindes’ des griesgrämigen alten Försters, erfährt aber auch Pernett eine Demütigung seines Stolzes, indem er für die Geheimhaltung des Liebeshandels mit Schweigegeld bestochen werden soll. Eine solch’ ehrenrührige Gleichstellung mit dem bestechlichen Heger, noch dazu einem Subalternen, erfüllt Pernett mit tiefer Empörung – eine vergleichsweise sanfte Strafe für die Erniedrigungen, die Maruschka durch ihn erdulden mußte.


Maruschkas Bruder, mit dem tadellose[n] Körperbau [eines] kräftige[n], von Gesundheit strotzende[n] Jungen, [... seinem] bei aller Roheit nicht unschön[en Gesicht,] dem bei aller Frechheit etwas Gutmütiges und Drolliges (W 9/III, S. 127) anhaftet, gemahnt von seiner athletischen Erscheinung her stark an Hermes, der laut griechischer Mythologie der Halbbruder von Artemis, der Schutzpatron der sportlichen Jugend ist, der sich außerdem durch besondere Schlauheit auszeichnet. Diese füchsische (94) Eigenschaft wird noch durch seine lebhaften, olivgrünen Augen [und] eine[] dichte[] Fülle kupferfarbener Haare [...], die senkrecht über seiner Stirn emporstanden (W 9/III, S. 127) bildhaft unterstrichen. Die Verstümmelung seiner rechten Hand, die er sich aus Arbeitsscheu mit einer Sichel zugefügt haben soll – der Verlust einzelner Finger oder der ganzen rechten Hand galt als Strafe für Jagdfrevel, Beutelschneiderei und kleineren Diebstahl (95) – ist ein deutlicher Hinweis auf den ‘Gott des glücklichen Fundes’, sprich Diebstahls und Raubs, und tatsächlich begleitete er schon im zarten Knabenalter seine Schwester bei ihren Einschleichdiebstählen und lebt von Mundraub, kleineren Felddiebstählen und Betteleien, ohne sich jemals auf frischer Tat ertappen zu lassen. Wie Artemis unterhält übrigens auch Hermes zum Dienerwesen enge Beziehungen, zumal er selbst als Götterbote den Göttern zu Diensten ist (96), und so sehen wir schließlich den jungen Kratochwil – auch er übrigens ein sich bewährendes Gemeindekind – in treuen Diensten seiner Heimatgemeinde stehen, allerdings in der rangniedrigsten Position der dörflichen Hierarchie. Denn wie der Weide- und Hirtengott Hermes fungiert der junge Kratochwil zuletzt sogar als ‘guter Hirte’ seiner ihm von der Gemeinde anvertrauten Gänseherde, die er mit einer langen, lustig geschwungenen Peitsche (W 9/III, S. 153) regiert, die an den Zauberstab des Hermes gemahnt, dessen Berührung Segen und Reichtum bringt (97). So führt Saar in einem ironischen Schlußtableau ausgerechnet den schlauen Fuchs als geläuterten Gänsehirt der Gründerzeitgesellschaft vor Augen. Aus dem Gott der Kaufleute und Diebe wird der kapitalistische Bankier, der mit der einen Hand das Eigentum seiner Einleger vermehrt, um mit der anderen Hand besser in die eigene Tasche arbeiten zu können!


Die ‘Erfolgsgeschichte’ der Kratochwils hat aber noch einen zweiten Aus- und Aufsteiger vorzuweisen, nämlich Maruschkas älteren Bruder, ein[en] blutleere[n], lendenlahme[n] Gesell[en] (W 9/III, S. 125), hinter dem sich im weitesten Sinne vielleicht Apollon, der Zwillingsbruder der Artemis, verbirgt. Als Gott der sittlichen Ordnung ist er mit einem gewissen Mißgeschick ‘in eroticis’ behaftet, das ihn im Vergleich zur Vitalität der übrigen Olympier tatsächlich etwas blutleer und lendenlahm erscheinen läßt (98). Apollon, Schirmherr der Straßen und gebahnten Wege (99), wurde als Gott des Lichtes auch mit Helios auf dem Sonnenwagen gleichgesetzt (100). Als Familienmitglied der Kratochwils mutiert er zum schlichten Fuhrknecht eines heruntergekommenen Fuhrunternehmens, womit er sich allerdings beizeiten aus dem gesetzlosen Zustand seiner Sippe lösen kann und soetwas Ähnliches wie einen – allerdings übel beleumundeten – bürgerlichen Beruf ergreift, worin sich in vagen Ansätzen die staatserhaltende und gesetzgebende Kraft des antiken Gottes spiegeln mag (101). Die besondere Vorliebe der Fuhrleute für kräftige Flüche, mit denen man die Hilfe des Teufels beschwor, erklärt des weiteren auch die volkstümlichen Vorstellungen vom ‘wilden’ oder ‘ewigen Fuhrmann’, der niemand anderer als der Höllenfürst selbst war (102). Eine sprachlich naheliegende Parallele zum Rosse- oder Wagenlenker ist der Staatenlenker: So führte beispielsweise Kanzler Metternich den Beinamen ‘Kutscher Europas’. Die Vorstellung, Apollon, den olympischen Staatsbegründer und -erhalter, als Knechtlein auf der Deichsel einer heruntergekommenen, von ein paar abgetriebenen Mähren (W 9,III, S. 125) mühsam gezogenen Staatskarosse hockend, die von niemand anderem als dem Teufel in Person gelenkt wird, hat etwas ungemein Verächtliches an sich. Zumal schließlich denjenigen, die sich geschmeidig mit den herrschenden Gegebenheiten arrangieren können, Zutritt zur Gesellschaft, wenn auch nur in untergeordneter Stellung, gewährt wird, während die anderen wegen ihrer Charakterfestigkeit (Wahrhaftigkeit) oder Konsequenz (Trunksucht) gesellschaftliche Außenseiter bleiben oder werden und daran zerbrechen.


Die Perversion des Dionysosmythos zeigt sich am Vater der Familie, dem alten Kratochwil, der sich letztlich am Branntwein zu Tode säuft. Bei ihrer letzten Begegnung mit Pernett tritt übrigens Maruschka ganz in die Fußstapfen ihres Erzeugers und umtantzt den Geliebten wie eine branntweintrunkene Mänade [...] mit plumpen, häßlichen Sprüngen. (W 9/III, S. 158) Die Mänaden oder Bacchantinnen fallen, von ihrem Gott erfüllt in ‘Ekstasis’, also aus ihrer alltäglichen Lebens- und Wesensart heraus, schwärmen – in Rehfelle gehüllt – über die Berge und durch die Wälder und zerfleischen im orgiastischen Taumel all jene, die sich ihnen entgegenstellen. Die gewalttätige, würgende Umklammerung und der Kuß der Trunkenen, Wahnwitzigen (W 9/III, S. 159), auch das Verbeißen, das hier jedoch stellvertretend durch Stop erfolgt, sind überdeutliche Hinweise auf dieses Ritual.


Für den Betrunkenen ist das Phänomen der Zeit rein subjektiv empfunden aufgehoben, und so ist es nicht verwunderlich, daß ein Zeitalter, das die exakte Messung der Zeit zu seinem Gott erhebt, all jene, die sich diesem neuen Gott nicht unterwerfen, als unbrauchbar aus sich ausstößt, wie es Maruschka und dem alten Kratochwil geschieht. Aber auch der Selbsterhaltungstrieb, der sich in der Vorsicht zeigt, wird durch die Trunkenheit außer Kraft gesetzt: die fest umgrenzten Konturen der Dinge lösen sich auf und Dionysos stößt die Pforten des Totenreiches auf. Aber auch die drei Zeussprösslinge stehen in enger Beziehung zur Unterwelt: Apollon und Artemis töten mit schnellem Pfeil, Hermes führt als Seelenbegleiter die Toten durch die eherne Pforte des Tartaros . In zerklüfteten Gebirgsgegenden führen aber noch zahllose weitere Pfade und Wege durch verschiedene Erdspalten und Risse in die Tiefe, in das Reich des Tartaros (103), und hier wird schließlich auch Maruschkas verwester Leichnam aufgefunden: im Wald, in einem schmalen und tiefen Wasserriß, übrigens eine typische Formation der Grauwackenzone mit ihren unterirdischen Bachläufen, kleinen Teichen und zerklüftet steilen Bergadern (104), wie sie die Gegend um Blansko aufweist. Nach antiker Vorstellung konnten die Verstorbenen jedoch nur dann über den Styx gelangen, wenn sie geziemend beigesetzt worden waren, und nicht – wie Maruschka – sich gleichsam in der Natur auflösten. Der Beherrscher der Unterwelt ist Hades, der später mit Pluton, dem unterirdisch lebenden Gott des Reichtums, gleichgesetzt wurde (105), den man sich in Form von keimendem Saatgut, reichen Metalladern oder verborgenen Schätzen unter der Erde vorstellte. Und leben nicht die Kratochwils in einer halb unterirdischen Erdhöhle, weswegen sie mit dem Spitznamen ‘Troglodyten’, also Höhlenbewohner, bezeichnet werden? Und haben sie hier, in eine[r] unterirdische[n] Vorratskammer [...], in der sie erbeutete Lebensmittel verwahr[]en (W 9/III, S. 125), nicht ihren gesamten ‘Reichtum’ angehäuft? Die Troglodyten in ihrer Erdbehausung stellen gewissermaßen einen Rückfall in die Frühgeschichte der Menschheit dar: Als rechte Naturgeschöpfe sind sie beständig im Freien unterwegs. Ihre Unbehaustheit verbindet sie übrigens mit den antiken Gottheiten. Sie leben vorwiegend als Jäger, Sammler und Hirten und treiben nur eine primitive Art des Ackerbaus und der Vorratswirtschaft. Sie sind wie ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten, als die Natur noch allen gehörte und daher im Sinne des Naturrechts auch von allen genutzt werden durfte. Nun jedoch, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sind sie urtümliche Relikte in einer Zeit der Zweckmäßigkeit, in der der Mensch nur dann Anerkennung findet, wenn er als Arbeitskraft für die Produktion benutzbar ist. Jeder Flecken des Landes, das nur einigen wenigen Großgrundbesitzern gehört, die sich selten zeigen, ist nun nicht mehr frei zugängliche Wildnis, sondern wird der intensiven landwirtschaftlichen, industriellen oder forstwirtschaftlichen Nutzung gewidmet, ein Gedanke, der auch im Gedicht „Die Erdbeere“ anklingt:

So wird zur Menschenhabe
Und dient dem Wucher nur
Selbst deine frei’ste Gabe,
O liebende Natur!
(W 2/I, 1, S. 37)

Es läßt sich nicht verbergen, daß Saar auf die antike Vorstellung von der Verschlechterung der Weltalter zurückgreift. Seine Figuren sind Zerrbilder ursprünglich göttlich überhöhter Figuren und Eigenschaften, die dem Goldenen Zeitalter unter der Herrschaft des Kronos entstammen, das weder Schuld noch Sorgen kennt und in dem sie friedlich von dem lebten, was die Erde freiwillig spendete.


Nun aber, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, im jetzt lebenden eisernen Geschlecht, in dem Aufrüstung und Industrie forciert vorangetrieben werden und das in Rechtlosigkeit enden wird, sobald ‘Aidos’, das Schamgefühl, und ‘Nemesis’, die Gerechtigkeit (106), verschwinden, muß sich selbst ein Gott wie Dionysos unter das Joch der Lohnarbeit beugen und geht würdelos im Suff zugrunde und auch die Naturverbundenheit und Reinheit einer Artemis-Aphrodite wird von den Kleingeistern in den Schmutz gezogen, von einer Gesellschaft ohne Rücksicht und Achtung als schamlos verunglimpft und in den Tretmühlen von Korrektionsanstalt und Arbeitshaus zerbrochen, denn – so dichtet Saar in seinem Gedicht Die Post = Elevin:

In dieser harten Tage Lauf
Gilt Nutzen nur und Nützen.
(W 2/I, 3, S. 142)

Um die geschändete Gerechtigkeit wieder herzustellen, will die Troglodytin letztlich das Gerichtsgebäude in Brand setzen, doch der Anschlag auf dieses Symbol des Rechtsmißbrauchs mißlingt und auch die verhetzte Dorfgemeinschaft bleibt durch Zufall vor ihrer Racheaktion verschont, denn auch Nemesis vermag ihre Funktion als Göttin der Gerechtigkeit und Rache nicht mehr auszuüben. Einzig das Haus des Bürgermeisters, der für Nationalismus, Parteienwesen und politische Machtausübung steht, geht in Flammen auf. Aber so droht letztlich auch schon in der antiken Mythologie der Feuerstrom des Tartaros allen Frevlern als Bestrafung. Saars düstere Ahnungen über den in naher Zukunft bevorstehenden Zusammenbruch seiner Welt finden sich in seinem hellseherischen Gedicht Umsonst. (In zwölfter Stunde.) preisgegeben, wenn es heißt:

Hart und verstockt ist immer die Menschheit noch,
Ob sie mit hohlen Phrasen sich selbst belügt;
Sie überhört des Rechtes Mahnwort
Und der Entrüstung erhobne Stimme.

Wie einst verhallt noch in dem Gebraus des Siegs
Der schwachen Angstruf; lächelnd erhobnen Haupts
Hinschreiten sie, die Weltbeherrscher –
Ob nun gekrönte, ob ungekrönte.

Wer irgend Macht hat, braucht und mißbraucht sie noch,
Ob auch mit blut’ger Faust schon der nackte Mord
Lautlos emportaucht – und als letzter
Drohender Aufschrei die Bombe donnert!
(W 3/II, S. 65)

So eröffnet uns Saar einen zutiefst pessimistischen Blick in einen entgötterten Olymp, in dem die Götter, die für die ursprünglichen Bedingungen und Bedürfnisse des Menschen stehen, herabgewürdigt, herabgesunken und ihrer Rechte beraubt, am Endpunkt ihres Zeitalters angelangt sind, und es keine Hoffnung mehr gibt auf ein Heraufdämmern einer neuen Moral. Von wehmütiger Klage und Absage an eine nicht mehr lebenswerte Welt erfüllt ist auch das Gedicht Taedium vitae, wenn es heißt:

Und dann des Tags Geleise,
Das ew’ge Einerlei –
Die Erde samt dem Himmel
Ein ausgeblas’nes Ei.
Und rings die Ideale
Wie Disteln abgeköpft,
Und jede Kraft verdrossen,
Und jeder Wunsch erschöpft.
(W 2/I, 3, S. 114)

An dieser Stelle erhebt sich mit Recht die Frage nach dem Wert und der Funktion einer solchen mythifizierenden Verschlüsselung, denn daß Saar, allein schon auf Grund seiner humanistischen Bildung und im regen Kontakt mit dem Altphilologen Theodor Gomperz stehend, der ja niemand anderer war als der Bruder seiner Gönnerin Josephine von Wertheimstein (107), mit den antiken Mythologien bestens vertraut war, darf als gesichert gelten. Außerdem bestätigte er in einem Brief an Abraham Altmann ausdrücklich dessen Interpretationsversuch der Erzählung Der Brauer von Habrovan als ein Stück mythologischer Symbolik, wie sie mancher Moderne liebt (108). Befand sich also Saar im Konsens mit seiner Gesellschaft, besonders seiner adeligen Gönnerinnen, so wäre dieser reiche Ornat humanistischer Gelehrsamkeit als bloße historisierende Dekoration, als sinnentleerte Hülse zu werten. Erst wenn Saar von Grund auf im tiefen Widerspruch zu seiner ihn dominierenden historischen Situation stand, so daß er seine Meinung auf kunstvoll hintergründige Weise verschleiern mußte, ergeben diese antikisierenden Fassaden erst tieferen Sinn. Und in ähnlicher Weise wurden bereits beziehungsweise müßten noch Saars weitere Werke betrachtet werden.


So ist etwa die Novelle Herr Fridolin und sein Glück in mancherlei Hinsicht mit der Erzählung Die Troglodytin vergleichbar, denn auch sie spielt in Mähren, allerdings sind die zeitlichen Umstände anders gelagert, wie aus Lydia Beate Kaisers kritischen Deutungen hervorgeht (109). Hier befindet sich der Tscheche Bedrich Kohut in einer ähnlichen Ausgangssituation wie Pernetts griesgrämiger Vorgesetzter mit seiner untertänigen Anpassung an die Konventionen der herrschenden Schicht. Wie der alte Pernett berichtet auch der alte Fridolin über einen schmerzhaften Anpassungsprozeß in Form einer Jugendgeschichte, und wie dieser wird er für seine erfolgreiche Anpassung, für seine absolute Selbstaufgabe in Diensten seines Grafen, mit sozialem Aufstieg belohnt. Walter Feiner vertritt die Meinung, daß Fridolins Glück darin bestünde, daß Milada ihn fallenläßt (110). Das ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Bei genauerem Zusehen drängt sich nämlich eher der Eindruck auf, daß das Wörtchen ‘Glück’ in diesem Zusammenhang ironische Bedeutung haben muß und sich auf Fridolins erreichten Endzustand bezieht. Denn sein Glück ist nur ein scheinbares: der Verzicht auf Würde und Selbstbestimmung bedeutet immer auch Selbstverlust und psychische Deformation, die hier scheinbar kauzig-idyllisch in der Drosselung seines Biergenusses durch seine Eheliebste gipfelt. Seine Aufstiegschancen sind zunächst an die Verleugnung seiner Muttersprache gebunden, erst durch das Erlernen der deutschen Sprache kommt er für eine weitere Karriere in Betracht. (W 10/IV, S. 12, 16) (111) In weiterer Folge beraubt ihn seine Grundherrschaft seines tschechischen Namens und verleiht ihm den verharmlosenden eingedeutschten Diminutivnamen Fridolin, worin sich letztlich eine Entwürdigung seiner Rolle als Mann und als Tscheche sowie seine Reduzierung auf den Dienerstand manifestiert. Am meisten entwürdigend aber ist, daß Fridolin den Launen seiner Herrschaft im Guten wie im Bösen ausgeliefert ist und bleibt. Die Respektlosigkeit und Grobheit, mit der Fridolin von den jungen Herrschaften schikaniert wird, gehen an die äußerste Grenze des Erträglichen und sind Zeichen einer tiefen menschlichen Verantwortungslosigkeit einem sozial Tiefergestellten gegenüber. Es handelt sich dabei um die klare Sprache der Unterdrückung. Weniger eindeutig sind dagegen die sogenannten ‘Wohltaten’ seiner Grundherrschaft als das erkennbar, was sie im Grunde genommen sind: selbstherrliche Eingriffe an sensibelster Stelle, nämlich im menschlichen Bereich, für die der Abhängige neben seiner Loyalität auch noch Dankbarkeit bekunden muß – eine Situation, die Saar als Wohltatenempfänger seiner Gönnerinnen mehr als vertraut gewesen sein muß! Auf Wunsch der Gräfin-Mutter verzichtet Fridolin auf seine innersten Bedürfnisse und Gefühle und heiratet die zunächst ungeliebte Katinka, die ihn nun sein weiteres wohlverdientes kleinbürgerliches Dasein hindurch in seinen leiblichen Gelüsten zum Verzicht zwingt, indem sie seinen Konsum am heißgeliebten tschechischen Nationalgetränk, am Pilsener, maßvoll kontingentiert. Bereits Gerlinde Steiner findet Fridolins Zurückhaltung und Mannhaftigkeit, Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung fraglich (112). Was die beiden ‘Musterknaben’ und Aufsteiger Pernett und Kohut unterscheidet, ist die Darstellung ihrer Würde. Während der Erzähler das Bild des scheinbar so drolligen Tschechen Kohut eher mit leicht ironischer Distanz malt, dem freilich ein gerütteltes Maß an Anteilnahme und Sympathie beigemengt ist, wird der Österreicher Pernett nur indirekt, durch die distanzlose und selbstgerechte Art seines Erzählens charakterisiert.


Das genaue Gegenteil zu Herrn Fridolin Kohut ist dagegen Herr Worel in der Erzählung Die Familie Worel, auch er ein scheinbar vollkommener dienstbarer Geist, der wie Fridolin kraft seiner treuen Dienste in ähnlich ‘angenehme’ Verhältnisse aufsteigt. Doch während Herr Fridolin sich mit seinem Glück zufriedengibt, entdeckt Worel seine Begabung und Neigung zum Kunsthandwerk, indem er sich auf eigene Faust fortbildet und nun nach Anerkennung in seiner ‘Kunst’ verlangt. Der Graf, der ältere Bruder des Binnenerzählers, ist jedoch – selbstisch und patriarchisch wie alle Feudalherren (113) – nicht an einer Weiterbildung seines Bediensteten, an dessen freier Berufswahl oder gar inneren Befriedigung durch Arbeit interessiert, sondern einzig und allein an einem klaglos funktionierenden, vielseitig einsetzbaren Zimmerwärter. Er versucht daher, Worel weiterhin in abhängiger Stellung zu halten. Worels Abnabelungsprozeß aus der grundherrlichen Abhängigkeit und sein Kampf um soziale Selbstbestimmung, der hier bereits gekoppelt ist mit dem Kampf um die nationale Selbstbestimmung der Tschechen (114), führt, als ein Beispiel des soziologischen Determinismus (115), die gesamte Familie ins soziale Elend. Aber parallel dazu verläuft auch der ‘Karriereknick’ des Suberzählers Graf Erwin als gescheiterter Offizier, erfolgloser Diplomat, gehörnter Liebhaber und – wie aus der Skizze Dissonanzen hervorgeht – in Diensten des unglücklichen Kaisers Maximilian von Mexiko, ein Abenteuer, das gleichfalls in der Katastrophe endet: er findet schließlich als etwas schrulliger adeliger Schürzenjäger im Schloß seines Bruders Unterschlupf.


Mit der Erkenntnis des sozialen und nationalen Eigenwertes  hat auch Olga Worels plötzliche Sprödigkeit dem jungen Grafen Erwin gegenüber zu tun. Die verschämte Offenbarung ihrer zärtlichen Gefühle vermochten den jungen Grafen freilich nicht lange in Bann zu halten, erst nach einer enttäuschenden Liaison mit einer mannstollen Diplomatengattin erscheint ihm Olga in einem Anfall von romantischer Verstiegenheit geeignet, als ‘Rettungsanker’ beziehungsweise ‘Notnagel’ zu dienen. Während er also Olga in seiner Phantasie zur idealen Partnerin für eine ländliche Idylle emporsteigert, hat Olga unterdessen gelernt, den launischen jungen Herrn und die Welt realistischer einzuschätzen. Ihre illusionslose Meinung über ihre tatsächlichen Chancen bei einem so ungleichen Liebeshandel, die sie in tschechischer Sprache einer Freundin gegenüber vertritt, ernüchtert den lauschenden Schwärmer, ja verletzt empfindlich sein adeliges Feingefühl.


Graf Erwins Einstellung zu jener ihm gesellschaftlich gleichgestellten römischen Komtessa, Gattin eines deutschen Diplomaten in Madrid, ist dagegen ganz anderer Art. Auf Grund ihrer Flatterhaftigkeit verzehrt sich Graf Erwin so sehr vor Eifersucht, daß in ihm der heroische Entschluß reift, seinen Rückzug aus der schnöden Welt an den Busen der Natur zusammen mit Olga Worel, dem Mädchen aus einfachem Hause, anzutreten. Selbst in seiner Erinnerung erscheint dem Grafen der herbe Realismus Olgas in Anbetracht seiner geplanten heroischen ‘Selbstaufopferung’ an eine sozial Unebenbürtige als abstoßend, während er die kokette Salondame mit ihrem ungezügelten Appetit nach sexueller Abwechslung delikat und ihre Fehltritte verzeihlich findet. Auch hier wird wie in der TroglodytinN der Standpunkt des subjektiven Binnenerzählers, also des Grafen, kommentarlos wiedergegeben und somit indirekt der Beurteilung durch den Leser preisgegeben.


Daraus wird ersichtlich, daß die Art des Umganges zwischen Dorfbevölkerung und Schloßbewohnern hauptsächlich von den herrschenden Dienstverhältnissen geprägt ist (worüber in einer Fortsetzung dieser Ausführungen noch die Rede sein muß) und daß die politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Vorrangstellung den europäischen Erbadel über alle nationalen Schranken hinweghebt, während die Kluft zwischen Erb- und Verdienstadel nach wie vor bestehenbleibt, wie auch die Novelle Schloß Kostenitz belegt.


Schloß Kostenitz ist Schauplatz von Auseinandersetzungen in gehobenerer Gesellschaft. Während die Manieren des liberalen Freiherrn Alfred von Güntersheim und seiner konservativen Gemahlin Klothilde, beide aus Wien, durch feine Bildung und edle Zurückhaltung gekennzeichnet sind, ist im taktlosen und unzivilisierten Auftreten des aus altem böhmischen Adel stammenden Rittmeisters Graf Poiga-Reuhoff

[...] die Gewalttätigkeit der politischen Reaktion nach 1848 nicht nur als politische[r], sondern auch als zivilisatorischer Rückfall gestaltet (116).


Seine herablassenden und unsensibel reaktionären Bemerkungen, daß es

[...] der Welt gar nicht schaden [könne], wenn sie nach all dem tollen Freiheitsschwindel wieder einmal tüchtig die Knute zu spüren bekomm[e] (W 8/II, S. 303),

demonstrieren die rücksichtslos-brutale Ein-stellung eines Mannes, der eben im Begriffe steht, mit seinen Dragonern nach Ungarn zu marschieren, um sich dort der ‘Hyäne von Brescia’, dem späteren ‘Ungarnschlächter’, dem Freiherrn Julius Jakob von Haynau, anzuschließen (117). Für Klothilde Güntersheim erfolgt der Marschbefehl leider zu spät! Ihre seelische Erschütterung, ausgelöst durch die sexuelle Belästigung des Grafen, verursacht letztlich ihren Tod. Denn der hochgestellte Schwerenöter nähert sich – ganz in adeliger Herrenreitermanier – als selbstbewußter Eroberer der schönen Gattin seines Gastgebers, ohne im mindesten Rücksicht auf das verletzliche, von Selbstvorwürfen und Skrupeln beengte Seelenkostüm der zarten Dame zu nehmen. Obwohl Güntersheim der sich in Selbstvorwürfen aufzehrenden Klothilde den ohnehin nur gedanklichen Fehltritt verzeiht und sich für ihren inneren Frieden zutiefst vor dem Grafen demütigt, ist ihre Widerstandskraft so sehr zerrüttet, daß sie an einem schweren Fieberanfall stirbt. Mit durchaus vergleichbarer Grobheit mißhandelt übrigens auch Pernett die Troglodytin oder der junge Graf Herrn Fridolin.


Die Technik des verborgenen Erzählers bietet hier übrigens die Möglichkeit, aufgrund von Handlung und Figurenrede Sympathien und Antipathien eindeutig zuzuweisen.


Völlig anders geartet und im Grunde genommen nicht in diesen Zusammenhang zu stellen ist die Erzählung Doktor Trojan, in der ein Nicht-Slawe Hauptperson der Handlung ist. Denn die Geschichte des ‘deutsch’-österreichischen Kräuterarztes Doktor Trojan handelt von der Ein- beziehungsweise Ausgliederung eines sogenannten ‘Deutschen’ in einen – beziehungsweise aus einem – mährischen Dorfverband. Die Suberzähler, der Krämer Nezbada, der Chefarzt und Naturwissenschaftler Dr. Wanka sowie der Werkarzt Dr. Hulesch, schätzen Trojan auf Grund seiner großen ganzheitsmedizinischen Erfahrung. Bei den mittellosen Dorfbewohnern zählt mehr die Selbstlosigkeit seiner ärztlichen Hilfe und Kostengünstigkeit seiner Kräutermixturen.


Die tiefe Liebe des Kräuterdoktors zur unglücklichen jungen Mutter des schönen Knaben Honzicek wird allmählich von einer immer trister werdenden wirtschaftlichen Misere überschattet. Denn Trojan ist ein Mensch, der sich den herrschenden Normen aus verschiedenerlei Gründen versagt. Während das alte System des Feudalismus offensichtlich noch eine Nische für ‘Käuze’ (schrullige Außenseiter, sprich: kompromißlos edle Menschen oder auch Autodidakten wie Herr Worel) offenhielt, gibt es in der neuen Gesellschaft keinen Platz mehr für sie. Der wirtschaftliche Aufschwung der Region führt zu einem Rivalitätsverhältnis zwischen Trojan und dem neu angesiedelten Arzt Dr. Srp, der neu eröffneten Apotheke und dem neuen Kaufmann Brazda, alle Vertreter einer profitorientierten Zeit und des erwachenden tschechischen Nationalismus (118). Das gerichtliche Vorgehen des rach- und geltungssüchtigen Dr. Srp zerstört schließlich den Ruf des eigensinnigen medizinischen Autodidakten und drängt ihn ins soziale Abseits (119).


Die menschlich geglückte Beziehung gegenseitigen Vertrauens zwischen Trojan und seiner Geliebten findet durch einen selbstverschuldeten Behandlungsfehler, verursacht durch seine Starrköpfigkeit, ihr Ende. Die Frau stirbt, Trojan begeht Selbstmord.


Und wie in Doktor Trojan macht Saar auch in etlichen anderen Erzählungen Mähren zum Handlungsschauplatz, wobei es dabei natürlich auch immer wieder zu mehr oder weniger ausgeprägten interkulturellen Begegnungen kommen kann.


In Böhmen dagegen spielt beispielsweise Saars früheste Novelle Innocens, die von der Überwindung einer anfänglichen Abneigung gegen den in der Landessprache predigenden Priester, über Respekt und Anerkennung bis hin zur idealisierten Seelenfreundschaft berichtet.


Das Zusammenhausen des Korneuburgers Stäudl, eines herrschaftlichen Obergärtners, und der Thomasin, einer Böhmin, in Die Heirat des Herrn Stäudl ist vom Standpunkt der Wirtschaftlichkeit und häuslichen Behaglichkeit aus betrachtet durchaus positiv. Das Manko aber liegt in Stäudls menschlicher Unzulänglichkeit, seinem Obrigkeitsdünkel, seiner Untertanenmentalität, in seiner Unfähigkeit, seine aufgestauten Gefühle auszudrücken, und auch in seiner heimlichen Verachtung für die als nicht ebenbürtig empfundene Frau (120). Ihren freundlichen Gruß interpretiert Stäudl als unterwürfig (W 11/V, S 139), ihre Kontaktfreudigkeit erscheint ihm aufdringlich, ihr gewisse[s] Lächeln, mit seinem ganz eigenen Zug um den Mund (W 11/V, S. 139) verführerisch. Es ist ein Kunstgriff von außerordentlicher Raffinesse, gerade die erotische Ausstrahlung einer Thomasin durch einen Erzähler wie den staubtrockenen und latent aggressiven Stäudl zu thematisieren. Gerlinde Steiner beurteilt Stäudl als schizothymen Typ:

Sein Selbstbewußtsein ist ein gesundes. Und dennoch ist er im Inneren überaus empfindlich (121),

Robert Müller dagegen klassifiziert ihn als einen ‘Haltlosen’ (122), was jedoch nur einzelne Ausschnitte seines Wesens näher beleuchtet. Denn gerade seine übertriebene Zurschaustellung von Härte und scheinbarer Robustheit und seine beinahe klaustrophobische Feindeinstellung allem und jedem gegenüber zeichnen ihn als ein nahezu klassisches Beispiel eines ‘autoritären Charakters’ aus.


Ein Beispiel ganz anderer Art ist dagegen die sogenannte ‘Arbeiternovelle’ Die Steinklopfer. Sie zählt nicht zu den ‘Dorf-’ und ‘Schloßgeschichten’ und handelt vom Eisenbahnbau über den Semmering (123). Die beiden Steinklopfer, Tertschka, eine Südböhmin, und Georg Huber, ein ausgemusterter österreichischer Soldat (124), beide Entrechtete und Geknechtete der Gesellschaft, finden trotz aller äußeren Widerstände zueinander, indem sie die Ketten ihrer geistigen Knechtschaft sprengen. Georg verweigert durch Überwindung der ihm eingedrillten Subordination den Gehorsam und tötet in Notwehr den brutalen Aufseher, Tertschka bricht ihr schicksalergebenes Schweigen und ergreift beim zuständigen Militärgericht für Georg das Wort. Selbst die seelische Verhärtung des Obersten des Militärgerichts weicht angesichts der schlichten Beherztheit Terschkas und der treuen Liebe dieses einfachen Menschenpaares einer weicheren menschlichen Empfindung. Das in der wissenschaftlichen Literatur vielfach mit Ratlosigkeit betrachtete Happy-End dieser Erzählung (es handelt sich dabei um Saars einzige Erzählung mit positivem Ausgang) kann daher als Belohnung für zwei Kraftakte der Selbstüberwindung trotz aller Determiniertheit gewertet werden – was in diesem Falle doch vielleicht auch als ein leiser Hang zur Didaktik bei Saar zu verstehen ist. Das rudimentär anwesende vermittelnde Ich des auktorialen Erzählers mit seiner kommentarlosen, aber doch anteilnehmenden Sichannäherung an die bedrängte Lage dieser Parias der Gesellschaft (W 7/I, S. 114) zielt indirekt auf die Erregung von Mitleid beim Rezipienten ab (125).


Nur kurze, aber durchaus vielsagende Erwähnung findet übrigens in der Erzählung Außer Dienst ein Südslawe, und zwar als Angehöriger der österreichischen Nationalitäten: es handelt sich dabei um den ehemaligen Vorgesetzten des Suberzählers, der sich unter dem Hauptmann Wucic, dem rohen Kroaten (W 11/V, S. 122), fünf Jahre lang als Kadett hatte schinden lassen müssen. Seit mit Hilfe der kaisertreuen kroatischen Truppen unter der Führung des kroatischen Nationalisten Josef Jelac<v>ic<´> sowohl der Ungarnaufstand als auch die Märzrevolution in Wien blutig niedergeschlagen werden konnten, schätzte man nämlich die Kroaten für besonders hart und kriegerisch ein. Darauf deutet übrigens auch der Name Wucic hin, der soviel wie Wolf bedeutet.

 

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Zusammenfassend ergibt sich folgendes Bild, das im Detail sicherlich noch der einen oder anderen Erweiterung und Vertiefung bedarf:


Ferdinand von Saars Vorurteile ausländischen Slawen gegenüber, daß Russen verdächtige Abenteurer und Polen schlampig und betrügerisch sind, waren nationale Stereotypen, die zu Saars Zeiten durchaus nicht neu waren. Mit ihrer Hilfe zeigt der Dichter letztlich nur das auf, was in den Köpfen der Leute ohnedies bereits vorhanden war. Und dennoch konnte er nicht umhin, sich dieser Stereotypen zu bedienen – doch zu welchem Zweck?


Ferdinand von Saar war alles andere als ein Nationalist, vielmehr lehnte er jeglichen Nationalismus – welcher Couleur auch immer – aus innerster Überzeugung ab, weil er klar erkannt hatte, daß der Nationalismus der allererste Anstoß sein würde, um diesen Vielvölkerstaat Österreich zum Einsturz zu bringen. Diesen Vielvölkerstaat, den er in schmerzlichem Patriotismus liebte, dessen politische Fehlentwicklung er hilflos und sehenden Auges mitverfolgen mußte und dessen Zusammenbruch in einem Chaos von Blut und Tränen er befürchtete und erahnte.


Die von Saar geschilderten Vorurteile gelten daher nicht den Russen oder den Polen als Menschen und zufälligen Angehörigen einer bestimmten Nation, sie sind also nicht Zeichen des Ausländerhasses, sondern Chiffren für die Politik Rußlands oder die Politik der Polen, und zwar immer dann, wenn die Politik dieser Länder beziehungsweise dieser ethnischen Gruppen in Saars Augen dem Fortbestand Österreichs Schaden zufügte.


Ähnlich verhält es sich auch mit den Slawen als Nationalitäten der Donaumonarchie. Als Menschen, denen man ihre Grundrechte verweigert, gehört ihnen Saars ungeteilte Sympathie. Als Verfechter des Nationalismus werden sie ihm unheimlich. So kann der Kunsttischler Worel in der Radikalität seines Aufbegehrens zwangsläufig kein gutes Ende finden, während Herr Fridolin für seine Anpassung belohnt wird. In seinen späteren Novellen – unterdessen waren Konservativismus, Liberalismus und Militarismus gescheitert, während Nationalismus und Kapitalismus ihren Siegeszug angetreten hatten – erfährt Saars Pessimismus noch eine Steigerung. So geht Dr. Trojan als Opfer der Zeit zugrunde und ein tschechischer Nationalist wie Dr. Srp kann über ihn triumphieren. Doch trifft dies auch umgekehrt auf die deutschsprachigen Österreicher und auf Angehörige anderer Nationalitäten zu. Der wohlbestallte Förster Pernett, der sich selbst als reinen ‘Musterknaben’ schildert, Stäudl oder der Burggraf – sie alle schönen unwidersprochen ihre Geschichte zu einem unentwirrbaren Gespinst von Sein und Schein. Im Gegenzug dazu entzieht der Autor auf völlig unspektakuläre Weise allen Selbstgerechten, Rechthabern und Vertretern menschenverachtender Philosophien und Ideologien seine Sympathie und somit letztlich auch die der Leser.
 


 

ANMERKUNGEN:

(1) Detlef Haberland: Dichtung und Wirklichkeit. In: Ferdinand von Saar. Ein Wegbereiter der literarischen Moderne. Festschr. zum 150. Geburtstag mit den Vorträgen der Bonner Matinee u. des Londoner Symposions sowie weiteren Beiträgen, hrg. von Karl Konrad Polheim, Bonn 1985, S. 86.

(2) Vorarbeiten zu dieser Thematik, allerdings in einen größeren Zusammenhang gestellt, finden sich in folgendem Aufsatz: Margarete Wagner: Interkulturalität in der Kaiserzeit, dargestellt am erzählerischen Werk des Österreichers Ferdinand von Saar. In: “Jahrbuch der Österreich-Bibliothek in St. Petersburg”, 2 (1995/96), S. 27–52.

(3) Fürstin Marie zu Hohenlohe und Ferdinand von Saar. Ein Briefwechsel, hrg. von Anton Bettelheim, Wien 1910, S. 195. – Saar an Hohenlohe, 8. Februar 1889.

(4) Thomas Wägenbaur: Kulturelle Identität oder Hybridität? Aysel Özakins “Die blaue Maske” und das Projekt interkultureller Dynamik. In: “Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik”, 25ANMERKUNGEN (1995), H. 97, S. 32.

(5) Jean Charue: Zum Determinismus bei Saar. In: “Ferdinand von Saar. Ein Wegbereiter der literarischen Moderne”, hrg. von K. K. Polheim, Bonn 1985, S. 237f.

(6) Über die Problematik der Begriffe ‘Nationalitäten’ und ‘nationale Minderheiten’ vgl. Robert A. Kann: Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie. Geschichte und Ideengehalt der nationalen Bestrebungen vom Vormärz bis zur Auflösung des Reiches im Jahre 1918. Bd 1: Das Reich und die Völker. 2., erw. Aufl. Graz, Köln 1964, S. 41–44.

(7) Über die Problematik des Begriffes ‘Kronland’ vgl. R. A. Kann: Das Nationalitätenproblem, Bd 1, S. 26–30.

(8) Denn gränzenloses Mitleid mit allen lebenden Wesen ist der festeste und sicherste Bürge für das sittliche Wohlverhalten und bedarf keiner Kasuistik. Wer davon erfüllt ist, wird zuverlässig Keinen verletzen, Keinen beeinträchtigen, Keinem wehe thun, vielmehr mit Jedem Nachsicht haben, Jedem verzeihen, Jedem helfen, so viel er vermag, und alle seine Handlungen werden das Gepräge der Gerechtigkeit und Menschenliebe tragen. Vgl. Arthur Schopenhauers Werke in fünf Bänden nach den Ausgaben letzter Hand hrg. von Ludger Lütkehaus, Bd III: Kleinere Schriften,. Zürich 21994, S. 593.

(9) Zdenko Skreb: Die Gestaltenwahl in Ferdinand von Saars Erzählungen. In: “Ferdinand von Saar. Ein Wegbereiter der literarischen Moderne”, hrg. von K. K. Polheim, Bonn 1985, S. 93. Ferdinand von Saar: Ginevra. Kritisch hrg. und gedeutet von Stefan Schröder. Tübingen 1996 (Ferdinand von Saar: Kritische Texte und Deutungen, hrg. von Karl Konrad Polheim und Jens Stüben, Bd 6), S. 217.

(10) Erich Zöllner: Geschichte Österreichs. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 8. Aufl. Wien 1990, S. 240. Hans Kohn: Die Slawen und der Westen. Die Geschichte des Panslawismus. Wien, München 1956, S. 58–68.

(11) Ferdinand von Saars Sämtliche Werke in 12 Bänden. Im Auftrage des Wiener Zweigvereins der Deutschen Schillerstiftung mit einer Biographie des Dichters von Anton Bettelheim hrg. von Jakob Minor. Bd 3: Gedichte II. Leipzig o. J. [1908], S. 40. – In der Folge unter der Sigle (W) als Textzitat ausgewiesen.

(12) Das Motiv des betrogenen Betrügers bzw. der betrogenen Betrügerin ist in Saars Erzählwerk häufig zu finden. Hierher gehören etwa Figuren wie Alexis in Die Geigerin, Theodora in Der `Exzellenzherr`, Elise in Geschichte eines Wienerkindes, der Finanzwache-Kommissär in Der Brauer von Habrovan, die Hofrätin in Hymnen oder in dem Fragment Der General, später Vae victis! genannt, der General selbst, während in derselben Erzählung Corona und ihr Zweitgatte als vom Leben betrogene Figuren anzusehen sind, eine Kategorie, zu der aber im Grunde fast alle Saarschen Figuren zuzurechnen sind. Vgl. zum Fragment Der General: Franz Karl R. von Stockert: Zur Anatomie des Realismus: Ferdinand von Saars Entwicklung als Novellendichter, Göppingen 1970 (“Göppinger Arbeiten zur Germanistik”, 18), S. 230ff.

(13) Ferdinand von Saar: Die Geigerin. Krit. hrg. u. gedeutet von Heinz Gierlich. Bonn 1981 (Ferdinand von Saar. Kritische Texte und Deutungen, hrg.. von Karl Konrad Polheim, Bd 2), S. 138.

(14) Ferdinand von Saar: Die Geigerin. Krit. hrg. u. gedeutet von H. Gierlich, S. 21. – In der Folge unter der Sigle (KTD 2) als Textzitat ausgewiesen.

(15) Erasmus von Klass: Der analytische Aufbau der Novellen Ferdinand von Saars, Diss. [Masch.] Frankfurt a. M. 1953, S. 12–18.

(16) H. Kohn: Die Slawen und der Westen, S. 190.

(17) H. Kohn: Die Slawen und der Westen, S. 36–57. Ferdinand von Saar: Herr Fridolin und sein Glück. Krit. hrg. u. gedeutet von Lydia Beate Kaiser, Tübingen 1993 (Ferdinand von Saar. Kritische Texte und Deutungen. Hrg. von Karl Konrad Polheim, Bd 5), S. 168f., Anm. 360.

(18) Ferdinand von Saar: Herr Fridolin und sein Glück. Krit. hrg. u. gedeutet von L. B. Kaiser, S. 52. – In der Folge unter der Sigle (KTD 5) als Textzitat ausgewiesen.

(19) Einen wichtigen Hinweis liefert in diesem Fall auch die Saarsche Namengebung. Der Name Glensky, abgeleitet von Polnisch glan, alt auch glon (Bodensatz, Schleim), dialektal glon (Schlamm) oder von Slowenisch glên (Schleim, Schlamm, Durchfall beim Vieh) würde demnach soviel wie ‘Schleimer’ (vulgo ‘Schleimscheißer’ in der Bedeutung ‘devoter Schönredner’, ‘schmieriger Liebkindmacher’), ‘Schmutzfink’ oder noch Schlimmeres bedeuten. Vgl. Erich Berneker: Slavisches Etymologisches Wörterbuch, Bd 1. Heidelberg 1913 (Indogermanische Bibliothek, Bd 2: Sammlung Slawische Lehr- und Handbücher, Bd 1), S. 303. Franz Ringseis: Neues Bayerisches Wörterbuch. Wortschatz – Worterklärung – Wortschreibung. München 1997, S. 203.

(20) Hier bieten sich mehrere Namensdeutungen an. Am nichtssagendsten ist dabei der Hinweis auf die Bedeutung von Polnisch malina (Himbeere), die Herkunft von Polnisch malec (Kleiner, Knirps) wäre hingegen nur dann von Bedeutung, wenn sich daraus ein charakteristischer Hinweis auf die Figur Malinskys ergeben würde. Zieht man Malinskys Verhalten seinem Geschäftsfreund Röber gegenüber in Betracht, so erscheint hier am sinnvollsten die Herleitung von Französisch mal (schlecht, böse) zu sein [etwa auch in Polnisch maltretowac<´> (mißhandeln, quälen) oder besser noch malwersacja (Veruntreuung, Unterschlagung) zu finden], das sich von Indogermanisch mel- (verfehlen, trügen, schlecht, gering) herleitet. Vgl. Alois Walde: Vergleichendes Wörterbuch der indogermanischen Sprachen, hrg. u. bearb. von Julius Pokorny, Bd 2. Berlin, Leipzig 1927, S. 291, 296. – Kombiniert mit der polnischen Namensendung auf –sky würde dies soviel wie ‘schlechter Kerl’, ‘Bösewicht’ oder ‘Gauner’ bedeuten.

(21) Der Name des dubiosen Kaufmanns Röber bedeutet übrigens ziemlich unverblümt ‘Räuber’ – möglicherweise auch eine gelehrte Anspielung an Hermes, den Gott der Kaufleute und Diebe in der griechischen Mythologie. Vgl. Herbert Hunger: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie mit Fortwirken antiker Stoffe und Motive in der bildenden Kunst, Literatur und Musik des Abendlandes bis zur Gegenwart, 2., erw. u. erg. Aufl. Wien 1953, S. 149. – Tatsächlich raubt Röber zunächst Elise Stadler das Herz, ihrem Ehemann die Frau und ihren Kindern die Mutter, um schließlich Elise selbst, die treulose Ehefrau und herzlose Mutter, um ihr Vermögen zu erleichtern.

(22) Über die Fragwürdigkeit dieses Terminus vgl.: Gerhard Zeillinger: Anthropologisches Interesse, Selbstdarstellung und Biographie in Ferdinand von Saars Novelle "Tambi”, Diplomarb. [Masch.] Wien 1988, S. 113–119. Gerhard Rothbauer: Gesellschaftlicher Standort des Erzählers und novellistische Darstellung. Untersuchungen an Novellen Ferdinand von Saars, Diss. [Masch.] Jena 1961, S. 44.

(23) Burkhard Bittrich: Panegyrik und Palinodie: Saars österreichischen Festdichtung und ihr Widerruf. In: “Ferdinand von Saar. Zehn Studien”, hrg. von Kurt Bergel. Riverside, Ca. 1995 (Studies in Austrian Literature, Culture, and Thought), S. 37.

(24) Hugo Steinmann: Die Wandlung der liberalen Geisteshaltung bei Ferdinand von Saar, 1833–1906, Diss. Freiburg i. B. 1954 [Beromünster 1957], S. 38.

(25) Egon Barres: Vorurteile. Theorie – Forschungsergebnisse – Praxisrelevanz. Opladen 1978 (UTB, 704), S. 34.

(26) Als Erzählungen mit mährischen Hauptschauplätzen wären zum Beispiel zu erwähnen: Das Haus Reichegg, Tambi, Ginevra, Die Brüder, Der Brauer von Habrovan, Dissonanzen und Außer Dienst, daneben aber gibt es noch weitere Erzählungen, in denen Mähren Nebenschauplatz ist.

(27) Alfred Fischel: Das österreichische Sprachenrecht. Eine Quellensammlung, eingel. u. hrg. von A. Fischel. Brünn 1901, S. XLIXf., LVIf., LXVf. Hugo Hantsch: Die Nationalitätenfrage im alten Österreich. Das Problem der konstruktiven Reichsgestaltung. Wien 1953 (Wiener historische Studien, Bd 1), S. 36–68.

(28) Ferdinand von Saar: Herr Fridolin und sein Glück. Krit. hrg. u. gedeutet von L. B. Kaiser, S. 150. Richard Krepler: Bergbau und Hüttenwesen. In: “Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild. Auf Anregung u. unter Mitw. weiland Seiner kaiserl. u. königl. Hoheit des durchlauchtigsten Kronprinzen Erzherzog Rudolf begr., fortges. unter dem Protectorate Ihrer kaiserl. u. königl. Hoheit der durchlauchtigsten Frau Kronprinzessin-Witwe Erzherzogin Stephanie.”, Bd 17: Mähren und Schlesien, Wien 1897, S. 449f. Heinrich Sonneck: Landschaftliche Schilderung. In: ” Die österr.-ungar. Monarchie in Wort und Bild”, Bd 17, S. 12f.

(29) Ferdinand von Saar: Herr Fridolin und sein Glück. Krit. hrg. u. gedeutet von L. B. Kaiser, S. 167.

(30) Vorurteile haben den Charakter von sich selbst erfüllenden Prophezeiungen (self-fullfilling prophecies) – Vgl. Änne Ostermann u. Hans Nicklas: Vorurteile und Feindbilder, München, Berlin, Wien 1976 (U & S Pädagogik: Unterricht), S. 23. Robert K. Merton: The self-fulfilling Prophecy. In: “The Antioch Review”, Vol. VIII (1948), S. 193–210.

(31) J. Charue: Zum Determinismus, S. 244f.

(32) Ä. Ostermann u. H. Nicklas: Vorurteile u. Feindbilder, S. 27.

(33) Theodor W[iesengrund] Adorno: Studien zum autoritären Charakter. Aus dem Amerikan. von Milli Weinbrenner. Vorrede von Ludwig von Friedeburg, Frankfurt a. M. 1976 (suhrkamp tb, 107), S. 37–104.

(34) Es ist müßig zu erwähnen, daß der Terminus ‘Faschismus’ im Zusammenhang mit den von Ferdinand von Saar geschilderten Menschenbildern völlig unangebracht ist, so daß hier selbstverständlich nur von ‘autoritären Charakteren’ die Rede sein wird.

(35) Klaus Theweleit: Männerphantasien. Bd 2: Männerkörper – zur Psychoanalyse des Weißen Terrors. Basel, Frankfurt a. M. 1985, S. 190, 307f.

(36) Vgl. Alois Maria Nagler: Ferdinand von Saar als Novellist. In: “Der Wächter”, Wien 12 (1930), S. 343.

(37) Wolfgang Hehring: Vergänglichkeit und Psychologie. Der Erzähler Ferdinand von Saar als Vorläufer Schnitzlers. In: “Ferdinand von Saar. Ein Wegbereiter der literarischen Moderne.”, hrg. von K. K. Polheim, Bonn 1985, S. 116.

(38) Hermann Bahr: Ferdinand von Saar. In: “Hermann Bahr: Bildung. Essays.”, Berlin, Leipzig 1900, S. 141.

(39) Hans Sedlmayr: Verlust der Mitte. Die bildende Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts als Symptom und Symbol der Zeit, Salzburg 91976.

(40) Martin Heidegger: Sein und Zeit, 17. Aufl., Tübingen 1993, S. 135.

(41) Fritz Martini: Literarische Form und Geschichte. Aufsätze zur Gattungstheorie und Gattungsentwicklung von Sturm und Drang bis zum Erzählen heute, Stuttgart 1984, S. 143.

(42) Ingund Gassner: Das Bild Österreichs bei Ferdinand von Saar, Diss. [Masch.] Wien 1948, S. 34.

(43) Walter Feiner: Ferdinand von Saar im Verhältnis zu den geistigen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Problemen seiner Zeit, Diss., Wien 1936, S. 63.

(44) Eda Sagarra: Social Types and Social Reality. In: “Ferdinand von Saar. Ein Wegbereiter der literarischen Moderne, hrg. von K. K. Polheim, Bonn 1985, S. 155. Kasim Egit: Ferdinand von Saar. Thematik und Erzählstrukturen seiner Novellen, Berlin 1981 (Canon, 7), S. 67f.

(45) Erika Soukup: Die Darstellung der Wirklichkeiten in Ferdinand von Saars "Novellen aus Österreich", Diss. [Masch.] , Wien 1946, S. 15.

(46) J. Charue: Zum Determinismus, S. 257.

(47) W. Feiner: Ferdinand von Saar im Verhältnis zu den geist., kulturellen, gesellsch. u. polit. Probl. seiner Zeit, S. 63.

(48) Das trifft sich auch mit Schopenhauers Meinung in seiner Abhandlung Von dem, was einer vorstellt, wo es heißt: Jedenfalls ist Der auf eine kümmerliche Ressource hingewiesen, der sein Glück nicht in den beiden, bereits abgehandelten Klassen von Gütern findet [nämlich „Von dem, was einer ist“ und „Von dem, was einer hat“], sondern es in dieser dritten suchen muß, also nicht in Dem, was er wirklich, sondern in Dem, was er in der fremden Vorstellung ist. Vgl. A. Schopenhauers Werke in fünf Bänden, Bd IV: Parerga und Paralipomena: Kleine philosophische Schriften, Bd 1, S. 351.

(49) Die Erzählung entstand 1889! Vgl. E. Soukup: Die Darstellung der Wirklichkeiten, S. 28.

(50) J. Charue: Zum Determinismus, S. 257.

(51) Karlheinz Rossbacher: Literatur und Liberalismus. Zur Kultur der Ringstraßenzeit in Wien, Wien 1992, S. 331, 333ff.

(52) Ferdinand von Saar: Ginevra. Kritisch hrg. und gedeutet von St. Schröder, S. 207, Anm. 250.

(53) Albrecht Koschorke: Leopold von Sacher-Masoch. Die Inszenierung einer Perversion, München, Zürich 1988 (Serie Piper, 928), S. 122, zitiert nach: K. Rossbacher: Literatur u. Liberalismus, S. 333, der sich hier Koschorkes Aussage in Hinblick auf Maruschka bedient.

(54) Die bekannte Venusstellung (W 9/III, S. 135) einer beim Baden überraschten Frau dürfte wohl eher die der Mediceischen Venus (Florenz, Uffizien) sein, mit der typischen, die Nacktheit bedeckenden Arm- und Handhaltung und jener Kopfdrehung, die zielgerichtetes Schauen ausdrückt. Detlef Haberland schlägt dagegen die Aphrodite von Knidos (Rom, Vatikanische Sammlung) vor, doch präsentiert sich diese dem Beschauer eher als ruhige Standstatue, was durch das Arrangement der Requisiten an ihrer linken Seite (Amphore und Gewandbausch) noch verstärkt wird. Saars Schilderung dagegen erwähnt keinerlei Requisiten, Maruschkas Überraschung dagegen liegt auf der Hand. Vgl. Ferdinand von Saar: Seligmann Hirsch. Kritisch hrg. u. gedeutet von Detlef Haberland, Tübingen 1987 (Ferdinand von Saar: Kritische Texte und Deutungen. Hrg. von Karl Konrad Polheim, Bd 3), S. 169. – Pernetts Eindruck von Maruschka deckt sich übrigens mit der Beschreibung des Kunsthistorikers Wilhelm Lübbe, der in die Mediceische Venus nicht naive Selbstvergessenheit, sondern [...] kokette[] Verschämtheit interpretiert. Vgl. Wilhelm Lübbe: Grundriß der Kunstgeschichte. Bd 1: Die Kunst des Altertums, 14. Aufl. vollst. neu bearb. von Max Semrau, mit 13 Kunstbeil. u. 572 Abb. im Text. Esslingen a. N. 1908, S. 300 u. 297, Abb. 393, S. 282, Abb. 370. Tatsächlich genoß gerade die Mediceische Venus, eine Schöpfung der römischen Kaiserzeit, im Zusammenhang mit dem Bildungstourismus nach Italien (und hier besonders nach Florenz) sowie im Verein mit der Andenkenindustrie und der Vorliebe des 19. Jahrhunderts für Gipskopien, aber auch in Überschätzung ihrer künstlerischen Bedeutung einen sehr hohen Bekanntheitsgrad. Generationen von kunstbegeisterten Besuchern pflegten der Statue die Fingerspitzen jener Hand zu küssen, die sie schirmend vor ihre Scham hält. Schon Wilhelm Busch reimte bereits 1872 in seiner Bildgeschichte Die fromme Helene, sich über das Kulturbanausentum des deutschen Bildungsbürgertums mockierend: Ach, – die Venus ist perdü – | Klickeradoms! – von Medici! Vgl. Wilhelm Busch: Historisch-kritische Gesamtausgabe, hrg. von Friedrich Bohne, Bd II. Wiesbaden, Berlin 1960, S. 247. – Eine andere, im 19. Jahrhundert hochberühmte Venusdarstellung bot etwa Sandro Botticellis Gemälde „Die Geburt der Venus“ (Florenz, Uffizien), welches gleichfalls die charakteristische, Brüste und Scham bedeckende Armhaltung aufweist. Vgl. dazu die Abbildung in Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bd 1–28. 9., völlig neu bearb. Aufl. Mannheim, Wien, Zürich 1971–1979; Bd 4 (1972), S. 561ab.
Ferdinand von Saar selbst bekannte freimütig in seinem Brief vom 25. 2. 1898 an Abraham Altmann seine Vorliebe für Beispiele aus der bildnerischen Kunst als inspirierende Vorlage für seine Menschenbilder: Ich liebe im gewöhnlichen Leben derlei Vergleiche mit plastischen Kunstwerken (oder malerischen) anzustellen – und so schlüpfen sie auch in meine Dichtungen hinein. Vgl. Ferdinand von Saar: Briefwechsel mit Abraham Altmann. Kritisch hrg. und komm. von Jean Charue, Bonn 1984 (Ferdinand von Saar: Kritische Texte und Deutungen. Hrg. von Karl Konrad Polheim. Ergänzungsbd 1), S. 195.

(55) Richard Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis. Mit Beiträgen von Georges Bataille, Werner Brede, Albert Caraco, Salvador Dalí, Ernst Fuhrmann, Maurice Heine, Julia Kristeva, Paul Kruntorad u. Elisabeth Lenk, München 1993, S. 2f.

(56) Martin Bocian: Lexikon der biblischen Personen, u. Mitarb. von Ursula Kraut und Iris Lenz, Stuttgart 1989 (Kröners Tb, 460), S. 54f. Hans Aurenhammer: Lexikon der christlichen Ikonographie. Bd 1: Alpha und Omega – Christus und die vierundzwanzig Ältesten, Wien 1959, S. 141.

(57) Während im Namen Maria im hellen i und langen, getragenen Auslaut-a sich das Helle und Ernste zu einem Eindruck von Klarheit und Würde vereinen, wirkt dagegen die in Österreich gebräuchliche Namensform Marie eher verkürzt, trotz langgedehntem, silbrig-hell ansteigendem und verschwebendem Auslaut-i. Die Koseform Maruschka mit der Kombination aus dunklem Kurzvokal, wispernd-nuschelndem Zischlaut und der pikant-aufreizenden Endung auf -ka ist da von ganz anderer Qualität. In diesem Zusammenhang muß jedoch auf die offensichtliche Divergenz zwischen slawischer (Máruschka) und deutscher Aussprache des Namens (Marúschka) hingewiesen werden, wie sie etwa das deutsche Volksliedgut belegt. In diesem Namen verbirgt sich das Husch, mit dem man Katzen und Hühner verjagt, beziehungsweise das Kusch, mit dem man Hunde zur Raison oder Untergeordnete zum Schweigen bringt, aber auch Französich rouge, worin etwa erneut die Rotmetaphorik um Maruschka angedeutet wird, und Anklänge an Tschechisch ru<°>¹ic<v>ka, ru<°>¹inka, ru<°>z<v>enka, das Röschen, das als Blume der ‘rosenfingrigen’ Aphrodithe und der Jungfrau Maria gleichfalls die Farbe Rot impliziert. Vgl. Hans Biedermann: Knaurs Lexikon der Symbole, München 1989, S. 365ff. – Aber auch die Assoziationen, die das deutsche Liedgut zum Namen Maruschka auslöst, zielen eindeutig auf das Lebenslustige, Leichtfertige und erotisch Verfängliche hin. Etwa in dem bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nachweisbaren niederländischen Tanzliedchen „Wenn hier ein Pott mit Bohnen steht und dort ein Pott mit Brüh“ mit seinem zweifach gesungenen Refrain: Marie-Mara-Maruschka-ka, Maruschka-ka Marie, das eine gewisse Sorglosigkeit, Beliebigkeit und Flatterhaftigkeit in der Tanzpartnerwahl zum Ausdruck bringt, wenn es heißt: und wenn Marie nicht tanzen kann, | so tanz ich ohne sie. – Vgl. Ludwig Erk und Wilhelm Irmer: Die deutschen Volkslieder mit ihren Singweisen, Bd 3. Berlin 1845, S. 29. Alexander Teichel: Volkslieder und Volksreime aus Westpreußen, Danzig 1895, S. 161.

(58) Mehr zur Bedeutung des Namens Kratochwil vgl. Anm. 91.

(59) H. Hunger: Lexikon d. griech. u. röm. Mythologie, S. 51.

(60) Das erinnert doch sehr an Ulrich von Lichtensteins „Frauendienst“. Vgl. Ulrich von Liechtenstein: Frauendienst, hrg. von Franz Viktor Spechtler, Göppingen 1987 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik, 485), S. 5, Str. 25.

(61) H. Hunger: Lexikon d. griech. u. röm. Mythologie, S. 18.

(62) Wilfried Seibicke: Die Personennamen im Deutschen, Berlin, New York 1982 (Sammlung Göschen, 2218), S. 56.

(63) Über die weissagende Kraft des Bärengebrumms im Volksglauben heißt es: Brummt der B. beim Anblick eines Mädchens, ist es nicht mehr rein, sondern eine Hure. Vgl. Will-Erich Peuckert: Bär. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, hrg. u. bes. Mitw. von E. Hoffmann-Krager u. Mitarb. zahlr. Fachgenossen von Hanns Bächtold-Stäubli, Bd 1. Berlin, Leipzig 1927 (Handwörterbücher zur deutschen Volkskunde, Abt. 1), S. 899. – Tatsächlich bewahrheiten sich schließlich die Unkenrufe des alten Försters nicht nur in bezug auf Maruschkas Verlust der Jungfräulichkeit, sondern auch in Hinblick auf das durch sie ausgelöste künftige Unheil in Form von Feuer und Selbstmord, wenn er prophezeit: Was jedoch die Kratochwilschen betrifft, so bin ich überzeugt, daß dieses Gesindel über kurz oder lang irgendein Unheil anrichtet. (W 9/III, S. 129)

(64) Andere Versionen sprechen übrigens von einem ‘verzauberten Rehbock’! Vgl. Johannes Bolte u. Georg Polívka (Hrg.): Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Bd 3. (Nr. 121–225). Leipzig 1918, S. 259f.

(65) W.-E. Peuckert: Bär, S. 899.

(66) Ulf Diederichs: Who’s who im Märchen. München 1995 (dtv, 30503), S. 291ff.

(67) J. Bolte u. G. Polívka (Hrg.): Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Bd 1 (Nr. 1–60). Leipzig 1913, S. 166, 453.

(68) ‘Fade Nocken’: langweilige, wenngleich wohlerzogene Frau. Vgl. Wolfgang Teuschl: Wiener Dialekt Lexikon, Wien 1990, S. 165. – Saars grundsätzliche Einstellung dazu findet sich etwa in dem sehr persönlichen Gedicht „An ***“ ausgesprochen, wenn er gesteht: Bewundert hab’ ich nie die allzu Reinen: | Doch glaubt’ ich dich von jenem Schwung der Seele, | Dem ewig fremd die Kniffe der Gemeinen. (W 2/I, 3, S. 153)

(69) W.-E. Peuckert: Bär, S. 886. J. Bolte u. G. Polívka (Hrg.): Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen, Bd 1, S. 9.

(70) Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen. Aus dem Am. von Liselotte Mickel u. Brigitte Weitbrecht. 12. Aufl., München 1988 (dtv: dialog und praxis, 248), S. 248, aber auch 233f., 334f.

(71) H. Hunger: Lexikon d. griech. u. röm. Mythologie, S. 52.

(72) Heinrich Marzell: Mohn. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Hrg. u. bes. Mitw. von E. Hoffmann-Krager u. Mitarb. zahlr. Fachgenossen von Hanns Bächtold-Stäubli, Bd 6. Berlin, Leipzig 1934/35 (Handwörterbücher zur deutschen Volkskunde, Abt. 1), S. 450–452.

(73) W.-E. Peuckert: Bär, S. 889f.

(74) R[ichard] Riegler: Tiergestalt. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Hrg. u. bes. Mitw. von E. Hoffmann-Krager u. Mitarb. zahlr. Fachgenossen von Hanns Bächtold-Stäubli, Bd 8. Berlin, Leipzig 1936/37 (Handwörterbücher zur deutschen Volkskunde, Abt. 1), S. 831.

(75) Heinrich Marzell: Weide. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Hrg. u. bes. Mitw. von E. Hoffmann-Krager u. Mitarb. zahlr. Fachgenossen von Hanns Bächtold-Stäubli, Bd 9. Berlin, Leipzig 1938/41 (Handwörterbücher zur deutschen Volkskunde, Abt. 1), S. 241.

(76) Wolfgang Bauer u. Irmtraud Dümotz: Symbolik und Mythologie der Griechen. In: Lexikon der Symbole, hrg. von Wolfgang Bauer und Irmtraud Dümotz, Wiesbaden 1980, S. 155a.

(77) Vgl. R. Riegler: Tiergestalt, S. 831.

(78) H. Hunger: Lexikon d. griech. u. röm. Mythologie, S. 52. W. Bauer, I. Dümotz: Symbolik und Mythologie der Griechen, S. 155b.

(79) Heinrich Marzell: Pappel. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 6, S. 1388–1390.

(80) Heinrich Marzell: Ulme. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd 8, S. 1293ff.

(81) Heinrich Marzell: Tanne. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd 8, S. 663–667.

(82) Heinrich Marzell: Fichte. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Hrg. u. bes. Mitw. von E. Hoffmann-Krager u. Mitarb. zahlr. Fachgenossen von Hanns Bächtold-Stäubli, Bd 2. Berlin, Leipzig 1929/30 (Handwörterbücher zur deutschen Volkskunde, Abt. 1), S. 1444ff.

(83) Heinrich Marzell: Lärche. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Hrg. u. bes. Mitw. von E. Hoffmann-Krager u. Mitarb. zahlr. Fachgenossen von Hanns Bächtold-Stäubli, Bd 5. Berlin, Leipzig 1932/33 (Handwörterbücher zur deutschen Volkskunde, Abt. 1), S. 912ff.

(84) H. Hunger: Lexikon d. griech. u. röm. Mythologie, S. 126f.

(85) H. Hunger: Lexikon d. griech. u. röm. Mythologie, S. 88. W. Bauer u. I. Dümotz: Symbolik und Mythologie der Griechen, S. 156ab.

(86) Hans-Georg Link: Wahrheit. In: Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, hrg. von Lothar Coenen, Erich Beyreuter u. Hans Bielenhard, Bd 2. Wuppertal 41977, S. 1343–1352.

(87) K. Rossbacher: Literatur u. Liberalismus, S. 333.

(88) Unter diesem Blickwinkel betrachtet enthält der Vergleich Maruschkas mit einer Katze auch eine tiefere Wahrheit. Dieses im Volksmund als ‘falsch’ (also heimtückisch) verunglimpfte Hexentier kündigt in Wirklichkeit mittels Körpersprache und Lautbildung unmittelbar seine jeweiligen Gefühlsregungen an, die allerdings bisweilen falsch interpretiert werden. In der Diktion des alten Försters zielt der Vergleich mit der Katze jedoch eher auf diebisches Wesen (Mausen), sexuelle Aktivität (nächtliche Katzenkonzerte zum Zwecke der Paarung), Unbezähmbarkeit (im Vergleich mit dem Befehlsempfänger Hund) und Faulheit (da nachtaktiv) hin.

(89) Um nur einige Beispiele zu nennen: die Gräfin in Das Haus Reichegg, die Komtessa in Die Familie Worel, Lodoiska in Ginevra, Corona in Vae victis!, Frau von Hirtburg in Seligmann Hirsch, Ninon inNinon, die Hofrätin in Hymnen, Elise und die verschwendungssüchtige Jüdin in Geschichte eines Wienerkindes, die Brauersfrau in Der Brauer von Habrovan, Mimi Mensfeld in Die Geigerin und andere.

(90) Vgl. Heinrich Marzell: Vergißmeinnicht. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd 8, S. 1568f.

(91) Vgl. dazu etwa auch die ‘Kurzweil’ vor dem Feuer, die Schneeweißchen und Rosenrot, die übrigens im Sommer im Wald Klaubholz sammeln, mit dem Bären treiben! U. Diederichs: Who’s who im Märchen, S. 292.

(92) Man denke etwa an die malerisch dilettierende und lustwandelnde Klothilde in Schloß Kostenitz oder an die sich träge in der Chaiselongue räkelnde Gesellschaftsdame Lodoiska in Ginevra oder an die unermüdlichen ‘Flirttouren’ Paulas inRequiem der Liebe, um nur einige Beispiele zu nennen.

(93) Ähnliche ‘Racheaktionen’ an unschuldigen dritten als Folge schmerzhafter Zurückweisung durch das heißgeliebte Objekt der Begierde setzen etwa die Hofrätin in Hymnen und Ninon in der gleichnamigen Erzählung, nur daß es sich bei beiden ‘Damen’ um dominante Persönlichkeiten handelt, die trotz ihrer Niederlage auf emotionaler Ebene ihre gesellschaftliche Stellung halten bzw. noch ausbauen können, während Maruschka daran zerbricht. Vgl. Ferdinand von Saar: Hymen. Kritisch hrg. und gedeutet von Nikolaus Nowak, Tübingen 1997 (Ferdinand von Saar: Kritische Texte und Deutungen, hrg. von Karl Konrad Polheim und Jens Stüben, Bd 8), S. 191–195.

(94) Will-Erich Peuckert: Fuchs. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Hrg. u. bes. Mitw. von E. Hoffmann-Krager u. Mitarb. zahlr. Fachgenossen von Hanns Bächtold-Stäubli, Bd 3. Berlin, Leipzig 1933/31 (Handwörterbücher zur deutschen Volkskunde, Abt. 1), S. 175–177.

(95) Ch. Hinckeldey (Hrg.): Justiz in alter Zeit. Rothenburg o. d. T. 1989 (Schriftenreihe des Mittelalterlichen Kriminalmuseums Rothenburg ob der Tauber, Bd VIc), S. 335.

(96) W. Bauer u. I. Dümotz: Symbolik und Mythologie der Griechen, S. 441ab.

(97) H. Hunger: Lexikon d. griech. u. röm. Mythologie, S. 148.

(98) H. Hunger: Lexikon d. griech. u. röm. Mythologie, S. 38f. – Praxiteles’ Standbild des Apollon Sauronktonos (Rom, Vatikanische Sammlung), des sogenannten Eidechsentöters, zeigt beispielsweise den jugendlichen Apollon mit ausgesprochen weichen, verweiblichten Formen. Vgl. W. Lübbe: Grundriß der Kunstgeschichte. Bd 1, S. 281, Abb. 368.

(99) Friedrich Georg Jünger: Griechische Mythen, 3., umgearb. u. durchges. Aufl., Frankfurt a. M. 1957, S. 143.

(100) H. Hunger: Lexikon d. griech. u. röm. Mythologie, S. 131.

(101) F. G. Jünger: Griechische Mythen, S. 132.

(102) Jungwirth: Fuhrmann. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd 3, S. 197–210.

(103) F. G. Jünger: Griechische Mythen, S. 179, 260.

(104) Ferdinand von Saar: Herr Fridolin und sein Glück. Krit. hrg. u. gedeutet von L. B. Kaiser, S. 167.

(105) H. Hunger: Lexikon d. griech. u. röm. Mythologie, S. 123, 362f.

(106) Karl Kerényi: Die Religion der Griechen und Römer, München, Zürich 1963, S. 119–122.

(107) Ernst Kobau: Rastlos zieht die Flucht der Jahre ... Josephine und Franziska von Wertheimstein – Ferdinand von Saar, Wien, Köln, Weimar 1997, S. 48–50. Heinrich Gomperz: Theodor Gomperz, Briefe und Aufzeichnungen, ausgew., erl. und zu einer Darstellung seines Lebens verknüpft. Bd 1: 1832–1868. Wien 1936.

(108) Ferdinand von Saar: Briefwechsel mit A. Altmann. Krit. hrg. u. komm. von J. Charue, S. 261. – Saar an Altmann, 23. Jänner 1900.

(109) Ferdinand von Saar: Herr Fridolin und sein Glück. Krit. hrg. u. gedeutet von L. B. Kaiser, S. 149–172.

(110) W. Feiner: Ferdinand von Saar im Verhältnis zu den geist., kulturellen, gesellschaftl. u. polit. Problemen seiner Zeit, S. 63.

(111) W. Feiner: Ferdinand von Saar im Verhältnis zu den geist., kulturellen, gesellschaftl. und polit. Problemen seiner Zeit, S. 154. – Feiner interpretiert sowohl Pernett als auch Kohut als ‘Deutsche’, offensichtlich weil Kohut mit seinen Kindern nur Deutsch spricht. Ferdinand von Saar: Herr Fridolin und sein Glück. Krit. hrg. u. gedeutet von L. B. Kaiser, S. 155.

(112) Gerlinde Steiner: Die Gestalt des Menschen in Saars Novellendichtung, Diss. [Masch.] Wien 1952, S. 89.

(113) W. Feiner: Ferdinand von Saar im Verhältnis zu den geist., kulturellen, gesellschaftl. u. polit. Problemen seiner Zeit, S. 61.

(114) Ferdinand von Saar: Herr Fridolin und sein Glück. Krit hrg. u. gedeutet von L. B. Kaiser, S. 168, Anm. 358.

(115) E. v. Klass: Der analytische Aufbau, S. 25.

(116) K. Rossbacher: Literatur u. Liberalismus, S. 41.

(117) K. Rossbacher: Literatur u. Liberalismus, S. 36f.

(118) Elisabeth Schadauer: Gesellschaft und Kultur Österreichs im Spiegel der Novellen Ferdinands von Saar und Marias von Ebner=Eschenbach [sic!], Diss. [Masch.], Wien 1949, S. 95. Ferdinand von Saar: Herr Fridolin und sein Glück. Krit. hrg. u. gedeutet von L. B. Kaiser, S. 159, Anm.332, S. 154, Anm. 307.

(119) W. Feiner: Ferdinand von Saar im Verhältnis zu den geist., kulturellen, gesellschaftl. u. polit. Problemen seiner Zeit, S. 59f.

(120) E. Sagarra: Social Types and Social Reality, S. 155.

(121) G. Steiner: Die Gestalt des Menschen, S. 30.

(122) Robert Müller: Die Charaktertypen in den "Novellen aus Österreich" von Ferdinand von Saar, Diss. [Masch.] Innsbruck 1952, S. 60–67.

(123) Eugen Thurnher: Soziale Problematik im Werk Ferdinands von Saar. In: “Ferdinand von Saar. Ein Wegbereiter der literarischen Moderne”, hrg. von K. K. Polheim, Bonn 1985, S. 43–48. Rainer Baasner: Happy-End trotz Schopenhauer oder Das Glück eines armen Soldaten. Ferdinand von Saar. Die Steinklopfer. In: “Ferdinand von Saar. Ein Wegbereiter der literarischen Moderne”, hrg. von K. K. Polheim, Bonn 1985, S. 51–73.

(124) E. Schadauer: Gesellschaft und Kultur, S. 30. – Schadauer vertritt die Ansicht, Georg Huber diente seiner mährischen Heimatgemeinde als Gänse- und Kuhhirt. Für Georgs Herkunft aus Mähren findet sich im Text selbst jedoch keinerlei Hinweis!

(125) K. Egit: Ferdinand von Saar. Thematik u. Erzählstrukturen, S. 104–108.



 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 181-206

 

 

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