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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens (ZGR), Jg. 9, Heft 17-18 / 2000, S.355-365  

 

 

DIE DOBRUDSCHA-DEUTSCHEN. ZUM PORTRÄT EINER ETHNIE

 

Maria-Elena Muscan, Olga Kaiter


 

 1. Vorüberlegungen

“Dieses ganze wohl 200 Quadratmeilen grosse Land zwischen dem Meer und einem schiffbaren Strome ist eine so trostlose Einöde, wie man sie sich nur  vorstellen  kann,  und  ich  glaube  nicht,  dass  es 20 000 Einwohner zählt. So weit das Auge trägt, siehst Du nirgends einen Baum oder Strauch; die stark gewölbten Hügelrücken sind mit einem hohen, von der Sonne gelb gebrannten Grase bedeckt, welches sich unter dem Winde wellenförmig schaukelt, und ganze Stunden lang reitest Du über diese einförmige Wüste bevor Du ein elendes Dorf ohne Bäume oder Gärten in irgend einem wasserlosen Thal entdeckst. Es ist, als ob dies belebende Element in dem lockeren Boden versänke, denn in den Thälern sieht man keine Spur von dem trockenen Bett eines Baches; nur aus Brunnen wird an langen Bastseilen das Wasser aus dem Grunde der Erde gezogen” (Traeger 1982, 2),

schrieb der preußische Generalstabshauptmann Helmuth von Moltke in einem Brief, den er am 2. November 1837 in Varna geschrieben und der Dobrudscha gewidmet hatte.

Seine Beschreibung der Dobrudscha in Briefen hat Moltke in mancher Beziehung noch ergänzt in seinem 1845 erschienenen Werke: ”Der russisch-türkische Feldzug in der europäischen Türkei 1828 und 1829, dargestellt im Jahre 1845 durch Freiherrn von Moltke.”

“Das Land ist eine Wüste, wie man sie in Europa kaum erwarten sollte. Die städtische Bevölkerung mitgezählt, werden auf die Quadratmeile kaum als 300 Einwohner zu rechnen sein. Der Boden besteht aus einer grauen, feinen Sandmasse, in welche alles Wasser einsickert und selbst durch die darunterliegende Kalkschicht durchdringt. Vergebens sucht man in den Tälern nach Bächen und Quellen. Sowohl wegen dieser Wasserarmut als auch wegen der dünnen Bevölkerung ist der Ackerbau äusserst gering. In Konstanza sind nur 40 Häuser bewohnt“ (Traeger 1982, 3).

Durch einen Vortrag, den Hauptmann von Vincke (zitiert nach Trager 1982,3) 1840 in der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin hielt, erfuhr die wissenschaftliche Welt auch zum ersten Male etwas von dem Denkmal und den Ruinen von Adamklisi, die bis dahin trotz ihrer geringen Entfernung von der Donau vollkommen unbekannt geblieben waren. Ebenso enthält er die erste genauere Darstellung der Trajanswälle.

Auch Hauptmann von Mühlbachs Studien hatten ein wichtiges Ergebnis. Er entdeckte und kopierte in Konstanza zwei Inschriften, die den Namen von Tomi enthielten. Dadurch wurde zuerst die Lage der alten griechischen Kolonie sicher bestimmt, die man vorher weiter südlich von Konstanza, bei Techirghiol oder Mangalia gesucht hatte.

Diesen Beschreibungen und Überlegungen aus dem 19. Jahrhundert möchten wir den gegenwärtigen Stand der Dobrudscha und der Stadt Konstanza entgegenhalten. Die Landschaft hat sich nicht verändert, doch sind die Siedlungen, insbesondere die Stadt Konstantza und die Kurorte, zu attraktiven Sehenswürdigkeiten und Urlaubsorte geworden. Was bis vor ungefähr 100 Jahren kaum bekannt war, wird nun von Tausenden von Menschen weltweit besucht.

Bei der Volkszählung vom 7. Januar 1992 wurden die deutschen Einwohnerzahlen wie folgt veröffentlicht: für Kreis Tulcea 135, für Brãila 79, für Ialomiþa 29, für Cãlãraºi 31 und für Konstanza 542 Deutsche.

Ein kurzer geschichtlicher Umriss ist an dieser Stelle angebracht, um die Einwanderung der deutschen Bevölkerung in der Dobrudscha nachzuvollziehen.

2. Zur Kolonisationsgeschichte

2.1. Die Ansiedlungen

Die ersten Niederlassungen waren gewissermaßen wilde Gründungen, über die man in den türkischen Staatsarchiven nach Akten vergeblich suchen würde. Ihre Bewohner waren sich selbst überlassen, nur mühseliger Arbeit und der Sorge um das Nötigste zum Leben hingegeben. Es vergingen viele Jahre, ehe Lehrer und Pfarrer zu ihnen kamen, Gemeindelisten geführt und standesamtliche Aufzeichnungen gemacht wurden. Niemand kümmerte sich um sie oder wusste von ihnen. Sie selbst waren Bauern, ohne aus sich heraus eine höher geschulte Schicht oder auch nur das bescheidenste Schrifttum zu entwickeln. So kommt es, dass hier fast ein halbes Jahrhundert lang keine Chronik entstanden ist. Während die deutschen Siedlungen in Südrussland von Anfang an mit regem Interesse verfolgt wurden, berichtet über die Dobrudscha lange Zeit nicht eine einzige literarische Erscheinung, wenn man von den paar gelegentlichen, von niemand beachteten Bemerkungen der wenigen Reisenden absieht, die in diesen abseits liegenden Winkel kamen und zufällig ein deutsches Dorf sahen. Zum ersten Mal wurde 1883 etwas über das damals schon entwickelte Deutschtum in der Dobrudscha veröffentlicht. Den Anstoß dazu gab der Hilferuf des Pfarrers der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Bukarest, Wilibald Stefan Teuschländer, der dienstlich ein paar Kolonien besuchte und der die bejammernswerte Lage der Kolonisten durch einen Bericht in der “Bukarester Zeitung” bekanntzumachen versucht hatte.

Im Sommer oder Herbst 1841 haben die ersten deutschen Bauern die Dobrudscha betreten. Es scheint nur eine kleinere Anzahl von Familien gewesen zu sein, die aus Beresina, Leipzig und auch aus anderen der Warschauer Kolonien stammten und auf ziemlich geradem Wege nach Mãcin (bei Brãila) gekommen waren. Hier blieben sie den Winter über und ließen sich im folgenden Jahr in dem von Türken bewohnten, etwa 30 km süd-östlich an der Straße nach Babadag gelegenen Dorfe Akpunar nieder. Das dürfte somit die erste deutsche Ansiedlung in der Dobrudscha gewesen sein.

Erwähnenswert ist hier auch das “Reglement der türkischen Regierung betreff der Kolonisten in der Türkei", das u.a. in Artikel 3 folgendes verordnet:

“Wie allen übrigen Untertanen des Reiches ist den Kolonisten die freie Ausübung ihrer Religion ohne irgendeine Beeinträchtigung gestattet. Sie sollen ohne Unterschied in denselben Genuss religiöser Privilegien treten, den alle übrigen Untertanenklassen des Reiches geniessen. Wenn sich in den Ortschaften, die ihnen von der Regierung zur Ansiedlung angwiesen werden, genug Kirchen ihres Ritus befinden, so werden sie in diesen ihre Andacht halten. Diejenigen, welche sich neue Ortschaften gründen, werden nach einem Bittgesuch an die Regierung von derselben die Erlaubnis erhalten, die nötigen Kirchen zu bauen”. (Traeger 1982, 220).

Die deutschen Einwanderer mussten sich schriftlich verpflichten, dieses Reglement anzuerkennen und sich allen darin enthaltenen Bedingungen zu unterwerfen.

Der Grund, der die ersten Kolonisten dazu veranlasste, ihre Siedlungen in Neurussland zu verlassen, ist mit gewissen Bestimmungen verbunden, die schon Katharina II. in ihrem Kolonisationsgesetz vom 19. März 1764 getroffen hatte und die mit einigen Einschränkungen auch für die Kolonisten in Neurussland in Geltung geblieben waren. Die den Kolonistenfamilien angewiesenen Landanteile durften von den Wirten oder ihren Erben nicht verkauft oder verpfändet und nicht geteilt werden. Durch Erbrecht fiel der Wirtschaftshof immer an den jüngsten Sohn. Falls nur die Witwe und Töchter hinterblieben, so erhielt das Recht, den Anteil auf immer zu besitzen, der erste Mann, der durch Heirat in das Haus kam. Alle älteren Söhne eines Kolonisten waren also vom väterlichen Landbesitz ausgeschlossen.

Die kleine deutsche Gemeinschaft im bereits erwähnten Akpunar bekam 1848 stärkeren Zuzug aus Jakobsohnstal, einer deutschen Ansiedlung aus Brãila. Darunter befand sich ein Mann, dem eine gewisse historische Bedeutung für das Dobrudscha – Deutschtum zukommt, der Vater Adam Kühn. Im Hause eines seiner Enkel wurde um das Jahr 1918 eine alte Bibel gefunden, auf deren Deckelseiten und Vorsatzblättern er nach guter alten Sitte und im patriarchalischen Stil die Geburts- und Todesjahre seiner Kinder eingetragen hat. Das gibt wertvolle, zuverlässige Hinweise über seine eigenen Wanderungen und die der mit ihm ziehenden Familien. Bis zum Juni 1842 sind ihm sechs Kinder geboren, bei denen der Ort als selbstverständlich nicht besonders verzeichnet ist. Diese Geburten haben demnach noch in seinem bessarabischen Wohnsitz Tarutino stattgefunden. Die Abwanderung Kühns von dort scheint also erst nach dem Sommer 1842 erfolgt zu sein. Im November 1844 stirbt ihm ein Sohn an der Donau im Dorf “Bordoschan”. Die nächste Eintragung lautet:

“Meine Tochter Wilhelmina ist geboren 18 Oktober am Donnerstag Morgen um 6 Uhr im Zeichen des Skorpion im Jahre 1845 bei Breila im Dorf Jakobsohnstal” ( Zitiert nach Traeger 1982, 41).

Hier hat er nach einer kirchlichen Urkunde noch am 21. Februar 1846 eine Nottaufe vollzogen. Im Herbst dieses Jahres ist er in Akpunar zu finden. Wie er vorher der Anführer seiner Wandergefährten gewesen war, so ist er nun auch hier ihr “Schulze”[1]. Woran in anderen Kolonien in den ersten Jahren kaum gedacht worden ist, dafür sorgt sofort Adam Kühn, für Ordnung und Verwaltung. Er legt ein Dokument an, das sicher die erste von Deutschen in deutscher Sprache handelnde Urkunde in der Dobrudscha ist: “Taufe- und Kirchenbuch über Die-Neugeborene-Kinder welche in der Provens Bulgary im Mertschiner Casa im Dorf Acponar geboren sind. Dorf Acponar den 8 February 1847 (Zitiert nach Traeger 1982, 41).

Über Tulcea sind auch die Gründer der ältesten deutschen Ansiedlungen gekommen, der Kolonie Malcoci (heute Nufãru). Sie liegt 6-7 km weiter nach Osten auf den 50 Meter hohen Kalksteinterassen, die das Sumpfgebiet des St. Georgs-Arms begrenzen, mehrere km von dessen Wasserlauf entfernt.

1843 trafen hier die ersten 20 – 25 deutschen Familien ein. Sie kamen aus den katholischen Kolonien des Gouvernements Cherson aus Josephsthal, Mannheim, Elsass, Landau, Katharinenthal. Diese hatten sie zwei Jahre früher verlassen, weil dort das Land knapp war und nur die Hälfte der Deutschen Eigenes besaß. Ihr Weg hatte sie durch Bessarabien und die Moldau nach Focºani und von dort durch die Walachei bis Cãlãraºi geführt.

In den ersten vier Jahren sind die Bauern in ihrer Einsamkeit sich selbst überlassen geblieben. Am 1. November 1847 ist das erste Kirchenbuch angelegt und zum ersten Mal eine Liste der Einwohner aufgezeichnet worden. Das Buch reicht bis zum Jahr 1861 und ist in lateinischer Sprache geführt .

Nach dem sechsten Jahrzehnt hat so gut wie keine Zuwanderung mehr stattgefunden. Die Kolonie wuchs im Wesentlichen nur durch die natürliche Vermehrung. Seit der ersten Einwohnerliste war die Zahl der Familien etwa um das sechsfache gestiegen, aber kaum ein Dutzend neuer Namen war hinzugekommen. Nach Verlauf von zwei Generationen, im Jahre 1906, verzeichnet das Kirchenbuch 135 Familien und 784 Seelen. Das letzte Kirchensteuerbuch zählte 182 Familien, so dass es im Dorfe vor Kriegsausbruch rund 1000 Deutsche gab.

Die Dorfstraße von Malcoci zeigt nicht das geschlossene Bild mit der gleichmäßigen Anlage der Gehöfte und Häuser, wie sie in den meisten späteren Ansiedlungen anzutreffen sind. Es fehlen die Mauern, die die Hofplätze von der Straße abschließen und ihr die gerade schöne Linie geben. Es fehlt ihr auch die Reihe hoher alter Bäume. Die Zahl der deutschen Gehöfte beträgt 144, ein Teil ist also von mehreren Familien bewohnt. Um die Jahrhundertwende hat die rumänische Regierung auch hier Veteranen aus dem russisch-türkischen Krieg angesiedelt, elf Familien, die ebenso wie drei russische, abgesondert wohnten. Die Häuser hatten zum größten Teil Rohrdächer.

Solange die Türken Herren des Landes waren, hatte die Gemeinde ihre deutsche Schule, wenn sie in ihren Leistungen auch nicht gerade sehr hoch gestanden haben mag. In älterer Zeit unterrichteten Leute aus dem Dorfe selbst, später wurden auch deutsche Lehrer angestellt. Als 1899 der rumänische Unterricht aufgenötigt wurde, trat zunächst eine noch erträgliche Teilung ein: die Schule war vormittags deutsch und nachmittags rumänisch. Seit 1900 gab es nur noch einen rumänischen Lehrer, der Deutsch überhaupt nicht verstand, und die deutschen Kinder wären ohne jeden Unterricht in der Muttersprache aufgewachsen, wenn nicht der Pfarrer im Vorraum der Kirche täglich eine Stunde Deutsch gelehrt hätte.

2.2. Dorfanlage, Hof und Tracht

Die meisten Kolonien bestehen nur aus einer, mitunter sehr langen Straße, wie Cogealac, Cobadin und Tariverde. In einigen, wie Malcoci und Sarighiol, sind dazu Parallelstraßen entstanden, in Caramurat sogar drei auf jeder Seite. Ein Dorfplatz war dabei nicht vorgesehen und auch die Kirche fügte sich in die Reihe der Gehöfte ein. Von dieser Regel wich die Kolonie Cogealac insofern etwas ab, als zwar auch hier die Straßen ganz die typische Form hatten, aber einen weiten Marktplatz einschlossen und so zum Teil rechtwinklig zueinander standen.

Die Breite der Straße betrug in den größeren Dörfern 23-25 Meter. An jeder Seite war ein Gehsteig angelegt. In die Höfe führten zwei Zugänge, ein breiter für die Fuhrwerke und ein schmaler für Menschen, beide häufig sehr schön von starken Säulen eingefasst, von hohen Torbögen überspannt oder mit einem leichten Dach versehen. Auf der Straßenseite war neben der Pforte häufig eine feste, breite Bank aus dem gleichen Material wie die Mauern angebracht, auf der nach Feierabend und sonntags die Bauern ihr Plauderstündchen hielten. Die Breite der Hofplätze, die gleichfalls durch Mauern voneinander getrennt waren, war in den verschiedenen Dörfern verschieden, aber in der Regel nicht innerhalb eines Dorfes. Sie schwankte zwischen 30-35 und 40 Metern, die Tiefe hatte meist 80 Meter. Hinter der Mauer folgte zunächst ein kleiner Vorgarten, dann das der Straße die Giebelseite zukehrende Wohnhaus. Dieses befand sich in allen Höfen auf der gleichen Seite und in gleichem Abstand von der Mauer, so dass sie wie in Reihe und Glied ausgerichtet an der Strasse standen.

Die Form des Hauses und seine Einteilung war im Großen und Ganzen in allen Kolonien die gleiche. Ein sehr langes, schmales Gebäude mit ziemlich spitzem Dach, in dem von der “guten Stube” an der Straße angefangen alle zum Wohnen und zur Wirtschaft nötigen Räume nacheinander folgten. Diese Hausform war und ist auch heute noch in der Dobrudscha typisch für die deutschen Wohnungen, aber an eine altheimatliche deutsche Überlieferung ist auch dabei nicht zu denken. Sie hat sich ebenso wie die ganze Dorfanlage in Russland herausgebildet.

Der Eingang zur Wohnung befindet sich in der Längsseite des Hauses und zwar immer unmittelbar hinter dem ersten, der Straße nächsten Zimmer. Man kommt zuerst in einen kleinen Flur, der auf einen schmalen, als Küche benutzten Hinterraum stößt. Links vom Eingangsflur liegt das Straßenzimmer, die “gute Stube”. Sie enthielt die besten Möbel und Decken, außer Tisch und Stühlen einen Schrank mit Gläsern und Tellern, und hin und wieder konnte man auch noch eine große alte, buntbemalte Truhe mit flachem Deckel finden. Der Fußboden war mit bunten “Lumpenplachten” belegt, helle saubere Vorhänge zierten die Fenster, und die Wände waren reich behängt mit Bildern und Photographien, gerahmten Sprüchen und den mit Bildschmuck versehenen Konfirmationszeugnissen.

In älteren Zeiten war die Hauptbeschäftigung der Frauen das Weben und Spinnen. Ein Ergebnis der Hausweberei spielt auch heute noch in den rumänischen Häusern eine große Rolle: “die Plachten”. Es sind große, sehr bunte, auf beiden Seiten gleiche Decken, die entweder aus reiner selbstgefärbter Wolle oder aus in Streifen gerissenen alten Hemden, Blusen, Schürzen und Strümpfen gewoben wurden. Diese Lumpenplachten benützte man überall in großer Zahl als Bettdecken und Fußbodenbelag. Die wollenen dienten hauptsächlich als Tragtücher für die kleinen Kinder und wurden daher “Kinderplachten” genannt.

Die Frauen- und Mädchenkleidung der Kolonistinnen wies nichts auf, was durch farbigen Reiz oder Schmuck hätte auffallen können. Sie war schlicht und zweckmäßig einfach: ein langer dunkler Rock und eine gleichfalls meist dunkle Bluse. Charakteristisch war nur das von allen in gleicher Weise gebundene eng anliegende Kopftuch mit langem, den Nacken verdeckenden Zipfel. Das fest angekämmte Haar war in der Mitte gescheitelt und am Hinterkopf in einem Knoten vereinigt. In den katholischen Dörfern trugen alle Frauen und Mädchen auf der Brust ein gewöhnlich an einem Samtband hängendes goldenes Kreuzchen. Bei den Männern und Burschen konnte man eher von einer Tracht sprechen, aber es war nicht die altväterliche deutsche sondern die in der Steppe angenommene russische. In den jüngeren Kolonien begann auch diese zu verschwinden, in den älteren nördlichen dagegen wurde an ihr noch allgemein festgehalten. Hier war die hohe schwarze Pelzkappe und bei der Jugend die dunkle breite Mütze mit großem Schirm noch von keinem Hut verdrängt. Die Hose steckte in hohen Stiefeln über dem leichten, roten Hemd mit einer breiten mehrfach umgewickelten Binde befestigt. Die älteren Männer trugen häufig noch ein gesticktes oder gewirktes[2] buntes Halstuch, für das auch die russische Bezeichnung “Scharf” beibehalten war.

2.2.3. Schule und Kirche

Die Schule

Nach der Einwanderung in der Dobrudscha haben die Kolonisten trotz ihrer ärmlichen verlassenen Lage in ihren Niederlassungen bald für eine Schule gesorgt. Freileich darf man dabei mit dem Begriff der Schule keine hohen Vorstellungen verbinden. Die kleinen, von aller Welt abgesonderten Dörfer waren nicht in der Lage größere Aufwendungen dafür zu machen. So war zunächst nicht daran zu denken, berufsmäßige Lehrer anzustellen. Einer der Kolonisten musste das Amt des Schulmeisters übernehmen und füllte es aus so gut er konnte. Ein lockender Posten war es nicht. Laut einer Aufzeichnung des Obersten von Malinowsky erhielt 1863 der Lehrer in Atmagea jährlich von jedem Wirt 2 Maß Getreide und von jedem schulfähigen Kind 3 Piaster; der Lehrer in Ciucurova bekam von jeder Familie ein Maß Weizen und 2 ½ Piaster, so wie von jedem der 14-16 Schulkindern 4 Piaster (zitiert nach Traeger 1982,161). Aber auch die berufsmäßigen Lehrer vermochten trotz besten Willens den Schulbetrieb kaum zu einem befriedigenden zu machen. Dem stand der unregelmäßige, in den meisten Fällen an sich nur auf die Wintermonate vom November bis Ostern beschränkte Besuch ebenso entgegen wie der Mangel an Lehrmitteln. Während des Sommers wurde in den meisten Dörfern nur sonntags unterrichtet. Aber trotz allem: es waren doch deutsche Schulen mit vollständig deutschem Unterricht.

Vom Anfang der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts an wurden nicht überall gleichzeitig den deutschen Kolonien rumänische Staatslehrer aufgedrängt, Atmagea 1884, Cogealac schon früher. Den deutschen Lehrern blieb nur der Unterricht in Deutsch und Religion, und sie wurden auf eine oder zwei Stunden täglich beschränkt. Natürlich wurden von den rumänischen Lehrern auch die deutschen Schulhäuser in Beschlag genommen. Später sind allerdings in den meisten größeren Dörfern eigene rumänische Schulen gebaut worden, alle in dem gleichen Stil. So waren die Gemeinden gezwungen, rumänische Lehrer zu unterhalten. Daneben noch die Kosten für einen deutschen aufzubringen, war manchen der ärmeren Kolonien nicht immer möglich. Aber selbst einige größere haben ihre deutsche Schule dauernd aufgegeben, wie Caramurat seit 1902, oder sie waren zeitweise ohne deutschen Unterricht, wie Cataloi und Culelia.

Damit der Besuch der deutschen Schule nicht vernachlässigt wurde, enthielten die kirchlichen Ordnungen des Kirchspiels Konstanza die Bestimmung, dass ein Kind aus den organisierten Kirchgemeinden nur dann konfirmiert werden durfte, wenn es die deutsche Schule mindestens zwei Jahre regelmäßig besucht hatte, worüber es eine Bescheinigung des Lehrers vorlegen musste. Und nach dem Statut des Kirchspiels Atmagea ist das Fernhalten von der Schule ein Grund zum Ausschluss aus der Gemeinde gewesen. Das bei der erzwungenen Einschränkung und dem Fehlen fast aller Hilfsmittel der deutsche Unterricht nur sehr bescheidene Erfolge erringen konnte, war akzeptierte Tatsache. Die Schulkinder konnten einige Sicherheit im Lesen, die Kenntnis einiger biblischer Geschichten des Katechismus, einiger Sprüche und Kirchenlieder aufweisen.

Höheren Ansprüchen genügte die deutsche Schule in Konstanza. Auch hier war der Anfang ein sehr bescheidener. 1892 begann zuerst der Pfarrer Jancke in dem Zimmer eines Privathauses die deutschen Kindern zum Unterricht zu versammlen. Durch eine Stiftung der Frau Sophie Luther, der Besitzerin einer bekannten lutherischen Brauerei in Bukarest, bekam die evangelische Gemeinde die Mittel zum Bau eines eigenen, geräumigen Schulhauses, das 1901 vollendet wurde. Die unter der Leitung des Pfarrers stehende Schule hatte sich bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges zu einer vierklassigen Volksschule mit aufgebauter einklassiger Mittelschule entwickelt. Für die rumänischen Fächer galt der staatliche Lehrplan, für die deutschen ungefähr der einer deutschen Volksschule. Diese überwogen im Unterricht jedoch derart, dass der Charakter als deutsche Lehranstalt gewahrt war.

Die evangelische Kirche

Die erste zusammenfassende Organisation der evangelischen Gemeinden hatte ihren Mittelpunkt in Atmagea. Sie schloss sich 1858 der preußischen Landeskirche an und erhielt vom Oberkirchenrat in Berlin einen Pfarrer. Ein Statut wurde erst 1907 beschlossen. Zu dem Pfarrbezirk Atmagea gehörten die Kirchengemeinden Atmagea, Ciucurova, Cataloi, Cogealac und Tariverde und die Predigtstation Ortachioi.

1883 wurde die Gemeinde Konstanza-Anadolchioi gegründet, die zuerst von Galatz, später von Atmagea aus kirchlich bedient wurde, bis sie 1892 einen eigenen Pfarrer erhielt. Das Kirchspiel Konstanza umfasste die Gemeinden Cobadin, Cogeala, Fachria, Mamuzlu und Sarighiol und die Predigtstation Alacap, Horoslar, Neue Weingärten und Sofular. Die 1908 angenommenen, für alle Gemeinden gültigen Satzungen unterschieden kirchlich organisierte Ortsgemeinden mit eigenem Bethaus und Predigtstationen, d.h. Orte, an denen sich eine Anzahl deutscher evangelischer Familien befanden, die eine regelmäßige kirchliche Versorgung begehrten und durch die Bereitstellung eines erforderlichen Raumes ermöglichten. Die Verwaltung der gemeinsamen Angelegenheiten erfolgte durch einen Generalvorstand, in den die ländlichen Ortsgemeinden je 2 Vertreter entsendeten. In allen kirchlichen Beziehungen, also in Hinsicht auf Lehre und gottesdienstliche Ordnung und Verfassung, unterstanden die Pfarrbezirke der Leitung und Oberaufsicht des evangelischen Oberkirchenrates in Berlin, dem auch das Recht der Berufung des Pfarrers überlassen war. Kirchen, zum Teil recht stattliche, besaßen außer Konstanza Atmagea, Ciucurova, Cogealac und Cogeala, mehr oder minder geräumige Bethäuser, in der Regel mit einem angebauten oder davorstehenden hölzernen Glockenturm, Cataloi, Cobadin, Sarighiol, Mamuzlu und Fachria. Wo diese fehlten, wurde der Gottesdienst in einer der Wohnungen abgehalten.

Der große Umfang der Pfarrbezirke und die weiten Entfernungen brachten es mit sich, dass der Pfarrer manche Gemeinden nur wenige Male im Jahr besuchen konnte. An seiner Stelle übernahm dann der Lehrer oder ein Bauer die Abhaltung der sonntäglichen Andacht. Nach der Kirchenordnung durfte bei Erkrankung eines noch nicht getauften Kindes der Lehrer oder jeder konfirmierte evangelische Christ auch die Nottaufe vollziehen, die später vom Geistlichen zu bestätigen war.

Die katholische Kirche

Die katholischen Kolonien sind in kirchlicher Beziehung früher und der Zahl ihrer Geistlichen nach auch besser versorgt worden. Tulcea und Malcoci erhielten bereits 1847 einen Pfarrer. Caramurat und Culelia hatten gleichfalls ihren eigenen Geistlichen. Mangeapunar wurde von Konstanza aus mit versorgt. Während der Türkenzeit unterstanden die katholischen Gemeinden dem Bischof von Nikopoli, seit 1883 dem Erzbistum Bukarest, dessen Würde seit Jahren von dem aus Erzingen gebürtigen, auch um die wissenschaftliche Erforschung der Dobrudscha verdienten Benediktiner Raymund Netzhammer bekleidet wurde. Schöne massive Kirchen besaßen Tulcea, Malcoci, Caramurat, Culelia und Mangeapunar, ein kleines sehr bescheidenes Bethaus Techirghiol.

Ähnlich wie die Brüdervereinigungen in den evangelischen Gemeinden gab es auch in den katholischen “Maria-Brüderschaften”, die für sich noch besondere Andachten abhielten.

2.2.4. Sitten und Bräuche

Mit dem Eintritt in die Dobrudscha wurden die deutschen Bauern ungleich mehr allen Kultureinflüssen entrückt, als sie es in Südrussland waren. Hier bildeten sie auf weitem Gebiet eine große Gemeinschaft, die an sich gegenseitige Stärkung, Förderung und Fortschritt verbürgte. Verkehrs- und Handelsstraßen und mehr oder minder bedeutende Plätze städtischer Zivilisation waren ihnen in Russland erreichbar. In der Dobrudscha dagegen waren sie einsame, sich allein überlassene Inselchen, von durchaus fremdartigen Völkerschaften umgeben, die einander ebenfalls fremd und ohne Kulturgemeinschaft waren. Selbst ihr Schulmeister war in den meisten Kolonien lange Zeit hindurch einer der ihrigen, und ihren Pfarrer sahen sie nur wenige Male im Jahr. Mit der alten Heimat war jede Verbindung verloren. Diese bot ihnen in keiner Weise eine fürsorgende Stütze, sie wusste kaum etwas von ihnen. Als dann der rumänische Staat sich der Leitung ihres Schulwesens bemächtigte, wurde ihre Jugend dem Einfluss volksfremder Lehrer ausgeliefert, und sie musste, um etwas lernen zu können, zunächst die fremde Sprache lernen.

Ihre Kultur und Geistesverfassung war ausschließlich bäuerlich geblieben. Was sie sich an formalem Wissen erworben konnten, haben alle aus der gleichen schwachen Quelle geschöpft. Es ist unter ihnen keine gebildete Schicht entstanden, im Gegensatz zu den südrussischen Kolonien, die bald Pfarrer und seminaristisch vorgebildete Lehrer aus ihrer Mitte hervorgebracht hatten. Erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben einige Kolonistensöhne die deutsche Schule in Bukarest besucht, einer, der sich auch als Dichter versucht hat, ist zum Studium der Theologie in die Schweiz gegangen und mehrere junge Mädchen sind zur Erziehung nach Weimar geschickt worden.

Der bestimmende Zug in ihrer Geistesbildung und in ihrem ganzen geistigen Leben war ein starker kirchlicher Sinn und Tiefe, wahrhafte Frömmigkeit, das treu bewahrte Erbe ihrer Großeltern. Aus der Bibel schöpften sie die Nahrung für Geist und Gemüt, ihre Sprachbildung und Spruchweisheit. Die Bibelkenntnis dieser Bauern war ganz außerordentlich. Und es war nicht bloß ein äußerliches Auswendigwissen; mit nie gesättigtem Eifer suchten sie in die Gedanken und Lehren der Schrift einzudringen und sie selbständig zu verarbeiten. In den in allen Dörfern bestehenden kirchlichen Brüderschaften versammelten sich jede Woche Männer und Frauen, zwei oder drei Mal, und erörterten eine aufgeschlagene Bibelstelle, sie abwechselnd in freier Rede erklärend und ihre Bedeutung für die Lebensführung untersuchend.

Auch dass die deutschen Gemeinden keine Wirtshäuser duldeten, war ein Ergebnis dieser Geistesrichtung. In den wenigen Dörfern, wo es eine Schenke gab, wurde sie immer von einem Armenier, Rumänen oder Bulgaren gehalten, denn “ein Deutscher gibt sich dazu nicht her” (Traeger 1982, 171). Ebenso fehlen alle geselligen Vereine, es gibt keine Kegelbahn, keinen Schützenstand, keinen Turnplatz und keinen Skattisch. Als einzigen Verein konnte man einen “Gesangverein” in Atmagea feststellen, der aber auch nur das kirchliche Lied pflegte.

Die sonstige weltliche Literatur war sehr bescheiden. Wie überall im deutschen Bauernhaus spielte da die Hauptrolle der Kalender. Er war in der Regel das einzige profane Buch. Früher wurde noch viel der Odessaer Kalender bezogen, am Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts fand man am meisten verbreitet in Ciucurova, Cogealac, Tariverde, Cogeala, Cobadin usw. den “Wiener Boten”, hier und da auch “Prochaskas Familien-Kalender (Wien)”. Die Katholiken hielten den “St. Maria und St. Josef Kalender zur Förderung christlichen Lebens”, herausgegeben von der St. Josef Bücher-Bruderschaft in Klagenfurt.

Auch die Dobrudscha-Bauern hatten bewahrt, was in Deutschland längst verschwunden war. In den katholischen Dörfern zogen zu Weihnachten weiß gekleidete Mädchen mit dem heiligen Joseph und einem Esel, beide von Knaben dargestellt, von Haus zu Haus und verteilten Geschenke an die Kinder. In ihrer Begleitung befand sich der “Beelzebub”, der jedoch nur zu den schlimmen Kindern kam.

In Caramurat wurde vom Karfreitag früh bis Karsamstag früh an dem Grabe Christi, das unter dem Herz Jesu-Altar der Kirche figürlich dargestellt war, teilweise von den erwachsenen Burschen und einem die Aufsicht führenden Schöffen Wache gehalten. Die Burschen waren mit einer Flinte, der Schöffe mit einem Säbel bewaffnet.

Pfingsten wurde nach alter deutschen Sitte mit Aufstellung eines Maibaums oder einer Flaggenstange gefeiert, um die die Jugend tanzte und Spiele veranstaltete.

Bei der Hochzeit trugen die “Brautmädels” einen Blumenkranz im Haar herabhängend mehrere lange bunte Bänder. Die “Brautjungen” hatten die Blumen und Bänder am Hut befestigt. Zur Hochzeit gehörten ferner die “Aufträger” in weißer Schürze und mit einem weißen Tuch über der Schulter. Der dramatischste Moment der Hochzeitsfeier war es, wenn am Abend vor dem Schlafengehen das “Kränzchen abgetanzt “ und dann die Braut abgebunden wurde. Die Vornahme dieser Zeremonie wurde als der eigentliche Abschied von der Mädchenzeit und von den Eltern empfunden.

Wenn ein Kind Krämpfe bekam, wurde von dem auf der Hochzeit getragenen, seidenen Brustband, das immer aufbewahrt wurde, ein Stück losgerissen und verbrannt und die Asche dem Kind in Wasser eingegeben. Oder das Kind wurde in den Hochzeitsanzug des Vaters oder der Mutter eingewickelt und ruhig hingelegt.

Gegen die Folgen von Erschrecken wurde “verschrecktes Wasser” eingegeben oder eingerieben. Wenn dadurch das Übel nicht behoben wurde, wusste man sicher: “Vom Schreck isch nit” (Traeger 1982, 180).

2.2.5. Das Volkslied

Das Volkslied war in den Dörfern der Dobrudscha wie vorher in den russischen Ansiedlungen die wildwachsende, ungepflegte und ungehütete Feldblume geblieben, die es seinem Ursprung und Wesen nach war. Wie es die Vorfahren dereinst aus den Gegenden der deutschen Heimat mit in die Steppe gebracht haben, so hat es sich fortgepflanzt von Geschlecht zu Geschlecht. Niemand hat seine Melodien verfeinert, keine gedruckte Sammlung seinen Wortlaut in fester Form bewahrt und die Überlieferung vermittelt.

So ist zunächst zweierlei bezeichnend für den Volksliederschatz der Dobrudscha-Bauern: einerseits geht es überwiegend um altes deutsches Volksgut, um wirkliche echte Volkslieder, von denen manche sich schon im 15. und 16. Jahrhundert nachweisen lassen; andererseits ist, von einigen, hie und da in der Dobrudscha selbst entstandenen Liedern abgesehen, der Bestand derselbe geblieben, wie ihn die Einwanderer mitgebracht haben.

Im Gegensatz zu den Deutschen in den Wolga-Kolonien, die neben den alten, aus der Heimat mitgebrachten, auch zahlreiche neuere, durch Lehrer und gedruckte Sammlungen übermittelte Lieder von Goethe, Heine, Uhland, Körner, Hauff, Geibel, Hoffmann von Fallersleben u.a. sangen, sind dem Volk entstammende Lieder den Dobrudscha-Deutschen unbekannt.

Dieser auffallende Stillstand im Bestande des Liederschatzes und seine Bewahrung des alten, echten Charakters findet seine Erklärung einerseits durch die fast vollständige Abgeschlossenheit von der deutschen Heimat, andererseits durch die eigentümliche Stellung, die das Volkslied in den Kolonien der Dobrudscha einnahm. Der strenge pietistische Geist, der von alters her in den Kolonien herrschte, verachtete und bekämpfte diese weltlichen unfrommen Gesänge als “Schelmen- und Gassenlieder”, die sich “nicht für Christen schickten” (zitiert nach Traeger 1982, 185). Sie wurden verbannt aus dem Kreise der Familie, von den geselligen Zusammenkünften der Erwachsenen, sie lebten nur fort, aber frisch und unausrottbar, auf den Gassen auf den Tummelplätzen der Jugend und auf den Spaziergängen der Burschen und Mädchen.

Dem Inhalte nach überwiegten weitaus die Liebeslieder. Liebesglück und mehr noch Liebesweh, Abschied und Trennung, Verlassenheit und Sehnsucht, Preis der Geliebten und Schmerz über den Tod, Untreue, Verführung und Unehre, Liebeserlebnisse werden im Liebeslied gepriesen.

Neben Liebesliedern gab es auch eine geringere Anzahl alter Soldatenlieder. Beliebt waren solche, die die Lasten und Leiden des Soldatenlebens beklagten.

Ferner gehörten zum Bestand des Liederschatzes noch einige Scherzgedichte und Auswandererlieder (s. Anhang). Bezeichnend für die Lebensweise der Kolonisten ist das Fehlen fast aller geselligen Volkslieder, insbesondere das Fehlen jedwelches Trinkliedes.

2.2.6. Schlussbemerkungen

Fast zwei Jahrhunderte lang haben die Dobrudscha-Deutschen von ihrem Vaterland getrennt gelebt. Es war eine vollständige Loslösung ohne rückwärtige Verbindungen; keine Hilfe oder Unterstützung kam aus Deutschland bis in den letzten Jahren, da es schon fast gar keine Deutschen in der Dobrudscha mehr gab. Die wenigen Deutschen, die zur Zeit noch in Konstanza leben, haben größtenteils ihre Sprache, die Sitten oder Bräuche vergessen, konnten den systematischen Romanisierungsbestrebungen insbesondere der letzten Kommunistenjahre nicht standhalten.

Wie weit die ersten deutschen Bauern in so langer Zeit der Vereinsamung und unter solch feindlichen Verhältnissen in ihrer körperlichen und geistigen Erscheinung noch deutsch bleiben konnten, hat “leider” die Gegenwartsgeschichte bewiesen. Laut schon angegebenen Zahlen leben heute in der Dobrudscha nur noch 677 Deutsche. Ihr Bild hat sich durch Abfärbung und fremden Anstrich verändert und ihr Volksbewusstsein abgeschwächt.

 

Literatur:

1.     *** Analele Dobrogei. Serie nouã, Anul III, nr. 1

2.     Rãdulescu, Adrian / Birtoleanu, Ion, Istoria Românilor dintre Dunãre ºi Mare. Dobrogea, Editura ªtiinþificã ºi Enciclopedicã, Bucureºti, 1979.

3.     *** Der Dobrudscha-Bote. Mitteilungsblatt der Landsmannschaft der Dobrudscha- und Bulgariendeutschen. 18. Jahrgang, Nr. 59, Oktober 1994.

4.     Fabritius, Klaus, Die Minderheitenpolitik der rumänischen Regierung nach der Wende, mit besonderer Berücksichtigung Siebenbürgens In: Deutsch Aktuell. Heft 13, Jahrgang 7/1999.

5.     Traeger, Paul. Die Deutschen in der Dobrudscha. Bader Druck GmbH, Göppingen, 1982.


 
 

Anhang:

 

Kleine Dobrudscha-Anthologie

 

 

Wo die Leute von Deutschland sind nach Russland gezogen

 

Lasst uns nur das Frühjahr sehn

Und die schöne Sommerzeit.

Wer will mit nach Russland ziehn,

Der mach’ sich zur Fahrt bereit.

 

Denn der Kaiser hat ausgeschrieben,

Dass er Deutsche haben will,

Grund und soviel mitzuteilen,

Als sie nur besitzen woll’n.

 

Russland ist eine schöne Gegend,

Hier eine rechte Schinderei.

Und da werden wir anlegen

Weinberg’ an dem schönsten Rhein.

 

Nun adje, jetzt wollen wir ziehen,

Jetzund ist es hohe Zeit.

An die Donau wollen wir ziehen,

Denn sie ist von hier nicht weit.

Kommen wir an die russische Grenze,

Kriegen wir Pass und Reisegeld.

Zehn Jahr sind wir frei von Gaben

Und auch frei von Standquartier.

Und da geben wir keine Soldaten,

Wir und unsere Kinder nicht.

 

Russland ist eine schöne Gegend

Für die Schreiber und Advokaten.

Denn die haben viel dabei.

Denn der Sand tut hier nichts kosten,

Denn er liegt ja vor der Tür,

Dürfen sie nur die Fenster öffnen,

Bringt der Wind ihn schon aufs Papier.

 

(aus: Traeger, Paul, Die Deutschen in der Dobrudscha, 1982, S. 19)

 

 

Waldabenteuer

 

Als ich an einem Sommertag

Im grünen Wald im Schatten lag,

Da sehe ich von fernher stehn,

Ein Mädchen, das war wunderschön.

 

Als mich das Mädchen hat erblickt,

Nahm sie die Flucht in den Wald zurück.

Ich eilte hin und auf sie zu

Und rief:”Mein Kind,was fliehest du?”

 

Ach, edler Herr, ich kenn dich nicht

Und fürcht ein Mannsbildangesicht;

Denn meine Mutter sagt zu mir,

Ein Mannsbild sei ein wildes Tier.”

“Ach Kind, glaub deiner Mutter nicht

Und lieb ein schönes Mannsgesicht.

Deine Mutter ist ein altes Weib,

Drum hasst sie uns als junge Leut.”

 

“Ach, edler Herr, wenn dies wahr ist,

Dann glaub ich meiner Mutter nicht.

Dann setz dich nieder an meine Seit

Und setz dich hin ins grüne Gras.”

 

Ich setzt mich nieder an ihre Seit,

Da war sie voller Zärtlichkeit.

Ich drückt sie an mein Herz und Brust,

Da war sie voller Freud und Lust.

 

Da kann man sehn, wie Mädchen sind,

Sie geben sich ja gar geschwind.

Und schickt man sich ein wenig dumm,

So bitten sie schon selber drum.

 

(Aus: ebd., S. 204)

 Auswandererlied

Jetzt ist die Zeit und Stunde da,

Wir reisen nach Amerika.

Der Wagen steht schon vor der Tür,

Mit Weib und Kind marschieren wir.

 

Und alle, die da sind verwandt,

Reicht uns zum letzten mal die Hand,

Ihr Freunde, weinet nicht zu sehr,

Wir sehen uns nun und nimmermehr.

Und als wir auf dem Segel schwamm,

Da stimmen wir ein Loblied an.

Wir fürchten keine Wasserfahrt,

Wir denken: Gott ist überall.

 

Und als wir nach Mazedonien kamen’,

Da heben wir die Hände : hurra!

Und singen laut : Viktoria!

Nun sind wir in Amerika!

 

(Aus: ebd., S. 204)

 

 

Zu ihren Füssen

 

Schönstes Kind, vor deinen Füssen

Lieg ich hier ganz bitterlich,

Wenn ich von dir scheiden müsste,

Wärs die grösste Pein für mich.

 

Wie du redest, wie du lachest,

Mir eine süsse Miene machest,

Stell ich mirs im Traum herfür,

Wie du Schönste schlafst bei mir.

Es ist kein Künstler auf dieser Erden,

Kann keiner auch gefunden werden,

Der dich schöner malen kann,

Als ich dich im Herzen han.

 

Gold und Silber, Meerkorallen,

Reichtum, Schönheit, Edelstein,

Von diesem tut mir nichts gefallen

Als du Schönste nur allein.

 

(Aus: ebd., S. 212)

 


 

 

[1] Gemeindevorsteher

[2] (Textilien)herstellen, durch Verschlingen von Fäden zu Maschen mit speziellen Nadeln, wobei im Unterschied zum Stricken eine ganze Maschenreihe auf einmal gebildet wird.

 

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens (ZGR), Jg. 9, Heft 17-18 / 2000, S.355-365

 

 

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