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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 401-402

 

 

AUFBRÜCHE UND ANNÄHERUNGEN.

ZUR ERÖFFNUNG DER AUSSTELLUNG “WORTREICHE LANDSCHAFT” IN LEIPZIG

Matthias Buth



“Die Gesamtheit der Sätze ist die Sprache.” Diese Einsicht Ludwig Wittgensteins wirkt wie ein Wahrzeichen und ist zugleich eine Aufforderung. Sätze zu sagen und zu schreiben, die sich zu einer Sprache als Verständigungsmittel zusammenfügen. Sprache: das ist die Kunstfertigkeit, die Menschen entwickelt haben, um die Textur zwischen den Dingen und Personen zu benennen. Sie läßt das Stummsein hinter sich, auch wenn sie an ihren Ufern siedelt. Die Literatur ist Medium, durchzogen von Sätzen – den Wasserstraßen, die Verbindungen herstellen und auf denen Welten transportiert werden. Die Sprache der Bücher gibt einen Vertrauensraum, der sich immer öffnet und dessen tröstende Wärme sich nur um den einen Leser zu legen scheint.

Die in Temeswar geborene große Dichterin aus dem Rumänien der Gegenwart Ana Blandiana spricht in einem Gedicht von einem Land, in dem “einer des anderen Heimat wird”. Peter Motzan schreibt in einem luziden Nachwort zu ihrem Band “EngelErnte” (1994) – übersetzt und ausgewählt von Franz Hodjak –, daß Gespräch und Begegnung in ihren Versen Wunschziele bleiben, Aufbrüche und Annäherungen meistens am Ufer der Vergeblichkeit strandeten. Aber gibt es nicht Momente, die alle Vanitas auflösen,m die alle Sätze zu einer großen Strömung zusammenführen, die uns mündig werden läßt in der universellen Sprache von Humanität und Freiheit?

Heute, das gestern im Gewandhaus begonnen hat, ist wohl ein solcher Augenblick. Rumänien ist zu Gast in Deutschland, die rumänische Poesie eine Schwester des deutschen, heute ist “einer des anderen Heimat”. Rumänien liegt nicht weit hinten, am Rande von Europa, sondern unmittelbar vor unseren Schritten. Etwa 800.000 Deutsche haben einmal in der Bukowina, im Banat, im Sathmarer Land, in Siebenbürgen, Bessarabien, der Dobrudscha und im sogenannten Altreich mit Bukarest gelebt. Sie alle kamen gerufen, lebten hier, die Siebenbürger Sachsen über 800 Jahre, die anderen Deutschen über 200 Jahre und verschwanden - Opfer von Deportation, Folter, politischer Repression. Etwa noch 80.000 können und wollen nicht weg.

Die Chefredakteurin des Deutschen Fernsehens in Rumänien, Ildiko Schaffhauser, wurde in der Ukraine geboren, denn ihre Eltern sind nach dem Krieg dorthin deportiert worden. Sie wird von ihrer Heimat Rumänien festgehalten und von den Landschaften, aus deren Gesicht sie immer noch ihre Muttersprache zu hören meint. So geht es nicht wenigen Deutschen zwischen Temeswar und Bukarest. Und den zahlreichen Neuankömmlingen in Deutschland ist. Rumänien eine ferne Geliebte geblieben. Ihre Augen heißen Kronstadt und Hermannstadt, Mediasch oder Schäßburg, Arad oder Sathmar. „Die die Fremde ertragen,/ lieben besser allein./ Man muß Zuhause sagen/ und überall sein./ Schreib in offnem Gelände/ uns beiden ein Stück/ vom verstümmelten Ende/ zum passenden Anfang zurück.” Das sind Verse von Werner Söllner, der – 1951 im rumänischen Horia geboren – seit 1982 in Deutschland lebt, dem aber sein “Kleines Emigrantenlied” ein tägliches Präludium geblieben ist. Die rumäniendeutsche Literatur hat einen elegischen Grundton; Verlust, Vergeblichkeit und bittere Sehnsucht orchestrieren Gedichte und Prosa. Das Rumänien der letzten zwanzig Jahre hat für die deutsche Öffentlichkeit vielleicht deshalb solch eine Aufmerksamkeit gewonnen, weil dieses Land als Chiffre des unbehausten Ich gesehen wird, das Bindungen im inneren und äußeren Kreis seiner Wahrnehmungen sucht und vermißt. Hölderlinsche Weltverweigerung verschwistert sich dabei mit Lenaus natursequenzen, die existentielle Abgründe spiegeln. Die Werke von Hans Bergel, Klaus Hensel, Franz Hodjak, Johann Lippet, Herta Müller, Oskar Pastior, Dieter Schlesak, Werner Söllner, Richard Wagner oder Joachim Wittstock liegen auf dieser verkarsteten Ebene. Sie gewinnen ihren besonderen ästhetischen Rang vor allem durch das Ausleuchten der “wortreichen Landschaft” mit Bildern, die über den eigentlichen Gegenstand hinausweisen.

Die Literatur in und über Rumänien - ob in deutscher oder rumänischer und ungarischer Sprache – ist das “Zuhause” Werner Söllners und das Land, wo “einer des anderen Heimat” sein kann (Ana Blandiana); sie ist die Kunst, der Fluchtraum, der mitzieht - sicher vor jedem Exil. Als nach 1945 die kommunistische Diktatur im östlichen Europa Millionen Menschen den Atem nahm, so auch den Deutschen in Rumänien und in der DDR, entwickelte sich ein Kanalsystem der Poeten zwischen Hermannstadt und Leipzig, Temeswar und Weimar oder Klausenburg und Greiz – vom Westen Deutschland und seinen beflissenen Denkrichtern unbemerkt. Wulf Kirstens Wohnung in der Paul-Schneider-Straße in Weimar war für viele rumäniendeutsche Autoren eine erste Adresse. Auch zahlreiche Begegnungen von Schriftstellern aus Berlin, Thüringen oder Sachsen im Banat und in Siebenbürgen erleichterten es den Kollegen, Repression und Bedrohung individueller Weltentwürfe zu ertragen. Es ist deshalb kein Zufall und im Hinblick auf die hundertjährige Rumänistiktradition Leipzigs geradezu zwangsläufig, daß die Buchausstellung zur deutschen Literatur in Rumänien in dieser Stadt klug konzipiert wurde und sich heute so vorzüglich präsentiert. Dem Verein “BlickPunktBuch” ist es gelungen, mit Herz und Verstand sowie mit ansteckender Freude uns allen die Augen zu öffnen für eine deutsche Literatur vom 12. Jahrhundert bis zur Gegenwart aus einem Mutterland Europas. Es ist für Deutschland nicht nur greifbar nah, sondern ein lächelnder blick, der auf uns wartet.

Diese Ausstellung, die nach einigen Stationen in der Bundesrepublik Deutschland auch nach Rumänien wandern soll, zusammen mit meinem Freund George Guþu aus Bukarest zu eröffnen, ist für mich eine doppelte Freude und macht einmal mehr deutlich, welch´ hohen wissenschaftlichen Stand die Institutionen haben, die mit den Leipziger Organisatorinnen Renate Florstedt und Marion Renker kooperierten, insbesonders das Institut Südostdeutsches Kulturwerk München und der Siebenbürgisch-Sächsi-sche Kulturrat in Gundelsheim. Dies sind Forschungseinrichtungen zur deutschen Kultur und Geschichte im östlichen Europa, die nichts mit Vertriebenenwehleidigkeit gemein haben, sondern unverzichtbar sind, uns und unsere Kultur im europäischen Kontext begreifen zu lassen. Noch sind - um Wittgenstein aufzugreifen und zu modifizieren – nicht alle Sätze über Rumänien und die deutsche Literatur zwischen der Pannonischen Tiefebene und den Höhenzügen der Karpaten geschrieben.

 

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 401-402

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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