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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 13-14 / 1998, S. 413-414

 

 

GEFÄHRLICHE SERPENTINEN. RUMÄNISCHE LYRIK DER GEGENWART.

Ausgewählt, hrsg. u. mit einem Nachwort versehen von Dieter Schlesak.

Ausgestattet mit Zeichnungen von Pomona Zipser. Berlin: Galrev 1998. 440 S.




Wie allen Anthologien – so gibt der Herausgeber Dieter Schlesak, selbst Dichter und Übersetzer, im Nachwort zu seinen Gefährlichen Serpentinen dem Leser zu verstehen –, hafte auch der von ihm vorgelegten Zusammenstellung rumänischer Dichtung nach 1960 ein subjektiver Grundzug an (vgl. S.365). 114 rumänische Lyrikerinnen und Lyriker, bedeutende und weniger bedeutende, sind in Schlesaks Auswahl versammelt, die nach rein dichterischen Prinzipien aufgebaut zu sein scheint: ein Teil der insgesamt 19 Kapitelüberschriften gibt Gedichttitel wieder, ein anderer – wie etwa „Messer zwischen den Blättern” (S. 69 und S. 232) oder „Als die Dinge aus ihrem Namen fielen” (S. 125; vgl. S.420) – zitiert Gedichtpassagen oder Buchtitel.

Dieser Prävalenz des Poetischen entspricht in der vorliegenden Auswahl die Bedeutung des Metaphysischen, der großen Themen Tod, Transzendenz, Leiden an der Existenz oder Trauer um den Verlust der Utopie. Zugleich zieht sich aber auch ein starker politischer Unterstrom mit deutlicher Wertung durch die Anthologie: Ana Blandiana und Marin Sorescu (vgl. S. 373f.) werden auch als Politiker vorgestellt, dem weniger als Lyriker denn als politisch-philosophischer Essayist hervorgetretenen Horia Roman Patapievici wird große Aufmerksamkeit zuteil (vgl. S. 387). Andererseits ist Adrian Pãunescu, der doch seit über 30 Jahren in Rumänien lyrisch präsent ist, wohl aus politischen Gründen nicht vertreten, seine Poesie „zählt” (S. 370) nicht, wie es in Schlesaks Nachwort lapidar heißt. Schmerzlich vermißt man Gedichte von Nina Cassian und Anatol E. Baconsky; Dan David und Cristian Popescu hätten durchaus noch in die Anthologie aufgenommen werden können. Bedauerlicherweise – weil nicht davon auszugehen ist, daß die vorliegende Anthologie nur von Kennern rumänischer Lyrik gelesen wird – fehlt eine Differenzierung zwischen den poetae maiores und minores: nur aus Manuskripten bekannte Dichter stehen kommentarlos neben Größen wie Nichita Stãnescu oder Mircea Dinescu. Man hätte grundsätzlich um dieser Unterscheidung willen etwa den deutschen Übersetzungen ausgewählter Gedichte die rumänischen Originale beigeben können, wie dies allein im Falle Dinescus, und auch nur bei zweien seiner Gedichte (S. 147 und S. 173), geschehen ist. Ebensowenig werden die einzelnen Dichtergenerationen, die im Nachwort recht treffend in ihrer Eigenart charakterisiert werden, in der Anthologie als Einheit faßbar, mit ihrer je spezifischen Problematik und Thematik spürbar und in ihrem jeweils eigenen und unverwechselbaren Ton hörbar. Die quasi impressionistische Zusammenstellung der Gedichte verhindert eine solche generationentypologische Wahrnehmung.

Die Grundidee der vorliegenden Anthologie – rumäniendeutsche Übersetzer und Lyriker übertragen die Gedichte ihrer rumänischen Kollegen – ist leider nur in Ansätzen verwirklicht. So fehlt – als Ergänzung zu dem wertvollen Verzeichnis der Autoren und ihrer Gedichte – bezeichnenderweise ein bio-bibliographisches Verzeichnis der Übersetzer. Außerdem macht sich vor allem das Fehlen der rumänischen Originale schmerzlich bemerkbar. Die Übersetzungen in Schlesaks Auswahl lesen sich zwar flüssig und ohne sprachliche Widerstände, sie scheinen gleichsam natürlich aus der deutschen Sprache hervorzugehen – beeindruckend etwa die Präsenz der rumänischen Realität in Ana Blandianas Alles (S. 9), bestechend Dumitru Chioarus Rückzug aus dem Himmel (S. 129) in der Übersetzung Dieter Schlesaks, begeisternd Mircea Cãrtãrescus Der Westen (S. 180ff.) und ergreifend die auf dem Totenbett geschriebenen Gedichte Marin Sorescus (S. 340ff.) in der Übertragung durch Oskar Pastior –, doch den Leser beschleicht bei der Lektüre die bange Frage, ob er denn, um mit einem Bild Walter Benjamins aus seinem Essay Die Aufgabe des Übersetzers zu sprechen, in den vorliegenden Übersetzungen die Arkaden oder doch nur die Mauern vor der Sprache des Originals wahrzunehmen vermag.

Schlesak selbst nährt diesen Verdacht, indem er zu Beginn seines Nachwortes von der fragwürdigen Qualität der bisherigen Übersetzungen rumänischer Lyrik handelt. In der Tat ist die Übersetzungskritik auf dem Felde der deutsch-rumänischen Literaturbeziehungen noch völlig unterentwickelt. Sie ist da um so nötiger, wo es Dichter selbst sind, die andere Dichter in eine fremde, neue Sprache übertragen. Werner Söllner beispielsweise, der die beiden in der Anthologie im Original abgedruckten Gedichte Dinescus (O beþie cu Marx und Discurs la intrarea unei þãri estice în Europa) ins Deutsche übersetzt hat, läßt in letzterem – abgesehen von der eigenwilligen strophischen Gliederung und dem fehlenden Bemühen, der spezifischen Zeilenform dieses Gedichtes in der Übersetzung gerecht zu werden – zwei Verse („uitaþi lîngã ºurã“ und „tap tap”, S. 173) einfach weg, aus dem sachlichen „alcoolicul internat pentru dezalcoolizare” wird ein unangemessen poetischer „Alkoholiker, der dem Entzug ins Auge blickt”. Daß Karl Marx in der Übersetzung von O beþie cu Marx nicht zu „halbieren” (S. 147), vielmehr zu balbieren wäre, dürfte einem Druckfehler zuzuschreiben sein. Wenn aber die beiden Verse Dinescus „În fond chiar ºi eu care sînt un ins banal / (nici homosexual nici evreu)”, die wörtlich übersetzt etwa lauten: „Letzten Endes sogar ich, der ich ein banales Individuum bin / (weder schwul noch Jude)”, von Söllner mit den Worten wiedergegeben werden „Auch ich habe nicht die geringste Idee, was für Waffen / man bräuchte für diese Revolte” (S. 146), so fragt man sich, ob der Übersetzer hier nicht nach dem Motto „traduttore traditore” aus falsch verstandener Motivation heraus als Zensor fungiert.

Auch im Autorenverzeichnis finden sich zahlreiche von der Übersetzungswissenschaft so genannte „falsche Freunde”: ein rumänischer „dramaturg” (S. 418) ist eben im Deutschen kein Dramaturg, sondern ein Dramatiker, „Omul cu compasul” (S. 405) ist nicht der Mann mit dem Kompaß, sondern der mit dem Zirkel, und das „muzeul pendulelor” (S. 411) ist nicht das Pendelmuseum, sondern das Museum der Standuhren. Und wenn man dann beginnt, die Originale der in der Anthologie wiedergegebenen Übersetzungen nachzulesen, und – etwa im Falle von Magda Cârnecis Gedicht Chaosmos (S. 276) – feststellt, daß der zweite Teil des Gedichtes durch den Übersetzer schlichtweg eskamotiert wurde, wird man doch nachdenklich.

Insgesamt aber: ein lohnendes Buch, ja – nicht zuletzt dank der Zeichnungen von Pomona Zipser – ein schönes Buch, aber wahrhaft gefährliche Serpentinen.

Markus Fischer

 

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